ADB:Reina, Cassiodoro de

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Artikel „Reina, (Cassiodoro de)“ von Hermann Dechent in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 27 (1888), S. 720–723, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reina,_Cassiodoro_de&oldid=1702199 (Version vom 30. September 2014, 19:55 Uhr UTC)
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Reina: (Cassiodoro de) R., evangelischer Theologe, geboren zu Sevilla um 1520, † am 15. März 1594 zu Frankfurt a. M. Aus seinem früheren Leben ist nur bekannt, daß er als Mönch im Kloster San Isidro in seiner Vaterstadt lebte und von Jugend auf sich mit dem Studium der heiligen Schrift eifrig beschäftigte. An der hoffnungsvoll aufblühenden evangelischen Bewegung, die von jenem Kloster ausging, nahm auch er Antheil, begab sich aber kurz vor [721] dem Ausbruch der Verfolgung, etwa 1557, in die Fremde und entging so dem Märtyrertode, den seine Gesinnungsgenossen erlitten. Von dieser Zeit an hat er in verschiedenen Ländern (in der Schweiz, in Deutschland, in England und den Niederlanden) oft unter Gefahren, stets in Dürftigkeit gelebt; die meiste Zeit jedoch hat er auf deutschem Boden zugebracht, so daß er, obwohl Ausländer, eine Stelle in der Allg. D. Biographie beanspruchen darf. Viele Schwierigkeiten bereitete ihm der Umstand, daß er bezüglich der Abendmahlslehre eine schwankende Haltung einnahm. Seine große Milde und Weitherzigkeit in dogmatischen Fragen wurde in jener confessionell zerklüfteten Zeit der Epigonen der Reformation als Charakterlosigkeit angesehen und machte ihn sowohl den Lutheranern als auch den Calvinisten strengerer Observanz verdächtig. Nachdem er die Heimath verlassen, gelangte er zunächst über Genf nach Frankfurt, wo er sich der französischen (reformirten) Gemeinde anschloß. Nach der Thronbesteigung der Königin Elisabeth begab er sich (1559) nach London, wo er Prediger der spanischen Gemeinde wurde. Hier arbeitete er ein Bekenntniß der Gemeinde aus, in dem er die Augsburger Confession mit den 42 Artikeln zu verbinden suchte. Als er aber in den Ehestand trat, verscherzte er sich die vorher genossene Gnade der dem Priestercölibat günstigen jungfräulichen Königin und zugleich damit seine Pension, und er mußte sogar 1563 aus England fliehen, da ihn spanische Agenten der Sodomie beschuldigten, um den verhaßten Ketzer zu vernichten. Einige Zeit brachte er in steter Lebensgefahr zu Antwerpen unter dem Schutze des Banquiers Marco Perez zu, vergeblich durch Philipp II. verfolgt, der einen hohen Preis auf sein Haupt gesetzt hatte, als er von seinem Vorhaben einer spanischen Bibelübersetzung erfahren hatte. Nach manchen weiteren Irrfahrten führte ihn sein Weg abermals nach Deutschland. Während dieses zweiten Aufenthaltes auf deutschem Boden verweilte er die meiste Zeit wieder in Frankfurt, unternahm aber von da aus viele Reisen, die ihn oft lange fern hielten. Theils nöthigte ihn zu diesem unstäten Leben eine schließkich doch erfolglose Bewerbung um eine reformirte Predigerstelle zu Straßburg; besonders aber der Druck seines bedeutendsten Werkes, das seinen Namen in der Geschichte der Evangelisation unvergeßlich gemacht hat, seiner spanischen Bibelübersetzung. Seit dem Verlassen seines Vaterlandes war sein ganzes Bestreben darauf gerichtet, seinen Landsleuten das Wort Gottes in ihrer Sprache in die Hand geben zu können; und trotz beständiger Hindernisse konnte 1569 die erste Ausgabe bei Thomas Guarin in Basel erscheinen. Ein gründlicher Kenner der orientalischen Sprachen war er zu solcher Arbeit vor anderen berufen und hat eine besonders durch Genauigkeit ausgezeichnete Version geliefert. Diese Uebersetzung wurde nachmals noch durch Valera nachgesehen und ist in mehr oder weniger veränderter Gestalt heute noch bei den Evangelischen in Spanien wie in Amerika am meisten verbreitet. Nachdem R. diese wichtigste Aufgabe seines Lebens gelöst sah, beschloß er, da noch immer keine Aussicht auf ein Pfarramt sich ihm darbot, in Frankfurt dauernd sich anzusiedeln und wurde am 16. August 1571 daselbst als Bürger aufgenommen. Um sich und die Seinen zu ernähren, mußte er Seidenhandel treiben; beschäftigte sich aber nach wie vor mit der Abfassung theologischer Schriften. Allmählich schloß er sich übrigens ganz den Lutheranern an, deren einflußreichster Prädicant, Mathias Ritter (II.) ihm befreundet wurde. Im J. 1578 traf ihn endlich ein langersehnter Ruf zu seelsorgerlicher