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„Gut! Du siehst jedenfalls vorher noch den Doctor, es lag mir sehr viel daran, ihn noch zu sprechen, aber ich muß fort und kann nicht erst in’s Dorf hinunter. Du wirst ihm meinen Auftrag mittheilen, Wort für Wort, so wie ich ihn Dir sage, aber nur ihm allein, keinem Anderen, hörst Du?“

„Keinem Anderen!“

Die nächsten Worte schienen Walther unendlich schwer zu werden, er kämpfte erst noch einige Secunden mit sich selber. –

„Wenn es zum Kampfe kommen sollte, er ist der Einzige, der nicht daran theilzunehmen hat, und die Franctireurs hier herum sind aus dem schlimmsten Gesindel zusammengesetzt, dem nichts heilig ist – er soll Miß Forest schützen, so viel in seiner Macht steht.“

„Die amerikanische Miß?“ wiederholte Friedrich langsam.

„Ja!“ Walther zögerte wieder, dann aber brach es auf einmal voll und heiß von seinen Lippen. „Sage ihm, ich fordere es von ihm als eine letzte Freundespflicht. Miß Forest sei mir das Liebste gewesen auf der ganzen weiten Welt! Er soll sie schützen – wenn es sein muß, mit seinem Leben!“

Friedrich stand stumm in vollem Entsetzen da. Das also war die Auflösung jener räthselhaften Feindschaft zwischen seinem Herrn und der amerikanischen Miß! Der Kopf des Burschen begann zu wirbeln, er war völlig unfähig, den Zusammenhang zu begreifen.

„Du wirst das bestellen Wort für Wort?“

„Zu Befehl, Herr Lieutenant!“ antwortete Friedrich mechanisch. Er stand noch immer wie festgewurzelt an seinem Platze und sah zu, wie sein Herr die Pistolen untersuchte und den Mantel umwarf; erst als dieser schon an der Thür war, stürzte er ihm auf einmal nach.

„Herr Professor!“

Walther blieb betroffen stehen und blickte sich um. Friedrich hatte ihn während des ganzen Krieges nicht so genannt, er vergaß nie den militärischen Titel seines Herrn, den mit großer Ostentation zu betonen stets seine höchste Wonne war. Wie kam er jetzt auf einmal mit dieser Erinnerung an B.? Befremdet von dem altgewohnten und doch so lange nicht gehörten Klange blickte Fernow in das Gesicht seines früheren Dieners, es war auffallend blaß, und es lag eine seltsame Ruhe in den sonst ausdruckslosen Zügen.

„Herr Professor,“ es war ein Ton flehender Angst in der Frage. „Müssen Sie denn wirklich ganz allein gehen? Können Sie mich nicht mitnehmen? Durchaus nicht?“

„Nein, ich kann nicht!“ sagte Walther ernst. „Was fällt Dir denn auf einmal ein, Friedrich? Du hast ja Dienst heut’ Nacht, und ich sollte meinen, die Aengstlichkeit hätten wir uns während des Krieges nachgerade abgewöhnt.“

Friedrich athmete schwer auf. „Ich weiß nicht, mir ist aber auch während des ganzen Krieges nicht zu Muthe gewesen, wie gerade jetzt. Vorhin spürte ich noch nichts davon, aber jetzt, wo Sie gehen wollen, überläuft es mich auf einmal eiskalt, Herr Professor!“ brach er plötzlich verzweiflungsvoll aus, „ich sehe Sie ganz gewiß nicht wieder!“

Walther blickte schweigend auf ihn hin. Seltsam! Auch diese robuste urgesunde Natur, die sonst geistigen Einflüssen wenig oder gar nicht zugänglich war, unterlag in diesem Moment einer Ahnung. War es die Liebe zu seinem Herrn, die ihm diesen Instinct gab? Dieser hütete sich wohl, irgend eine Weichheit zu zeigen, er wußte, daß das geringste Zeichen davon den riesenhaften Soldaten vor ihm um alle Fassung bringen und ihn zum schluchzenden Kinde machen würde.

„Du bist nicht gescheidt!“ sagte er halb unwillig und halb mit einem Versuche zu lachen. „Ist es denn das erste Mal, daß ich einer Gefahr entgegengehe? Schäme Dich, Friedrich, ich glaube gar, Du weinst!“

Friedrich antwortete nicht, aber er hielt die hellblauen Augen fest und unverwandt auf das Antlitz seines Herrn gerichtet, er sah mit einer in diesem Augenblick wunderbar geschärften Beobachtungsgabe, daß dessen Blick nicht mit seinen Worten übereinstimmte, er sah den Abschied darin, und fort war auf einmal alle Subordination, all die militärische Gewohnheit, die er monatelang so gewissenhaft beobachtet, er sah nur noch seinen Professor vor sich, den er so oft in all den Krankheiten gepflegt, den er behütet und bewahrt, wie eine Mutter ihr Kind, der ihm Zweck und Inhalt seines ganzen Lebens war. Er schluchzte laut auf, und ein Thränenstrom stürzte aus seinen Augen.

