ADB:Hottinger, Johann Jakob (Kirchenhistoriker)

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Artikel „Hottinger, Johann Jakob (Kirchenhistoriker)“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 13 (1881), ab Seite 193, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hottinger,_Johann_Jakob_(Kirchenhistoriker)&oldid=589213 (Version vom 24. Dezember 2009, 14:38 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
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Hottinger, Johann Heinrich (der Ältere)
Band 13 (1881), ab Seite 193. (Quelle)
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Hottinger: Johann Jakob H., Theologe und Kirchenhistoriker in Zürich, geb. am 1. December 1652, † am 18. December 1735; war der dritte Sohn des 1667 verstorbenen Orientalisten Joh. Heinrich H. (s. oben). Zum geistlichen Stande bestimmt, machte H. seine ersten theologischen Studien am zürcherischen Carolin11m unter J. Hch. Heidegger (s. Bd. I(l. 295), setzte sie 1672–74 in Basel unter Lucas Gernler (s. Bd. IX. 37) fort, der ihn in sein Haus aufnahm, wollte dann die Universität Marburg beziehen, wurde aber durch den damaligen französisch-deutschen Krieg zur Rückkehr nach Basel bewogen und verließ daßelbe erst nach Gernler’s Tode (11. Februar 1675), um noch in Genf Franz Türrettin zu hören. Anfangs 1676 heimgekehrt, trat er mit seiner im März erfolgten Ordination in den Dienst der zürcherischen Kirche. 1680 Pfarrer in Stallikon bei Zürich, 1686 Diakon an der städtischen Hauptkirche, dem Großmünster, 1698, als: Heidegger’s Nachfolger, Professor der Theologie und Canonicus, entfaltete H. in diesen Stellungen in einer äußerlich wenig bewegten, aber mit rastlosem Fleiße durchmessenen fast 60jährigen Laufbahn eine große Thätigkeit als Geistlicher, als Lehrer und Schriftsteller. Bei gewissenhaftester Erjüllung seiner Amtspflichten ließ er kaum je ein Jahr Vorübergehen, ohne durch schriftstellerische Arbeiten seinen Beitrag zur Erörterung theologischer und kirchlicher Themata oder Tagesfragen zu liefern. In der ersten Hälfte dieser Zeit war es vorzüglich die Fortsetzung der kirchenhistorischen Arbeiten seines Vaters und die Vertheidigung von dessen Schriften gegen Angriffe katholischer Gegner, die H. beschäftigten. Schon eine 1685 publicirte „Biblische Prob des zürcherischen Catechismi“, als Schutzschrift für diesen Katechismus gegenüber einem Mönche Marianuß Schott, war zugleich Ehrenrettung von Hottinger’s Vater, dessen tragisches Ende Schott zu Verunglimpfung desselben mißbraucht hatte. Die Fortsetzung der lljstO1–j9. eOc1-Isjs2Stjca hatte H., der sich seit 1680 mit Studien dafür beschäftigt, mit der Geschichte deß tridentinisen Concils zu beginnen. Alß vorläufige Probe seiner Arbeiten gab er 1692 eine Vertheidigung Von Sarpi gegen die Angriffe des Cardinals Pallavicini heraus: „Sk0rt–jt1,?8.118– yj(:j11us j11kO1j1 (J0110j1jj ’1’rj(3S11tj11j R*j11c1er„ ’rjg. 1692. In zwei anderen Schriften wies er 1695 Angriffe auf die evangelische Lehre und Kirchen zurück die der fc-.nctgallische Benedictiner 1’. Gerald Wieland in Form von Gesprächen (I)eO2110gus und ’k1–jsi10gus betitelt) unternommen hatte. Inzwischen war ein umfangreiches Werk eines katholischen Theologen, Kaspar Lang von Zug, Dekan in Frauenfeld, ans Licht getreten, daß ganz besonders gegen J. Heinrich Hottinger’s lijsto1sja 80c1S8jastj(:5t sich richtete: eine Geschichte der katholischen Kirche in der Schweiz, die 1692 (nach dem Tode des Verfassers) in zwei Foliobänden in Einsiedeln unter dem Titel erschien: ,-Historisch-theologischer Grundriß der alt und jeweiligen christlichen Welt bey Abbildung der alten und heutigen ChristLich-Catholischen