ADB:Illiger, Karl

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Artikel „Illiger, Johann Karl Wilhelm“ von Wilhelm Heß in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 23–27, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Illiger,_Karl&oldid=2054128 (Version vom 24. April 2014, 02:23 Uhr UTC)
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Illiger: Johann Karl Wilhelm I., bedeutender Naturforscher, namentlich ausgezeichnet durch seine entomologischen, systematischen und terminologischen Arbeiten, wurde am 19. November 1775 zu Braunschweig geboren. Sein Vater Johann Jakob I. war daselbst Kaufmann und lebte in beschränkten Vermögensverhältnissen, wandte jedoch alles, was in seinen Kräften stand, an, um seinen Kindern eine sorgfältige Erziehung zu geben. I. war der sechste Sohn von acht Geschwistern, welche ihn alle überlebten und von denen sich zwei gleich ihm den Wissenschaften widmeten, während die übrigen Kaufleute und Landwirthe wurden. – Seinen ersten Unterricht erhielt er in einer Privatschule. Schon damals zeigte sich bei dem achtjährigen Knaben eine entschiedene Vorliebe für die Naturgeschichte. Er legte sich ohne jegliche Anleitung eine Sammlung von Blüthen, Blättern und Wurzeln der einheimischen Pflanzen an und machte sich Auszüge aus Raff’s Naturgeschichte, welche dem Unterrichte in der Schule zu Grunde gelegt wurde, und ergänzte diese späterhin durch Hinzufügen der wissenschaftlichen Namen und besseren systematischen Werken entnommenen Notizen. Auch als er die damals durch tüchtige Lehrer in hoher Blüthe stehenden höheren Schulen seiner Vaterstadt, zuerst das Martineum und später das Catharineum besuchte, setzte er seine Sammlung von Auszügen und Pflanzen mit großem Eifer [24] fort und benutzte jede freie Stunde, um sie zu vervollkommnen, ohne jedoch seine übrigen Schularbeiten darüber zu vernachlässigen. Auch in allen übrigen Lehrfächern machte er gute Fortschritte und wurde mehrfach seinen Mitschülern wegen seines außerordentlichen Fleißes und seiner vorzüglichen Kenntnisse in der Mathematik und den Sprachen zum Vorbilde aufgestellt. Im J. 1790 wurde er in die erste Klasse versetzt, in welcher Hellwig den naturgeschichtlichen Unterricht ertheilte. Dadurch eröffnete sich I. eine reichliche Quelle der Erkenntniß, und als Hellwig entdeckte, mit welcher Liebe und Neigung und zugleich mit welchem Ernste und Fleiße I. sich der Naturgeschichte widmete und welche bedeutenden Fortschritte er machte, beschloß er ihn ganz für dieses Fach zu gewinnen. Freundlich und herzlich, wie Hellwig war, zog er den jungen I. an sich heran und trotz des Unterschiedes der Jahre war er ihm bald mehr Freund als Lehrer. Bald war I. sein treuer Gehülfe beim Ordnen seiner umfassenden Sammlungen sowie seiner litterarischen Arbeiten, sein beständiger Begleiter auf seinen Excursionen und kleinen Reisen, und schließlich nahm er ihn in sein Haus und seine Familie auf. – Im J. 1793 bezog I. das Collegium Carolinum, an welchem damals Ebert, Eschenburg, Zimmermann und Knoch lehrten. Da er die Absicht hatte Medicin zu studiren, so besuchte er zugleich als Vorbereitung zum Universitätesstudium das Collegium medico-chirurgicum und hörte