Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung in Deutschland unter dem Einfluss des Humanismus
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[I] PAUL JOACHIMSEN GESCHICHTSAUFFASSUNG UND GESCHICHTSCHREIBUNG IN DEUTSCHLAND UNTER DEM EINFLUSS DES HUMANISMUS ERSTER (EINZIGER) TEIL NEUDRUCK DER AUSGABE LEIPZIG 1910
VORWORT.
Mit diesem Buch kehre ich zu Arbeiten zurück, die ich vor fünfzehn Jahren unfreiwillig unterbrochen habe, aber mit andern Ansichten und Absichten. Damals veröffentlichte ich eine Studie über Sigismund Meisterlin als erstes Heft einer Arbeit über „Die humanistische Geschichtschreibung in Deutschland“ und sprach den Vorsatz aus, die Hauptmomente dieser Geschichtschreibung in einzelnen in sich abgeschlossenen Monographien zu schildern. Ich habe erkennen müssen, daß ich auf diesem Wege schwer oder gar nicht dazu gelangt wäre, eine Gesamtdarstellung der humanistischen Geschichtschreibung zu bieten, da die wiederholte Betrachtung von Einzelheiten den Einblick in den Zusammenhang gestört hätte und die größeren Gesichtspunkte der Betrachtung in jeder Monographie hätten wiederkehren müssen. Ich wage also jetzt einen Wurf grade nach dem Ziele und versuche aus der Masse der humanistischen Geschichtschreibung Männer und Werke herauszugreifen, die mir für die einzelnen Richtungen kennzeichnend erscheinen, und diese Richtungen zu bestimmen. Freilich scheint es, als ob heute noch vor solchem Unternehmen warnend die Worte stehen, mit denen Ranke 1824 im Vorwort seiner Abhandlung Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber die Behandlung von Fragen ablehnt, die den Fortgang der Historiographie, die zusammenstimmenden Prinzipien einzelner Schriftsteller betreffen. „Der Weg der leitenden Ideen in bedingten Forschungen ist ebenso gefährlich als reizend: wenn man einmal irrt, irrt man doppelt und dreifach; selbst das Wahre wird durch die Unterordnung unter einen Irrtum zur Unwahrheit.“ Sicherlich ist davon heute noch vieles gültig, und wer doch auf diesem Gebiete arbeitet, der muß eben den Mut des Irrtums haben. [IV] Er wird sich nicht vermessen, mehr zu bieten als eine Meinung, neben der es sehr wohl andere gleich und besser berechtigte geben kann. Er wird insbesondere gewärtig sein müssen, daß die Einzelforschung fast regelmäßig über ihn hinauskommt. Aber vielleicht kann eine Arbeit, die mit diesem Bewußtsein unternommen ist, doch nützen, vielleicht kann sie der Forschung in etwas die Wege weisen und eine eifrigere Bearbeitung der Probleme veranlassen, die hier liegen. Sie sind zahlreich und noch kaum erkannt. Daß es für den historiographischen Wert eines Geschichtswerkes gleichgültig ist, ob es für seine Zeit oder eine frühere sonst unbekannte Nachrichten bietet, ja sogar ob es vom Standpunkt unsrer heutigen Kenntnis historisch Richtiges enthält, diese Auffassung ist noch weit von allgemeiner Geltung entfernt. Und doch scheint mir nur von ihr aus ein Weiterkommen möglich. Daß sie auch für das Mittelalter neben die Betrachtung der Geschichtswerke als Quellen treten muß, hat Ludwig Traube in der Vorrede zum neuesten Wattenbach nachdrücklich betont. Was auf diesem Wege zu gewinnen ist, zeigen die historiographischen Abschnitte in Albert Haucks Kirchengeschichte Deutschlands. Eine zusammenhängende Darstellung des von mir gewählten Themas hat in neuerer Zeit nur Wegele in seiner Geschichte der deutschen Historiographie gegeben. Es ist heute leicht, die Fehler dieses Werkes aufzuzeigen. Ich habe das nicht als meine Aufgabe betrachtet, und da ich mich auch sonst wenig mit dem Buche berühre, so wird auf den folgenden Blättern kaum hie und da von ihm die Rede sein. Um so mehr muß ich hier betonen, daß auch ich, wie so viele, Wegele die erste Übersicht über einen weit verstreuten und mühselig zu sammelnden Stoff verdanke. Auch er konnte, wie einer der ersten humanistischen Geschichtschreiber, von sich sagen: Aggregator ante me nullus. In der Angabe von Literatur bin ich sparsam gewesen, ich zitiere nur, was mich gefördert hat. Dagegen habe ich die Belegstellen zum Teil ausgeschrieben, da ein großer Teil der von mir benutzten Quellen nicht überall zugänglich sein dürfte uud es mir auch wünschenswert schien, die Schriftsteller häufiger reden zu lassen als es die Ökonomie des Textes gestattete. Dem gleichen Zweck soll eine kleine Sammlung [V] von Vorreden humanistischer Geschichtswerke dienen, die ich mit dem zweiten Teil dieser Arbeit verölfentlichen werde. Hier wird auch ein Register über beide Teile folgen. Die ersten vier Kapitel dieses Buches sind schon 1908 als Habilitationsschrift gedruckt worden, ein paar Nachträge finden sich in den Anmerkungen. Für freundliche Ratschläge bin ich vielen, für aufopfernde Beihilfe bei der Korrektur Karl Hudezeck verpflichtet. München, Ostern 1910. [VI]INHALT.
Bei der Geschichte scheint das anders zu sein. Die kleindeutsche Geschichtsauffassung, die Sybel 1860 gegen Ficker zu Ehren zu bringen sucht, hat ihre Ursache nicht in dem Bekanntwerden neuer Geschichtsquellen für das Mittelalter, sondern in der Frankfurter Kaiserwahl von 1849 und Österreichs Niederlage von 1859, die Suche nach Sozialismus und Kommunismus im Altertum nicht in dem Erscheinen neuer Bände des Corpus Inscriptionum, sondern in dem Auftauchen dieser Strömungen in unsrer Zeit. Es sind also auch hier neue Tatsachen, die die neue Auflassung bewirken, aber nicht solche aus dem Umkreis des behandelten Stoffes, sondern aus dem Lebenskreis des Geschichtschreibers, Tatsachen des politischen Lebens oder geistige Strömungen von anderen Gebieten her, die schließlich auch eine Revision der Meinungen über unser Verhältnis zur Vergangenheit fordern. Erst dann, wenn eine solche neue Auffassung gewonnen ist, scheint sich der Blick für bisher unbeachtete und verborgen liegende Erscheinungen dieser Vergangenheit zu schärfen; was nützte es sonst auch, Neuland zu entdecken, wenn keine Sehnsucht über das alte hinausstrebt? Wenn dem so ist, so wird eine Geschichte der Historiographie eine besondere Aufgabe haben: sie wird die Veränderungen des geistigen Lebens wie in einem Spiegel sehen lassen können und müssen. Seit Hegel pflegen wir diese Aufgabe zunächst der Geschichte der Philosophie zuzuweisen, und gewiß wird man z. B. die Wendung der Deutschen vom Weltbürgertum zum Nationalismus ebenso gut und besser an der Entwicklung Kant, Fichte, Hegel, als etwa an der Schiller, Johannes v. Müller, Niebuhr verfolgen. Aber [2] es gibt Zeiten, wo dieser philosophische Niederschlag fehlt, und da kann die Betrachtung des Wandels der geschichtlichen Auffassung ergänzend eintreten. Nirgendwo scheint mir das mehr der Fall gewesen zu sein, als im Zeitalter des Humanismus. Und hier kommt noch etwas anderes dazu. Die Rede und Verskultur der Humanisten ist klanglos vergangen, niemand als der Gelehrte beschäftigt sich mit ihr, aber in der Geschichtschreibung haben sie Dauerndes geleistet. Macchiavelli, Commines, Aventin sind Namen, die ihr Zeitalter heute noch charakterisieren, an die sich Haß und Liebe noch heute knüpft. Ich will versuchen, diese Entwicklung für Deutschland zu zeichnen.
I.
Das Alte und die neuen Probleme. Wenn man die Schriften der Humanisten danach befragt, wer denn diesen Neuerern als der eigentliche Vertreter alles Alten, Abgelebten in Wissenschaft und Bildung erscheint, so findet man auf tausend Blättern die Antwort: der Bettelmönch. Celtes und Hutten, Mutian und Erasmus haben die „stinkenden Kutten“ der einfältigen Franziskaner und der hochmütigen Dominikaner zum Ziel ihrer derbsten Angriffe gemacht. – Aber man bekämpft selten so eifrig, was nur verächtlich ist. Die Humanisten fühlen recht gut, daß hinter diesen als so armselig geschilderten Gesellen ein ganzes System steht, in dem der Geist des Mittelalters seine Vollendung gefunden hat. So ist es in Theologie, Philosophie und Pädagogik, nicht anders auf dem Gebiet der Geschichte. Hier sind es die Dominikaner, die im 13. Jahrhundert in dem Geschichtspiegel des Vinzenz von Beauvais die umfassendste Sammlung geschichtlichen Wissens, in der Papst- und Kaiserchronik des Martin von Troppau das bequemste Geschichtslehrbuch geschaffen haben.[1] Stellen wir diese Werke in den Zusammenhang der mittelalterlichen Geschichtschreibung, wo sie an Ekkehard, Sigebert von Gembloux, Otto von Freising ihre Vorläufer haben, so finden wir sie – zumal den Martinus – mit Wattenbach jeden Tadels wert. Anders erscheinen sie im Umkreis der Bestrebungen beider Orden überhaupt betrachtet. Wie das Auftreten der Minoriten den letzten völlig gelungenen Versuch bezeichnet, die Welt in die Kirche hineinzuzwingen, so sollen diese Geschichtswerke den ganzen seit den Weltchroniken des 12. Jahrhunderts so ungeheuer angewachsenen Stoff ordnen und zu einem lückenlosen Bau gestalten. Das ist die Arbeit, die Vinzenz von Beauvais leisten will.[2] Worauf es ihm ankommt, zeigt vielleicht ein kleiner Umstand am besten. Nachdem er in 14 Büchern eine Weltgeschichte bis zur Völkerwanderung gegeben hat, in der z. B. die biblische Geschichte den Rahmen für die Einfügung des geographischen Wissens vom Morgenlande, das [4] ja die Minderbrüder selbst durch ihre Missionsfahrten so bedeutsam vermehrten,[3] die griechische und römische Raum für Literaturgeschichte und Literaturproben bieten muß, folgt in einem 15. Buch ein „geschichtlicher“ Stoff, den er chronologisch nicht einordnen kann, der Roman von Barlaam und Josaphat! Was sonst von Legenden und Sagen in diesem phantastischsten aller Jahrhunderte umlief, das hat – soweit es nicht etwa bloß in der Volkssprache verzeichnet war – in dieser ungeheuren Kompilation seinen Platz und damit seine geschichtliche Beglaubigung für die Zeitgenossen gefunden.[4] Diese chronologische Festlegung des geschichtlichen Stoffes war ja auch der Zweck des einfachen deutschen Franziskaners, der auf allgemeines Bitten die „Blütenlese der Zeiten“ veröffentlichte, die er sich für seine Predigten zusammengezimmert hatte, da es so großes Aufsehen erregte, daß er auf der Kanzel bei jedem Heiligen genau zu sagen wußte, wann er gestorben sei.[5] Martin von Troppau hat mit seiner Nebeneinanderstellung der Papst- und Kaiserreihen einer ganzen Gattung von Chroniken den Namen gegeben. Die Martinen sind um soviel einflußreicher geworden als der Vinzenz, als sie leichter zugänglich und übersichtlich waren. Durch sie vor allem ist die geschichtliche Auffassung bis zum Humanismus bestimmt worden. Es ist also wichtig zu erkennen, in welchem Sinne der Autor schrieb. Man hat ihn päpstlich genannt. Dann ist es merkwürdig, daß er nicht nur die Sage von der Päpstin Johanna bringt, sondern auch Päpsten wie Johann XII. keine Übeltat erläßt, und daß er für die Kaiserkrönung Karls des Großen, an die sich die so wichtige Frage der translatio imperiiknüpft, nur die Worte hat: ob rogatum Romanorum factus est imperator, während doch schon Ekkehard die Krönung durch den Papst hervorhebt. – Man hat es dem Martin angerechnet, daß er zuerst die Einsetzung des Kurfürstenkollegs unter Gregor V. berichtet und so der Urheber einer verhängnisvollen Theorie geworden ist. Aber die Fabel steht bei ihm nicht in der Papstreihe, sondern unter dem gleichzeitigen Kaiser Otto III. und der Grund der Einreihung ist deutlich ausgesprochen.[6] Päpstlich ist also Martins Geschichtsauffassung kaum,[7] aber sie ist römisch und scholastisch, wie keine vor ihr. Römisch insofern, als Rom für diesen Dominikaner das wahre Haupt der Welt ist; von Rom aus schaut er über die Länder. Deshalb ist sein Werk nicht wie das des Vinzenz eine gleichmäßige Darstellung der sechs Weltalter oder der vier Weltreiche, sondern vor den – auch durch ein Quellenverzeichnis noch betonten – eigentlichen Anfang mit Christi [5] Geburt tritt bei ihm die römische Geschichte und an deren Anfang eine Stadtbeschreibung nach den damals noch nicht lange bekannten Mirabilia urbis Romae. Weil er von Rom aus die Welt betrachtet, zeigt Martin noch über die Mirabilia hinaus ein Interesse an den Resten des Altertums in Rom, wie an der Wölfin auf dem Kapitol, der Reiterstatue des Marc Aurel, den Dioskuren vom Monte Cavallo.[8] Deshalb übergeht er leichten Herzens die konstantinische und streift nur die karolingische Schenkung, um desto genauer von den Gaben dieser Herrscher an die einzelnen römischen Kirchen zu berichten.[9] So mag ihm auch der Anteil der Römer an der Kaiserkrönung des Jahres 800 wichtiger gewesen sein als der des Papstes. Sicherlich ist auch der Grund, daß er die Geschichte der Päpstin Johanna erzählt, kein anderer, als daß er sie als Lokalsage an einen vicus papissae knüpfen kann oder geknüpft findet.[10] Scholastisch ist Martin, weil das oberste Gesetz seiner Darstellung die Lückenlosigkeit und chronologische Bestimmtheit aller Angaben ist. Langet vor ihm hatte man die apostolische Sukzession der Päpste an Christus direkt angeknüpft, vielleicht zuerst bei dem phantastischen Fabulator Gotfried von Viterbo hieß Christus der erste Papst. Hier war das sicher recht harmlos, aber bei Martin gewinnt es Bedeutung, denn es dient ihm, um die Vergleiche von Kaiser und Papst mit Mond und Sonne und die Zweischwertertheorie sogleich an die Anfänge des Papst-Kaiserreichs anzuschließen, wie ja hier auch schon das Kardinalkollegium seine Stelle findet, dessen drei Ordnungen sich leicht den drei Engelschören vergleichen.[11] Von den gelehrten Zweifeln, die Ekkehard bei der Chronologie der nächsten Nachfolger Petri seinen Lesern vorgelegt hatte, ist bei Martin nichts zu finden. Wer erst Vertrauen zu einem System schaffen will, wird keinen Einblick in Streitfragen eröffnen, die es erschüttern könnten. Auch wo Martin scheinbar nur seinen Quellen folgt, ist oft eine Anfügung oder Zusammenstellung bedeutsam. Er schreibt aus Orosius ab: Augustus ließ sich nicht Gott nennen, und fährt fort: zu gleicher Zeit wurde Christus geboren. Oder er sucht den Übergang von der Reihe der griechischen Kaiser zu den Franken: Ekkehard hat zum Jahre 689 unter dem Kaisertum Justinians II: Pippinus, filius Ansgisi, maior domus efficitur in Gallia, regnumque Francorum amministravit annis 27, cuius etiam anni suorumque successorum deinceps annotantur in catalogo regum; Martin wenig später: Item Constaninus V cum filio suo Leone et cum Pipino rege Francorum et patricio Romanorum eiusque filiis Karolo et Karolomanno imperavit annis 16.[12] [6] Man kann Männern, die so Geschichte bauen, den historischen Sinn, der eine Art uninteressierten Wohlgefallens an der Vergangenheit ist, absprechen. Man wird dann eine andre Quelle ihrer Gedankengänge suchen müssen, und ich finde sie in dem juristischen Denken im Sinne der Scholastik. Die großen Rechtskodifikationen des hohen Mittelalters vom Dekret Gratians bis zum Sachsenspiegel haben da verhängnisvoll gewirkt. Sie wollen ebenso oft angeben, wie etwas Recht geworden ist, als was Recht ist. Sie sind ebenso erzählender als gebietender Natur. Damit wird aber eine Menge historischer Tatsachen dem Flusse der Überlieferung entrissen und dogmatisiert. Sie können nur noch tradiert und diskutiert, aber nicht mehr auf ihre Entstehung und Richtigkeit geprüft werden. Die Geschichtsbücher dienen dieser Tradition. Der Martinus ist ein „Spiegel des Rechts in der Geschichte“, wie die Sächsische Weltchronik und „der Könige Buch“, er steht nach der ausgesprochenen Absicht des Autors selbst[13] neben den Dekretalen wie diese deutschen Chroniken neben dem Sachsenspiegel und dem Schwabenspiegel. Nach dieser Auffassung darf keine von den großen staatlichen und kirchlichen Einrichtungen ein neues Ding sein, sie muß um so ehrwürdiger an Alter sein, je wichtiger sie dem Autor erscheint. Dachte einer deutscher als Martin, so rückte er die Einsetzung der Kurfürsten zu Karl dem Großen hinauf, so tat der Verfasser der Flores temporum[14], so Jordanus von Osnabrück und stillschweigend die Sächsische Weltchronik, wer päpstlicher gesinnt war, wie der Kölner Stadtschreiber Gotfried Hagene, zog sie zu Papst Silvester, dem legendarisch so viel verherrlichten Zeitgenossen Konstantins des Großen.[15] Ein kleiner Fortschritt war es dann immerhin, wenn Männer, wie Jordanus von Osnabrück oder Lupold von Bebenburg, den lange gebahnten Wegen französischer und englisch-normannischer Chronistik folgend, dem Stammbaum der Institutionen einen gleich ehrwürdigen und gleich phantastischen deutscher Nation oder deutscher Sprache entgegenzusetzen suchten.[16] Diese der publizistischen Polemik entwachsenen Theorien haben hier und da einen bemerkenswerten Einfluß auf die späteren Geschichtswerke geübt, aber das System der minoritischen Geschichtsauffassung haben sie nicht erschüttert. Wie sehr dies System dem Zeitgeist entsprach, das zeigen nicht nur die zahllosen Handschriften des Martinus und seine Übersetzung in alle Landessprachen[17], sondern auch der Umstand, daß bis zum Ende des 15. Jahrhunderts keine Versuche universalhistorischer Betrachtung bekannt sind, die sich nicht auf Vinzenz oder Martinus [7] oder auf die ihnen geistesverwandten Bernardus Guidonis und Ptolemäus von Lucca zurückführen ließen. Die deutschen Werke hat Ottokar Lorenz einleuchtend gruppiert[18]: im Süden Deutschlands werden vor allem die Martinen gelesen; an sie schließt Jakob Twinger von Königshofen seine Straßburger Chronik, das wichtigste Werk süddeutscher Stadtgeschichtschreibung; hier wird auch durch Hinzufügung eines eigenen lokalgeschichtlichen Teils die erste deutsche Stadtgeschichte geschaffen; im Norden wirkt die Reichhaltigkeit des Vinzenz auf die niederländischen Reimchronisten, sodann – im Verein mit Martin – auf den Westfalen Heinrich von Herford im 14., auf den Lübecker[19] Hermann Korner im 15. Jahrhundert. Man sieht aus diesen Werken zugleich noch etwas anderes: Wie die Dominikaner und Franziskaner, deren Heimat doch nach dem ursprünglichen Willen ihrer Stifter überall und nirgendwo sein sollte, die eigentlich einheimischen Orden der Städte, die Dominikaner noch insbesondere – in diesem wie in vielem andern die Vorläufer der Jesuiten – die Fürstenbeichtväter und Prinzenerzieher geworden sind, so hat die universalhistorische Richtung ihrer ersten Geschichtswerke das Entstehen einer lokal und zum Teil auch national gefärbten Geschichtschreibung nicht nur nicht gehindert, sondern ihr häufig erst die Grundlage oder den Rahmen geboten. Vinzenz von Beauvais gilt bereits als national-französisch[20], von den ganz nationalistisch denkenden Vorkämpfern des französischen Königtums im 14. Jahrhundert stellt der eine, Pierre Dubois, seine Angriffe unter den Schutz der Bettelorden, der andere, Johann von Paris, ist selbst Dominikaner.[21] Königshofen ist ebenso charakteristisch straßburgisch und elsäßisch wie Korner lübisch und hansisch in dem Umkreis seiner Interessen, und auch deutsch wird man sie nennen dürfen, wenn man sich an Königshofens Geschichtchen: „wie deutsche Sprache sich erhob“ oder an Korners Anfang seiner deutschen Chronik mit „Karl dem Großen von Frankreich“[22] erinnert. Aber hier liegt zugleich der Mangel und die Schranke dieser Hervorbringungen. Konnte man in den großen Kompilationen weltgeschichtlicher Art oder im Anschluß an die Martinianischen Annalen ebensogut ein Stück über die Abkunft der Slaven wie Nachrichten über den Ausgang Adolfs von Nassau und Albrechts von Osterreich, ebenso gut eine Straßburger Stadt- wie eine österreichische Fürstengeschichte[23] unterbringen, so mußte der Trieb zur selbständigen Gestaltung zeitgenössischer oder früherer Geschichte schwinden. Wie in der scholastischen Philosophie jede neue Zufuhr antiken, arabischen [8] oder jüdischen Stoffes nur das Baumaterial für ein neues Türmchen an dem gotischen Wunderbau abgibt, so ist in der scholastischen Geschichtschreibung eine Stadt- oder Landes- oder Fürstengeschichte nur ein Kapitel der Geschichte der christlichen Welt. Von hier aus eröffnet sich der Ausblick auf das erste Problem, das sich die Geschichtschreibung stellen muß, welche über die Minoriten hinauskommen will: es ist ein Problem der Form. Sobald sich die kleinen und großen territorialen oder städtischen Gebilde nicht mehr widerspruchslos in den Rahmen der Papst-Kaisermonarchie fügen, muß in ihnen das Bedürfnis nach selbständiger Erfassung und Darstellung ihrer Vergangenheit entstehen. Neben die Weltchronik und die Papst- und Kaiserreihen muß wieder die Einzelschritt treten, ob sie nun eine Biographie oder eine Stadt- oder Landesgeschichte sein will.
