Seite:Die Gartenlaube (1875) 076.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1875)


durch die den Edelhof umgebenden Anlagen, einen Kreis um das ganze Gebäude gemacht; so war er, um die letzte Ecke desselben biegend, an die andere Seite der Veranda, als die, von der er ausgegangen, gekommen und hatte zu seiner größten Ueberraschung dicht vor sich die beiden hadernden Männer gesehen, ihre letzten Wechselreden gehört, hatte einen unaussprechlich widrigen Eindruck von der zu giftigster Wuth entstellten Physiognomie des Mannes, den er zu hassen begann, erhalten, und in heftigster Empörung über die dünkelhafte Ueberhebung dieses Menschen dem ehrlichen und gebildeten Arbeiter gegenüber, war er zwischen sie gesprungen, und während er Rudolph’s Arm niederdrückte, rief er jetzt hochathmend aus:

„Halten Sie ein, Herr Escher! Wenn dieser Mann zu hochmüthig ist, sich mit Ihnen zu schlagen, vielleicht gewährt er mir die Ehre; ich nehme Ihre Sache auf mich. Senden Sie mir Ihre Zeugen, Herr von Maiwand! Ich werde Ihnen, wenn Sie es verlangen sollten, mein Doctordiplom vorlegen. Der Edelmann läßt sich dann vielleicht herab, mich als satisfactionsfähig zu betrachten.“

Maiwand sah ihn mit düstern, haßerfüllten Blicken an. Verächtlich sich wendend, sagte er dann:

„Sie? Wer zum Teufel führt Sie just in diesem Augenblicke her? Ist diese Scene etwa abgekartet? Mir ist’s ganz recht, ein Paar Kugeln mit Ihnen zu wechseln. Ich werde Ihnen meine Zeugen senden. Zweifeln Sie nicht daran! Unterdeß begreifen Sie, daß Sie hier auf Haldenwang bis dahin nichts mehr zu suchen haben. Ich denke, Sie begreifen das.“

Er wandte sich und ging raschen Schrittes durch die offenstehende Fensterthür in den Salon im Innern des Gebäudes.

Rudolph betrachtete unterdessen ein wenig überrascht den ihm so plötzlich gekommenen Bundesgenossen.

„Sie nehmen meinen Streit mit diesem Menschen auf?“ rief er aus. „Sie, Herr Landeck? So hörte ich Sie nennen – ich sah Sie auch früher schon, obwohl ich bis jetzt nicht Gelegenheit hatte, Ihnen näher bekannt zu werden. Ich selbst bin Ihnen aber ja völlig fremd. Sie werden meinen Namen nicht einmal kennen: Rudolph Escher …“

„Ich weiß. Ich sehe Sie freilich zum ersten Male, aber ich habe, indem ich Sie sehe, die Ueberzeugung, daß in diesem Streit mit dem Herrn Maiwand nicht das Unrecht auf Ihrer Seite ist, und der höhnische Dünkel dieses Junkers empörte mich; es war vielleicht thöricht, daß ich mich so hinreißen ließ, ehe ich auch nur die leiseste Ahnung hatte, was eigentlich der Gegenstand Ihres Streites war, aber – was wollen Sie? – das Blut stieg mir eben zu Kopfe, und ich finde eine Genugthuung darin, einen solchen Hochmuth zu züchtigen.“

Rudolph starrte ihn noch immer an, ohne sich recht in die Sache finden zu können, bis Landeck lächelnd fortfuhr:

„Ich habe eben noch nicht lange genug das Studentenblut verschwitzt; auf der Hochschule, wissen Sie, macht man nicht viel Federlesens und ist ‚schnell fertig mit dem Worte‘. Und nun kommen Sie! Sie werden sich heimbegeben wollen, und ich werde mir erlauben, Sie zu begleiten, um mir von Ihnen einige Aufklärungen geben zu lassen, was eigentlich diesen Streit zwischen Ihnen heraufbeschwor.“

„Ich werde allerdings heimgehen, und bin Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich begleiten wollen,“ versetzte Rudolph, von einem der Stühle zur Seite seinen grauen Sommerhut aufnehmend und sich der Treppe zuwendend, die aus der Veranda in die Anlagen hinabführte.