daselbst die Vorträge von Hildebrandt, Roose und Wiedemann. Aber sein zarter, durch verspätetes ungemein rasches Wachsthum angegriffener Körper war den gesteigerten Anstrengungen nicht gewachsen. Schon im folgenden Jahre entwickelte sich ein sehr bedenkliches Brustleiden und ein heftiger Bluthusten warf ihn auf das Krankenbett. Lange schwebte sein Leben in der größten Gefahr. Allmählich trat jedoch unter der liebevollen und sorgsamen Pflege, mit welcher Hellwig’s älteste Tochter seiner wartete, eine Besserung ein. Aber sein Körper blieb siech und schwach und nur die strengste Entsagung und größte Vorsicht und Achtsamkeit auf die Vermeidung aller schädlichen Einflüsse hielt ihn von jetzt an aufrecht. Während er noch an das Zimmer gefesselt war, beschäftigte er sich mit der Durchmusterung von Hellwig’s Insectensammlung, welche, was die zweckmäßige Anordnung und genaue Bestimmung der Arten betrifft, damals die berühmteste der ganzen Welt war. Als die Aerzte erklärten, daß bei seinem geschwächten Körper eine Fortsetzung des medicinischen Studiums eine Unmöglichkeit sei, wandte er sich ganz der Entomologie, die von allen Zweigen der Zoologie damals vorzugsweise bearbeitet wurde, zu und war bald mit den Schriften der bedeutendsten Entomologen, Fabricius, Herbst, Panzer und Hellwig selbst genau bekannt. Alle neuen Erscheinungen, an welchen jene Zeit sehr reich war, wußte er sich zu verschaffen, und diese regten ihn an selbständig zu untersuchen, wobei ihm die Benutzung der Hellwig’schen Sammlung von großem Nutzen war. Bald gelang es ihm auch eine Reihe von nicht unwichtigen kritischen Bemerkungen und Berichtigungen aufzustellen, welche Hellwig theils in seinem ausgebreiteten Briefwechsel, theils in seinen entomologischen Schriften, ohne Illiger’s Namen zu verschweigen, verwerthete, so daß dieser bereits bei den Entomologen bekannt war, ehe er selbst etwas geschrieben hatte. Hellwig ermunterte ihn jedoch auch zu selbständigen schriftstellerischen Arbeiten und so erschien im J. 1794 zuerst von ihm ein Aufsatz „Beschreibung einiger neuer Käfer“ in Schneider’s entomologischem Magazin. Diesem folgte bald ein zweiter, „Nachricht von einer in etlichen Gersten- und Haferfeldern um Braunschweig wahrscheinlich durch Insecten verursachten Verheerung“ im Braunschweigischen Magazin 1795, Nr. 50. Noch in demselben Jahre erschien, allerdings unter Hellwig’s Namen, aber von I. bearbeitet und mit schätzbaren Anmerkungen versehen, das erste größere Werk, die zweite Auflage von Rossi’s Fauna Etrusca. Im J. 1798 veröffentlichte er eine Bearbeitung [25] von Kugelmann’s Verzeichniß der Käfer Preußens, in welcher er eine Menge verkannter Arten scharf unterschied, viele Varietäten auf ihre Arten zurückführte, zugleich Vorschläge zur Verbesserung der Terminologie machte und das damals geltende natürliche System der Insecten wesentlich verbesserte, indem er die Mängel des Fabricius’schen Systems durch eine Verschmelzung mit dem Linné’schen in einer recht glücklichen Weise abzustellen suchte. Von kleineren Aufsätzen sind aus dieser Zeit zu erwähnen: „Die Wurmtrockniß des Harzes“ im Braunschweigischen Magazin 1798 Nr. 49 und 50 und „Die Erdmandel“ ebendaselbst 1799 Nr. 29.

