Der Kaliber

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Textdaten
Autor: Adolph Müllner
Titel: Der Kaliber
Untertitel: Aus den Papieren eines Criminalbeamten.
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Erscheinungsdatum: 1829
Verlag: Carl Focke
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: GDZ Göttingen und Commons
Kurzbeschreibung: Müllner’s Novellen. Erster Theil
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[Ξ]
Müllner’s
Novellen.
Erster Theil.
Der Kaliber.


Leipzig, 1829.
Verlag von Carl Focke.
[I]
Der Kaliber
von
Müllner.




Aus den Papieren eines Criminalbeamten.




Der Kaliber-v01 b.png


Leipzig, 1829.
Verlag von Carl Focke.
[III]
Vorwort.


Die nachstehende Erzählung ist im ersten Monate des Jahres 1828 in meiner Zeitschrift Mitternachtblatt stückweise erschienen, und in einigen anderen Tageblättern, die von der Plünderung leben, auch stückweise nachgedruckt worden. Verächtlicher, ehrloser als der gewöhnliche Nachdruck beliebter und gesuchter Bücher, ist solch’ ein Taschendiebstahl, den gleichsam ein Wanderer an dem Mitwanderer verübt. Er weiß noch nicht einmal, ob die Waare in dem Felleisen des Mitwanderers Beifall auf dem Lesemarkte finden wird; aber er stiehlt sie demselben Stück vor Stück, und trägt sie in [IV] seinem Bettel- und Diebessacke hausiren, gleich als ob er unmittelbar vom Verfertiger sie zu diesem Behuf empfangen hätte. Durch den Namen des Letzteren sucht er sich den Anschein einer literarischen Verbindung mit demselben zu geben, und ladet ihm außer den Schaden auch noch die Schande auf, bei einem Theile des Publikums für den Socius eines Lumpensammlers zu gelten. So ehrlos handelt der Bücher-Nachdrucker nicht. Er bestiehlt den Autor, er bestiehlt den rechtmäßigen Verleger; aber er giebt sich nicht für den letzteren, nicht für den Geschäfts-Genossen des Ersteren aus. Er stiehlt, aber er betrügt das Publikum nicht mit dem gestohlenen Gut; er nöthiget seinen Nachdruck denjenigen nicht auf, die schon den Originaldruck besitzen. Das thut nur der journalistische Druckdieb: das Abonnement in [V] der Tasche, liefert er denjenigen seiner Kunden, welche zugleich Abonnenten der von ihm bestohlenen Zeitschriften sind, neue literarische Producte, welche sie schon gelesen haben.

In Hinsicht der Ausbildung des Rechtsbegriffes vom literarischen Eigenthum stehet bekanntlich Deutschland noch auf der untersten Stufe der Europäischen Civilisation, und es würde lächerlich seyn, mitten unter Zigeunern klagen zu wollen, daß man bemauset worden sei. Auch thut das erwähnte tageblätterige Stehlen in der Regel den Dieben mehr Schaden als den Bestohlenen. Allein es setzt eine solche Schamlosigkeit, ein solches Hinausseyn über alles Ehrgefühl, eine solche Behaglichkeit in der Schande voraus, daß nur noch ein kleiner Schritt von dieser Infamie zu einer weit nachtheiligeren zu thun seyn möchte. [VI] Wer stückweise stiehlt, der sammelt auch wohl am Ende die gestohlenen Stücken, nähet sie zusammen so gut er kann, und macht aus seinem Nachdrucke des stückweise erschienenen Productes einen Vordruck desjenigen, welches der Verfasser im Ganzen, im unzertrennten Zusammenhange, als für sich bestehendes Buch, herauszugeben berechtiget ist.

Solch’ einem Vordrucke hab’ ich zuvorkommen wollen, und da die Zeitschrift, in welcher die Novelle stückweise (man könnte in Bezug auf Tausend und Eine Nacht sagen: in Scheherazaden-Form) bekannt gemacht worden, meine eigene ist; so kann mir kein Vorwurf daraus erwachsen, daß ich schon nach Verlauf eines Jahres das Erzeugniß als Büchlein herausgebe.

Die typographische Form, in welcher dies geschieht, ist hauptsächlich durch [VII] den Umstand bestimmt worden, daß der Kaliber das unerwartete Glück gehabt hat, den deutschen Frauen zu gefallen. Die Tageblätter in ihrer Quartantenbreite kommen in der Regel nicht weiter, als auf die Sopha’s der ausruhenden Leserinnen; was auf ihren Fenstertischchen und auf ihren Geheimschrank’s- (Secretär-) Gesimsen Raum finden soll, muß von kleinerem Kaliber seyn.

Ich nenne den Beifall des schönen Geschlechts ein unerwartetes Glück, weil ich gefürchtet hatte, daß die rechtswissenschaftlichen Spitzfindigkeiten, auf welchen sowohl die Verwickelung als der Ausgang der Geschichte beruhen, für Frauen etwas Störendes haben möchten. Aber dem Kaliber ist dafür auch ein eben so unerwartetes Unglück begegnet: er hat ganz wider seine Absicht einen geschätzten [VIII] Rechtsgelehrten meines Adoptiv-Vaterlandes allarmirt.

Wer vom Fach ist, kennt den Meinungszwist über die sogenannte öffentliche und die geheime Criminaljustiz, welche letztere schicklicher die Acten-Justiz genannt wird, während die erstere in gewisser Beziehung auch wohl die theatralische heißen könnte. Dort richten, nach Anhörung öffentlicher und mündlicher Verhandlungen, Geschworene aus dem gebildeten Theile des Volkes. Hier thun es, nach Lesung der geschriebenen Acten, die Rechtsgelehrten, welche der Staat als Urthelsverfasser angestellt hat. Beide Arten von Justiz haben, wie alle menschlichen Einrichtungen, ihre Vorzüge und ihre Gebrechen. Der Criminalrichter, welcher die vorliegende Geschichte erzählt, ist zwar ein Beamter der Actenjustiz, berührt aber im Abschnitte [IX] XXII. mit wenig Worten einen Vorzug der öffentlichen Justiz, welcher darinne besteht, daß dieselbe die Umstände des Vergehens unter dem Publikum des Thäters, d. h. unter den Leuten, mit denen er leben muß, schneller, vollständiger, überzeugender und also wirksamer bekannt macht, als es durch veröffentlichte Urthelsabschriften geschehen kann. Dieser Vorzug ist, wie man leicht einsehen wird, so gering, daß er bei der Hauptfrage, ob die öffentliche oder die Actenjustiz der Gerechtigkeit am meisten förderlich sei? kaum in Betrachtung kommen kann. Allein der Umstand, daß er der Actenjustiz mangelt, war für den Novellisten von einiger Bedeutung, weil er die Situation verschlimmert, in welcher in dem angezogenen Abschnitte der Held der Geschichte sich befindet. Darum unfehlbar berührte ihn der Erzähler, [X] und wer hätte denken sollen, daß diese Berührung einen Rechtsgelehrten, der über die Vorzüglichkeit der Actenjustiz mit sich einig ist, zu einem öffentlichen Widerspruche aufregen würde?

Gleichwohl ist es geschehen. Der Criminalrath Hitzig in Berlin, in der literarischen Republik eben so rühmlich als in seinem staatsbürgerlichen Wirkungskreise bekannt, hat in seiner allgemein geschätzten Zeitschrift für die Criminal-Rechts-Pflege Bd. 8. Heft 2. S. 421. gegen diese Stelle des Kalibers die Feder ergriffen, und mich für die Aeußerung des erzählenden Criminalrichters verantwortlich gemacht. Er hat es „schmerzlich empfunden, einen Mann wie Müllner, den Deutschland auch zu seinen ausgezeichneten Juristen zählt, die Menge der Sachunkundigen, welche die Actenjustiz eine geheime nennen, in ihrem [XI] Mißurtheil bestärken zu sehen.“ Er hat meine Stimme für zu „einflußreich“ gehalten, als daß sie nicht „Gegenrede nöthig machen sollte, wo sie zu Mißurtheilen führen kann.“

Was ich dem verehrten Manne sowohl auf diese, von der einen Seite für mich nur allzu schmeichelhaften Aeußerungen, als auf die Hauptfrage geantwortet habe, das mag, wer Lust hat, im Mitternachtblatte 1828. Nr. 85 und 86. nachlesen. Hieher gehört nur so viel davon, als nöthig ist, um andere Leser dieser Novelle nicht in Hitzigs Irrthum verfallen zu lassen. Der Criminalrichter in der Novelle, welchem ich mein Bischen belletristischer Darstellungsgabe geliehen habe, ist zwar ein sehr verständiger und menschenfreundlicher Mann, aber seine Gemüths-Neigung für die öffentliche oder theatralische [XII] Justiz, die sich auch noch an einer anderen Stelle (XIV.) ausspricht, ist nichts weniger, als meine eigene Neigung. Es giebt nur eine einzige Gattung von Fällen, in welchen ich ein Schwurgericht aus dem Volk lieber richten sehen möchte, als ein Gericht von rechtsgelehrten Staatsbeamten. Es sind die sogenannten politischen Vergehungen. Dieser Begriff ist von so schwankender, beweglicher und dehnbarer Natur, daß weder die Gesetzgebung noch die Doctrin ihn auf eine, den inneren Rechtssinn des Menschen völlig befriedigende Weise fest zu stellen und zu begränzen vermögen. Man möchte daher wünschen, daß in den Fällen dieser Art der betheiligte Staat und seine Beamten lediglich den gesunden Menschenverstand und den Rechtssinn gebildeter Männer des Volkes zur Entscheidung über die Schuld [XIII] oder Unschuld des Angeklagten beriefen. Aber eben jenes Schwanken des Begriffes politischer Vergehungen macht die Einführung eines Schwurgerichtes für dieselben, als eines besonderen fori causae (eines Fallgerichtes) so schwierig, daß sie dem Practiker füglich für ein Ding der Unmöglichkeit gelten kann. Daher steht der menschenfreundliche Wunsch mit seinem Hauptmotiv gewissermaßen in einem logischen Widerspruche, welcher den Verstand nöthiget, auf den Anspruch des Gefühls zu verzichten.

Es ist hier natürlich nicht der Ort, in diese Materie tiefer einzugehen. Genug wenn die gegenwärtige Skizze meines Glaubensbekenntnisses über die beiden Justiz-Arten meinen freundlichen Gegner und die Leser meines Kalibers überzeugt, daß die Actenjustiz von mir eben so wenig ernstliche Anfechtung zu besorgen [XIV] hat, als von meinem Criminalrichter, welcher a. a. O. (XIV.) durch die Vorstellung sich hinreißen läßt, wie die reizende Mariane sich ausnehmen würde, wenn sie ihren unglücklichen Verlobten vor den Schranken eines Schwurgerichtes vertheidigen dürfte. Wenn er ernstlich die öffentliche Justiz der Actenjustiz vorzöge, würde er da wohl einen Rechtsfall erzählen, der gerade nur auf dem langsamen Wege der Letzteren zu einem, das Gemüth befriedigenden Ausgange gelangen konnte?


Weißenfels im Februar 1829.

Der Verfasser.
[1]
Der Kaliber


Unglücksel’ger! Wunder nur
Können Deinen Unstern wenden;
Aber – so darfst Du nicht enden!

Jerta in der Schuld.

[3]
I.
Der Wald.


Gelegenheit zum Unglück beut die Hölle
Freigebig dar.

König Yngurd. IV, 7.


Ein Actenband, den die Verfolgung einer allem Anschein nach weit verzweigten Gaunerbande seit einigen Wochen bis zur Unbequemlichkeit des pflichtmäßigen Lesers aufgeschwellt hatte, hielt mich an meinem Arbeitstische bis zur Abenddämmerung fest, die der unfreundlichen Herbstwitterung wegen früher einbrach, [4] als mein Diener um diese Jahreszeit mir Licht zu bringen gewohnt war. Das Bedürfniß einer kleinen Erholung für den Geist und für die Augen bestimmte mich, diesen Zeitpunkt in meinem Armsessel abzuwarten. Durch das nahe Fenster und durch die sparsam fallenden Flocken des ersten Schnee’s hindurch schweifte mein müssiger Blick über die niedriger als das Amthaus gelegenen Dächer des Städtchens hinweg, bis an den Saum des eine Meile weit entfernten Scheidewaldes, der mein kleines Vaterland von dem benachbarten größeren Staate trennte, doch größtentheils noch zu Jenem gehörte. Dieser weitläuftige, finstere, über einige Bergrücken ausgebreitete und schluchtenreiche Forst war in den letzten Monaten der verschwiegene Zeuge mehrerer Anfälle auf Reisende gewesen, die eine bewaffnete Bande vermuthen ließen, obgleich noch kein Mord von ihr bekannt geworden [5] war. Einen solchen zu entdecken, im Scheidewalde eine mit Wunden bedeckte Leiche aufheben zu können, war mein sehnlicher Wunsch, und – so paradox das auch klingen mag – ich darf ihn menschenfreundlich nennen. Denn ohne kräftige Maaßregeln war die öffentliche Sicherheit schwerlich wieder herzustellen, und der nächste Criminal-Beamte des Nachbarstaates hatte mein Gesuch, das zahlreiche und müssige Grenzmilitär desselben zur Reinigung der Waldung von gefährlichem Raubgesindel zu requiriren, mit der Ausflucht abgelehnt, daß er wegen der, nach gegenwärtiger Einrichtung „permanenten Exerzierzeit“ es nicht wagen könnte, bei seiner Regierung auf eine solche Verwendung der Grenztruppen anzutragen, bevor nicht erwiesen worden, daß die muthmaßliche Gaunerbande den Scheidewald mit vergossenem Menschenblute besudelt habe. Daher meine Sehnsucht nach [6] dem Corpus delicti eines Mordes, je kühner, grausamer und empörender, desto besser. Darum hatte ich die dicken Nachforschungs-Acten, und die darin befindlichen Mittheilungen anderer Gerichts- und Polizei-Stellen Blatt für Blatt durchgelesen; und jetzt, wo ich von der mehrstündigen Anstrengung des combinirenden Verstandes ausruhte, spielte sich unwillkührlich mein Wunsch aus dem Begehrungsvermögen in die Region der Einbildungskraft hinüber. Ich sah in dem finsteren Scheidewalde, den die zunehmende Dunkelheit nach und nach meinen Blicken entzog, Raubmörder mit Jagdbüchsen unter den Armen aus ihren Schluchten hervorschleichen; ich sah sie Wanderer mit Geldkatzen um den Leib aus dem Hinterhalte niederschießen, auf das Signal einer Diebespfeife sich vereinigen, schwerbepackte Reisewagen anhalten, die Postillione von den Pferden, die Bedienten von [7] den Böcken, die Passagiere aus den Kutschen reißen, Hülfeschreienden Frauen den Mund mit Tüchern verstopfen, dieselben knebeln, an Bäume binden, mit Dolchstichen zu Tode kitzeln: mit einem Wort, ich sah die Spiegelberge Schiller’s alle Gräuel ihres Handwerkes in einer steigenden Progression von Frechheit und Grausamkeit verüben, ohne dabei etwas anderes zu empfinden, als was etwa ein Schriftsteller empfinden mag, der eben an der blutigsten Scene eines Räuber-Romanes, eines neuen Rinaldo Rinaldini, eines großen Banditen arbeitet.

Aus diesen ergötzlichen Träumen weckte mich endlich mein Diener, indem er, die angezündete Schirmlampe vor mich hinstellend, mir einen Fremden anmeldete, der in dringenden Amts-Angelegenheiten mich zu sprechen begehre. Er hatte sich Ferdinand Albus, Handlungsdiener aus B… genannt, und seine [8] Frage nach mir mit so anständiger Sitte vorgebracht, daß der Diener es schicklich gefunden hatte, ihm den von Schnee bestäubten Mantel sammt Hut abzunehmen, und ihm das Besuchzimmer zu öffnen, obschon dasselbe weder geheitzt noch erleuchtet war. Ich befahl ihm diese Unschicklichkeit zu verbessern, den Fremden in mein Arbeitszimmer zu führen, und offene Lichter zu bringen. Er trat ein. Ein schöngewachsener junger Mann in hellfarbigem Reise-Ueberrocke, und soviel der Schatten meines Lampenschirmes unterscheiden ließ, von feinen und einnehmenden Gesichtszügen. Doch ungeachtet jenes Schattens erschien mir sein Antlitz so auffallend bleich, daß ich ihn für krank zu halten geneigt war. Mit höflicher Verbeugung ging ich ihm einige Schritte entgegen, und es kam mir seltsam vor, daß er, den mir mein Diener als einen „feinen und anständigen Herrn“ angekündigt hatte, dieselbe [9] nicht erwiederte, sondern aufrecht stehen blieb, wie ein Zerstreuter, der nicht weiß, wo er sich eben befindet, oder vergessen hat, was er daselbst wollte.

„Welchem Geschäfte, mein Herr, verdanke ich die Ehre?“ – redete ich ihn an.

„Dem Entsetzlichsten, Herr Criminalrichter!“ antwortete er mit einer heiseren Stimme, welche nur die Anstrengung vernehmlich zu machen schien: „Mein Bruder – mein leiblicher Bruder, der Kaufmann Heinrich Albus, ist in diesem Augenblicke – vor meinen Augen, an meiner Seite – von einem Räuber erschossen worden.“

„Wo?“ frug ich rasch, und unfehlbar mit einem Tone, der ihn befremden mußte, da derselbe besser zu meiner obenerwähnten [10] Sehnsucht nach einer Leichen-Aufhebung, als zu seinem Entsetzen passen mochte.

Er zögerte einige Sekunden mit der Antwort und sagte dann: „Im Scheidewalde, Herr Criminalrichter.“

Diese Antwort hatte ich erwartet, denn ich hatte sie gewünscht; aber jetzt fiel mir der Widerspruch auf, in welchem sie mit den Worten der Nachricht zu stehen schien. „In diesem Augenblicke, sagten Sie? Es ist eine starke Meile –“

„Oh mein Gott!“ – rief er mit erschütterndem Tone aus: „was sind Augenblicke, was ist Zeit, was ist Ewigkeit in meinem Zustande? Hier – hier – (er drückte die Hand gegen die Stirn) hier steht das entsetzliche blutige Bild – ewige Gegenwart – [11] keine Vergangenheit mehr – keine Zeit – kein Raum –“

Der Athem schien ihm zu gebrechen. Der Diener brachte die Lichter. „Fassen Sie sich, mein Herr,“ sagte ich, indem ich ihn bei der Hand nahm, und von der Thür weg nach dem Sopha führte. Jetzt war das Gesicht erleuchtet. Der Ausdruck eines tiefen, ungeheuren Schmerzes sprach mich aus den thränenlosen Augen an. Der eben unterdrückte Ausbruch der Empfindung schien die Wangen mit einem matten Roth bedeckt zu haben, das bald wieder verschwand.

„Sie müssen verzeihen“ – nahm er nach einiger Erholung wieder das Wort: „wenn ich nicht berichte, wie ich sollte vor dem Beamten, mit Klarheit und Ordnung. Was geschehen ist, was ich gesehen, was ich empfinde [12] – es verwirrt sich auf meiner Zunge – ich weiß so wenig zu unterscheiden, ob ich recht spreche, als ich weiß, ob es das Rechte ist, was ich gethan habe nach dem gräßlichen Unglück.“

„Erlauben Sie mir, zu Ihrer Erleichterung, Ihnen den Hergang abzufragen, wie wir Untersuchungs-Männer gewohnt sind. Ihr Bruder fiel durch einen Schuß?“

„Ja.“

„An Ihrer Seite?“

„Er verschied in meinen Armen.“

„Sie reis’ten Beide allein? zu Fuß?“

„Ja. Mein Bruder hatte eine Zahlung in M… zu leisten. Er hoffte leichter davon zu kommen, wenn er es in Person thäte. Wir haben von B… aus nur 4 Stunden [13] dahin auf dem Fußwege durch den Wald. Ich begleitete ihn.“

„Und hier wurden Sie angefallen? Von Einem oder von Mehreren?“

„Von Einem, so viel ich weiß.“

„So viel Sie wissen? Es war doch noch Tag?“

„Ja. Ich sah den Räuber nur im Fliehen. Wir waren gegen 100 Schritte auseinander gekommen, ein natürliches Bedürfniß hatte mich verweilt. Ich höre einen Wortwechsel, einen Hülferuf. Ich eile, ich bekomme ihn wieder zu Gesicht. Er ringt mit einem wilden Menschen. Ein Schuß fällt – oh Jesus! Jesus! mein Heiland!“ – –

„Ihr Bruder war ohne Waffen?“ frug ich nach einer Pause, die ich ihm zur Erholung gönnen zu müssen glaubte.

[14] „Ein schwacher Stockdegen, sonst nichts.“

„Und Sie selbst;“

„Ein doppelläufiges Terzerol. Ach Gott, Gott! das war sein Tod!“

„Wie? Ihr Feuergewehr?“

„So fürcht’ ich. Ich riß es aus dem Gürtel, als ich zu Hülfe eilte. Als der Räuber mich sah, schoß er und warf sich in das Dickicht. Heinrich sank zusammen. – Ich sprang in das Gebüsch, ich schickte dem Fliehenden eine Kugel nach, eilte zurück – – vergebliche Hoffnung! Er war tödtlich getroffen, in die Brust. Noch lebte er – in meinen Armen – „ „Rette dich – dich Ferdinand“ – – O Elend, o Jammer!“

Er warf sich an meinen Hals, und heiße Thränen entstürzten seinen Augen. Tröstende Worte wären hier nicht am Platze gewesen. [15] Ich richtete ihn sanft von meiner Schulter auf, reichte ihm mein Tuch zum Trocknen seiner benetzten Wangen, und fuhr erst nach einigen Minuten in der schmerzlichen Ausfragung fort.

„Die Mahnung des Sterbenden an Ihre eigne Rettung war, in diesem Augenblicke, so edelherzig als besonnen; die Flucht des Räubers und Ihr Schuß nach ihm stellten Sie nicht sicher vor einer Kugel aus dem Gebüsch. Sie verließen sogleich den Platz der Gefahr?“

Er verneinte stumm. Ich glaubte auf Nebendinge ablenken zu müssen, die nicht unmittelbar das Bild des Verscheidenden in ihm auffrischen möchten.

„Sie sind im Besitz Ihrer Waffe geblieben?“

[16] Er schien sich zu besinnen, und knöpfte den Ueberrock auf. Er trug unter demselben einen breiten ledernen Gürtel, der mit Terzerolhaltern versehen war. Aber Beide waren leer.

„Das Gewehr –“ sagte er: „ich weiß bei Gott nicht genau –“

„Es ist nicht wesentlich. Sie ließen es vielleicht zurück in der Bestürzung. Aber – Sie sind doch nicht selbst verwundet?“

„Nein.“

„In Ihren Armen verschied der Unglückliche, und die Blutflecke auf Ihrer Brust? –“

Er starrte darauf nieder. „Mein Blut“ – sagte er dumpf und langsam: „meines Vaters Blut! Oh du schauderhafte Farbe!“ In der That schien ein fieberischer Schauder über ihn zu kommen bei diesem Anblick, von [17] dem er sich doch nur mit Mühe losreißen konnte.