Eine Laiengeschichtschreibung, und zwar in deutscher Sprache, gab es in Deutschland schon seit den Tagen des hohen Mittelalters. Denn mochte auch der Verfasser des ersten Werkes, das hier in Betracht kommt, der Kaiserchronik, noch ein Geistlicher sein, seiner Auffassung und Darstellungsweise nach gehört er dem Rittertum an und schreibt für Laien.[24] Man hat die Kaiserchronik und ihre Nachfolger nicht zur Geschichtsliteratur rechnen wollen, weil sie kaum eine in unserem Sinne historische Nachricht enthalten. Aber die Verfasser selbst sind anderer Ansicht: Manege erdenchent in lugene So heißt’s im Prolog der Kaiserchronik. Das geht gegen die Spielleute und fahrenden Sänger, die von den Arimaspen und dem [9] Magnetberg zu erzählen wissen. Unser Chronist will Wahrheit gehen und so beginnt er sein Buch vom römischen Reiche mit Kaiser Julius, der die vier Hauptstämme der Deutschen in hartem Ringen besiegt und mit germanischer Kraft dann die Republik stürzt und die Monarchie begründet. Das stand schon im Annolied, aber an die Spitze einer Kaiserchronik gesetzt und festgehalten war es ein Gedanke, der wohl einen Faden durch die Geschichte des römisch-deutschen Kaisertums geben konnte. Der Autor freilich hält ihn nicht fest. Ihn kümmern die Legenden von Simon Magus und Papst Sylvester viel mehr als etwa die historischen Kämpfe der Deutschen mit den Römern, und wenn er sich bei Karl dem Großen aller Fragen über die translatio imperii entschlägt, so ist es, weil sich ihm auch hier schon alles Historische in dem Nebel legendarischer Überlieferung verflüchtigt hat. Immerhin blickt daraus noch ein Kaiserbild mit fest umrissenen Zügen hervor. „Romaere voget und des riches rihtare“, „ain warer gotes wigant“[25], das ist Karl und ihm gleichen alle seine rechten Nachfolger. Deren Reihe ist nicht minder fest geschlossen, wie bei den Martinen die der römischen Päpste. Die Kaiserkrone ist niemals anderswo als bei den Deutschen, Konrad I. wird sie stillschweigend, Heinrich I. ausdrücklich zugeschrieben, und wenn auch erst die Wahl der Fürsten, kein Erbrecht den neuen Herrscher macht, so ist doch immer nur einer zum Throne berufen. Die Kaiserchronik weiß so wenig unter Ludwig dem Frommen[26] wie unter den Ottonen etwas von Verwandtenkämpfen im königlichen Haus, und wo aus jüngster Vergangenheit ein Kampf um die Krone zwischen Vater und Sohn nicht verschwiegen werden kann, wie der zwischen Heinrich IV. und Heinrich V., da entrückt die Sage den alten Fürsten in Verschollenheit, um die Wahl des jungen zu begründen.[27] Man sieht, das stammt aus den Anschauungen der ritterlichen Welt, die auf der Treue beruht oder doch zu beruhen wünscht. Das Bild vom römischen Reich, das die Kaiserchronik entrollte, ist lange Zeit das einzige ungelehrten Lesern zugängliche und auch später noch für einen großen Kreis von Darstellungen das maßgebende gewesen.[28] Aber man darf zweifeln, ob die Abschreiber, Umarbeiter und Fortsetzer sich mehr an der Kaiserreihe ergötzten, als an den novellistischen Einschüben, die schon in der Kaiserchronik selbst den Rahmen zu sprengen drohten und bei den Nachfolgern, wie Jansen Enikel, Ottokar von Steiermark, völlig gesprengt haben. Mochten diese Chronisten die Verwandtschaft mit der lügenhaften Spielmannsdichtung noch so feierlich ablehnen, sie sind doch von gleichem [10] Stamme, und auch wenn sie, wie Ottokar, ernsthafte historische Absichten, ja sogar so etwas wie leitende Ideen erkennen lassen, der Strom uferloser Erzählung überflutet das alles, sie alle wollen Geschichten, nicht Geschichte erzählen. Ein Werk dieser Art weist nach einer andern Richtung: die Braunschweigische Reimchronik.[29] Auch sie stammt nach Form und Geist aus dem Kreise der ritterlichen Dichtung, aber sie bringt keine Abenteuer. Bestimmt bezeichnet der Verfasser sein Thema: das Leben und die Taten der edlen Herzoge von Braunschweig; er läßt vor unsern Augen den Stammbaum aus seinen zwei Wurzeln, dem Geschlecht Widukinds und dem des Billungers Hermann entstehen, mit jenem beginnt er nach kurzem Präludieren seinen Gesang. Kann sich auch selbst dieser Chronist nicht ganz von dem seinem Zwecke fremden Stoffe der Welt- und Kaisergeschichte frei machen,[30] so fühlen wir doch durchweg den leitenden Gedanken, zu erklären, wie ein so ritterlicher und so weiser Herrscher wie Herzog Albrecht der Große, des Dichters Gönner, zu seiner Macht und seinem Adel gekommen ist. Adel aber ist Tugend, sonst „wären wir wohl von Adam her alle gleich“. Tugend aber will von Geschlecht zu Geschlecht gepflegt sein, und deshalb müssen die Fürsten bei ihren Taten gedenken, daß sie den Nachkommen ein Beispiel geben, die Nachkommen aber der Vorfahren Beispiel beherzigen. Solch ein Beispiel hat König Heinrich gegeben, als er den Ungarn einen verstümmelten Hund als Zins reichen ließ, „das möge merken, wer von seiner Sippe ist“, ruft der Dichter aus, und als Heinrich der Löwe in Thüringen seine Mannen zum letzten Kampfe spornt, da erinnert er sie an Markgraf Eckbert von Meißen und Kaiser Lothar als die Helden, denen sie Ehre machen müßten. So ist auch schon Widukind zwar ein Heide, aber sonst ein hoher Fürst mit aller Tugend. Was hier vorliegt, ist ein Fürstenspiegel[31] und auch diese Gattung hat ihre Entwicklung gehabt. Zu ihr gehört etwa aus dem 14. Jahrhundert Levold von Northofs Chronik der Grafen von der Mark[32], aus dem 15. Ludwig von Eybs Denkwürdigkeiten der hohenzollerschen Markgrafen.[33] Beide sind bemerkenswerte Zeugnisse der Wandlung, die in der Stellung des hohen Adels seit dem Interregnum vor sich gegangen ist. Beide Verfasser, der Lütticher Kanonikus wie der fränkische Hofmeister, sind treue Helfer des neuen Landesfürstentums, dem sie die Kunst Erworbenes zu erhalten und zu vermehren an Beispielen aus der Hausgeschichte erläutern wollen. Im Zweck ihrer Schriften, wie in den Mitteln, die sie empfehlen, merkwürdig [11] gleich sind beide in der Ausführung so verschieden, wie nur der theologisch und juristisch gebildete Geistliche von dem immer noch turnier- und fehdefrohen Ritter sein kann. Ist Levolds lateinische Prosa trotz der annalistischen Einschübe aus der Reichsgeschichte schon äußerlich das geschlossenere Werk, so gewinnt die lose deutsche Notizenammlung Eybs durch die Frische in Darstellung und Auffassung, ja vielleicht auch durch die größere Weite des politischen Blicks. Aber wir dürfen bei beiden nicht an die Werke denken, in denen gegen Ende des Mittelalters die ritterliche Geschichtschreibung in Brabant oder in Frankreich mündet. Der Weg, der dort von Jakob von Märlant und den Brabantschen Yeesten zu Eduard de Dynter und hier von den Chansons de geste über Joinville und Froissart zu Philippe de Commines führt, ist von den Vertretern der deutschen ritterlichen Kultur nicht beschritten worden.
[12] Es gab schließlich nur eine Stelle in den Städten, wo sich die Fähigkeit zu einer größeren historischen Darstellung mit dem nötigen Einblick in die Lebensbedingungen des städtischen Gemeinwesens vereinigte, die städtische Kanzlei. Hier vollzieht sich am sichtbarsten die Loslösung der städtischen Bildung von der geistlichen und ritterlichen, aber sie vollzieht sich naturgemäß sehr langsam. So bleibt Meister Gotfrit Hagene in seinem „boich van der stede Colne“ noch ganz in Form und Geist der „ritterlichen Epopöe“ stecken[35], und als anderthalb Jahrhunderte später, um 1459, in der Nürnberger Kanzlei, vielleicht schon aus humanistischer Anregung, historisches Interesse beachtenswerter Art erwacht, da entsteht wieder nur eine Weltchronik mit lokaler Tendenz.[36] Ich wüßte nur ein Werk aus der vorhumanistischen Zeit zu nennen, das sich die Schaffung einer Stadtgeschichte als eines selbständigen Ganzen vorsetzte: es ist die Chronik des Magdeburger Schöppenschreibers Heinrich von Lammespringe.[37] Auch sonst ein höchst merkwürdiges Buch. Der Verfasser umgrenzt klar seinen Stoff: die Stadtgeschichte, und wo die Nachrichten hierfür noch nicht ausreichen, die Geschichte des Sachsenlandes. Diese letztere unter einem besonderen Gesichtspunkt: keine Fürstengeschichte, wie die Braunschweiger Reimchronik, – von Widukind wird auffallend wenig gesprochen – dagegen das Bestreben, alle „sächsischen“ Nachrichten aus der Reichsgeschichte zusammenzulesen. Dazu eine innerlich begründete Einteilung des Stoffs in drei Bücher: das erste enthält die Geschichte bis zur Bekehrung der Sachsen durch Karl den Großen, das zweite Reichs- und Stadtgeschichte bis zum Jahre 1350, dem „großen Sterben“, für den Chronisten zugleich der Anfang zeitgenössischer Berichterstattung. Jedes Buch hat auch sein Einleitungskapitel: das erste eins von Julius Cäsar, dem angeblichen Stadtgründer von „Parthenopolis“; das zweite eins von der „köre des rikes“, die für den Verfasser mit der Frage zusammenhängt, wie das Reich an die Sachsen gekommen sei; das dritte eine Aufzählung der Bischöfe, diese nicht, weil der Verfasser ein Geistlicher ist, sondern weil die Bischöfe zugleich seit 1294 Burggrafen von Magdeburg waren. Prüfen wir dann den Inhalt, so sehen wir wohl daß ein geistlicher Mann schreibt, dem z. B. Dinge, wie der Untergang des Templerordens besonders nahe gehen. Aber auch ein Stadtkind, das sich dafür interessiert, ob Bürger zum Heerschild gehören, und ob ihnen ritterliche Übungen geziemen. Das spricht auch die Vorrede aus, die in ihrer halb prosaischen, halb poetischen Fassung merkwürdig an den Sachsenspiegel [13] erinnert: die Bürger sollen aus dem Vergangenen lernen und daraus auf das, was die Zukunft bringen kann, schließen. Das ist der eine Grund für Herrn Heinrich gewesen, sein Buch zu schreiben; er ist weltlich-bürgerlich gedacht. Daneben hat er noch einen anderen Grund: er will die Menschen, die die Geißlerfahrten und den schwarzen Tod mit dem Gefühl erlebt haben, es habe nie so schlimme Zeiten gegeben, durch einen Einblick in die Geschichte vom Gegenteil überzeugen.[38] Das klingt im Inhalt, ja sogar in der Form an Orosius an, der aus dem gleichen Grunde auf Antrieb Augustins seine „Geschichten wider die Heiden“ schrieb. Daher also die vielen „portenta“, die uns in dem Buche auffallen. Und endlich merkt man wohl, daß hier ein Angehöriger des berühmten Magdeburger Schöppenstuhles schreibt, dem das Gefühl für die Bedeutung historisch gesicherten und widerspruchslos überlieferten Rechts besonders tief eingeprägt ist. Aber alle diese Eigenschaften führen doch nicht weiter als bis zu bedachter Auswahl des gegebenen, meist annalistischen Stoffes. Sie verhindern nicht, daß der Verfasser die große Zunftrevolution des Jahres 1293 zunächst nach einer Quelle erzählt, die streng auf dem Standpunkt der Schöffen steht, und seine eigene, vermittelnde Meinung erst später, fast verstohlen, einfügt. Und die große Erörterung über das geschichtliche und rechtliche Verhältnis von Burggrafschaft und Erzbistum steht nicht vor der Erzählung der Wirren von 1293, die sie uns an dieser Stelle erst erklärt hätte, sondern folgt am Schlüsse des 2. Buches nach. Ja, so wenig vermag der Chronist seinen Stoff zu meistern, daß er uns die Erwähnung des Privilegiums Ottos II., auf dem nach seiner eigenen Meinung die besondere Stellung des Schöppenstuhls zwischen Stadt und Erzbischof beruht, bei der Regierungszeit dieses Kaisers vorenthält, weil es eben seine Quellen dort nicht bieten, und er es wohl auch zu keinem bestimmten Jahre einordnen kann.[39] – Von hier aus gesehen wird uns das Problem der Überwindung der mittelalterlichen Geschichtschreibung nicht mehr bloß als ein Problem der Form erscheinen: auch die Auffassung von dem, was den Inhalt der Geschichte bilden soll, muß eine ganz andere werden. Erst wenn die Betrachtung der Taten eines Fürsten zu Erwägungen politischer oder psychologischer Natur, die Darstellung der Stadt- oder Landesgeschichte zum Nachdenken über die natürlichen Gründe ihrer Entwicklung führt, wird der überlieferte Stoff wirklich umgestaltet werden. Dann wird vieles von dem bisherigen Inhalt der Geschichtsbücher [14] bücher als tote Weisheit empfunden und allmählich abgestoßen werden. Dann wird man anderseits Lücken entdecken und nach Kräften auszufüllen suchen, vielleicht zuerst durch bloße Kombination, dann aber durch planmäßige Nachforschung nach verlorenen oder vergessenen Quellen. Und hinter diesen Problemen erhebt sich für die deutsche Geschichtschreibung ein letztes und wichtigstes: die Frage nach dem wirklichen Inhalt und Umfang einer deutschen Geschichte. Um zu all dem zu gelangen, müssen die Menschen aus dem Banne der Tradition befreit, muß ein Abstand zwischen ihnen und den bisherigen historischen Vorstellungen geschaffen werden, und diesen Abstand schafft der Humanismus. [15]II.
Vorläufer und Vorbilder. Die Geschichte des Humanismus beginnt mit Petrarka. Mit ihm beginnt auch die humanistische Geschichtschreibung. Nicht als ob er viel oder auch nur vorzugsweise Geschichtliches geschrieben hätte. Aber er schafft die neuen Gattungen und den neuen Stil. „Geschichte zu schreiben ist meine Absicht,“ sagte er in der Vorrede zu dem Buche über die berühmten Männer, „deshalb muß ich die berühmtesten Autoren zu meinen Führern erwählen, will ihnen jedoch nicht den Wortlaut der Darstellung, sondern nur das Material der Tatsachen entlehnen.“[40] – Die entscheidenden Momente der neuen Geschichtsauffassung liegen hier: das selbständige Vordringen zur echten Überlieferung und die persönliche Form. Das Buch selbst mit seinen 31 Lebensbeschreibungen bietet sodann die erste Bearbeitung der alten Geschichte im Sinne des Humanismus, es hätte seine Ergänzung in dem nicht vollendeten Buch der denkwürdigen Dinge, einer Art humanistischer Real- und Moralenzyklopädie, finden sollen. Auch das Kennzeichen aller humanistischen Geschichtschreibung findet sich schon hier: die Verwertung der Geschichte zu moralischen Gemeinplätzen. Es ist eben der erste Schritt, der von der bloß chronistischen Aufzeichnung der Ereignisse zu einer zusammenfassenden Betrachtung unter einer Idee führt, es ist zugleich das Mittel, wodurch der Humanismus mit der ausschließlich kirchlichen Betrachtung der Vergangenheit erfolgreich in Wettbewerb tritt. – Aber fast noch wichtiger als diese größeren Werke Petrarkas sind für die humanistische Geschichtschreibung ein paar Kleinigkeiten geworden, die Petrarka ohne eigentlich historische Absicht schrieb: Sein Brief an die Nachwelt mit der ersten modernen Selbstbiographie,[41] seine Reisebriefe mit den Städtebeschreibungen von Köln, Aachen, Paris, seine Besprechung der österreichischen Freiheitsbriefe mit der ersten Urkundenkritik aus Stilgründen, seine Abwägung Scipios gegen Cäsar und so vieles andere. [16] Petrarka ist auch insofern der erste Humanist, als er der erste italienische Patriot ist. Denn der Humanismus ist seiner Entstehung und Entfaltung nach eine national-italienische Erscheinung. Nur hier in Italien haben seine Äußerungen etwas von dem beglückenden Zauber überströmender Natürlichkeit und eingeborener Jugendkraft, den wir bei uns etwa erst in der Sturm- und Drangperiode empfinden. Bei den andern Nationen, zumal in Deutschland, wird er sogleich Mummerei. Aber er dringt alsbald zu den andern, denn er ist in seinem Wesen ebenso bekehrungssüchtig wie national. Wiederum ist es Petrarka, der die Bekehrung beginnt, in England, in Frankreich, in Deutschland. Und hier knüpfen sich an ihn in dem böhmischen Königreich Karls IV. die ersten Versuche zur Schaffung einer humanistischen Geschichtschreibung.[42]
So ist denn das Interessanteste an dem Buch der ihm vorgesetzte Brief des Kaisers[46], aus dem wir Karls Absichten bei dem Auftrag ersehen haben, wie Karl dann auch selbst mit seinem Versuch einer Selbstbiographie der interessanteste Geschichtschreiber aus dieser ersten humanistisch berührten Periode in Deutschland geblieben ist. Auch die Selbstbiographie ist freilich in der Form[47] – soweit die Überlieferung hier ein Urteil gestattet – so unhumanistisch wie Karl selbst. Karl hätte das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt, ähnlich wie Ulman Stromer seine Denkwürdigkeiten, „Püchel von meim Geschlecht und Abenteuer“ überschreiben können. Nur daß die Abenteuer nicht bloß die äußerlichen eines überall herumgeworfenen Kriegsmannes, sondern auch die innerlichen eines ernst ringenden Menschen sind, der sich aus der Abhängigkeit von einem väterlichen Don Quichote und aus den Einflüssen einer sittenlosen Umgebung zum Staatsmann herausarbeitet. Daß er uns diese seine Seelenkämpfe nicht verschweigt, sondern sie sogar mit Angabe des Tages seiner seelischen Krisis niederschreibt, das erinnert nicht bloß an die Mystiker, sondern auch an Augustin und an Petrarka selbst. Noch mehr, daß nun nach der Meinung des kaiserlichen Autors dies Zeugnis seiner eigenen Entwicklung nicht verschlossen bleiben, sondern der Geschichtschreibung seines Landes und damit der Belehrung der Nachkommen dienen soll. Es ist nicht seine Schuld, wenn die Männer, denen er es zu diesem Zweck in die Hände gab, ebensowenig zu einer Geschichtschreibung Juaclnmseu, Geschichtsauffassung etc [18] im neuen Sinn geeignet waren[48], wie Johann von Marignola. Freilich braucht Karl selbst mit all dem innerlich dem Humanismus nicht näher zu stehen, wie der Staufer Friedrich I. der gelehrten Zisterzienserbildung Ottos von Freising, der ja auch von seinem kaiserlichen Neffen für sein zweites Geschichtswerk ein Stück Autobiographie erbeten und erhalten hatte. Wie wir uns als Geistesverwandte des Staufers lieber Heinrich von Veldeke und Hartmann von Aue denken, so mag Karl IV. trotz allem doch besser zu dem Dominikaner Heinrich von Herford gestellt werden, dem er ein ehrendes Grabmal errichten ließ, als zu Cola di Rienzi und Petrarka, mit denen er sich unterredete und Briefe wechselte. – Was sonst etwa von humanistischen Keimen am Hofe Karls aufgegangen war, das verschwand in den wütenden theologischen Kämpfen unter seinem Nachfolger und in den Stürmen der Hussitenkriege. Ob es gelingen wird, doch noch Fäden zu finden, die jene Vorläufer des Humanismus mit den Frühhumanisten des nächsten Jahrhunderts verbinden, muß vorerst dahingestellt bleiben.[49] Die humanistische Geschichtschreibung in Deutschland ist erst aus neuer Beeinflussung durch Italien fast 100 Jahre später erwachsen.
[19] Anders wird dies erst, als nun die Humanisten auf den Boden wirklicher Staaten treten. In dem modernsten Staate Italiens vollzieht sich der nächste Fortschritt des Humanismus, zugleich der nächste der humanistischen Geschichtschreibung. Er wird bezeichnet durch die Florentiner Geschichte des Staatskanzlers Lionardo Bruni.[50] Geht man an die Lektüre seines Buchs von Giovanni Villani kommend, so ist es, wie wenn man in Venedig von der dämmerigen Pracht San Marcos sich zu Palladios kalter Redentore wendet. Nichts von all den tausend entzückenden Kleinigkeiten, die dieses Bilderbuch der Florentiner Vergangenheit berühmt gemacht haben, keine Beschreibung des Caroccio oder der Martinellaglocke, von Prozessionen oder Fürsteneinzügen, Trachten oder Lebensgewohnheiten: wenn Bruni einmal sagen muß, daß der unglückliche Buondelmonte, von dessen Ermordung die Florentiner ihre jahrhundertelangen Geschlechterkämpfe datieren, in weißem Gewande auf einem weißen Roß durch die Stadt geritten sei, fügt er halb schüchtern, halb verächtlich sein: „so sagt man“ bei. Hat Bruni nun nichts für diesen Mangel zu bieten? Wir werden das erkennen, wenn wir gleich sein erstes Buch mit dem des Villani vergleichen. Auch zu etwas anderem soll der Vergleich dienen. Nicht leicht irgendwo sonst sieht man so gut, daß es ein anderes ist, die antiken Autoren zu kennen, ein anderes, sie humanistisch zu benutzen. Denn Villani kennt Cicero, Livius und Sallust. Er ist vielleicht der erste, der gefunden hat, daß das Bellum Catilinare mit seinen Katastrophenszenen von Pistoria in eine Florentiner Stadtchronik gehöre. Aber das ist für Villani eine Geschichte wie andre auch, sie dient ihm so gut und so schlecht zur Ergötzung der Hörer wie die vom babylonischen Turmbau, von König Atalante, dem Gründer von Fiesole, von Dardanus und Aeneas, von Radagais und „Totila“ der Gottesgeisel. Dagegen nun Bruni: Er kennt außer Villanis Quellen kaum mehr als ein paar Cicerostellen[51], nach denen Florenz eine Gründung Sullanischer Veteranen ist, deren Einwohner durch die Begabungen Sullas so reich geworden sind, daß sie bald an Luxus der Baulichkeiten und Lebensführung mit Rom wetteifern und in Schulden geraten. Das aber wird sein Ausgangspunkt. So sind sie die rechten Genossen der catilinarischen Rotte, und erst die Niederlage von Pistoria weist sie auf die friedliche, bürgerliche Beschäftigung. Durch diese erstarkt die Stadt innerlich. Aber nach außen hin verschwindet sie [20] hinter der mächtigen Roma, bis das Kaiserreich in den Stürmen der Völkerwanderung zusammenbricht. – Wir sehen hier den humanistischen Pragmatismus an der Arbeit: Bruni will nicht eine interessante Geschichte erzählen; er will die Volksart der Florentiner womöglich schon in den Anfängen ihrer Geschichte finden, sodann das Florenz seiner Zeit aus der Geschichte erklären. Dieses Florenz ist selbständig gegen alle die andern italienischen Mächte, unabhängig von Kaiser und Reich, groß geworden im Gegensatz gegen sie. Deshalb ist Brunis Florenz schon im Altertum nicht die camera d’Imperio, die figliuola e fattura di Roma, wie bei Villani, es ist keine Gründung Cäsars und keine Neugründung Karls des Großen. Seine Florentiner sollen keine Ehre darin sehen, daß ihre Ahnen bei Pharsalus geholfen haben, den Pompejus zu besiegen, wie die Deutschen der Kaiserchronik. Sein Florenz stammt noch aus den Zeiten der Republik, oder es ist, da Sullas Veteranen sich doch nur den alten Einwohnern Fäsuläs zugesellen, ein Glied des alten etruskischen Bundes, der den Römern Kulturbringer und zugleich mächtigster Feind war und den sie – bedeutsame Mahnung! – vielleicht nie überwunden hätten, wenn er einig geblieben wäre. Und wer ihm von Pflichten gegen das Kaisertum spricht, dem erwidert er, daß dieses, sei sein Ursprung wie er wolle, jedenfalls keine ununterbrochene Fortsetzung des Imperium Romanum sei, ein Gedanke von umstürzender Kühnheit für einen Mann, der sich als Knabe im Gefängnis des heimatlichen Arezzo an dem Bildnis Petrarkas die erste Begeisterung für das Studium geholt hatte. Der eigentliche Gegenstand von Brunis Werk aber ist der Geschlechterkampf. Er dünkt ihm zu bedeutsam, als daß er ihn wie Villani an einen Hochzeitsstreit anknüpfen möchte, den auch ein Novellist erzählen könnte.[52] Er stammt vielmehr, wie schon die Parteinamen verkünden, aus den Kämpfen zwischen Kaisertum und Papsttum, und der Staufenkaiser Friedrich II. ist es, der die entsetzlichen Kampfesweisen von Verjagung, Gütereinziehung und Meuchelmord aufgebracht hat, von denen die Jahrbücher seitdem erzählen. Sind aber die Ghibellinen kaiserlich, so kann, wer die Unabhängigkeit von Florenz will, nur guelfisch ist. Und Bruni ist guelfisch, sobald die Frage: kaiserfreundlich oder papstfreundlich heißt. Schon in seiner Lobrede auf Florenz vom Jahre 1401 hatte er gesagt: Was für Rom die Zensoren, für Lazedämon die Ephoren, das sind in dem Staate von Florenz die Häupter der Guelfen.