Währenddem hatte sich in Folge der sorgsamsten Pflege sein Körper derartig gekräftigt, daß er daran denken konnte, die unterbrochenen Studien zu vollenden. Doch ein großes Hinderniß stellte sich diesem Wunsche entgegen; es fehlten ihm die Mittel. Hellwig wandte sich an den Herzog von Braunschweig Karl Wilhelm Ferdinand, welcher auf seine Empfehlung dem jungen strebsamen Naturforscher ein Stipendium bewilligte, und so bezog I. Ostern 1799 die Universität zu Helmstädt, wo er die Vorträge von Beireis, Bruns, Schulze, von Crelle und Pfaff hörte. Nach einem Jahre vertauschte er diese Universität mit Göttingen und wurde ein eifriger Schüler von Blumenbach, Heine, Eichhorn und Heeren. Noch während er studirte, erschien sein erstes vollständig selbständiges, größeres Werk: „Versuch einer systematischen Terminologie für das Thier- und Pflanzenreich, 1800“, welches er seinem Gönner, dem Herzoge, widmete. I. machte hierin zuerst den Versuch die allgemeine naturhistorische Terminologie von der besonderen eines jeden Reiches und jeder Klasse zu trennen. Wenn auch viele Mängel nicht zu verkennen sind, so war diese Arbeit doch für die damalige Zeit ein großer Fortschritt und wurde einer der Grundsteine, auf welchen sich das Gebäude der Zoologie aufbaute. Bald darauf veröffentlichte er eine zweite Ausgabe des Verzeichnisses der Wiener Schmetterlinge von Denis und Schiffermüller, welche er mit zahlreichen Verbesserungen und Zusätzen ausstattete. Zugleich unternahm er eine Uebersetzung des geschätzten und seiner Kostbarkeit wegen für die meisten Entomologen unzugänglichen Werkes über die Insecten von Olivier, welches er ebenfalls mit wichtigen kritischen Bemerkungen versah und zu welchem später Sturm in Nürnberg die Kupfer lieferte.

Im J. 1802 kehrte I. wieder nach Braunschweig zurück und wurde von Hellwig wiederum mit Freuden aufgenommen. Hier hatte in der Zwischenzeit der Graf von Hoffmannsegg, welcher sich mit großem Eifer der Entomologie gewidmet hatte, nach einer Reise durch Portugal Aufenthalt genommen und seine Insectensammlung, welche in Folge seiner Verbindungen mit fremden Welttheilen sowie der Bemühungen eines eigenen Reisenden, welchen er auf seine Kosten ausgesandt hatte, was den Umfang betrifft, die größte der ganzen Welt war, aufgestellt, um sie mit Hellwig’s Hülfe systematisch zu ordnen. Hellwig viel beschäftigt und nur noch langsam mit der Zeit fortschreitend, übertrug diese Arbeit I., welcher sich dieser ihm sehr angenehmen Beschäftigung mit großem Eifer widmete. Eine kleine Pension, welche ihm der Herzog ausgesetzt hatte, sowie das allerdings nur sehr geringe Honorar für seine schriftstellerischen Arbeiten reichten für seine bescheidenen Ansprüche aus, und der Umgang mit dem fein gebildeten Grafen, mit welchem ihn bald die innigste Freundschaft verband, war für ihn sehr bildend. Eine Fülle von neuen Beobachtungen und welche in Folge des reichlichen Materials, welches I. in der umfassenden Sammlung zu verarbeiten hatte, sowie seiner ausgebreiteten Correspondenz mit allen berühmten Entomologen Europa’s bald vorlag, veranlaßten I. ein Magazin für Insectenkunde herauszugeben, welches vom J. 1802–7 in sechs Bänden erschien und zum allergrößten Theile Aufsätze von I. enthielt. Dies Unternehmen trug viel dazu bei, die allgemeine Anerkennung seiner Verdienste noch zu vermehren [26] und auf Fabricius’ Antrag verlieh ihm die Universität Kiel das Doctordiplom. – Obgleich ihn die Entomologie vorzugsweise anzog, beschäftigte er sich doch auch mit den höheren Thieren, wie seine Abhandlungen: „Ueber die südamerikanischen Gürtelthiere“, in Wiedemann’s Archiv für die Zoologie 1804; „Die wilden Pferde in Amerika“, im Braunschweigischen Magazin 1805 Nr. 7 und „Nachricht von dem Hornvieh in Paraguay in Südamerika“, ebendaselbst 1805 Nr. 15 und 16, beweisen.

