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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1876)

Bezug auf Polen ist unsere Bestimmung, das Land im Verein mit Russland zu pacificiren; das haben wir deutlich genug kundgegeben.“

„Russland und Preußen,“ sagte der Graf nach einer kurzen Bemerkung von meiner Seite, „sind auf das freundschaftlichste Verhältniß zu einander angewiesen. Beide Reiche sind rein defensiver Natur und müssen sich gegenseitig stützen. Zur Zeit des Krimkrieges hatte Oesterreich mit Preußen die Abmachung getroffen, letzteres solle beim Eintritt bestimmter Eventualitäten eine Armee an der russischen Grenze aufstellen. Oesterreich glaubte eines schönen Tages, der vorgesehene Moment sei gekommen, und verlangte von Preußen die stipulirte Aufstellung eines Heeres an Russlands Grenze. Friedrich Wilhelm der Vierte, unser damaliger Herr, berief mich aus Frankfurt a. M., wo ich zur Zeit Bundestagsgesandter war, und wollte meine Ansicht in der Sache hören. ‚Stellen Sie eine Armee auf,‘ sagte ich, ‚aber nicht an der polnischen Grenze, sondern in Oppeln, dann können Sie Europa den Frieden dictiren.‘ Aber Friedrich Wilhelm der Vierte hatte für dergleichen energische Schritte ein zu zart besaitetes Nervensystem und meinte, wir hätten zum Demonstriren nicht Geld genug. Man kannte eben damals noch nicht die Kraft unserer Armee.“

„Ich habe es dem Fürsten Gortschakow gesagt: Ihr Wohlwollen für Preußen haben Sie billig; Sie sind darauf angewiesen, mit diesem Nachbar Freundschaft zu halten. Preußen ist das Tampon zwischen Frankreich und Russland, und wenn Sie ein Bündniß mit Frankreich in Aussicht stellen, so kann sich Preußen nur darüber freuen. Eine solche Allianz wäre die sicherste Gewähr, daß Sie uns Frankreich vom Leibe halten, denn uns können und dürfen Sie nichts thun.“

„Ja,“ setzte der Graf lächelnd hinzu, „die Politik ist die Lehre vom Möglichen.“

Das Gespräch wendete sich wieder zu den Agitationen der enragirten, russisch-nationalen Partei, der Katkow und Genossen, und der Graf meinte, dieses Treiben habe so wenig reelle Basis und sei eine solche Thorheit, daß es sich nothwendig im Sande verlaufen müsse. Er gab mir den Rath, jene Angriffe nicht immer ernst zu nehmen und mir dann und wann auch einmal über den Kopf schießen zu lassen, ohne mir viel daraus zu machen.

„Es wäre eine große Thorheit von Russland,“ sagte Graf Bismarck, „wenn es die Ostseeprovinzen entnationalisiren und russificiren wollte. Es würde sich dadurch des Stammes ehrlicher Staatsdiener berauben, den es von dort bezieht. Ist es doch eine allgemein anerkannte Wahrheit, daß der zum Russen gewordene Deutsche viel ärger ist, als der Russe selbst. Der Russe stiehlt, um einem augenblicklichen Bedürfnisse abzuhelfen, wenn aber der Deutsche stiehlt, so denkt er dabei an die Zukunft und sorgt für Frau und Kinder. Da kommt die énergie teutonique hinzu, wie mir ein geistreicher Russe einst sagte.“

Ich erwartete, daß der Bundeskanzler mich in üblicher Weise entlassen werde. Da er aber nicht die geringsten Anstalten dazu machte, hielt ich es für meine Pflicht, seine Zeit nicht länger in Anspruch zu nehmen und aufzubrechen. Zum Abschiede reichte er mir mit herzlichem Gruße beide Hände, wünschte mir glückliche Reise und entließ mich mit den Worten:

„Nun, werden Sie nicht müde und kämpfen Sie wacker, vergessen Sie aber auch nicht, daß Vorsicht der beste Gefährte der Tapferkeit ist!“

Graf Bismarck machte auf mich einen ungleich angenehmeren Eindruck, als alle Bilder, die ich bis dahin von ihm gesehen. Seine große, imposante Gestalt war damals noch schlank, seine Züge schön und ausdrucksvoll. Die Stimme, wie der Ausdruck seiner Mienen, hatte während der Unterhaltung etwas ungemein Mildes. Sein schalkhaftes Lächeln war überaus gewinnend.



Aus der guten alten Zeit.
Der tolle Markgraf von Ansbach.

Im Grunde sind die Hohenzollern keine Jagdfamilie, wie die Habsburger, die Bourbons, die Anhaltiner. Die fränkische Linie jedoch des Hauses Hohenzollern lag, in Ermangelung weiterer auf höhere Ziele gehender Beschäftigung, dem Waidwerke so eifrig ob, daß der Markgraf Karl Wilhelm Friedrich, wie man damals im Ansbacher Lande sich sagte, selbst ein halber Hirsch geworden war.