Thätigkeit; die mit Frankfurt in lebhaftem Verkehr stehende lutherische Gemeinde in Antwerpen, welcher er in trüben Tagen nahe getreten war und deren Flüchtlinge er oft unterstützt hatte, forderte ihn auf, da nach dem Religionsfrieden von Antwerpen eine freundlichere Wendung ihrer Geschicke anzubrechen schien, eine Stelle als französischer Prediger anzunehmen. Er folgte [722] freudig dem Rufe, begab sich aber vor dem Antritt des Amtes nach England, um sich von der schändlichen Anklage, die einst wider ihn erhoben worden war, zu reinigen. Er wurde denn auch völlig freigesprochen, ließ sich aber bei diesem Anlaß zu einer Erklärung über das heilige Abendmahl bestimmen, welche dem lutherischen Lehrtypus nicht ganz entsprach. Dieser Schritt, zu dem ihn wohl die Rücksicht auf seine bedenkliche Lage getrieben, brachte ihm neue Schwierigkeiten; denn als er kaum seine neue Stelle angetreten hatte, veröffentlichten die Antwerpener Calvinisten jene Erklärung und verursachten damit einen Sturm in der lutherischen Gemeinde, die ohnedies durch einen Streit über die Erbsünde aufgeregt war. Doch ließ man sich bald durch die Versicherung Reina’s, an der Wittenberger Concordie von 1536 festhalten zu wollen, wieder beruhigen. Seine Stärke lag offenbar nicht sowohl in dogmatischer Präcision und Folgerichtigkeit des Denkens, als vielmehr in seiner praktischen Thätigkeit, welche ihm auch bald das volle Vertrauen seiner gleich ihm allem confessionellen Hader abgeneigten Gemeinde zuwendete. Unter seiner Leitung entfaltete sich mehrere Jahre lang das kirchliche Leben in verheißungsvoller Weise – er ließ einen Katechismus im Anschluß an den lutherischen in französischer, holländischer und lateinischer Sprache erscheinen, eine Agende entstand unter seiner Mitwirkung, tüchtige Schulen und evangelische Druckereien wurden gegründet. Aber rasch genug wurden die Verhältnisse für die Antwerpener Gemeinde wieder ungünstig, und Cassiodoro verließ die Stadt kurz vor der verhängnißvollen Einnahme durch Alexander von Parma (1585), um zum dritten Male, nun ein müder Greis, in Frankfurt eine Zufluchtsstätte für sich und seine große Familie zu suchen. Aber noch war sein Feierabend nicht gekommen; er sollte noch die schöne Aufgabe erfüllen, die niederländischen lutherischen Flüchtlinge iu der Mainstadt zu einer Gemeinde zu sammeln. Am 31. Mai 1585 gründete er eine niederländische Gemeinde Augsburger Confession in Frankfurt, welche nach dem Falle der heldenmüthig vertheidigten Stadt Antwerpen eine so bedeutende Verstärkung erhielt, daß sie das alte Antorfer Siegel beibehielt und bis auf den heutigen Tag gebraucht. Nach vielen Schwierigkeiten, welche das Mißtrauen der Lutheraner gegenüber den „Welschen“ hervorgerufen hatte, erlangte R., der zunächst wieder Handel treiben mußte, endlich 1592 für diese Gemeinde das Recht eines eigenen Gottesdienstes in französischer Sprache. Er selbst erhielt 1593, nachdem er seine Zustimmung zu der Concordienformel erklärt hatte, die zweite Predigerstelle an der Gemeinde, blieb aber bis an sein Ende seiner vermittelnden Richtung getreu, eine friedliche Johannesgestalt in einer kampflustigen Zeit. Die von ihm gegründete Gemeinde behielt ihren französischen Gottesdienst zweihundert Jahre lang (bis 1788), hat aber neuerdings ihren Charakter als Cultusgemeinde völlig aufgegeben und nur den Gotteskasten zur Unterstützung ihrer Mitglieder beibehalten, wobei übrigens noch immer die Zugehörigkeit zur unveränderten Augsburger Confession als Bedingung gilt. Bei dem 300jährigen Jubiläum dieser Gemeinde ward auch das Andenken des Stifters wieder durch eine Denkschrift neu belebt (Geschichte der von Antwerpen nach Frankfurt am Main verpflanzten Niederländischen Gemeinde Augsburger Confession, begonnen von Dr. theol. G. E. Steitz, fortgesetzt und herausgegeben von Dr. phil. H. Dechent, Pfarrer, Frankfurt bei Alfred Neumann, 1885). – Von den Söhnen hat Marco Cassiodoro de R., zu Basel etwa 1566 geboren, von 1596–1625 eine Stelle als deutscher und französischer Prediger an der Gemeinde seines Vaters bekleidet; Agostino durch Herausgabe einiger geographischen Werke sich bekannt gemacht.

Vgl. vor allem das vorzügliche Werk von Professor Eduard Böhmer, Biblioteca Wiffeniana, Spanish Reformers of two Centuries from 1520, [723] Vol. II, Strassburg and London, Trübner 1883. Hier sind auch sämmtliche Schriften Reina’s und seiner Söhne, sowie die Ausgaben der Bibelübersetzung aufgezählt.
H. Dechent.