„Meine Brust“ – fuhr er wehmüthig fort: „hat seine Todeswunde geküßt, wie mein Mund seine erkaltenden Lippen. Ich weiß nicht, wie lang’ es gedauert hat, ehe ich daran dachte, was ich thun sollte. Die Goldbörse, die Brieftasche, die Uhr, nahm ich zu mir. Hier sind sie. Das nächste Criminalamt wollte ich noch vor Nacht erreichen. Doch in dem Dorfe vor dem Walde fiel mir ein, daß ich auch dem Landschöppen anzeigen könnte, was geschehen sei. Ich beschrieb ihm den Weg, den Platz, und erfuhr von ihm Ihren Namen und Wohnort. Er versammelte Bauern, die sich mit Heugabeln bewaffnen mußten, und versicherte mich, daß die Leiche, wenn man sie noch fände, bis auf weiteren Befehl von Ihnen, an Ort und Stelle bewacht werden sollte.“

[18] Da hatt’ ich denn also auf einmal den erwünschten Fall, welchen die benachbarte Justiz abwarten wollte, ehe sie die Grenztruppen vom Exerciren abmüßigen mochte. Ich befahl, meinen Wagen bereit zu halten, die Gerichtsfolge aufzubieten, die Leute mit Fackeln zu versehen, und die beiden Medizinal-Beamten des Bezirks einzuladen, daß sie mich entweder sofort begleiten, oder mir sobald als möglich nach Waldrainsdorf folgen möchten, um an einem Ermordeten ihr Amt zu verrichten. Mittlerweile wurde die Anzeige des Handlungsdieners Albus gesetzmäßig zu Protokoll genommen. Er wiederholte die Erzählung der Thatsachen mit ziemlicher Fassung doch nicht ohne leise Schmerzens-Ausrufungen, die sich unwillkührlich aus seiner Brust drängten, während seine Worte niedergeschrieben wurden. Er bestimmte alle Umstände, die vor der Mordthat lagen, klar und befriedigend, [19] und nur zu einer genauen Beschreibung der Gestalt und Kleidung des Räubers schien das Gedächtniß ihm den Dienst zu versagen, was er selbst mit den Worten entschuldigte: „Gesehen – gesehen habe ich eigentlich nichts, als den Heinrich; sein Zusammensinken ließ mir keinen Sinn, kein Auge, kein Bewußtseyn mehr, um einen Eindruck von der Gestalt, von den Kleiderfarben des Entfliehenden aufzunehmen. Der entsetzliche Gedanke, daß er tödtlich getroffen seyn könnte, betäubte mich für jede andere Vorstellung.“

„Vielleicht“ – sagte ich: „werden in Ihrer Erinnerung einige Merkmale wieder wach, wenn Sie zurückkommen an Ort und Stelle.“

„Muß ich das?“ fragte er mit dem Ausdruck der Scheu vor neuer Gemüths-Erschütterung.

[20] „Nothwendig. Ihre Anerkennung des Verwandten darf nicht fehlen.“

Er machte keine Einwendung dagegen. Seine sichtbare physische Erschöpfung veranlaßte mich, ihm vor unserer Abfahrt eine Erfrischung anzubieten. Er genoß nicht mehr davon, als ein kleines Glas Rheinwein. Im Wagen war er stumm, und schien bisweilen von fieberhaften Frostschauern befallen zu werden. Als wir langsam über die hohe Bogenbrücke des … Stromes fuhren, wurde er aufmerksam, sah aus dem Schlage, und sagte mehr für sich als zu mir: „Hier, hier war es.“

„Sie haben über diese Brücke gehen müssen,“ erwiederte ich: „ist Ihnen hier etwas aufgestoßen?“

Er lehnte sich in den Wagen zurück, drückte das Taschentuch auf die Augen, und antwortete [21] dumpf: „Der Gedanke des Selbstmordes!“ – „Ja“ – fuhr er fort, indem er von neuem einen scheuen Blick aus dem Wagen warf: „der Anblick dieses schwachen Geländers erinnert mich daran! Der Fackelschein erleuchtet den Abgrund, den ewigen, an welchen die Verzweiflung mich geführt hatte.“

Das Eingeständniß eines solchen Gedankens fiel mir auf. Dieser Grad von Verzweiflung schien dem Falle nicht angemessen. „War der Unglückliche“ – fragte ich: „der erste nahe Blutsverwandte, den Sie verloren?“

„Aber unter solchen Umständen, mein Herr?“ erwiederte er in einem so schmerzvollen Tone, daß mich das Mitgefühl schweigen hieß.

[22]
II.
Die Leiche.


Vor euch, ihr Kraniche dort oben,
Wenn keine andre Stimme spricht,
Sei meines Mordes Klag’ erhoben.

Schiller, Kr. d. Ibykus.


Jenseits der Brücke kam mir ein reitender Bote mit der Nachricht entgegen, daß die Leiche gefunden worden sei. Kein Eindruck auf meinen Begleiter. Ich ließ, ohne in Waldrainsdorf anzuhalten, bis an den Saum des Waldes fahren. Hier stiegen wir aus, [23] und gingen zu Fuß in das Gehölz. Albus folgte tief in den Mantel gehüllt, schweigend, in sich versunken, wie es schien; aber mit festen Schritten, die er beschleunigte, je näher wir den Laternen der Bauern kamen, welche die Leiche bewachten. Die Scheu vor Todten, die Geisterfurcht, hatte sie von derselben beträchtlich entfernt. „Noch nicht,“ sagte Albus, als wir bei den Bauern ankamen, und eilte weiter. Ich hatte Mühe mit den Fackelträgern ihm zu folgen. Plötzlich blieb er wie eingewurzelt stehen. Drei Schritte von ihm, dicht neben dem Wege, lag der Entseelte. Albus warf den Mantel zurück; die gefalteten Hände verwendet über dem Kopfe haltend, starrte er einige Sekunden lang auf ihn nieder. „Oh Entsetzen! Entsetzen! Entsetzen!“ schrie er markdurchschneidend auf. Dann warf er sich über den Todten und verbarg das Gesicht an seiner blutigen Brust. Seine Stimme, [24] die bis zu einer ungewöhnlichen Stärke sich erhoben hatte, und der Schein der Fackeln, die sich jetzt hier auf Einem Punkte sammelten, hatte die Raben in den Wipfeln der hohen Bäume aus ihrem Schlummer geweckt. Mit Geschrei flogen sie auf. Albus richtete sein Gesicht empor, streckte eine Hand gen Himmel, und rief: „Ha, Kraniche – Kraniche des Ibykus! Verfolgt den Mörder! Krächzet über ihm im Theater – in der Kirche – am Altar!“ Er schien in dieser Stellung zur Bildsäule geworden. Der Racheruf hatte so erschütternd auf die Hörer gewirkt, daß Niemand wagte ihn anzureden. Nun aber ballte er die ausgestreckte Hand, legte sie wie ein Verzweifelnder auf seine Stirn, und rief mit dem Tone des gewaltigsten Schmerzes: „Nein, nein, nein! Es ist unmöglich! Mariane – Mariane! Du kannst es nicht tragen – ich kann es nicht tragen! Beide – Beide – [25] verloren!“ Die Stimme schwand bei dem letzten Worte, sein Gesicht fiel zurück auf des Bruders Brust, seine Sehnen schienen zu erschlaffen. Ich faßte ihn unter dem Arm, um ihn aufzurichten. Es gelang mit Mühe. Leichenblässe bedeckte seine Wangen. Ein Seufzer, der einem Röcheln glich, entwand sich seiner Brust, und ehe mein Wink an den Nächststehenden befolgt werden konnte, sank er bewußtlos an mir nieder.

Mit keinem der Mittel versehen, womit man Ohnmächtige zum Bewußtseyn zurückzurufen pflegt, blieb mir nichts übrig, als ihn auf der Tragbahre, die für den Erschlagenen bestimmt war, in meinen Wagen tragen zu lassen. Ich befahl, ihn eilig nach Waldrainsdorf zu fahren, wo inzwischen der Arzt angekommen seyn konnte. Die Tragbahre kam zurück. Nicht starr, aber noch leblos, hatte [26] man ihn in den Wagen gebracht. An eine rechtsförmliche, besonnene Anerkennung des Ermordeten an Ort und Stelle war nicht mehr zu denken. Die Leiche desselben wurde ordnungsmäßig aufgehoben, das Nöthige von dem Actuar in die Schreibtafel verzeichnet, und der Todte nach dem Dorfe getragen, wo ich einen zweiten zu finden fürchten mußte.

Wir folgten der Bahre. Niemand sprach ein Wort. Mancherlei Gedanken gingen durch mein Gehirn. Auch der unwürdige Verdacht, daß der Zeuge des Mordes selbst der Mörder seyn könnte, tauchte aus dem Gewirr derselben auf, und wollte sich dem Verstande aufdringen, während ihn das bewegte Gemüth mit Unwillen zurückwieß. Dem Criminal-Richter wird man solch einen Gedanken zu gut halten. Dieses Geschäft gewöhnt auch den gutmüthigsten Menschen daran, Anderen die größte Bösartigkeit zuzutrauen. Doch [27] Verstand und Gemüth wurden mit einander einig, ehe ich in das Dorf kam. Der gräuliche Verdacht hatte im Grunde nichts, worauf er sich stützen konnte, als das Uebermaaß von dem Schmerze des Ferdinand Albus, und die Apostrophe an eine „Mariane.“ Diese mußte mir, der ich beide Brüder vorher kaum dem Namen nach gekannt hatte, nothwendig dunkel seyn. Doch dunkel erinnerte ich mich auch, in einer Gesellschaft zu B… von einem jungen Kaufmann Albus als von einer practikablen Heiraths-Parthie reden gehört zu haben. Jene Mariane konnte des Erschlagenen Geliebte oder Braut seyn, und dann reichte die Bruderliebe, welche den heftigen Schmerz des Ferdinand erklärte, auch zur Erklärung der dunkeln Apostrophe hin.

In Waldrainsdorf fand ich im Hause des Landschöppen den Arzt und den Wundarzt [28] mit Ferdinand beschäftiget. Seine Sinne waren wieder erwacht, aber die Besinnung schien noch nicht zurückgekehrt zu seyn. Er sprach nicht, und nur zweifelhafte Zeichen ließen vermuthen, daß er verstehe. Eine Krankheit war nach der Meinung des Arztes im Anzuge. Den Ausbruch derselben hier abzuwarten, hielt er für bedenklich. Ich erbot mich gern, den Leidenden vor der Hand in mein Haus aufzunehmen, und mein Bedienter erhielt den Befehl, ihn im Wagen dorthin zu begleiten, und bis zu unserer Zurückkunft so für ihn Sorge zu tragen, wie es der Arzt vorläufig anzuordnen für gut fand.

Die Leichenöffnung, die man in Criminalfällen nie ohne die dringendeste Noth aufschieben soll, wurde vorgenommen. Kein Zweifel über die Ursache des gewaltsamen Todes von dem jungen, durchaus gesunden [29] Manne. Die Kugel war auf der linken Seite in die Brust gegangen, hatte Herz und Lunge verletzt, und fand sich, kaum merklich gedrückt, am rechten Schulterblatte, welches zu zerbrechen ihre Kraft nicht hingereicht hatte. Der Stockdegen des Erschlagenen war am Platze der Ermordung gefunden worden. Er schien den Versuch gemacht zu haben, ihn zu entblößen, denn derselbe war eine Handbreit aus der Scheide gerückt. Ferdinands Terzerol, das ich dort vermuthet hatte, fehlte. Die Bauern, die noch bei Tage die Leiche erreicht hatten, wollten keines bemerkt haben, und das Suchen darnach in dem nahen Gestrüpp, bei Fackelschein, war vergeblich gewesen.

[30]
III.
Der Kranke.


– – – Die Braut
Des Bruders, Mensch! und Liebe?

Basil in der Albaneserin. III, 4.


Gegen Mitternacht kam ich zurück. Meine Mutter und meine Schwester hatten sich des Kranken sorgsam angenommen; er lag zu Bett. Der Arzt fand ihn im Fieber, aber bei vollem Bewußtseyn. Ich bat ihn daher sofort um die nöthige Auskunft über die [31] häuslichen Verhältnisse des Verunglückten. Derselbe hatte, außer Ferdinand und einem mütterlichen Oheim in Philadelphia, keinen Blutsverwandten am Leben. Ein Handlungsdiener, ein Lehrling und ein Markthelfer machten seinen Hausstand aus. Ferdinand selbst war zweiter Commis des Wechslers, Kammerrath Brand, und wohnte im Hause seines Principals. Es war daher nöthig, dem Civilgericht in B… Nachricht von dem Unfalle zu geben, um die Versiegelung des Mobiliarnachlasses, die Inventur der Handlung und die Bestellung eines Administrators der Letzteren zu veranlassen. „Vielleicht“ – bemerkte ich: „wären diese Weitläuftigkeiten zu vermeiden oder zu vermindern, wenn Sie selbst morgen zurückreisen könnten; denn Sie sind der Erbe.“

„Wer? Ich?“ antwortete er mit Befremdung.

[32] „Wenn kein Testament vorhanden ist, ohne Zweifel.“

Dies schien ihn zu beunruhigen. Er fragte mit einer Art von Aengstlichkeit, ob er diese Erbschaft annehmen müsse. Als ich ihm erwiederte, daß er dieselbe ausschlagen könnte, wenn er das Vermögen den Schulden nicht gewachsen fände, ließ er eine Empfindlichkeit des kaufmännischen Ehrgeizes blicken, und erklärte seine Bedenklichkeit gegen die Annahme der Erbschaft dadurch, daß er nie daran gedacht habe, seinen Bruder zu beerben, der nur um wenige Jahre älter gewesen, als er selbst, und unfehlbar geheirathet haben würde. Als er vernahm, daß ich mit Tages-Anbruch die gerichtliche Anzeige nach B… senden würde, bat er um Material zu zwei Zeilen an seinen Principal. Der Versuch mit Feder und Dinte zu schreiben, mißlang seiner Schwäche. Doch mit der Bleifeder brachte er die [33] Worte auf das Papier: „Heinrich ist ermordet, ich liege krank, aber nur Erschöpfung, bringen Sie es Ihrer Tochter mit Vorsicht bei, ehe sie das Gerücht erfährt. Ich bitte um andere Kleider und Wäsche.“ Ich siegelte das Billet, überschrieb es an den Kammerrath Brand „zu eigenhändiger Eröffnung,“ sprach diese Worte laut, und bemerkte absichtlich, daß sie mir nöthig schienen, damit der Brief auf keinen Fall von Fräulein Marianen geöffnet werde. Es fiel ihm nicht auf, daß ich den Namen wußte.

„Sie wird nicht,“ sagte er: „und am Ende –“ Er wendete sich ab, seufzte beklommen, und verbarg sein Gesicht in dem Kissen. Ich zweifelte nicht mehr, daß er den Schmerz im voraus mitfühlte, womit die traurige Nachricht die Braut seines Bruders erfüllen würde.

[34]
IV.
Mariane.


Fernando –
Kann sie nicht hassen, denn sie glüht für ihn.

Albaneserin. II, 5.


Am andern Mittag, ehe mein Bote noch zurück seyn konnte, fuhr eine Reise-Equipage bei mir vor, und der Kammerrath Brand ließ sich anmelden. Ich empfing ihn in dem Zimmer meiner Mutter, welches geheizt, aber in diesem Augenblicke leer war. Er trat ein, [35] ein junges Frauenzimmer am Arm. Es war seine Tochter Mariane. Keine regelmäßige, keine Maler-Schönheit, aber ich habe nie eine Frauengestalt und ein Frauenangesicht gesehen, welche bei’m ersten Anblick die sinnliche Natur des stärkeren Geschlechtes mit gleicher Macht hätten gefangen nehmen können. Etwas über die mittlere Frauengröße; ein majestätischer Wuchs, zu kraftvoll und üppig, als daß er neben den künstlichen Wespentaillen unserer Ballsäle für schlank hätte gelten können, doch mit allen Reizen des Ebenmaaßes geschmückt; schwarzbraunes Haar, feurige und seelenvolle Augen, die Blüthe der Jugend und Gesundheit auf den Wangen und auf den Lippen; ein schön gebogener Nacken, ein Hals von der Farbe der Lilie, wenn der Schimmer des Abendrothes auf ihren Blättern spielt; eine sanft gewölbte Brust, ein Busen, den seine Hülle nur mit Aufopferung ihrer Falten gefangen [36] hielt; volle weich abgerundete Arme und Hüften; mit einem Worte Alles, was vermittelst des Auges den sinnlichen Trieb in Bewegung setzen kann, ohne den Schönheitssinn, den sogenannten Geschmack, zu verletzen.

Nachdem der Vater, ein hagerer Mann von freundlicher, aber nicht einnehmender Miene und mit einer ziemlich jüdischen Physiognomie, die gewöhnliche Bitte um Verzeihung vorgebracht, und ich das Gewöhnliche darauf erwiedert hatte, führte ich das reizende Mädchen zur Ottomane, und lud sie mit der Geberde ein, Platz darauf zu nehmen. „Ich bitte, mein Herr!“ sagte sie mit einer angenehmen, glockenhellen Stimme, deren Schwingungen deutlich verriethen, daß ihr Gemüth sehr bewegt war. Es war jedoch nicht Schmerz, sondern Beunruhigung, was mich in diesen Tönen anklang; ich fühlte an ihrer Hand ein [37] leises Zittern, und sie ließ sich auf eine Art nieder, welche zu erkennen gab, daß die Stellung der Ruhe mit ihrem Gemüthe nicht im Einklange war. Eine ungeduldige Aengstlichkeit schien Fragen auf ihre Zunge drängen zu wollen, welche sie mit Mühe zurückhielt, um dem Vater die Initiative der Unterredung zu überlassen. Hat man sie – dachte ich – noch in Zweifel gelassen über die Größe des Unglückes, welches sie betroffen hat? Ich wendete mich schnell wieder zu dem Alten.

„Sie kommen unfehlbar, Herr Kammerrath, um zu erfahren, wie lange Sie Ihren Geschäftsgehülfen werden entbehren müssen. Der Schlaf hat ihn sehr gestärkt, die Besorgnisse des Arztes sind größtentheils verschwunden, doch soll er noch das Zimmer nicht verlassen, und meine Mutter hat sich gleichsam darin angesiedelt, damit die Einsamkeit seinen Trübsinn nicht vermehre.“

[38] „Nur Trübsinn?“ sagte Mariane lebhaft, indem sie aufstand, sich mir nahte, und die zitternde Hand auf meinen Arm legte. „Oh ich bitte Sie, Herr Criminalrichter, sagen Sie mir Alles! Ist es nur Trübsinn, nicht Verzweiflung, nicht Raserei gegen sich selbst? Ist irgend eine Waffe, ein gefährliches Werkzeug in seiner Nähe? O Gott! Gott! ich zittre für ihn. Wenn er irgend etwas verschuldet hat, wenn er glaubt, etwas verschuldet zu haben, wenn er sich einbildet, daß er seinen Bruder hätte retten können; so ist sein Trübsinn fürchterlich, so ist er des Aeußersten fähig.“

Das Alles wurde so schnell gesprochen, daß ich auf die einzelnen Fragen nicht hätte antworten können, wenn mich auch dazu die Ueberraschung hätte kommen lassen, die Herzens-Verhältnisse ganz anders zu finden, als [39] ich vermuthet hatte. Das war offenbar nicht die Geliebte des Ermordeten, welche fragte; es war die Geliebte Ferdinands, oder es war wenigstens nicht Jener, sondern Dieser, welchen sie liebte. Wußte das Ferdinand selbst noch nicht, als er an der Leiche seines Bruders ausrief: „Mariane, du kannst es nicht tragen!“ Diese Unwahrscheinlichkeit fiel mir auf das Herz, auf das criminalistische, möcht’ ich sagen.

„In der That, mein Fräulein,“ erwiederte ich: „Herr Albus hat Spuren einer Verzweiflung blicken laßen, die seinem eignen Leben hätten gefährlich werden können. Er hat mir sogar eingestanden, daß er nach dem Unglück, auf der Brücke von Eichdorf, von dem Gedanken an Selbstmord überfallen worden. –“

„Oh sehn Sie – sehn Sie wohl, Vater!“ fiel Mariane ein.

[40] „Doch“ – fuhr ich fort: „er gestand den Gedanken mit dem Abscheu eines Christen; diese Gefahr ist vorüber.“

„Sie kennen ihn nicht, mein Herr! Sie haben keine Vorstellung von dieser entsetzlichen Reizbarkeit, von dieser schrecklichen Heftigkeit im Unglück. Nicht im Unglück, das ihn trifft, aber im Unglück, das er veranlaßt. Ach, das kennt niemand so, wie ich, die Monate lang davor gebebt hat, den Schuß fallen zu hören, der sein Gehirn zerschmettern würde!“

„Das war ein sehr verschiedener Fall, meine Tochter,“ – sagte Herr Brand beschwichtigend.

„Wer weiß das? Wer bürgt dafür, daß die Fälle sich nicht ähnlich sind, wie das Ei dem Ei, wenigstens in seinem Gehirn? Voriges [41] Frühjahr, mein Herr, will er das Pferd des Buchhalters reiten, das Keinen aufsitzen läßt, außer seinen Herrn. Es will nicht halten, er erzürnt sich, schlägt das Thier mit Wuth, endlich überlistet er es durch einen Sprung und kommt in den Sattel. Das Pferd steigt, springt zur Seite, schlägt aus, und trifft den jüngsten Knaben des Kutschers, der nicht schnell genug die Stallthür erreichen kann. Dada hätten Sie ihn sehen sollen! Das blutende, betäubte Kind in den Armen, stürzte er mir auf der Hausflur entgegen. Die Knie konnten ihn selbst kaum noch tragen. Ich trug den Knaben in das nächste Zimmer und rief nach Hülfe. „Vergebens! Vergebens!“ rief er heulend aus: „todt! durch mich!“ – Krampfig schlug er die Hände in seine Haare, und rannte die Treppe hinauf. Ich eilte ihm nach, so schnell ich konnte. Eben riß er das Pistol von der Wand; wie ein Rasender [42] rang er mit mir darum. Nur die Angst gab mir die Stärke, es ihm zu entreißen, und wären nicht Männer dazu gekommen, die ihn zu halten vermochten, wahrlich! er würde sich die Stirn an der Wand zerschmettert haben. Sehn Sie, so ist er, so entsetzlich bei dem besten, edelsten Herzen!“

„Im ersten Augenblicke des Gefühls einer Verschuldung –“

„O nein, nein! Das kommt wieder bei ihm. Die Lebensgefahr des Kindes, so lange sie dauerte, war auch die seinige. Selbst den Gedanken, daß der Knabe, aufgeweckt sonst und verständig, eine Stumpfheit des Geistes zurück behalten könnte, wie man Anfangs besorgte, konnt’ er nicht ertragen. Es gab Stunden, wo die Besorgniß des Arztes ihm für entschiedene Gewißheit galt, und ich weiß, daß nur ich allein –“

[43] Sie hielt plötzlich inne, und schlug mit glühendem Erröthen die schönen Augen zu Boden.

„Warum“ – fuhr sie mit leiserer Stimme fort: „warum schäme ich mich, auszusprechen, was ich doch nicht mehr verbergen kann. Ja, mein Herr, ich weiß, ich glaube, daß ihm damals nichts den Muth erhalten hat, zu leben, als mein feierlicher Schwur, daß ich ihn nicht überleben würde.“

Ihre thränenfeuchten Augen waren bei diesen Worten gen Himmel gerichtet, und die ausgebreitete Rechte auf der hochklopfenden Brust wiederholte gleichsam den tragischen Schwur der innigsten Liebe. Der Anblick und der Ton der Stimme rührten mich tief. Das reizende Geschöpf war hinreißend in diesem Augenblicke. Ich würde mich vergessen, [44] sie umarmt, die fallende Thränenperle von ihrer Wange weggeküßt haben, wenn wir allein gewesen wären. Sie schien das in meinen Augen gelesen zu haben, und wandte sich schüchtern abwärts. Die Niederschlagung meiner Gemüthsbewegung vollendete der Blick, den ich jetzt auf den Vater wandte. Welch ein Contrast! Der Mann stand da mit empor gezogenen Schultern, und sah drein, als wäre die Rede von einem Schacher, wobei man das Uebel mit in den Kauf des Guten nehmen müsse.

