ADB:Weyrich, Victor

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Artikel „Weyrich, Victor“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), ab Seite 285, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Weyrich,_Victor&oldid=929294 (Version vom 24. Dezember 2009, 00:23 Uhr UTC)
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Weyrich: Karl Rufus Victor W. wurde am 20. November1819 zu Erlaa (Livland) geboren, woselbst sein Vater Pfarrer war. Nachdem er den ersten Unterricht im Hause seiner Eltern erhalten, besuchte er das Gymnasium zu Dorpat, und bezog 1838 die Universität ebenda, um sich dem Studium der Medicin zu widmen. Im J. 1843 bestand er das ärztliche Staatsexamen (Arzt erster Classe) und trat alsbald die Stelle eines Stadtarztes in Solwytschegodsk (Gouv. Wologda) an. Da ihm daß Amt nicht behagte, gab er dasselbe schon nach 11X2 Jahren auf, war ein Jahr Kreisarzt in Pletzkau und damisechs Jahre Arzt in einem Hospital in Weliki-Ustjug unter günstigen Verhältnissen. Allein die Praxis und die daraus sich ergebenden Vortheile genügten dem strebsamen Geiste Weyrich’2 nicht: er wollte sich noch weiter in den medicinischen Wissenschaften vervollkommnen. Im J. 1852 kehrte er deshalb nach Dorpat zurück, warf sich mit großem Eifer nochmals auf die Arbeit, absolvirte daß Doctorexamen und wurde am 3. September 1853 zum 1)0Ot0r met!. promovirt („1)js. (1e c:0rc1js aspjrsrj0us oJc1zerjments.“). Doch dadurch war sein wissenschaftlicher Durst nur zum Theil gestillt; er hegte auch den Wunsch- sein medicinisches Können durch den Besuch anderer, als der heimischen Universität auszubilden. Die Mittel dazu hatte er sich durch die einträgliche Praxis im Innern des Reiches erworben. Im October 1853 verließ W. seine Heimath und ging direct nach Paris; hier verbrachte er 6 Monate, besuchte die großen Hospitäler, hörte Vorlesungen bei Nelaton, Maisouneuve, Ricord, Cruveilhier, Velpeau, Troussea1; u. A. Eine große Leichtigkeit der Auffassung, ein ausdauernder Fleiß ermöglichten es ihm, in kurzer Zeit viel zu lernen. Es war besonders die Chirurgie, die ihn hier anzog und fesselte. Oft gedachte W. mit Vergnügen an jene in Paris verlebte Zeit zurück: seinem lebhaften Naturell hatte die französische Weise ganz besonders zugesagt. Ein Jahr lang hielt sich W. dann in Wien auf, hörte die klinischen Vorträge Skoda’s, Oppolzer’s, Hebra’s, Sigmund’s, die Vorlesungen Rokitantzky’s u. A. und war bestrebt, seine technischen Fähigkeiten durch Privatcurse möglichst auiszubilden. Den Rest des Jahres 1854 verwandte er dazu, um Berlin, Breslau und Würzburg kennen zu lernen; so kehrte W. wohl ausgerüstet mit ausgezeichneten Kenntnissen in die Heimath zurück, mit der Absicht, nach kurzem Besuch bei seinen Verwandten, eine ihm angetragene Stelle an einem Moskauer Spital anzutreten. – Da eröffnete sich ihm die Aussicht auf eine Professur in Dorpat. Die große Leistungsfähigkeit Weyrich’s, sein Fleiß, seine Kenntnisse, seine Lebhaftigkeit und seine Rednergabe schienen der medicinischen Facultät die Gewähr zu bieten, daß er auch ein ausgezeichneter Lehrer sein werde. Und man hatte sich nicht getäuscht. Im April 1856 wurde W. zum Privatdocenten und bald darauf zum Director der medicinischen Klinik ernannt. Im J. 1857 wurde er zum außerordentlichen, aber erst im J. 1860 