ADB:Hölderlin, Friedrich

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Artikel „Hölderlin, Friedrich“ von Adolf Wohlwill in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 728–734, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:H%C3%B6lderlin,_Friedrich&oldid=966758 (Version vom 9. Februar 2010, 23:48 Uhr UTC)
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PND-Nummer 118551981
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Hölderlin: Johann Christian Friedrich H. wurde am 20. März 1770 in dem württembergischen Städtchen Lauffen am Neckar geboren. Bereits im J. 1773 verlor er seinen Vater, den klosterhofmeister Heinrich Friedrich H., und die Erziehung des Knaben war zunächst dem Einfluß der Mutter und Großmutter überlassen. Nachdem er die Lateinschule zu Nürtingen absolvirt und das Landexamen bestanden hatte, besuchte er von 1784–88 die Klosterschulen von Denkendorf und Maulbronn, um für das theologische Studium vorgebildet zu werden. Schon in dieser Periode äußerte sich seine poetische Befähigung, welche durch die Dichter des Alterthums, sowie andererseits durch Klopstock und den Macpherson’schen Ossian angeregt wurde.

Im Herbst 1788 bezog H. das theologische Stift zu Tübingen. Obwol bereits in frühen Jahren der Einsamkeit nachhängend und zu grübelnder Melancholie geneigt, gewann der durch Schönheit, Bildung und edle Sinnesart ausgezeichnete Jüngling hier bald einen Kreis von vortrefflichen Freunden, unter denen Neusser und Magenau seine Liebe zur Dichtung theilten, Hegel und später der 1790 ins Stift gekommene Schelling mit ihm durch gleiche philosophische Bestrebungen verbunden waren. Schon damals wurde H. durch die harmonievollen Schöpfungen des griechischen Geistes mächtig ergriffen; und doch erscheint er in mancher Hinsicht wie ein Nachzügler der Sturm- und Drangperiode, deren Losungsworte „:liatur“ und „Freiheit“ nicht nur seine Jugendpoesien, sondern in gewissem Sinne die Zielpunkte aller seiner Dichtungen bezeichnen.

Die schwärmerische Liebe zur Natur, welche H. seit den träumerischen Tagen seiner Kindheit eigenthümlich gewesen, war durch die Entbehrungen, welche ihm die Disciplin jener klösterlicht–n Bildungsanstalten auferlegte, sowie durch den verwandten Zug der unter Rousseaus Einfluß stehenden zeitgenössischen Litteratur verstärkt worden. Tsie poetische Neigung, in der Natur nicht nur den Widerhall des eigenen Gemüthslebencz zu vernehmen, sondern mit Berg und Wald, mit Wolken und Gestirnen, wie mit beseelten Wesen zu verkehren, verband sich mit dem Studium antiker Philosophen, Spinoza’s und wahrscheinlich auch der philosophischen Briefe Schiller’s, um jenen Pantheismus zu erzeugen, welchen Rosenkranz treffend als die dichterische Bevorwortung Schelling’s und Hegel’s bezeichnet hat.

Auch an Hölderlins Freiheitsbegeisterung hat die Beschäftigung mit dem classischen Alterthum erheblichen 9lntheil; doch vermögen wir daneben den Einfluß von Klopstock’iJ Teutonismus und Schubart’s Tyrannenhaß, von Rousseau’s 0o11t1–8.t 8o(Jj:1l und Schillers Don Carlos zu verfolgen. Solch-m Anregungen entsprechend ist Hölderlin? politischer C-nthusiasmus bald mehr patriotisch, bald kosmopolitisch gefärbt, bald auf die Vergangenheit, bald aus die Gegenwart und Zukunft gerichtet. Noch ehe H. seine schönsten Weisen zum Ruhme der Heroen von Marathon anstimmte, befang er die „Heldenschattrn" der Burg Tübingen und die .,heiligen Kämpker“ der Eidgenossenschaft, und mächtiger noch als solche der Vorzeit gewidmete Klänge ertönen die Jubellieder, welche der Beginn der französischen Revolution in ihm hervorrief. Auch H. huldigte, wie Hegel und Schelling, den politischen Tendenzen, welche im Anfang der neunziger Jahre unter den Tübinger Studenten zur Geltung gelangt waren; und wenn gleich die Erzählung, daß er mit jenen Genossen einen auf dentMarktplatz oder an den Ufern des Neckars ausgerichteten Freiheitsba11m umtanzt habe, in den Bereich dt-S Mythus gehört, so ist doch unzweifelhaft, daß er für die politische Wandlung in Frankreich die lebhafteste Sympathie bekundete und in begeisterten Hymnen die Wiederkehr der langentbehrten Freiheit und die beginnende Vollendung der Menschheit feierte.