„Herr Albus hat nun einmal solch ein wunderliches Temperament,“ sagte er mit einer Kälte, mit einer Ausgedürrtheit des Gemüthes, die mich beinahe zum Lachen genöthiget hätte.

„Der Herr Criminalrichter werden meiner Tochter ihre Heftigkeit gütigst verzeihen; die [45] jungen Leute sind einander seit geraumer Zeit gewogen, und haben in den letzten Wochen einige Ursache gehabt, sich als Verlobte zu betrachten.“

Diese Erklärung wirkte ungeachtet ihres Abgeschmacks wohlthätig auf mein Gemüth. Sie gab mir einen vollkommen befriedigenden Aufschluß über Ferdinands räthselhafte Aeußerungen, und über sein Benehmen vom heutigen Vormittag, welches einige Mal meinen Verdacht in seinem Schlummer gestört hatte. Hier waren zwei Temperamente von ungewöhnlichem Feuer, zwei Wesen, die allem Anscheine nach Eines werden oder untergehen mußten. Marianens Ahnung von der Aehnlichkeit der Fälle schien nur allzuwohl gegründet zu seyn. Der Ton, womit Ferdinand am Abend vorher von seinem Feuergewehr gesagt hatte: „Ach Gott, Gott! das war sein Tod!“ ließ mich jetzt [46] nicht mehr daran zweifeln, daß er sich eine Verschuldung an seines Bruders Tode beimaß, weil er es zu früh aus dem Gürtel gerissen und den Augen des Räubers entblößt hatte, der mit dem Angefallenen rang und denselben niederschoß, als er einen Bewaffneten herbei eilen sah. Seine Geneigtheit zur Selbstpeinigung ging aus der Geschichte mit dem Knaben anschaulich hervor. Er fühlte unstreitig diese Charakterschwäche, als er die Leiche wieder erblickte, und seine Apostrophe an die „Mariane“ stand augenscheinlich in unmittelbarer Beziehung mit dem feierlichen Schwure, wodurch das Mädchen ihn früher von einem Selbstmord aus überreiztem Schuldgefühl abgehalten hatte. „Du kannst es nicht tragen, ich (denn ich) kann es nicht tragen, wir sind Beide verloren!“ Es lag nun klar am Tage, welche Befürchtungen ihm diese Worte in den Mund gelegt hatten.

[47] Mariane hatte während der trockenen Rede ihres dürren Vaters wieder Platz auf den Polstern genommen. Ich setzte mich zu ihr, ergriff die neben ihr ruhende Hand, und bat sie über den gegenwärtigen Gemüthszustand des Herrn Albus vollkommen beruhiget zu seyn.

„Ist es nicht möglich, daß er noch heute mit uns nach B… zurückfahre?“ fragte sie mit dringender Beängstigung.

„Wir wollen den Arzt hören, meine liebe bekümmerte Freundin.“

„O ja, ja, mein Herr,“ sagte sie mit dankbarem Handdrucke, und zwei große Tropfen rollten aus den glühenden Augen.

Ich verließ sogleich das Zimmer, um den Arzt rufen zu lassen, und bat meine Schwester, den Kranken mit zwei Worten auf den [48] Besuch seines Principals mit seiner Tochter vorzubereiten. Da dies auf dem Vorsaal geschah, und ich die Thür des Zimmers, aus welchem ich kam, halb offen gelassen; so hatte Herr Brand diesen Auftrag vernommen. Er trat heraus, und bemerkte, daß sein Bedienter die verlangte Wäsche und Kleidung mitgebracht habe. Das war mir erwünscht, denn ich fürchtete, daß Mariane bei dem Anblick seiner blutbefleckten Weste erschrecken könnte, die er nothgedrungen wieder hatte anlegen müssen. Brands Bedienter ging, ihn umkleiden zu helfen. Ich kehrte zu Marianen zurück, sie zu unterhalten. Wovon? Natürlich von ihm. Ich schilderte ihr, was vorgegangen war seit dem gestrigen Abend. Sie war ganz Ohr, ganz tiefes, inniges Mitgefühl, und der Ausdruck der Dankbarkeit für meine Sorgfalt um den jungen Mann verklärte alle Züge des reizenden Gesichtes. Herr Brand hatte sich [49] indessen ruhig am Fenster niedergelassen, und – las in den Hamburger Zeitungen, die er dort gefunden hatte. Meine Schwester trat ein, uns zu benachrichtigen, daß Herr Albus umgekleidet sei. Mariane stand schnell auf, eilte auf meine Schwester zu, schloß sie an ihre Brust, drückte einen Kuß auf ihre Stirn, und sprach leise die Worte: „Das seinem Engel der Hülfe!“ Herr Brand erhob sich mit einer Art von Unwillen über die Unterbrechung seiner Lectüre, und folgte zuletzt, als ich Marianen nach dem Zimmer des Kranken führte. Er saß auf dem Sopha, wollte aufstehen, während meine Mutter die Fremden empfing, schien aber der Kraft seiner Kniee nicht zu trauen, und sagte die Worte: „Sie kommen selbst?“ mit einem Blick auf Marianen, der seine ganze Seele enthüllte. Der Ihrige schien belebend, wie ein electrischer Strom, auf ihn zu wirken. Seine [50] Frage beantwortete Herr Brand. „Freilich wohl, Herr Albus, Sie wissen ja, wie wenig wir Sie entbehren können im Geschäft.“ Inzwischen neigte sich Mariane vor meiner Mutter, und drückte schnell, ich möchte sagen, mit einer Art von List ihre Absicht verbergend, die Hand derselben an ihre Lippen, ehe die Ueberraschte es verhindern konnte.

[51]
V.
Die Jüdin.


Wenn nur das Mädchen sonst gesund und fromm
Vor Euren Augen aufgewachsen ist,
So blieb’s vor Gottes Augen, was es war.
Und ist denn nicht das ganze Christenthum
Auf’s Judenthum gebaut?

Lessing im Nathan. IV, 7.


Meine Schwester erinnerte sich, Marianen in B… schon gesehen zu haben. Beide Mädchen ließen sich nieder, um das Wann, Wo und Wie auszumitteln, und Herr Brand nahm neben Ferdinand Platz. Er bedauerte recht sehr, daß ein so geschätzter und thätiger [52] Kaufmann, wie Herr Heinrich Albus gewesen, so plötzlich und auf eine so erbärmliche Art habe umkommen müssen. Es that ihm besonders leid, daß dieser Unglücksfall eben jetzt eingetreten, da derselbe Wohlstandshalber zu einem Aufschub der gewünschten Verbindung nöthigen würde, welcher er, als Vater, eigentlich niemals Hindernisse in den Weg zu legen gesonnen gewesen. Ungeachtet des großen Unglücks aber, welches bei seiner schnell resolvirten Abreise in ganz B… herum gewesen, habe er sich sehr gefreut, aus sicherem Munde zu hören, daß die wohllöblichen Gerichte die Handlung und die Bücher des Seeligen in einem ganz unerwartet günstigen Zustande gefunden hätten, obschon er eben deshalb beinahe besorgen müßte, den besten Arbeiter seines Comtoir’s einzubüßen, etc. – Zwischen alle dieses unzeitige Geschwätz, wobei Ferdinands Miene bald Befremdung, bald [53] Beunruhigung, bald Unwillen ausdrückte, schob er mancherlei Fragen nach Comtoirs-Angelegenheiten ein, die Albus zu besorgen gehabt hatte, und schien sich mit der Vorsicht eines Geschäfts-Mannes auf den Fall vorzubereiten, daß der Arzt dem Kranken das Mitreisen nicht gestatten könnte.

Diese Mühe war vergeblich gewesen. Der Arzt kam, und fand kein Bedenken gegen die kurze Fahrt von 2 Meilen, da Ferdinands Schwäche nichts, als die Folge einer langen lethargischen Ohnmacht wäre. Auf Marianens Gesicht, von welchem bis dahin der Ausdruck der Unruhe nicht gewichen war, glänzte die Freude. Sobald der Arzt sich entfernt hatte (sehr zufrieden, wie es schien, mit dem Honorar, welches Herr Brand auf ein leise in sein Ohr gesprochenes Wort Ferdinands ihm mit schicklicher Verbergung eingehändiget [54] haben mochte), mahnte sie ihren Vater an den Aufbruch. Sie that es mit einer so unverhehlbaren inneren Ungeduld, daß es mir weh that, ihrem Wunsche in den Weg treten zu müßen. Albus mußte zuvor die Effecten seines Bruders, die er bei mir niedergelegt hatte, in Empfang nehmen, und die Ausantwortung mußte niedergeschrieben werden. Er hatte, als nächster Verwandter des Ermordeten, über dessen Leiche zu verfügen. Auch waren die Leute noch nicht zurück, die ich am Morgen in den Wald gesendet hatte, um Ferdinands Terzerol aufzusuchen. Für meine Acten war dieser Umstand von einiger Bedeutung. Es war immer ein bewaffnet gewesener Mann, welcher mir die Anzeige des Mordes gemacht hatte, ohne Auskunft geben zu können, wo dieses tödtliche Werkzeug, welches er gegen den entfliehenden Räuber gebraucht haben wollte, hingekommen sei. [55] Ich bat den Kammerrath, ausspannen zu lassen, und das Mittagsmahl bei mir einzunehmen. Es bedurfte nur der Erwähnung, daß die Goldbörse und Brieftasche des Verunglückten einen Werth von 8000 Thalern enthielten, um ihn von der Nothwendigkeit einer unverzögerten rechtsförmlichen Ausantwortung zu überzeugen. Der Anblick der Geliebten schien dem Leidenden seine physischen Kräfte wiedergegeben zu haben. Er folgte uns in das Speisezimmer am Arme meiner Schwester, und wählte seinen Platz nicht eher, bis Mariane den ihrigen genommen hatte, um ihr gegenüber das Augen-Mahl ihrer Reize zu genießen. Das Mädchen hatte mich so sehr für ihre Leidenschaft interessirt, daß ich Vergnügen daran fand, die beiden Liebenden zu beobachten. Ferdinand sprach sehr wenig, und aß wenig mehr, als er sprach. Seine Augen wichen selten von Marianens Gestalt, [56] und schienen die leichten und anmuthigen Bewegungen derselben am liebsten zu verfolgen, wenn sie es nicht zu bemerken schien. Ihre Blicke vermieden es bisweilen merklich, den seinigen zu begegnen, und ich glaubte mehr als einmal ein flüchtiges Erröthen über den Ausdruck der letzteren zu bemerken, der ihr zu verständlich für den Dritten vorkommen mochte.

Meine Beobachtungs-Lust schien ihr nicht entgangen zu seyn, und sie suchte meine Aufmerksamkeit von Ferdinand abzuleiten durch ein Gespräch mit mir. Sie lenkte dasselbe auf meinen Beruf, und indem sie nach den Mitteln fragte, durch welche ich hoffen könnte, Heinrichs Mörder zu entdecken, hob sie mich unvermerkt auf das Steckenpferd aller Criminalisten. Ihre Art sich auszudrücken, und ihre Bemerkungen über Gegenstände, die ihr [57] nothwendig fremd seyn mußten, verriethen einen Verstand von ungewöhnlicher Klarheit und Bildung, und ein Empfindungs-Vermögen, welches mit demselben in der glücklichsten Wechselwirkung stand. Alles, was sie sprach, nahm so unwiderstehlich für sie ein, daß sich in mir die Neugierde regte, zu erfahren, wie die Tochter eines so wenig einnehmenden Vaters zu so viel geistigen Vorzügen von der Art gekommen seyn möchte, wie sonst nur eine sehr gute Erziehung und der tägliche Umgang mit vorzüglichen Menschen sie zu entwickeln pflegen. Die Gegenwart des Herrn Brand erlaubte meiner Neugierde keine Frage, die geradezu auf diesen Gegenstand gegangen wäre. Aber meine Schwester verschaffte mir zufällig einiges Licht darüber. Sie hatte in B… von einer Madame Brand sprechen hören, welche den Ruhm einer ausgezeichneten Clavierspielerin hinterlassen; [58] und fragte, ob dieselbe eine Verwandte ihres Hauses gewesen. „Meine Mutter,“ antwortete Mariane, und mit welchem Tone, mit welcher Miene! Die reinste Kindesliebe, welcher das Grab keine Schranke setzt, welche durch die irdische Trennung an Innigkeit eher gewinnt als verliert, und jedes freundliche Andenken des Dritten mit wehmüthiger Freude vernimmt, klang in ihrer Stimme, malte sich in ihren Augen. Meine Schwester schwieg. Herr Brand nahm das Wort.

„Es muß wahr seyn“ – sagte er trocken wie immer: „sie spielte gewaltig schön, und war auch sonst eine seelengute Frau. Sie hat vor zwei Jahren das Zeitliche gesegnet, und war aus dem Stamme“ – Er stockte hier plötzlich mit einer Art von Verlegenheit.

Ein heiteres Lächeln spielte um Marianens Mund. „Unsere Familie ist jüdisch, Herr Criminalrichter,“ sagte sie.

[59] „Gewesen, gewesen,“ verbesserte Herr Brand.

„Nicht doch, lieber Vater, die Familie ist nicht der Glaube. Es war das Werk meiner guten – meiner unvergeßlichen Mutter, daß wir Christen wurden; aber sie hat es niemals verläugnet, daß sie als Jüdin geboren war.“

„Nun, es gilt auch gleichviel unter den Aufgeklärten,“ sagte Herr Brand. Er lenkte das Gespräch wieder auf Heinrichs Mörder, dankte dem Himmel, daß wenigstens die Beraubung dem Bösewicht nicht gelungen sei, und wendete sich endlich an Ferdinand mit der tölpelhaften Frage: „Aber war es denn gar nicht möglich, werther Herr Albus, daß Sie mit Ihrem Pistol geschwinder herbei kommen, und dem Herrn Bruder auch das Leben retten konnten?“

[60] Mariane fuhr zusammen bei diesen Worten, und sah mit steigender Angst den Eindruck derselben auf Ferdinands Gesichte sich malen. Er antwortete nichts, sah den Kammerrath mit starren Augen an, wurde blaß, seine Lippen zitterten, er schien aufstehen zu wollen.

„Lieber Herr Albus!“ sagte Mariane, mit so rührender Bitte, daß ich, der unbetheiligte Hörer, augenblicklich den Andrang von Thränen in meinen Augen fühlte. Das reizende Geschöpf schien über die Leidenschaften ihres Geliebten mit zauberischer Allmacht zu herrschen. Er schlug die Augen nieder, erhob sie dann langsam auf Marianen, und sagte mit einem leisen Seufzer: „Welche Frage!“ Das Mädchen blickte mich bittend an. Ich konnte sie nicht mißverstehen, und hob die Tafel auf.

[61] Das Geschäft der Ausantwortung von Heinrichs Brieftasche, Börse und Uhr wurde mit aller möglichen Schonung für Ferdinands reizbares Gemüth abgethan. Er unterzeichnete bloß das Protokoll, nachdem ich die Gegenstände dem Kammerrath übergeben hatte. Mit Diesem allein besprach ich die Angelegenheit des Begräbnisses. Er war ganz der Mann dazu. Inzwischen kam die unangenehme Meldung, daß alles Suchen nach dem vermißten Terzerol vergeblich gewesen sei. Ich konnte Ferdinand nicht abreisen lassen, ohne ihn nochmals darüber zu befragen, wo er es gelassen haben könnte. Mariane war zugegen. Sie schien zu besorgen, daß dieser Umstand einen Aufenthalt verursachen möchte.

„Besinnen Sie sich doch, lieber Albus,“ sagte sie, indem sie die flache Hand auf seine Stirn legte. Die Berührung schien selbst auf sein Gedächtniß belebend zu wirken.

[62] „Ich glaube“ – sagte er, indem er Marianen ansah, als ob er aus ihren Augen zu lesen hoffte, was er in seinem Gehirn nicht finden konnte: „ja fürwahr! Ein Lauf war noch geladen – auf der Brücke – ich dachte an Dich – es ist mir klar, ich hab’ es in den Strom geschleudert, um nicht“ – –

„Zum Selbstmörder zu werden,“ ergänzte Mariane im Tone des Vorwurfs.

„So ist es, Herr Criminalrichter, ich entsinne mich jetzt deutlich, Sie können darauf bauen.“

Die Sache war in der That so wahrscheinlich, daß meine criminalistischen Bedenklichkeiten gänzlich verschwanden. Ich begnügte mich, diese spätere Auskunft am Rande des Erzählungsprotokolls nachzutragen, ohne Ferdinand [63] mit einer neuen Unterschrift zu bemühen.

Bei’m Abschiede bat mich Herr Brand mit mehr Angelegentlichkeit, als ich von ihm erwartet hatte, daß ich und die Meinigen, so oft wir nach B… kämen, sein geringes Haus als das unsrige ansehen möchten.

„O, das werden Sie thun, mein lieber Herr,“ sagte Mariane, indem sie mir die schöne Hand reichte, um mein Angelöbniß zu empfangen: – „und Sie, gütige Frau, und Sie, meine neue schwesterliche Freundin! Oder – werden Sie das christliche Judenmädchen verschmähen?“

Sie stieg zuletzt in den Wagen, nachdem sie dem Bedienten am Schlage die Worte zugeflüstert hatte: „Das Bild in seinem Zimmer muß weg, eh’ er es betritt.“

[64]
VI.
Die Bande.


Der Wald ist unser Nachtquartier,
Der Mond ist unsre Sonne.

Schillers Räuber.


Die nächsten Wochen vergingen mir in zerstreuenden Berufsgeschäften. Der Mord hatte Schrecken in der Umgegend verbreitet. Was die Criminal-Polizei des Nachbarstaates mir früher verweigert hatte, damit kam sie mir nun selbst entgegen: sie bot die Mitwirkung [65] eines Jäger-Regimentes zur Säuberung des Waldes an. Mit Hülfe der wenigen vaterländischen Truppen, welche die Garnison von B… ausmachten, wurde nun die Einschließung des Gehölzes möglich, während die beiderseitigen Gensd’armen alle Schlupfwinkel durchsuchten. Eine im ganzen Walde zerstreute Spitzbuben-Colonie von einigen und zwanzig Personen, die zum Theil Weiber und Kinder bei sich hatten, wurde am ersten Tage aufgegriffen. Die Schluchten, Höhlen und Erdhütten, worinnen sie haus’ten, ließen keinen Zweifel über ihr Hauptgewerbe: Wilddieberei und Viehstehlen. Sie hatten hier und da kleine Wildkammern angelegt, und man traf Weiber gleichsam in flagranti an, beschäftiget mit dem Ausschlachten von Schaafen, welche die Bezeichnung benachbarter Heerden trugen. Jagdgewehr aller Art, Pistolen, Munition, Diebes-Instrumente, Reisekoffer, [66] an denen noch durchschnittene Stricke hingen, und mancherlei Sachen, die gestohlen zu seyn schienen, fanden sich im Ueberfluß. Aus den vorläufigen Geständnissen der Nomaden ging hervor, daß sie vielfache gaunerische Verbindungen außerhalb des Waldes hatten, und mehrere Hehler in den benachbarten Dörfern und Flecken wurden eingezogen. Die Verhafteten wurden zwischen beiden Ländern nach Maaßgabe der Gebiete vertheilt, wo sie angetroffen worden waren.

Ich hatte diesen kleinen Feldzug in Person mitgemacht, und ich kann nicht läugnen, daß mich dazu noch eine andere Neugier bestimmt hatte, als die criminalistische. Der Offizier, welcher das Militär-Detaschement aus B… befehligte, ein junger Mann von viel geselliger und wissenschaftlicher Bildung, kannte das Brandische Haus, und sprach von dem [67] reizenden „christlichen Judenmädchen“ eben so gern, als ich. Ihr Ruf war ohne Flecken, und der kaufmännische Credit ihres Vaters unbezweifelt. Sie war sein einziges Kind, höchstens 18 Jahr alt, in der geselligen Welt beliebt, häußlich aus Neigung, und vermöge ihres Einflusses auf den Vater unabhängig von der doppelt so alten, entfernten Verwandten, welche seit dem Tode ihrer Mutter die Zügel des Haushaltes führte. Sie galt, wenn nicht für eine glänzende, doch für eine sehr gute Parthie, und man hatte eine Zeit lang den Kaufmann Heinrich Albus für den Glücklichen gehalten, welchem Herr Brand sie für den Fall zugedacht habe, wenn dessen seit einigen Jahren eröffnete Seiden-Waaren-Handlung den Schwung nehmen würde, welchen seine Thätigkeit, Umsicht und Sparsamkeit hoffen ließen. Seit einem Jahre ungefähr war man aber anderer Meinung geworden. [68] Um diese Zeit kam Ferdinand Albus von einer zweijährigen Reise zurück, die er als Diener eines großen hansestädtischen Hauses nach Nordamerika gemacht hatte, und besuchte seinen älteren Bruder in B…, wo er zuvor nie gewesen war. Sein Aufenthalt verlängerte sich über die gewöhnlichen Zeitgrenzen eines Besuches, und durch Heinrichs nachdrückliche Verwendung trat er nicht nur als Commis in Brands Comtoir, sondern wurde auch dessen Hausgenosse. Seit dieser Zeit glaubte man in B…, er sei Willens zu dienen um das schöne Judenmädchen „sieben Jahr,“ und es geschehe mit Einstimmung des Bruders, der sein mäßiges elterliches Erbtheil in den Händen haben sollte. Seit Heinrichs Ermordung aber war man überzeugt, daß Herr Brand die alttestamentliche Dienstzeit um die Tochter abkürzen würde, weil Ferdinand unverhofft der Erbe eines Vermögens [69] geworden war, über dessen Ansehnlichkeit der gerichtliche Befund keinen Zweifel gelassen hatte.

Den Ferdinand kannte der Offizier genauer, als er dessen Bruder gekannt hatte, und meinte, daß derselbe viel besser zum Soldaten, als zum Handelsmanne taugen würde. Er sei voll Feuer und Leben, ein guter Reiter, Schwimmer, Tänzer, Eisläufer, Jagdschütz – auch Fechter muthmaßlich – denn er benehme sich, bei einer ungewöhnlichen Heftigkeit, immer wie ein Mann, der keine Ehrenhändel scheut. Jenes Fehlers ungeachtet sei er aber im geselligen Umgange sehr beliebt, und habe unter den Männern seines Alters mehr Freunde, als Feinde, weil er für das, was Andere interessire, einer schnellen und warmen Theilnahme fähig sei. Sein Lebenswandel sei durchaus anständig und geregelt, [70] seine Ausgabe mäßig, und wenn er für irgend eine der Vergnügungen junger Leute eine Leidenschaft habe, so sei es die wohlfeilste von allen: das Theater, welches ihm nichts koste, als das Eintrittsgeld, weil er mit den Schönen der Bretterwelt sich in keinen Umgang einlasse, sondern sich am Genuße der Darstellungen begnüge, die ihn bisweilen so hinrissen, daß er seinen Nachbaren durch die unwillkührlichen Aeußerungen seiner Gemüthsbewegung auffalle.