Landeck folgte ihm. Als sie neben einander zwischen den Rasenplätzen der Eichenallee zuschritten, sagte Rudolph, ein paar Mal tief aufathmend:

„Vor Allem verzeihen Sie mir zuerst die Frage – ich bin nicht in der Stimmung, viel Umschweife zu machen –: wie kommen Sie eigentlich hierher, Herr Landeck?“

„Ich bin ein alter Bekannter der Frau von Haldenwang –“

„Von Athen her – ich weiß,“ fiel Rudolph ein, „sie hat es mir, als ich sie das letzte Mal sah, gesagt. Ich meine, wie kommen Sie hierher, just jetzt, grad’ in diesem Augenblick?“

„Frau von Haldenwang hat die Güte gehabt, mir ihr Vertrauen in einer Angelegenheit zu schenken, worin sie einer Ermittelung bedurfte; ich kam, sie ihr zu bringen, fand sie aber nicht.“

„Ah, sie hat Ihnen ihr Vertrauen geschenkt; nun, das überrascht mich nicht, nach der Wärme, womit sie sich über Sie ausdrückte, und so darf ich es am Ende auch. Sie verlangten eben von mir, daß ich Ihnen den eigentlichen Grund meines Streites mit Herrn von Maiwand mittheile; wahrhaftig, es ist das eigentlich ein sehr naives Verlangen – es heißt so viel, als Ihnen den ganzen Inhalt meiner Seele ausschütten zu sollen …“

„Was ich nicht ahnen konnte,“ unterbrach ihn Landeck, „ich bitte also um Verzeihung wegen meiner Indiscretion.“

„Nein, nein, das sollen Sie nicht. Ich habe oft genug im Stillen darüber gegrübelt, wie ich doch nur einen theilnehmenden Freund, einen Beistand in meiner schweren Aufgabe fände, mit meiner einfach ehrlichen und grade durchgehenden Natur einen durchtriebenen Intriganten zu fassen und zu überwinden; ich fühlte mich so hülflos, so waffenlos ihm gegenüber; nun stehen Sie mitten im vollen Ausbruch meines Krieges wider ihn so plötzlich als mein Beistand an meiner Seite – wie sollte ich Ihnen nicht vertrauen? Ich kenne Sie durch meine Cousine Malwine, die so große Dinge auf Sie hält, also will ich Ihnen erzählen, was mich zwang, diesem Maiwand so gegenüber zu treten. Sie sollen Alles hören. Alles.“

„Sie können überzeugt sein, daß ich Ihr Vertrauen zu ehren wissen werde.“

„Wenn ich das nicht glaubte, würde ich Ihnen nicht Dinge sagen, die ich noch Niemandem auf Erden gesagt habe. Also hören Sie! Aber wahrhaftig, ich bin zu erregt, um so im raschen Gehen zusammenhängend erzählen zu können. Dort links unter der Eichengruppe steht eine Bank. Setzen wir uns dort!“

(Fortsetzung folgt.)




Ein deutsches Polizeiblatt und dessen Ausbeute.
Von Fr. Helbig.
(Schluß.)


Es giebt fast keine Leidenschaft, keine Neigung und Schwäche der menschlichen Natur, mit welcher die Gauner nicht geschickt operiren. Sie sind ausstudirte Psychologen und spielen mit der Seele des Menschen Fangball. Es ist bei Weitem nicht blos die Dummheit, auf welche sie speculiren. Ihre Speculation richtet sich weit mehr auf die Gutmüthigkeit, das Mitleid, den Optimismus der Menschheit.

In Wien hatte sich vor einigen Jahren ein förmliches Consortium von Bettelbrieffabrikanten gebildet, durchgehend aus conditionslosen Handlungscommis bestehend. Sie sandten ihre geschriebenen Appellationen an das Mitleid an fast alle europäischen Höfe, an Prinzen, Prinzessinnen, höchste Rangpersonen. In geschickter Arbeitstheilung übernahmen die Einen die Schilderung der verschiedenen Nothstände; die Anderen fertigten falsche obrigkeitliche Zeugnisse dazu an; Dritte fälschten die Siegel. In Folge der Anfragen mehrerer Hofkanzleien machte die Wiener Polizei Jagd auf die saubere Gesellschaft, entdeckte sie und ließ ihr den Proceß machen.

Hierher gehören auch die „Nachrichtsbringer“, die sich erst über Familienverbindungen unterrichten, um dann von Verwandten Grüße und Mittheilungen zu bringen, und dadurch sich Credit schaffen, sowie die falschen Invaliden und Schlachtengauner, die während und unmittelbar nach den Kriegen auftauchen und auf den Barmherzigkeitstrieb speculiren.

In ähnlicher Weise haben Gauner mit dem politischen Märthyrerthume vielfachen Mißbrauch mit großen pecuniären Erfolgen getrieben. Die polnischen Flüchtlinge, die ungarischen Emigranten, die Achtundvierziger Verfolgten haben ihnen oft

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1875). Leipzig: Ernst Keil, 1875, Seite 76. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1875)_076.jpg&oldid=3423945 (Version vom 27.8.2018)