ADB:Mara, Elisabeth
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Mara: Gertrud Elisabeth M., geb. Schmeling, eine der ausgezeichnetsten deutschen Sängerinnen, geb. zu Cassel am 2s. Febr. 1749, † am 8. Jan. 18:33 zu Reval. Lange Zeit ist das Bild dieser ausgezeichneten Künstlerin getrübt gewesen durch die vielfach irrigen Angaben, welche Rochlitz in seiner Schrift „Für Freunde der Tonkunst“ über sie in die Welt geschickt und die selbst daß Mendel’sche Musiklexikon noch nicht vermieden hat, obgleich es die wesentlichste Quelle zur Richtigstellung der Rochlitz’schen Unrichtigkeiten, die von O. v. Riesemann 1875 in der „Allgem. Musikalischen Zeitung“ publicirte Selbstbiographie der M. anerkennend citirt. Neuerdings ist durch A. Niggli eine alles Wesentliche verarbeitende Biographie der Künstlerin, als 30. Heft der Sammlung Musikalischer Vorträge (dritte Reihe S. 165–208) erschienen, der auch wir zumeist folgen werden. – Gertrud ward als daß achte Kind des Raths und Stadtmusikers Johann Schmeling geboren. Ihre früheste Jugend war trübe genug. Früh verlor sie die Mutter und von der Rhachitis befallen, sah sie sich auf das Zimmer angewiesen. In einem hohen Lehnftuhl verbrachte sie ihre Tage; da geschah, daß sie einst aus Langerweile eine Violine zur Hand nahm und in Unordnung brachte. Als Strafe dafür mußte sie das Instrument spielen lernen und erwarb sich schon in wenigen Stunden erfreuliche Kenntnisse. In Kassel machte das Ansehen und erwarb ihr gütige Gönner, die ihr im Herbst 1755 eine Reise nach Frankfurt in Gemeinschaft mit ihrem Vater ermöglichten, wo sie ungemein bewundert wurde und Gelegenheit fand, ihre musikalischen Kenntnisse zu erweitern. Nachdem ihr auch die Benutzung des Bades ermöglicht worden, das ihre Krankheit vertrieb, ging sie in Begleitung ihres Vaters den Rhein hinab, bis nach Brabant und Flandern, spielte in Antwerpen, wo sie auch einige Gesangsstunden erhielt, Rotterdam, Haag, Leyden, Utrecht, Amsterdam, Harlem und wandte sich 1759 nach England. Ein im Verein mit andern musikalisch hoch begabten Kindern im Haymarkettheater zu London am 23. Aprill760 gegebenes Concert verschaffte ihr auch hier vielen Beifall. In diese Zeit fällt der Beginn ihrer Laufbahn als Sängerin; hohe Kreise hatten sich daran gestoßen, daß ein Mädchen Violine spiele und gerathen, es zur Sängerin auszubilden. Schmeling ließ daher seiner Tochter zunächst Unterricht im Guitarrespiel bei dem Portugiesen Rodrigo geben und führte sie dann dem italienischen Gefangslehrer Paradisi zu. [287] Die hohen Forderungen des Italieners führten indessen bald den Verzicht aus seine Lectionen herbei und M. bemerkt ausdrücklich in ihrer Selbstbiographie, daß sie außer den etwa auf vier Wochen sich vertheilenden italienischen Unterricht, keinen mehr gehabt habe. 1760 verließ Schmeling mit seiner Tochter London und ging in die Provinzen, 1761 kam er nach Irland, 1763 abermals nach England und auf die Nachricht von dem Tode seiner zweiten Frau im folgenden Jahre nach London, von wo er nach der Heimath zurückkehren wollte, aber kurz vor der Abreise, wie schon einmal in Irland, in Schuldarrest genommen wurde. Gertrud machte sich nun allein auf, bestimmte ihren Gönner, Herrn de Brun in Harlem, den Vater zu erlösen und zog nach der Wiedervereinigung mit ihm durch Holland, den Rhein hinauf über Franksurt nach ihrer Vateritadt, wo sie im Frühjahr 1765 eintraf. Die