Alle Züge dieser gesprächlichen Schilderung entsprachen der Vorstellung, die ich mir von Ferdinands Charakter gemacht hatte, und erfreuten mich um Marianens willen, die mich zu lebhaft interessirt hatte, als daß ich sie einem Manne hätte gönnen mögen, der ihrer innigen Liebe unwürdig gewesen wäre.

[71]
VII.
Die stillen Vertrauten.


„Mit Verliebten ist eigentlich gar kein Umgang.“

Knigge.


So wenig ich mir auch von einer näheren Bekanntschaft mit Herrn Brand versprechen konnte, und so viel sich auch Bedenklichkeiten in mir dagegen regten, als ein rüstiger Dreißiger ledigen Standes einen Umgang mit einem reizenden und höchst einnehmenden Mädchen [72] anzuknüpfen, welches einem Andern so gut als verlobt war; so widerstand ich doch der Versuchung nicht, bei der nächsten Gelegenheit, die mich für einige Tage nach B… führte, den neuen Bekannten meinen Besuch zu machen.

Ich wurde wie ein Freund, wie ein geliebter Verwandter empfangen, und der trockene Kammerrath selbst vollstreckte den buchstäblichen Inhalt seiner Einladung, sein Haus als das meinige anzusehen, mit einer Art von Selbsthülfe, indem er ohne mein Wissen aus dem nahen Hotel, wo ich abgestiegen war, meinen noch unausgepackten Wagen in seinen Hof fahren, und meine Sachen in das freundlichste Zimmer seines Hauses schaffen ließ. Was ich auch immer dagegen vorbrachte; Mariane war unwiderstehlich, und mein Aufenthalt wurde mir um so angenehmer, je mehr [73] ich hier Gelegenheit fand, ihren Geliebten von anziehenden Seiten kennen zu lernen.

Von Jugend auf für den Handelsstand erzogen, besaß er zwar keine sogenannte gelehrte oder klassische Bildung; aber er hatte sich selbst weit über die Schranken hinausgedacht und hinausgelesen, in welchen das geistige Vermögen der Kaufleute sich gewöhnlich zu halten pflegt. Seine Leidenschaft für den Besuch des Theaters hatte ihn für die Wirkungen der Poesie und der schönen Künste überhaupt empfänglich gemacht, obschon damals (um das Jahr 1816) die deutsche Bühne schon angefangen hatte, die wahre dramatische Dichtkunst hintanzusetzen, und dem spectakelmäßigen Unsinn aller Art deren Platz einzuräumen. Er hatte überdies eine Zeit lang in der großen Republik der neuen Welt gelebt, welcher sein Oheim seit vielen Jahren [74] angehörte, und von Menschenrecht und Menschenwürde, Volksfreiheit und Gewissensfreiheit, Bürgertugend und Staats-Gerechtigkeit, lebendige und anschauliche Begriffe mitgebracht, welche seine Ansicht der europäischen Dinge sehr interessant machten.

Mariane schien es mit stiller Freude zu bemerken, wie sehr sein Geist mich anzog, und beförderte unseren Gedankentausch auf eine so ungesuchte und einnehmende Weise, daß aus dem Antheil, welchen mir sein heftiger, jetzt allem Anschein nach besänftigter Schmerz eingeflößt hatte, und aus dem Gefühl der Dankbarkeit, welches seine Aufnahme in dem Schooße meiner Familie in ihm zurückgelassen haben mochte, sich in kurzer Zeit eine Art von freundschaftlichem Verhältnisse zwischen uns bildete, welches bei wiederholtem Besuchswechsel auch auf meine Familie sich [75] erstreckte, und zu demjenigen wurde, was man einen vertrauten Umgang nennt, obschon wir einander sämmtlich eben nichts vertrauten, was nicht auch jeder Andere hätte erfahren dürfen.

Was insonderheit mich und Albus anlangte, so fehlte es mir zwar nicht gänzlich an einem Gegenstande des Vertrauens, dasselbe schien aber überflüssig. Daß Mariane mich anzog, sah er selbst, und schien es gern zu sehen; sei es nun, daß er im ausschließlichen Besitz ihrer jungfräulichen Liebe sich vollkommen sicher fühlte, oder daß er meine Zuneigung für ganz unabhängig vom sinnlichen Triebe hielt. Und in der That glaube ich, daß er in Hinsicht des letzteren Punktes schon damals nicht mehr im Irrthume gewesen wäre. Der überraschende Eindruck, welchen der Anblick ihrer leiblichen [76] Reize auf mich gemacht hatte, war verwischt worden durch den Antheil, welchen ihre rührende Leidenschaft für einen Anderen meinem Herzen einflößte, und durch das sittliche Wohlgefallen an den Reizen ihres Geistes und ihres Gemüths. Hier war also nichts zu vertrauen; und was hätte Ferdinand seinerseits in den Busen des neuen Freundes ausschütten sollen? Der Schmerz über Heinrichs gewaltsamen Tod, der oft mitten im Kreise der heiteren Unterhaltung und des geselligen Vergnügens das lebhafte Feuer seiner Augen mit einem melancholischen Flor bedeckte, und den nur Marianens stiller Zauber besänftigen zu können schien, forderte stumm von jedem, der ihn kannte, die sorgfältigste Schonung, und konnte nicht füglich in seiner Gegenwart, geschweige denn mit ihm selbst, besprochen werden. Seine Leidenschaft für Marianen, offenbar eine mächtige sinnliche [77] Flamme, deren Ausbrüche vor fremden Augen er mit bemerkbarer Anstrengung zu verhindern suchte, konnte unmöglich das Bedürfniß einer wörtlichen Mittheilung an den Dritten empfinden, zumal da sie begünstiget war. Er schwieg darüber gegen mich, weil er wohl fühlte, daß es überflüssig wäre auszusprechen, was mir nicht hatte verborgen bleiben können; und Mariane folgte seinem Beispiel, obschon sie auf die Beherrschung des Ausdruckes ihrer Empfindung weniger Mühe verwendete.

[78]
VIII.
Das jungfräuliche Handels-Project.


„Liebe findet ihre Wege.“

Zedlitz (Titel eines Lustspiels).


So verging der Winter, der uns öfter in Marianens Hause, als in dem meinigen, vereinigte. Das Frühjahr kam, mein kleiner Wohnort mit seinen malerischen Umgebungen war eine einladende Landparthie für Leute, die in dem Steinhaufen von B… lebten, und [79] nun sah ich die Liebenden und dem Gerücht nach Verlobten häufiger bei mir, obwohl niemals ohne Begleitung des Herrn Brand oder der ihm verwandten Jüdin, die eine gebildete und angenehme Vierzigerin und meiner Mutter sehr willkommen war. Das fortdauernde Stillschweigen über den Gegenstand des allgemeinen Gerüchtes, über die Verbindung der beiden jungen Leute, fing an mich zu befremden. Als ich eines Tages im Garten mit Marianen zufällig ohne Zeugen mich befand, trieb mich diese Beengung der Gesprächs-Sphäre zu der Frage: „Nun, meine schöne Freundin, darf man Ihnen denn bald Glück wünschen?“

„Ich hoffe,“ sagte sie, nicht ohne einige Beklemmung.

„Sie hoffen? Wie ist das?“

[80] „Ach, mein lieber, theilnehmender Freund, noch ist nicht alles, wie ich es möchte.“

„Das bekümmert – ich darf sagen, es betrübt mich.“

„In der That?“ fragte sie, mehr gläubig als forschend in meine Augen blickend: „Das darf es nicht, das wird es auch nicht, wenn Sie wissen – Darf ich Ihnen mit der Geschichte meiner kleinen Mißlaune ein wenig Langeweile machen?“

„Sprechen Sie, liebe Mariane.“

„Nun sehen Sie, mein schwaches Geschlecht liebt die abso – wie nennt es mein Republikaner?“

„Absolute Herrschaft.“

„Ja. Ich bin wohl absolut genug in Ferdinands Herzen, denk’ ich, aber ich kann [81] nicht Meisterin werden über seine ganze Seele. Darin schaltet noch ein Rebell: der Schmerz um den Bruder, ein Schmerz, den ich störrisch, kapriziös nennen möchte, und der alle meine Pläne verwirrt.“

„Nach dem, wovon ich vorigen Herbst Augenzeuge war, ist mir derselbe in seiner Dauer nicht unbegreiflich.“

„Aber unnatürlich ist er doch! – Sie haben seinen Bruder nicht gekannt?“

„Nein.“

„Oh, es giebt nichts Unähnlicheres von Gemüthern, als diese Brüder waren. Heinrich, fast zehn Jahre älter, wohlgestaltet, unterrichtet, verständig, aber kalt, trocken, untheilnehmend – mit einem Worte eine Kaufmanns-Seele, wie“ –

[82] Sie stockte mit einem Anfluge von Röthe. „Ich weiß eben keinen ähnlichen Charakter von gleichem Alter. Ungefähr so mag Ihnen jetzt mein Vater erscheinen, aber er war es nicht immer, er hat geliebt, er liebt mich; das Alter, die Geschäfte, die Menschen mit ihrer eigennützigen Betrüglichkeit, haben eine Rinde um sein Gemüth gezogen, die nur in seltenen Augenblicken sich erweicht. Heinrich Albus suchte engeren Umgang mit ihm, weil derselbe seinem Credite nützte, nahm ihn für sich ein durch die Art, wie er den kaufmännischen Verkehr mit ihm betrieb, und ließ es nicht an Aufmerksamkeit für die einzige Tochter fehlen, die des Vaters Augapfel war. Als die Mutter todt war, beunruhigte mich das sehr, und er mochte wohl merken, was ich befürchtete. Da kommt Ferdinand nach B…, wird bei uns durch den Bruder eingeführt, sieht mich mit – wie soll [83] ich es nennen? Mit Bestürzung! – Bald darauf empfiehlt ihn Heinrich auf das Dringendeste dem Vater, Ferdinand kommt in unser Haus, reißt mich hin durch die glühende Leidenschaft, die er Anfangs schüchtern, dann in der Todesangst vor einer ungünstigen Entscheidung, zu verbergen sucht – – Genug davon, leicht denken Sie sich das Alles selbst; nur von der Heftigkeit, von der Ungeduld seiner Leidenschaft haben Sie keine Vorstellung. Und davor war gleich wohl kein Rat! Als Commis des Vaters konnte er nicht mein Gatte seyn, und sein Erbtheil, wenn es auch nicht zu gering gewesen wäre, um in der Eil des Vaters Compagnon aus ihm zu machen, war unter 3 Jahren nicht verfügbar; es stand bis dahin in Heinrichs Handlung vermöge eines Vertrags mit Ferdinands Vormunde. Dennoch getraute ich mir, den Vater zu bewegen, daß er einen Compagnon [84] von 12000 Thalern aufnähme; aber Ferdinand konnte den Bruder nicht bewegen, daß er 3 Jahre vor der Verfallzeit zahlte. Da ereilt den Heinrich sein trauriges Verhängniß, Ferdinand wird Herr eines viermal so großen Vermögens; mein Vater wünscht eine Handels-Genossenschaft mit ihm, und nun“ –

„Wie meine Freundin, Albus wäre fähig?“ –

„O nein, nein! Seine Leidenschaft für mich ist noch die nemliche. Es ist kein Gedanke, kein Blutstropfen, kein Nerv in ihm, von dem ich nicht gewissermaaßen sagen könnte, daß er mein sei. Sein ganzes Wesen hängt an mir fest, wie der Stahl am Magnet. Dennoch giebt er meinem Vater nicht nach. Er hat Heinrichs Haus, Geräthschaft und Handlung verkauft, und will von dem ganzen [85] Vermögen nichts, als sein elterliches Erbtheil benutzen, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, die Hauptursache von Heinrichs Tode gewesen zu seyn.“

„Worauf gründet er denn diese abentheuerliche Idee?“

„Genau weiß ich es selbst nicht; die Fäden seines Hirngespinstes sind so subtil, daß mein Gedächtniß eben so wenig davon festhalten, als mein Verstand fassen kann. Heinrich wollte nach M…, um eine übertriebene Anforderung an ihn durch Vergleich zu tilgen. Sparsam, wie er war, wollte er den Weg zu Fuß machen; er bat Ferdinand, ihn durch den Scheidewald zu begleiten, und sein Terzerol mitzunehmen. Ferdinand hielt es für unnöthig, auch hatte er weder Kugeln noch Form dazu. Heinrich nahm es, um zu sehen, ob er nicht eine passende Form bei dem Gewehrmacher [86] finden könnte, und kam mit zwei Kugeln zurück, die wohl nicht recht passen mochten, denn ich mußte ein Stückchen starke Leinwand schaffen, ehe Ferdinand das Gewehr laden konnte. Soviel weiß ich von der Sache gewiß, das Folgende hab’ ich mir aus Ferdinands einzelnen Aeußerungen zusammengesetzt. Er hatte sich zu der Gefälligkeit des Mitgehens in der stillen Hoffnung verstanden, den Bruder zu bewegen, daß er vor der Verfallzeit das elterliche Erbtheil auszahle. Darüber sprechen sie im Walde, Heinrich entschuldigt sich wiederholt mit Geldmangel, woran Ferdinand nicht glauben will. Dieser wird warm, hitzig, und sagt laut: „Kein Geld? Und doch schleppst Du eben 8000 Thaler in der Tasche nach M…, um eine Forderung abzumachen, die nicht drängt!“ Gleich nach diesen Worten will Ferdinand ein Geräusch in dem Gebüsch gehört haben, als ob ein Stück Wild aufstünde [87] und sich entfernte. Merken Sie das, es ist, wenn ich nicht sehr irre, der Hauptfaden seines Hirngewebes. Nach einigen Minuten sagt Ferdinand: „Es wäre wenigstens eine dumme Gutmüthigkeit von mir, wenn ich Dich und Dein Geld noch weiter durch den Wald escortirte.“ Er kehrt trotzig um. Kurz darauf erfolgt der Raubanfall. – Sehen Sie nun, daraus macht er sich ein Verbrechen. Jene lauten Worte sollen von einem im Dickicht versteckten Räuber oder Kundschafter der Räuber gehört worden seyn, und sein Umkehren soll den Thäter zum Raubversuche ermuthiget haben. Sein Herbeilaufen mit dem Terzerol in der Hand hat dem Bruder das Leben gekostet; ohne diese Uebereilung wäre Heinrich nur beraubt, nicht erschossen worden; ohne das Terzerol wäre diese Uebereilung nicht möglich gewesen; ohne seine Willfährigkeit zur Begleitung hätte der Unfall überhaupt [88] nicht statt finden können, und ohne die Ungeduld seiner Leidenschaft für mich wäre er zu dieser Begleitung nicht willfährig gewesen. So knüpft er Spinnefaden an Spinnefaden. Selbst den Umstand, daß ihm Kugeln und Kugelform mangelten, sieht er als einen Wink der Vorsehung an, den er hätte beachten sollen. Ist das nicht eine Spitzfindigkeit in der Selbstpeinigung, die an Wahnwitz grenzt?“

„Nicht so ganz, meine Freundin; in der Vermuthung, daß seine lauten Worte im Wald dem versteckten Räuber Lust, und sein Umkehren Muth zum Anfalle gemacht haben könnten, liegt viel Wahrscheinlichkeit.“

„Aber was liegt denn in seiner Weigerung, redlich des Bruders Nachlaß zu nutzen, der ihm als Erben zugefallen ist?“

„Das ist allerdings eine Uebertreibung der Gewissens-Empfindlichkeit. Was denkt [89] er denn nun mit dem Ueberschusse des brüderlichen Vermögens anzufangen?“

„Sein Oheim in Philadelphia soll es haben, in seinen Geschäften nutzen, für den Nothfall aufbewahren – was weiß ich? Die Wahrheit zu sagen, ich besorge, daß er, mit Europa immer unzufrieden, wie Sie wissen, im Stillen den Gedanken hegt, nach meines Vaters Tode in seinem geliebten Amerika zu wohnen.“

„Wohin Sie ihm freilich wohl nicht gern folgen möchten,“ sagte ich lächelnd.

„Oh, an die Pole der Welt, lieber Herr!“ sagte sie schnell und mit einer Wahrheit der Empfindung, die mich hinriß, ihre Hand an meine Lippen zu drücken.

„Herrliches Geschöpf!“ – rief ich aus: „wie unaussprechlich glücklich muß der Mann sein, der Dein Herz besitzt!“

[90] „Ach, wenn ihm das gnügte!“ sagte sie mit Wehmuth. „Ich fühle mich glücklich durch meine Liebe, und durch die Gewißheit der seinigen; ich würde zufrieden den Zeitpunkt abwarten, der uns vereinigen könnte; er – was er auch sagen mag – er ist unglücklich, er ist elend, er leidet Höllenqual in der Glut seiner Einbildungskraft. Was er Glück nennt, ist nichts als ein Rausch, ein Taumel, worein ihn meine Nähe, die Luft die ich athme, die Berührung meiner Hand und meiner Lippen versetzt. Ihn kann nichts glücklich machen, diese unbändige Leidenschaft kann nichts besänftigen, als der Besitz, den er nicht fordert, weil er fühlt, daß ich ihn nicht gewähren darf.“ Sie wendete sich abwärts, um die thränenvollen Augen meinen Blicken zu entziehen. Ich wagte nicht, die Stille zu unterbrechen; denn ich fürchtete, Unschickliches zu sagen, wenn ich Ferdinands Ungeduld [91] hätte entschuldigen wollen. „Sie sehen, mein lieber Freund, mein erster und einziger Vertrauter!“ fuhr sie endlich mit einem trüben Lächeln fort: „daß mein Leid eigentlich nur ein Mitleid ist. Dennoch fühl’ ich, daß Ferdinands Zustand so nicht lange bleiben darf, und ich habe ein recht verwegenes Mittel ergriffen, ihn zu endigen.“

„Ein verwegenes?“

„Nun ja, es ist wenigstens etwas gefährlich für das zeitliche Vermögen. Ich habe – Sie werden lachen, wenn Sie hören, daß ein Mädchen Handels-Spekulationen macht; aber Sie wissen es ja, daß ich ein gebornes Judenmädchen bin. – Genug, ich habe meinen Vater auf den Gedanken gebracht, eine Geschäfts-Association mit dem Philadelphier zu suchen, der begütert, wohlberufen, vermählt zwar, aber noch zur Zeit kinderlos [92] seyn soll. Ferdinand ist auf diesen Einfall mit Lebhaftigkeit eingegangen; man hat einen ausführlichen Plan entworfen; darauf beruht nun, obschon ich wenig von dem Plane verstehe, meine Hoffnung.“

„Und der Amerikaner?“

„Wir erwarten Briefe mit jedem Posttage. – Können Sie inzwischen Ferdinands Hirngespinst zerreißen – er kennt und ehrt die Ueberlegenheit Ihres ruhigen Geistes über seine berauschte, stürmisch bewegte Seele – thun Sie es, lieber Herr! Sie erheitern dadurch die Zukunft eines Mädchens, das Sie innig verehrt, das sie kindlich liebt.“ Sie hatte meine Hand in ihre beiden genommen, und drückte sie sanft und mit seelenvollem Blick an ihr Herz.

[93]
IX.
Die Macht der Sinne.


Ha, nicht linder Weste Blasen
Wehte mich zu Lieb’ und Lust!
Nein, es war des Sturmes Rasen;
Flamme, Steine zu verglasen
Heiß genug, entfuhr der Brust.

Bürger im hohen Liede von der Einzigen.


Ich fand noch an dem nemlichen Tage Gelegenheit, unter vier Augen mit Albus zu sprechen. Er stutzte ein wenig, als ich Dinge berührte, die ich nur aus Marianens Munde [94] wissen konnte, und die eine ziemlich enge Vertraulichkeit zwischen ihr und mir voraussetzen ließen; aber er verrieth keine eifersüchtige Regung. Mit lebhaftem Antheil ging er auf das Gespräch über seine Selbstvorwürfe ein, deren Ungrund ich ihm klar zu machen suchte.

„Die Vermuthung,“ sagte ich: „Ihre lauten Worte im Walde könnten dem Räuber verrathen haben, daß Heinrich viel Geld bei sich trug, will ich Ihnen als wahrscheinlich zugeben, ja ich will dieselbe sogar als Gewißheit gelten laßen; was folgt daraus? Ein Zufall machte den Räuber mit dem anlockenden Umstande bekannt, und wenn sich auch erweisen ließe, daß ohne diesen Zufall die Beraubung gar nicht versucht worden wäre, so bleiben Ihre Worte doch immer eine rein zufällige Veranlaßung des Unglückes. Sie wollten dasselbe nicht, sie konnten nicht [95] voraussehen, daß es entstehen würde, und so hätte es – wie bei dem Schützen, der ein hinter der Scheibe verstecktes Kind tödtete – durch ihre eigne Hand entstehen können, ohne daß Ihnen eine Verschuldung beigemessen werden könnte.“

Das schien ihm einzuleuchten, und nach dem Blicke zu urtheilen, den er bei den letzten Worten auf mich heftete, auch zu beruhigen. Dieser leichte Erfolg veranlaßte mich, noch einen Schritt weiter zu gehen; einen Schritt über Marianens Auftrag hinaus. Was mir Diese von Ferdinands ungestümer Leidenschaft vertraut hatte, flößte mir mehr Besorgnisse für des Mädchens Zukunft ein, als ihr seine Geneigtheit zu übertriebenen Selbstvorwürfen. Zwar kannte ich recht gut die Macht, womit Marianens Reize auf die irdische Menschen-Natur wirkten, und seine Ungeduld war in meinen Augen eben keiner Entschuldigung bedürftig. [96] Aber wie, wenn seine Leidenschaft nichts – gar nichts weiter, als Sinnengluth war? Wenn die Geschlechtsliebe sein Herz nicht berührt hatte? Wenn er, ohne es selbst zu wissen vielleicht, nur heftig begehrte, wo sie tief und innig liebte? Dann ging sie dem Unglück entgegen. Ich mußte einen Versuch machen, in sein Herz zu blicken. Ich lenkte daher das Gespräch auf den muthmaßlichen Zeitpunkt seiner Vermählung. Er hielt ihn für sehr nahe. Ich erwähnte, daß ein großer Raum zwischen B… und Philadelphia liege, und daß der Ausführung des Associations-Projects vielleicht auf des Oheims Seite Bedenklichkeiten entgegen stehen könnten, die nur durch wiederholten Briefwechsel gehoben, ja wohl gar eine Reise nothwendig machen könnten. Er schien sehr beunruhigt durch diese Vorstellung, und gestand, daß ihn das höchst unglücklich machen würde.

[97] „Warum das, lieber Albus? Was kann Sie ein geringer Aufschub kümmern? Sie leben in Marianens Hause, Sie genießen ihres täglichen Umgangs, das Mädchen liebt Sie so tief, so rein, so einzig; können Sie, Ihrer eignen Vorzüge sich bewußt, der Besorgniß Raum geben, Marianens Herz zu verlieren?“

„Meiner Vorzüge? Meiner Erbärmlichkeit wollen Sie sagen. Wer bin ich denn neben ihr? Hab’ ich noch einen Geist? Lebt noch eine Seele in mir? Bin ich noch ein Mensch, ein Wesen mit Vernunft begabt, seit ich sie gesehen? Wie ein Thier komm’ ich mir vor, wie ein gemeines, lüsternes, unzüchtiges Thier, das sie sich schämen muß zu lieben, schämen, dessen stumme Sprache zu verstehen.“

Ich war seltsam überrascht. Worte, die meine eigenen Gedanken ausdrückten, meine [98] Besorgniß bestätigten; aber so starke Worte, und mit einem so wahren Ausdrucke der Selbstverachtung ausgesprochen, daß ich ihnen nicht mehr glauben konnte, was ich meiner Besorgniß zu glauben geneigt gewesen war.