[729] Die Harmonie des Universums und die harmonische Entwicklung des Menschengeschlechts bilden überhaupt das Grundthema seiner Jugendgedichte, gleichviel ob sie an „die Stille“ oder an „die Schönheit", an „die Freiheit" oder an „den Genius der Tugend“ gerichtet sind. Wenn der Gedankengehalt dieser Poesie vorzugsweise durch Schiller, hier und da auch durch Heinse bestimmt worden ist, und wenn dieselbe an daß Vorbild des ersteren in formeller Hinsicht fast ausnahmslos erinnert, so fesselt sie uns trotz dieses Mangels an Originalität als Aus druck einer idealistischen Jünglingsnatur, welche gleichmäßig durch dichterischen und philosophischen Schwung emporgetragen, beseligt durch Liebe und Freundschaft, wie durch enthusiastische Zukunftshoffnungen den Jubel des reichbeglückten Herzenes in melodischen Rhythmen erklingen läßt.

Freilich gesellten sich diesem Frohlocken der Jugend frühzeitig genug Klagen der Wehmuth hinzu, um daßelbe schließlich völlig zu übertönen. Indem H. in der Poesie sich namentlich der Lyrik widmete, unter den Künsten die Musik bevorzugte Ewie er denn als ein besonderes begabter Schüler des Flötenspielers Dulon bezeichnet wirds), und indem er andererseits, in wissenschaftlicher Hinsicht sich hauptsächlich dem Gebiet abstracter Speculation zuwandte, so trugen alle seine Lioblingsbeschäftigungen dazu bei, sein iuneres Leben zu vertiefen, seinen Idealiesmus zu steigern und ihn von den realen Verhältnissen längere Zeit fern zu halten. Da die Berührung mit den letzteren indessen nicht völlig ausbleiben konnte, ergaben sich naturgemäß eine Reihe bitterer Enttäuschungen. „Dies ist das heilige Ziel meiner Wünsche und meiner Thätigkeit – dies, daß ich in unserm Zeitalter die Keime wecke, die in einem künftigen reifen werden" – so schrieb er in der letzten Zeit seines Universitätsa11fenthaltß an den ihm innig verbundenen Halbbruder. Zur Hebung und Besserung des Menschengeschlechts hoffte er beitragen zu können, und doch war – da er zum Eintritt in die theologische Carriere sich nicht zu entschließen vermochte – daß Hofmeisterthum die einzige Beruftzthätigkeit, die ihm Zeit seines Lebens zu Theil geworden.

Die erste Einführung Hölderlin´s in diese Art der Wirksamkeit ist wegen der begleitenden Umstände von Interesst–. Schiller, im J. 1793 von Charlotte v. Kalb beauftragt, ihr ei11enErzit–her für ihren Sohn zu empfehlen, hatte, nachdem ein früherer Vorschlag keinen Anklang gefunden, während seines Aufenthalts in Schwaben seinAugenmerk aufHegel gerichtet. Da dieser indessen um dieselbe Zeit eine ähnliche Aufforderung auLJ Bern erhalten, so verwandte sich der württembergische Rechttzgelehrte und Dichter G. Stäudlin in einem an Schiller gerichteten Schreiben Cvom 20. September 179t.3) für H., den „gewiß nicht wenig versprecheuden Hymnendichter“, aufs angelcgentlichstr, indem er sich zugleich für die Reinheit seinsHerzt–ns und seiner Sitten und für die Gründlichkeit seiner Kenntnisse verbürgte. Nachdem Schiller hierauf die – freilich zunächst nur flüchtige – persönliche Bekanntschaft Hölderlin’s gemacht und über ihn in wohlwollenden, der Hauptsache nach günstigen Ausdrücken berichtet hatte, erfolgte das Engagement. Einige Zeit darauf verließ H. daß Württembergische Heimathland, aus dessen beengender Sphäre er nach Schwabenart hinauesstrebte, und für welches er doch Zeitlebens die rührendste Liebe und Anhänglichkeit bewahrt hat.