Hoffnung ihrer enthusiasmirten Landsleute, sie an der kurfürstlichen Oper angestellt zu sehen, scheiterte an dem Urtheil des ersten Sängers Morelli, der dem Kurfürsten von ihr berichtete: „k11r1, esnt-x come ums tsäesOs“. Nach fleißig fortgesetzten Studien ging M. mit ihrem Vater im Frühjahr 1766 über Göttingen – wo das Publikum ihr zujubelte, Gotter sie besang – Hannover und Braunschweig nach Leipzig, und wurde hier kurz nach ihrer Ankunft im Spätherbst dieses Jahres als erste Concertsängerin mit dem hohen Gehalt von 600 Thalern engagirt. Zugleich mit ihr wirkte in dem Kleinparis die unvergeßliche Corona Schröter, freilich von der M. übertroffen, der auch Goethe „als ein erregbares Studentchen wüthend applaudirte“ und bereits damals (17ö8) nach der Aufführung der Hasse’schen Sant:-t 13J10118 a1 09.1y:1rj0 die Verse widmete:
Klarster Stimme, froh an Sinn – Dort, wo Alles wohl gelang, Reinste Jugendgabe – Unter die Beglückten
Zogst Du mit der Kaiserin Riß Dein herrschender Gesang
Nach dem heil’gen Grabe. Mich, den Hochentzückten.
M. studirte mit außergewöhnlichem Fleiße und genoß neben dem Gesangs auch Sprach-, Clavier-, Schreib- und Tanzunterricht. Sie sang jener Zeit Arien Hasse’s, Schwanberger’s, Graun’s, Benda’s, Jomelli’s und Pergolese’s, die der beiden erstgenannten mit besonderer Vorliebe. Auch in Hasse’schen Opern, die Hiller ohne Action aufführte, trat sie auf. 1767 erhielt sie von der zur Michaelismesse nach Leipzig gekommenen verwittweten Kurfürstin Maria Antonia, die selbst Componistin war, die Aufforderung, die Hauptrolle einer von ihr gesetzten Oper zu übernehmen. Bis dahin dem Theater ganz fremd, sah sie nicht ohne Sorge der Vorstellung entgegen. Doch die Kurfürstin nahm sich ihrer an, unterwies sie namentlich im Recitativ und die Künstlerin gesteht in ihrer Selbstbiographie zu, .,das Recitativ habe ich ganz ihr zu danken“. Mit einer goldenen emaillirten Dose und 100 Ducaten beschenkt kehrte M. nach Leipzig zurück. Nachdem M. 1768 auch in Mecklenburg gesungen hatte, beschloß sie 1771 zu ihrer besseren Ausbildung nach Italien zu gehen. Sie gab am 24. März 1771 ihr Abschiedsconcert und besuchte im Mai zunächst Potsdam, wo ihr Geschick die bemerkenswerthefte Wendung erhielt. Benda, von ihrem Kommen unterrichtet, besuchte sie, lud sie für dm folgenden Tag ein und dort hörte sie General Tauenzien, auf dessen Veranlassung sie noch am selbigen Abend auf das Schloß befohlen wurde. Furchtlos trat sie Friedrich dem Großen entgegen und sang mit beschleunigtem Tempo die von ihm gewünschte berühmte Bravourarie aus Graun’s Britannicus „1dijpsreutj, j1 üg1jo juc1egn0“. Der König, der sonst von deutschen Sängerinnen nichts hielt, fand sich von ihren Leistungen gefesselt, ließ sie während der nächsten sechs Wochen allabendlich holen und als sie ihre Reise fortsetzen wollte, nach vielem Widerstreben ihrerseits endlich durch ihren Vater bestimmen, “ einen Contract auf zwei Jahre als Prima Donna der italienischen Oper mit [288] 3000 Thaler Gehalt zu unterzeichnen. Später verlängerte sich der Contract und M. trat in einer Reihe der bedeutendsten Opern, die zur Carnevalseit gegeben wurden, auf und errang die Bewunderung der Kenner. Zelter schreibt: „Größeres als ihre Königin Rodelinde habe ich nicht vernommen“. Leider fällt in diese Zeit eines zum Höchsten emporsteigenden künstlerischen Ruhms der Beginn jenes schweren Geschicks, welches