ADB:Pietsch, Johann Valentin
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Pietsch: Johann Valentin P., Dichter, geboren am 23. Juni 1690 zu Königsberg in Preußen. Er studirte Heilwissenschaften an der Universität seiner Gt-burtsstadt und später in Frankfurt an der Oder, wo er 1713 zum 1)0ctor 111ec1jOj1r1o prOmovirt wurde. In seine Heimath zurückgekehrt, erlangte er als Anerkennung für das ursprünglich anonym veröffentlichte Gedicht „Ueber den ungarischen Feldzug des Prinzen Eugen“ die Professur der Poesie an der Universität und die Würde einecz Magisters der Philosophie. 1719 wurde er Hosrath, königl. Leibmedicus und Oberlandphysicus. Er starb am 29. Juli 1733. Diesem wenig bewegten Lebenßgang entspricht auch seine litte1–atische Wirksamkeit. P. war keiner derjenigen, die es auch nur versucht haben, der Dichtung neue Bahnen zu weisen. Er blieb innerhalb der engen Grenzen, die ihm sein bescheidenes Talent gezogen, und auf Wegen, die begabtere Genossen vor und m-ben ihm ausgetreten haben. Er wäre wol mit seinen Leistungen nicht über die Berühmtheit einer Localgröße hinausgekommen, wenn nicht die mit berechncter Erwartung auf Gegendienste allezeit dienstbereiten kleineren Poeten seiner Zeit ihn auf ihren Schild gehoben hätten. Dazu kamen freundschaftliche Beziehungen zu Neukirch, Besser und Gottsched, so daß man in der hyperbolischen Art jener Zeit dem deutschen Publicum „Entzücken“ einreden konnte, „Wenn Pietschens Helden-Lied durch Phöbus Hayne schallet“ und aus ein unbedeutendes kleines Bruchstück einer Cäsartragödie hin, in ihm einen zukünftigen „anderen Sophokles sah. Besonders warm gestaltete sich daß Verhältniß zu Gottsched, der in P. seinen früheren Lehrer schätzte. A12 Gottsched aus Anlaß eines Disputes und einer Wette zwischen dem Kronprinzen Friedrich von Preußen und Keyfcrling über Pietschens Werth als Dichter, um seine Meinung befragt wurde, äußerte er sich mit großer Wärme über ihn. Bei dieser Gelegenheit.etwähnte Gottsched eine im Drucke befindliche neue Ausgabe von Pietsch’s Werken, die unbekannt geblieben ist. Die bald darauf 1740 erschienene, von J. G. Bock besorgte kann nicht gemeint gewesen sein, weil Gottsched seine Ausgabe dem Prinzen Friedrich widmen wollte, „wenn er wüßte, das dem Kronptinzen damit ein Gefallen geschehe“. Möglich, daß durch die Ausgabe von Bock die neue vielleicht noch nicht fertiggestellte Gottscheds überflüssig gemacht und daher nicht der Oeffeni-
[124] lichkeit übergeben wurde. Pietsch’s Dichtungen sind zumeist aus Anlaß verschiedener Zeit- und Hofereignisse geschrieben. Sein Amt verpflichtete ihn, den u Krönungstag des Königs und das Geburtsfest der Königin poetisch zu feiern, “ y dazu setzte er noch bei der Geburt eines Prinzen oder bei Hochzeits und Leichenbegängnissen hoher Gönner oder befreundeter Königsberger Familien seine Muse in Contribution. Seine poetische Ausdrucksweise ist im Gegensatze zur „italienischen Schreibatt“ der sogenannten zweiten schlesischen Schule, frei von Bilderwulft und zusammengebettelten Prunkworten, vom Schwelgen in Blut und Greuel, dagegen nüchtern und trocken nach der Weise der ihm geisteä-verwandten „Hofpoeten“ Canitz, Besser, König, die alle die mangelnde leidenschaftliche Gluth durch Strohfeuer ersetzten. Wie früher mit Kraftworten, so wird jetzt mit pathetischen Fragesätzen und Aus Srufungszeichen die Stimmung in die Gedichte hineingetragen. Alle diese Staats und Heldengedichte nehmen einen Anlauf zum Fluge und bleiben niedergedrückt von Langeweile und Nüchternheit auf der Erde. Am höchsten zeigt sich Pietsch’s Leistungsfähigkeit in seinem Heldengedichte „Karl des Sechsten im Jahre 1717 erfochtener Sieg über die Türcken“, das als Fragment, vier Bogen stark im Druck erschien, öfter nachgedruckt, später von Gottsched und endlich von Bock, von diesem aber aus den nachgelassOnen Schriften vermehrt und mit Verbesserungen von des Herausgebers Hand ver- öffentlicht wurde. Aber mehr als einzelne Anläufe zu lebendiger Darstellung und hie und da glücklich geformten Gedanken sind auch diesem Werke nicht nachzurühmen. Die Schilderungen sind breit und ungegenständlich, und das Fortschreiten der Erzählung bei jeder etwas.; bewegten Handlung durch öde Reflexionen des Dichters aufgehalten. Aber dies Gedicht erregte in Deutschland großes Ansehen und erwarb dem Verfasser allgemeine Anerkennung, die auch der Aufnahme seiner anderen Gedichte zugute kam. Nur Friedrich der Große hatte für sein zum 15. Juni 1783 gedichtetes Vermählungslied wenig Dank übrig. Einzelne Gedichte von P. wurden häusig nachgedruckt, so z. V. daß König Friedrich Wilhelm am 14. August 1732 gewidmcte Gt–burtstagsgedicht in Vernanders verirrten Musen u. s. w. In seinen wenigen Gedichten, die außerhalb des Rahmens der Helden-, Staats , Trauer- und Vermählungsgedichte fallen, zeigt er Spuren cins Einflusses des Horaz und Boileau. In seinen geistlichen Gedichten versucht er u. a. durch eine merkwürdige Verbindung von Cantaten, Arien, Recitativen, Chören u. s. w. „Ausführliche Abbildung aller Leidens Marten und Todes Qualen JCfu Christi des Crlöfers der Welt“ betitelt, eine neue Art von Oratorientexten zu schaffen. Diese geistliche Dichtung enthält neben schlechter Prosa vergleichbaren Versen auch Stellen von tiefer, warmer Empfindung und frommer Innigkeit. Er soll auch ein -Oen–n19n 11erojcum (1e .lesu 0llristo pzojs repzrztore“ 1725 gedichtet haben. In lateinischer Sprache sind auch mehrere medicinische Schriften, z. B. „1)e in11zec1jto me(1jcj118.0 p1–ogrsu“, die er pro gr:1(1u schrieb, (19 8tjbj0 D-Sterur11 etc. verfaßt. P., der seine Persönlichkeit nie in den Vordergrund schob, ist durch die damaligen erbärmlichen litterarischen Verhältnisse und durch die Seichtheit der zeitgenössischen zu unverdienter Bedeutung emporgeschraubt worden. Nur insofern er dadurch zur Charakterifirung jener Zeit beiträgt, verdient er historische Beachtung.. D. H. Arnoldts ausführliche und mit Urkunden versehene 11jstori-1 der Königsberger Universität. Königsberg 1746. Bd. 2. – Herrn 1). Johann Valentin Pietschen Gesamlete Poetische Schrifften S(1. Gottsched, Leipzig 1725. – Des Herrn Johann Valentin Pietschen gebundene Schriften in einer vermehrtern Sammlung ans Licht gestellet von J. G. Bock. Königsberg 1740.