zum ordentlichen Professor gewählt. Diese ausfallende Verzögerung hatte ihren Grund darin, daß W. infolge der großen Last der auf ihm ruhenden Arbeit durchaus keine Muße zu schriftstellerischen Leistungen fand. Neben den Verpflichtungen, die W. als Director der medicinischen Klinik und als Professor zu [286] „ erfüllen hatte, mußte er wiederholt statt“Ader erkrankten und gestorbenen Colleger andere Vorlesungen halten. Im J. 1868 gab W. die Professur der medicinischen Klinik auf und übernahm die Professur der Staatsarzneikunde (gerichtliche Medicin und Hygiene) und wirkte mit großem Erfolg bis zu seinem Tode, 27. Februar 1876. Er starb-an den Folgen eines Erweichungsheerdes im Gehirn. W. war eine durchaus praktisch angelegte Natur voll Eifer und Kraft; am K Schreibtische konnte er nicht lange sitzen, deshalb hatte er trotz seines großen Fleißes keine so zahlreichen schriftstellerischen Leistungen auszuweisen, als man erwarten durfte. Sein Hauptwerk ist: „Die unmerkliche Wasserverdunstung der menschlichen Haut“ (Leipzig, Engelmann 1862J. Es liegen jahrelange, außerordentlich sorgfältige und sehr mühsame Beobachtungen dieser umfangreichen Abhandlung zu Grunde. W. benutzte dazu einen Apparat, den er sich selbst für seinen Zweck hergerichtet hatte: ein Condensationshygrometer nach der Regnault’schen Modification des Daniel’schen Instruments. – Außerdem ver- öffentlichte er einige andere Abhandlungen: „Ein seltener Typhusfall“ ; „Studien über Strychninvergiftung“ (St. Petersburger medicinische Zeitschrift 1868 bis 1869); „Rückblick auf die Choleraepidemie im J. 187r (Dorpater medicinische Zeitschrift 1873). W. war ein ausgezeichneter Lehrer: seine Lebhaftigkeit, sein vielseitiges Wissen und Können, seine vortreffliche Rednergabe, sein unermüdlicher Fleiß wirkte in hohem Grade anregend und belebend auf die Studierenden. W. war auch ein braver, von aller Selbstsucht freier Charakter, beseelt von ernstlichem Streben für das Wohl seiner Mitmenschen, begeistert für die Wissenschaft und s den Unterricht. Jederzeit bereit, mit Offenheit und Muth für seine eigene Ueberzeugung einzustehen, war jede Intrigue ihm verhaßt. – Er war außerordentlich pflichtgetreu als Arzt, a ls Lehrer, als Mitglied der Universität – streng gegen sich selbst und deshalb auch streng in seinen Anforderungen an seine Assistenten und Schüler; – trotzdem erwarb er sich die Sympathie und Liebe aller derer, die ihn näher kannten und sein edles Streben verstanden! In seinem Leben hat W. trotz allen Fleißes, Eifers und Strebens nicht die Anerkennung gefunden, die er verdiente. Er hat mancherlei Zurücksetzung erfahren müssen. Er hat auch viel herbe Schicksalsschläge zu erdulden gehabt, – viel Krankheit gab es in seiner eigenen Familie; er, der als.s Arzt so vielen Fremden geholfen hatte, konnte seinen nächsten Angehörigen nicht helfen. Vier blühende, hochbegabte Kinder mußte er durch den Tod verlieren, nur ein einziger kränklicher Sohn blieb ihm! Jahrelang sah er seine geliebte Frau schwer leiden – seine eigene letzte Krankheit bereitete sich ganz allmählich vor, so daß ihm auch durch eigene Krankheit das Leben verbittert wurde. Daher war ihm der Tod eine Erlösung von schweren Leiden, eine Erholung nach unermüdlicher Arbeit.

L. Stieda.
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