[53] – In der innern Entwicklung jedoch stehen die Dinge für den Staatskanzler von 1420 [21] schon anders: Florenz besitzt eine Verfassung, die aus zahlreichen Revolutionen zu einer unendlich kunstvollen Bindung der einzelnen Gewalten im Staate gekommen ist. Es gilt zu zeigen, daß alle diese einzelnen auch an ihr mitgearbeitet haben. Deshalb macht Bruni die erste Verfassung von 1250 entgegen der Überlieferung, die ihm vorlag, und entgegen der historischen Wahrheit zu einem gemeinsamen Werk der Guelfen und Ghibellinen, er gibt zum Jahre 1260 der Volksherrschaft das Zeugnis, sie sei glorreich und nur um ihrer Schroffheit heit willen zu tadeln gewesen[54], betont aber bei der Rückberufung des Adels im Jahre 1266, damit sei dem Staate die größte Zier zurückgewonnen worden. Und als er nun an das Ende des 13. Jahrhunderts mit der Einsetzung der priori der Zünfte, des gonfaloniere della giustizia und der ordinamenta iustitiae kommt, da holt er weit aus, um die Entstehung dieser Ordnungen aus ihren ersten Gründen begreiflich zu machen,[55] denn „die Geschichte hat gleichsam zwei Glieder, die Geschehnisse außen und im Innern, und es ist wahrlich nicht weniger wissenswert, wie es daheim steht, als was für Kriege geführt worden sind“. Mögen diese verfassungsgeschichtlichen Erörterungen nun auch trotz solcher Worte mehr, als uns lieb ist, zwischen der beibehaltenen annalistischen Aufzählung der kleinen und großen Kriegsereignisse verschwinden und gegen die Zeit des Autors selbst immer seltener werden, ihr Zusammenhang ist nicht minder klar als die Absicht Brunis; sie heben sein Buch über die Chronik hinaus und machen es zur ersten humanistischen Stadtgeschichte Italiens. Was Bruni dem Geschichtswerk nicht anvertrauen wollte oder konnte, hat er in einem eigenen kleinen Traktat geschildert.[56] Er ist bezeichnenderweise griechisch geschrieben: περι της των Φλωρεντινων πολιτειας. Das erste Buch, das nicht nach mittelalterlicher Weise einen Idealstaat schildert, sondern die aufbauenden Elemente eines wirklichen Staatswesens zeigt. Mit der Florentiner Geschichte zusammengehalten weist es den Weg, der zu Macchiavelli führt; in der Florentiner Geschichtschreibung ist Bruni sein wichtigster und, soweit ich sehe, sein einziger Vorgänger.[57] – Wir dürfen vielleicht hier von einem kleinen Winkel aus einen Blick auf die Frage werfen, die heute im Mittelpunkt der Erörterung über die Renaissance steht.[58] Ist diese nur eine Fortsetzung der im Mittelalter schon lebenden Richtungen oder ist sie ein „rinascimento“, eine Wiederbelebung der Antike? Es ist sicher, daß ein Staatswesen, das von 1250 an fast unaufhörliche Revolutionen durchmachte, [22] Die Dechnatio itaperii. Flavio Biondo. machte, seine Bürger von selbst zu der Frage treiben mußte, ob es denn kein Gesetz in dieser Erscheinungen Flucht gebe. Die Florentiner von 1420 konnten so wenig wie die andern Bewohner der ewig zuckenden Staatengebilde Italiens den Staat im Sinne des Mittelalters für etwas Ewiges und göttlich Begründetes halten. Aber auch die Villani, die doch den Dingen mit so weitem Blicke und regem Verstände zuschauen, kommen nicht über das Beklagen der inconstanza der Florentiner hinaus; wenn sie besonderen Eindruck machen wollen, rufen sie als Zeugen dafür noch Dante und Michael Scotus, den englischen Hofastrologen Kaiser Friedrichs II., auf. Denn eine Erklärung der großen Veränderungen im Leben der Völker und Staaten bietet höchstens die Astrologie20), und diese Erklärung ist ebenso spirituell wie die theologische. Daß man weiter kommt, den Staat als ein Kunstwerk empfindet, wie Jakob Burckhardt schön und glücklich gesagt hat, das hat die Wiederbelebung des Altertums oder der Humanismus gemacht, und es ist kein Zufall, daß Bruni zugleich der Übersetzer der Staatslehre des Aristoteles ist. – Brunis Geschichtswerk enthält Gedanken, die über die Stadtgeschichte hinausreichen; vielleicht ist der wichtigste der vom Verfall des Römerreichs, der Declinatio imperii. Der Begriff fand sich schon bei den Männern, welche den Verfall und seinen sichtbarsten Ausdruclq die Einnahme Roms durch Alarich 410, erlebt hatten, bei Augostin und Orosius. Aber diese sahen gerade darin die Aufgabe ihrer Geschichtswerke, zu erweisen, daß dies nichts Ungeheures, vor allem, daß hier kein Ende sei. Und das stand für die Folgezeit ganz fest, da Hieronymus das römische Reich als das letzte vor der Auferstehung erklärt hatte, das notwendig fortleben mußte bis ans Ende aller Zeiten.21) Daher der im Mittelalter so eifrig gehegte Begriff der translatio imperii. – Aber wenn das Reich nun nicht fortgelebt hatte, wenn es nicht übertragen und vor Karl dem Großen sicherlich unterbrochen worden war, wie Bruni aussprach? Dann mußte wohl der Niedergang des Reichs Epoche machen, so gut wie es sein Aufgang gemacht hatte. Es war dann möglich, diesen Teil der Geschichte aus dem mittelalterlichen Chronikschema herauszulösen und das hat – trotz innerlicher Verschiedenheit viel mehr, als man bisher annahm, von Bruni beeinflußt – Flavio Biondo in seinen Decades historia-rum ab inclinatione Romani imperii getan.52) Ob freilich Bruni den ersten Anstoß zu dem Werke gegeben hat, ist fraglich. Der scheinbare Anlaß ist ein anderer, man darf sagen, Die Decades hisfcoriarum. [23] 23 ein allgemein-humanistischer Gedanke: seit Orosius, sagt Biondo, hat es keine wirklichen Geschichtschreiber mehr gegeben, nur leichtsinnige und törichte Skribenten, die den Sachverhalt mehr verwirrt als geklärt haben; so muß versucht werden, aus den Quellen ein Ganzes zu schaffen.83) Aber gleich zu Beginn der Arbeit setzt sich Biondo mit denen auseinander, die über das Anfangsjahr des Niedergangs von ihm abweichende Ansichten haben. Da sind zunächst die, welche sagen, daß das römische Reich eben wie andere ab- und zugenommen hat, also Männer wie etwa Villani8*); das führt zu keiner Epochenzahl. Eher die Meinung, daß man mit der Verlegung der Hauptstadt nach Byzanz beginnen solle. Das gefällt auch Biondo besser, denn es läßt eine kirchlich gedachte Beziehung zu: die Verlegung ist die Strafe für die Sünden der Römer gegen die Religion, aber damit kommt man zu einer Kirchengeschichte. Hier konnten Männer wie der hl. Antonin einen Einschnitt finden. Dann aber gibt es noch eine moderne Meinung: der Niedergang beginnt mit der Diktatur Cäsars, d. h. mit dem Verlust der römischen Freiheit. DaB sagt Bruni.25) Biondo hat sich dem nicht angeschlossen, sein Epochenjahr ist 410, oder wie er berechnet 412, aber seine Worte zeigen uns, daß es eine Diskussion über diese Dinge gab, und -wir können auch sagen, wann und wo sie wohl stattgefunden hat: in Florenz, als sich die Kurie Eugens IV., dessen Sekretär Biondo war, aus dem aufständischen Rom dorthin geflüchtet hatte. Hier hat Biondo wohl nicht nur mit Bruni den Streit über das Vorhandensein eines Vulgärlateins im alten Rom begonnen und mit ihm und anderen den Liviustext verbessert26), sondern auch den Plan einer Geschichte ab inclinatione imperii erörtert. Hier an der Stätte des Unionskonzils mit den Griechen ist dann wohl auch der Gedanke erwachsen, die beiden Teile des alten Reichs, Ostrom und Westrom, in dem Werke gleichmäßig zu behandeln. Denn das will Biondo tun.27) Es mag dann noch manches Jahr gedauert haben, bis die Fundamente für den neuen Bau beigeschafft waren. Wir wissen wenig über diese Vorarbeiten. Die Entdeckung eines mittelalterlichen Quellenschriftstellers war keine Sache, die die Federn humanistischer Briefschreiber in Bewegung setzte, wie die eines Quintilian oder auch nur des Asconius Pedianus. Aber Entdeckungen waren es, wenn Biondo Jordanes, „Alkuin“, Prokop, die Papstbiographen und so viele andere, nachdem sie jahrhundertelang nur iu Ableitungen späterer Chronisten zugänglich gewesen waren, wieder in der Originalgestalt lebendig machte28), und auch ein Autor wie Paulus Diaconus, der nie ganz 24 [24] Bedeutung und Aufnahme des Werks. vergessen gewesen war, erscheint hier erst in seinem wahren Werte, wenn er als zeitgenössischer Zeuge von bestimmter Eigenart aufgerufen und befragt wird. Dazu kommt, daß Biondo den Begriff der historischen Quelle bedeutsam erweitert. Hier hatten die Altertumsstudien vorgearbeitet, durch die man gelernt hatte, zeitgenössische Briefe zu schätzen, Denkmäler als lebende Zeugen der Vergangenheit anzusehen. Biondo überträgt das auf die christlichen Zeiten, er weiß aus einem Brief des Hieronymus die Ergänzung der dürftigen Worte des Orosius über die Einnahme Roms von 410 zu gewinnen und gestaltet aus dem Formelbuch des Cassiodor, das bis dahin nicht viel mehr als eine Kanzleivorlage gewesen war, ein Bild Theoderichs, in dem auch wir kaum einen wichtigen Zug vermissen. So entsteht die erste humanistische Geschichte des Mittelalters. Wir werden noch sehen, wie stark sie auf die deutsche Geschichtschreibung gewirkt hat. In Italien scheint sie weniger Anklang gefunden zu haben. Und das hatnicht nur den Grund, daß Biondo sich mit seiner gezierten Schreibweise „gar weit von dem Stil der Alten“ entfernte, wie ihm sein späterer Abbreviator, Papst Pius IL, vorwarf29), sondern es gibt eine tiefer liegende Ursache. Wenn irgend etwas die Menschen der Renaissance verbindet, so ist es der Gedanke, einer neuen Zeit anzugehören. Das zeigt der alte, grämliche Filippo Villani ebenso gut, wenn er in seiner Aufzählung der Florentiner zwischen Claudian und Dante nur „Halbdichter“ zu nennen weiß80), wie Bruni, wenn er in seinen Lebenserinnerungen neben der Neubelebung des Griechischen auch das Aufkommen des nationalen Kondottierentums Epoche machen läßt. Was konnte solchen Männern ein Werk geben, daß ihre eigene Zeitgeschichte als letzten Teil an eine Inclinatio imperii Romani anknüpft? So ist es vielleicht doch kein Zufall, daß Biondo für sein Werk zwar begeisterte Zustimmung aus dem unhumanistischen Mailand und dem nicht nur äußerlich gotisch bleibenden Venedig erhielt, daß aber Bruni schwieg.81) Welch anderes Interesse hätte ihm ein Geschichtswerk erregt, das es unternommen hätte, das Italien der Gegenwart, das doch schon für Dante eine Göttin, für Petrarka eine nirgendwo vergessene Mutter gewesen war, nach seiner Entstehung zu erklären! Es gab einen Gedanken, von dem aus man dahin gelangen konnte; wieder hatte Bruni ihn ausgesprochen: Wie die alte Roma überschattend und erdrückend auf allen Provinzen lag, so hat auch das mittelalterliche Kaisertum in Italien gewirkt. Mit seinem Niedergang Die Italia illustrata. – Lorenzo Valla. [25] 25 beginnt der Aufgang der großen Kommunen, und diese bilden das Italien der neuen Zeit.32) – Biondo kennt diese Ideen, er hat ihnen in seinem Geßchichtswerk an bedeutsamer Stelle Aufnahme gewährt.ss) Aber ihre Durchführung erforderte ein eigenes Werk. Biondo hat auch dies unternommen: es ist sein zweites Hauptwerk, die Italia illustrata, ebenfalls eine Arbeit gründlichster Gelehrsamkeit. Sollte sie auch zunächst nur dem dienen, der die alten römischen Ortsbezeichnungen mit den modernen vergleichen wollte84), so bot sie doch mehr. Die Stadtbeschreibungen mit ihrem Hinweis auf die Besonderheiten der Lage, ihrem geschichtlichen Abriß und ihrer Aufzählung der großen Männer, deren sich jede Stadt rühmen konnte, waren in einem Geiste gehalten. Sie räumten mit viel alten Fabeln auf und stellten die Modernen unmittelbar neben die Großen der Vorzeit. Freilich, was man so gewonnen hatte, war nicht mehr als der geographische Begriff Italien. Vielleicht hätte aber auch ein andror, der weltlicher und moderner dachte als Biondo, damals nicht weiter kommen können. Erst die Generation, die den Siegeszug des ,,neuen Cyrus“, Karls VIII. von Frankreich, entsetzt miterlebte, hat begonnen, sich Italien auch politisch als eine Einheit gegen die „Barbaren“ zu denken, sei es auf den Wegen Julius IL, der das Papsttum zum Mittelpunkt der nationalen Bestrebungen machen wollte, sei es auf denen Macchiavellis, der eben in diesem Papsttum das erste Hindernis aller nationalen Einigung erkannte. Einen Vorläufer hat diese letzte Ansicht zu Zeiten Biondos in Lorenzo Valla gehabt.35) Wir iiaben hier nicht von dem arbiter elegantiarum des lateinischen Stils zu reden, auch nicht von dem kecken Revolutionär, der unter dem Banner des Hedonismus die mönchische Sittlichkeit in ihrer Wurzel angriff, selbst seine Geschichte Ferdinands von Aragon dürfen wir trotz ihres interessanten Vorworts übergehen, aber das Schriftchen über die konstantinische Schenkung verdient ein paar Worte.36) Seit die Päpste begonnen hatten, sich dieses gefälschten Dokuments zu bedienen, war der Kampf dagegen nie erstorben.37) Aber durch drei Jahrhunderte bleibt er – mit einer wenig beachteten Ausnahme – ein Kampf der Juristen mit juristischen Waffen. Man tritt auf den Rechtsboden des Gegners, aber man bestreitet seine Folgerungen. Da kommt der Humanismus, und es wird anders. Auf dem Basler Konzil schreibt 1433 ein grübelnder Deutscher, dem die Zusammen- 26 [26] De donatione Conataniini. hänge zwischen Altertumsforschung und Kirchenreform klarer geworden waren, als irgend einem Italiener, Nikolaus von Cusa sein Buch „Von der wahren Eintracht“88) und hier wird zum erstenmal mit dürren Worten die Urkunde als Fälschung bezeichnet und mit solider, aus dem Studium der Kirchenväter und Konzilsakten erwachsener Gelehrsamkeit als solche erwiesen. Sieben Jahre später folgt Yalla. Es ist nicht wahrscheinlich, daß er die Schrift des Deutschen gekannt hat.89) Aber wenn auch, so hätte er ihm nur den geringsten Teil seiner Gründe entlehnen, sicherlich ihn nicht als Bundesgenossen brauchen können. Denn Cusa bespricht die Sache nur, weil ihn die Urkunde in seinen naturrechtlichen Theorien von der Begründung aller Herrschaft auf die Zustimmung der Beherrschten hindert, er schiebt das falsum ruhig bei Seite, ohne nach einem falsarius zu suchen, und er unterwirft schließlich, wie jeder andre geistlich denkende Mensch des Mittelalters, seine Meinung der Entscheidung des Konzils. Valla aber führt einen persönlichen Kampf mit dem Papsttum. Er will beweisen, daß man ebenso unwissend in der Psychologie der Menschen, wie in der Geschichte, wie vor allem in der lateinischen Sprache sein muß, um diese abgeschmackte Fabel für wahr zu halten. Betrachten wir heute seine Beweisführung, besonders die Angriffe auf den Text der Urkunde genauer, so mutet es uns fast komisch an zu sehen, wie hier ein richtiges Ergebnis nach falscher Methode gewonnen wird.40) Denn wenn Valla die Diktion der Urkunde an dem Maßstab des reinen Lateins maß, so war er nicht kritischer als die Fälscher und die Verteidiger der Fälschung. Wie diese an die Ewigkeit und Unveränder-lichkeit der päpstlichen Machtansprüche, so glaubte Valla an die des lateinischen Stils. Die Bedeutung des Angriffs aber wird durch solche Erwägungen nicht gemindert. Zum erstenmal wird hier ein Dokument, das die Autorität der Kirche deckte, mit philologischer Kritik angegriffen und vernichtet.41) Es war ein Punkt, wo die historische Kritik direkt in das Leben eingreifen konnte. Vielleicht, daß sie es in der Verschwörung des Stefano Porcaro getan hat.48) Aber ein weiteres Echo fand Vallas Schrift nicht, nur zahlreiche Gegenschriften erschienen. Sie fand auch keine Nachfolge bei den Humanisten Italiens, und Valla selbst war nicht ein Mensch, der aus der Tiefe wissenschaftlicher oder seelischer Bedrängnis zu seinen Angriffen kam, kein „Fünklein von der alten Kirche“, wie Luther meinte, sondern ein Gladiator, den zunächst die Freude am Waffenspiel, aber auch nicht selten eigene Gefahr43) oder Enea Silvio de’Piccolomini. [27] 27 Aussicht auf Fürstengunst scharfsichtig machten. Er kämpft weder für einen neuen Staat, noch für eine neue Kirche, nur gegen das Alte. Erst bei Erasinus und Hütten haben seine Gedanken neue Belebung <und Vertiefung gefunden. – Stellen wir zu diesen Hauptwerken der humanistischen Geschichtschreibung in Italien noch Kleinigkeiten, wie Beccadellis Anekdotensammlung über Alfonso von Neapel, Poggios Brief über den Tod des Hieronymus von Prag, so haben wir die Schriften, aus denen lernbegierige Schüler andrer Nationen etwa um 1450 die neue Geschichtsauffassung und -darstellung kennen lernen konnten. Solcher Schüler nun gab es um diese Zeit auch aus deutschen Landen genug. Aber wenn wir die Handschriften ansehen, die sie nach Deutschland mitbrachten, so begegnen uns doch viel häufiger als diese historischen Werke die Prunkreden, die Anweisungen zur Redekunst, die Novellen und Invektiven, vor allem die Briefe der Italiener. Und man darf zweifeln, ob die deutsche Geschichtschreibung so bald in die Bahnen des Humanismus gelangt wäre, wenn nicht ein Italiener in Deutschland selbst sie ihr gewiesen hätte. Das ist Enea Silvia de’Piccolomini.4*) Über Enea Silvio hat Jakob Burckhardt das treffendste Wort gesprochen:45) er rechnet ihn zu den Menschen, die wesentlich Spiegel dessen sind, was Bie umgibt. Das gilt für den moralischen Charakter Eneas. Will man den geistigen erfassen, so wird man hinzufügen müssen, daß dieser Geist seine Eindrücke mit der Lebenswahrheit eigener Erlebnisse wiederspiegelt. Er hört in den Gesprächen der österreichischen Kanzleigenossen eine Geschichte von der Liebelei des Kanzlers -Kaspar Schlick mit einer schönen Saneserin und schafft daraus die klassische Empfindsamkeitsnovelle des 15. Jahrhunderts; er sieht, wie der zehnjährige Ladislaus, der künftige König von Böhmen und Ungarn, am Hofe erzogen wird, und schreibt ein Büchlein über Fürstenerziehung, das noch für Kaiser Maximilian Bedeutung behalten sollte. Noch mehr zeigt sich diese Fähigkeit Eneas, sich in einen fremden Stoff zu vertiefen, in seinen historischen Werken. Er schreibt die erste und einzige humanistische Begründung des Imperialismus46), nicht durch den Anblick eines kaiserlich denkenden Herrschers angeregt, wie Dante, Engelbert von Admont, Marsilius von Padua, sondern aus einer Erwägung dessen, was sein könnte, wenn Papsttum und Kaisertum die Bahnen beschreiten, die ihnen die Beendigung des Konzils- und Neutralitätsstreits eröffnet. Als „Anwalt kurialer Mißbräuche“ gibt er den Deutschen ihre „Germania“, man darf dem Buch- 28 [28] Die Böhmische Geschichte. lein den Titel lassen, den ihm die nächste Generation in berechtigter Vergleichung mit der Schrift des Tacitus gegeben hat. Und wenn wir in der humanistischen Geschichtschreibung Deutschlands die Verbindung historischer und geographischer Interessen inniger wie in andern Ländern finden werden, so hat auch darauf der päpstliche Kosmograph entscheidenden Einfluß gehabt, der die Geschichte seiner eigenen Zeit in eine „Europa“ verwebte. Ich greife aus der Menge der historisch-geographischen Schriften Eneas zwei zu näherer Betrachtung heraus. Die Böhmische Geschichte, weil sie, durch Handschriften und Drucke schnell verbreitet, am frühesten, und die „Germania“, weil sie am tiefsten auf die deutsche Geschichtschreibung gewirkt hat. – Der Stoff der Böhmischen Geschichte*7) hat vielleicht länger als irgend ein anderer den Geist Eneas beschäftigt. Schon in Basel, wo die HuBsitenfrage eine der wichtigsten Sorgen des Konzils bildet, erregen die Böhmen sein Interesse, vielleicht schon damals schreibt er etwas über ihre älteste Geschichte nieder, gewiß vor allem eine Diskussion der Fabeln der böhmischen Urzeit, wie er ja damals auch an der Trojanersage der Pranken Interesse nimmt.48) Dann verfolgt er die Bemühungen König Sigis-munds Böhmen wiederzugewinnen. Seit 1442 in Österreich findet er in der Kanzlei böhmische Freunde, die ihm auch literarisch nahe treten und ihn in Böhmen früher als anderswo als Schriftsteller berühmt machen. Vor allem aber zieht das königliche Kind von Böhmen, Ladislaus, seine Aufmerksamkeit auf sich. Einer seiner ersten Briefe aus Graz gibt ausführliche Nachricht über den Knaben. Daß sie mit einer Schilderung der Lage von Graz eingeleitet ist und in Betrachtung über echte und erdichtete königliche Stammbäume ausläuft, zeigt, wie gut Enea die Kunst seiner LancMeute versteht, dem diplomatischen Bericht auch über ein unbedeutendes Ereignis ein historisches Relief zu geben. Dann wird aus dem Zuschauer ein Akteur. Vom Landtag zu Beneschau, wo der Bischof Enea 1451 König Friedrich IU. vertritt, geht ein Bericht an Kardinal Carvajal, der auch eine Schilderung der Burg Tabor, des Taboritenstaates und seiner Sitten enthält.*9) 1455 folgt die große Denkschrift an Papst Calixtus über die Reunion der Hussiten, ebenso sehr ein historisches wie ein diplomatisches Werk.50) Endlich schreibt der Kardinal Enea 1458, kurz vor seiner Wahl zum Papste, fern von den Geschäften in den Bädern von Viterbo als ein Parergon die Böhmische Geschichte. Lesen wir den schmalen Band, so wird klar, daß das Werk nicht mit dem Maßstab der Quellenkritik, die für Geschichtsquellen Quellenkritik und Urgeschichte. [29] 29 des Mittelalters üblich und möglich ist, gemessen werden darf. Auch wo Enea Vorlagen hat, wie für die ältere Geschichte Böhmens Dalimil und Pulkawa, bestimmen sie weder seine Auffassung noch seine Darstellung. Was er von den Einwanderungs- und Gründungssagen glauben soll, das richtet sich weniger nach der Vertrauenswürdigkeit der Quelle, als nach den allgemeinen historischen Vorstellungen, die er sich gebildet hat. Und da ist es wie ein Blick in eine neue Welt, wenn wir sehen, daß Enea zwar glauben will, daß Czech und seine einwandernden Genossen das Leben von Nomaden geführt und ein unbebautes Land betreten haben, nicht aber, daß sie sich von Eicheln genährt hätten, denn dieser Brauch sei schon nach der Sintflut abgekommen. Mit einem Male treten hier Zeiträume auseinander, die für alle früheren im Nebel der Sage beisamnienlagen. Damit aber fallen auch die fabelhaften Herrscher- und Volksstammbäume, die bis zur Arche Noah hinaufführen; ihm genügt es, daß, wie Plato schreibt, „alle Könige von Knechten stammen, alle Knechte von Königen“. In die Pfemysliden-reihe vermag er freilich ebensowenig Ordnung zu bringen, wie Johann von Marignola, aber wie ganz anders treten bei ihm Ottokar und Karl IV. aus der Schar der übrigen hervor als bei den Annalisten. Vielleicht ist es Enea gewesen, dem Kaiser Maximilian das Urteil über „Böhmens Vater und des heiligen römischen Reichs Erzstiefvater“ nachgesprochen hat, das die Nachwelt dann allzuwillig annahm, und der Ottokar, der „nach Kriegen gierig und großer Werke Vollender“ ist, dem „weder Mut zu hohen Dingen, noch staatsmännische Klugheit fehlt“, kehrt ebenso wie die herzlose Kunigunde, die ihn in den letzten Kampf stachelt, noch in Grillparzers großem Drama wieder.51) Nehmen wir dazu, daß die Einleitung eine Schilderung Böhmens und seiner Bewohner enthält, in der wir unter anderm den ersten Versuch einer geographischen Vorstellung von Landesgestalt und Flußsystem finden, so werden wir auch von diesem ersten Teil der Böhmischen Geschichte nicht zu gering denken. Aber für den Verfasser selbst ist er doch nur Einleitung zu der Geschichte der Hussitenzeit, die er selbst erlebt hat52), und auch für uns isfc es ungleich wichtiger zu wissen, wie ein Kardinal über die Ketzer dachte, als was ein Humanist vom böhmischen Mägdekrieg für überlieferungswürdig hielt. Daß es nicht mehr der weltliche Enea der Wiener Kanzlei ist, dem wir hier begegnen werden, läßt schon die Widmung an Alfons von Neapel erkennen, die nicht ohne Zwang das Humanistenlob der Geschichte als der Erweckerin vom Tode der Vergessenheit mit christlichen Gedanken über Lohn und Strafe im Jenseits zu vereinigen sucht.58) Um so bedeut- [30] Die Böhmische Geschichte als politisches Geschichtswerk. samer sind die Stellen des Buchs, in denen es der Geschichtschreiber dem Kirchenmanne abgewinnt. Da ist vor allem die DarsteEung der Anfänge des Hussitentums, in der die Bewegung in ihre Faktoren zerlegt ist: der Wiklifismus, den Hieronymus von Prag aus England bringt, der nationale Gegensatz zwischen Deutschen und Czechen, das „Waldensertum“, endlich die Kelchfrage, dieser Punkt als der wichtigste absichtlich von den andern abgerückt. Aber dies alles genügt Enea nicht um etwas so Ungeheures zu erklären, auch auf Seite der Kirche muß gefehlt worden sein, und so gibt er dem harmlosen Prager Erzbischof Albik die Züge seines zuchtlosen Nachfolgers. Kein böhmischer Chronist hat so viel Überblick über den Zusammenhang der Ereignisse, kein auswärtiger so viel Einblick.64) Im weiteren Verlauf der Darstellung fällt uns Eneas Schilderung der kriegerischen Ereignisse auf. In den Einzelheiten ist vieles unrichtig, aber immer erhalten wir ein lebendiges, oft auf örtlicher Anschauung85) beruhendes Bild. Was die hussitische Wagenburg für die Erfolge der Empörer bedeutet, wird hervorgehoben, die Absonderung der Adelspartei richtig eingereiht und besser als etwa von dem Prager Kol-legiaten66) begründet; und trotz aller Verwünschungen, mit denen Enea das Wüten Ziskas und der beiden Prokope begleitet, läßt er keinen Zweifel darüber, daß er ihre Feldherrntüchtigkeit erheblich höher anschlägt, als die des Königs Sigismund.57) Aber am merkwürdigsten ist es nun doch, wie vom Jahre 1436 ab die religiöse Frage in der Darstellung Eneas überhaupt zurücktritt. Kein Wort von den Bemühungen Cusas und Carvajals die Böhmen zur Kirche zurückzuführen, auch Capistran erscheint erst im Zusammenhang der Türkenkriege, ja sogar Eneas eigene Disputation mit Podiebrad und den Taboritenhäuptern im Jahre 1451 findet in der böhmischen Geschichte keine Stelle. Das Thema des Geschichtschreibers ist ein eminent politisches: der-Kampf der großen Barone von Ungarn, Österreich und Böhmen um die Person des Ladislaus, die Tragödie des jungen Königs, deren Katastrophe Enea auch künstlerisch abhebt58), und endlich das Aufsteigen der aufgerückten Könige, Matthias Huniady und Georg Podiebrad. „Welch wunderbare Veränderung der Dinge“, schließt er, „welch unerhörter Sternenlauf! Zwei mächtigste Königreiche, zu gleicher Zeit ihres Herrschers beraubt, fallen vom edelsten und höchsten Stamm an Männer niederen Standes. So war es Gottes Wille; das Altertum hätte gesagt, ein Spiel des Zufalls. Wir schreiben alles der Fürsicht Gottes zu. Es gibt Leute, die beide Königswahlen verdammen, es sei Zwang ge- Eneas Arbeitsweise. [31] 31 braucht worden, es dürfe nicht zu recht bestehen, was die Furcht erzwungen habe. Wir aber sind überzeugt, daß die Waffen, nicht die Gesetze Königsthrone verschaffen.