ADB:Schein, Johann Hermann
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Schein: Johann Hermann S. war einer der berühmten drei S. im 17. Jahrhundert, nämlich Scheidt, Schein, Schütz, die auch alle drei geborene [716] Sachsen waren und deren Wirksamkeit ebenfalls Sachsen angehörte. S. war am 2C). Januar 1586 in Grünhain im Meißnischen geboren und starb am 19. November 1630 in Leipzig. Ein Leichensermon, der in den Monatsheften für Musikgeschichte, Bd.– 3 S. 26, abgedruckt ist, giebt uns über den äußeren Lebenslauf Schein’s genaue Kunde. Sein Vater war am obigen Orte Prediger, starb aber schon im Jahre 1593. Die Mutter zog mm mit ihrem Sohne nach Dresden und dieser wurde 1599 Cantoreiknabe in der kurfürstlichen Capelle und Schüler Roger Michael“3. Die Erziehung„der Cantoreiknaben erstreckte sich damals nicht nur bis zur Zeit des Mutitens, sondern der Kurfürst sorgte auch dafür, daß sie später etwas tüchtiges lernten, um dann entweder als Staatsbeamte oder als Musiker in seinem Lande zu wirken. S. wurde daher nach dem Mutiren der Stimme am 18. Mai 1603 nach Schulpforta geschickt, kehrte am 26. Aprill607 nach Dresden zurück und bezog nun die Universität in Leipzig, auf der er 4 Jahre lang Jura studirte. Die Musik ließ er dabei nicht ruhen, im Gegentheil huldigte er ihr eifrig und benutzte jede Gelegenheit, wo er etwas lernen oder B-weise seiner Kunstfertigkeit ablegen konnte. Besonders als Componist trat er in den Kreisen seiner Commilitonen öfter auf und errang sich damit manche fröhliche Stunde. Unbemittelt wie er war, mußte er nach abgelegten Studierijahren sein Geld als Hauslehtet, oder wie es damals hieß. als Präceptor verdienen. Das Glück wollte es, daß ihn ein reicher und musikltebendet kurfürstlich sächsischer Hauptmann zu Weißenfels, Gottfried v. Wolffets dorf, in Dienst nahm, bei dem er nicht nur die Kinder zu unterrichten hatte, sondern auch als Hausmusikdirector eine vielseitige Thätigkeit entwickeln konnte. Nachdem er hier zwei Jahre vetblieben war, erhielt er vom Herzoge von Sachsen- Weimar, Johann Ernst dem Jüngeren, die Aufforderung, die etledigte Capellmeisterstelle zu übernehmen. Zwar stand er zum Kurfürsten von Sachsen in einem abhängigen Verhältnisse und mußte dessen Erlaubniß haben, um seine Kräfte anderweitig zu verwerthen; aber der Kurfürst scheint ihm, da wohl zur Zeit keine passende Stelle in seiner Capelle offen war, nichts in den Weg gelegt zu haben. Gewöhnlich behielt sich der Kurfürst vor, diejenigen, die auf seine Kosten erzogen waren, auf Zeit zu entlassen, bis er ihrer bedürfe. Die Kurfürsten haben derartige Etlaubniß oft ertheilt und wie es scheint mit einer gewissen Genugthuung. S. trat die neue Stellung am Weimarer Hofe am 21. Mai 1615 an und fand hier reichlich Gelegenheit, seine Talente zu verwerthen und sich die Achtung seines Fürsten zu erwerben. .In gesichetter Stellung, konnte er nun daran denken, sich einen eigenen Heerd zu gründen und das sein Herz lange zuvor schon gewählt hatte, beweist der Umstand, daß er sich seine Braut aus Dresden heimholte und zwar die Tochter des kurfürstl. sächf. Rentsecretäts Hösel. Die Hochzeit fand am 12. Februar 1616 in Weimar statt. Er zeugte in seiner Ehe fünf Kinder, von denen zwei Söhne sich wissenschaftlichen Fächern zuwendeten. In einer zweiten Che, die er um 1625 einging; abermals vier Kinder, die aber alle in jungen Jahren starben. Nachdem 1615 in Leipzig Sethus Calvisius gestorben war, Cantor und Musikdirectot an St. Thomas, schritt man im folgenden Jahre zu einer Neuwahl, und es ist bezeichnend für Schein’s Leistungen, daß man ihn zum Nachfolger eines so hochgeachteten Mannes wählte. Das Datum seines Eintritts in das–neue Amt ist bis jetzt nicht bekannt und man weiß nur, daß er es 1616 antrat. Er erhielt auch nicht gleich den Titel eines Musikdirectots, sondern nennt sich bis ins Jahr 1622 nur Musieus 1md Cantor an St. Thomae zu Leipzig, erst seit 1628 bezeichnet er sich auf den Titeln seiner Drucke mit „Music-Director in Leipzig“. – Schon als Student.in Leipzig ließ er 1609 eine Sammlung weltlicher Lieder drucken, die er dem Rath und Baumeister Wolsg. Lebzeltettt in Leipzig ,widmete. Die frühe [717] Auknüpfung mit den Leipziger Stadträthen hat ihm die erwünschte Erreichung “– der Cantorstelle bei Zeiten geebuet. So dedicitte er 1611, als er –in Wdißenfels lebte, dem Bürgermeister Mayer von. Leipzig einen „Friedens Wunsch–k.