ADB:Stumpf-Brentano, Karl Friedrich
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Stumpf-Brentano: Karl Friedrich St., namhafter Historiker, trotz seines bürgerlichen Namens von aristokratischer Herkunft, die sich auch in seinem Wesen nicht verleugnete, wurde am 13. August 1829 zu Wien geboren, und erwuchs nach dem frühen Tode seines Vaters unter der liebevollen Fürsorge seiner Pflegemutter Frau v. Lilien. Seine Gymnasialstudien machte er 1839–1845 in dem Convict der Piaristen zu Totis bei Komorn und fiudirte bis 1851 die Rechtzwissenschaft in Olmütz und Wien. Schon in Olmütz aber wandte er sich, angeregt durch die Vorträge des Statistikers Ad. Ficker, mit Vorliebe der Geschichte zu, und in Wien beschloß er, nach der gänzlichen Umgestaltung des Unterrichts wesens, sich ganz dem historischen Lehrfach zu widmen. Er trat detzhalb in das neue historisch-philologische Seminar ein (1851), wo Bonitz, Grauert, Jäger seine Lehrer waren; nach glänzend bestandener Lehramtsprüfung wurde er als Amanuensis an der Universitätsbibliothek angestellt, vertrat aber auch im-Sommer 1853 als Supplent den erkrankten Professor der Geschichte in Olmütz. Doch sein Streben nach weiterer und tieferer Ausbildung ließ ihn nicht ruhen, und 1854 begab er sich nach Berlin, wo er mit lebhaftestem Eifer die Vorlesungen von L. v. Ranke besuchte, vorzüglich jedoch durch den Verkehr mit Ph. Jaffs die Anregung zu diplomatischen Studien erhielt, welche fortan für ihn bestimmend blieb. 1856 suchte er in Frankfurt a. M. J. F. Boehmer auf, zu welchem er in ein fast kindliches Verhältnis; trat; Voehmer, erfüllt von Vorliebe für Oesterreich, fand an dem jungen liebenswürdigen, eifrig patriotischen und katholischen, überaus lebhaften jungen Manne großes Wohlgefallen und beförderte eifrigst seine Studien. Doch beklagte er später auch seine Unbeständigkeit und das er so schwer zum Abschluß seiner Arbeiten zu bringen sei. Kurze Zeit (October 185(3 bis Juli 1857) hat P St. eine Professur an der Rechtsakademie in Preßburg versehen, dann kehrte er 1858 nach Frankfurt zurück, um sich unter Boehmer’s Obhut ganz den urkundlichen Studien zu widmen. Darauf veranlaßte ihn die mit J. Ficker geschlossene Freundschaft, nach Innsbruck überzusiedeln, wo er 1861 eine Professur für Geschichte und geschichtliche Hülfswissenschaften erhielt; Berufungen von dort nach Bonn und Wien (1873) hat er abgelehnt. Seine akademische Thätigkeit war jedoch oft unterbrochen, besonders nach seiner Vermählung (1862) mit der Tochter von Louis Brentano, welche ihn 1873 zu der Hinzufügung dieses Namens veranlaßte. Seine Frau konnte das Innsbrucker Klima nicht vertragen, weshalb St. sich nun vorzugsweise auf seiner schönen Befitzu ng Rödelheim bei Frankfurt aufhielt. 1872 wurde er correspondirendes Mitglied der Wiener Akademie und von derselben 1873 zu ihrem Vertreter in der Centraldirection der 1k10mime11t-1- 0erms.11ju9 erwählt, an deren jährlichen Versammlungen er sich eifrig betheiligte, seit 1877 auch an denen des Verwaltungsausschusses des Germanischen Museums, [758] immer besonders bemüht, die Beziehungen dieser Unternehmungen zu Oesterreichaufrecht zu erhalten, wofür er nach Kräften thätig war, seiner ganzen Sinnesrichtung entsprechend.
Weit mehr als zum Lehrfach, war St. geneigt und befähigt zu den diplomatisch-historischen Forschungen und ganz vorzüglich zu den Reisen, auf welchen er unermüdlich Bibliotheken und Archive durchforschte und Verbindungen mit Fachgenossen anknüpfte. Von seinen Arbeiten erschien 1860 eine „Kritik von ;Stadtprivilegien des 12. Jahrhunderts“ (Sitzungsberichte der Wiener Akademie), 1863 „AOts„ Izlogunti118. eine Sammlung von Urkunden, aber die dazu geplante Geschichte der Mainzer Erzbischöfe im 12. Jahrhundert wurde nicht geschrieben. 1878 erschien von ihm in der Historischen Zeitschrift eine scharfe Kritik der Außgabe der Merowingerdiplome von Karl Pertz, welche zur Anbahnung der neuen „ Organisation der D-10unmenm 0erms ni:-w beitrug. Zwei, 1874 und 1876 veröffentlichte Schriften über die Würzburger Immunitätsurkunden des 10.u.11. Jahrhunderts sind mit bedauerlicher Leidenschaftlichkeit und Bitterkeit gegen H. Breßlau gerichtet.
Sein Hauptwerk aber war, und wurde immer mehr, sein seit 1865 erscheinendes Buch über die Reichskanzler, mit welchem Ficker ihn schon bei der ersten Bekanntschaft 1856 beschäftigt gefunden hatte, und welches er damals in Jahresstift zu vollenden hoffte. Zwar der geschichtliche Theil ist auch hier über die Einleitung nicht hiuausgekommen, aber für den 2. Band, die Correctur und j Ergänzung von Boehmer’s Regesten von 920–1197, und den dritten, welcher eine Sammlung ungedruckter Kaiserutkunden enthält, war er unabläffig thätig. Dennoch fehlte noch das von allen Seiten ungeduldig ersehnte Schlußheft, als ihn zu schmerzlichster Ueberraschung nach schwerem Leiden schon am 12. Januar 1882 in Innsbruck ein früher Tod hinwegnahm. Darauf hat J. Ficker mit unendlich mühsamer Arbeit nach flüchtigen Notizen und Vorarbeiten, die noch fehlenden Nachträge und Uebersichten hinzugefügt, und dadurch erst das Werk zu dem gemacht, ws es jet ist, das unentbehrliche Hand- und Hüls;sbuch aller Forscher im Gebiet des früheren Mittelalters. So hat er ein würdiges Denkmal seiner Thätigkeit hinterlassen, wenn er auch den anfangs auf ihn gerichteten Erwartungen nicht vollkommen entsprochen hat.
- Eigene Aufzeichnungen Stumpfs, benutzt in C. v. Wurzbach’s Biogr. Lexikon des Kaisetth. Oesterreich R1., 197–199; in der Allg. Ztg. 1882, Beil. 88, von W. v. Giesebrecht, Sitz.-Ber. der Münchner Akademie 1882, S. 417–421. – J. Ficker, Schlußbemerkungen zu den Reichskanzlern II, 696–723. – H. Siegel im Almanach d. Wiener Akademie 1882, S. 169 bis 172. – J. F. Boehmer’s Leben von Johann Janßen, 1868.