“59) Es sieht fast aus, als habe dem Schreiber schon bei dem Platosprüchlein des Anfangs dieser Schluß im Sinne gelegen. Wie Enea nun freilich im einzelnen gearbeitet hat, wird wohl immer rätselhaft bleiben. Es ist unmöglich, daß er eine solche Fülle von Einzelheiten, zumal für die ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts, aus der Erinnerung aufzeichnete, anderseits fällt es bei den zahlreichen Unrichtigkeiten der Darstellung60) schwer, an eine schriftliche Vorlage zu glauben, abgesehen, davon, daß uns keine Quelle erhalten ist, die wir als solche ansprechen könnten. Klarer ist, wie sich der historische Stoff in Eneas Kopfe gestaltete. Wenn dem Chronisten alten Schlages das einzelne Ereignis vor allem wissens- und auf-zeichnenswert erscheint, so interessieren Enea zunächst die handelnden Persönlichkeiten und bei diesen wieder treffende Worte oder Anekdoten, die ihr Wesen wie in einem Auszug erscheinen lassen. Als König Ladislaus nach Böhmen aufbricht, hört Enea von einigen sagen, die Böhmen würden ihn nicht eher loslassen, als bis er böhmisch sprechen und Bier trinken gelernt habe. Das gefällt ihm, und er schreibt es Ende 1453 gleich zweimal nach Italien.61) Daß Ziska sterbend bestimmt habe, man solle mit seiner Haut eine Trommel beziehen, deren Schall die Feinde schrecken werde, hält er ebenfalls wiederholter Erwähnung für wert.62) Solche Anekdoten sind dann der Kern, um den sich andere Vorstellungen kristallisieren, ihn nicht selten bis zur Unkenntlichkeit verändernd. Wie oft können wir nicht Enea aus sich selbst widerlegen! Man mag es aus dem verschiedenen Zweck der Aufzeichnungen erklären, wenn die Charakteristik des böhmischen Volkes in dem Bericht an Papst Calixt ganz anders ausfällt, als in der Einleitung zur Böhmischen Geschichte. Aber was bewog Enea, die Ablehnung der böhmischen Krone durch Herzog Albrecht HI. von Bayern als eine Tat reinen Edelmuts darzustellen, da er doch schon in seinem Buch von den berühmten Männern die sehr realen Beweggründe des Erwählten dargelegt hatte?68) Gewiß nichts anderes als der Wunsch, hier einmal an einem Beispiel das humanistische Fürstenideal vorzuführen, von dem man besonders am Hofe von Neapel so viel sprach. Wie Eneas historische Phantasie weiterarbeitete, das können wir besonders an seinem Charakterbild der zweiten Gemahlin König Sigis-munds, Barbara von Cilli, ersehen. Sie hat ihn sehr interessiert, er [32] Die Germania. – Deutsches Nationalgefühl im Mittelalter. hat sie deshalb nicht weniger als viermal gezeichnet und jedesmal anders.64) Sicherlich zum Teil auf Grund neuer Mitteilungen, aber wir sehen auch, wie sich die Vorstellung von dem ungewöhnlich, aber nicht makellos schonen Weibe, das seinen Reizen durch allerlei Mittel nachzuhelfen sucht, zu der einer mannstollen Intrigantin und schließlich einer heidnischen Hexe verändert. – Was uns an der Böhmischen Geschichte und auch an andern historischen Werken Eneas das Interessanteste ist, der Subjektivismus in der Beurteilung der Menschen und Dinge, die Gelegenheitschrift-stellerei in höherem Sinne, wie er sie treibt, das haben die Zeitgenossen kaum bemerkt. Für sie ist die Böhmische Geschichte die erste deutsche Landesgeschichte, die den humanistischen Stil, das „condimentum scripturarum“, zeigt. Deshalb wird sie abgeschrieben und nachgeahmt. – Viel tiefer ist die Wirkung der „Germania“. Durch sie hat Enea fast wider Willen diejenige Art des deutschen Patriotismus begründet, die den deutschen Humanismus, wenigstens in seiner ersten Periode, beherrscht. Schon wenn er 1445 den deutschen König zur Romfahrt begeistern will und die Bedenken derer widerlegt, die Italien als das Grab deutscher Manneskraft bezeichnen, findet er Argumente, die seltsam im Munde des Italieners klingen,65) noch mehr, wenn er auf dem Türkentag zu Frankfurt 1454, um den Deutschen die Ehre des Vorkampfes gegen die Ungläubigen schmackhaft zu machen, ihnen erzählt, daß auch Cäsar und Augustus ihre Vorfahren nicht hätten bezwingen können.66) Aber die „Germania“, mit der er 1458 die Klagen Martin Mayrs über die Aussaugung der Deutschen durch die römische Kurie widerlegen will, hat noch eine ganz andere Bedeutung.67) Als in den Tagen des hohen Mittelalters deutsches Nationalgefühl durch Walter von der Vogelweide zum erstenmal zum bewußten Ausdruck kam, da richtete es sich auf ein doppeltes Deutschland: das politische, das ist das „Reich“, wie es die Staufer zusammengefügt hatten, von der Nordsee bis Sizilien und von Burgund bis zur Ostsee reichend, und das „völkische“, wenn man so sagen darf, das Land, in dem des Dichters Lied als heimisch empfunden wird, und wo er selbst ■deutsche Sitte findet. Walter hat auch seine Grenzen bezeichnet: von der Elbe unz an den Rin und her wider unz an Ungerlant heißt es in dem berühmten Spruche von Deutschland. – Das „Reich“ versinkt, als politische Einheit im alten Sinn auf immer, das Schicksal der Nation hängt daran, ob auch der Volkszusammenhang verloren Der Gesichtspunkt der Germania. [33] 33 gehen wird. Da ist es nun bedeutsam, daß wenige Jahrzehnte nach Walters Tod ein Dominikanermönch im Elsaß dieses Deutschland „von Utrecht bis Freiburg im Üchtland und von Wien bis Lübeck“ als eine geographische Einheit erfaßt und darstellt.68) Das ist also ein Deutschland im Rahmen der Sprachgrenzen, in die freilich der Schreiber in der Südwestecke des Reichs das neugewonnene ostelbische Kolonialland nur zum Teil mit einzieht. Ausgefüllt hat er diesen Rahmen aber nicht. Was er an genauerer Beschreibung bietet, bezieht sich auf das Elsaß. Und auch so ist seine Aufzeichnung für lange eine Ausnahme. Der Trieb zum Reisen wächst, aber man beschreibt das heilige Land, die Fremde überhaupt, nicht die Heimat. Was Deutsche über Deutsche zu sagen haben, bleibt im Stile der Orts- und Stammesneckereien, höchstens daß wir einen Völker- und Sprachenspiegel, dann aber meist universeller Art, erhalten.60) Eneas Büchlein macht hier Epoche. Wenn der Kolmarer Mönch seine annalistischen Aufzeichnungen zu einer Beschreibung Deutschlands und des Elsasses unterbrach, so geschah das, weil er merkte, wie sehr sich die Welt im Lauf der Zeit verändert habe. Aber sein Blick reicht nicht sehr weit zurück, nur bis zum Anfang des Jahrhunderts, und wenn wir sein post hoc zu einem propter hoc machen dürfen, so kommen all die Fortschritte und Verbesserungen des Lebens, die er zu nennen weiß, doch eigentlich daher, daß die Dominikaner für alle Zweige der Wissenschaften so gar treffliche Kompendien geschrieben haben. – Von einer ähnlichen Erwägung geht Enea aus: er will gegen Martin Mayr zeigen, daß Deutschland nicht ärmer, Bondern reicher geworden sei und das durch nichts andres als durch das Christentum, das ihm eben der angeklagte römische Stuhl gegeben habe. Aber wieviel höher ist nun der historische und geographische Gesichtspunkt deB Humanisten! Er sieht zurück bis auf die Zeiten des Julius Cäsar, dessen Buch ihm nicht mehr das eines beliebigen Julius Celsus ist, wie so vielen mittelalterlichen Buchschreibern.70) Hier findet er die erste beglaubigte Kunde über Deutschland. – Und neben Cäsar tauchen zwei andere ehrwürdige Namen auf, die jahrhundertelang geschlummert hatten, Strabo und Tacitus. Mag Enea auch die Kenntnis Strabos dem Biondo verdanken, dessen Versuch, im neuen Italien das alte zu finden, gewiß überhaupt für ihn vorbildlich war, mag er die Germania des Tacitus nur nach flüchtiger Lesung erwähnen71), die Bedeutung dieser Quellen hat er erkannt. Sie trennen ihm die fabelhaften Zeiten „des Janus. Saturn und Juppiter““, ja auch noch die des „Romulus, Joachimsen, [34] Das Neue Deutschland der Germania. Camillus und Alexanders des Großen“, auf die so gern die Geschichtschreibung der Stammes- und Herrschergenealogen zurückging, von dem wirklichen Anfang der deutschen Geschichte. Nach diesen echten Gewährsmännern zeichnet er das „Antlitz Germaniens“ in der Urzeit. Es ist Tendenz in seinem Bilde. Die rauhen und barbarischen Eigenschaften überwiegen, mit den Augen des Tacitus hat er nicht gesehen, nur leise mischt sich ein Ovidischer Ton von der Herrlichkeit des Naturzustandes ein. Nun aber die Gegenwart! Wie anders versteht Enea das Bild zu füllen als der Kolmarer Dominikaner, und wieviel weiter reicht sein Blick! Es war doch etwas Gutes dabei, daß der pfründenhungrige Kuriale vom Rhein und Tirol bis Ermeland nach Einkünften ausgespäht hatte. Sonst wüßte er wohl wenig von den Alpentälem oder von Danzig, Thorn und Riga. Aber er mußte Deutschland nicht bloß mit geldgierigen Blicken gemustert haben. Daß der Italiener die wasserreichen Strome und die hohen Dome Deutschlands bewunderte, erscheint uns natürlich. Aber wer außer Enea hätte damals gesehen, daß Breslau eine Stadt mit Ziegelbauten, Frankfurt eine mit Holzbauten sei, während in Köln gar viele Dächer mit Blei gedeckt waren? Wer wies ihm die große Silhouette Nürnbergs von Westen mit den Türmen von St. Lorenz und St. Sebald und der stolzen Kaiserburg darüber, die heute noch den Wanderer entzückt? Es gibt wenig Städte, bei denen er nicht den charakteristischen Punkt zu treffen wüßte. Wenn er Biondo nachgeahmt hat, so hat er ihn darin übertroffen. Aber das ist nicht die Hauptsache. Nachdrücklich weist Enea darauf hin, daß es ein Neudeutschland gäbe, das weit über die Grenzen des Cäsarischen hinausgewachsen sei. Rhein, Elbe und Donau, die alten Grenzströme, fließen jetzt mitten durch Deutschland, von gallischem und sarniatischein Boden hat der Deutsche gleichmäßig gewonnen. Gent und Brügge sind Städte „gallischen Rechts“, aber deutscher Art, Brixen, Meran nicht minder. Böhmen hat slavische Sprache, aber deutsche Sitte, und auch die Oder mag nicht mehr unbestritten als Grenze Germaniens und Sarmatiens gelten.72). Auch den Grund dieser Veränderung gibt uns Enea an; es ist die Fruchtbarkeit des deutschen Stammes, die es ihm ermöglicht hat, sich soweit über seine alten Grenzen zu ergießen; deshalb will er den Namen der Germanen nicht wie Strabo daher ableiten, daß sie „Brüder“ der Gallier seien, sondern von germinare. Gegen diesen Gewinn konnte Enea die Klagen über den Verlust des staufischen Imperiums nichtsbedeutend finden. Dieses gehörte endgültig der Vergangenheit an; Enea Silvio und Ebendorfer. [35] 35 hier war das Deutschland der Gegenwart, seine Einheit beruht auf der Gleichheit der Kultur. Und wenn die Geschichtschreibung des deutschen Humanismus dann, ganz ähnlich wie später die deutsche Romantik, Deutschland vor allem als eine solche Kultureinheit empfunden hat, so hat dies Schriftchen dazu den Anstoß gegeben. – Wir können den Fortschritt, den die Werke Eneas in der deutschen Geschichtschreibung bezeichnen, am leichtesten durch einen “Vergleich mit denen seines Zeitgenossen Thomas Ebendorfer ermessen.73) Ein Zufall hat den italienischen Humanisten und den österreichischen Theologen ein gutes Stück ihres Lebensweges nebeneinander zurücklegen lassen: am Basler Konzil zunächst und dann in Wien. Auch persönlich sind sie sich nahegetreten, zumal bei der Gesandtschaft König Friedrichs nach Italien 1451 und bei der Kaiserkrönung von 1452. Bei dieser standen sie beide im Gefolge. Der eine dachte daran, daß durch eine besondere Gnade Gottes sein Herr als erster Habsburger die Kaiserkrone erlange, und zwar rechtmäßig, nicht durch Gewalt wie ein Tyrann oder durch Schliche, der andere besah sich kritisch die angeblichen Krönungsinsignien Karls des Großen und meinte, sie möchten eher von Karl IV. herrühren.74) – Ein Zufall ist es auch, daß Enea und Ebendorfer fast als Rivalen auf dem Gebiet der Geschichtschreibung erscheinen. Auch von Ebendorfer haben wir eine Relation vom Basler Konzil, von beiden eine Österreichische Geschichte. Beider Werke tragen ferner in gewissem Sinne Memoirencharakter. Aber sonst ist alles Verschiedenheit. Ebendorfer ist nur 18 Jahre älter als Enea, aber es ist, als ob Generationen zwischen ihnen lägen. Ebendorfer steht ganz in der alten Kirche und in der alten Bildung. Er ist ein direkter Geistesverwandter MartinB von Troppau. Wie dieser schreibt er seine Osterreichische Geschichte als bequemes Kompendium, weil er über die alten Zeiten gar verschiedenes gelesen hat. Wie dieser ist er wehrlos gegen alle Fabeln der Vergangenheit, besonders wenn sie ihm helfen, seine Papst-, Kaiser- und Herzogsreihen lückenlos zu gestalten. So kommt es, daß er gerade die Teile der österreichischen ,.Urgeschichte“, gegen welche Enea seine vernichtende Kritik richtet, unbesehen aufnimmt. Daß er kirchlicher ist als Enea, zeigt seine Charakteristik Sigismunds ebenso wie die des Staufers Friedrichs H. Hier hat Enea, trotzdem er aus seiner Verdammung des Kirchenräubers kein Hehl macht, in bemerkenswerter Weise den genialen Herrscher gezeichnet, bei Ebendorfer erscheint er ganz als 3* 36 [36] Enea Silyio und Ebendorfer. das unbegreifliche, heidnische Ungeheuer, wie ihn die Minoriten auf die Nachwelt gebracht haben.’75) Aber auch wo beide mit gleichen oder ähnlichen Gefühlen einer Herrschergestalt gegenüberstehen wie etwa König Albrecht IL, so daß wir eine Charakteristik aus ihren Aufzeichnungen zusammensuchen können, gibt uns Enea, der doch nur aus flüchtiger Bekanntschaft schrieb, sowohl für das Äußere, wie das Innere des Mannes den bezeichnenden Zug.76) Welch ein Unterschied ferner zwischen den jammernden und predigenden „Direktorien“ oder „Korrektorien“, die Ebendorfer einer jeden Kaiserbiographie anhängt, oder den „Reden des Schriftstellers“ an Kaiser und Adlige zum Jahre 1460, und Eneas kurzen Sentenzen, die da und dort den Fluß der Erzählung unterbrechen. Man hat gemeint, der Italiener habe die eigentlich treibenden Kräfte des „bellum Austriacum“ von 1452 doch nicht erkennen können,77) aber Ebendorfer fördert uns in diesem Punkt um keinen Deut mehr, und in der Würdigung der Bedeutung, die das Privilegium maius für die österreichische Geschichte hat, ist Enea Ebendorfer unstreitig überlegen. – Eneas österreichische Geschichte ist ein Memoirenfragment, dem ein paar Abschnitte auB der Geschichte der früheren Zeit ohne endgültige Verbindung vorgesetzt sind, die Ebendorfers ist in den älteren Partien eine Chronik alten Stils, für die Gegenwart des Autors eine Sammlung von Notizen und Zeitungen, zwischen denen Wunderzeichen jeder Art die allerübelste Verbindung herstellen. Es war wohl doch nicht unverdient, daß Ebendorfers Werke jahrhundertelang in der “Verborgenheit schlummerten, während die von Enea ausgestreute Saat alsbald, wie von den Winden weitergetragen, weites Erdreich befruchtete und aufging. in. [37] Scholastischer Humanismus. Als Enea Silvio Deutschland verließ, wohl in der Überzeugung, daß er doch aus einem Barbarenlande scheide, hatte der Humanismus schon an verschiedenen Orten Wurzel gefaßt, angepflanzt durch Männer, die sich in Italien selbst mit dem neuen Geiste erfüllt hatten. In den beiden bedeutendsten Reichsstädten Süddeutschlands gab es humanistische „Sodalitäten“, in Nürnberg um den Juristen Gregor Heimburg, in Augsburg um den Arzt Hermann Schedel und den Patrizier Sigismund Gossembrot.1) Es sind merkwürdige Leute, die sich da zusammentun. Sie pflegen vor allem die neue Form, schreiben sich Briefe, nicht um sich etwas mitzuteilen, sondern um zu zeigen, daß sie den neuen Stil beherrschen, sie haben gerne ihren literarischen Streit nach dem Muster von Poggio, Filelfo und Valla mit einem wirklichen oder auch mit einem erdichteten Gegner, sie fingieren Liebeshändel und nennen die Geliebte Glycerion, wie Horaz und nach ihm Enea Silvio, ja sie möchten wohl gerne lasziv und ganz als Brüder Tunichtgut erscheinen. Aber das alles ist Maske, ein großes Fastnachtspiel. Im bürgerlichen Leben sind sie die ehrbarsten Leute, und wenn sie in Konflikte mit ihren Zeitgenossen gekommen sind, so hat der Humanismus daran keinen Anteil. Heimburg hat vielleicht diesen Widerspruch empfunden und sich davon durch eine in ihren Zielen freilich nicht immer klare Polemik zu befreien gesucht, die andern waren zu wenig Persönlichkeiten dazu. Wenn sie in ihrer Lebensführung einen Humanisten nachahmen, so ist es nicht der liederliche Poggio, den sie so viel plündern und kopieren, sondern Petrarka. Von ihm lernen sie die Freuden der literarischen Muße auf dem Lande –- Gossembrot hat sein habitatio academica in Obermeuttingen bei Augsburg, Heimburg bei Würzburg –, von ihm die Sehnsucht nach einem Leben, das „ab hominibus, non ab humanitate aliena“ ist. Heimburg preist es als etwa ÖOjähriger Mann, als ihm der fehdereichste Teil seines Lebens 38 [38] Die humanistischen Vaganten. noch bevorstand, und Gossembrot macht, 59 Jahre alt, damit Ernst. Er legt Amter und Würden nieder und zieht sich in das Kloster der Straßburger Johanniter am grünen Wohrd zurück. – Was diese Männer für die humanistische Geschichtschreibung bedeuten, werden wir noch sehen. Für die Propaganda des Humanismus aber sind andere Leute wichtiger geworden, die nicht von einer so oder so gedachten Verschmelzung der neuen und alten Bildung ausgingen, sondern mit dem fröhlichen Bewußtsein auftraten, daß sie das Alte bekämpfen müßten, wenn für das Neue Platz werden sollte. Das sind die humanistischen Vaganten, die „Poeten“, wie sie sich selbst nennen. Sie haben viel von ihren mittelalterlichen Namensvettern: die ünstätheit ihres Lebens, teils weil sie das Gastrecht als die Erlaubnis betrachten, ihren Gastgebern Schnödigkeiten zu sagen, teils weil sie auch in fügsamer Umgebung sich bald unbefriedigt fühlen, die schlechten Manieren, auf die sie ebenso stolz sind, wie auf ihre abgerissene Gewandung, die gründlichste Verachtung alles schulmäßigen Wissens und aller schulmäßigen Form. Dabei ist ihr eigenes literarisches Gepäck gar leicht, aber sie wissen, daß sie in dem wenigen die Zukunft mit sich führen. Der eigenartigste Vertreter dieser Zunft ist Peter Luder, im pfälzischen Kraichgau vielleicht um 1400 geboren.2) Er ist ein echter Vagant, den sein beweglicher Geist bis nach Mazedonien, „dem Vaterlande Alexanders des Großen“, und Griechenland und fast durch ganz Italien getrieben hat. Ebenso ist er in den Wissenschaften von der Theologie über die freien Künste bis zur Medizin gelangt. Wenn er aber etwas von Herzen war, so war er ein poeta et historiographus. Freilich nicht in dem Sinne, daß er etwa tiefgründige historische Studien gemacht oder sich ein hohes Ziel gesteckt hätte, aber Bchon in seiner Antrittsrede3), mit der er in Heidelberg 1456 den sich ihm widerwillig öffnenden Kreis der Universitätsprofessoren beglückte, weiß er über sein Vorbild, eine berühmte Abhandlung Brunis*), hinaus viel zum Lobe der Gesehichte zu sagen. Er hat von Petrarka gelernt, daß sie sowohl nütze als ergötze, jenes durch die moralischen Anweisungen, die sie in Beispielen so viel kürzer und packender biete, als die theoretischen Tugendlehren der Philosophie, dies durch Beschreibung von Ländern und Völkern, die sie uns leibhaftig vor Augen stelle. Zwei Jahre später hat dann Luder selbst eine Probe seiner historischen Kunst geboten in der „Lobrede“ auf seinen Beschützer, den Peter Luder. [39] 39 Kui-fürsten Friedrich von der Pfalz5). Wenn er, wie wir annehmen dürfen, Lionardo Brunis Lobspruch auf Florenz kannte, so hat er den Titel mit Bedacht gewählt. Denn „Etwas anderes,“ sagt Bruni, „ist es um die Geschichte, etwas anderes um eine Lobrede. Die Geschichte muß der Wahrheit folgen , die Lobrede darf vieles über die Wahrheit erheben.