Der Aufenthalt Hölderlin’s bei Frau v. Kalb zu Waltershausen im Grabfeld unweit Meiningens gestaltete sich zunächst völlig nach seinem Wunsch. Die mit Einsicht und Eifer begonnene pädagogische Thätigkeit hatte wenigstens anfänglich großen Reiz für ihn. Dazu kam, daß Frau v. Kalb nicht nur durch die mütterliche Freundschaft, die sie ihm zu Theil worden ließ, seine Dankbarkeit erweckte, sondern ihn auch durch die Tiefe und Klarheit ihres ungewöhnlichen Geistes zur Bewunderung fortriß. Beide waren überhaupt verwandte Naturen, und es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß sich in den hinterlassenen [730] Aufzeichnungen der Charlotte v. Kalb „der schwärmerisch inbrünstige Stil Hölderlins wiederfindet. Solcher inneren Gemeinschaft ungeachtet vermochte jene Stellung dem jugendlichen Dichter keine dauernde Befriedigung zu gewähren. Bereits gegen Ende des J. 1794, da er mit seinem Zögling nach Jena geschickt worden, war er Schiller sowol wie Fichte näher getreten und hatte reiche Anregung von ihnen empfangen. So entstand der Beschluß, im Anfang des 1795 seine bisherigen Beziehungen zu lösen und im Verkehr mit jenen Männern eine Zeitlang au-I-schließlich seiner Selbstbildung zu leben. Schiller bekundete für seinen talentvollen Landsmann das wärmste Interesse, und sein „kolossalischer Geist“ übte auf den begeisterten Jünger einen mächtigen, diesem fast erdrückend erscheinenden Einfluß aus. Gleichzeitig ward H. durch die gewaltige Persönlichkeit Fichte’s gefesselt, in dessen Lehre er sich, durch daß gründliche Studium der Kant’schen Philosophie vorbereitet, mit Eifer vertiefte, und dessen fe–uriger Vortrag seine Begeisterung entzündete. Der Wunsch, längere Zeit in der Umgebung der von ihm verehrten Männer zu leben und später vielleicht selbst in Jena Vorlesungen zu halten, wurde durch die äußeren Verhältnisse vereitelt.

Im Frühjahr 1795 kehrte H. in daß Mutterhaus nach Nürtingen zurück. So oft auch in der Fremde ihn Sehnsucht nach den Seinigen ergriffen, so vermochte doch auch daheim die zunehmende Niedergeschlagenheit seines Gemüths keine Heilung zu finden. fehlte ihm hier sowol au einem befriedigenden Beruf wie an Nahrung für daß eigene Geistesleben; und immer schwerer ward es ihm, den Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit in allen kleinen und großen Verhältnissen des Lebens zu überwinden, immer mehr wurde er Fremdling in der ihn umgebenden Welt. Vezeichnend ist die Klage in einem Brief an seinen Freund Neusser, daß er die Menschen nie verstehen lerne, ohne einige goldene kindische Ahnungen aufzuopfern; und nicht minder trifft auf ihn zu, was er zur Charakteristik seinetz Romanhe1den Hyperion sagen läßt, daß er nämlich an einemTage ficbzigmal vomHimmcl auf die Erde geworfen werde. Wie in seinen Briefen, so ist in seinen Gedichten Schwermuth die Grundstimmung, aus welcher nur ein rasch vorübergehender Traum ihn zeitweilig zu erlösen schien.