die Frau durch ihre glühende Leidenschaft zu dem außerordentlich schönen, aber charakterlosen und liederlichen Violincellisten des Prinzen Heinrich von Preußen, Johann Mara (geb. 1744), traf. Sie überwand alle Hindernisse, die auch vom König einer Verbindung mit dem Trunkenbold entgegengesetzt wurden, trennte sich von ihrem Vater, dem sie 600 Thaler Jahrgehalt aussetzte und heirathete 1772 den Geliebten. Der König, der schon vorher durch daß Gerücht einer beabsichtigten Flucht seiner Sängerin nach Italien mißtrauisch geworden war, schlug ihr 1774 ein Gesuch um Urlaub zu sehr einträglichem Gastspiel in London ab, und als daß Ehepaar trotzdem den Versuch machte, die Reife nach England auszuführen, erhielt der Gatte 10“ Wochen Arrest. Andere Reifeprojecte müssen dem König ungefährlich erschienen sein, denn 1777 begegnen wir M. in Begleitung ihres Gatten in Leipzig, Frankfurt, Cassel –– hier küßte sie der Landgraf in seiner Loge auf die Stirn und der Sänger Bartolotti fiel vor Entzücken über ihren Gesang in Ohnmacht! – und Spaa, 1778 in Straßburg und Weimar, 1779 in Mecklenb1ng-Schwerin und Hamburg. Um so hartnäckiger verweigerte Friedrich II. 1780 einen sechsmonatlichen Urlaub zum Gebrauch einer Kur in Teplitz, mit mehr Erfolg als 1774 setzte die energische Frau diesmal einen Fluchtversuch inis Werk. Ueber Teplitz reiste sie nach Prag, wo ihr der Abschied aus preußischen Diensten zugestellt wurde, von da nach Wien, dann nach Preßburg, abermals über Wien und Prag nach München, darauf nach Zürich, Bern, Genf und 1782 nach Paris. Alles jubeltes in der französischen Hauptstadt ihr zu und mit dem Titel einer p1–Omj0re cbum.eus (1e 1t1 Reine geziert, trat sie ihre Reife durch Frankreich an, von der sie 1783 wieder nach Paris zurückkehrte. Wie sich einst in Leipzig Parteien zu Gunsten der Schröter einer-, zu Gunsten der M. andererseits gebildet hatten, so gab es in Varis bald Anhänger der damals gefeicrten italienischen Sängerin Luize Todi (1758–1838 und nicht wie Niggli angibt 1793), die Todiften, welche mit den Maratisten in heftiger Fehde lagen, an der aber die Sängerinnen selbst glücklicherweise keinen Antheil nahmen. So glänzend aber auch die Pariser Erfolge der M. waren, sie sollten noch übertroffen werden durch den Beifall des englischen Publikums. Am 24. März 1784 trat sie zum ersten Mal seit ihrer Jugend wieder in London auf und die höchste Aristokratie, allen voran der Prinz von Wales, bezeugten ihr unbegrenzte Verehrung. Im Concettsaal, bei Oratorienaussührungen (Händel’sche) und in der Oper wurde ihr während der nächsten Jahre die äußerste Huldigung dargebracht, und wenn sie 1785 auch durch einen Verstoß gegen die nationale Sitte eine Unart gegen sich hetaufbeschwor, so hatte das doch keinen tieferen Einfluß auf ihre künstlerische Stellung. 1788 betrat sie denn endlich auch das Land ihrerfrüheren Sehnsucht: Italien. In Turin, Mailand, Crema, Venedig sang sie und Hof und Publikum jubelten ihr zu. In letzterer Stadt bereitete man ihr außergewöhnliche Ovationen, gestand ihr den Sieg über italienische Sangeiskünstler zu und die Damen schmückten sich mit Bändern, auf denen der Name der Sängerin zu lesen war. 1790 und 1791 entzückte sie wieder London, daß sie nach dem Vortrag einer Händel’schen Arie mit dem schmeichelhaften Beinamen „Pfeiler des Gesangs“ auszeichnet. Ende des Jahres zog sie abermals nach Venedig, wo sie während des