“ Davon hat Luder reichlichen Gebrauch gemacht, aber es gibt auch historisch Beachtenswertes in dem Werkchen. Nicht so sehr der fabelhafte Witteisbacherstammbaum, der den ersten Teil füllt. Luder hat ihn aus einer nächstliegenden Quelle zusammengerafft, vielleicht aus einer Vorlage, die nicht lange vor ihm auch Andreas von Regensburg benutzte, aber es liegt ihm offenbar weniger an der Herleitung der Witteisbacher von den Karolingern, als dem Regensburger Mönche. Auch die Beschreibung von Heidelberg, die Luder an den Anfang stellt, ist zwar interessant als Zeichen des neuen Stils der Geschichtschreibung, aber nicht eigenartig. Aber daß Luder wenigstens zum Hofhistoriographen Talent hatte, zeigt der zweite Teil. Unter den bürgerlichen und geistlichen Chronisten hätte der Pfalzgraf wohl kaum einen gefunden, der die so viel angefochtene „Arrogation“, durch die Friedrich aus dem Vormund seines Neffen zum Herrscher wurde, so geschickt als eine Tat rein landesväterlicher Fürsorge, die daraus folgenden Kämpfe mit den Nachbarn dann alB Proben der „Tapferkeit, die sich des Neides erwehren muß“, hingestellt hätte. Es war gut auf den Charakter des „bösen Fritz“ berechnet, wenn Luder seinen Worten über die „väterliche Gesinnung“, die Friedrich bei der Arrogation gezeigt hatte, hinzufügte: „wenn es aus Herrschbegierde geschehen wäre, hätte auch diese einem hochgesinnten Mann angestanden“, und wenn wir eine Stelle, in der der Kurfürst „der höchsten Herrschaft würdig“ genannt wird, nach einem tieferen Sinn verstehen dürfen, so hat Luder wohl auch auf die Hoffnungen anspielen wollen, die sich sein Herr vor kaum mehr als Jahresfrist auf die Krone eines römischen Königs gemacht hatte. Ob Luder sich aus diesem Grunde später nicht nur „Sekretär des glorreichsten Pfalzgrafen Friedrich“, sondern auch „Schildträger des römischen Reichs“ nannte? Die Geschichte Friedrichs des Siegreichen, zu der also hier ein Anlauf vorliegt, hat dann Luders Freund und Schüler Matthias von Kemnat und zwar in deutscher Sprache geschrieben.6) Die humanistische Saat ist bei ihm ziemlich in die Halme geschossen. Er ist auch „poeta et historiographus“ wie sein Lehrer und begleitet mit einem Chor dichtender Genossen, unter denen wir den 40 [40] Matthias von Kemnat. jungen Jakob Wimpfeling bemerken, die Taten seines Herrn mit gutgemeinten Versen. Er macht wichtige, ja kostbare Funde in den Klosterbibliotheken, wie in der altberühmten von Lorsch. Er kennt literarische Seltenheiten, wie den Sextus Rufus oder die kleinen römischen Kaiserbiographien, dann Neuigkeiten, wie die Böhmische Geschichte Enea Silvios. Aber er weiß mit all dem gar wenig anzufangen. Die Böhmische Geschichte ist für ihn nicht mehr als die Bayrische Fürstenchronik des Andreas von Regensburg, die Kaiserbiographien sind eben auch nur eine „Chronica Sparciana“, wie Martin von Troppau eine Martiana. Daß er beide im selben Atem unter seinen Quellen nennt, zeigt seinen Horizont. Er wäre vielleicht kein übler Chronist und Erzähler geworden, das sehen wir aus seiner so vielfach merkwürdigen Beschreibung des Fichtelgebirgs oder aus der Erzählung der Trierer Zusammenkunft von 1473. Aber die „Wissenschaft“ und der neue Stil haben ihn gänzlich verdorben, und so ist diese erste humanistische deutsche Fürstengeschichte ein zwischen Weltchronik, Landesgeschichte und Biographie haltlos schwankendes Konglomerat von Zeitungen und halb verstandenen oder schlecht verwendeten Lesefrüchten. – Daß dies so ist, liegt doch nur zum Teil an Matthias selbst. Das humanistische Vagantentum ist in diesen seinen Anfängen schon nach der Unordentlichkeit seiner Lebensführung und der Mangelhaftigkeit seiner Bildung unfähig zu eigentlich geschichtlichen Leistungen. Und auch die Männer, die bis gegen Ende des Jahrhunderts aus dieser Gruppe noch zu nennen wären, wie etwa Hermann v. d. Busche, schaffen vielleicht da und dort ein humanistisches Lobgedicht mit geschichtlichen Füttern verbrämt, aber nicht mehr. Wollen wir solidere historische Leistungen finden, so müssen wir uns dahin wenden, wo sich die Einsicht in die neuen Forderungen der Darstellung mit der Möglichkeit verbindet, auf eine geschichtliche Überlieferung von Wert zurückzugreifen. Das sind zunächst die reformierten Klöster. Die Konzilsbewegung des 15. Jahrhunderts, welche die reformatio ecclesiae weder in capite noch in membris durchsetzen konnte, hatte doch in der Kirche selbst Kräfte ausgelöst, die ein neues Leben zu verheißen schienen. Die bedeutendsten Regungen zeigen sich im Benediktinerorden.7) 1409 legt der venezianische Patrizier Lodovico Barbo den Grund zu der Reform in Italien durch die Stiftung der Kongregation von St. Justina in Padua. Seit der Mitte des Jahrhunderts wirkt sie auch nach Deutschland hinüber, ihr zur Seite die wenig Die reformierten Klöster. [41] 41 später als St. Justina entstandenen Kongregationen Ton Bursfeld und Melk. Landschaftlich ergänzen sich diese drei in der Art, daß Bursfeld vor allem am Rhein, Main und Niederdeutschland, Melk auf Österreich und Bayern bis zum Lech wirkte, während Schwaben unter dem direkten Einfluß von St. Justina stand. Die sittlichen Erfolge dieser Reformation sind damals so wenig wie zu andern Zeiten von erheblicher Dauer gewesen, aber für den Betrieb der Wissenschaften begann in den reformierten Klöstern in der’ Tat eine neue Zeit. Es war, wie wenn man aus einem langen Schlafe erwacht war und nun versuchen müsse, den Faden da wieder anzuknüpfen, wo ihn Unwissenheit und Trägheit hatte fallen lassen. So wurde man zurückgeführt auf die großen Zeiten der Benediktinergelehrsamkeit unter den Saliern und den ersten Staufern, wo Ekke-hard und Otto von Freising Geschichte schrieben, oder gar auf die Zeiten der Karolinger, wo man in Fulda und St. Gallen die Alten nicht viel anders gelesen und geschätzt hatte, als es nun die Humanisten zu fordern schienen. Es war nicht schwer eine Verbindung von dieser neubelebten Klostergelehrsamkeit zu den humanistischen Bestrebungen zu finden, und der Geschichtschreibung vor allem mußte sie zu gute kommen. Wir haben drei Männer zu nennen, deren Werke dies beweisen, Sigismund Meisterlin in Augsburg, Felix Fabri in Ulm, Johann Trithemius in Würzburg. 8) Die Entwicklung der Augsburgischen Geschichtschreibung vom Mittelalter zum Humanismus hin ist nicht ohne besonderes Interesse. Zwar die Annalistik des Domstifts verstummt schon in den Stürmen des Investiturstreits, in Ulrich und Afra, der bedeutend-- sten klösterlichen Gemeinschaft, ist um dieselbe Zeit Abt Uodalscalk auf lange hinaus der letzte Geschichtschreiber von Namen. Aber um 1250 regen sich neue Kräfte. Es entsteht – doch wahrscheinlich hier – „der künege buch“, eine Bearbeitung der Kaiserchronik, wichtig als ein frühes Werk deutscher geschichtlicher Prosa. Hundert Jahre später wird in Augsburg ein Martinus übersetzt und mit Fortsetzungen versehen. An ihn knüpft, nachdem durch den Zunftaufruhr von 1368 die bürgerliche Geschichtschreibung auf die Bahn gebracht ist, Erhard Wahraus seine Aufzeichnungen an, der erste bürgerliche Geschichtschreiber der Stadt, den wir mit Namen kennen. Wahraus aber hat noch weitergehende Interessen. Er wünscht etwas vom Ursprung seiner Vaterstadt zu erfahren, womöglich ein Gründungsjahr. Das bieten seine historischen Quellen nicht, wohl [42] Augsburgiscbe Geschiehtscbreibung bia zum Humanismus. «ber andere Bücher, die damals dem Bürgertum merkwürdig zu werden beginnen. Das sind antikisch gewandete Fabelsfcoffe, Ausläufer des antiken Romans, vor allem die Alexandergeschichte des Pseudo-kallisthenes und das Trojanerbuch des Guido von Columna. Sie werden übersetzt, auch wohl, dem Zeitgeschmack folgend, mit allerlei neuen Abenteuern bereichert und gern mit lokalhistorischen Notizen zweifelhafter Gelehrsamkeit versehen. Nach einer solchen Quelle erklärt Wahraus Augsburg für eine Gründung Trojas wie Trier. Im Guido von Columna liest um dieselbe Zeit auch ein stolzer Patrizier Peter Egen. Vielleicht nach dem Namen des ersten Meerschiffes, der Argo, den er da findet, nennt er sich 1442 Peter von Argun. Er ist noch mehr als Wahraus ein Liebhaber der Geschichte seiner Vaterstadt und kennt auch lateinische Quellen, darunter eine, die von der „Varusschlacht bei Augsburg“ lebendig zu erzählen wußte. Das -will er seinen Mitbürgern bekannt machen, einmal, indem er den Maler Jörg Ammann beauftragt, ihm danach Bilder an sein neues Haus zu malen, sodann, indem er das Buch einem fremden Geistlichen aum Transferieren gibt. Dieser, der „Küchlin“, tut andere Gelehrsamkeit dazu, um auch gleich den trojanischen Ursprung Augsburgs festzulegen. Er schöpft sie aus einem vielgelesenen Werk der Publizistik, dem Buch des Jordanus von Osnabrück vom römischen Reich, und so entsteht ein Reimgedieht, das den Augsburgern des 15. Jahrhunderts etwa bot, was das Annolied den Kölnern des 12. geschaffen hatte. In diesem Augenblick greift der Humanismus ein. Sigismund Oossembrot, in dessen Bibliothek längst Werke von Petrarka und Bruni und das Neueste von Enea Silvio stand, findet keine Genüge an den „deutschen Reimen“, er will eine wirkliche Gründungsge-schichte Augsburgs und zwar ein Werk im neuen Stil. Auf sein Betreiben schreibt 1456 in Kloster Ulrich und Afra der Mönch Sigismund Meisterlin seine Chronographia Augustensium. Sie zerfällt in 4 Bücher. Das erste widerlegt die Trojanerfabel des Küchlin, das zweite gibt Meisterlins eigene Gründungshypothese: Augsburg ist eine Gründung der Amazonen und hat also lange vor Trojas Zerstörung gestanden, das dritte erzählt hauptsächlich die Varusschlacht in breiter Ausschmückung, das vierte, erst nachträglich beigefügt, enthält eine fast annalistisch aus den Quellen zusammengetragene Stadtgeschichte von Konstantin dem Großen bis auf die Gegenwart mit eingehender Behandlung der Heiligen Afra und Ulrich. Das Ergebnis der Arbeit – die Ersetzung einer Gründungsfabel [43] Sigismund Meisterlin. Die Chronographia Augustensium. 43 durch eine andere, die Verstärkung der Überlieferung Über ein ebenso fabelhaftes Ereignis – erscheint zunächst weder neu noch humanistisch. Und doch würde man mit dieser Kritik Meisterlin wenig gerecht werden. Nicht das Ergebnis, sondern die angewandte Methode ist hier bedeutsam. Meisterlin verwirft die Meinung Küchlins, weil er ihm aus Ekkehard und Otto von Freising chronologische Widersprüche nachzuweisen vermag, – an solche knüpft sich hier wie anderswo die erste Regung der Kritik – sodann weil es für die Augsburger keine Ehre sei, von diesen Flüchtlingen abzustammen. Seine eigene Hypothese aber beruht auf einem Vers der Römeroden des Horaz, der die Vindelicier mit ihrer „Amazonenstreitaxt“ bei den Siegen des Drusus erwähnt. Diesen Brauch will er erklären, und er findet in dem Fabelwust der Amazonenzüge nach Asien und Europa leicht Raum auch für einen nach Schwaben. Und als er nun zweifelnd Bestätigung dieser Kunde sucht, da führt der gute Zufall Enoche von Ascoli, den Papst Nicolaus V. auf literarische Entdeckungsfahrten nach Deutschland ausgesandt hatte, in sein Kloster. Beide zusammen finden in der Dombibliothek den Kommentar des Porphyrio zum Horaz und hier in dem gar alten Ausleger die willkommene Bestätigung der Nachricht. Man wird bei allem Unterschied eine Ähnlichkeit in dem Verhältnis Meisterlins zu Küchlin mit dem Brunis zu Villani nicht verkennen, nur daß freilich den Italiener bei seiner Gründungsgeschichte von Florenz Kritik und kühle Überlegung in die Zeiten gesicherter historischer Kunde hinab, den deutschen Mönch Lokalpatriotismus und phantastischer Sinn in die Nebel uralter Sage hineinführt. Auch die Geschichte von der „Varusschlacht bei Augsburg“ hat Meisterlin gläubig hingenommen, wie nach ihm noch viele Humanisten. Denn er fand hier keine chronologischen Widersprüche in seinen Quellen, im Gegenteil, bei Sueton und Vegetius noch mancherlei Bestätigung und Ausschmückung der Begebenheit. Zur historischen Wahrheit ist er nirgendwo durchgedrungen, aber er sucht mit allen Mitteln eine klare Vorstellung von jenen alten Zeiten zu gewinnen. Sueton und Sallust, Lukan und Claudian werden ebenso wie die Etymologien des Isidor von Sevilla eifrig exzerpiert, und was er aus ihnen gewinnt, ist eine erste Schilderung des alten Deutschlands und der alten Deutschen. Denn schon für Meisterlin erweitert sich die Stadtgeschichte zur deutschen Geschichte, und vielleicht hätte er, so sagt er, sein Werk nicht geschrieben, wenn das Buch des Plinius von den deutschen Kriegen erhalten geblieben wäre. 44 [44] Die Chronica Neronpergensium. So wirkt der Humanismus in diesem Buche durch alle Fabeln hindurch in der Richtung zu neuen Zielen und neuen Anschauungen von dem, was wissenswert ist in der Geschichte. Er bewirkt auch, daß der Mönch nicht mittelalterlich bescheiden hinter seinem Werke zurücktritt, sondern als lebendige Persönlichkeit in Vorreden und eingestreuten Bemerkungen mit dem Leser verhandelt, und wenn er hierbei so wenig wie sonst in seinem Werke eine eigene Sprache zeigt, so ist es doch bedeutsam, daß er seine Worte Männern wie Otto von Freising entlehnt oder jenem Otblo von St. Emmeran, der schon im 11. Jahrhundert der Nachwelt • etwas „de secreto conflictu curarum suarum“ überliefern zu müssen glaubte. Nach der Vollendung der Augsburger Chronik hat Meisterlin das heimische Kloster verlassen und ein geistliches Vagantenleben geführt, für das wir in dieser Zeit kaum eine Parallele finden. Er begegnet uns in St. Justina in Padua, in St. Gallen, in Murbach, dann gar als Pfarrer im Würzburgischen und schließlich bei Nürnberg. Hier hat er fast 30 Jahre nach seinem Jugendwerke wieder eine Stadtchronik geschrieben, die Chronica Neronpergensium. In diesen dreißig Jahren war der gewaltige Umschwung eingetreten, den das Erscheinen der Werke Enea Silvios bezeichnet. 1456 hatte Meisterlin nur seine Türkenrede vom Frankfurter Reichstag gekannt, er hatte ihr ein Lob der Geschichte entnommen, vielleicht auch einen Hinweis auf den „unverächtlichen Autor“ Otto von Freising und auf die wilde Tapferkeit der alten Deutschen. Jetzt kennt er die Österreichische und die Böhmische Geschichte, die Anekdotensammlung für Alfons von Neapel, die Europa und die Asia, und er steht nicht minder unter ihrem Einfluß wie seine Zeitgenossen, Auch die großen Werke Biondos haben seine Vorstellungen berichtigt, und so dürfen wir uns etwas ReifereB als die Augsburger Chronik erwarten. In der Tat zeigt schon der Plan, den Meisterlin entwirft, einen bemerkenswerten Fortschritt: ein Doppelwerk BOII entstehen, eine vetus Neronperga, die die Geschichte der Stadt, zunächst nur bis zum Ende der deutschen Kaiserzeit, dann bis zur Niederwerfung des Zunftaufruhrs von 1348 enthalten hätte, und eine Neronperga moderna, eine Stadtbeschreibung mit Abschnitten über die Lage der Stadt, ihre Gebäude, Regiment und Geschlechter, die Bewohner und ihre Sitten. Daraus ist nichts geworden, denn wieder drängt die Gründungsgeschichte, die hier gänzlich zu erfinden war, vor, daneben andere Fragen, die zu bemerkenswerter Diskussion mit allerlei Gegnern und zu immer erneuten und weithin führenden Nachforschungen Anlaß geben, und Ihre Bedeutung als politische Tendenzsehrift. [45] 45 was nun nach langem Mühen entsteht, ist wieder eine Stadtchronik, scheinbar alten Stils, aber mit ganz besonderem Inhalt. Ich habe bei der Magdeburger Schöppenchronik darauf hingewiesen, wie der Verfasser, ein Stadtkind und mit den Lebensfragen des Gemeinwesens aufs innigste vertraut, doch in Abhängigkeit von dem annalistisch überlieferten Stoffe bleibt. Es gelingt ihm nicht, Dinge, die er selbst für wichtig erkannt hat, an ihrer richtigen Stelle und in der richtigen Beleuchtung erscheinen zu lassen, da er dazu in Anordnung und Auswahl der Begebenheiten gänzlich Neues hätte geben müssen. Für Nürnberg hat das der stadtfremde Mönch geleistet, ja er hat zu Gunsten der von ihm erkannten verfassungsgeschichtlichen Fragen der historischen Wahrheit, auch wie er sie kannte und kennen mußte, Gewalt angetan. Mit höchster Energie strebt seine Darstellung darnach, die Punkte ins Licht zu setzen, auf denen nach seiner Meinung die Bedeutung des Nürnberg seiner Tage beruht. Deshalb muß Nürnberg eine Römerkolonie sein, die schon zu den alten römischen Kaisern im Verhältnis der Treue, aber nicht unter dem Steuerdruck der Provinzialen steht; es ist schon zur Zeit Ottos I. die „aptissima sedes imperii“, wie in aller Folgezeit, es ist weit älter als die Burggrafen, deren „römischen Ursprung“ er gerade so bestimmt verwirft, wie er den der Stadt behauptet; es ist endlich ein durchaus aristokratisches Gemeinwesen, dessen Blüte und Reichtum ausschließlich auf den Geschlechtern beruht, und deshalb ist der Zunftaufruhr von 1348 nichts als die Erhebung einer katilinarisehen Rotte, für deren Schilderung dann auch Sallust die eindruckvollsten Farben leiht. So entsteht ein Werk ganz eigener Art, historisch fast unbrauchbar, aber die erste politische Tendenzschrift im geschichtlichen Gewände, die der Humanismus hervorgebracht hat. – Felix Fabri ist wahrscheinlich ein wenig jünger als Meisterlin und ist später schriftstellerisch hervorgetreten.9) Er ist Schweizer von Geburt, aber Schwabe durch Schicksal und Neigungen, gehört dem Dominikanerorden, seit 1477 oder 1478 als Lesemeister zu Ulm, an, steht aber ganz im Anschauungskreis der Benediktinerreform, die gerade er uns besonders anschaulich geschildert hat, und von der er eine allgemeine Veränderung der klösterlichen Sittlichkeit herleitet.10) Von der Predigtpraxis seines Ordens hat er die Neigung für das Volkstümliche, das Beobachtungstalent für kleine und kleinste Züge, die Freude an der Anekdote, besonders wenn sie wunderbar oder wunderlich ist. 46 [46] Felix Fabri. Das Evagatonum. Ein wunderliches Menschenkind ist vor allem er selbst, eine merkwürdige Mischung der verschiedensten Eigenschaften und Bildungselemente. In den Jahren 1480 und 1483/4 macht er zwei Pilgerfahrten nach dem heiligen Lande und beschreibt die zweite in einem umfänglichen Evagatorium, der größten und belehrendsten Pilgerschrift, die wir besitzen. Als 12. Kapitel soll ihr eine Beschreibung oder, wie er es bescheiden nennen möchte, ein „Umriß“ von Deutschland, Schwaben und Ulm folgen. Unter der Hand wächst ihm die Arbeit zu einem eigenen stattlichen Buche mit selbständigem Plan – zum ersten Mal führt die Durchwanderung der Fremde zu einer Beschreibung der Heimat. Eigene Anlage und äußerer Anstoß wirken da zusammen. Fabri ist ein Pilger ganz besonderer Art. Wir haben viele Berichte vom heiligen Land, dem einen ist dies, dem andern jenes besonders merkwürdig gewesen, aber keinen gibt es, der so überall das Bewußtsein seines Volkstums mit sich herum trägt, wie dieser Dominikaner. Wo Deutsche sind, die sich in Künsten oder Handwerken hervortun, als Krieger oder Kaufleute eine Rolle spielen, da hat er es bemerkt, und wie er nun den Zug der Alpen, die Italien von Deutschland scheiden, wieder sieht, da bricht er in die Worte aus:u) „0 wie freute ich mich im Herzen, mein Deutschland zu sehen. Einst war es an Weisheit, Macht und Reichtümern arm, jetzt aber ist es an herrlichen Werken nicht nur andern gleich, sondern es übertrifft das geschwätzige Griechenland, geht voran dem stolzen Italien und drückt zu Boden das händelsüchtige Frankreich. Wie wahr ist doch das Dichterwort: Süß ist die Heimat, und läßt uns ihrer nicht vergessen . . . Und zu meinem Reisegefährten sagte ich: Seht Herr Johannes, jetzt erblicke ich die Schwelle meines Heimatlandes, denn die Berge, die wir hier vom Meere aus sehen, die betrachten meine Brüder im Ulmer Konvent von den Fenstern ihres Schlafraums und sehen sie bei klarer Luft täglich.“ Den äußeren Anstoß zu seiner Arbeit über Deutschland gaben ihm vor allem die Werke des Enea Silvio. Die Germania hat er offenbar nicht gekannt; aber an der Europa, die schon 1488 gedruckt vorlag, bildet er – neben den Karten des gerade in Ulm mehrfach gedruckten Ptolemäus – seine geographischen Vorstellungen, ihr entlehnt er weiterhin große Stücke.12) Er nennt diese Quelle nicht, so wenig wie manche andere, die ihm für Historisches dient, da er ihnen ja nur Tatsächliches entnimmt, und das ist Gemeingut. Aber wo er für den Ruhm seiner Deutschen streitet, da muß der Papst Die Beschreibung Deutschlands und Schwaben. [47] 47 als Eideshelfer dienen. Hier haben ihm neben der großen Rede vom Frankfurter Türkentage besonders die Briefe Eneas geholfen. Denn was wüßte er wohl von dem Aufschwung der Wissenschaften „seit Petrarka“ und dem der Künste „seit Giotto“, wenn er es nicht in Eneas Briefen an Heimburg und Niklas von Wyle gelesen hätte?13) Dahin, daß er nach deutschen Künstlern und Schriftstellern forscht, bringt ihn diese Entlehnung nun freilich nicht, aber „wir sehen“, sagt er, „daß heute in Deutschland Malerei und Bildhauerkunst in. höchster Blüte steht, in Italien aber die Beredsamkeit ihre Strahlen wirft“. „Denn“ – so fährt er mit bemerkenswertem Gedankensprunge fort, „in Mainz ist 1459 die Buchdruckerkunst erfunden worden.“ Er ist einer der ersten, die dies und die Erfindung der „Bombarden“ als besondere Ruhmestitel des deutschen Volkes anführen.14) Was er nun freilich als Beschreibung Deutschlands und Schwabens dem Leser vorlegt, ist eine recht bedenkliche Leistung. Nicht sowohl deshalb, weil der geographische Anfang sehr schnell in eine Schwäbische Geschichte übergeht – diese Verquickung von Geschichte und Landesbeschreibung mit Vorwiegen der ersteren fand sich gerade so in Eneas Werken, sie ist ein Kennzeichen der Jugendjahre der geographischen Wissenschaft, wo ihre Jünger noch gar zu leicht aus der schweren Kunst des Beschreibens in die so viel leichtere des Erzählens fallen. Aber Enea weiß, was er erzählt, es ist nicht ungereimt, wenn er bei Westfalen von der Soester Fehde, bei Franken von der Gestalt Albrecht Achills, bei Thüringen vom sächsischen Prinzenraub des Kunz von Kaufungen plaudert. Bei Fabri aber steht neben höchst bemerkenswerten Beobachtungen ein wüstes Durcheinander von Exzerpten, zu deren Vereinigung kaum ein Versuch gemacht ist. Wir können nur bedauern, daß er seinen geographischen Versuch, wie er selbst sagt, „ex Isidoro et aliis et de experientiis propriis“ und nicht bloß aus diesen letzteren aufgebaut hat. Denn was hat er nicht alles gesehen! Den Rheinfall bei Schaffhausen mit den waghalsig hindurchfahrenden Schiffern und den Blautopf bei Blaubeuren; die steten Uferveränderungen des Rheins bei Straßburg, die zu oftmaliger Erneuerung der dortigen Holzbrücke führen, und die allmähliche Abtragung der Alpen. Er beachtet ebenso die Treidelschiffahrt an Donau und Rhein, wie die neuen Straßenbauten Herzog Sigismunds in Tirol. Er weiß auch, daß die Alpen nur äußerlich schreckhaft sind und innen paradiesische Täler bergen und preist das völkerverbindende Meer, das den Menschen ermöglicht, nicht nur Waren auszutauschen, sondern auch sich gegen- 48 [48] Der Tractatus de civitate Ulmensi. seitig kennen und verstehen zu lernen.15) Vollends seine Schwaben hat er in alle Winkel ihres Wesens verfolgt, er weiß von ihrem frommen, zum Klosterlebeu neigenden Sinn so gut wie von ihrer Weltfröhlichkeit und ihrer wortreichen Rede, er bemerkt, daß sie mit den Schweizern sprachverwandt, aber dialektisch verschieden sind, daß die Männer dem Elsaß seine Arbeiter und die Frauen der halben Welt Dirnen und Nonnen stellen. – Wo er dagegen zu umfassenderen Anschauungen durchzudringen sucht, erstickt er in der Fülle seiner Notizen. Es gelingt ihm ebensowenig, die Grenzen des neuen Deutschlands zu finden, das er aus Enea kennt, wie die Ansichten desselben von dem großen europäischasiatischen Zentralgebirge weiterzudenken. Er merkt, daß es mancherlei Orte namens Hall gibt, wo Salz gewonnen wird, aber er zieht es doch vor, Enea zu folgen, der den Namen von dem kleinasiatischen Halys abgeleitet hatte.16) Und die fünf Namen, die er für Deutschland kennt, Alemannia, Teutonia, Germania, Franconia, Cymbria, haben ihm zu nichts weiter, als zu abenteuerlichen Etymologien verholfen. So ist ihm auch im geschichtlichen Teil die fabelhafteste Nachricht die liebste, sei es, daß er die aus der Kaiserchronik stammende Geschichte von den Kämpfen Julius Cäsars mit den Schwaben oder das Hirschauer Klosterhistörchen von der Abstammung Heinrichs HI. von einem Grafen von Calw zu erzählen hat. Eine geordnete Geschichtserzählung ist überhaupt nicht seine Sache, von Julius Cäsar ist er mit einem Satze bei Karl dem Großen, unter dem, wie er meint, erst Deutschland völlig christlich geworden sei; auf Verbindung der einzelnen Nachrichten verzichtet er durchaus, jede Anekdote, die er kennt, bringt ihn zu einem Seitensprung. Danach ist es begreiflich, daß nun der zweite Teil, der die große Stadtbeschreibung Ulms liefert, die Fähigkeiten Fabris, der nur einen kleinen Rahmen zu füllen vermochte, in erheblich besserem Lichte zeigt. Hier schafft er für Ulm, was Meisterlin für Nürnberg geplant hatte und erst Oeltis ausgeführt hat. – Aber wir werden doch fragen müssen, woher Fabri die straffe Ordnung hatte, die ihn lehrte, zuerst von Namen und Ursprung der Stadt, ihrem Umfang, den verschiedenen Erweiterungen, dann von der sozialen Schichtung der Bevölkerung und schließlich von ihrer Verfassung zu sprechen. Es gab ein Schema dafür, das vielleicht bis auf die mittelalterliche Rhetorik zurückgeht,17) aber Fabri hat es kaum gekannt, und auch die Stadtbeschreibungen Eneas mit ihren geistreichen, aber unsystematischen Einzelbeobachtungen haben nicht mehr als Anregungen bieten können. [49] Einfluß der Italiener. Stellung zum Humanismus. 