Im Anfang des J. 1796 erhielt H. durch Vermittelung st–ints Freundes Sinclair eine Hofmeisterstelle bei dem Kaufmann J. F. Gontard in Frankfurt a. M. Die Gemahlin desselben, Susette geb. Vorkenstein aus Hamburg, war durch Schönheit, Charakter und harmonische Geistesbildung ausgezeichnet. Da ihr vorzugsweise die Sorge für die Erziehung der Kinder oblag, so geschah VS, daß H. ihr näher trat und sich dem Zauber ihres Wesens nicht zu entziehen vermochte. Sie erschien ihm als daß Ideal einer weiblichen Natur. Begeistert nannte er sie eine Griechin, was für ihn den Inbegriff des Hohen und Edlen bedeutete. Sein Leben, daß ihm nichtöJ mehr we-rth ge-wesen, ward verjüngt, gestärkt und erheitert, und auch seine Poesie floß reicher und kreudiger. Doch daß in don Liedern „an Diotima“ mit so hellem Jubelton besungene Glück konnte seiner Natur nach nicht von Dauer sein. Obwol H. –-– wie t-is scheint – in der Aeußcrung seiner Leidenschaft nie die Grenze des Erlaubten überschritten, so trug doch daß Verhältniß den Keim des tragischen Ausgangeß in sich. Unter den inneren Kämpfen, welcheH. zu bestehen hatte, kehrte der krühere Trübsinn zurück. Schließlich war es ein herber Zusammenstoß 1nitdem Herrn desauses, welcher ihn zum schleunigen Verlassen jener Stellung bestimmte (September 1798).

H. begab sich jetzt zu Sinclair nach Homburg, wo ihm der theilnehmende Zuspruch des letzteren und der Verkehr mit trefflichen Menschen wol einige Beruhigung gewährte, aber die unheilvolle Wunde nicht zu lindern vermochte. Als im November 1798 Sinclair von dem Landgrafen Friedrich D’. von Hessen-Homburg zum Congreß nach Rastadt abgesandt wurde, entschloß sich H., der Einladung [731] des Freundes Folge leistend, ihn dahin zu begleiten. Indessen war der Eindruck, welchen er dort von der politischen Erniedtigung Deutschlands empfangen mochte, wol dazu angethan, seine melancholische Gemüthsstimmung noch mehr zu verdüstern. Gegen Ende des Jahres kehrte er nach Homburg zurück, um in unablässiger Beschäftigung mit der Poesie und Philosophie Trost zu suchen.