Carnevals wirkte und reiste dann über Mailand, Genua und Paris nach London zurück. Auf die mm folgenden Jahre wirft ihr eheliches Mißgeschick tiefe Schatten und [289] – entfremdet sie zum Theil selbst ihren Verehrern. Die durch sie 1795 herbeigeführte Trennung von dem Unwürdigen, dem sie ein Jahresgehalt aussetzte und der ganz verkommen 1808 zu Schiedam bei Rotterdam starb, gab ihr endlich die Freiheit wieder und ließ ihre Beziehungen zum Publikum wieder die alten werden. Am 3. Juni 1802 schied sie von London, unternahm in selbem Jahre eine Concertreise durch Frankreich, sang auch in der großen Oper zu Paris, doch ohne den alten Erfolg und ließ sich dann in Frankfurt a. M. hören, 1803 in Gotha, Weimar, Leipzig, Dresden, Berlin, 1804 in Petersburg und 1805 in Moskau. War auch den Kennern eine Abnahme ihrer Stimme nicht entgangen, so erregte die Sängerin immer noch ungemeins Ansehen, besonders in Rußland, was sie denn auch bestimmte, sich in Moskau anzukaufen. Die bekannte Katastrophe, welche 1812 über diese Stadt hereinbrach, vernichtete auch daß Anwesen der M. und den größten Theil ihres Baarvermögens. Mit dem Uebriggebliebenen lebte sie nun theils in Reval, theils auf dem Landgute Mödders der ihr befreundeten Kaulbars’schen Familie, kehrte aber 1819 noch einmal nach England zurück, um einen Freund aufzusuchen und trat im folgenden Jahre dort nochmals öffentlich aus. Ueber Cassel und Berlin kehrte sie endlich 1822 nach Reval zurück, wo sie erst 1833 starb. Die Frische war ihr bis zuletzt geblieben, ja sie unterrichtete noch im Gesang, sang noch selbst und machte so das Zelter gegebene Wort wahr: „ich sterbe, wenn ich nicht mehr singe“. Wie ihr einst der jugendliche Goethe poetisch seine Huldigung dargebracht, so verklärte sein Genius auch noch ihr hohes Alter. Zum 23. Februar 1831, ihrem 83. Geburts tag, schrieb Goethe auf Zelters Veranlassung folgende Verse, die von Hummel componirt, von „lieben Schülerinnen würdig vorgetragen wurden“:
Sangreich war Dein Ehrentag, Nah dem Ziele, denk’ ich heut
Jede Brust erweiternd; .Jener Zeit, der süßen;
Sang auch ich auf Pfad und Steg, Fühle mit, wie mich’s erfreut, Müh’ und Schritt erheiternd. Segnend Dich zu grüßen.
Auf ihrem Grab auf dem evang.-lutherischen Friedhof in Reval steht ein Denkstein mit den Worten: „Hier ruht-t die Sängerin Mara, sie, die einst Europa tn Entzücken und Bewunderung setzte. Heilig sei diese Stätte jedem Freunde des Schönen und der Kunst.“ – Die Stimme der M. war von ungemein großem Umfang, sie reichte vom kleinen g biks zum dreigestrichenen O. Die tadellose ,Intonation, durch die sie sich auszeichnete, verdankte sie nach ihrem eigenen Geständniß der Violine. Sie war im Allegro und im getragenen Gesang gleich vollkommen; vermochte ih1e starke, biegsame und ausgeglichene Stimme jedes Orchester zu übertönen, so stand ihr doch auch das zarteste Pianissimo zur Verfügung. Außerordentlich kam der Künstlerin ihr mit seltenstem Fleiße erworbenes theoretisches Wissen in der Musik zu Gute und daß, verbunden mit richtigem Tactgefühl, ließ sie in ihren kühnen .Improvisationen nie geschmacklos werden.
- Vgl. außer Niggli und den bei diesem angeführten Quellen für die Verliner Epoche auch Schneider, Gesch. der Oper u. des Kgl. Opernhauses zu Berlin, welcher die Stellung des Königs zu Mara zum Theil unter Beibringung des aetenmäßigen Materials noch klarer stellt, als dies Niggli thut.