ADB:Wildauer von Wildhausen, Tobias
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WilduUer*): Tobias W. Ritter von Wildhausen, meist T. von
Wildauer genannt, Philosoph und deutschösterreichischer Politiker, wurde am 4. September 1825 zu Fügen in Tirol geboren. Schon auf dem Gymnasium zu Hall trieb er fleißig Griechisch, besonders Homer und Anakreon. Seit 1842 studirte er an der Innsbrucker Universität alte Philologie, Philosophie und Geschichte. 1848 war er, als die garibaldischen Freischaren Südtirol bedrohten, bei der ersten akademischen Compagnie. Fürs Lehrfach entschieden, wurde er Supplent am neu organisirten k. k. akademischen Gymnasium zu Innsbruck und nach auBgezeichnetem Examen 1850 ebenda wirklicher Lehrer; er unterrichtete hauptsächlich Griechisch, daneben dann philosophische Propädeutik, später Mathematik. Im J. 1855 muß er promovirt haben, da er im Schulprogramm für 1854A55 zuerst „Doctor der Philosophie“ heißt. Inzwischen auch erster Lehrer nächst dem Director geworden, folgte er 1857 dem Rufe als Supplent der philosophischen Lehrkanzel an der Innsbrucker Universität; 1858 wurde er ordentlicher Professor. Als solcher hat er die officielle „Akademische Festrede zu Friedrich von Schiller’s hundertjährigem Geburtstage 1859“, einen flammenden Aufruf zur rührigsten Pflege deutscher Cultur im österreichischen Kaiserstaate im Anschlusse an Schiller’s Posten als deutscher Nationaldichter, in dem sich die Culturideale unseres Volkes verkörpern, mit einer präcisen Huldigung an Kaiser Franz Joseph, der dieser deutschen Mission Oesterreichs entspreche, sowie die „Rede zu Johann Gottlieb Fichte’s hundertjährigem Geburtstage bei der von der philosophischen Facultät an der Hochschule zu Innsbruck veranstalteten Festfeier am 19. Mai 1862“, eine knappe, aber in den Anmerkungsnachweisen gründlichste Kenntniß der biographischen und sonstigen Materialien verrathende Charakteristik mit dem Nachdruck auf der national-pädagogischen Bedeutung von Fichte’s Persönlichkeit und Willenslehre, in der Universitätsaula vorgetragen. *) Zu Bd.?cl.ll, S. -1-95. [522] Dies sein Lehramt hat W. bis zu dem am 3. April 1898 im 73
erfolgten Tode mit Lust und Hingebung geführt und. scheint es, zeit! die Archäologie mit vertreten. Jedoch hat er aus seiner ursprünglichen 3 disciplin nur 1850 im Antrittsjahre als Lehrer am Innsbruck« Gymnasiim dessen Jahresbericht (S, 12—36) eine Abhandlung „Plan und Eirchn, Ilias“ veröffentlicht, die energisch die Unitüt und bewußte Composition »nfi und sodann eine Ausgabe „Platons Protagoras. Mit Einleitung und z merlungen“ (1857), die. besonders durch die vortreffliche grammatische >»» und sorgsältige Feststellung des Sprachgebrauchs , neben denjenigen I. Vello Stllllbaum's, Deuschle's, Sauppc's, Iahn's nicht nur, sondern auch denn»« würdig besteht. Während er mit ihr schon den Grenzrain der Philosophie schritt, traten ganz in ihren Rayon etliche tüchtige Abhandlungen in y, organen, z. B. „Ob Platon ein Begehrungsvermügen angenommen h«l» Philosoph. Monatshefte 1873. S. 229 ff., oder Anzeigen, z. B. Von I. Etep „ Platon. Studien“ (ebd. 1872. S. 538). endlich, worin auch erftgnulnt Aufsatz Aufnahme fand, das auf gründlichem philologischen Eindringen in einschlägigen Denkmäler der griechischen Sprache basirte Werl „Psycholog» Willens bei Solrates, Platon und Aristoteles“ (zwei Theile. 