Bot der Hymnus den entsprechenden dichterischen Ausdruck für die frohe Begeisterung der akademischen Jugendtage Hölderlin’s, wie nicht minder für die weihevolle Stimmung seiner Liebe zu Diotima dar, so ist doch der Grundton in der Mehrheit seiner Dichtungen, namentlich aus späterer Zeit, durchaus elegisch. Mit Wehmuth blickte er nicht nur auf daß eigene Jugendglück zurück, sondern auch auf daß dahingeschwundene Jugendalter der Menschheit. Je mehr die da- .maligen Zustände Deutschlands mit seinem Humanitätsideal in Widerspruch standen, um so tiefer versenkte er sich in die Welt des Hellenenthums, welche seine Phantasie zu einem verlorenen Paradies der Menschheit umgestaltete. In diesem Sinne, wie in manchen anderen Beziehungen, ist keine andere Dichtung so charakteristisch für H. wie sein Roman Hyperion. Der erste Entwurf desselben stammt aus der Tübinger Zeit. Um die Veröffentlichung des Werks machte sich namentlich Schiller verdient, der ein Fragment im vierten Bande seiner Thalia mittheilte und alsdann Cotta zur Herausgabe des Ganzen veranlaßte. Nach mannichfachen U1narbeiti1ngen, welche nicht zum mindesten durch die eigenen Lebenseriahrungen Hölderlin? hervorgerufen waren, erschien der erste Band des Romans 1797, der zweite 1799. Die Behandlung des Gegenstandes in Briefen erinnert an das Vorbild der neuenHelolse und des Goethe’schen Werthers, doch sind die Briefe im Hyperion meist nicht der unn1ittt–lbare Ausdruck des jüngst Erlebten, sondern sie berichten dc–r Mehrheit nach über Dinge, die sich vor geraumer Zeit zugetragen. Es bewirkt daher die angedeutete Einkleidung, daß, ähnlich wie bei Macpherson’s Ossian, die dargestellten Ereignisse – auch Glück und Lust – als längst entschwundcue, in melancholische Beleuchtung gerückt werden, und daß um so leichter die Erzählung des Thatsächlichen sich in den lyrischen Ausdruck der Empfindung vrrf1üchtigt. Ergibt sich hierans schon, daß H. den Erfordernissen eines Romans und spt–cicll eines historischen :)io1nans, der im J. 17?0 zur Zeit des von Katharina II. geschürten Griechena11fstandes spielen sollte, nur wenig zu genügen im Stande war; so erscheint seine Dichtung andererseits im höchsten Grade beachtenswerth, wenn wir sie a11ßschlic–ßlich als eine Aneinanderreihung poetischer Selbstbekenntnisse betrachten. Um die Hingt-bung des Helden an einen verehrten Lehrer, seine ideale Freundschakt und Liebe, sein zartes, crregbares, alles Große mit glühendem EnthusiasmuoJ e1–greifendesGemüth zu schildern, durfte der Dichter nur sein rigt–11es Seelenleben in Worte fassen. Der Gran! des Helden über die Verfunkenheit des modernen Griechenlands verkündet Hölderlin’s Empfindungen über die Erniedrigung Deutschlands. ,Ist die Schilderung von Hyperion’ck5 thatkräftigem Eingreifen, um die Befreiung seiueos Vaterlandes und die Wiedergeburt des alten Hellaß.’s zu bewirken, ein verklärtes Spiegelbild dessen, was H. ersehnte, so klingt uns andererseits in den wehmüthigen Berichten von des Helden Miß- erfolg der Nachhall so mancher schmerzlicher Enttäuschungen des Dichters entgegen. Zum Schluß findet Hyperion Trost und Frieden durch völlige Hingebung an die Natur, in deren Schooße auch H. stetts von neuem Genesung suchte. Und nicht nur sein Gefühlsleben, sondern seine gesammte religiös philosophische Weltanschauung hat H. in seinem Roman niedergelegt, seinen Pantheismues, seine Ideen über Schönheit und Kunst, seine Ansichten über den Entwicklungssgang der Menschheit, welche er hier in den Worten zusammenfaßt: „Von Kinderharmonit- sind einst dir Völker ausgegangen, die Harmonie der Geister wird der Anfang einer neuen Weltgeschichte sein.“

[732] Wol noch weniger als zum Romandichter im gewöhnlichen Sinne des Worts mochte H. zum Dramatiker geschaffen sein. Dennoch hatte ihn insbesondere das Studium der griechischen Vorbilder zu Versuchen auch auf dem Gebiete der Tragödie begeistert. Wie er bereits in Waltershausen den Plan zu einem Drama „Der Tod des Sokrates gehegt, so hatte er später den spartanischen König Agi-S zum tragischen Helden erwählt und sich mit diesem Thema sowol in Rastatt, wie in Homburg beschäftigt. Die damals vollendeten Bruchtheile der Dichtung scheinen indessen verloren zu sein. Dagegen besitzen wir sehr ansehnliche Fragmente von dem Drama „Der Tod des Empedokles, zu dessen Ausführung H. “ in Homburg seine Kräfte vorzugsweise concentrirte. Ist Hyperion nur der auf neuhellenischen Boden verpflanzte H., so sollte im Empedokles gleichsam sein erhöhtes und idealisirtes Selbst zum Ausdruck gelangen. DerHeld dieser Dichtung erscheint als Berather und Wohlthäter seines Volks, als Vertrauter der Natur und Kündiger tiefsinniger Weisheit. Aehnlich, wie es H. früher bei der beabsichtigten Behandlung von Sokrates’ Tod vorgeschwebt haben mochte, galt es hier, das Leid des hoch über seinem Volke stehenden und schmählich von ihm verkannten Philosophen zur Darstellung zu bringen. Anderrseits scheint es, daß der durchaus im Pantheiesmus lebende Dichter in diesem seinem großartigst angelegten Werke den geheimen Widerspruch, der in der panthoistisch1–n Weltausfassung begründet ist und die aus demselben he1–vorgehende Tragik veranschaulichen wollte. Tritt uns diese Absicht Hölderlin’s vor Allem in den Monologn des Empedokles und in dessen Unterredungen mit seinem Jünger Paufanias entgegen, so bekunden die männlichen und weiblichen Nebenfiguren, daß es dem Tichter an Talent zur Charakterzeichnung keineswegs völlig gebrach. Auch sind unter den ausgeführten Scenen einige, welche sich durch vollendete Anmuth und Durchsichtigkeit der Diction auszeichnen; daneben freilich finden sich solche, in welcher[1] die Rede den zum Licht strebenden Gedankenreichthum nur unvollkommen durchschimmern läßt.

