ADB:Adler, Nathan Marcus

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Artikel „Adler, Nathan Marcus“ von Adolf Brüll in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 704–705, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Adler,_Nathan_Marcus&oldid=1979478 (Version vom 19. Dezember 2014, 18:10 Uhr UTC)
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Adler: Nathan Marcus A., geboren am 15. Januar 1803 in Hannover, † am 21. Januar 1890 in London. Er genoß die erste Ausbildung in seiner Vaterstadt und wurde von seinem Vater Marcus Baer A., Landrabbiner in Hannover, der im Verein mit seinen zwei Söhnen, Gabriel, Rabbiner in Mühringen und Oberdorf († 1859) und mit R. Bär A., Kaufmann in Frankfurt a. M. († 1867) talmudische Novellen und Discussionen unter dem Titel: „Kanfe Jescharim“ herausgab, in die rabbinische Litteratur eingeführt. A. besuchte die Universitäten Göttingen, Erlangen, Heidelberg und Würzburg, woselbst [705] er auch jüdisch-theologischen Studien oblag. Im März 1828 wurde er von dem Rabbiner Abraham Bing in Würzburg zum Rabbiner approbirt und folgte 1829 einem Rufe als Landrabbiner nach Oldenburg, bei dessen Großherzoge er in hohem Ansehen stand (vgl. Antrittsrede, gehalten in der Synagoge zu Oldenburg am 6. Juni 1829, abgedruckt in „Sulamith“ VIII, 103–120). 1831 schied er aus dem Amte in Oldenburg (Abschiedsrede, gehalten in der Synagoge zu Oldenburg 1831), um als Nachfolger seines Vaters die Landrabbinerstelle in Hannover anzutreten. A. war trotz seiner streng conservativen Richtung mit einer der ersten, der die deutsche Predigt und Choralgesang im Gottesdienste einführte und obzwar, von unbegrenzter Begeisterung für das traditionelle Judenthum erfüllt, war er doch weit entfernt davon, den Ausgangs- und Endpunkt des Judenthums in dessen Ceremonien zu sehen und hegte den felsenfesten Glauben an die geistige Durchdringung des Judenthums. Nachdem er noch in Hannover die erste Anregung zur Errichtung der „Bildungsanstalt für jüdische Lehrer“ gegeben, folgte er einem ehrenvollen Rufe als Oberrabbiner nach London und wurde im Juli 1845 mit großem Pomp und unter den günstigsten Auspicien installirt (vgl. Abschiedspredigt, gehalten am 28. Juni 1845 in der Synagoge zu Hannover und Installation-Sermon, London 1845). A. bemühte sich 1851 eifrig um die Einrichtung eines Seminars für Lehrer und Cultusbeamte und sein Werk ist die Gründung des „Jews’ College“ (1855). Seiner regen Mitwirkung ist die Entstehung der „United Synagogue“ zu verdanken (1860), wodurch alle Synagogen in London unter einer Verwaltung vereinigt wurden. A., der Montag und Donnerstag dem „Beth Dìu“ präsidirte, hielt zahlreich besuchte Vorträge über den Talmud und wurde von nah und ferne um sein Gutachten in religiösen Streitfragen angegangen, die in England wie im Auslande hoch geschätzt waren. Von seinen Predigten, von welchen einige erschienen sind („The Jewish Faithe“, London 1849, „The present war“ London 1884), sagt ein Kritiker mit Recht, sie waren „erfüllt von dem Feuer des Geistes, der die alten Propheten beseelt haben muß“. A. veröffentlichte 1874 einen hebräischen Commentar zum Targum Onkelos unter dem Titel: „Nethina lager“, ein gelehrtes Buch, das sich gleich bei seinem Erscheinen die weiteste Verbreitung und Anerkennung erwarb und zu wiederholten Malen in Ausgaben des Pentateuch abgedruckt wurde (Wilna 1885). Die Herausgabe eines Seitenstückes zu dieser Schrift beschäftigte ihn bis in seine letzten Lebenstage, dessen Vollendung ihm jedoch nicht beschieden war. 1880 unterzog A. auf Veranlassung von einflußreicher Seite das Ritual einer Revision und führte neben einigen unwesentlichen Aenderungen auch einzelne Neuerungen ein, von der Ansicht ausgehend es sei richtiger, in Kleinigkeiten einen Compromiß zuzugestehen, als die Gefahr einer Spaltung in wichtigen Dingen heraufzubeschwören. 1880 wurde A. wegen seines vorgerückten Alters sein gelehrter Sohn Dr. Hermann A. beigeordnet, der als Nachfolger seines Vaters jetzt im Amte ist. Zum letzten Male trat A., der 1880 seinen Wohnsitz nach Brighton verlegt hatte, in die Oeffentlichkeit anläßlich der 100. Geburtstagsfeier des Sir Moses Montefiore, bei welcher Gelegenheit er den Festgottesdienst in der Synagoge zu Brighton leitete und das eigens von ihm zu diesem Zwecke verfaßte Gebet vortrug. Adler’s Wirken umfaßte die Epoche aufsteigender Entwicklung einer großen Gemeinschaft und neben seiner Gelehrsamkeit war er „wegen seiner Frömmigkeit, seiner Offenheit, verbunden mit feinem Tactgefühl und einer nie fehlenden Höflichkeit“ in weiten jüdischen und nicht jüdischen Kreisen geliebt und verehrt.

Quellen: Seine Schriften und Mittheilungen von Dr. Hermann Adler.
Adolf Brüll.