kle1yetjs„ und sonderbahr des alten christlichen Zürichs. H. änderte daher sein früheres Vorhaben und beschloß, statt einer Fortsetzung der k1jst01–jz e0018Sj:18zj(:9. eine Widerlegung Von Lang in Gestalt einer schweizerischen Kirchengeschichte in deutscher Sprache zu schreiben. Hieraus entstand daß Hauptwerk seines Lebens, daß seinen Namen dauernd erhalten wird, seine: „Helvetische Kirchen-Geschichten", von denen der erste Theil 1698, zwei weitere 1707 erschienen, ein vierter und letzter (die Zeit von 1700–28 behandelnd, nebst Ergänzungen zum früheren) 1729 (sämmtlich in Zürich gedruckt) nachfolgte. Die [194] vier Quartbände geben, in zwar schwerfälliger Form und wenig erquicklicher heftig polemischer Haltung, Zeugniß von Hottinger’s erstaunlicher, auf diesem Felde der väterlichen ebenbürtigen Gelehrsamkeit, die aus einer unglaublichen Zahl von gedruckten und handschriftlichen Quellen ein getvaltiges Material zusammenträgt und freilich vielsach einseitig verarbeitet. In stetem Gegensatz zu Lang führt H. den Satz aus , daß die reformirte Lehre und Kirche nicht Neuerung, sondern nur ein Zurückgehen auf daß Wesen des ursprünglichen und reinen Christenthums seien. Während H. mit den Haupttheilen dieser großen historischen Arbeit beschäftigt war, nahmen ihn übrigens neben den Amtsgeschäften auch die kirchlichen Zustände und Fragen des Tages vielfach in Anspruch. Die Zeit des sogen. Pietisms war angebrochen, erschütterte die Starrheit des hergebrachten orthodoxen Kirchenthums, weckte die Gedanken und Gemüther Vieler, führte aber auch manche bedenkliche Verirrung und Schwärmerei herbei. Daß J. 1719 rief den 200jährigen Bestand der schweizerischen Reformation und zugleich die wichtigen Vorgänge der Synode von Dordrecht in Erinnerung, mit welchen daß erste Jahrhundert der reformirten Kirchen geschlossen hatte. Die Wünsche nach Vereinigung unter den Protestanten verschiedener Denomination tauchten wieder auf, welche einst durch daß Marburger Gespräch von 1529 vereitelt worden und seither immer unbefriedigt geblieben waren. Dies alles mußte auch H. lebhaft berühren. Schüler von Heidegger, Gernler und Franz Türrettin, den Urhebern und Vertretern der gemeinsamen Bekenntnißjormel der schweizerischen reformirten Kirchen, des CJ011SS0Sus 1191v8tjOus von 1675, und Nachfolger von dessen ursprünglichem Verfasser, seines frühesten Lehrers, wollte H. sich von der durch jene Männer gelegten und von ihm schon beim Eintritt ins kirchliche Amt anerkannten Grundlage nicht entfernen und hielt gegenüber dem auftretenden Pietizmus an den Ordnungen der Kirche und dem Consensus entschieden fest. In mehreren deutschen Schriften trat er den um sich greifenden neuen Bestrebungen, zumal Verirrungt–n, entgegen. Eine dieser Schriften („Versuchungsstunde über die Evangelische Kirche, durch neue selbstlauffende Propheten" u. f. f., Zürich 1717;) ist durch die Erzählung aller Verhandlungen in Zürich über den Pietisn1uss von 1698–1?17 historisch Von Werth. Dem Jubiläum der Reformation galt Hottinger’s: „Djse–rtstj0 8SOu1t1rjs c1S ns(tes:1xj;t D-10„j01sun1 A11 12c- 019Sj9. RO111211121 S6cesj0lle St jmx10SSibj1j r10Str0 tum in ea11(IS111 1J-Jc1SSiM1 r8c1jtu’ tum 1s.c.z cum est“–„ Ikjgurj 1719. Von dem Jesuiten Ludwig Rusca in Lugano 1721 hierüber in einer Schrift: „JucTjc–iun1 1!J(:O1esjusticun1 ScJ0u1alj (:1jsertstjo11j I1. .. Osposjt.ur1r angegriffen, antwortete H. sofort durch seine „1)jsi–tatjo 880u1eujsäyO1’sus j11i(111um er mnisj1mi111 1.u(1. 