„Herr Professor,“ rief er schmerzlich, „wollte Gott, ich würde statt Ihrer niedergeschossen! Es giebt ein Unglück heut’ Nacht, ich weiß es! Einer von uns fällt gewiß!“

Walther lächelte traurig und sanft, er wußte, wer dieser Eine war, aber die rührende Anhänglichkeit des Burschen erzwang sich in der Abschiedsstunde ihr Recht. Er vergaß jetzt auch alles Andere, nur die langen Nächte der Krankheit nicht, in denen Friedrich an seinem Bette gesessen, mit einer Treue und Hingebung, die sich nicht bezahlen und nicht vergelten ließ, und – in solchem Augenblick fallen wohl auch höhere Schranken und füllt sich eine weitere Kluft aus – der Officier legte einen Moment lang leise seinen Arm um die Schulter des Dieners und drückte warm und innig dessen Hand.

„Gute Nacht, Friedrich!“ sagte er weich. „Was auch kommen mag, für Dich ist gesorgt, Doctor Stephan hat die betreffenden Papiere in Händen. – Und nun“ – er richtete sich schnell empor, „laß mich gehen, ich muß fort!“

Friedrich gehorchte, er ließ zögernd die Hand los, die er mit seinen beiden fest umschlossen hielt, und trat zurück. Walther winkte ihm noch einmal zum Abschiede und verließ dann rasch das Zimmer. Mit gesenktem Haupte schlich der arme Bursche zum Fenster, er sah die in den Mantel gehüllte Gestalt über die vom Monde hell beschienene Terrasse schreiten, er hörte den Schritt sich weiter und weiter entfernen, endlich ganz verhallen, und die bitteren Thränen stürzten ihm auf’s Neue aus den Augen, er fühlte es mit unumstößlicher Gewißheit, er hatte seinen Herrn zum letzten Male gesehen.




„Machen Sie auf, Jane!“ Weisen Sie mich nicht wieder unter irgend einem Vorwande zurück, es handelt sich um eine Angelegenheit von der äußersten Wichtigkeit, ich muß Sie jetzt sprechen!“

Mit diesen Worten klopfte Atkins energisch an Jane’s Zimmer und erzwang sich damit in der That den Eintritt. Der Riegel wurde zurückgeschoben und die Thür geöffnet. Es brannte auch hier Licht, und Jane war noch völlig angekleidet, ein Blick auf das Bett zeigte es noch unberührt, sie hatte wohl nicht an Schlafen gedacht. Sie trat ihm entgegen, mit einer düsteren Frage im Antlitz, die Augen waren wach und geröthet vor innerer Aufregung, aber Spuren vergossener Thränen zeigten sie nicht. Jane kannte nicht das Weinen, den so oft einzigen und unersetzlichen Trost des Weibes, sie hatte es verlernt seit ihren Kinderjahren. Das Schluchzen, mit dem sie einst am Sterbebette ihres Vaters zusammenbrach, mit dem vorhin ihre Kraft erlag, es kam über sie wild und heftig wie ein Krampf, aber thränenlos, ihre starre eiserne Natur kannte nicht einmal dies Zeichen von Weichheit, sie trug Alles, wie sie es den Vater hatte tragen sehen, wie ein Mann.

Atkins ließ ihr keine Zeit, die Frage auszusprechen, die auf ihren Lippen schwebte. „Es gilt eine Gefahr!“ sagte er hastig. „Ich dachte sie hinauszuschieben, abzuwenden, aber sie erweist sich stärker, als ich geglaubt. Meine Macht ist zu Ende, jetzt müssen Sie dazwischentreten.“

„Welche Gefahr?“ fragte Jane ahnend und athemlos. „Wovon reden Sie?“

„Von Alison und Mr. Fernow! Sie sind aneinandergerathen, Henry hat den Deutschen gefordert und dieser ihm die Genugthuung verweigert, weil er sich während des Krieges nicht schlagen kann oder darf. Henry brütet Rache – sie dürfen sich nicht zum zweiten Male treffen!“

Jane war zusammengeschreckt bei der Nachricht, aber sie faßte sich sofort wieder, eine überströmende Bitterkeit klang aus ihrer Stimme.

„Sie haben Recht! Die Beiden dürfen sich nicht zum zweiten Male gegenüberstehen, ein Kampf zwischen ihnen und um mich, das wäre mehr als Mord! Henry ist im Irrthum, es bedarf nur eines einzigen Wortes, ihn aus seiner Täuschung zu reißen, ich wollte es erst morgen thun, jetzt ist kein Augenblick mehr zu verlieren. Rufen Sie ihn sofort zu mir!“

Atkins schüttelte bedenklich den Kopf. „Das ist es eben! Henry ist nirgends zu finden, ich habe bereits das ganze Schloß vergebens nach ihm durchsucht.“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 390. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_390.jpg&oldid=- (Version vom 1.10.2017)