H. hatte den Wunsch gehegt, wenigstens solange in Homburg unabhängig zu leben, bis er den „Enpedokles zu einiger Reife gebracht; doch Kränklichkeit durchkreuzte seinen Vorsatz. Auch der Plan, durch die Begründung ei11es Journals „Iduna“ auf die ästhetische Bildung der Nation einzuwirken und zugleich die eigene Existenz zu sichern, scheiterte vollständig, da es ihm an der ausreichenden Unterstützung geeigneter Mitarbeiter fehlte. Der unter Anderen zur Vetheiligung aufgeforderte Schiller vorsagte nicht nur diese, sondern bemühte sich zugleich, auf Grund seiner 16jährigen Erfahrungen, daß an sich ziemlich Undankbare und in Hölderlins Lage geradezu Aussichtslose eines solchen Unternehmens unumwunden darzuthun.

Unter solchen Umständen lenkte H. seine Blicke wieder auf das württembergische Heimathland, und der Gedanke tauchte wol einmal in ihm auf, nunmehr daselbst als Pfarrvicar in die geistliche Carriere einzutreten. War doch durch den poetischen und philosophischen Pantheismus der fromme Glaube seiner Kindheit im Herzen Hölderlin’s nimmer ausgelöscht worden, vielmehr in dem Gedichte zum 72. Geburtstag der Großmutter C17!O9) zu rührendcm Ausdruck gelaugt. Dennoch vermochte auch jetzt keinen entscheidenden Entschluß in der angedeuteten Richtung zu fassen. Es wirkte dabei mit, daß er befürchtete, beim . Antritt eines.s Amts die freie Muße zu schriitstellerischer Thätigkeit einzubüßen. Trotzdem kehrte er, dem Wunsche der Seinigen folgend, im Sommer 1800 nach Schwaben zurück, schon damals körperlich herabgekommen und von reizbarster Gemüthöstimmung. Doch schien c-ß, als ob er auf heimathlichem Boden noch einmal von frischem Lebensmuth angeweht werden sollte. Zeitweilig wenigstens erfreute er sich der langentbehrten inneren Ruhe, und die Aussicht auf einen nahen [733] Friedensabschluß erweckte in ihm die freilich allzu optimistische Hoffnung, daß nun auch eine bessere Periode für Deutschland bevorstehe, in welcher Liebe und Gemeingeist über den Egoismus herrschen und „das deutsche Herz seine geheimen, weitreichenden Kräfte entfalten werde."