49 Blättern wir aber im Evagatorium, so finden wir gegen den Schluß eine Stadtbeschreibung Venedigs. Auch sie ist, wie er selbst sagt, aus verschiedenen Beschreibungen zusammeugestellt und dann durch eigene Beobachtungen ergänzt. Aber wir lesen doch ganz etwas anderes, als die trockenen Aufzählungen der Reliquienschätze, welche sonst für die Pilger in der Stadt San Marcos die Sehenswürdigkeiten bildeten, oder die Angaben über Schiffslöhne und Fahrgelegenheiten ins heilige Land, wie sie noch dem Nürnberger Patrizier Hans Tucher genügten. Und auch wenn wir die berühmte Reisebeschreibung Bernhard Breidenbachs dagegenhalten, die Fabri kennt und häufig rühmt, so findet sich dort nicht mehr als eine wenig ins einzelne gehende Lobrede auf Venedig. Fabri aber bietet eine weit ausgreifende, mit einer Fülle von Einzelheiten, vor allem aber mit historischen Rückblicken ausgestattete Beschreibung. Er schließt mit ein paar begeisterten lateinischen Versen auf die Größe Venedigs, die „einer von unsrer Schar“, wir dürfen wohl sagen, er selbst gemacht hat, und sagt dann: „Die Stadt findest du aufs schönste und genaueste abgebildet in dem Reisebuch des ehrwürdigen Herrn Bernhard von Breidenbach, eine Beschreibung aber von ihrem Ursprung bis auf die Gegenwart im schmuckvollsten Stil bei M. Antonius Sabellicus in seinen Res Venetae ab urbe condita.“18) – Also wieder ein Italiener, der dem Deutschen die Feder gefühlt und ihn so wohl auch für seine eigene Vaterstadt sehen gelehrt hat. Wie weit nun freilich der Humanismus dabei mitgewirkt hat, ist nicht leicht zu sagen. Fabri weiß wohl, daß sein Stil den Anforderungen der neuen Schreibart nicht entspricht und bemerkt, daß sein Evagatorium bei den Priestern nur Spott finden werde, die statt der Evangelien und Propheten Komödien lesen und Liebeslieder im Versmaß der Hirtendichter singen, den Virgil hochhalten und sich an dem Pomp rhetorischer Wortfügungen ergötzen.19) Tritt er in Venedig in die Kirche seines Ordens, SS. Giovanni e Paolo, so wundert er sich, an den Grabmälern des Pietro und Giovanni Mocenigo den Kampf des Herkules mit der Hydra, nackte Kämpfer und nackte geflügelte Knaben und viel solche Zeichen des Heidentums mitten unter den Symbolen der Religion des Erlösers zu sehen. „Die einfachen Leute meinen“, sagt er, „es seien Heiligenbilder, und verehren den Herkules als Simson, die Venus als Magdalena und so die andern.“ Wenn er dann nach Athen kommt, so fällt ihm wohl ein,20) daß hier Plato und Demosthenes gelehrt haben, aber über diese stellt er doch den Dionysius Areopagita und lacht über die Torheit des Altertums, JoaeUiinsen, GeschioUUauffassuug etc. 4 50 [50] Fabris Patriotismus. das die Stadt ewige Dauer erhofft hatte und sogar ihren Namen von einem Götterstreit herleiten wollte. So hat er sich denn auch seine Ansichten über Jupiter aus Laktantius gebildet, und Venus ist ihm ganz die üble Teufelin des Mittelalters, wie er ja auch des Tannhäuser in diesem Zusammenhange gedenkt.21) – Anders klingt es wieder, wenn er von dein geistigen Aufschwung Deutschlands spricht und die Universitäten erwähnt, auf denen neben Theologen, Juristen, Legisten und Artisten auch Redner und Dichter ausgebildet werden.22) Und wie er in seinem Geschichtsabriß auf Heinrich IV. kommt und findet, daß die italienischen und „gallischen“ Quellen von seiner Frömmigkeit und seiner „Teilnahme an den Kreuzzügen“ garnichts wissen, dagegen bei ihm wie bei seinen Nachfolgern allerlei Schändliches über Bedrückung der Kirche enthalten, da ruft er aus:23) So schreien und schelten die Italiener gegen die Deutschen und Schwaben und zu all dem schweigen die Deutschen und schelten nicht dawider. Und des ist kein andrer Grund, meine ich, als weil die Deutschen die Redekunst nicht haben und nicht die richtige lateinische Beredsamkeit. Wir müssen wohl stumm sein, weil wir uns schmuckvoll, kurz und wohlredend auszudrücken nicht vermögen oder doch nicht verstehen, weil wir es nicht gelernt haben. Denn auch auf unsem Universitäten ist die Rede- und Dichtkunst ganz unbekannt und das ganze Studieren der jungen Leute geht auf in Schlußformen und leerem Gezänk. Wenn ein Schwabe aufstände, der Redekunst mächtig und in der Dichtkunst gewandt, der könnte wahrlich und wahrhaft die Verleumder der alten Fürsten und Kaiser aus Schwabenstamm widerlegen, die Falschheit der Italiener an den Tag bringen und unsrer Fürsten Taten höher erheben als die der Griechen oder Italiener oder Franzosen.“ Wir werden noch sehen, in einen wie bedeutsamen Zusammenhang sich Fabri mit diesen Worten stellt. – Trithemius*4) gehört der nächsten Generation an. Obgleich er durch Not und Entbehrungen zum Studium kam und keinen regelmäßigen Bildungsgang durchgemacht hat, sieht man doch an ihm, wieviel leichter es im Jahre 1480 in Deutschland war, ein Humanist zu werden, als dreißig Jahre vorher. Trithemius studiert in Heidelberg, als hier der Humanismus völlig durchgedrungen ist; er wird ein vir trilinguis, der griechisch bei Celtis, hebräisch bei Reuchlin gelernt hat, mit allen humanistischen Größen seiner Zeit steht er in Freundschaft oder Briefwechsel. [51] Trithemius. Humanismus und Mönch tum bei ihm. 51 Aber der Humanismus ist bei ihm nur Einschlag, seine Persönlichkeit ruht im Mönchtum und zwar in dem der Bursfelder Kongregation. Für sie hat er als Abt von Sponheim und dann von St. Jakob in Würzburg eine unermüdliche Tätigkeit entfaltet. Diese beiden Wirkungskreise bezeichnen zugleich zwei scharf geschiedene Perioden seines Lebens. Dazwischen liegt seine Vertreibung aus Sponheim durch die unbotmäßigen Mönche und einen ihm feindlichen Fürsten, ein Schlag, den Trithemius nie ganz verwunden hat, und sein dadurch veranlaßter Aufenthalt in Köln, Berlin und Heidelberg, wo er zum erstenmal auf längere Zeit aus den Mönchskreisen heraus und in die große Welt tritt. In jeder dieser Perioden finden wir eine Zeit besonders gesteigerter literarischer Produktion. Einmal die Jahre 1491/94, hier entstehen die großen Lexika, der Liber de scriptoribus ecclesiasticis, das Werk De origine, pro-gressu et laudibus ordinis Carmelitarum, der Liber de viris illustribus ordinis Benedictini; sie zeigen uns Trithemius als den Erneuerer der alten Klostergelehrsamkeit. Sodann die Jahre 1507 und 1508, hier entsteht die Polygraphie, der Antipalus maleficiorum, die Abhandlung von den sieben Planetengeistern, geschrieben teils für Maximilian, teils für den Kurfürsten Joachim von Brandenburg; sie zeigen uns Trithemius den Magier, daB Orakel der großen Herrn, den Konkurrenten des Doktor Faust. Beide Ströme fließen zusammen in seinen historischen Werken, der Sponheimer Klosterchronik und der Hirschauer, die sich dann zu den großen Hirschauer Annalen auswächst; Werke, an denen er sein Leben lang gearbeitet hat. Klosterreform ist für Trithemius durchaus Bildungsreform. Wenn die Erneuerung des Sokratischen Gedankens, daß der Wissende nicht schlecht handle, humanistisch ist, so gehört Trithemius mit seiner Arbeit auf diesem Gebiet auch in den humanistischen Zusammenhang. Auch deshalb, weil sein Kloster Sponheim nicht so fast die Pflanzschule einer neuen Mönchsgeneration, als ein gastfreies Absteigequartier für die geistig angeregten Menschen der alten und der neuen Schule wird, „griechisch vom Abt bis zu den Hunden, so daß man sich mitten im jonischen Lande glauben konnte“, wie ein humanistischer Freund 1496 findet. Die Besucherliste25) zeigt neben Celtis, Reuchlin, Dal-berg, Cuspinian, Wimpfeling auch Gabriel Biel, Jakob Spengeler, Roger Venray u. a. Den Eintretenden grüßen von den Wänden der Abtszelle Verse von Sedulius, Juvencus, Fortunat, Hildebert von Tours, Peter von Riga, Walter von Chatillon – Dichter, welche Vinzenz von Beauvais z. T. als modern und als Antidoton gegen die Heiden 4K 52 [52] Der Liber de scriptoribus ecclesiasfcicis. empfohlen hatte, die aber die italienischen Humanisten kaum hätten gelten lassen. Aber darunter steht auch ein Epigramm von Celtis und ein Bildnis des Dichters, das der dankbare Abt hat malen lassen.88) Das Refektorium schmücken die Bildnisse der Äbte, unter jedem ein paar Worte über sein Leben. Und dann folgt die Bibliothek, die Trithemius aus den winzigsten Anfängen zur größten Büchersammlung des damaligen Deutschland gemacht hat. Es ist kein Mönchskerker, aus dem man die Geister der Vorzeit befreien muß, wie Poggio die Klassikerhandschriften aus St. Gallen, sondern eine frei zugängliche Stätte des Studiums. Nicht leicht wird hier etwas vergeblich gesucht, von den Zeiten der irischen Mönche und der ersten Blüte deutscher Klosterbildung bis zu den jüngsten Erzeugnissen des Humanismus. Denn Trithemius steht durchaus auf der Meinung des hl. Hieronymus, daß die Bienen aus jeder Art Blüten Honig zu saugen verstehen.27) Ja, eigentlich sind ihm das alles „geistliche Schriftsteller“, auch Boccaccio mit dem Dekamerone und Poggio und Valla, wenn er die Mönche auch vor den Facetien warnt und bedauert, daß Valla sein Buch von der Konstantinischen Schenkung veröffentlicht habe.28) Und so erscheint denn auch in dem großen Katalog der geistlichen Schriftsteller diese ganze humanistische Kohorte, Italiener, Franzosen und Deutsche, im Gefolge von Augustin und Hieronymus, Johannes Gerson und Nikolaus de Lyra. „Denn,“ sagt Trithemius in seinem Verteidigungsbriefe an einen observanten Franziskaner, der das getadelt hatte, „ihre Werke tragen nicht wenig bei zur Kenntnis der heiligen Schriften, vielleicht auch haben Bie etwas Geistliches geschrieben, wenn nicht, mag sie die Erwähnung an dieser Stelle anregen, es zu tun, um sich ihren Platz zu verdienen.“89) Es ist nach diesen Worten klar, daß das Buch trotz seiner merkwürdigen Zusammenstellung und trotz der Widmung an Johann von Dalberg nichts mit den humanistischen ßuhmeshallen zu tun hat, wie sie Enea Silvio, sodann in Italien Bartolomeo Fazio und andere errichtet hatten, in Deutschland Eitelwolf von Stein, ein Freund des Trithemius, wohl errichten wollte.80) Seine Vorbilder nennt Trithemius selbst: es sind Hieronymus, der der heidnischen Literaturgeschichte des Sueton eine christliche entgegengestellt hatte, und dessen Nachfolger, unter ihnen für Trithemius am wichtigsten Sigebert von Gembloux, der die Gelehrsamkeit des elften Jahrhunderts von ähnlichen Gesichtspunkten aus katalogisierte, wie Trithemius die des ausgehenden fünfzehnten. Trotzdem beansprucht das Werk in unserm Zusammenhang eine Der Liber de illuBtribus viris Germaniae. [53] 53 Stelle. Denn BUB ihm erwächst der Liber de luminaribus sive de illustribus viris Germaniae.31) Nicht ohne äußere Anregung. Jakob Wimpfeling ist es, der dem gelehrten Abte nahelegt, aus dem Dickicht der 900 Namen des Katalogs die Deutschen herauszulesen, damit man sehe, was schon Hieronymus und Enea Silvio andeuten, Deutschland sei nicht immer das kulturlose Land des Tacitus geblieben, es habe längst eine, freilich vergessene, Kulturblüte gehabt.32) Die Anregung fällt bei Trithemius auf guten Boden. Er hatte schon in seinem Katalog, wo er nur immer deutsche Abstammung vermuten konnte, sein „natione Teutonicus“ hinzugesetzt, hatte bei Hrabanus Maurus bemerkt, daß Italien nicht seinesgleichen hervorgebracht habe, und den Verlust der Zeugnisse über die alte Größe der Deutschen, insbesondere des Plinius über die deutschen Kriege, empfindet er wie einst Meisterlin und zu seiner Zeit so viele.83) So entsteht das neue Buch. Der Titel täuscht wie der des Katalogs. Wüßten wir nicht, daß es nur ein wenig veränderter und dürftig vermehrter Auszug aus diesem ist, so müßten wir uns, wie dort über die Fülle, so hier über den Mangel wundern. Daß z. B. keiner von den Malern und Kupferstechern hier Aufnahme gefunden hat, die Wimpfeling in Beiner Lobschrift auf Deutschland so wohl zu verwerten wußte! – Darüber hat sich Trithemius keine Gedanken gemacht, er gab nur einen Auszug. Aber die Frage nach den Grenzen seines geistigen Deutschland mußte er sich vorlegen. Er beantwortet sie, wie Enea Silvio: scrip-tores omnes in Germanos posui, quos fuisse Theutonicos inveni. Denn auch die aus dem Moselland und aus Trier sind nach Sitten und Sprache Deutsche, wenn sie auch einen großen Teil der alten Gallia Belgica bewohnen.84) Von den Zusätzen, die das neue Buch zum alten Katalog bringt, ist nur einer wichtig, der Artikel über Karl den Großen. Damit aber kommt der Mittelpunkt in den Kreis, der für Trithemius der allerwichtigste ist, von dem seine historische Auffassung der deutschen Vorzeit vor allem ausgeht. Henri Pirenne hat einmal85) gesagt, die Landschaften am Niederrhein, die das heutige Belgien bilden, haben stets einen undefinierbaren karolingischen Charakter bewahrt, der sie von den andern Staaten Europas unterscheidet. Man denkt bei Trithemius an diese Worte, obgleich er nicht diesen Landschaften entstammt. Er lebt in dieser karolingischen Kultur, ihrem Kreise entstammen seine wichtigsten Entdeckungen, die Briefe des Bonifatius und Lull, die Fuldaer [54] Trithemius und die Karolingerzeit. Meginfried. Reichsannalen, Richer, Flodoard, Regino, Frechulf von Lisieux, Otfried von Weißenburg – und die erste seiner berüchtigten Fälschungen, der Meginfried. Seine Studien zur Ordensgeschichte haben ihn auf diese Zeit geführt. Hier sieht er die Benediktinerklöster als Mittelpunkte der geistigen Kultur. Sie sind für die Mönche damals, was die „gyni-nasia publica“ jetzt für alle sind. Sie müssen auch einen Zusammenhang unter sich haben, wie die humanistischen Sodalitäten, die Celtis gründete, oder wie die Klöster der Bursfelder Union, die Cusa zusammengeschlossen hatte. Das Mutterkloster ist Fulda. Fulda unter Hraban erscheint so, wie Sponheim nach des Trithemius Wunsche unter ihm sein sollte, und es trifft sich, daß er auch sein Schicksal mit dem von Hraban und Regino vergleichen darf.86) Hier in Fulda also muß sich auch der Chronist befinden, der von diesem und so vielen andern Klöstern aus der Zeit ihrer Blüte zu erzählen weiß, nicht nur ein „Chronograph“, sondern auch ein Dichter, der aber seine Kunst im Sinne des Trithemius nicht zu nichtigen Spielereien, sondern zu Ehrenmalen der großen Verstorbenen verwendet, das ist Meginfried. Ludwig Traube, der große Pfadfinder auf dem Gebiet der mittelalterlichen Philologie, hat uns gezeigt, wo wir ihn zu suchen haben: nicht in Fulda, sondern in St. Riquier, der einst so berühmten Abtei Angilberts in der Picardie.37) Mit den Gedichten, die er hier las, bringt Trithemius ein buntes Material zusammen, das er kühn, aber anscheinend doch mit Wahrung der Gleichzeitigkeit von andern Klöstern auf Hirschau überträgt, und gewinnt daraus den Stoff, um der Geschichte des Klosters im Schwarzwald zwei Jahrhunderte fabelhafter Jugendgeschichte anzustücken. Ist so alles einzelne hier Trug, so ist doch ein Stück deutscher Vergangenheit gewonnen, das für alle Früheren im Dunkel lag. Und Trithemius begnügt sich nicht mit dem Aufspüren der Zusammenhänge klösterlicher Kultur. Bei Karl dem Großen hören wir von dessen Aufzeichnungen der deutschen Volksrechte und von seinem Versuch einer deutschen Grammatik. Mit diesem aber setzt Trithemius den Christ Otfrieds von Weißenburg in merkwürdige Verbindung. Er kennt als erster die Handschrift, vielleicht noch in Weißenburg selbst, und bedauert nur, daß er das Deutsch Otfrieds nicht lesen könne, da es von dem seiner Zeit soweit abstehe wie Etruskisch vom Latein.38) – Für die eigentlich historische Schriftstellern Tritheims ist es Trithemins und Maximilian. [55] 55 “wichtig, daß er in der Form der Klosterchronik, wie sie ihm die Karolingerzeit bietet, das Vorbild für seine eigenen Aufzeichnungen sieht. Er macht bemerkenswerte Ansätze zu einer Selbstbiographie, aber er versteckt das beste davon in seiner Sponheimer Klostergeschichte89), seine Quellenstudien treiben je länger je mehr einer deutschen Geschichte zu, aber was davon fertig geworden ist, liegt in Hirschauer Annalen vor. Und mochte er hier noch so sehr zeigen, daß er historische Quellen nicht nur zu finden, sondern sie auch zu charakterisieren und ihnen Platz und Bedeutung zu geben wußte, das Ergebnis ist doch nicht mehr, als eine Rückkehr zu dem Standpunkt Ekkehards und Sigeberts, nur ohne deren kritische Klarheit. Daß er wenigstens in einem Punkte weitergekommen, zu einer selbständigen Auffassung deutscher Geschichte vorgedrungen ist, verdankt er, wenn nicht alles täuscht, jenen für sein persönliches Geschick verhängnisvollen Jahren 1505/7, die ihn mit Kaiser Maximilian in Berührung brachten. Von den mancherlei Bestrebungen Maximilians fanden zwei bei Trithemius das willigste Echo, die astrologischen Spekulationen und die genealogischen Hypothesen. Für Maximilian, den lebensfrischen, ewig projektierenden, konnte die Aussicht nichts Freundliches haben, daß am Ende dieses römischen Reichs – und nach der Meinung der Prophezeiungen wohl gar bald – das Reich des Antichrists stehe. Eine andere Auffassung des Weltenplans bot damals nur die Astrologie, und Trithemius hat sie für Max in der „Mystischen Chronologie“ oder der Abhandlung von den sieben Planetengeistern, deren jeder eine bestimmte Zeit die Welt regiert, niedergelegt.40) Es ist eine sehr willkürliche Periodisierung der Weltgeschichte, aber interessant, da sie mit so leichter Hand die bis dahin feststehenden Einschnitte verlegt und in eine reichlich bemessene Zukunft hinausweist. Die Arbeit steht in gar keinem Zusammenhang mit den übrigen historischen Werken des Trithemius, auch später hat er davon keinen Gebrauch gemacht. Viel wichtiger wird sein Bestreben, auch den genealogischen Wünschen des Kaisers zu dienen, ihm entstammt seine zweite Fälschung, der „zuverlässige Geschichtschreiber der Urzeit der Franken“, der Hunibald. Auch mit seinen Fälschungen steht Trithemius in der Mitte zwischen Humanismus und Mönchtum. Dies fälscht, um seinem Kloster einen Rechtstitel oder den Gebeinen seines Heiligen eine 56 [56] Hunibald. Wundergeschichte von ehrwürdigem Alter zu sichern, der Humanismus aus Ruhmsucht oder aus der Empfindung, daß das Altertum, in dem man zu leben gesonnen ist, kein Torso sein dürfe. Meginfried und Hunibald sind aus einer Kreuzung dieser beiden Empfindungen hervorgegangen. Hunibald ist das bei weitem saftlosere Produkt der Phantasie des Trithemius. Wenn er überhaupt nach einer Vorlage gemacht ist, so kann sie nur in einer Ableitung der Geata Francorum zu suchen sein, vielleicht in einer der zahlreichen niederländischen Reimchroniken.*1) Ein paar Bemerkungen von Trithemius scheinen darauf hinzudeuten. Die Tendenz ist, die Franken, an deren Könige das Haus Habsburg angeschlossen wird, zwar ihres trojanischen Ursprungs, den ihnen schon Fredegar gegeben hatte, nicht zu berauben42), aber ihre Ankunft in Deutschland aus der Zeit Kaiser Valentinians im 5. Jahrhundert nach Christus um ebensoviel Zeit vor Christi Geburt heraufzurücken, so daß ein Frankenreich geschaffen wird vor jeder Spur römischen Einflusses auf Deutschland. Wenn bei der Ausführung dieses Planes etwas auffällt, so ist es die geflissentliche Vernachlässigung der beglaubigten Nachrichten über die germanische Frühzeit, die doch leicht Farben zu dem Bilde hätten geben können. Originell ist an dem Machwerk des Trithemius gar nichts, als etwa in der äußeren Geschichte der Bund zwischen Sachsen, Thüringer und Franken gegen Gallier, Römer – und Goten, in der inneren von allgemeinen Gedanken die Ablehnung jeder Vorstellung eines kulturlosen Urzustandes, von besonderen die Heraushebung der Stellung der Priester, die – in allen Wissenschaften kundig und in Rom und Athen gebildet – nicht nur die einzigen Berater der Könige, die Verkünder der Zukunft, sondern auch die Geschichfr-Schreiber des Volkes sind. Er weiß von solchen, die deutsch geschrieben haben und auch die Taten der Vorfahren in Lieder faßten, die die Jugend lange Zeit auswendig lernte, bis der Brauch abkam. Aber das alles ist Nebensache gegen eine wichtige Erkenntnis, die“ Trithemius aus seinem Hunibaldkodex schöpft. Es hat ein Frankenreich gegeben, das alt und stets unabhängig von Rom war, und seine Fortsetzung ist das alle deutschsprechenden Stämme umfassende Königreich Germanien, das bis auf den heutigen Tag besteht, wenn ihm auch seither das Kaisertum „einverleibt und unterworfen worden ist“, und das auch weiterbestehen wird, wenn das Kaisertum etwa einmal zu einer andern Nation kommen sollte. Das ist die große Entdeckung, die Trithemius ßeinem Freunde Das Königreich Germanien. [57] 57 Baselius in der Zuschrift des zweiten Teils der Hirschauer Annalen mitteilt. „Deshalb,“ sagt er, „habe ich hisher zu Unrecht von einem römischen König gesprochen, wo ich König von Germanien hätte sagen müssen, und auch die Reichsstädte sollten königliche, nicht kaiserliche heißen.