„Sie sind gerecht gegen Marianen,“ erwiederte ich: „aber ungerecht gegen sich selbst. Was Sie für dieselbe empfinden, halten Sie für einen rohen, seines Gegenstandes unwürdigen Sinnentrieb, doch eben darin liegt der Beweis, daß Sie Marianens Gemüth erkannt haben, und daß Ihre Seele das Mädchen eben so heftig liebt, als der Sinn ihrer begehrt.“

„Das ist wahr!“ rief er, die Hand auf der Brust: „das fühl’ ich, das weiß ich; aber kann sie es wissen? Kann ich es ihr sagen, kann ich sie schauen lassen in mein Herz? [99] Wenn ich sie nicht sehe, wenn die Ueberspannung meine Phantasie gelähmt hat, wenn die hundert und wieder hundert rührenden Züge ihrer schönen Seele, ihrer innigen Zuneigung, in meinem Gedächtniße aufwachen, und mein Gemüth sanft aber bis auf seinen tieffsten Grund bewegen: dann giebt es Augenblicke, Minuten, Stunden vielleicht, wo ich mich wahrhaft glücklich fühle. Dann möcht’ ich Dichter seyn, meine Empfindungen in melodische Worte zu kleiden, Sänger, um sie in Tönen durch Marianens Ohr in ihr Herz zu gießen. Dann fühl’ ich eine Seele in mir, stark genug, ihr Herz auf ewig an mich zu fesseln. Aber ihr Anblick – er entseelt mich; er verunreiniget meine Empfindungen wie den Ausdruck derselben; ich bin keines Tones, keines Blickes, keines Athemzuges mehr mächtig, der ihr sagen könnte, daß ich sie liebe, daß mein Geist sie vergöttert, mein [100] Herz sie anbetet – daß ich nicht laßen könnte von ihr, wenn auch all’ ihre Schönheit der Raub einer zerrüttenden Krankheit würde. O, wie oft, mein theurer Freund, wie oft hab’ ich gewünscht, daß sie nur einen Tag, nur eine Stunde lang minder reizend mir erscheinen möchte!“

Ich erstaunte vor diesem mächtigen Kampfe der geistigen und sinnlichen Natur in der Brust dieses Menschen. Ich wußte ihm nichts zu sagen, als den Gemeinsatz, daß der Besitz diese Gluth mildern werde.

„Gewiß, gewiß!“ rief er aus: „und eben darum – Diese Trunkenheit meiner Einbildungskraft kann nicht länger dauern, als die Entbehrung der Wirklichkeit, und dann wird meine Seele sich aufrichten, mein Geist seine Banden abwerfen, ich werde wieder seyn, [101] der ich war, werth ihres Herzens, glücklich, und fähig, sie glücklich zu machen.“

So – dacht’ ich bei mir selbst – so liebt nur ein Mann in voller Jugendkraft des Leibes und der Seele. So wollen die Frauen geliebt seyn. Das feurige Mädchen hatte eine Wahl getroffen, wie sie nur dem gesunden Herzen, dem unverschrobenen Gefühle gelingen kann. Und sie schien das so gut zu wissen, daß es überflüßig gewesen wäre, ihr zu sagen, was ich gehört hatte.

[102]
X.
Der nordamerikanische Compagnon.


Euch, ihr Götter, gehört der Kaufmann.

Schiller.


Die Briefe aus Philadelphia waren angekommen. Ihr Inhalt konnte nicht günstiger seyn; sie brachten den Associationsvertrag unterzeichnet mit. Herr Brand ladete uns zu einem Familienfest ein, und es war die förmliche Verlobung der Liebenden, von der wir Zeugen [103] seyn sollten. Die Hochzeit war nur um drei Wochen später festgesetzt. Wie bezaubernd war Mariane in der Verklärung ihrer inneren Glückseligkeit!

„Nun, mein lieber Vertrauter,“ flüsterte sie mir mit einem Händedruck in’s Ohr: „nun ist Alles, wie ich es gern möchte; Sie haben das häßliche Gespinst rein weggekehrt aus seinem Gehirn.“

In der That schien Ferdinand ein ganz anderer Mensch zu seyn. Schon die Gewißheit und die Nähe des Zeitpunktes, der seine Wünsche krönen sollte, schien in ihm bewirkt zu haben, was er erst von dessen Gegenwart erwartet hatte: die Unterwerfung der Leidenschaft unter den Scepter der Vernunft, die „Aufrichtung seiner Seele,“ wie er es in jenem Gespräche genannt hatte. Der melancholische Zug, der sonst um seinen Mund zu spielen, und von der Stirn herab das Feuer [104] seiner Augen zu verdüstern pflegte, war verschwunden. Der Ausdruck der Letzteren gegen Marianen war nicht mehr wilde Flamme, sondern mild erwärmender Strahl, in welchem des Mädchens Herz mit Entzücken sich sonnte. Die Heiterkeit seines Geistes war vernehmlich in jedem Worte, sichtbar in jeder Miene; und wenn er mit Marianen, die ihn ihren Republikaner zu nennen pflegte, darüber scherzte, daß sie über lang oder kurz doch einmal mit ihm in die Neue Welt schiffen müßte, um das wahre Ziel des von ihr erfundenen Associations-Planes dem Oheim persönlich auseinander zu setzen: so geschah es von beiden Seiten auf eine Art, die mich vermuthen ließ, daß der Gedanke, künftig in dem jugendlich blühenden Freistaate zu leben, auch wohl schon im Ernst von ihnen besprochen worden seyn möchte.

[105]
XI.
Der Mord.


’s ist ein gar zu verteufelt kurzes Wort,
Hat gleich die Sache Raum, nicht in der Zeit.

Marduff im Yngurd. V. 2.


Der Vorabend der Vermählungsfeier (der Vortag sollt’ er wohl eigentlich heißen) war herangerückt. Mariane hatte meiner Schwester sagen laßen, daß wir unter drei Tagen nicht hoffen dürften, in unsere vier Pfähle zurück zu kehren, und daß wir uns auf einen tüchtigen Ball gefaßt halten sollten, bei welchem [106] niemand bloß Zuschauer seyn dürfte. Ich legte in meinem Zimmer einige Actenhefte zurecht, die in meiner Abwesenheit gebraucht werden konnten, und meine Schwester kramte in meinen Commodenfächern, um die einzelnen Stücke meiner selten gebrauchten Ballkleidung zusammen zu suchen. Die Tritte eines Pferdes vor der Hausthür zogen sie an das Fenster.

„Herr Gott, was muß das seyn?“ sagte sie: „Albus ist eben abgestiegen.“

„Ich eilte zu ihr an die Scheiben. Mein Bedienter hatte bereits das ledige Roß am Zügel; es war in Schweiß gebadet und mit Schaum bedeckt. Nicht ohne eine ängstliche Zögerung öffnete ich die Stubenthür, um dem Angekommenen entgegen zu gehen. Betroffen trat ich vor dem Eintretenden zurück, der bei [107] dem Anblick Julianens seinen Schritt über die Schwelle hemmte, als ob er mich allein zu treffen gehofft hätte. Sein Gesicht verkündigte zwar nichts Schreckliches, aber es hatte einen so seltsamen Ausdruck von kalter Ruhe, daß es mich nur um so bestürzter machte. Er verbeugte sich gegen meine Schwester nur mechanisch, ohne das gewöhnliche Lächeln der Artigkeit.

„Ferdinand!“ rief ich: „was bringen Sie? Was führt Sie zu uns, und heute?“

„Was mich zuerst in dieses Zimmer führte: Der Mord.“

„Um Gottes Willen“ – rief Juliane: „was ist geschehen? Albus!“

„Albus!“ wiederholte ich in gleicher Erschrockenheit.

[108] „Albus?“ sagte er mit einem Anfluge von Hohnlächeln: „Kain müßt Ihr sagen!“

Juliane stieß einen Schrei des Entsetzens aus, und auch mir würde dergleichen entschlüpft seyn, wenn mir diese Worte nicht wie etwas Bekanntes, schon Gehörtes, Theatralisches geklungen hätten. Die Gedanken an Ferdinands Leidenschaft für das Bühnenspiel, an seine Reizbarkeit bei dessen Eindrücken, an seine früheren Grübeleien über die Veranlassung von Heinrichs Unglück, flogen mir pfeilschnell durch den Kopf, und erzeugten die Vermuthung in mir, daß irgend eine Darstellung im Theater seine Einbildung, des Bruders Tod veranlaßt zu haben, neu belebt, und bis zu diesem Grade des Selbstvorwurfs gesteigert haben könnte. Ich gab Julianen einen Wink mit den Augen. Sie eilte aus dem Zimmer und drückte die offen gebliebene Thür zu.

[109] „Was ist das für ein seltsamer Rückfall?“ sagte ich: „und an welchem Tage! Reden Sie! Sie stehen vor dem Freunde.“

Das dürfen Sie mir nicht mehr seyn,“ antwortete er fest: „Sie sind mein Richter. Es ist ein Brudermord, den ich Ihnen freiwillig bekenne. Kein veranlaßter, sondern ein begangener, ein mit Willen verübter. Nicht meine übereilte Rede, sondern diese meine Hand ist Heinrichs Mörderin. Von Ihrem Amte verlang’ ich mein Recht: den Tod.“

Ich war betäubt von dem Ausdrucke der Wahrheit, womit er diese Worte sprach. Und doch sträubte sich meine ganze Seele dagegen, zu glauben, was Marianen in das tiefste Elend stürzen mußte. Der Gedanke an sie überfiel mich mit einer Peinigung, die ich nicht [110] zu schildern vermag. Mein Gehirn haschte ängstlich nach einem Zweifel an ihrem Unglück, sogar nach einer Möglichkeit, den Selbstankläger zu retten.

„Albus“ – sagte ich, nachdem ich mühsam einige Fassung errungen hatte: „der Freund muß überzeugt werden, wenn er dem Richter Platz machen soll. Ein ungefordertes Geständniß, eine freiwillige Selbstanklage wegen eines Hals-Verbrechens, ist kein Beweis desselben. Sie sind leidenschaftlich, überspannt, schwärmerisch in Ihren Gefühlen. Es kann etwas vorgefallen seyn zwischen Ihnen und Marianen, was Sie plötzlich mit dem Leben entzweit und Ihnen den Gedanken eingegeben hat, auf diesem abentheuerlichen Wege den Tod zu suchen.“

„Tod ist leichter, als die Reue,
Selig sind die Todten!“

[111] sagte er in einem Tone, der mich deutlich daran errinnerte, diese Verse in einem Trauerspiele gelesen oder gehört zu haben. Das gab meiner ersten Vermuthung einen neuen Halt.

„Wollen Sie mit mir Tragödie spielen, Albus? Sie haben sich vor dem Richter gestellt; geben Sie klare und bestimmte Antwort auf dessen Fragen. Was ist zwischen Ihnen und Ihrer Braut?“

„Was ist zwischen dem Sünder und der Gottheit? Das ungesühnte Verbrechen.“

„Kennt es Mariane?“

„Ich habe es ihr bekannt.“

„Wann?“

„Gestern Abend.“

„Warum bekannten Sie es ihr?“

[112] Er sah mich einige Augenblicke starr an. „Es war die höchste Zeit; zwei Tage später, und die Heilige war befleckt von einem Mörder.“

„Unglückliches Mädchen!“ rief ich aus, und schritt rasch nach der Thür; mir war, als ob ich zu ihr eilen müßte, ihren unermeßlichen Schmerz zu theilen. Mein Amt mahnte mich daran, daß hier Anderes zu thun sei. Doch wie ich den Blick wieder auf Albus wandte, empörte mich seine Ruhe auf das Heftigste.

„Rasender!“ rief ich: „was haben Sie gethan? Wie ertrug Mariane diesen Schreck? Lebt sie? wird sie leben?“

„Sie wird; denn stark sind die Reinen.“

Glaubt sie Ihr Verbrechen?“

„Kann sie daran zweifeln? Sie wollt’ es, ja; sie sank vor mir auf die Kniee um ein [113] kahles, armseeliges Nein. Doch ich konnte nicht mehr lügen, konnte die fürchterliche Rolle nicht weiter spielen. Da erhob sie sich vom Boden, wie eine Göttin stand sie vor mir, Strenge und Milde vermählten sich in ihrem Blick.“ „Ich will um dich weinen, Ferdinand“ – sagte sie – „aber auf Erden seh’ ich dich nicht wieder.“

Meine Angst um die Unglückliche fühlte sich erleichtert. „Weiß sie“ frug ich: „vor wem Sie jetzt stehen? Kennt sie Ihren Entschluß?“

Er besann sich einen Augenblick. „Sie kann nicht in Zweifel darüber seyn,“ antwortete er: „und ich hab’ ihn dem Vater schriftlich zurückgelaßen.“

„Es ist entsetzlich!“ seufzte ich auf im Vorgefühl alle der Seelenleiden, womit die [114] Behandlung dieses Rechtsfalles mich bedrohte. „Es ist nicht möglich, Albus, ich kann es nicht denken! Mit Willen, sagten Sie, haben Sie Ihren Bruder erschossen?“

„Ja.“

„Mit Vorsatz, mit vorausbedachtem, überlegten Vorsatz?“

„Wie?“ sagte er mit Befremdung: „gilt das nicht gleich?“

„Nein, nein!“ – rief ich, von neuer Hoffnung belebt: „Erzählen Sie! Genau, bis auf den kleinsten Umstand!“

Er that es, von meinen Fragen häufig unterbrochen. Ich will den Vorgang im Zusammenhange geben.

[115]
XII.
Der Zwist.


Hör’ auf zu schleudern so geschärfte Worte.

Aeschylus im gefesselten Prometheus.


Bis zu den Worten, die Ferdinand im Walde zu Heinrich gesprochen, und wodurch er einen Räuber auf den guten Fang aufmerksam gemacht zu haben glaubte, der bei Heinrich zu machen war, stimmte Alles genau mit demjenigen überein, was ich bereits [116] von Marianen gehört hatte. Das Geräusch im Dickicht hatte Ferdinand wirklich vernommen, und einen Anfall vermuthend, das Terzerol gezogen und gespannt. So behielt er es in der Hand, und das unterbrochene Gespräch begann im Fortwandern von Neuem. Es wurde auf Seiten Ferdinands immer hitziger, je halsstarriger Heinrich auf seinem vertragsmäßigen Rechte bestand.

„Aber was willst du denn nun mit dem Gelde?“ sagte der Letztere. „Es pressirt dich ja nichts; ich habe dir eine gute Stelle verschafft, dein Gehalt ist mehr, als du brauchst; das Selbst-Etabliren in deinen Jahren ist eine Narrheit; du hast noch zu lernen hier zu Lande, vollauf für drei Jahre! Also dächt’ ich“ –

„Denken, und nichts als denken!“ – rief Ferdinand: „Lerne fühlen, Mensch!“

[117] „Hm! Was denn zum Exempel?“

Ferdinand zögerte. Von seinem Verhältnisse zu Marianen hatte er bis jetzt gegen den Bruder geschwiegen. Es galt nun den Versuch, ob ihn das bestimmen würde, nachzugeben.

„Nun so wiß’ es denn,“ sagte Ferdinand: „ich liebe.“

„So? und solid?“

„Wie anders? Mit ganzer Seele!“

„So so! Und wen denn zum Exempel?“

„Marianen.“

„Ei! Und sie?“

„Was kümmert das dich? Genug daß ich Hoffnung habe, wenn du brüderlich, wenn du menschlich handelst, und den kleinen Vortheil aufgiebst.“

[118] „Ja, Herr Bruder, das macht den Punkt um so kitzlicher, denn Offenherzigkeit gegen Offenherzigkeit: den Gedanken, und die Hoffnung hab’ ich selbst noch nicht ganz aufgegeben.“

Ferdinand war wie vom Blitz getroffen, aber auch schnell entzündet wie vom Blitz. Heinrich hatte Marianen früher gekannt, als er. Die Eifersucht loderte auf.

„Gedanken? Hoffnung? Du?“ rief er: „Hat sie dir – dir Stein, dir Eisblock – hat sie dir jemals Hoffnung gemacht, so wirst du sie aufgeben, du mußt sie aufgeben!“

„Werde mich doch erst besinnen, mit Erlaubniß.“

„Auf der Stelle wirst du! Keinen Schritt thust du weiter! Einen Eid schwörst du – [119] bei deiner Seeligkeit – daran nicht mehr zu denken! oder so wahr ein Gott ist! so wahr ich liebe! eine Kugel – heut’ oder morgen – auf den leisesten Verdacht – diese Kugel jag’ ich durch dein Gehirn!“

„Rasender!“ schreit Heinrich, stößt ihn zurück, und macht Miene den Stockdegen zu entblößen. Ferdinand, seiner Gefahr zuvorzukommen und für die augenscheinliche des Gegners blind, schlägt mit dem Terzerol nach dessen Hand; es entladet sich, Heinrich schreit auf und sinkt röchelnd zusammen.

Man wird bemerken, daß diese Aussage, wenn auch sonst die Umstände einen Zweifel daran zugelassen hätten, mit dem Leichenbefund im genauesten Einklange stand. In die Linke hatte Heinrich den Stock nehmen müßen, um den Stahl desselben zu entblößen, und [120] auf der linken Seite war die Kugel eingedrungen, hatte der Schuß die Kleider versengt.

Ferdinand steht einige Augenblicke betäubt; doch Heinrich zuckt, athmet noch, und Ferdinand wirft sich über ihn, will den Blutstrom hemmen, richtet den Gefallenen halb empor, und schwach flammt noch einmal dessen Lebensfackel auf.

„Rette dich – dich Ferdinand,“ stammelte er: „dort – dort – ein Räuber – nicht du – eile! Unsre Ehre – unser Name – zeig’ es an, fort – fort!“

Das waren, so gut Ferdinand sie behalten hatte, die letzten Worte des Bruders, der – besonnen wie er war – noch in dem Augenblicke des Verscheidens an die Folgen des Unfalls dachte, und unfehlbar dem Ferdinand [121] ein Mittel andeuten wollte, wie er den Verdacht und die Schmach des Todtschlags von sich abwenden könnte.

Wie lang’ es gedauert, ehe Ferdinand für den Gedanken empfänglich wurde, dieses Mittel zu ergreifen, wußte er natürlich nicht zu sagen. Er blieb neben dem Todten auf den Knien, von Schmerz betäubt, ohne Bewegung und ohne Gefühl, welches – wie er sich erinnerte – die Kälte von Heinrichs Hand, die er gefaßt hatte, nur allmählig wieder weckte. Als das Bewußtseyn völlig zurückkehrte, als Reue und Schmerz sein Herz wie hungrige Geier anfielen, ergriff er das Gewehr, das nur den einen Lauf entladen hatte, und wollte seine Qual enden. Da war es ihm, als hörte er Marianens Stimme in sein Ohr dringen, als vernähm’ er die Worte des Schwurs, den sie nach dem Unfalle jenes Kindes gethan [122] hatte: seinen Selbstmord nicht zu überleben. Nicht von seinem, von Marianens Leben war die Frage, und die Macht der Verzweiflung wurde in einem hartnäckigen Kampfe von der Allmacht der Liebe überwunden. Er übernahm, er studierte die Rolle, die der Sterbende ihm angedeutet hatte, und die Leser haben gesehen, mit welcher Anstrengung er beinahe ein Jahr lang dieselbe spielte.

[123]
XIII.
Das Verhör.


– – Was einer hat gewollt,
– – erklärt er selbst am besten.

Erichson im Yngurd.


Wie groß auch immer Ferdinands Verschuldung (culpa, Fahrläßigkeit) war, da er mit geladenem und gespanntem Gewehr nach Heinrichs Hand geschlagen hatte; so schien es mir doch ausgemacht, daß er nicht als absichtlicher Todtschläger betrachtet werden könnte. Damit das auch dem Urtheils-Verfasser desto besser [124] einleuchten möchte, glaubte ich, den Thäter selbst davon überzeugen zu müssen, ehe ich ihn rechtsförmlich verhörte. Aber das war schlechterdings unmöglich.

„Wenn ich bei dem Schlage die Absicht nicht hatte, Heinrichen zu tödten; so hatte ich doch den Willen dazu, als ich das Gewehr gegen seine Stirn hielt. Hätt’ er mich nicht zurückgestoßen, hätt’ er noch ein einziges Wort von seiner Absicht auf Marianen fallen lassen; so hätt’ ich abgedrückt, das ist gewiß, das fühl’ ich, indem ich des Zustandes von Wuth mich erinnere, in welchen der Gedanke mich versetzt hatte, daß seine Hoffnung auf Marianens Hand einen Grund in ihrem Herzen haben könnte. Ja, auch nach dem Schlage hätt’ ich es gethan, wenn er den Verdacht meiner Eifersucht nicht auf der Stelle zu dämpfen vermocht hätte. Folglich hab’ ich ihn mit Willen getödtet.“

[125] Alle meine Bemühungen, durch scharfe Unterscheidung der einander nahe liegenden Zeitmomente ihn zu einer milderen Ansicht seines Vergehens zu bringen, und ihn zu überzeugen, daß es hier nicht auf den Willen allein, sondern auf dessen unmittelbaren Causal-Zusammenhang mit der tödtlich gewordenen Handlung ankomme, waren vergebens, sei es nun, weil sein Verstand nicht geübt genug war, dergleichen Begriffe zu fassen, oder weil er den Tod mit seiner gewöhnlichen Leidenschaftlichkeit begehrte.

Inzwischen gelang es mir doch bei dem förmlichem Verhöre selbst, ihn zu verhindern, daß er sich nicht einer direkten Absicht des Todtschlages anklagte. Indem ich die Fragen vorausgehen ließ, ob er, mit dem Gewehr in der Hand, seinen Bruder durch Schreck habe zwingen wollen, sich zur Herausgabe [126] des Erbtheils zu verstehen, oder gar dazu, ihm auf der Stelle die Geldbörse und die Brieftasche zu überliefern, verwundete ich sein reizbares Ehrgefühl, und trotzig sagte er: „Nein!“ Nun ließ ich schnell die Frage folgen, ob er den Willen gehabt habe, durch den Schlag mit dem Gewehr seinen Bruder zu tödten?

Er verneinte sie ebenfalls mit dem Trotz des Unwillens und setzte hinzu: „Nach seiner Hand schlug ich, er sollte die Klinge nicht ziehen können, das begreift ja ein Kind.“ –

„Dachten Sie nicht daran, daß das Gewehr losgehen und ihn tödten könnte?“

Nichts dacht’ ich; das Gewehr hätt’ eben so gut ein Geldrollen-Holz[1] seyn können.“


  1. Ein kurzer, hölzerner Cylinder, über welchem runde Gelddüten gewunden werden.

[127] Schwerlich hat der Unwille eines Inquisiten über die ihm vorgelegten Fragen einem Inquirenten jemals soviel Freude gemacht, als ich in diesem Augenblicke empfand. Ich sah sein Leben fast schon für geborgen an. Auf jeden Fall berechtigten mich seine Antworten, in Verbindung mit der Freiwilligkeit seiner Selbstanklage, ihn vor der Hand mit der Fesselung zu verschonen, und ich glaubte nichts dabei zu wagen, wenn ich ihm das Zimmer, welches er die Nacht nach der That bewohnt hatte, zum Gefängniß gäbe. Zu seiner Bewachung wählte ich für diesen und den folgenden Tag vier der verständigsten Männer des Ortes, und versah ihn sowohl mit Lectüre, als mit Schreibmaterialien.

[128]
XIV.
Die Vertheidigerin.