(7owm prox-Ace d, 9 o7cro 14 voc.) zum Beginne des neuen Jahres. Man kannte dqher sein Compositionstaleut in Leipzig sehr wohl und wußte es zu schätzen. – Von 1615 ab, als er sich in Weimar befand, entwickelte er eine –stauneuswerthe Fruchtbarkeit. So erschienen 1615 in Leipzig bei Lamberg 31-Motetten zu 5–12 Stimmen, 1617 ebendort eine Sammlung Paduanen und Gagliarden für 5 Instrumente. Vom Kriegsjahr 1618 ab erschienen neben einer großen Anzahl Gelegenheitsgefängen, die stets auf Kosten der Augesimgenen gedruckt wurden, fast sämmtliche Werke im Selbstverli1ge. gedruckt von Glück in Leipzig und waren oft recht umfangreich, so das „Cantional oder Gesangbuch Augsburgischer Confession für Leipzig“ im 4–6stimmigen Tonsatze, welches 586 Seiten umfaßt. Entweder war seine Frau vermdgend, oder seine Werke fanden trotz der ` Kriegszeit einen guten Absatz, denn der damalige Gehalt an ber Thomasschule reichte gerade nur zum Lebensunterhalte aus. Es ist übrigens recht bezeichnend für die damalige Geschäftswelt, daß sie sich muthlos von jedem Unternehmen fern hielt, während der Künstler selbst rüstig weiter schasste und selbst die kaufmännischen Sorgen noch übernahm. Trotzdem S. nie in Italien war, kannte er die neuere Richtung der Italiener sehr wohl und schon in seiner ersten Sammlung geistlicher Concerte, die nach Winterfeld (11, 231) 1612 erschienen, soll er die italienische neue Form angewendet haben, ebenso in dem 1615 erschienenen „0)–mb:11um 8jo11ium 8ive O-mtiones Szors. Winterfeld’s Aussage zu bezweifeln liegt mir fern, da er sich stets als ein gewissenhafter Historiker bewiesen hat, da aber den beiden Werken. soweit ich sie kenne, der Zusus covtjvuus fehlt, der unbedingt zu der neueren Richtung im Tonsatze gehört, so ist jedenfalls Wintetfeld’s Urtheil auffallend. Erst in den 1618 erschienenen „0penu vo7z’ geistliche Concerten mit 3–5 Stimmen zusampt dem General Baß auff italienische Inventiou componirt“ ist die Nachbildung der italienischen Form schon durch den Wortlaut des Titels documentirt. S. schließt sich mit Vorliebe dem deutschen geistlichen Liede an und hat darin Musterhaftes geleistet, sowol im einfachen mehrstimmigen Choralsatze, als in der Concettform, wie man sie damals bezeichnete. Letztere nahm die Kirchenmelodie als Grundlage zu einem weit ausgesponnenen Tonsatze, in dem eine oder mehrere Singstimmen, begleitet von Justrumentalstimmen, mit Zwischensätzen unterbrochen, oft aus mehreren Sätzen bestehend, die Kirchenmelodie strenger oder freier behandelten, oder wie man einst sagt, „concettweise setzten“. Diese Form wurde zu Schein’s Zeit so beliebt, daß sie die Motette fast vetdrängte, bis letztere dann in der Cantatenform wieder erstand, wenn gleich nach .Inl)alt und Form in sehr veränderter Gestalt. S. ist aber auch Dichter von Kirchenliedern und erfand neue Weisen, die dann in - andere Gesangbücher übergingen. Aussführliches theilt hierüber v. Wiuterfeld in seinem evangelischen Kircbengesange ll, 239 mit. Hier sei auch dessen Urtheil über Schein’s Bedeutung im Choralsatze mitgetheilt, da daß Urtheil eines so gründlichen Kenners stets von Werth bleiben wird. Er schreibt S. 236 u. 238: „Zeitgenossen loben Schein’s Tonsatz als sehr natürlich und lieblich: unsere 4 Zeit hat dieses Lob dahin noch gesteigert, daß er ganz köstlich, musterhast, echt kirchlich sei. Mir erscheint in ihm bereits ein Verfall der älteren, kirchlichen Kunst, der freilich wiederum mit dem Anbrechen einer neuen Zeit zusammenhängt. Ich möchte daher nicht wagen, S. als hohes Muster im Choralsatze aufzustellen. Es treten bei ihm Vorandeutungen einer neuen Zeit hervor, die auf den Trümmern einer älteren Kunstrichtung sich gründet, Ahmmgen ihrer Vorzüge wie Gebrechen; sie erscheinen bei ihm getragen don gtündlicher meister- [718] licher –Kunstfertigkeit, einer wahrhaften Begeisterung für seinen Beruf, seinem frommen. und reinen Gemüth.“ Die neuere Zeit hat von seinen zahlreichen weltlichen Compositionen nur Weniges wieder durch den Druck bekannt gemacht, –wührends viele seiner Choralsätze in zahlreichen Sammelwerken Aufnahme gefunden haben. Ein Verzeichniß der Ausgaben ist in meinem 1871 erschienenen Verzeichnis; und Nachträge in den Monatsheften für Musikgeschichte, Bd. IR, zu sindm’