“ Gemacht aber hat Trithemius diese Entdeckung in den Jahren^ wo er mit Maximilian in nähere Berührung getreten war, sich als sein theologischer Berater betrachten durfte und, wie 1508, mehrere Monate dem Hofe folgte. Es sind die Jahre, in denen Maximilian sich vor allem mit dem Plan der Romfahrt trug, die dann vor den verschlossenen Pässen Italiens in Trient mit der Proklamation zum erwählten römischen Kaiser aus eigenem Recht endete. Trithemius, sonst ein so getreuer Chronist der Zeitereignisse, hat dieses gar nicht aufgezeichnet, für ihn ist Maximilian schon längst der erwählte römische Kaiser. Über Italien mag er auch damals gedacht haben, wie er seinen Rudolf von Habsburg nach der Klingenberger Chronik sagen läßt48), es sei eine Höhle des Löwen, wo viele Spuren hinein, aber keine herausführen. Vor den treulosen Venetianern hat er öfter gewarnt und eine Erweiterung der Grenzen Germaniens schwerlich gebilligt, wie er denn wiederholt die friedlichen Fürsten lobt, die mit dem ihrigen zufrieden sind.44) Um so eifriger wacht er freilich über der Erhaltung der alten deutschen Grenzen, und so richtet sich seine Erörterung vom Königreich Germanien vor allem gegen die Franzosen. Er weiß, daß sie schon zweimal, 1308 und 1325, die Kaiserkrone erstrebt haben und dies immer noch tun. Aber selbst wenn ihnen das gelänge, so sollen, doch die Städte zwischen Rhein und Mosel deutsch bleiben, wie sie sind.45) Vielleicht dünkte ihm diese Ansicht eine kräftigere Waffe in dem Streit mit den Franzosen, als die Deklamationen der Elsässer über das Deutschtum Karls- des Großen. Hatte ja auch Enea Silvio gerade an der Stelle seiner Europa, wo er sich für die deutsche Abstammung Karls des Großen erklärt, den Deutschen nur ein Gewohnheitsrecht auf die Kaiserkrone zugesprochen. Sicherlich aber kannte Trithemius die Prophezeiungen, die Deutschland den Verlust des Kaisertums. Bchon in der nächsten Generation in Aussicht stellten, und er war nicht so kühn wie der Tübinger Heinrich Behel, hier von Lügenpropheten zu sprechen.46) Sodann aber mag ihm diese Geschichtsauffassung wohl als die beste Vermittlung in dem Zwiespalt zwischen Kirchlichkeit und [58] 58 Zwiespalt zwischen Kirchlichkeit und Deutschtum. Deutschtum erschienen sein, der sich durch all seine historischen Werke zieht. Trithemius ist viel zu sehr Mönch, um nicht Heinrich IV., Friedrich 1. und IL, Ludwig den Bayern in ihrem Kampf mit der Kurie zu verdammen. Wenn er in diesem Punkte je geschwankt hat47), so haben ihn die Erfahrungen des eigenen. Lebens immer wieder auf die Seite der kirchlichen Autorität gedrängt. Aber die menschliche Größe der Kaiser, wie Heinrichs IV. und selbst Friedrichs H. ergreift ihn doch48), und wenn er bei Friedrieh Barbarossa auch nicht, wie in der astrologischen Geschiehtsperiodisierung für Maximilian, bloß von seinem Kampf mit den „römischen Großen“ reden kann, so möchte er doch mancherlei von seinen Verirrungen auf schlechte Berater schieben.49) In seinen staatsrechtlichen Anschauungen ist Trithemius unsicher, wie die meisten dieser Vermittler. Ein politisches Verständnis für die kurfürstliche Neutralität von 1438 hat er ebenso wenig wie für die pragmatische Sanktion der Franzosen. Und als ihn Maximilian 1511 wegen der Beschickung des Konziliabulum von Pisa befragt, rät er eindringlich ab, denn der Kaiser sei doch nur Kaiser als Schutzherr der Kirche, sonst hätte diese ja das von Konstantin erhaltene Imperium sich selbst bewahren können.50) Scheint es ihm zweifelhaft, ob der Papst Heinrich IV. zu Recht abgesetzt habe, so steht er doch weit weg von Dante und Occam, die, wie er meint, die Autorität des Papstes auch im Geistlichen ganz vernichten und sagen, daß das Imperium der Kirche gar nicht unterworfen sei.51) Nach ihm ruhen beide Gewalten in eigenen Rechten: das Papsttum seit Hadrian III., wo festgesetzt worden ist, daß die Papstwahl von jedem Einfluß, auch dem der Kaiser frei sein müsse, das Kaisertum seit Gregor V., der, wie er meint, bestimmt habe, daß die Würde des Imperiums beständig bei den Deutschen bleiben müsse, und wer von den deutschen Fürsten gewählt werde, ohne Weigerung vom Papst zu krönen sei. – „Quae constitutio iam per annos quattuordecim et quingentos ad hunc diem usque servata est.“52) – „Me sola Hirsaugia gaudet“ hatte Trithemius unter den ersten Teil seiner Annalen gesehrieben. Sein letztes und bedeutendstes Werk ■schrieb er für die Mönche53), und bei ihnen ist es fast zwei Jahrhunderte vergraben geblieben. Trotz Meginfried und Hunibald müssen wir das bedauern. Wer verfügte im damaligen Deutschland über eine auch nur annähernd gleiche Kenntnis der echten Quellen deutscher Geschichte! Wer konnte Rather von Verona, Lambert, Benzo von Alba, Petrus Damiani charakterisieren und einordnen, wie er es getan hatte? Die Trithemianer. [59] 59 Wer sah weit genug, um die Antapodosis Liutprands mit Piatinas Leben Pauls II. zu vergleichen! Man meint, hier hätte den Bestrebungen der Celtis, Pirkheimer, Peutinger diese Quellen ans Licht zu ziehen, sie durch den Druck vor neuer Vergessenheit zu bewahren, der kräftigste Helfer erstehen müssen. Vielleicht wäre das geschehen, wenn Trithemius sich 1507 entschlossen hätte, dem Anerbieten dieser Freunde zu folgen, die ihm ein Heim in Augsburg in Aussicht stellten, wo er mit einem Jahr-geld Maximilians „fern von allem Weltlärm“ hätte philosophieren können. Er wäre damit in einen der großen Mittelpunkte humanistischer Forschungs- und Herausgebertätigkeit gerückt worden, sicher zu seinem Heil. Aber Trithemius lehnte ab. Er wollte Mönch sein und bleiben, und er geht auch weiterhin seine eigenen Wege. Man darf zweifeln, ob er der Aufforderung Pirkheimers die alten Quellen drucken zu lassen nachgekommen wäre, auch wenn ihn nicht 1516 der Tod überrascht hätte. In seinen Annalen rühmt er die Buchdruckerkunst als deutsche Erfindung, freilich mit den Worten eines Italieners, aber die Schreibtätigkeit der Mönche betrachtet er doch als die verdienstvollste Klosterarbeit, wie sie es für die alten Benediktiner von Fulda und St. Gallen wirklich gewesen war.51) Dies Rückschauen in eine nun einmal nicht wiederzubringende Vergangenheit hat sich gerächt. Die Büchersammlungen, die Trithemius angelegt hat, sind schon bald nach seinem Tode in alle Winde zerstoben, kaum, daß sich da oder dort noch ein Stück aus der alten Schatzkammer nachweisen läßt.55) Sein Entdeckerruhm, von dem sich keckere Nachfolger mehr angeeignet haben mögen, als wir heute nachweisen können, ist schnell verdunkelt worden. Das Interesse der Humanisten an ihm erlischt, als sich der Hunibald als Trug, der Nachlaß als disiecta membra erweist56), und die Schar der „Trithemianer“, deren er sich schon bei Lebzeiten rühmen konnte, rekrutiert sich aus Mönchen. Namen von Klang sind nicht darunter. Wolfgang Trefler in Mainz, Paul Lang in ßosau und Johann Butzbach in Maria Laach mögen die bekanntesten sein.57) Sie haben sich, wie ihr Meister, auch auf historischem Gebiet versucht, aber ohne ihn zu erreichen. Und wenn einer wie Butzbach mit seinem Wanderbüchlein einen glücklicheren Griff tut, so ist das ein Jugendwerk, dem keine Weiterentwicklung entspricht. Als die Abrechnung zwischen Humanistik und Scholastik kommt, finden wir sie unter den viri obscuri. Den großen Strömungen des Humanismus Btehen sie fremd, ja feindlich gegenüber, schon weil ihr Wahlspruch der ihres Meisters bleibt, 60 [60] Das Elsaß und der Humanismus. daß die Weisheit stets in den Kutten gesteckt habe und noch darin stecke.58) Es ist der Punkt, der das reformierte Mönchtum überhaupt von derjenigen Gruppe des Humanismus scheidet, die ihm in allem übrigen nächstverwandt ist, den Elsässern um Geiler, Brant und Wimpfeling.59) Von Geiler, Brant und Wimpfeling hat man gesagt, daß an ibnen Einsiedler verloren gegangen seien. Wimpfeling datiert mehrere seiner Schriften aus seiner Schwarzwaldeinsiedelei, dreimal scheint er im Begriff, sich ganz von der Welt zurückzuziehen. Aber gerade er kommt 1505 mit Trithemius in Zwiespalt darüber, ob der hl. Augustin ein Mönch gewesen sei,- er will es schon deshalb nicht zugeben, damit Augustins Werke nicht von den Klugen dieser Welt verachtet würden. Man hat den Streit, der auf beiden Seiten weitere Kreise zog und sich zu einem Kampf zwischen Weltpriestertum und Mönchtum,. ja beinahe zwischen Klosterbildung und Universitätsbildung aus-wuchs60), nicht mit Unrecht ein Vorspiel zum Reuchlinschen Handel mit Pfefferkorn genannt.61) Daß sich die Elsässer Humanisten von der Welt zurückzogen, verhinderte vor allem das drängende Leben dieser Welt selbst, das sie mit tausend Fäden gefangen hielt. Nicht leicht zu irgend einer andern Zeit hat das Elsaß sich so deutlich als das Küstenland eines großen Kulturstroms gezeigt, an das alles Neue sogleich und kräftig angetrieben wird. Vom Norden kommt der Schulbetrieb und die devotio moderna der Brüder vom gemeinsamen Leben, vom Süden der Humanismus, teils von Italien direkt, teils von Basel, wo Johann Heynlin von Stein ihn mit einer Reform der Philosophie verbindet, von Frankreich her der Aufschwung der mathematischen Studien, die zugleich die Aufmerksamkeit auf Geographie im allgemeinen und die neuen Entdeckungsfahrten im besonderen lenken. Von hier aber auch die politische Bedrohung, zunächst durch den Burgundischen Koloß, dann nach seinem Fall, dessen Zuschauer das Elsaß wird, durch den unruhigen Ehrgeiz Karls VÜI. Und als nun der jugendliche Maximilian die nie ganz erloschenen besonderen Beziehungen des Elsaß zum Hause Habsburg neu zu beleben weiß, da fühlt sich das Land wieder wie einst als rechtes Reichsland, zumal ja nicht, wie anderswo, ein einheimisches Fürstenhaus einen Teil dieser Gefühle für sich beansprucht, auch nicht eine große Kommune sieh völlig aus ihrer Umgebung herausgehoben hat, Sebastian Brant. De laude Hierosolymae. [61] -wie Nürnberg aus dem fränkischen, Augsburg aus dem schwäbischen Kulturkreis. Auch der bei aller Stammverwandtschaft immer deutlicher empfundene Gegensatz zu den Schwaben einerseits, den Schweizern anderseits kommt dieser Wendung zum Eeiche zugute. So entsteht ein besonderer Patriotismus, der längst auch nach historischem Ausdruck gesucht hat. Aus der Zeit des ersten Habsburgers stammten die 28 historischen Glasgemälde im nördlichen Seitenschiff des Straßburger Münsters, die nicht, wie sonst etwa bei ähnlichen Vorwürfen, die vier kühnsten Heiden, die vier weisesten Juden, die vier frömmsten Christen usw. darstellten, sondern die Reihe deutscher Herrscher seit Karl Martell. Sie fanden ihre Ergänzung in den drei gekrönten Reiterstatuen der Fassade: Chlodwig, Dagobert und Rudolf von Habsburg. Angegeben hatte diese Darstellungen vielleicht der Mann, dem Straßburg auch die Aufzeichnung seines Entscheidungskampfes mit der bischöflichen Gewalt und damit die Anfänge städtischer Aunalistik verdankt, der große Ellenhard vom Münster.63) Etwa 100 Jahre später schreibt Königshofen. Schon ihn beschäftigen Fragen, wie die nach der „Gründung und Bekehrung von Deutschland und Straßburg“64), nach der Entstehung der deutschen Sprache65), vor aEera nach dem Deutschtum Karls des Großen. Der Humanismus ist kaum ein wenig erstarkt, so versucht er sich dieses Erbes zu bemächtigen. Brant und Wimpfeling machen sich daran. Nach Talent, Neigungen und Lebensstellung scheint Sebastian Brant den Vortritt beanspruchen zu können. In Basel den Humanitätsstudien gewonnen, juristisch gebildet, früh den Blick mit satirischer Schärfe und sorglichem Vaterlandsgefühl auf die große und kleine Welt richtend, dann als Syndikus und Stadtschreiber in Straßburg fast 20 Jahre im Mittelpunkt der Geschäfte eines großen Gemeinwesens, endlich der Berater Maximilians bei dessen historischen Plänen – wer erscheint geeigneter als Brant, dem neuen Zeitalter ein Geschichtswerk von Wert zu geben? In welchem Sinne er es angelegt hätte, zeigt bereits das Buch, das Brant im Jahre 1495 Maximilian widmete: De origine et con-versatione bonorum regum et laude civitatis Hierosolymae cum exhortatione eiusdem.66) Es ist ein Stück Türkenliteratur, die besonders seit dem Fall Konstantinopels sich üppig entfaltet hatte. Schon die ersten Reden von den Türkenreichstagen hatten historische Rückblicke gebracht, die Ausdeutung der Prophezeiungen führte ebenfalls dazu67), alte Beschreibungen der Kreuzzugsfahrten finden willige [62] Varia Carmina. Leser und auch Übersetzer68), in den Reisebeschreibungen des heiligen Landes nimmt der historische Teil eine besonders wichtige Stelle ein.69) Von all dem hat Brants Buch etwas. Die guten Könige sind die, welche die Christenheit vor den Ungläubigen geschützt haben, und man sieht wohl, wie sich ihm unter diesem Gesichtspunkt auch die deutsche Geschichte ordnet. Karl der Große bekommt die Kaiserkrone, „um die Kirche und das Imperium zugleich“, die im Orient verfallen sind, im Occident zu errichten, sein Kreuzzug wird nach der Legende getreulich berichtet; Otto verdient sich das Kaisertum durch seinen Ungarnsieg70), Friedrich Barbarossas Ruhm beruht nicht zuletzt auf seinem Kreuzzug, während Heinrich IV. vor allem deshalb als ein ganz verruchter Mensch erscheint, weil er die Fürsten durch Beschäftigung in inneren Kriegen von dem glorreichen Zug ins heilige Land abhielt.“) Das ist also etwa der Standpunkt Fabriß, nur geschichtlich besser begründet. Allerdings nicht gerade auf tiefen Quellenforschungen, aber doch auf guten Werken der Neueren, zumal der Italiener, wie der Geschichte Venedigs des Sabellicus, den Papstbiographien des Piatina, den großen Türkenreden des Enea Silvio.73) Diese müssen dann auch Stoff und Form für den Schluß abgeben, in dem Maximilian feurig ermahnt wird, sich den guten Königen anzuschließen und an der Spitze des St. Georgsordens ins heilige Land zu ziehen.74) Der deutsche Kaiser als Vorkämpfer der Christenheit mit ritterlichen Scharen gegen die Türken ziehend und damit als rechter Herr der Welt sich erweisend – das ist Brants Ideal sein Leben lang geblieben.75) 1498 läßt er der zweiten Ausgabe von Jakob Lochers Latinisierung seines Narrenschiffes einen lateinischen Gedichtanhang folgen, der, wenn man so sagen darf, ein Stück seiner Geschichtsphilosophie enthält.76) Hat das Narrenschiff die Torheit der einzelnen Stände gegeißelt, so folgt jetzt die tiefsinnige Frage, warum denn so viel Torheit auf der Welt sei. Brant beantwortet sie damit, daß die rechte Ordnung verrückt sei. Im alten Bunde seit dem Sündenfall, so daß kein Reich lange hat bestehen können, im neuen, seit die Ordnung Konstantins, durch die Christus der Herr geworden und jedes weltliche Szepter vom Papst verliehen ist, gestört wird. Das ist der Pessimismus des Satyrikers, der nur für sein Deutschland dem Optimismus des Patrioten weicht. Denn das deutsche Reich ruht, wie es sein soll, auf Kaiser, Kurfürsten und Reichstagen, und wenn er bei den letzteren, einem alten Witzwort vom Basler Konzil, das Die „Gelegenheit teutscher Land“. [63] 63 Enea Silvio populär gemacht hatte, folgend, eine spöttisch - zornige Abschweifung darüber bringt, daß ja einer nur den andern gebäre, so singt er doch gleich seine Palinodie: hat doch der Wormser Reichs-tag durch das einmütige Zusammenwirken von Kaiser und Ständen den Landfrieden und die Reichssteuer gebracht, von denen sich Brant eine neue Zeit erhofft. Trotz dieses Ausblickes werden wir nach dem bisherigen wenig Ursache haben, Brant zu den humanistischen Historikern zu steEen. Vielleicht auch nicht, wenn wir uns von seiner Tätigkeit als amtlicher Annalist der Stadt Straßburg nach den dürftigen Resten, die uns übrig geblieben sind, eine Vorstellung zu machen suchen.77) Denn, die „gedächtnüssbüchl“, mit denen er wie seine Vorgänger die Ereignisse der Stadtgeschichte möglichst unmittelbar zu begleiten hatte, sind eben offenbar nur „etwas prolixer und dicker“, sonst aber von alter Art gewesen. Und auch die Chronik, die nebenherging, würden wir nach den spärlichen Hinweisen und einer größeren Probe durchaus für ein Werk mittelalterlicher Stadtchronistik halten müssen, hätte uns nicht Caspar Hedio ein Einleitungskapitel erhalten, das die „Gelegenheit teutscher Land“ bespricht.78) Hier weht neuer Geist. Die Frage nach dem Unterschied der Grenzen des alten und neuen Deutschland, die Enea Silvio aufgeworfen, Fabri weiter zu verfolgen gesucht hatte, beantwortet Brant auf Grund der besten Quellen. Caesar, Tacitus, Plinius und Strabo werden einwandfrei verwertet. Brant bemerkt den beständigen Wechsel in den Sitzen der alten Stämme, der die Identifizierung der überlieferten Namen erschwert, ebenso die gewaltigen Veränderungen, die die Kultur in dem Antlitz des Landes hervorgebracht hat. Wenn er aber sodann Rhein und Donau in ihrem Laufe verfolgt, so glauben wir trotz einer wehmütigen Bemerkung über den Kaiserstuhl zu Rense oder einer antiquarischen Notiz über das ubische Köln mehr den. reisenden Kaufmann zu hören, der Zollstätten und Brücken notiert als den Beobachter von Land und Leuten und die „Summa aller Macht teutscher Nation“, mit der das Fragment schließt, ist breiter, aber nicht tiefer als die Statistik des Kolmarer Dominikaners aus der Zeit Rudolfs von Habsburg. So mag man zweifeln, ob Brant auch bei größerer Muße die weitertragenden Gedanken der Schlußrede dieses Abschnitts79) zum Programm eines einheitlichen historischen Werkes hätte machen können. Den Zeitgenossen und uns bleibt er der Vex-fasser des Narrenschiffs und muß den Ruhm der ersten Darstellung deutscher Geschichte 64 [64] Jakob Wimpfeling. oder doch wenigstens ihrer Herausgabe an Jakob Wimpfeling überlassen. Auch Wimpfeling hat früh Gelegenheit gehabt historisches Interesse zu gewinnen. Vielleicht schon in Schlettstadt, wo in des alten Dringenberg halbhuinanistischer Schule historische Reimereien einen besonders beliebten Ubungsstoff geboten zu haben scheinen80), sicher in Heidelberg, wo er die in Schlettstadt gelernte Kunst in der Umgebung Friedrichs des Siegreichen verwendete – die Proben sind ■dann, wie wir sahen, von Matthias von Kemnat als gute Beute für seine Chronik benutzt worden. Wichtiger, wenn auch nicht poetischer als diese, sind zwei Gedichte aus der gleichen Zeit auf den Tod Peter Hagenbachs und die Schlacht bei Murten. Sie zeigen bereits Wimpfe-lings Gesinnung: die Schlacht bei Murten ist für ihn ein Sieg der Deutschen über die Franzosen.81) Historische Kunst konnte Wimpfeling von Matthias von Kemnat kaum lernen. Aber auf die Richtung seiner Interessen mag der pfälzer Hofkaplan einigen Einfluß gehabt haben. Bei dem erfolglosen Sturm Karls des Kühnen auf Neuß, der den Schlachten von Granson und Murten vorherging, hatte Matthias in seiner Chronik allerlei wehmütige und warnende Betrachtungen über die Lage des Reichs geboten. Er mahnt die Fürsten dem fremden Dränger einmütig zu widerstehen: „Dutt ire das, uch kriegt kein Wale, Beham oder Unger. Wan ire selbs eing sint, gewint ire nit vil, so behaltet ir doch deutsch lant, das es euch niemant angesigt, got woEe es dan gestrafft han, als gestrafft ward die statt Rome durch ire Verachtung und hochmut.“ Und nun kommt ein Überblick über die Geschichte -des römischen Reichs, damit Kaiser und Fürsten sich ein Exempel daran nehmen und „die edele kröne vnd chur der keiserlichen maje-stat“ nicht abdringen lassen.89) Matthias mochte sich hier wohl als scutifer imperii erscheinen, wie sein Lehrer Luder. Es ist die Rolle, in der sich Wimpfeling sein Leben lang gefallen hat. 1492 hat er seine erste literarische Fehde; als Wortführer der erregten öffentlichen Meinung und als selbsternannter „Redner des römischen Königs“ stellt er den französischen Gesandten Robert Gaguin für die Übergriffe seines Herrn, den Raub des „Fräuleins von Britannien“ und die schmachvolle Zurücksendung der Habsburgerin Margaretha in Prosa und Versen zur Rede; der Kehrreim seines Spottliedes, „die Lilien welken“, den er aus einem Gedichte Johannes Gereons parodiert hatte, ist noch 1495 Jakob Locher und 1519 Sebastian Braut zum Ausdruck patriotischer Gefühle brauchbar erschienen.83) Seine historischen und politischen Interessen. [65] 65 1495 ist Wimpfeling dann, auf dem denkwürdigen WormBer Tage, der Sebastian Brant und ja noch Jahrhunderte später Justus Moser als der Anbruch einer neuen Zeit erschien. Hier lernt er eine kirchenpolitische Denkschrift, den „Traum“ des Bitters Hans von Hermans-griin kennen; sie macht solchen Eindruck auf ihn, daß er sich noch 15 Jahre später derselben erinnert. In dem Werkchen84), das sich schon formell den besten Leistungen humanistischer Beredsamkeit an die Seite stellt, hatte der Autor die drei Vorkämpfer des Reichs, Karl den Großen, Otto den Großen und „Federicus secundus Barbarossa“ aus den Gräbern zitiert, um den letzteren vor einer geträumten Reichsversammlung die Gefahren darlegen zu lassen, die dem Reich von Türken und Franzosen drohen. Von den Franzosen vor allem, deren König Karl auf seinem von aller Welt mit staunender Furcht beobachteten Italienzuge nach des Ritters Meinung nichts anders erstrebt haben kann, als die römische Kaiserkrone.85) – Wir sahen, wie das die Befürchtungen des Trithemius waren, Wimpfeling teilt sie durchaus. Er wird wohl davon gewußt haben, daß Ludwig XI. das Andenken Karls des Großen in seiner Weise wieder zu beleben gesucht hatte, indem er ihn in Paris als Heiligen verehren ließ, wie einst Ludwig der Fromme in Aachen.86) Gewiß auch kannte er, so gut wie Meisterlin und andere Humanisten, die vielleicht in Straßburg 1477 gedruckte große Plutarchübertragung, in der am Schluß eine Vita Caroli Magni e graeco translata stand. Der Bearbeiter Donato Acciauoli hatte sie demselben Ludwig XI. als Geburtstagsgabe dargebracht und den Einhard darin stark „gallisch“ überarbeitet.87) Längst gehen neben solchen politischen Anregungen eigentlich historische Studien und Bestrebungen Wimpfeliugs her. In Speyer nimmt er – vielleicht der erste seit Burkard von Ursperg – historisches Interesse an den Inschriften der Kaisergräber88); in der Dombibliothek findet er das Carmen de bello Saxonico, aus Dalbergs Bibliothek in Worms mag er den Ammianus Marcellinus kennen gelernt haben, damals zwar schon gedruckt, aber in Deutschland so gut wie unbekannt.89) 1497 ediert er mit Brant Lupoid von Beben-burgs Werk: Germanorum veterum principum zelus et fervor in christianam religionem deique ministros. Er fand darin nicht nur sein Ideal des christlichen Fürsten, sondern auch die Erörterung einer Frage, die ihn lebhaft beschäftigte, die über das Deutschtum Karls des Großen. Die Ausgabe Ottos von Freising sollte dem Lupoid folgen und das Andenken Friedrich Barbarossas erneuern8“) Wie Wimpfeling auf Trithemius zur Herausgabe des Katalogs Joachimnen. GescUichUanffassung etc. 5 66 [66] Murrho und Wimpfeling. Germania. berühmter Männer Deutschlands wirkt, haben wir gesehen, mit Brant schmiedet er weitere historische Pläne.90) Schon vorher hat er Sebastian Murrho in Schlettstadt angeregt, ein Werk De virtutibus et magnificentia Germanorum zu schreiben. Murrho stirbt 1494 und Wimpfeling, der sich ein wenig als den Verwalter seines literarischen Nachlasses betrachtet91), denkt sogleich an eine Herausgabe, Mit dem Lupoid von Bebenburg und dem Katalog berühmter Deutscher soll es eine Art deutschen Ehrenmals werden. Andere Pläne – bei diesem ewig gebärenden Schriftsteller keine Seltenheit – drängen Murrhos Buch zunächst in den Hintergrund. Doch mag Wimpfeling das Manuskript öfter hervorgeholt und seine temperamentvollen Bemerkungen über Türken- und Franzosennot oder Lesefrüchte anderer Art an den Band geschrieben haben. Dann, als um die Wende des Jahrhunderts die Mißerfolge Maximilians im Schweizerkrieg und gegen Frankreich in Straßburg mancherlei Kritik, vor allem auf den Kanzeln, und wohl auch alte franzosenfreundliche Bestrebungen in Adel und Geistlichkeit laut werden ließen91), wirft er eine Flugschrift „Germania“ aufs Papier, die in einem kurzen ersten Teil das Deutschtum des Elsaß seit den Tagen Cäsars und die deutsche Abstammung aller deutscher Kaiser seit Karl dem Großen beweisen will, im zweiten den Straßburgern gute Lehren gibt, wie sie ihre Stadt blühend und mächtig erhalten und für die wahre Bildung ihrer Bürger sorgen können.93) Er hat, wie auch sonst94), Bedenken getragen das Schriftchen herauszugeben. Aber Brant mag ihn vorwärts getrieben haben. So erscheint es 1501. Der Rat von Straßburg erweist sich dankbar, aber in dem Franziskanermönch Thomas Murner ersteht Wimpfeling ein heftiger Gegner. Die nun sich entspinnende literarische Fehde wird persönlich und gehässig, aber sie hält doch auch Wimpfeling bei dem einmal ergriffenen Stoffe fest und von Freunden und Schülern, die gleicher Gesinnung sind, angefeuert, bereitet er nun wirklich die Murrhoschen Blätter mit seinen Zusätzen zur Ausgabe vor und endlich im Frühjahr 1505 erscheint die Epitoma Germanorum, Jacobi Wympfelingii et suorum opera contextum.95) Also eine erste