Hart traf ihn der Tod seines Gönners, des Herzogs, 1806, indem er nicht nur seine Pension dadurch verlor, sondern auch die gegründete Aussicht auf eine feste Anstellung. Auch der Bluthusten stellte sich wieder ein und mahnte zur größten Vorsicht. Der durch die kriegerischen Ereignisse unterbrochene litterarische Verkehr sowie die politischen Umwälzungen in seinem Vaterlande verleideten ihm den Aufenthalt in seiner Vaterstadt und mit Freuden folgte er einer Aufforderung des Grafen von Hoffmannsegg, welcher nach Berlin übergesiedelt war, ihm zu folgen, um eine Sendung von Säugethieren und Vögeln aus Brasilien zu bestimmen und zu ordnen. Aber schon nach siebenmonatlicher Abwesenheit zwang ihn ein erneuerter heftiger Ausbruch seines alten Uebels wieder nach Braunschweig zurückzukehren. Bei der sorgsamen und geschickten Behandlung seines Freundes Heyer genas er jedoch bald wieder, und es schien, als wenn die heimtückische Krankheit jetzt ganz überwunden sei, denn sein Körper kräftigte sich mehr und mehr und er fühlte sich so wohl, wie seit Jahren nicht. In dieser Zeit veröffentlichte er einige kleine Abhandlungen im Braunschweigischen Magazin: „Ueber die Fortpflanzungsweise des Amerikanischen Beutelthieres“ und „Ein Mittel zur Vertreibung der Motten und anderen Ungeziefers“. Im J. 1810 hatte I. endlich die Freude eine feste Lebensstellung zu erhalten, indem er von dem damaligen Director der Section für Kultus und öffentlichen Unterricht, v. Humboldt, nach Berlin gerufen wurde, um die Aufsicht über die königliche Naturaliensammlung zu übernehmen. Mit regem Eifer begann I. die dort aufgespeicherten reichen Schätze zu ordnen. Für die Entomologie blieb ihm jetzt wenig Zeit übrig, da die höheren Thierklassen zunächst seine ganze Thätigkeit erforderten. Die Früchte dieser Studien waren zunächst Abhandlungen über die geographische Verbreitung der Säugethiere, welche in den Abhandlungen der königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin 1811 und 1812 erschienen und sein „Prodomus Systematis Mammalium et Avium“, 1811, ein Werk, welches seine Zeitgenossen für die wichtigste Erscheinung in der zoologischen Litteratur jener Zeit erklären. Das darin aufgestellte System schließt sich an das ältere von Cuvier, bringt jedoch manche eigene Ansicht und berücksichtigt die neueren Untersuchungen; so führt es den Menschen als erste Ordnung ein und trennt die Monotremen von den Edentaten und stellt sie als eigene Ordnung auf. Zu erwähnen ist, daß dieses System eine Menge von neuen, scharf charakterisirten Gattungen enthält und sich namentlich durch die Terminologie auszeichnet. Wie schon früher definirt I. die Art als den Inbegriff gleiche Junge zeugender Geschlechter. Da sein Gesundheitszustand zu keinen Befürchtungen mehr Veranlassung zu geben schien, so führte er seine frühere sorgsame Pflegerin, Hellwig’s älteste Tochter, als Gattin heim und schien in einer ihm zusagenden Stellung an ihrer Seite einer glücklichen Zukunft entgegen zu gehen. Aber im Winter 1812 stellte sich das alte Leiden wieder ein. Noch einmal genas er und verlebte noch ein glückliches Jahr, in welchem er sich mit dem Ordnen einer neuen, lang ersehnten Sendung brasilianischer Thiere und mit einer systematischen Bearbeitung der Amphibien beschäftigte. Allein es war ihm nicht vergönnt diese Arbeiten zu vollenden. Im Frühlinge 1813 stellte sich der Bluthusten wieder ein und trat bald mit solcher Heftigkeit auf, daß jede Hoffnung auf einen günstigen [27] Ausgang schwinden mußte. In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1813 wurde I. nach unsäglichen, mit bewunderungswürdiger Geduld ertragenen Leiden den Seinigen und der Wissenschaft nur zu früh entrissen.

Abhandlungen der königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin aus den Jahren 1814–15. Berlin 1818.
W. Heß.