Sobald die Dunkelheit einbrach, hörte man überall auf der Flur weithin das laute Geschrei von Menschen. Sie geberdeten sich in ihrem Eifer, ihre Stimmen möglichst laut ertönen zu lassen, wie die besessenen Derwische. Eigenthümlich! Und das ging durch ganze Markungen. Die Lösung des Räthsels war folgende. Der Wildstand, namentlich an Hochwild, war im markgräflich ansbachischen Gebiete außerordentlich groß. Den Wildstand zu pflegen ließen sich die Nimrode von Ansbach weit mehr angelegen sein, als dem armen Bauer, der im Schweiße seines Angesichts das Brod baute und die Steuern zahlte, die Saat, die Hoffnung seiner Arbeit zu schützen. Das Wild brach beim Einbruche der Dunkelheit aus den Forsten und fraß die junge Saat ab; das einzige Mittel dagegen war das Abschrecken durch laute Rufe. Durch die ganze Nacht mußten dieselben unterhalten werden, wenn nicht die Eigenthümer des Bodens ihre Ernte auf’s Spiel setzen wollten, im Sommer wie im Winter. Kein Gewehr, kein Knittel, kein Hund durfte dazu verwendet werden – das war bei Zuchthausstrafe verboten.

Solche Zustände existirten noch zu einer Zeit, wo die große auf die Befreiung des Individuums hinzielende geistige Bewegung in vollster Blüthe stand und schon Früchte zu treiben begann. Als das Land an Preußen überging, wurde dieser Barbarei ein Ende gemacht. Eine der ersten Regierungsmaßregeln Hardenberg’s war, daß er das Hochwild bis auf einen gewissen Bestand abschießen ließ. Die ärgsten Mißstände in dieser Beziehung existirten unter dem vorletzten Markgrafen, dem bereits genannten Karl Wilhelm Friedrich, der im Lande und bei seinen Zeitgenossen nur „der tolle Markgraf“ genannt wurde.

Er war im Jahre 1712 geboren und durch seine Gemahlin Friederike Louise ein Schwager Friedrichs des Großen. Nachhaltigen Einfluß scheint die doppelte Verwandtschaft eben nicht auf ihn gehabt zu haben. Die beiden Schwäger standen auch in keinem besonders freundlichen Einvernehmen zu einander. Der Markgraf behandelte die Schwester des Königs in der unwürdigsten Weise. Als etwas ganz Außerordentliches ereignete es sich, wenn der fürstliche Gemahl zur Feier eines Geburtstagsfestes mit der Gemahlin einmal ein paar Tage zusammen war, und dann befand er sich von früh Morgens bis zum späten Abend auf der Jagd.

Vor seinem Schwager, dem Könige von Preußen, scheint er keinen sehr großen Respect gehabt zu haben. Der König war ja doch kein Jäger: dieser hatte auch nur kriegerische Trophäen aufzuweisen; er spürte nur dem geistigen Wilde vergangener und gegenwärtiger Zeit nach. Was war das gegen die Trophäen, wie er sie im Schloßhofe von Ansbach aufzuweisen hatte, in den Geweihen von jagdbaren Hirschen, in den angeschlagenen Eber-, Wolfs- und Bärenköpfen, diesen Trophäen seines wilden Geistes! Das war doch etwas ganz Anderes. Das ganze Land war sein Jagdrevier, sein Jagdpersonal fast ebenso groß, wie seine Armee. Die Falknerei allein bestand aus einem Personale von nahe an fünfzig Personen. Es ist anzunehmen, daß er in Ermangelung des Wildes seine Untertanen abgeschossen hätte und selbst seine Kammerherren nicht geschont haben würde, deren er über hundert hatte.

Mit seinen Nachbarn, den regierenden Herren von Nürnberg, stand er stets auf Kriegsfuß. Er besaß einen Affen, der die Tracht eines Nürnberger Rathsherrn trug, und nicht selten wurden die Bewohner Nürnbergs durch Büchsenknallen aus ihrem Schlafe aufgeschreckt. Das war das Zeichen, daß der Markgraf da war und unter den Mauern von Nürnberg, bis wohin sein Gebiet sich erstreckte, Jagd abhielt. Die Hasen wurden in Säcken herbeigeschafft, um so durch diesen Rebus den Nürnbergern ihren Spitznamen „Sandhasen“ recht eindringlich zu machen.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1876). Leipzig: Ernst Keil, 1876, Seite 858. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1876)_858.jpg&oldid=2971876 (Version vom 7.1.2017)