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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1884)

gewiß glauben können, einen von den sieben Weisen Griechenlands zu erblicken. Aber bey näherer Bekanntschaft merkte man wohl, daß er weder ein Thales noch ein Lampsakus[1] war, der über kosmogonische Probleme nachgrüble. Jene Gravität war zwar nicht erborgt, aber sie erinnerte doch an jene antiken Basreliefs, wo ein heiteres Kind sich eine große tragische Maske vor das Antlitz hält.

Er war wirklich ein großes Kind mit einer kindlichen Naivität, die bey platten Verstandsvirtuosen sehr leicht für Einfalt gelten konnte, aber manchmal durch irgend einen tiefsinnigen Ausspruch das bedeutendste Anschauungsvermögen verrieth.

Er witterte mit seinen geistigen Fühlhörnern, was die Klugen erst langsam durch die Reflekzion begriffen. Er dachte weniger mit dem Kopfe als mit dem Herzen und hatte das liebenswürdigste Herz, das man sich denken kann. Das Lächeln, das manchmal um seine Lippen spielte und mit der oberwähnten Gravität gar drollig anmuthig kontrastirte, war der süße Wiederschein seiner Seelengüte.

Auch seine Stimme, obgleich männlich klangvoll, hatte etwas Kindliches, ich möchte fast sagen etwas, das an Waldtöne, etwa an Rothkehlchenlaute erinnerte; wenn er sprach, so drang seine Stimme so direkt zum Herzen, als habe sie gar nicht nöthig gehabt den Weg durch die Ohren zu nehmen.

Er redete den Dialekt Hannovers, wo, wie auch in der südlichen Nachbarschaft dieser Stadt, das Deutsche am besten ausgesprochen wird. Das war ein großer Vortheil für mich, daß solchermaßen schon in der Kindheit durch meinen Vater mein Ohr an eine gute Aussprache des Deutschen gewöhnt wurde, während in unserer Stadt selbst jenes fatale Kauderwelsch des Niederrheins gesprochen wird, das zu Düsseldorf noch einigermaßen erträglich, aber in dem nachbarlichen Köln wahrhaft ekelhaft wird. Köln ist das Toskana einer klassisch schlechten Aussprache des Deutschen und Kobes klügelt mit Marizzebill[2] in einer Mundart die wie faule Eyer klingt, fast riecht.

In der Sprache der Düsseldorfer merkt man schon einen Uebergang in das Froschgequäke der holländischen Sümpfe. Ich will der holländischen Sprache bei Leibe nicht ihre eigenthümlichen Schönheiten absprechen, nur gestehe ich, daß ich kein Ohr dafür habe. Es mag sogar wahr seyn daß unsre eigne deutsche Sprache, wie patriotische Linguisten in den Niederlanden behauptet haben, nur ein verdorbenes Holländisch sey. Es ist möglich.

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Facsimilie eines Blattes aus dem Manuscript von Heinrich Heine’s Memoiren.

Dieses[3] erinnert mich an die Behauptung eines kosmopolitischen Zoologen, welcher den Affen für den Ahnherrn des Menschengeschlechts erklärt; die Menschen sind nach seiner Meinung nur ausgebildete, ja überbildete Affen. Wenn die Affen sprechen könnten, sie würden wahrscheinlich behaupten daß die Menschen nur ausgeartete Affen seyen, daß die Menschheit ein verdorbenes Affenthum, wie nach der Meinung der Holländer die deutsche Sprache ein verdorbenes Holländisch ist.[4]

Ich sage wenn die Affen sprechen könnten, obgleich ich von solchem Unvermögen des Sprechens nicht überzeugt bin. Die Neger am Senegal versichern steif und fest, die Affen seyen Menschen ganz wie wir, jedoch klüger, indem sie sich des Sprechens enthalten, um nicht als Menschen anerkannt und zum Arbeiten gezwungen zu werden; ihre scurrile Affenspäße seien lauter Pfiffigkeit wodurch sie bei den Machthabern der Erde für untauglich erscheinen möchten wie wir andre ausgebeutet zu werden.††

Solche Entäußerung aller Eitelkeit würde mir von diesen Menschen, die ein stummes Incognito beibehalten und sich vielleicht über unsere Einfalt lustig machen, eine sehr hohe Idee einflößen. Sie bleiben frey in ihren Wäldern, dem Naturzustand nie entsagend. Sie könnten wahrlich mit Recht behaupten, daß der Mensch ein ausgearteter Affe sei.