Ende des J. 1800 übernahm H. eine Hauslehrerstelle zu Hauptwil unweit Constanz, kehrte indeß bereits nach einigen Monaten zurück. Der Hofmeisterthätigkeit endlich überdrüssig geworden, hoffte er eine befriedigendere Wirksamkeit zu erlangen, wenn er Gelegenheit fand, einer akademischen Jugend die Früchte seiner Studien auf dem Gebiet der griechischen Litteratur und Philosophie mitzutheilen. Er beabsichtigte sich in Jena als Docent niederzulassen und rechnete dabei – wie es scheint – vor Allem auf die Unterstützung Schiller’s. Aber auch dieses Vorhaben scheiterte. Der Subsiftenzmittel entbehrend mußte H. aufs neue der Heimath den Rücken wenden, um wiederum eine Hauslehrerstelle anzutreten – dieses Mal in dem fernen Bordeaux bei dem Hamburgischen Generalcommissär CConsuly) D. Ch. Meyer. Ende Januar 1802 traf er daselbst ein. Ueber die Aufnahme, welche er gefunden, äußerte er sich überaus befriedigt. Auch fehlte es nicht an mannichsacheu Anregungen. Durch den Anblick von Ueberresten der antiken Cultur und deuverkehr mit den südlicheren Menschen ward ihm daß Wesen der Griechen verständlicher als zuvor. Andererseits haben vielleicht gerade der Reichthum der neuen Eindrücke und die Gluth des südlichen Himmels nicht wenig dazu beigetragen, daß mehr als einmal in seinen Tiefen betroffene Gemüthsleben des allzu zart organisirten Dichters vollends zu erschüttern. Mehrere Monate war seine Familie ohne Kunde von ihm geblieben, als er im Anfang Juli 1802 in Vettlertracht, leichenblaß, mit hohlem und wildem Auge als ein Irrsinniger wieder in seinem Heimathlando erschien. Wir wissen nicht, wodurch in letzter Veranlassung dies grausame Verhängniß auf ihn herabbeschworen ward. Im Juni hatte er plötzlich seine Stelle in Bordeaux verlassen, in den heißesten Sommertagen ganz Frankreich von Westen nach Osten zu Fuß durchstreift und vermuthlich uuterwegs die schmc–r.zliche Kunde von dem Tode Diotima’s erhalten.

Die sorgsame Pflege, welche H. zu Nürtingen im müttorlichen Hause zu Theil ward, vermochte zeitweilig seine- Genesung zu fördern, sodaß er sich aufs neue in eigenen Gedichten versuchen und andererseits; in daß Studium der griechischen Dichter versenken konnte. Er beschäftigte sich insbesondere eifrig mit Pindar, und unzweifelhast durch dieses Vorbild verleitet, erhob er sich in seinen Hymnen „Patmos, „Die Wanderung", „Der Rhein" zu fast noch freierem und gewagterem Flug alszuvor. Aber so eigenartig ergreifend und ticfsiunig einzelne Stellen dieser Dichtungen erscht–ineu, so gemahnt doch daß Unvermögen, sich auf der kühn erstrebten Höhe zu erhalten, au das von Horaz den Nachahmern Pindar’s verkündttts J–karische Schicksal. Heilsamer unzweifelhaft war für H. daß Studium des Sophokleß. Seine tim J. 18(Is4 zu Frankfurt a. M. erschienene) Uebersetzung von König Ocdipuz und Antigone geben die Dialoge i11 5=füßigen cdaun und wann mit C3=füf;igen uutcrmischten1 Jamben, die Chöre in feffellosen Rh1)th1ntn wieder; oft ungenau, oft allzu genau, spiegeln sie die Vollendung des Originals nur in 1111z11reiche11der Weise, dennoch scheint es, daß die maßvolle Schönheit des griechischen Tragikcrz .sszöldcrlitrs Geist in wohlthätiget1Schranken hielt und ein weiteres Abirrt–n verhinderte. Jur Sommer 1804 war er soweit hergestellt, daß ihn sein Freund Sinclair nach Homburg .zu geleiten vermochte. Der Landgraf, der für die deutsche Litteratur da lebhaftcfte Interesse bekundete, und mit dem Dichter btrcits während st–iuvß früheren Homburger Aufenthalts persönlich bekannt geworden, t-rtheilte demselben den Titel ciues Vibliothekars, während der getreue Sinclair ihm einen Theil seines Gehaltes abtrat. Soviel Wohlwollen H. aber auch entgegengetragen wurde, so ließ doch nach Verlauf [734] zweier Jahre die Verschlimmerung seines Zustandes es rathsam erscheinen, ihn in seine Heimath zurückzuführen. Im Herbst 1806 wurde er nach Tübingen in die Klinik von Autenrieth gebracht. Da dashier versuchte Heilungsverfahren fehlschlug, wurde er im Sommer 1807 dem Tischlermeister Zimmer in Tübingen zur Pflege anvertraut, in dessen am Neckar gelegener Wohnung er bis an sein . Lebensende (7. Juni 1348s) geblieben ist.