Und so trägst du das Verbrechen,
Das du aufgeladen hast,
Aber schwerer jeder Schritt,
Immer schwerer wird die Last,
Bis des Trägers Kniee brechen.

Hugo in der Schuld.


Schlaflos verging mir die Nacht, und mit Tagesanbruch eilte ich nach B…. Um desto schneller dort zu seyn, bestieg ich Ferdinands Pferd, und befahl, daß mein Wagen mir folgen sollte, um mich zurückzubringen. Der [129] Kammerrath hatte aus dem Fenster mich absteigen sehen, und der Anblick des Rosses hatte ihm jeden Zweifel benommen, daß Albus seinen schriftlich ausgedrückten Entschluß ausgeführt, und vor meinem Amte sich als Verbrecher gestellt hatte. Bleich, mit verweinten Augen, an Haupt und Händen vor Schwäche zitternd, kam er mir entgegen, Ferdinands Billet in der Hand.

„Oh, Herr von L…,“ sagte er: „in welches Haus des Elends kommen Sie!“ Er reichte mir das Papier, faltete die Hände über dem Kopfe und rief jammernd aus: „Ach Gott! Gott! Gott! meine arme, unglückliche, bis auf den Grund des Herzens ruinirte Esther! (Marianens jüdischer Vorname.) Oh, das verfluchte Trauerspiel!“

Ich konnte ihm nur wenige Worte der Beruhigung sagen, denn es trieb mich mit Ungestüm [130] zu ihr. Sie hatte, als ich die Thür öffnete, schon das Sopha verlassen, auf welchem der Myrthenkranz lag, der heute ihr schönes Haar hatte schmücken sollen; und stand mitten im Zimmer.

„Willkommen, Hochzeitsgast!“ sagte sie mit einem Tone, der mir durch alle Nerven drang.

Ich konnte nicht sprechen, sie las meine Empfindung in meinen Augen, schien mir in den ihrigen Fassung zeigen zu wollen, stürzte aber, überwältiget von ihrem Leid, dessen Gefühl der Anblick meines Mitleids aufgeregt hatte, im nächsten Augenblicke laut schluchzend an meinen Hals. Ich erfuhr zum ersten Male das wunderbare, gemütherhebende Uebergewicht der sittlichen Natur über die sinnliche.

Das reizendste Weib, das ich je gesehen, lag in meinen Armen, und ich fühlte nichts, durchaus nichts, als ihren Schmerz.

[131] „Es ist wahr“ sagte sie, als sie sich langsam wieder aufgerichtet hatte: „Thränen erleichtern die Brust. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir, sagen Sie mir Alles, was ich wissen darf, von der entsetzlichen That. Ich bin nicht so schwach, als ich eben scheinen mußte. Ich hab’ ihn geliebt, geliebt wie mein eignes Wesen, aber Gott wird mich so nicht strafen, daß ich die Liebe zu einem Blutschuldigen nicht sollte aus diesem Herzen reißen können.“

„Sie dürfen Alles wissen, liebe Mariane, aber ich bin auf eine Erzählung der Umstände um so weniger bereitet, als ich Sie davon genau unterrichtet glaubte.“

Sie verneinte mit dem Haupt, und sah starr zu Boden. Ich bat sie, lieber mir zu erzählen, was ihn so plötzlich zu dem Bekenntnisse getrieben haben könnte.

[132] „Die Schuld,“ sagte sie.

„Natürlich, doch die war da seit der That.“

„Nicht doch,“ erwiederte sie: „das Trauerspiel.“

Und so war es wirklich. Dieses Stück, obschon damals nicht mehr ganz neu auf der deutschen Bühne, und der sogenannten Lesewelt wenigstens aus den Theater-Correspondenzen der Journale bekannt, war den Liebenden bis vor zwei Tagen seinem Inhalte nach völlig fremd geblieben. Der Schauspielzettel von B… kündigt es „zum ersten Male“ an, und Ferdinand bewegt Marianen mit leichter Mühe, mit ihm in das Theater zu gehen. Man denke sich den Eindruck, den diese Tragödie, und besonders die Rolle des Hugo, welche einer der größten tragischen [133] Schauspieler Deutschlands als Gast spielte, auf ihn machen mußte. Mariane, theils selbst von der Darstellung fest gehalten, theils an ihrem Bräutigam gewohnt, daß er von den Bretern herab heftig bewegt wurde, ahnete die ganze Tiefe dieses Eindrucks nicht eher, als am Schlusse des dritten Aktes, wo Ferdinand das Schlagwort des Schauspielers: Schaffot, fast gleichzeitig, laut, doch mit einem ganz andern, aufschreienden, inneres Entsetzen kund gebenden Tone wiederholte, und bei der Richtung, die alle Blicke schnell nach dem Orte nahmen, woher der seltsame Schall gekommen war, wie sinnlos aus der Loge stürzte.

Mariane eilt ihm nach; sie erkennt ihn noch unter den Lampen des Ausganges; folgt ihm durch die Straßen, so schnell ihre Kräfte es gestatten; ereilt ihn aber kaum noch zeitig genug, [134] um sich mit ihm in sein Zimmer zu drängen, das er hinter sich verschließen will. Wohl ahnend, daß die Verschuldung, die ihn immer gequält, größer seyn möge, als er eingestanden hatte, dringt sie in ihn mit aller Macht ihrer Angst. Er bleibt lange stumm. Endlich sagt er: „Du hast es ja eben gehört, gesehen! Es ist Oerindur, vor dem Du stehest, es ist Kain! Ich – ich habe meinen Bruder erschossen.“

Sie steht vernichtet. Sie fällt nieder vor ihm, und beschwört ihn, das Entsetzliche zu widerrufen. Da erklärt er ihr mit der Festigkeit einer klaren, inneren Anschauung von der Unerträglichkeit seiner Last, daß er ihr Elvirens Schmach ersparen, und statt des Brautbettes das Blutgerüst besteigen werde.

Hier schloß sie die Schilderung dieser Scene. Mit krampfhaftem Druck hatte sie [135] bis dahin meine Hand festgehalten. Jetzt sah sie starr vor sich hin, die allmählig nachlassende Spannung ihrer Handmuskeln ließ mich ahnen, daß auch in ihrem Gemüth der Krampf ihrer Empfindung nachzulassen anfing. Nach einer Weile erhob sie die Augen – nicht ohne Schüchternheit – zu den meinigen, und fragte wehmüthig: „Sagen Sie, lieber Herr, richtet man hier zu Lande – ent – ent – enthauptet man mit dem Beil?“ Thränen rollten dem letzten Worte nach, und wahrlich auch meine Augen waren davon voll.

„Nein, unglückliches Mädchen“ erwiederte ich: „dazu soll es, so Gott will, nicht kommen.“

Diese Worte wirkten auf ihr Gemüth mit aller Macht eines freudigen Schreckens. [136] Sie fuhr zusammen, blickte mich mit leuchtenden Augen an, schnelle und kurze Athemzüge hoben und senkten ihre Brust.

„Wie? Es soll nicht, sagten Sie? Sie sagen das? Sein Richter?“ Ihre halboffenen Lippen bebten vor Erwartung meiner Antwort, und ihre Augen hingen an meinen Lippen.

„Ich sprach eine Hoffnung aus, liebe Mariane, doch eine Hoffnung, die ich nicht ohne Gründe hege. Es fehlt viel, daß Albus in dem Grade schuldig wäre, wie jener Hugo.“

Sie stand auf. „Oh um Gotteswillen, sprechen Sie! Wenn er nicht so – wenn mein Herz – wenn ich ihn nicht verabscheuen müßte – O Jesus! das Entzücken könnte mich tödten!“

[137] In gedrungener Kürze, mit der Hast meines Dranges, einen Tropfen Linderung in ihr gefoltertes Gemüth zu gießen, gab ich ihr eine Darstellung des Wesentlichsten von dem unglücklichen Vorgange. Sie war Ohr vom Wirbel bis zur Sohle, ihre Augen verschlangen meine Worte, sie hielt jeden Athemzug zurück, der ihren Ohren einen Laut davon hätte entziehen können. Das veränderte Licht, in welchem sie den Geliebten erblickte, wirkte sichtbar wohlthätig auf sie; aber ihr Herz schien nicht befriediget, als ich geendiget hatte.

„Sie sehen, theure Freundin“ fuhr ich fort: „ein absichtlicher Mörder ist er nicht. Eine Aufwallung und eine Unvorsichtigkeit – freilich eine ungeheuere – sind sein Vergehen. Ich mag es Ihnen nicht verhehlen, daß es Schwierigkeiten haben könnte, den Rechtsgelehrten, [138] die sein Urtheil fällen werden, die Willenlosigkeit seines Todtschlags begreiflich zu machen; sie haben selten einen inneren Sinn für die Anschauung des inneren Vorganges, und halten mit ihrem trockenen, oft höchst beschränkten Verstande an den gröbsten Zügen der äußerlichen Thatsache und an dem todten Buchstaben der Gesetze fest. Indessen, wenn er gut vertheidiget wird –“

„Wer vertheidiget ihn?“ fiel sie mir hastig in die Rede.

„Das ist noch ungewiß. Ich bin hauptsächlich gekommen, um hier einen Mann aufzusuchen, dem ich zutraue –“

Ich will ihn vertheidigen!“ rief sie aus, mit dem Ton und Blicke der Begeisterung. [139] Ich war kaum des Dranges mächtig, sie an meine Brust zu drücken.

„Herrliches, himmlisches Wesen! Ja bei Gott, Sie würden es! Sie würden rühren, die Zweifel ersticken, die Ueberzeugung in Fesseln schlagen; Sie würden siegen, wenn Sie für ihn zu einer Jury sprechen könnten, die ein Herz mitbringen darf in die furchtbaren Schranken des Gerichts. Aber in Deutschland? Er muß schriftlich vertheidiget werden, auf der todten, weißen Fläche, vor ausgetrockneten Gemüthern, vor eiskalten Actenrichtern.“

Sie schlug beschämt die Augen nieder. Ein Seufzer hob sich aus ihrer Brust. „Ach, ich bin eine Thörin! – – Oh lieber, lieber Herr! (Sie legte die Hände auf meine Schultern [140] und die glühende Stirn an meine Wange.) Wenn es möglich ist – sein Leben – nicht für mich! – nur sein Leben retten Sie! Ich fühl’ es, es ist mein eignes geworden, ich kann seinen Verlust, aber das Bild seines blutigen, schmachvollen Todes nicht ertragen!“

O welche Wonne wär’ es in diesem Augenblicke mir gewesen, König zu seyn, und mit einem einzigen Worte, tausendmal an Unwürdige verschleudert, den unendlichen Schmerz von dieser schuldlosen Seele nehmen zu können! Ich betheuerte ihr, daß ich eben nach B… gekommen sei, um den besten Defensions-Advokaten des Landes zu Ferdinands Vertheidigung aufzufordern; und ging mit dem Gefühl von ihr, daß ich sie – für’s Erste wenigstens – nicht wiedersehen dürfte. Der Macht ihrer Reize war ich entgangen; aber die Schönheit ihrer [141] Seele, das wunderbare Gemisch von weiblicher Zartheit und männlicher Kraft in ihrem Gemüth, setzte den Frieden meines Herzens in Gefahr.

[142]
XV.
Der Advokat.


Wenn er ein Haar zerspalten kann,
So ist er just der rechte Mann;
Kann er’s nur in die Queer tranchiren,
So taugt er bloß dich zu barbieren.

Der Verf.


Der Doctor Rebhahn in B… war nach meiner Meinung der rechte Mann, um für Ferdinands Leben mit dem gewöhnlichen Stumpfsinne der Herren vom grünen Tische (der Urtheilsverfasser) einen siegreichen [143] Kampf zu kämpfen. Zwar kannte ich ihn nicht persönlich, aber ich hatte mehrere Vertheidigungs-Schriften von ihm gelesen, die mit soviel Rechtskunde, Menschenkenntniß, Scharfsinn, Gefühl und Beredtsamkeit abgefaßt waren, daß ich von dem inneren Gehalt und Werthe dieses Menschen die höchste Idee gefaßt hatte.

Ich ging zu ihm. Ich hatte mir einen Mann in den mittleren Jahren, eine einnehmende und imposante Rednergestalt vorgestellt. Nichts weniger. Klein, hager, nicht eben verwachsen, aber merklich schief gestellt, eine spitzige, burgunderrothe Nase, graue, schlaue, stechende Augen unter struppigen Braunen, mehr Puder als Haar auf dem Kopfe, und dem Ansehen wie der Kleidung nach mit zwei Drittheilen des gewöhnlichen Menschenalters noch dem vorigen Jahrhundert angehörig; empfing [144] er mich unter seinen Acten, wie ein Handwerker in seiner Werkstatt einen Kunden zu empfangen pflegt. Nachdem ich ihm Namen und Stand gesagt hatte, kippte er einen Stuhl um, auf welchem ein Actenberg gelegen hatte, und bot ihn mir zum Sitz, mit der Bitte, ihm mein Begehren sonder Einleitung und Umschweif vorzutragen. Sobald ich den Namen Albus genannt hatte, unterbrach er mich.

„Habe bereits von dem casu gehört. Fratricidium (Brudermord), freiwillige Selbstanklage unter seltsamen Umständen, den Tag vor der Hochzeit! Der Rumor läuft seit diesem Morgen durch ganz B…, immaßen der Herr Kammerrath Brand schleunig absagen lassen, und die Contenance dergestalt verloren, daß er die Ursache gegen seine Hausleute laut werden lassen. Der Herr Criminalrichter, [145] hör’ ich, sind in dem werthen Hause bekannt?“

Ich bejahte, und fügte hinzu, daß ich an dem Unglück dieser Familie den lebhaftesten Antheil nähme, und es zu mildern hoffte, wenn ich den geschicktesten Sachwalter der Gegend bewegen könnte, die Vertheidigung des Inquisiten zu übernehmen.

„Oh, bitte recht sehr! Ja ja! Das schöne Judenmädchen ist schon dazu geeigenschaftet, lebhaften Antheil zu erregen. Der Herr Vater haben etwas dranzuwenden. Stelle nicht in Abrede, daß ich schon im Stillen auf den merkwürdigen Fall mich ein wenig gespitzt habe.“

An welchen Menschen war ich gerathen! War das der Verfasser jener meisterhaften Vertheidigungsschriften? Er klingelte, und sprach einer alten Magd in das Ohr.

[146] „Der Herr Doctor“ sagte ich, indem ich den Blick über die zahlreichen Actenstöße hinweg streifen ließ: „scheinen mit Geschäften sehr überladen zu seyn. Vermuthlich haben Sie einige junge, geschickte Anfänger zu Gehülfen?“

„Keinesweges. Selber ist der Mann, Verehrtester! Schreibe kein concepi unter fremdes Machwerk, und nehme nicht mehr an, als ich bezwingen kann. Excipe die Defensionen! Das ist mein Leibfach, da muß alles Andere warten.“

Also doch der rechte Mann? dacht’ ich. Die Magd brachte Wein und Imbiß. Ich stand auf, äußerte, daß ich pressirt sei, und bat nur um seine Erklärung, ob er die Acten am Orte des Gerichts lesen, oder zugesendet haben wollte.

[147] „Bitte, ein Gläschen Ungar anzunehmen. Acten? Hm! Werden nicht dick seyn, und das beste Actenstück ist immer des Inquisiten Person. Werde mich also selbst einstellen. Der Herr Criminalrichter interessiren sich für die Sache, können mir inzwischen Ihre Privat-Ansicht mittheilen.“

Ich gab ihm den Hauptinhalt des Verhörs. Er hörte Anfangs schlau lauernd zu, als ob es ihm weniger um den Fall zu thun wäre, als um die Durchschauung meines Innern, und ich schrieb es bloß dem Weine zu, dem er fleißig zusprach, daß nach und nach seine Augen diesen unangenehmen Ausdruck verloren, und ein lebhafteres Feuer annahmen. Ich hatte mich geirrt.

„Prächtiger Fall!“ rief er aus. „Eine Grenzlinie zwischen Absicht und Zufall, That [148] und Unfall, wie die Schneide eines Rasiermessers.“

„Leider, Herr Doctor!“

„Thut nichts, thut nichts; wollen die Brodmesser der Herren von der Tafelrunde schon schleifen mit Gottes Hülfe. Wann werden der Herr Criminalrichter wieder zu Hause eintreffen?“

„Heute noch.“

„Werde mich morgen einfinden, vorausgesetzt, daß die Wahl des Inquisiten“ –

„Dafür steh’ ich; er ist für seine Vertheidigung völlig gleichgültig.“

[149]
XVI.
Das Urthel.


Sie fassen’s nicht, was That, was Unfall ist.

Alf im Yngurd. V, 12.


Rebhahn kam, sprach den Verhafteten, nahm die Acten mit, und acht Tage später hatte ich eine Vertheidigungsschrift in den Händen, die ich als Rechtsgelehrter bewundern mußte, und die mich mit neuer Hoffnung erfüllte.

Dünne Acten haben in den Recht-sprechenden Collegien eine Art von Prärogative vor den [150] dicken: sie werden eher gelesen. Binnen Monatsfrist ging das Urthel ein; aber welch’ ein Product!

„Ob es wohl scheinen möchte (das war ungefähr die Quintessenz seines Inhalts), daß Inquisit, da er seinen, eine ansehnliche Summe Geldes bei sich habenden Bruder unter dem Vorwande, ihn gegen Räuber zu schützen, in den Wald begleitet und zu diesem Behuf ein geladenes Terzerol mitgenommen, hierauf aber von demselben zu seinem eigenen Handels-Etablissement Geld begehret, ingleichen darüber, daß der Bruder sothanes Geld nach M… tragen wollen, anstatt es ihm auszuzahlen, sich bitterlich beschweret, ferner bei dessen fortgesetzter Weigerung demselben das Terzerol vorgehalten und ihm die darin befindliche Kugel durch das Gehirn zu jagen gedrohet, demnächst, als der Bedrohte zu seiner Vertheidigung [151] nach dem bei sich gehabten Stockdegen gegriffen, Inquisit mit dem Terzerole dergestalt nach ihm geschlagen, daß solches losgegangen und ihn getödtet, worauf auch Inquisit, als der Geschossene todt gewesen, demselben Goldbörse, Brieftasche und Uhr ab und an sich genommen – als ein Raubmörder anzusehen, und dannenhero auf die Strafe des Rades gegen ihn zu erkennen wäre: Dennoch aber und dieweil Inquisit weder eingeräumet, noch aus dessen Handlungen nach der That mit Sicherheit abzunehmen, daß er die dem Erschossenen abgenommenen Gegenstände, als welche er dem Gericht übergeben, habe behalten wollen, hiernächst auch die Absicht eines Raubes sich gewissermaßen schon dadurch widerleget, daß der Inquisit, wenn ihm der Mord und die mit der schlauesten Heuchelei eingeleitete Verbergung des Urhebers gelungen wäre, ohnehin das ganze Vermögen des Ermordeten [152] als nächster Intestaterbe überkommen haben würde, mithin aus den Acten bloß soviel zu befinden, daß der Inquisit um künftigen Vortheils willen mehr gedachten seinen Bruder heimlich um das Leben gebracht, und die That auf einen Unbekannten zu schieben versucht, wobei ihm jedoch, hinsichtlich des Blutsverwandten-Mordes und anderer zur Verschärfung der Todesstrafe geeigneten Umstände, sowohl das freiwillige und aus Reue herrührende Geständniß, als auch insonderheit der Umstand zu statten kommt, daß er an dem Ermordeten die vor ihm geforderte Summe wirklich zu fordern gehabt – etc. etc. etc.; So ist derselbe, wenn er von dem hochnothpeinlichen Halsgericht nochmals bei seinem gethanen Bekenntnisse beharret, mit dem Beil vom Leben zum Tode zu richten und zu strafen, auch werden die Unkosten aus seinem Vermögen – u. s. w.“

[153] Wie gesetzmäßig auch immer die ausgesprochene Strafe seyn mochte; die Entscheidungsgründe waren wenigstens nicht denkgesetzmäßig. Albus hörte sie bei der Publikation mit Erstaunen, mit Unwillen, endlich mit so sichtbarem Ingrimm an, daß ich einem heftigen Ausbruch seines tiefverwundeten moralischen Ehrgefühls entgegen sah. Doch sobald er die Straf-Bestimmung vernahm, legte sich plötzlich der Sturm seines Gemüths, und sein Gesicht wurde heiter.

Das ist gerecht,“ sagte er: „das ist das Recht, welches ich fordern kann, weil ich es verdient habe. Aber großer Gott, was sind das für Menschen! Mußten sie mich denn in ihrer Vorstellung erst zum Teufel machen, um zur Versöhnung mit Gott mir den Weg zu eröffnen?“

Als ich ihm mit Bekümmerniß eröffnete, daß ich nunmehro genöthiget seyn würde, ihm [154] Fesseln anlegen zu lassen, antwortete er: „Wie unnöthig sie sind, wissen Sie; aber nennt man sie nicht Geschmeide? Die Henkersprache hat die Wahrheit getroffen; sie sind ein Schmuck der selbsterkannten Schuld, und den hab’ ich vermißt. Beschleunigen Sie nur die Zeit, wo ich ihn mit dem Purpur vertauschen werde, der den Knecht der Leidenschaften zum König macht.“

Von einer zweiten Vertheidigung wollte er nichts hören. Als ich ihn von der gesetzlichen Unerläßlichkeit derselben überzeugt hatte, sagte er kalt: „Nun, wenn es seyn muß, so mag Herr Rebhahn schreiben; nur bitt’ ich um die Erlaubniß, ihn nicht wieder zu sehen, er ist mir zuwider.“

„Und doch ist er der einzige Mann, der Sie vielleicht noch zu retten vermag.“ –

[155] Stolz warf er die Lippen auf: „Gerettet bin ich, er will mich wieder verdammt wissen, verdammt zu der vorigen Quaal.“

[156]
XVII.
Die lange Bank.


Wer will denn alles gleich ergründen,
Sobald der Schnee schmilzt, wird sich’s finden.

Göthe.


Das Gerücht hatte nicht gesäumt, das Todesurtheil vor Marianens Ohren zu bringen. Es würde mich beruhiget haben, wenn ich sie in lautem Jammer gefunden hätte. Aber die Last ihres Leides schien sich so tief in den Grund ihrer Seele hinabgesenkt zu haben, daß [157] der Spiegel ihres Lebensstromes nur durch eine schwache, aber feststehende Welle dessen Daseyn anzeigte. In ihrem ganzen Wesen lag eine Art von stillem Trotz gegen das Unglück, der mich fürchten ließ, daß für den äußersten Fall ihre Parthie genommen seyn möchte.

Der Doctor Rebhahn lachte über das Urthel. „Man muß gestehen,“ sagte er: „daß die Herren ihre Zweifelsgründe verteufelt wohlfeil eingekauft haben. Sie hätten eben so gut darüber zweifeln können, ob Albus nicht etwa auf den Scheiterhaufen gehöre, weil er Feuer eingeworfen, nemlich in die Pfanne des Terzerols. Desto leichter hätten sie die Widerlegung gehabt, welche ihnen die Entscheidungs-Gründe liefern sollte. Der beste wäre dann gewesen: Wo das Feuer nicht anwendbar ist, da nimmt man das Eisen, wie Hypokrates gesagt hat, oder Galenus, oder Gott weiß, welcher alte Arzt.“

[158] „Aber wie denken Sie nun die Sache zu wenden?“

„Werde vor der Hand die lange Bank versuchen, werde den Herrn Untersuchungs-Richter ein wenig chikaniren, mit Erlaubniß. Kann eine kleine Nase absetzen, aber interim aliquid fit.“ (Indessen kann sich etwas zutragen.)