Vielleicht haben unsere Vorfahren im achtzehnten Jahrhundert dergleichen schon geahnt, und indem sie instinktmäßig fühlten, wie unsre glatte Ueberzivilisazion nur eine gefirnißte Fäulniß ist, und wie es nöthig sey, zur Natur zurückzukehren, suchten sie sich unserem Urtypus, dem natürlichen Affenthume, wieder zu nähren, sie thaten das Mögliche, und als ihnen endlich um ganz Affe zu sein nur noch der Schwanz fehlte, ersetzten sie diesen Mangel durch den Zopf. So ist die Zopfmode ein bedeutsames Symptom eines ernsten Bedürfnisses und nicht ein Spiel der Frivolität – – doch ich versuche vergebens durch das Schellen meiner Kappe die Wehmuth zu überklingeln, die mich jedesmal ergreift, wenn ich an meinen verstorbenen Vater denke.

Er war von allen Menschen derjenige, den ich am meisten auf dieser Erde geliebt. Er ist jetzt todt seit länger als 25 Jahren.[5] Ich dachte nie daran, daß ich ihn einst verlieren würde, und selbst jetzt kann ich es kaum glauben daß ich ihn wirklich verloren habe. Es ist so schwer, sich von dem Tod der Menschen zu überzeugen, die wir so innig liebten. Aber sie sind auch nicht todt, sie leben fort in uns und wohnen in unserer Seele.

Es verging seitdem keine Nacht, wo ich nicht an meinen seligen Vater denken mußte, und wenn ich des Morgens erwache, glaube ich oft noch den Klang seiner Stimme zu hören, wie das Echo eines Traumes. Alsdann ist mir zu Sinn, als müßt ich mich geschwind ankleiden und zu meinem Vater hinabeilen in die große Stube, wie ich als Knabe that.

Mein Vater pflegte immer sehr frühe aufzustehen und sich an seine Geschäfte zu begeben, im Winter wie im Sommer, und ich fand ihn gewöhnlich schon am Schreibtisch, wo er ohne aufzublicken mir die Hand hinreichte zum Kusse.

Eine schöne, feingeschnittene, vornehme Hand, die er immer mit Mandelkley wusch. Ich sehe sie noch vor mir, ich sehe noch jedes blaue Aederchen das diese blendend weiße Marmorhand durchrieselte. Mir ist als steige der Mandelduft prickelnd in meine Nase, und das Auge wird feucht.

Zuweilen blieb es nicht beym bloßen Handkuß, und mein Vater nahm mich zwischen seine Knie und küßte mich auf die Stirn.

Eines Morgens umarmte er mich mit ganz ungewöhnlicher Zärtlichkeit und sagte: „Ich habe diese Nacht etwas Schönes von Dir geträumt und bin sehr zufrieden mit Dir, mein lieber Harry.“ Während er diese naiven Worte sprach, zog ein Lächeln um seine Lippen, welches zu sagen schien: mag der Harry sich noch so unartig in der Wirklichkeit aufführen, ich werde dennoch, um ihn ungetrübt zu lieben, immer etwas Schönes von ihm träumen.


(Fortsetzung folgt.)
  1. Offenbar eine Verwechselung mit dem weisen Pittakus; ob eine absichtliche oder eine unabsichtliche, bleibe unentschieden.
  2. Figuren des Kölner Carnevals. – Heine nennt „Kobes“ auch spöttisch seinen Widersacher Jacob Venedey.
  3. Von hier ab bis †† [„ausgebeutet zu werden.“] vergl. das Facsimileblatt in Nr. 7 der „Gartenlaube“.
  4. Die Memoiren enthalten vielfach die Verarbeitung von gelegentlichen Aussprüchen oder Notizblättchen Heine’s. So findet sich unter den im dreizehnten Bande seiner gesammelten Werte als „Gedanken und Einfälle“ bezeichneten Zetteln auch einer, der den Inhalt obiger Stelle kurz andeutet: „Die Affen sehen auf die Menschen herab,[WS 1] wie auf eine Entartung ihrer Rasse, sowie die Holländer das Deutsche für verdorbenes Holländisch erklären.“ – Die Zahl solcher Parallelstellen ließe sich in’s Unendliche vermehren, doch ist hierzu in diesen Blättern nicht der Ort.
  5. Da Heine’s Vater am 2. December 1828 gestorben, so ergiebt sich auch aus der obigen Zeitbestimmung das Jahr 1854 ungefähr als das des Beginns der Memoirenabfassung.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: herb
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1884). Leipzig: Ernst Keil, 1884, Seite 196. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1884)_196.jpg&oldid=3287147 (Version vom 31.7.2018)