1877 bez. > dessen geplanter dritter Theil, über Aristoteles' Lehre vom Willen, »ich! schienen ist (zur Ursache vgl. II, S. III in.) ; es fand sofort den vollsten A fall der Fachgenossen. „Eine Abhandlung über Schopenhauer“, anonym l gedruckt im litterarischen Theile der amtlichen „Wiener Zeitung“ im Mai 15 belobte dieser anspruchsvolle meist mißverstandene Genius selbst als höchst m essant. Auf schöngeistigem Felde werden zwei Novellen in dem Tiroler V „ Phönix“ (1851). betitelt „Wildschütz und Förster“ und „Aus dem Tiroler Leb, 1848“ mit der Chiffre 1', genannt; auch gab er das „Denkbuch der Fem» sünfhundertjährigen Vereinigung Tirols mit Oesterreich“ (1864) heran«. Den weiten Ruf, der sich stellen» und zeitweise zu größter Populari! steigerte, verdankt W jedoch seiner innerpolitischen Wirksamkeit, insbei«»« seinem, durch ein seiner Zeit vielbesprochnes Ereigniß markirten starken lenlh östeireicherthum. Als 1859 sich frischer Zug in den inneren Verhältnissen l Habsburgermonaichie regte, begann W. sich activ an den bewegenden Finge» betheiligen. Zunächst publicistisch. Er schrieb im deutschen . dabei gut il reichischen und offenherzig moderngeistigen Sinne in die Augsburg« „Allgemn? Zeitung“, wie die liberal'patriotisch Gesinnten des Kaiserstaates damals in l Regel. Gemäßigter Fortschritt, immer Hand in Hand damit unantastbare lentfl heit, das waren die Triebfedern seiner Preßthütigkeit. „Zwölf Artikel zur lin^ Landesverfassung“, 1860 in der „Schlltzenzeitung“, bekämpften die damals be°bilfichtigte Rückkehr zu vier Ständen. Als Separatabdruck aus dem „li« Boten“ kam der Aufsatz über „Ein confessionelles Ausnahmsgeseh s^nicht .3» nahmegeseh', wie die, von ihm revidirte biographische Notiz in Kurschnn „ Dtsch. Litteraturllllender“ bis zum Tode schrieb) für Tirol. Worte der b standigung“ 1861 und schnitt ein Thema an. das W später wiederhol! ! Parlament in anticlericalcm Sinne behandelt hat. Trotz alledem kannten um!' Kreise Wildauer's Namen noch nicht, als er am 14. Juli 1862 knapp, i»l» entschieden und ohne Nebengedanken beim Festbankett des Deutschen Lchiltznits zu Frankfurt a. M. auf des „nationalvereinlichen“ Darmstädter Advocalen A> Metz mißverstandnes Rede»Aperyu, die Deutschösterreicher seien gleich den Lchln Holsteinern und Kurhesscn „Schmerzenskinder“ Teutschlands, namens sein« i leute Verwahrung einlegte. Kaiser Franz Joseph decorirte ihn .in Ane, seines in mannhafter Rede bewiesenen Patriotismus“ schon am 21, H dem Orden der eisernen Krone III. El., wodurch er mit dem ttldhausen“ den Ritterstand erhielt, und als W. auf der Heimreise522 Wildau [523] Wildhausen“ den Ritterstand erhielt, und als W. auf der Heimreise am 28.Juli in der Münchener Westendhalle (jetzt „Volkstheater“) in einem Trinkspruche auf Baiern des letzteren ausgleichende großdeutsche Mission betonte, verlieh ihm König Maximilian II., mit diesem Standpunkte harmonirend, das Ritterkreuz des Verdienstordens der bair. Krone. Wie W.’s Worte in Frankfurt gezündet hatten, so fanden sie starken Widerhall in allen großdeutschen Kreisen, in erster Linie innerhalb der schwarzgelben Grenzpsähle: es regnete förmlich Anerkemiungs und Zustimmungsadressen, Ehrenmitglied- und gar Ehrenbürgerdiplome, ernste und heitere Gedichte über die Affaire liefen in Menge um, ein Akrostichon aus der „Frankfurter Postzeitung“ machte die Runde durch die Zeitungen, und ein österreichisches Officiercotps widmete W. sogar einen von Militärcapellmeister L. Jeschko componirten „W.