In der That zögerte er mit der zweiten Vertheidigungs-Schrift, und trat endlich mit der früher nur oberflächlich berührten Einwendung auf, daß in der Untersuchung ein Fehler begangen worden: der Thatbestand sey nicht vollständig erhoben, es sey nichts geschehen, um das Werkzeug herbeizuschaffen, womit der Todtschlag begangen worden seyn sollte. Das sey aber nothwendig, wenn noch irgend eine Möglichkeit vorhanden sey, es zu finden, weil das Werkzeug eben so gut Vertheidigungsgründe liefern könnte, als eine Leichenöffnung. Er [159] verlangte Nachsuchung im Strome. Natürlich war sie vergebens; denn wie findet man ein Terzerol wieder auf dem Grunde eines klaftertiefen Stromes?

„Die Nachsuchung war nicht sorgfältig genug,“ behauptete er: „man wiederhole sie.“ Er hatte sich da, wie man sieht, eine Schraube ohne Ende geschnitzt, die ich ihn nicht nach Belieben gebrauchen lassen konnte. Ich erstattete Bericht an die Landesregierung. Hier hatten Rebhahns Rechtsgründe, von dem Buchstaben eines Gesetzes unterstützt, so viel Eingang gefunden, daß man in Verlegenheit kam, was man zur Beseitigung des Einwandes anordnen sollte. Ein zufälliger Umstand half unerwartet aus. Das Departement des Straßenbaues hatte eben beschlossen, die hölzerne Brücke, welche alljährlich viel von dem Eisgange zu leiden pflegte, abbrechen und eine steinerne bauen zu lassen. Zu diesem Behuf [160] sollte der ganze Strom durch Abdämmung und Grabung zweier Interims-Canäle, die bei niedrigem Wasserstande seine Fluth fassen konnten, gezwungen werden, für die Zeit des Grundbaues den ganzen Theil seines Bettes zu räumen, in welchem gebaut werden sollte. Nun meinte man, eine noch sorgfältigere Nachsuchung nach dem Terzerol, als sie bei dieser Gelegenheit ausführbar seyn würde, könne der Doctor Rebhahn (den man, beiläufig gesagt, seines bisweilen lästigen Scharfsinnes wegen, gern von Zeit zu Zeit einmal auf das Maul schlug) nicht verlangen. Sie solle geschehen, und wenn das Werkzeug sich nicht fände, müsse man es für unauffindbar erachten.

[161]
XVIII.
Die blauen Bohnen.


„Caspar, ich bringe dich um! Sag’, was war das für eine Kugel?“

Max im Freischützen.


Rebhahn triumphirte. Das gab seiner Meinung nach einen Aufschub von ein Paar Jahren. Aber der Herbst und der gelinde Winter waren so trocken, daß in der Mitte des Dezembers schon die Interims-Canäle eröffnet wurden, und bald der Brücken-Grund trocken gelegt war. Das Terzerol fand sich [162] zu Rebhahns großem Aerger. Albus erkannte es als das seinige an. Sein Name, F. A., war in dem Beschläge eingegraben. Es wurde dem Defensor an Gerichtsstelle vorgelegt. Er wendete es verdrießlich in der Hand hin und her; alles war mit Albus Bekenntnisse im besten Einklange. Der rechte Lauf abgeschossen, am linken der Hahn gespannt, und, wie das zu einer festen Masse gewordene Zündkraut unter der Batterie zeigte, noch geladen. Nachdem er vorsichtig den Stein abgeschraubt hatte, um das zufällige Losgehen unmöglich zu machen, visitirte er den geladenen Lauf.

„Daß dich der Donner!“ sagte er: „wenn da nicht Schlamm hineingekommen ist, so ist das ein ganz pestilenzialischer Schuß. Wollen das doch ’mal herausfördern.“

Der Förster des Ortes, der mit den nöthigsten Instrumenten eines Büchsenmeisters [163] versehen war, und zu welchem wir uns sogleich verfügten, unterzog sich der Oeffnung der Schwanzschraube in unserer Gegenwart. Er fand die gewöhnliche Pulverladung, aber – zwei Kugeln statt einer.

„Alle Wetter,“ rief Rebhahn: „was ist das? Stecken in dem Laufe zwei blaue Bohnen; was alle tausend Teufel – was ist denn in dem andern gewesen?“

Ich selbst war von der Erscheinung frappirt. Nach Marianens Erzählung waren gar keine Kugeln vorhanden gewesen, und Heinrich hatte deren nur zwei (wozu hätt’ es auch einer dritten bedurft?) vom Büchsenmeister in B… herbeigeholt. – Mir fuhr der Gedanke durch den Kopf, daß man bei Ladung eines Doppelgewehrs sich leicht irren kann, wenn man nicht unmittelbar [164] hinter einander beiden Röhren Pulver giebt, und nicht beide Kugeln zugleich auf die Mündung setzt: denn wendet man das Gewehr nur in der Hand, was leicht bewußtlos geschehen kann, zumal im Gespräch, so wird das rechte Rohr zum linken, und beide werden verladen.

„Richtig, richtig!“ sagte Rebhahn: „es ist klar, der rechte Lauf ist mit Mondschein geladen gewesen!“ –

„Aber woher dann die Kugel in Heinrichs Brust?“

„Was? Kugel? Kugel aus der Leiche? ist sie da?“[1]

„Versteht sich.“


  1. Daß Rebhahn erst jetzt darnach fragte, war ein starker Defensor-Fehler. Die Größe der Kugel würde gleich Anfangs Zweifel in ihm geweckt haben, auf welche er ohne dieselbe freilich hier nicht verfallen konnte, da das Geständniß vorhanden war.

[165] „Fort, fort, fort! Kommen Sie! Die Kugel, die dritte Kugel!“

Er raffte die einzelnen Theile des zerlegten Terzerols hastig zusammen, steckte die kleinen in die Tasche, und eilte, die Läufe in der Hand behaltend, aus des Försters Stube auf die Straße, und unaufhaltsam dem Amthause zu.

Wollt’ ich nicht gänzlich die Anstandslehre bei Seite setzen, die, ich weiß nicht mehr in welchem, Ifflandischen Schauspiele vorkommt: Das Amt muß sich stets langsam zeigen; so konnt’ ich ihn nicht eher, als in der Gerichtsstube einholen. Da stand er vor dem Actuar, welcher bereits das mit dem Gerichtssiegel verwahrte Schächtelchen herbei geholt hatte, in welchem die Kugel quaestionis befindlich war.

[166] „Die Kugel, die Kugel!“ rief er ungeduldig mit den Füßen trampelnd, während der Actuar zu zweifeln schien, ob er das Siegel lösen dürfe. „Geschwind, öffnen Sie! Defensor recognoscirt das Siegel für unverletzt.“

Ich that es, selbst ungeduldig, wie er. Er hielt die Läufe aufrecht hin mit zitternder Hand. Ich versuchte die Kugel, und sie war – zu groß. Kein Zweifel, daß sie wenigstens doppelt soviel Gewicht haben mußte, als dieser Kaliber aufnehmen konnte.

„Nun – nun – nun?“ sagte Rebhahn kichernd vor Vergnügen: „da soll mir doch der leibhaftige Teufel herkommen, und soll mir das ’mal da hinein laden! Soll ’mal machen, daß es da heraus kommt, kugelrund, wie Figura!“

[167] „Es ist augenscheinlich,“ sagt’ ich: „aber unbegreiflich!“

„Was, Herr? Daß die Kugel da nicht drin gewesen seyn kann, das soll mir der vernagelteste Tribunalsrath begreifen! mit Händen greifen! Protokolliren Sie das Novum, den neuen Befund, in optima forma! Albus ist unschuldig!“

„Aber sein Bekenntniß“ –

„Ist erlogen, oder ein Irrthum.“

Es gab in der That keine andere mögliche Erklärung, als eine von diesen beiden. Die erste machte den Versuch räthlich, den Selbstankläger zu überraschen, um hinter die Wahrheit zu kommen. Ich ließ ihn vorführen, nachdem das Gewehr wieder zusammengesetzt worden war.

[168] „Albus, es hat sich ein Umstand ereignet, über welchen ich Sie zu den Acten vernehmen muß.“ – Ich ließ ihm das Protokoll seines Bekenntnisses vom Actuar vorlesen. – „Das ist wörtlich Ihre Selbstanklage; beharren Sie dabei?“

„Ja.“

„Das ist das Terzerol, welches Sie für das Ihrige, für das Werkzeug des Todtschlags anerkannt haben. Beharren Sie dabei?“

„Ja.“

„In dieser Schachtel war die Kugel aufbewahrt, welche Ihren Bruder getödtet, die man in seiner Brust gefunden hat. Ich selbst habe sie heraus nehmen sehen, aus des Wundarztes Hand empfangen, in diese Schachtel [169] gelegt, und mit dem Gerichtssiegel verwahrt. Hier ist sie.“

„Nun?“ fragte er unwillig: „soll ich dabei beharren, daß sie – von Blei ist?“

„Das nicht; aber ich muß verlangen, daß Sie dieselbe vor meinen Augen noch einmal in dieses Terzerol laden.“

„Höhnen Sie mich? Sie, sonst so menschenfreundlich?“

„Es gilt nur eine pedantische Form des Criminalproceßes. Versuchen Sie!“ –

Er brachte die Kugel auf die Mündung und stutzte. „Das ist nicht –“ er sah mich und den Doctor wechselsweise an, sein Mund verzog sich höhnisch, er warf Kugel und Gewehr auf den Tisch, und sagte zu Rebhahn: „Teufels-Advokat! Du willst mich [170] versuchen, wie Dein Meister den Herrn! Du willst Ehre einlegen mit Deiner Arbeit, Du willst das Gericht betrügen, Du hast die Kugeln wie ein Taschenspieler vertauscht.“

Ich betheuerte ihm die absolute Unmöglichkeit, ich beschwor ihm die Wahrheit meiner Worte bei unserer früheren Freundschaft und „so wahr Mariane Sie liebt!“

Sein Athem stockte bei diesen Worten, seine Brust hob sich und sank, wie Wellen im Sturm, die Augen wurden starr, die Hand fuhr nach der Stirn, die er ängstlich damit rieb; er war in dem Zustande eines Menschen, der an seinem Bewußtseyn, an der Gesundheit seines Gehirnes zweifelt.

„Wenn das – Gott im Himmel! wenn – wenn – aber es ist ja nicht möglich – nicht denkbar!“ –

[171] „Wer weiß? Wie viel hatten Sie Kugeln, als Sie das Terzerol ladeten?“

„Zwei.“

Nur zwei?“

„Heinrich brachte nicht mehr.“

„Nun, Albus, und in diesem einen, nicht abgeschossenen Laufe fanden wir beide Kugeln.“

„Oh Herr Jesus!“ rief er: „mein Kopf, mein Kopf!“

Er warf sich damit auf den Tisch, richtete sich bald darauf heftig empor, schlug die Augen gegen die Decke, und sagte: „Ich sehe nichts – nichts! Der Teufel trachtet nach meiner Seele, er hat mich geblendet mit glühendem Stahl.“

[172]
XIX.
Der Kugel-Samen.


Im Freischützen höret man
Tolles Zeug mit Freuden an;
Wird man toll, so glaubt man dran.

Der Verf.


Mich überlief ein Schauder, als ich ihm in die Augen sah. Wenn mich nicht alle Zeichen täuschten, so war er – wahnwitzig. Ich führte ihn mit Rebhahn in das Zimmer, das er sehr wohl hätte kennen müssen. Keine Spur von Empfänglichkeit für Eindrücke von [173] außen. Nichts als die Namen: Heinrich – Mariane – schlichen von Zeit zu Zeit über seine Lippen, ohne daß er selbst ihren schwachen Schall zu vernehmen schien.

Welche Pein für mich! Mein unseeliger Einfall, ihn durch Ueberraschung das Geständniß einer erlogenen Selbstanklage zu entreißen, konnte ihm den Verstand gekostet haben, da dieselbe – wie sich jetzt kaum mehr bezweifeln ließ – nicht erlogen war, sondern auf einer unbegreiflichen Selbsttäuschung beruhte. Ich ließ den Arzt rufen; er schüttelte bedenklich den Kopf, und leider zeigte sich’s nur allzubald, daß er Grund dazu gehabt hatte.

Zwar wurden Ferdinands Sinne noch an demselben Tage den Eindrücken der Außendinge wieder offen, und er sprach mit uns [174] Allen wie ein vernünftiger Mensch, so lange nicht der Gedanke an seine Unschuld angeregt wurde. Aber bei der leisesten Berührung dieses Gegenstandes zeigte sich eine fixe Idee, bekanntlich die erste Stufe des Irrsinns. Er wähnte, der Teufel, der seine Aussöhnung mit Gott nicht dulden wolle, suche ihm vorzuspiegeln, daß er gar nicht gesündiget habe, und nehme zu dem Behuf allerlei Gestalten seiner Freunde und Bekannten an, oder fahre wirklich in deren Geister und Gemüther, um dieselben zu diesem Zwecke zu mißbrauchen. Der Arzt, meine Mutter, meine Schwester, ich selbst, wir alle versuchten es nach einander, und auf verschiedenen Wegen, in diesem Irrwahn ihn wanken zu machen.

Wenn es irgend Einem von uns gelingen konnte; so war es Juliane, mit welcher er unter Allen am liebsten sprach, und die er [175] selbst dann ohne Zeichen des Unwillens anhörte, wenn sie diese Saite anschlug. Schon glaubte sie einmal, ihr Ziel bei ihm erreicht zu haben, da fing er an zu weinen, und sagte halblaut: „So jung, so schön, eine so himmlische Seele; und um meinetwillen vom Teufel besessen!“

Dagegen gab es eine fast komische Scene, als auch Rebhahn, mit allen Waffen der Logik gerüstet, gegen seine fixe Idee ausrückte. Sobald er dessen Absicht merkte, setzte er sich gleichsam in Positur, und schien den ganzen Rest seiner Geisteskräfte zu einer Disputation mit ihm aufzubieten.

„Sie behaupten, daß ich unschuldig bin; definiren Sie mir einmal meine Unschuld! Woraus besteht sie, Stück vor Stück?“

„Sie ist aus dem Ganzen, werther Herr Albus; Sie bilden sich ein, Ihren Bruder [176] durch einen Schuß, der durch Ihre Unvorsichtigkeit losging, getödtet zu haben das ist aber unmöglich, denn der losgegangene Lauf war blind geladen, und die Kugel, die man in seiner Brust gefunden hat, ist zu groß für den Kaliber des Gewehrs.“

Selbst blind geladen!“ sagte er spöttisch bei Seite. „Die Jäger können allerlei, wovon sich Eure Philosophie nichts träumen läßt. Haben Sie nie von Kugelsamen gehört?“

„Nein.“

„Sollte mich wundern, ich hätte darauf gewettet, daß Sie dergleichen schon erbauet hätten. Besinnen Sie sich nur, das Samenkorn sieht schwarz aus, wie ein Pulverkorn, ist aber ein Kugel-Keim, wird in’s Rohr gesäet, [177] und wächst darin. Wie, kenn’ ich die Höllenkünste?“

„Aber werther Herr Albus, die Kugel war ja zu groß für das Rohr, kann gar nicht aus demselben gekommen seyn.“

„Ha, ha, ha! Das ist ja eben der Kniff; sie schwillt auf, wenn sie heraus kommt an die Luft, und Du schwörst darauf, es ist eine Andere.“

„Das ist tolles Zeug, Herr Albus,“ sagte Rebhahn ärgerlich; denn er glaubte sich gefoppt.

„Noch nicht halb so toll, als Eure Jurisprudenz. Wenn Einer dem Anderen das Pistol auf die Brust setzt, und es geht los, ehe er abdrückt, und der Andere ist todt, so demonstrirt der Advokat: Hans hat nicht losschießen wollen, ergo hat er auch den Kunz [178] nicht erschossen. Aber der Mensch hat ein Gewissen und das Gewissen ist kein Advokat.“

„Davon ist jetzt nicht mehr die Rede,“ erwiederte Rebhahn: „das Recht und zugleich der gesunde Menschenverstand fordern zum Begriff eines Todschlages, daß die Handlung des Einen, und das Werkzeug, das er dazu gebraucht hat, dem Anderen den Tod gegeben. Das ist hier nicht der Fall. Sie können über Ihre Hitze, Ihr Zuschlagen, Ihren Schuß, sich Gewissensbisse machen, so viel Sie wollen, das geht mich nichts an; aber das Recht spricht, daß Sie nicht der Urheber von des Bruders Tode sind, und Ihr Gewehr nicht die Ursache davon.“

Das schien auf Ferdinands Begreifungs-Vermögen einige Wirkung hervorzubringen, die auch das Gemüth in Thätigkeit zu setzen [179] schien. Er schwieg einige Sekunden, und sagte dann mit einem Seufzer: „Ha! wenn mir nur Einer erklären könnte, wie er anders umgekommen!“

„Die Erklärung,“ erwiederte Rebhahn: „im Allgemeinen wenigstens, liegt auf der Hand.“

Ferdinand sah ihn höhnisch an, öffnete seine Rechte, und sah lächelnd hinein.

„Es ist sonnenklar,“ fuhr Rebhahn fort: „die Umstände dulden durchaus keine andere Annahme; die erwiesenen Tathsachen zwingen den menschlichen Verstand zu der Ueberzeugung, daß ein anderer Schuß, gleichzeitig mit der Ladung Ihres Gewehrs, aus bedeutender Entfernung vielleicht, Ihrem Bruder die größere Kugel in die Brust gejagt hat. Kann denn nicht einer der Wilddiebe [180] in eben diesem Augenblicke sein Ziel, das Wild, gefehlt haben?“ –

Albus zuckte, seine Hand schloß sich, er stand auf, und machte mit scharf zusammengedrückten Lippen einen raschen Gang durch das Zimmer. „Der ist schlau!“ sagte er vor sich hin, und fuhr dann zu mir gewendet fort: „Aber er fängt mich nicht, denn er ist doch ein dummer Teufel; diesmal hätt’ er eine bessere Gestalt annehmen sollen. In dieser hab’ ich ihn gleich erkannt.“

Bei dieser Hartnäckigkeit des Wahns blieb nichts übrig, als denselben unberührt zu lassen, und zu erwarten, ob die Natur und die Zeit ihn davon befreien würden.

[181]
XX.
Die Klatzschbüchse.


„Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.“
Ich kann es euch so sehr nicht übel nehmen,
Ich weiß, wie es um diese Lehre steht.
Es erben sich Gesetz’ und Rechte
Wie eine ewige Krankheit fort;
Sie schleppen von Geschlecht sich zu Geschlechte,
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn –

Mephistopheles in Göthe’s Faust.


Rebhahn reichte nun die zweite Vertheidigungsschrift ein, und ich eilte um so mehr mit dem Bericht, da ich ein Urtheil erwartete, [182] welches den Unglücklichen von der Selbstanklage des Todtschlags gänzlich losspräche. Mit nichten!

„Zwar sei es – meinten die Herren – bewandten Umständen nach nicht schlechterdings undenkbar, daß der Heinrich Albus durch den, es sei nun absichtlichen oder zufälligen, Schuß eines Dritten gefallen seyn könnte; da aber der Inquisit bei seinem speziellen Geständnisse beharret, und da ein anderer Thäter oder Veranlasser des erfolgten Todtschlags bis jetzt nicht auszumitteln gewesen: so sei der Ferdinand Albus bis zur völligen Ausführung seiner Unschuld in einem Zucht- oder Arbeits-Hause zu verwahren, von Rechtswegen[1].“


  1. Dieses Urthel ist fast noch charakteristischer als das vorige, und ich glaube, allen Mißdeutungen durch die Versicherung vorbeugen zu müssen, das es nicht der Schöppenstuhl zu Leipzig ist, von welchem es ausgegangen. Sächsische Rechtsgelehrte werden überhaupt leicht bemerken, daß der ganze Rechtsfall im Königreiche Sachsen nicht füglich vorgekommen seyn könnte. Er ist das Erzeugniß eines deutschen Bodens, welcher seit einem Viertheil-Jahrhundert seine Gestalt dergestalt verändert hat, daß er für untergegangen geachtet werden kann.

[183] Da der Zustand des Irrsinnes, in welchem Albus fortdauernd sich befand, nicht gestattete, ihm das Erkenntniß zu publiziren; so wurd’ es dem Doctor Rebhahn als dem Defensor eröffnet.

„Ei daß Ihr schwarz würdet!“ rief er aus. „werden bald den Grundsatz aufstellen, daß Keiner eher für unschuldig erkannt werden darf, bis er den Schuldigen herbeigeschafft. Wollt’ ich nun doch beinahe, daß ich der wäre, für welchen Albus mich [184] hält, um den Kerl auszuspüren, der die verfluchte mystische Kugel abgeschossen hat.“

Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, so brachte der Postbote ein Packet von einer Gerichtsstelle des Nachbarstaates. Der Beamte sendete mir beglaubte Abschrift eines Actenstückes mit der Bemerkung, daß er nach allem, was er durch das Gerücht von der merkwürdigen Untersuchung gegen den jungen Albus vernommen habe, glauben müsse, dasselbe werde über jene dunkele Sache einiges Licht verbreiten. Dabei lag, besonders verwahrt, ein goldener Siegelring mit den Buchstaben H. A. zu beiden Seiten eines Merkurstabes, der auf einem Anker ruhte, und eine Kugelbüchse von so kleiner Statur, daß man sie fast für eine Liliputanische hätte halten können. Der Lauf war kaum 8 Zoll lang, und hatte Haar- oder Schneidezüge (Züge ohne Zwischenfelder) wie diejenige Art [185] von Pistolen, die über die gewöhnliche Pistolenferne und bisweilen auf 150 Schritte weit im Kernschusse tragen. Sie schien aus einem solchen Pistol gemacht zu seyn, denn der kurze Backenanschlag war angesetzt und ließ sich abschrauben. Augenscheinlich eine Wilddiebs-Büchse. Beide Gegenstände waren in der That bei einem der Gauner gefunden worden, die man nach Heinrichs Ermordung im Scheidewalde aufgehoben hatte. Er nannte sich Rollkopf, und die gegen ihn geführte Untersuchung hatte bald ergeben, daß er früher zu einer überrheinischen Räuberbande gehört hatte, eingefangen, mehrerer Mordthaten überführt, zum Tode verurtheilt worden, aus dem Gefängnisse entsprungen war, und sich zu den Wild- und Vieh-Dieben des Scheidewaldes gesellt hatte: seiner Versicherung nach in der Absicht, sein Leben zu bessern, weil er gewußt, daß man hier einen schweren [186] Eid thun müßte, keinen Menschen umzubringen, es wäre denn in dringender Gefahr des eigenen Lebens. Diesen Eid wollte er auch pünktlich gehalten haben; allein die Aeußerung des Instructions-Richters, daß dies die verwirkte, und jenseits des Rheins schon über ihn ausgesprochene Strafe seiner früheren Mordthaten nicht mindern könne, bewog ihn zu dem Geständniß, daß er denselben, kurz vor seiner neuen Gefangennehmung, doch einmal gebrochen habe, woran eigentlich der Wald-Hauptmann selbst schuld gewesen, weil er ihm ein Gewehr geschenkt, das kaum halben Arms lang gewesen, und dennoch 200 Schritte weit habe schießen sollen. Mit dieser „Klatzschbüchse“ liegt er im Busche am Wege, sieht zwei Herren vorbeigehen, und hört, daß der Eine zum Andern sagt: „Was schleppst Du jetzt 8000 Thaler nach M…?“ Das lockt ihn zwar, sein früheres, freieres Handwerk [187] wieder einmal auszuüben, oder doch wenigstens zu versuchen, ob er nicht durch Drohungen etwas von den 8000 Thalern erlangen könne. Aber er bemerkt, daß einer der Herren ein doppelschüssiges Pistol in der Hand hat, macht sich daher auf, und folgt den Wanderern bloß in der Ferne nach. Nicht lange, so bleiben sie stehen, der Eine „vagirt“ vor dem Andern herum, und dem Schnapphahn fällt ein: du sollst doch wohl ’mal sehen, ob der Wald-Hauptmann gelogen hat, ob die Klatzschbüchse wirklich bis dahin reicht. Er schlägt an, schießt, und – „gleich wird der Eine krumm.“ Der Andere – denkt er – wird nun Reißaus nehmen; aber Prosit! Der bleibt stehen, wie ein Pfahl, und kauert sich dann zu dem Andern, und weicht unter einer Stunde nicht vom Flecke. Endlich „pascht er ab;“ der Schnapphahn schleicht heran, durchsucht dem Todten [188] die Taschen, findet sie aber leer, und muß mit einem Ringe vorlieb nehmen, den er ihm nicht ohne Mühe vom Finger zieht.