Als Grundcharakter von Hölderlin’s Krankheit wird die aus ungeheurer Erschöpfung hervorgehende Zerstreutheit seines geistes bezeichnet. Indessen ist es charakteristisch, daß, so verwirrt und sinnlos seine gewöhnliche Rede erschien, seine zahlreichen während der Periode des Irrsinns entstandenen Dichtungen des Zusammenhanges der Gedanken nicht völlig entbehren und noch weniger den Wohllaut des Rhythmus vermissen lassen. Nicht minder bezeichnend, daß auch in diesem traurigen Abschnitt seines Lebens Musik seine Lieblingsbeschäftigung bildete, denn gerade das wurde für ihn in jeglicher Hinsicht verhängnißvoll, daß sein Sinn für Wohllaut und Harmonie zarter und vollkommener ausgebildet war, als bei anderen Menschen. Zufolge dieser seiner Anlage mußten die Mißklänge des realen Lebens ihm unerträglich werden und auf seine Natur schließlich einen zerstörrnden Einfluß üben. Ebenderselben Anlage aber verdanken wir die besten seiner lyrischen Gedichte, in welchen die Gedanken gleichsam in Musik umgesetzt, und die antiken Versmaße, insbesondere die alcäische Strophe, mit unvergleichlicher Meisterschakt behandelt werden. Bieten Hyperion und Empedokles, die Jugendgedichte und selbst einige der Lieder an Diotima vorzugsweise ein biographisches und in gewissem Sinne pathologische–s Interesse dar, so sind es Hölderlin’s eigenartigste, eben so sehr durch Tiefe des Gefühls wie durch Adel der Gesinnung, durch Ideenreichthum wie durch Formvollendung ausgezeichnete Oden: „Das Ahuenbild“, „Der blinde Sänger", „Dichtermuth“, „Der gefesfelte Strom“, „Dem Sotmengott“, „Mein Eigenthu1u“, welche ihm einen Platz neben den hervorraget1dften Lyrikern aller Zeiten sichern. Von kaum geringerer dichtcrischer Schönheit und zugleich bedeutungsvoll als Zeugnisse der patriotischen Gesinnung Hölderlin’s, der trotz der zornvollen Worte imHyperion den Worth seines Volkes zu schätzen wußte, sind die Dichtungen: „Der Tod fürs Vaterland“, „Gesang des Deutschen", „An die Deutschen“, in welchen letzteren er den nahebevorstehenden Fortschritt von einer einseitig litterarischen Cultur zu einer Periode der Thatkraft mit prophetischem Geiste verkündet und zugleich die Ahnung ausspricht, daß die deutsche Nation vor allen berufen sei, das ersehnte Ideal einer harmonischeren Gesittung zu verwirklichen.

Vgl. Friedrich Hölderlin’s sämmtliche Werke, herausgegeben von Christoph Theodor Schwab (“1. Bd. Gedichte und Hl)m–rion, 2. Bd. Nachlaß und Biographie), Stuttgart und Tübingen 184cks. Fr. Hölderlin’s auck-gewählte Werke, herauf-gegeben von Ch. Th. Schwab, Stuttgart 1874 Cmit rcvidirter Biographie). Ergänzungen hat Schwab im Morgvublatt f. gebildete Leser 1803 Nr. 34 u. und in Westermann’s Illustr. D. MonatSheften 30. Bd. S. 630 bis Os, ferner Julius Klaibrr in der Festschrift: Hölderlin, Hegel und Schelling in ihren schwäbischen Jugeudjahren, Stuttgart 1877, mitgetheilt. Hölderlin’s FrankfurterA11fenthaltschildert speciell Carl J–ügel, Das Pupponhaus, e. Erbstück in d. Gontard’schen Familie, Frkf. a. M. S. is8–91. Eingehe11dert– Würdigungen Hölderlin’s finden sich u. A. bei Alexander Jung, Fr. Hölderlin und seine Werke, Stuttg. u. Tübingen 1848, und bei Haym, Die romantische Schule iverlin 1870), S. 289–82–si.
Ad. Wohlwill.

[Bearbeiten] [Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 732. Z. 26 v. o. l.: in welchen (st. welcher). [Bd. 13, S. 794]
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