-Marsch“. Im ultramontanen, feudalen und autonomistischen Lager kläfften viele kleinliche Gegner; W. blieb unerschrocken Und nahm u. a. den Widersachern der ersten Richtung durch eine feste Rechtfertigung sowie eine antwortende „Erklärung zur Abwehr“ den Wind aus den Segeln. In der Heimath ward die Hetze geschürt gegen den „Patrioten, der eigentlich kein Patriot war, gegen den Liberalen, der eigentlich ein Reactionär war, gegen den Mann des Tages, der bei Licht besehen, mtr ein Mann der Nacht war“. Alle solche Angriffe stählten Wildauer´s Mannesmuth und Ueberzeugungss treue und bestärkten ihn nur in seinen Ansichten. Sein Gegensatz zu der „katholisch-conservati.ven“ Partei, d. i. den Verbündeten staatlichen und kirchlichen Rückschrittlern, wurde immer erbitterter (vgl. seine Abhandlung „Die römische Curie und das Recht Oesterreichsz“ 1868), obwol man ihm von dieser Seite auch bei den vielen patriotischen Artikeln nichts am Zeuge flicken konnte, die er vorm und im 1866er Bruderkriege zur „Allgemeinen Zeitung“ und einem leitenden Wiener Tagesblatte beisteuerte. Trotz dieses eifrigen Gegendrucks gelangte er am 80. Januar 1867 in den Tiroler Landtag, in dem er nach Einführung directer Wahlen lange Jahre die Städtebezirke Jun:bruck, Hall, Schwaz und Kufstein vertrat, sowie die Innsbrucker Handelskammer mit 1200 gegen 600 Stimmen seit 24. October 1873 bits zu den 1897er Wahlen im Abgeordnetenhause deck- Reichsraths. Er hat in beiden legieslativen Körpern eine hervorragende Rolle gespielt, war Obmann des liberalen Landtagsclubs, im Reichsrathe Obmann-Stellvertreter der deutschen Linken, mehrfach Mitglied der österreichischen „Delegation“. In der Natur der Sache lag es, daß er besonders bei Gegenständen des Cultus und Schulwesens ein „Rufer im Streit“ war. Für die confessionelle Gleichberechtigung, für die staatliche Schulaufsicht, die gesetzliche Regelung der tiroler Volksschulordnung stand er rastlos auf der Schanze und hat, trotzdem an der Regierung und des Herrenhauses Veto viele seiner Ideen scheiterten, dafür, ebenso für andere Punkte im Untertichtsbudget, für dessen „Centrale“ er bis 1879 als Referent fungirte, für die Vorlage zur Errichtung der Czernowitzer Universität und das Gesetz über die Anerkennung der Religionsgesellschaften viele Verbesserungen durchgedrückt. In derselben Hinsicht verwandte er, Curator und Ausschußmitglied des tirolischen 1lluseum 1s’O1–(lins„11ä eum- sich für die Bedürfnisse der Innsbrucker Universität, dabei und bei der Gebäudesteuer-Reform, endlich dem Antrag Ciani betr. Aenderung der Wahl aus dem adligen Großgrundbesitze Tirols die Interessen seines engeren Heimathlandes schützend. In dessen öffentlichem Leben, auch in dem Innsbrucks (vergl. seinen Artikel „Die Wahlen in den Innsbrucker Bürgerausschuß“ 1868) stand W. imvordergrunde. Er war Gründer, Ausschußmitglied, lange Obmann des dortigen „Constitutionellen Vereins, der für Nordtirol die liberale Bewegung zusammenhielt, und verfaßte meist dessen wie überhaupt der Liberalen Streitschriften, Wahlaufrufe und sonstige Kundgebungen. Die zwei genannten [524] Broschüren Wildauer’s von 1868 gab der „C. V.