1Tus0ze I.ugs.11. .lucljcjun1 b)cc.1e– 8js.Stjcun1 8.SSert:1 er 1–j11(1jOetts.’s ’ljg. 1721- enthob sich aber später der N’cühe, auf eine vierbändige 001rljr111ettjO .1uc1jcjj etc. zu erwikern, die Rusca 1725 in Luzern zum Drucke brachte. Irenischen Bestrebungen zwischen der lutherischen und der reformirt(sn Kirche war H., der von Frieden mit der katholischen, schon laut der Ueberschrift seiner „1)js(z1st.8tjo 89c:u1x-usjs„ nichts wissen wollte, keinswegs entgegen, meinte aber, man solle als gemeinschaftliche Glaubenssätze nur aufstellen was Unmittelbar und wörtlich der hl. Schrift zu entnehmen fei und jeder der beiden Kirchen dabei daß Recht belassen, ihre Erklärungsweise im Näheren nach eigener Ueberzeugung zu formuiiren, wobei für die schweizerischen Reformirten der (IO118enSus bO1Vetj(:us Gültigkeit zu behalten habe. In diesem Sinne antwortete er auf die anonyme Schrift einetz kutherischen Theologen: „Näherer Entwurfs von der Vereinigung der Protestanten" durch seinen unter dem angenommenen Namen Salomon Alethaeus veröffentlichten: „Anhang an den Nähern Entwurff, oder Erklärung der Reformirten Kirch von der ewigen [195] Gnaden-Wahl" 2c., Zürich 1720, und ließ 1721 seine „1)is9rts.tj0 irsi1i0z (1e 78rjrztjs Or 0118rjtztjs tmjoisjm0 j11 IOO1esjs. 1910tOst9„11ti11m (:Oll11ubjo“ folgen. Letztere Schrift fand auf Seite der Lutheraner so viel Beifall, daß in Tübingen ohne des Verfassers Wissen eine zweite Auflage derselben veranstaltet wurde. Bedenken des dortigen Theologen Gottfried Hofmann gegen seine Vorschläge begegnete H. 1728 in einer „131zesr0jt-1tj0 i1–911j08.“. Dem Andenken der Synode von Dordrecht galt seine am 13. Jau. 1720 gehaltene Rede: „1llsmOrjz 8)si10c1j 1)oräre011tst118,e“„ ’1’jg. 1720. Ganz vorzüglich aber wandte H. seine Bemühungen immer wieder der Rechtfertigung und Erläuterung des (J01188118us 11S1ysti(:us und der Prädestinationslehre zu. Diesem Zwecke widmete er, neben seiner Kirchengeschichte, die letzten seiner umfangreicheren Schriften: 1723 eine gleichzeitig in Latein und in Deutsch verfaßte Geschichte und Vertheidigung des 00nsensi18 und 1727 das dogmenhistorische Werk: „Is’ztA (1oOtrjns.e (18 Bras(:19Stj118.tjo11S St gr:-1tj:1 1)Sj 88„1utarj j11ä0 5t bes„t0 88m. .-!p08t010rnm SJ(Oesu 8(1 r1a90 usqus t9mpO1–8“„ ’Lkjg. 1727. In solcher Thätigkeit war H. in sein 77. Jahr gelangt und hatte eben mit dem vierten Bande der „Helvetischen Kirchen-Geschichten" sein Hauptwerk abgeschlossen, als ihm am 14. August 1729 ein Schlagfluß die linke Hälfte des Antlitzes lähmte. Er erholte sich indessen bald gänzlich, nahm mit Neujahr 1730 seine amtliche Thätigkeit wieder auf und führte sie, auch jetzt noch mit schriftstellerischen Arbeiten verbunden, mit nur kurzen zeitweiligen Unterbrechungen bis zum letzten Augenblicke seines Lebens fort, daß ohne eigentliche Krankheit, nur durch allmi1hlige Abnahme der Kräfte erlosch. Unter dem Klang der Sonntagsmorgenglocken entschlief schmerzlos, am 18. December 1735, der 8Ljährige Greis. Ein im persönlichen Umgange gegen Jedermann höchst freundliches, heiteres und dienstfertiges Wesen, stete Würde in Sitten und Haltut1g, Klarheit und Anmuth des beredsamen Vortrages xühmen die Zeitgenossen dem Manne nach, der in ernster Arbeit unermüdlich und dessen Feder allezeit scharf und streitfertig war.

Jo. .I:1c. 1.m–uterj k’. 0rstt.jO jns„ugura1is qu:-t prs„8mjs:t br8R-j jO011e ’1Hll004 10gj c1(-18crjbjt.ur fjts Jos 11111js J8„c–Obj klOttj11gerj„ ’k!1S01. Prof. Tjg.’ ’kjg11ri 1736„ 4“, und in der Zeitschrift ’ksi111ze 1ie1E7Stj(tst. Tom. ll„ pens 1 (daselbst daß Verzeichniß von Hottinger’s 114 größeren und kleineren Schriften und hinterlafsi-nen Manufkrivten:). – H. Escher in Ersch und Gruber? Encyklopädie, 2. Section, 11. Thl., Art.: Hottinger kNr. 4, S. 206).
G. v. Wyß.
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