Niemand wird hoffentlich mehr daran zweifeln, daß es der Ring von Heinrich Albus war, welchen Ferdinand vielleicht vermißt haben würde, wenn das Wiedersehen der Leiche ihn nicht der Besinnung beraubt hätte. Die mystische Kugel (wie Rebhahn sie eben genannt hatte) paßte vollkommen in Schnapphahns Klatzschbüchse, und bei genauer Betrachtung waren selbst die Eindrücke der Schneidezüge noch daran sichtbar.

„Nun“ rief der Doctor Rebhahn: „nun muß es doch wohl der Tolle selbst begreifen, daß er unschuldig ist!“ Er wollte auf der Stelle zu ihm.

„Wird er es dem Teufel glauben?“ fragte ich.

[189] „Sie haben Recht, das muß er von Jemand hören, der besser aussieht, als ich.“

In der That war diese Entdeckung zu wichtig, als daß ich die Wirkung, welche sie auf Albus Geist haben konnte, durch Uebereilung hätte in die Schanze schlagen mögen. Diese vollständige Auflösung des Räthsels welches seinen Verstand verwirrt hatte, mußte er aus einem Munde hören, den er nicht so leicht für ein Werkzeug des Teufels halten konnte, und welcher taugte wohl besser dazu, als Marianens Mund?

[190]
XXI.
Der psÿchische Arzt.


Mithin geb’ ich als Arzt den Kranken auf,
Wenn ihr nicht kommt, ihm diesen Trank zu reichen.

Benvolio in der Albaneserin. III, 1.


Die starke Seele dieses Mädchens hatte, um sich dem Grame zu entreißen, ein Mittel ergriffen, welches man schwachen Seelen freilich nicht empfehlen kann, weil sie eben zu schwach sind, um es anzuwenden. Sie hatte sich mit Erlernung der englischen Sprache beschäftiget [191] (diese Wahl erklärt sich von selbst, denn Ferdinand liebte dieselbe), und war so voll davon, so gewohnt bereits, in dieser Sprache zu denken, daß sie zu Anfange unseres Gespräches mehr als einmal englisch zu mir redete. Sie hatte von der Auffindung des Mordgewehrs im Strome, von der räthselhaften Kugel, von dem neuen Urthel, und auch von Ferdinands Irrsinn gehört; hielt aber den Letzteren für eine Erdichtung des Advokaten, für das sogenannte Wahnwitzigmachen, wodurch die Defensoren häufig die Delinquenten von der Strafe zu befreien suchen. Als sie von mir das Gegentheil hörte, brach sie in Thränen aus, und konnte nur die Worte hervorbringen: „Armer, armer Ferdinand! Nicht Mensch mehr, und doch lebend? Oh Gott, Gott! auch das noch?“

„Ich habe Hoffnung zu seiner Genesung, liebe Freundin, wenn Sie sich zu einem [192] Schritte entschließen können, der freilich voraussetzt, daß Ihr Herz noch nicht für ihn erkaltet ist.“

„Wie? mein Herz?“ rief sie aufspringend: „Was muß geschehen? Muß er mein Blut trinken, um zu genesen? Es ist sein bis auf den letzten Tropfen! Bringen Sie mich zu ihm, man soll mir die Adern öffnen – (sie streifte das Kleid von dem schönen Arme zurück) ob ich sterbe, gilt gleich.“

Ich schilderte ihr kurz die Lage der Dinge – der inneren Dinge Ferdinands – machte sie mit der Entdeckung des wahren Thäters bekannt, und sagte ihr, daß ich ihm dieselbe noch verschwiegen, weil ich glaubte, sie werde aus ihrem Munde heilbringend auf sein Gehirn wirken.

„Wenn mich nicht alle früheren Beobachtungen trügen,“ fügte ich hinzu: „so haben [193] Sie eine so entschiedene Macht über sein ganzes Nervensystem, daß ich fast an einen magnetischen Rapport zwischen Ihnen beiden glauben möchte.“

Welch eine Freude in Ihren Augen! Welch ein Beben des Entzückens in ihrer Stimme, als sie mir antwortete: „Oh Gott, ja, ja, lieber Herr! ich will – ich werde ihn retten! Ueber seinen Geist, über sein Herz hab’ ich Macht, nur sein Gewissen ist stärker, als meine Liebe.“

Sie nahm einen Mantel, einen Hut, und eilte mit mir zu ihrem Vater, dem sie mit fliegenden Worten erklärte, daß sie mich in diesem Augenblicke nach Z… begleiten müsse, weil Ferdinand wirklich wahnwitzig sei, und sie ihn wieder zu sich bringen werde. Er hatte diesem Ungestüm nichts entgegen [194] zu setzen, da ich den Hauptinhalt ihrer Worte bestätigte, und wenige Minuten später saß ich mit ihr im Wagen.

[195]
XXII.
Die Vorleserin des Protokolls.


Jetzt rette dich, du kräftige Natur!
Die Crisis ist entscheidend.

Albaneserin. II, 5.


Man begreift, daß der Zweck der kurzen Reise der einzige Gegenstand des Gesprächs war. Sie fragte mir die Geschichte seines Irrsinnes bis auf die kleinsten Umstände ab, entwarf darnach den Plan ihres Verfahrens, und dictirte mir gleichsam meine Rolle.

Ich sollte den Geisteskranken auf ihren Besuch vorbereiten. Er las, als ich eintrat, [196] in Pope’s Versuch über den Menschen, den Juliane ihm gegeben hatte, und schien verdrießlich über die Unterbrechung.

„Ich bin wieder einmal in B… gewesen, lieber Albus.“

„So?“

„Ich hab’ auch auf einige Minuten Marianen gesehen.“

Er sah mich an mit einer Spur von Beunruhigung im Blick, und antwortete: „Ich sehe sie immer.“

„Doch haben Sie, soviel ich mich erinnere, seit Ihrem Hierseyn nie von ihr gesprochen.“

„Eben darum.“

„Desto angelegentlicher sprach sie von Ihnen.“

Er ging einige Schritte von mir weg. „Ist sie noch – ist sie noch schön?“ fragte er zurückkehrend.

[197] „Wohl ist sie das, ungeachtet des Grams, den sie im Busen trägt.“

„Das geht vorüber; sie wird glücklich seyn, wenn ich nicht mehr lebe.“

„Ich zweifle; wer so geliebt hat –“

„Sie wird besser – ich will sagen, sie wird einen Besseren lieben; ich kenne ihn.“

„Wen?“

„Sie wird Sie lieben,“ sagte er mit aller Bestimmtheit der Ueberzeugung.

„Albus, wie kommen Sie auf den Gedanken?“

„Sie liebt Sie schon jetzt, schon längst.“

Ich war betroffen. Hatte er darum Marianen seit seiner Trennung von ihr nie wieder erwähnt? Was hatte ihm zu diesem [198] Argwohn Anlaß gegeben? War derselbe älter, als sein Entschluß, den Tod statt der Braut zu umarmen? Hatte er Einfluß darauf gehabt? War er vielleicht auch bei seinem Irrsinn im Spiel? Alle diese Fragen bestürmten mich in Einem Augenblicke. Die Ungerechtigkeit gegen Marianen verletzte mich.

Ich trat rasch zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter, und sagte: „Albus, wohin schweift Ihre Leidenschaft? Wollen Sie das Gegentheil sehen, mit diesen Ihren Augen sehen?“

Er fuhr zurück, blickte mich starr an, trat mir wieder nahe, streckte die Hand aus, ließ sie über meinen rechten Arm herabgleiten, als ob er etwas durch das Gefühl erforschen wollte, und rief dann aus: „Ha! läugnen Sie es nicht! Mariane ist hier, ich fühle ihre Nähe.“

[199] „So ist es, Ferdinand; sie will Sie sprechen, sie hat Ihnen Wichtiges zu sagen, bieten Sie alle Kräfte Ihres Geistes auf, es zu fassen.“

Ich gab mit der Klingelschnur das verabredete Zeichen. Er stand lautlos und zitterte. Mir war bange vor der gewagten Scene, welche bevorstand. Mariane trat leise herein. Während sie die Thür hinter sich anzog, bedeckte Ferdinand sein Gesicht mit den Händen. Doch bald ließ er dieselben wieder sinken. Mariane stand vor ihm, nannte seinen Namen im ergreifendesten Accord der Zärtlichkeit, und mit den Worten: „Oh! meine Heilige!“ sank er vor ihr nieder.

Sie hob ihn auf; er öffnete die bebenden Lippen zum Reden.

„Sprich nicht, mein Ferdinand, jetzt nicht! Ich sehe, was Du fühlst, und fühle, [200] daß es unaussprechlich ist. Armer Freund, wie viel hast Du gelitten! Wie bleich bist Du geworden! Laß uns sitzen, gieb mir Deine Hand, fühle den ruhigen Schlag meines Herzens, bis der deinige Takt damit hält.“

Er schien nicht zu fassen, was mit ihm vorging; irr’ an sich selbst, suchten seine Augen Licht in den meinigen. „Wo bin ich denn? Sind Sie denn nicht der – bin ich nicht mehr der – der Blutbefleckte, der Brudermörder, der – Hugo?“

„Nein, nein,“ sagte Mariane, indem sie den Arm um ihn schlang und ihn an ihre Brust drückte: „du bist mein, mein Ferdinand, mein Gatte! Du bist rein von aller Schuld, du warst rein, als ich dich wie einen Mörder floh, das fürchterliche Räthsel ist gelös’t, deine Blutschuld war ein Selbstbetrug, [201] eine schlau versteckte Lüge der Hölle, dein Geständniß ein Irrthum, so verzeihlich als entsetzlich. Du zweifelst? Hier (sie streckte die Hand aus, in welcher sie die zusammengerollte Urkunde von des Räubers Bekenntnisse hielt) hier halt’ ich die Wahrheit, die unwidersprechliche Wahrheit fest! Du bist unschuldig, der wahre Mörder ist entdeckt!“

Albus bog sich mit dem Oberleibe weit zurück, und in den starr auf sie gerichteten Augen malte sich ein innerer Kampf von Liebe und Angst, der meine Athemzüge stocken machte.

„Und auch du? Auch du, Mariane? – Ha Versucher! Versucher! – Komm wie du willst, borge die Reize aller Feen, stiehl den Zauber vom Antlitz der Liebesgöttin, [202] komm in jeder Gestalt, nur nicht in dieser! nur in dieser nicht!“

Wem hätte ein so ungestümes, sichtbares, körperliches Hervortreten des Wahnsinnes nicht das Herz zerrissen?

„Oh Jesus, mein Heiland!“ jammerte Mariane leise, mit fest gefalteten Händen. Ihr Muth schien gebrochen. Doch schnell raffte sie ihre Kräfte wieder zusammen. Sie ergriff seine Hände, legte sie um ihren Leib, faßte sein Haupt in die ihrigen, sah ihm in die Augen, jeder Zug ihres Gesichtes war Liebe; dann riß sie ihn an sich, küßte seine Stirn, drückte ihre glühende Wange dagegen, und sagte mit einem Tone, der in Wehmuth schmolz: „Oh mein Ferdinand! mein lieber, guter, unglücklicher Ferdinand! Ist noch ein Funke menschlicher Vernunft in dir, so raube [203] mir die meinige nicht! Rase, tödte, zerfleische mich! Aber mache mich nicht wahnsinnig!“

Diese Töne des tiefsten Schmerzes, der rührendesten Bitte, schienen in sein Gemüth einzudringen. „Nein,“ sagte er: „das ist unmöglich, das ist der Verführer nicht, in diesen Tempel kann er nicht dringen! Belogen hat er dich, aber du bist Mariane!“

„Willst du vernünftig seyn, mein Ferdinand? Willst du mich anhören?“

„Rede! Rede!“

Sie raffte das Papier auf, das neben sie auf das Sopha gefallen war, rollte es schnell in entgegengesetzter Richtung zusammen, um es wieder zu ebnen, sagte ihm mit gedrängten Worten, was der Waldräuber von sich berichtet hatte, und las ihm dann dessen [204] eigne Erzählung der unseeligen That, wörtlich wie der Protokollführer des Gerichts sie niedergeschrieben hatte. Aber mit welchem Ausdruck, mit welchen, den Glauben erzwingenden Tönen! So ist gewiß niemals ein gerichtliches Protokoll vorgelesen worden.

Als sie zu Ende war, blickte sie ihn an, wie eine Siegerin. „Nun, Albus,“ fragte sie: „was meinst du? Wer war der Ermordete? Sieh her! Von wessen Finger hat der Mörder diesen Ring geraubt?“ (Sie hatte denselben verwendet an den Mittelfinger gesteckt, und hielt ihm jetzt in der flachen Hand das Siegel unter die Augen.)

„Es ist Heinrichs Ring“ rief er aus: „es ist gewiß, es ist klar, wie dein Auge; Rollkopf hat ihn erschossen! – Oh mein Gott! und er ist gestorben in demselben [205] Wahne, den ich gehegt! Er hat mich für seinen Mörder gehalten!“

„Auch das nicht, Albus,“ fiel ich ein: „gewiß nicht! Erinnern Sie sich seiner letzten Worte! Sagte er nicht: „Dort – dort – der Räuber!“ Ich wollte mein Leben wetten, daß er den Thäter gesehen hat, und daß es dieses war, was er Ihnen sagen wollte.“

Er sprang auf. „Es ist, so wahr ein Gott lebt, es ist! Mariane, ich bin unschuldig! Nicht unschuldig, ich habe mich schwer vergangen, mit dem tödtlichen Gewehr wie ein Rasender gefrevelt; aber Gott ist gnädig gewesen, ich bin nicht Mörder, kein Blut – kein Bruderblut klebt an meiner Hand. Oh Mariane, mein guter Engel, meine Retterin von den Foltern des Gewissens!“

Er warf sich an ihre Brust. „Mein guter Ferdinand!“ sagte sie sanft weinend. [206] Meine Freude hatte keine Worte. Ferdinand wendete sich zu mir. „Herr von L…, mein Freund, darf ich wieder sagen, ich habe gefrevelt, Sie sind Rechtsgelehrter, welche Strafe wird mich treffen?“

„Keine, hoff’ ich.“

„Das wäre nicht gerecht; ich bin gefaßt darauf; nur keine beschimpfende, keine entehrende – sie würde mich allein nicht treffen.“

Ich suchte ihm die Unmöglichkeit davon klar zu machen; aber ich hatte ihn nicht ganz verstanden. Er hatte nicht an eine rechtlich entehrende, (infamirende) sondern an eine solche gedacht, welche in der Meinung der Menge herabsetzt. Und das thut, die Geldstrafe etwa ausgenommen, jede; wenigstens in den Ländern der geheimen oder Acten-Justiz, wo das bestrafte Vergehen und die Umstände desselben nur Wenigen bekannt [207] werden, und die Beschränkungen der Preßfreiheit dem Sträflinge nicht gestatten, Viele damit bekannt zu machen. Das that hier schon das aufgehobene Todesurtheil; denn losgesprochen in der Folge oder nicht, die Menge pflegt einen Mann, über dessen Haupte das Richtbeil geschwebt hat, immer mit dem Zweifel zu betrachten, ob die verdammenden oder die lossprechenden Richter sich geirrt haben. Albus schien das zu fühlen, und sprach darüber mit steigender Beklemmung.

Mariane hörte sanftlächelnd unserem Gespräche zu. Endlich trat sie heran, faßte Ferdinands Hand, und sagte in englischer Sprache: „Sei ruhig, mein Geliebter! mein Republikaner! Wenn die Vorurtheile der Europäer uns belästigen; das atlantische Meer ist für meine Liebe nicht größer, als auf der Weltkarte für meine Hand: eine Spanne breit.“

[208] Wie schildr’ ich den Ausdruck der Ueberraschung, des Erstaunens, des Entzückens in Ferdinands Gesicht. Zum ersten Male hörte er aus dem Munde der Geliebten die Sprache des Landes, wohin er sich zu sehnen nicht aufgehört hatte, seitdem er es verließ; und an dem Gegenstande, auf den sie während der Trennung von ihm ihre Zeit und ihren Fleiß verwendet hatte, mußte er nothwendig die Größe und Unvertilgbarkeit ihrer Liebe erkennen.

Göttliches Wesen!“ rief er in derselben Sprache aus, und drückte sie an seine Brust. „womit hab’ ich Unbändiger, Rasender, dieses Herz verdient? Bestraft mich, ihr Richter, oder sprecht mich los, denkt übel von mir, ihr Menschen, oder gut; es giebt eine Erden-Seeligkeit, die ihr mir nicht rauben könnt.“

[209]
XXIII.
Der Teufel in Person.


Nur wenn das Herz ihr mitbringt zum Gerichte,
Sieht der Verstand das Recht im vollen Lichte.

Der Verf.


Er wurde völlig frei gesprochen, und auf eine Art, die selbst den Doctor Rebhahn, der die Herren vom grünen Tische im Allgemeinen nicht allzuhoch schätzte, zu dem Geständnisse zwang, daß derjenige, welcher dieses Urthel ausgearbeitet, ein Mensch, ein ganzer Mensch, id est ein solcher seyn müsse, [210] bei welchem sowohl das Herz als der Verstand auf dem rechten Flecke säßen. Und in der That, wenn man die Gründe dieses Urthels las, konnte man kaum zweifeln, daß der Verfasser die Absicht gehabt hatte, den Inquisiten nicht bloß von der Untersuchung, sondern auch von seinen Selbstvorwürfen und von denen der öffentlichen Meinung loszusprechen.

„Von dem Vergehen,“ hieß es: „dessen Albus sich selbst angeklagt hat, ist nichts übrig geblieben, als eine unüberlegte Handlung der Leidenschaft, welche der Staat nicht berechtiget ist zu bestrafen, weil sie keinem Menschen Schaden zugefügt hat, als dem Thäter selbst. Auch die Untersuchungskosten können ihm nicht einmal aufgebürdet werden: denn obschon er allein, durch eine ungegründete Selbstanklage, die Untersuchung veranlaßt [211] hat, so ist doch der Irrthum, aus welchem die Selbstanklage hervorgegangen ist, ein unvermeidlicher, das heißt ein solcher gewesen, den er den Umständen nach nothwendig so lange für Wahrheit halten mußte, bis es seinem Vertheidiger und dem Untersuchungs-Richter gelungen war, die ihm selbst verborgene Wahrheit an das Licht zu bringen.“

Es versteht sich von selbst, daß Albus nicht mehr mein, sondern nur noch Marianens Gefangner war, als dieses Erkenntniß eröffnet wurde. Zwei Wochen später wurden die Liebenden getraut, öffentlich und unter einem Zudrange von halb neugierigen und halb theilnehmenden Menschen, wie er in B… noch niemals gesehen worden war. Auch das Vermählungsfest, der „tüchtige Ball“ fanden statt, und zeichneten sich dadurch aus, daß unter den Gästen der Teufel in Person [212] zugegen war; denn so pflegte Mariane den Doctor Rebhahn zu nennen, welchen einst ihr Verrückter an seiner Gestalt für den Leibhaftigen erkannt hatte.

Einen Monat später reis’te das junge Paar nach Hamburg ab, und schiffte sich nach Philadelphia ein. Mariane ist jetzt Mutter zweier feurigen Knaben und einer Tochter, die an Seel’ und Leib ihr ähnlich zu werden verspricht.

„Wir sind glücklich,“ schreibt sie mir unterm 12ten August 1826: „noch immer so glücklich, wie wir geworden sind durch Sie und den Teufel in Person; mein Republikaner, mein Unbändiger, hat die Lehre seines Unglücks nicht verschwitzt, seine wilden Leidenschaften sind Lämmer geworden, die kräftig aber zahm auf der Wiese springen. Der [213] Oheim und seine Gattin haben uns lieb, und unsere Kinder sind die ihrigen.“ –

Der Kammerrath Brand, obwohl ohne wahrscheinliche Hoffnung, seine Tochter hienieden einmal wiederzusehen, tröstet sein merkantilisches Herz mit den Summen, die sein amerikanischer Compagnon ihm erwerben hilft, und sein väterliches (welches in der That nicht zu verachten ist) mit dem Gedanken, daß der wachsende Reichthum des bejahrten Philadelphiers dereinst das Erbe seines Stammes werden wird. Auch hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, noch so lange zu leben, bis seine Enkel ihre erste Reise nach Deutschland machen werden, um das deutsche Handelswesen an Ort und Stelle kennen zu lernen.

Da ich so eben des jüngsten Briefes von Marianen gedacht habe, so sehe ich nicht ein, warum ich nicht auch noch der Nachschrift gedenken sollte, dergleichen, wie man weiß, [214] an Frauenbriefen selten fehlen. Sie schreibt darin: „Ich möchte wahrhaftig manchmal wünschen, daß unsere Geschichte in Deutschland bekannt, ich meine, gedruckt würde, es könnte doch für manche unbändige Liebhaber einen Nutzen haben. Nun weiß ich wohl, daß Sie sich mit solchen Dingen nicht abgeben: aber ich glaube, wenn Sie die Hauptsachen davon dem Verfasser des Trauerspiels mittheilten, welches meinem Albus leicht den Hals hätte kosten können, so würde er sich wohl dazu verstehen. Ich habe doch einmal in einer hiesigen Zeitung gelesen, daß er wieder ein Trauerspiel geschrieben hat, welches Albana heißt. Nun, ich heiße Albus, und mein Fritz (mein Aeltester) behauptet, das sei falsch, ich müßte mich eigentlich Alba schreiben. Da wird er es ja wohl thun.“

[215]
XXIV.
Der liebe Herr.


„Wie? also Wahrheit hätten wir gelesen? –“
Da liebe Frauen, fragt ihr mich zu viel;
Fragt an bei eurem innersten Gefühl:
„„Was im Gemüth gelebt, ist dagewesen.““

Zacharias Werner.


Es ist geschehen, und ich hoffe so, daß Alba zufrieden seyn wird, wenn diese Novelle nach Philadelphia gelangt. Doch wird sie das ungleich weniger mir, als ihrem „lieben Herrn“ zu danken haben, der [216] mir in Hinsicht auf ihre Schilderung nicht viel zu thun übrig gelassen hat. Es giebt – soviel kann ich ihr ohne Schmeichelei sagen – es giebt jetzt in Europa wenig Frauen und Jungfrauen von ihrem Kaliber. Das ist meine Nachschrift.

Müllner.