“ heraus, auch die „Der Auß- tritt der sechs Deutschtiroler Abgeordneten aus dem Reichsrathe“ (1870). Endlich gründete und leitete er als erster Obmann die Innsbrucker Ortsgruppe des „Deutschen Schulverein-H“`, womit Anfang der achtziger Jahre auch in Tirol ein neuer Aneinanderschluß der deutschnationalen freigesinnten Kräfte anhob. Die separatistischen Wälschtiroler wollte er nicht schros zurückstoßen. In W.S letzten Lebensjahren begann auch in Tirol eine schier unüberbrückbare Kluft zwischen den von W. geführten Deutschliberalen und den radical-chauvinistischen Deutschnationalen zu gähnen, die die Erfolge der deutschen „Gemeinbürgschaft“ zu untergraben drohte: die rücksichtlosen Anhänger Georg Schönerer’s hielten ihm, wie 1868 die clericalen „Tiroler Stimmen“, vor, er sei „ein reiner Opportunitätspolitiker“, und stürmische Jugend warf ihn mit andern Verdienten der „verfassungstreuen“ Garde zum alten Eisen. So starb W., nachdem eben die obstructioniftisch-nationale Strömung ihn nebst der ganzen moderaten Fraction aus der Wiener Volksvertretung weggespült. Doch ein Kämpfer für deutschen, freisinnigen Geist, für Cultur im Sinne der von ihm gefeierten Heroen Schiller und Fichte, in Cisleithanien, gilt er über das Grab hinaus: ein moderner Mensch, ein wackerer Deutscher und guter Oesterreicher. “
Das Material, mit erstaunlicher Reichhaltigkeit der Einzeldaten für das 1862er Vorkommuiß, bei Wurzbach, Biograph. Lexikon d. Kaiserth. Oesterreich Bd. 56 (1888), S. 136–142. Kurze Nachrufe direct nach dem Tode in den meisten größeren Zeitungen; davon seien genannt: Neue Freie Presse Nr. 12074, 4. April, S. 2 (das Frankfurter Datum falsch 15. Juli); (Wiener) „Fremdenblatt“ Np. 94, 5. April, S. Z; Frankfurter Ztg. Nr. 96, 1. Morgenbl., 7. April. Für die Schulthätigkeit sind die Programme des Innsbrucker k. k. akad. Gymnasiums verglichen. – Rühmende Besprechungen der 19r0t.:1gorets–Ausgabe Liter. Centralbl. 1860, Nr. 37, des I. Theiles der . „Psychologie des Willens, außer den bei Wurzbach S. 140 genannten, Ztschr. f. Philos. u. philos. Kritik, 73. Bd., 191 (Krohn, abweichend), Lit. Ctrlbl. 1878, Nr. 47, S. 1530; Phi1os. Monatshefte, )c1ls (S. 306–308), welch letzteren W. auch durch längere Jahre Mitarbeiter gewesen ist. – Schopenhauer’s oben angeführtes Lob von Wildauer’s – der Name war ihm unbekannt – ihn betreffender Charakteristik bei Wurzbach S. 139 f. verdient genauere Prüfung, weil danach der bei Lebzeiten argverkannte und darüber mißmuthige große -Pessimist“ sie als Bestes, was über ihn je geschrieben, bezeichnet haben soll. Der erste „Schopenhauer-Philolog“`, Eduard Grisebach, weist mir diese von Wurzbach nach D. Asher, „Arthur Schopenhauer, Neues von ihm und über ihn“, S. 18 u. 26, citirte, bei Wurzbach auf Grund mir unbekannter Annahmen übertriebene Aeußerung in „Schopenhauer’s Briefen“, hsg. von Grisebach S. –426 u. 429, ebd. S. 436 einige weitere Erwähnungen in der „Wiener Zeitung“ aus der zweiten Hälfte von 1858 (von Wildauer?) nach. – Rechtsanwalt Jg. Metz in Darmstadt controllirte obige Angaben über die 1862er Reden und verwies auf deren Wortlaut „Wochenschrift des Nationalvereins (Nr. 117, S. 971 f.). – Kukula, Jahrb. d. d. Hochschulen, S. 1015.