deutsche Geschichte, die nur dieses sein will. Betrachten wir ihren Aufbau. Nachdem die Einteilung der Germanen in fünf Hauptstämme gegeben ist, beginnt die eigentliche Geschichte mit den Zügen der Cimbern und Teutonen. Es folgt Ariovist, „der erste König der Germanen“, der mit Cäsar gefochten hat, die Niederlage des Varus „und des Drusus“96). Dann ein merkwürdiger Ab- Epitome Gercoanorum. Inhalt. [67] 67 schnitt: „die Germanen haben auch fremde Könige vertrieben“. Es sind Alexander der Große, Darius, Cyrus, Lysimachus von Thrazien darunter. Dann etwas von der Wehrhaftigkeit germanischer Frauen und Knaben, weiteres über die erfolglosen Kämpfe römischer Herrscher gegen Deutschland, endlich ein sehr kurzer Abriß der Völkerwanderung. Damit schließt der erste, allerdings nicht besonders kenntlich gemachte Teil. Mit Karl dem Großen beginnt die Kaisergeschichte. Der den einzelnen Kaisern zugemessene Kaum ist sehr verschieden. Karl der Große, Otto L, Friedrich I. und II. sind am meisten berücksichtigt. Karl und die beiden Staufer sind offenbar die Lieblinge des Autors, bei Karl wird nochmals seine deutsche Abstammung betont. Im übrigen aber spielt diese Kaisergeschichte bis 1254 fast durchaus in Italien, so zwar, daß wir z. B. von den Parteiungen der Weifen und Staufer erst in ihrer italienischen Form etwas erfahren. Besser wird das seit Rudolf von Habsburg; die elsässischen Vorgänge treten heraus, doch bleibt die Reichsgeschichte gewahrt; Heinrich VH. und Ludwig der Bayer, die die alte Kaisermacht zu erneuern suchen, werden sympathisch gewürdigt; Karl IV. und Wenzel dagegen wegen ihrer Vernachlässigung des Reichs getadelt. Erst Sigismund ist wieder ein Mann nach dem Herzen des Autors, nicht nur als Schutzherr des Konstanzer Konzils, sondern auch als gebildeter Fürst, den selbst der große Johannes Gerson gelobt hat, nicht minder Albrecht II. und Ladislaus, um dessen willen die Reihe der Kaiser durchbrochen wird. Bei der Regierung Friedrichs IH. beginnt die Darstellung abzuschweifen. Zuerst ist es der Armagnakeneinfall, der den Autor länger beschäftigt; erst nach merkwürdigen Einschüben gelangt er von ihm zu den Kämpfen gegen Karl den Kühnen und dann zu denen Maximilians. Doch ist dieser Teil nicht ungeschickt abgeschlossen: auf fünf Hauptstämmen beruhte das alte Germanien, fünf Hauptstämme gibt es jetzt, die den Türken vertreiben könnten, dazu werden die Fürsten und Maximilian in feuriger Rede entboten. Es folgt ein kulturhistorischer Teil. Er behandelt die zwei großen deutschen Erfindungen, Kanonen und Buchdruckerkunst, die Leistungen der Deutschen in Baukunst, Malerei und Bildhauerei, dann ihre Eigenschaften: Tapferkeit, Adel, Freigebigkeit, Gastlichkeit – hier fällt die Benützung des Tacitus auf – endlich die Fruchtbarkeit des Bodens, im Elsaß besonders, aber auch mit einem Blick auf ganz Deutschland. Hätte Wimpfeling in die Widmung des Buches an Thomas Wolff statt der Ausführungen über das Deutschtum des 5* 68 [68] Aufbau und Quellen. Elsaß die Worte des Tacitus über die terra tristis cultu et aspectu gesetzt, die er in dem Briefe an Trithemius verwendet hatte, so würde auch hier Anfang und Schluß sich entsprochen haben. – Es ist mancherlei in dem Büchlein, was uns noch heute beachtenswert erscheint: der Versuch, einen Anfang deutscher Geschichte zu finden, die Heraushebung des Ariovist, die Benützung der Germania des Tacitus für die Gewinnung einer Vorstellung von Grundeigenschaften des deutschen Volkes. Auch ein Abschnitt wie das 39. Kapitel, De landibus Friderici II, ißt bedeutsam. Hier ist dem Autor die berühmte Erörterung des Livius über die Frage, was geschehen wäre, wenn Alexander Rom bekriegt hätte, in den Sinn gekommen.9r) Sein Gedankengang führt ihn nicht nur zu einer bemerkenswerten Glorifizierung dieöes so viel*angefochtenen Kaisers, sondern auch zu der au anderer Stelle98) noch deutlicher ausgesprochenen Meinung, daß auch wir unsere Heinriche, Ottonen, Karle, Konrade, Friedriche hätten, so daß wir dem Altertum seine Helden wohl lassen könnten. Hatte Bodann noch Fabri zwar deutsche Kunst erhoben, ohne doch Künstler nennen zu können, so sind hier Schongauer, Dürer u. a., die mit Apelles und Parrhasius verglichen werden, wie bei Trithemius Regiomontan mit Anaximander und Archimedes, das Straßburger Münster, das mit dem Tempel der ephesischen Diana wetteifern kann. Sehen wir nun aber etwas genauer zu, so zeigt sich alsbald, daß wenigstens die Komposition nicht die starke Seite des Autors ist: die Varusschlacht wird dreimal erwähnt, die Tapferkeit der germanischen Frauen mit Benutzung derselben TacitussteEe zweimal, die germanische Abstammung Karls des Großen steht am Schluß der Ottonenreihe, und kann man sich für diese Einreihung schließlich noch einen sachlichen Grund denken – hier soll motiviert werden, warum das Reich auch als Wahlreich dem deutschen Stamme bleiben muß –, so gibt es für den Einschub eines Panegyrikus auf die pfälzischen Witteisbacher in die Geschichte Friedrichs IH. nur einen persönlichen, die Beziehungen Wimpfelings zum Heidelberger Hofe. Dröseln wir dann das Gewebe der Darstellung auf, so kommen wir zu einem überraschenden Ergebnis: nicht die mehrfach genannten zeitgenössischen Quellen sind die eigentliche Grundlage der Arbeit, nicht Tacitus, Ammian, das Carmen de bello Saxonico, Otto von Freising, sondern ein Exzerpt aus den großen Geschichtswerken des Piatina und Biondo, das überdies wohl sicher Murrhos Arbeit ist, und darum geschlungen ein zweites aus den Reden, die der Bologneser Professor Filippo Beroaldo bei der Einführung eines deutschen Rek- Die Epitome als Kompilation. [69] 69 tora in Bologna gehalten hatte“), und der berühmteren, mit der der Hofdichter Pius’ II., Antonio Campano, auf dem Regensburger Christentage von 1471 die Deutschen zum Türkenkriege aufzustacheln gesucht hatte. Für Karl IV., Wenzel und Sigismund endlich ist Enea Silvio Grundlage. Er hat vor allem auch das Urteil über diese drei Herrscher vorgezeichnet. Also drei Italiener, die den Aufzug, zwei andere, die den Einschlag geben. Und welche sind dies! Biondo, der doch die Größe Friedrichs H. versteht, mag noch hingehen, ebenso Beroaldo, der nicht nur im Federgefecht mit Thomas Wolff „de nomine impera-torio“100), sondern auch in einer Rede, die er 1486 zu Brügge an Friedrich und Maximilian gehalten hatte, in der Widmung seiner Cäsarausgabe an Ernst von Schleinitz, in seiner Rede de foelicitate an Markgraf Jakob von Baden und den angehängten von Wimpfeling benutzten Schlußversen sich als aufrichtiger Freund deutschen Wesens gezeigt hatte. Aber Campano! Wimpfeling nennt ihn den Feind und Verkleinerer der Deutschen, er zitiert ihn gerade deshalb, da er, wie alle Humanisten dieser Zeit, ein Lob des Auslandes bei allem vorgegebenen Heimatsstolze besonders erstrebt.101) Aber er zitiert ihn nicht nur, er schreibt ihn, ohne ihn zu nennen, für große Stücke seiner Arbeit aus. Und das, trotzdem er wohl in derselben Ausgabe, in der er die Rede fand102), die Briefe lesen konnte, in denen dieser ebenso begabte wie unverschämte Italiener den Freunden daheim seine deutschen Eindrücke geschildert hatte. „Compono me in ad-ventum Caesaris, habiturus orationem, qualem Italia legat, Germania non capiat. Incredibilis hie est ingeniorum barbaries, rarissimi no-runt litteras, nulli elegantiam!“ Und nicht weit davon steht das Epigramm, das Campano bei seiner Rückkehr aus Deutschland gedichtet hatte. Er hatte es da für passend gehalten, Deutschland noch etwas anderes als den Rücken zuzukehren.103) Aber freilich, Campano hat in gleicher Weise noch späteren und kritischeren Geistern wie z. B. Bebel und Irenicus gedient und für Wimpfeling hatte er noch eine besondere Bedeutung. Denn in der Rede war auch das erste Kulturbild Germaniens nach Tacitus entworfen, an der Hand von Campano und Beroaldo hat Wimpfeling diesen Autor benutzen gelernt.104) Campano hatte sodann auch den Gedanken des Enea Silvio weitergedacht, daß die Menschenmassen der Germanen der Völkerdünger Europas geworden seien. Er nennt italienische Fürstenhäuser, die ihren Stammbaum auf deutsche zurückführen; schon Meiaterlin hatte das den deutschen Adeligen vor- 70 [70] Wimpfeling und Trithemius. gehalten105), die gerne Trojaner oder Römer sein wollten. Wimpfeling geht da weiter. Hatte er schon Murrho die deutschen Päpste heraussuchen lassen, so sucht er selbst Deutsche auf dem römischen Kaiserthron, und er findet sie in dem Illyrier Diokletian, in den Pannoniern Decius, Probus, Jovian und Valentinian.106) Aber auch hier bat er einen Führer gehabt, den Löwener Professor Raimondo Marliano, dessen Cäsarindex er ausschrieb.lor) Auch dies keine verächtliche Quelle, da Marliano vielleicht als erster die Nachrichten des Cäsar und des Tacitus über die alten Germanen zu vereinigen suchte. Wäre Wimpfeling aber zur selbständigen Auffassung dieser Gedanken vorgedrungen, so hätte er doch vor allem die große Bewegung der Völkerwanderung, die schon Meisterlin von Biondo als ein Ganzes, wenn auch noch nicht als ein Ereignis deutscher Geschichte zu betrachten gelernt hatte, und die der Tübinger Heinrich Bebel schon 1501 mit patriotischer Kraft in einer überdies von Wimpfeling an andern Stellen ausgeschriebenen Rede zu schildern wußte, mit mehr als den abgerissenen Notizen Murrhos bedenken müssen. Daran aber verhindert ihn neben seiner Ansicht von der arianischen Ketzerei vor allem der Umstand, daß diese Stämme der menschlichen Gesittung, der Kunst und Wissenschaft nichts hinzugefügt haben.108) Denn Wimpfeling -wünscht, wenn er schon seine Deutschen bei Beginn der Geschichte in einem Urzustand finden muß, sie diesen doch möglichst bald verlassen zu sehen. Deshalb hat er den Tacitus ebenso einseitig benutzt, wie nach der andern Richtung Enea Silvio, und er hütet sich wohl, die Stelle über die Spielwut der Germanen, die Beroaldo in der von ihm selbst übersetzten Declamatio de tribus fratribuB angeführt hatte, in sein Buch aufzunehmen. Um so mehr sollte man erwarten, daß er die Forschungen des Trithemius über die karolingische Kultur verwertet hätte. Er ist ihnen nahe gestanden, hat ihren Grundgedanken erfaßt. Er ist, soweit ich sehe, der erste, der bemerkt, daß sich aus den Fundberichten Poggios und seiner Genossen über die aus St. Gallen und anderswo entführten iüassikerhandschriften etwas über die alte Pflege der klassischen Studien in Deutschland schließen lasse. Aber zu einer Hineinarbeitung dieser Gedanken in sein Buch fehlen ihm die Kräfte. Ebenso zu der der politischen Gedanken Lupolds von Bebenburg. Man sollte meinen, daß dieser Autor, den Wimpfeling und Brant gleichmäßig schätzten, und von dem sie 1508 eine zweite Schrift herausgaben100), auch in der Epitome als Quelle hervortreten müsse, wie er ja schon bei Königshofen als solche verwertet worden Wimpfeling und Lupoid von Bebenburg. [71] 71 war. Das ist nicht der FalL Wimpfeling ruft Lupoid allerdings für die deutsche Abkunft Karls des Großen zum Zeugen an, aber läßt sich die Angaben Lupolds über die Kämpfe der sächsischen Kaiser um Lothringen, wo er auch den Vertrag zu Bonn von 924 hätie finden können, entgehen, obgleich sie doch wertvollstes Material gerade für die Frage der deutschen Westgrenze boten. Und von den staatsrechtlichen Anschauungen Lupolds hat er sich zwar, wie seine 1515 erschienenen Responsa et replicae ad Aeneam Sylvium zeigen, die zu eigen gemacht, daß man gegen die von den italienischen Kurialisten den Deutschen so oft vorgerückten Wohltaten des römischen Stuhles wohl eine Gegenrechnung stellen könne.110) Aber die Hauptgedanken, welche Lupoid im Anschluß an die Vorgänge beim Renser Kurverein über Wahlrecht der Fürsten und Konsekrationsrecht des Papstes ausgesprochen hatte, haben auf Wimpfeling ebenso wenig gewirkt, wie die juristisch verklausulierten aber doch tiefgreifenden Ausführungen Lupolds über die konstantinische Schenkung.111) Wimpfeling und der ganze elsässische Kreis ziehen ihre AnBehauungen über das Verhältnis der geistlichen und weltlichen Gewalt eben nicht aus den Kämpfen der Salier, Staufer und Ludwigs des Bayern, Bondern aus einer Betrachtung der großen Konzilien von Konstanz und Basel. Und wenn man die Konzilsfreunde des 16. Jahrhunderts, die alles Heil von einem neuen Konzil hofften, die Expek-tanten genannt hat, so könnte man hier wohl von Retrospektanten sprechen. Dabei aber ist Wimpfeling so unkritisch, daß er, der doch dem Katalog berühmter Deutscher des Trithemius eine Erwähnung Gregor Heimburgs hinzugefügt hatte, noch 1510 meinen konnte, die Aschaffenburger und Wiener Konkordate bedeuteten für Deutschland etwa dasselbe, wie die pragmatische Sanktion der Franzosen112), und so unbekannt mit dem Umschwung, der sich in der Kurie mindestens seit der Bulle Execrabilis Papst Pius 11. vollzogen hatte, daß ihm noch 1512 eine Schrift wie die Cajetans über die Konzilien eine schmerzliche Überraschung bereitete.113) Für die Behandlung der geistlichen Konflikte des Mittelalters aber waren die Retrospektanten überhaupt schlechter gerüstet wie die Juristen des 14. Jahrhunderts. Denn auf den Konzilien fehlt eine feste Vertretung der weltlichen Gewalt und die Streitfrage heißt nicht mehr: Papst oder Kaiser, sondern: Absolutismus oder Konstitutionalismus in der Kirche. – So kann die Epitome bei Heinrich IV., Friedrich L, Ludwig dem Bayern nur verschweigen oder den Text ihrer papstfreundlichen Quelle ändern, wie es schon Meisterlin und 72 [72] Wimpfeling und Robert Gaguin. Fabri getan hatten; freilich mag sich Wimpfeling auch hier nur als Ergänzer Murrhoscher Auszüge gefühlt haben. Auch bei Wimpfeling ist es also wie bei Felix Fabri, er vermochte den großen Stoff nicht zu beherrschen. Daß er im kleineren Rahmen gutes leisten konnte, zeigt seine Geschichte der Straßburger Bischöfe,11*) seine besondere Begabung für die kulturhistorische Erfassung der Umwelt sein Schriftchen von der Buchdruckerkunst.115) Aber beide blieben lange verborgen, während die Epitome wenigstens bei den Humanisten seinen Ruhm als Geschichtsschreiber Deutschlands begründete. – Wimpfeling hatte gewünscht,116) das Werk neben die modernen Geschichtsbücher zu stellen, die die Römer, Venetianer, Engländer, Ungarn, Böhmen und Franzosen hätten, also in eine Reihe mit Piatina, Sabellicus, Thurocz, Enea Silvio und Robert Gaguin. Vergleichen wir ihn mit diesem, gegen den sich ja die Aufstellungen der Epitome so vielfach richteten, so trägt Wimpfeling nicht den Sieg davon.117) Zunächst finden wir bei Gaguin nicht, was wir nach Wimpfeling erwarten müßten, eine besondere Polemik über das Deutschtum Karls des Großen und die Ausdehnung der französischen Ostgrenze. Das ist alles ganz still, aber um so wirkungsvoller gegeben. Gaguin leugnet die deutsche Abstammung Karls gamicht, aber er vermeidet alles, was sie betonen könnte. Er berichtet nach Einhard, daß sich Karl gern der heimischen Mundart bedient habe, aber er überläßt dem Leser sich zu denken, welche das sei, er erwähnt Karls Vorliebe für Jagd und Bäder, aber er setzt bei jener – gerade wie Donato Acciauoli in der „Plutarchvita“ – hinzu: Gallorum more, wo Einhard ausdrücklich die Jagdleidenschaft der Franken erwähnt, und streicht bei dieser die Erwähnung der heißen Quellen von Aachen. Die Frage der Grenzen Frankreichs aber erledigt er durch eine harmlose Abschweifung auf das Cäsarische Gallien, die er überaus geschickt bei dem Merovinger Clodio einfügt. Indem er an dieser Stelle gleich die moderne Diözesaneinteilung dieses Gebietes heranzieht, erscheinen ungezwungen auch die Bistümer Mainz, Trier und Cöln auf gallischem Boden. – An Kritik ist er den Elsässern erheblich überlegen, das zeigt er bei der Trojasage der Gesta Francorum ebenso, wie bei den Nachrichten Pseudoturpins über die Kreuzfahrt Karls des Großen, wenn er sich auch hat vorwerfen lassen müssen, das Königreich von Yvetot hingenommen zu haben. Er übertrifft sie aber auch an Unbefangenheit, das sieht man, wenn man sein Urteil über die Schlacht bei Die Schüler Wimpfelings. [73] 73 Courtrai,118) wo 1302 die Blüte des französischen Adels den flandrischen Handwerkerspießen erlag, mit Wimpfelings Scheltworten über die Schweizer zusammengestellt.119) Vor allem aber an staatsmännischem Sinn. Er weiß, was es bedeutet, daß das französische Parlament seinen Ursprung auf Pippin zurückführen und an das alte Märzfeld der Franken anknüpfen darf – wie haltlos erscheinen dagegen Braut und Wimpfeling mit ihren gelegentlichen Hinweisen auf die ’franca oder romana libertas’, deren sich Deutschland und besonders das Elsaß erfreue.120) Und wie erst, wenn man ihre Stellung in den kirchenpolitischen Fragen mit der Gaguins vergleicht! Hier steht Gaguin gegen sie, wie Pierre Dubois gegen Lupoid von Bebenburg, und doch hatte der französische Trinitariermönch, der sich stolz rühmen durfte, durch keines Königs Freigebigkeit zu seinem Werke veranlaßt zu sein, bei den Kirchenräubereien Karl Martells und dem Überfall Philipps des Schönen auf Bonifaz VIH. noch zu ganz anderen Dingen Stellung zu nehmen, als die Deutschen, wenn sie von Sutri und Canossa sprachen.121) Und endlich übertrifft Gaguin seinen Rivalen erheblich in der Komposition seines Geschichtswerkes. Er wollte allerdings keine Epitome, sondern ein Kompendium schreiben, aber das war sicher das schwerere, und man darf sagen, daß im elsässischen Humanismus keiner vermocht hätte so bewußt nur diejenigen Blumen in seinen Kranz zu winden, „die durch die Verschiedenheit ihrer Farben dem Werke Charakter und Schmuck zugleich geben“, – Wimpfeling ist eben kein Forscher, und seine Genossen und Schüler sind es ebensowenig. Gerade die Mängel seiner Anschauungsund Darstellungsweise erscheinen bei ihnen gesteigert: die halb journalistische, halb predigerhafte Art von jedem Thema auf jeden Gegenstand zu kommen, der dem Autor am Herzen liegt, in den patriotischen Psalmenerklärungen von Thomas WolfF, die Sucht, dem Gegner auch da nicht Recht zu lassen, wo er es hat, und Beweisstücke um Lieblingsmeinungen wahllos aufzutürmen, in der Libertas Germaniae von Hieronymus Gebwiler. Aber auB Gebwilers Schule kommt Beatus Rhenanus, der den kritischen Humanismus im Elsaß heraufführt, und auch bei ihm wie bei Irenicus und noch bei Aventin werden wir manche der Murrho-Wimpfelingschen Ideen lebendig finden. – Die Werke all der Männer, die wir in diesem Abschnitt besprochen haben, zeigen ein merkwürdiges Doppelautlitz. Auch die 74 [74] Doppelch avakter des älteren Humanismus. primitivsten sind ohne den Humanismus nicht möglich. Nicht nur der Versuch, den neuen Stil zu schreiben, macht Matthias von Kemnat, Meisterlin oder Fabri humanistisch, auch die ganze Tendenz, mit der sie an die Arbeit gehen. Sie schaffen die neuen Gattungen der GeBchichtschreibung oder legen sie doch an: Wir haben die Füi stengeschichte, die Stadtgeschichte, die Stadtbeschreibung, die Beschreibung von Deutschland, den Abriß der deutschen Geschichte, die Aufzählung geistiger Größen, die kulturgeschichtliche Umschau im Werden gefunden. Auch alte Stoffe erschienen in neuer Behandlung. Meisterlin sucht die alte Überlieferung der Afra- und Sebaldlegende mit dem neugewonnenen historisch-antiquarischen Wissen in Einklang zu bringen, er müht sich um eine innerliche Gliederung seiner heimischen Klostergeschichte und faßt sie schon als Geistesgeschichte auf, wie später in großartigerer Weise Trithemius. Wimpfeling sagt in seinem Straßburger Bischofskatalog, es komme ihm weniger auf Feststellung von Todesjahr und Regierungszeit der einzelnen Bischöfe an, wenn er nur in der Schilderung ihres Lebens, Charakters und ihrer Taten von der Wahrheit nicht abweiche.122) Man sieht, daß auch hier die Auffassung von dem Wissenswerten in der Geschichte eine andere geworden ist. Und die Autoren wissen, daß sie etwas Neues schaffen. Meisterlin betont wiederholt, es habe vor ihm wohl Aufzeichnungen über Augsburger Klostergeschichte und Nürnberger Stadtgeschichte gegeben, „aggregator vero ante me nullus“.123) Fabri sagt, daß er vergebens eine Beschreibung Deutschlands gesucht habe. Er empfindet die Aufgabe, sie zu schaffen, um so dringender, als die neuen Karten ein neues Weltbild bieten.124) Als sich nun vollends die Absichten auf eine deutsehe Geschichte richten, da erscheint sich ein jeder, der daran geht, als ein Pfadfinder auf unbekanntem Gebiete. Enea Silvio hatte auch hier den Ton angegeben: „Wir sind abgeschweift“, sagt er bei der Beschreibung Sachsens in seiner Europa,125) „und das darum, weil die alten Schriftsteller zu wenig von Deutschland geschrieben haben, und als ob dies Volk außer der Welt läge, nur traumweis deutsche Dinge berühren.“ Das klingt nun überall nach, bald verbunden mit Ausfällen gegen die alten und neuen Römer, die den Ruhm der Deutschen nicht künden wollten, mit Klagen gegen die Vorfahren, die mehr auf tapfere Taten, als auf ihre Aufzeichnung gesehen hätten, mit Ausdrücken des Bedauerns, daß Quellen, wie das Buch des Plinius von den deutschen Kriegen verloren seien, mit Vorwürfen gegen Fürsten und Stadtoberhäupter, die Bemühungen um die Kunde der Vorzeit jetzt noch nicht förderten.126) Die neuen Gattungen und die neuen Quellen. [75] 75 Damit beginnt die Suche nach neuen Quellen. Schon Luder und Matthias von Kemnat plündern nach dem Vorbild der Italiener nahegelegene Klosterbibliotheken. Die Sallusthandschriften, die Matthias aus dem alten Lorsch entführte, genießen heute noch eine Berühmtheit in der Textgescbichte dieses Autors.127) Bevor Meisterlin sich an die zweite Bearbeitung seiner Nürnberger Chronik wagt, macht er eine Studienreise durch fränkische und bayrische’ Klöster, Fabri tut dasselbe, als er seine Beschreibung Deutschlands in Angriff nimmt. Wimpfeling und Brant planen eine Sammlung els’ässischer Chroniken; in die letzten Lebensjahre des Trithemius fällt sein Auftrag an Paul Lang, die deutschen Klöster nach Quellen für deutsche Geschichte zu durchforschen.128“! Der Stoff der bisherigen historischen Überlieferung also wird allgemein als unzureichend empfunden. Und ebenso wird ein anderer Maßstab der Kritik an das Nachrichtenmaterial gelegt. Wiederum enthält eine Äußerung Enea Silvios den präzisesten Ausdruck der neuen Forderungen: „Man glaubt“, sagt er in seinem berühmten Briefe an Johann von Aich über das Elend der Hofleute,129) „mehr dem Guido von Columna, der den trojanischen Krieg mehr dichterisch als historisch beschrieben hat, oder dem Marsilius von Padua, der Übertragungen des Reichs ansetzt, die niemals stattgefunden haben, oder dem Mönche Vinzenz, als dem Livius, Sallust, Justin, Curtius, Plutarch und Sueton, so trefflichen Schriftstellern.“ – Die Bemerkung gegen den Marsilius haben die ersten Leser wohl wenig verstanden, und auch Vinzenz von Beauvais blieb beliebt, er gehört zu den ersten und dann häufig wiederholten Drucken. Aber wir haben doch schon von Meisterlin in ähnlichem Zusammenhang eine Äußerung, daß die Leute lieber den Johann von Mandevilla lesen und das Buch vom Herzog Ernst, als den Plato,130) und von Trithemius eine solche über das Buch von der Meerfahrt Herzog Heinrichs des Löwen.131) Es ist eine neue Auffassung von der geschichtlichen Wahrheit, die uns hier entgegentritt, ein Kampf, der an jenen erinnert, den die Werke der ritterlichen Geschichtschreibung gegen die Poesie der Spielleute führten. Jetzt richtet er sich hauptsächlich gegen die „Abenteuerliteratur“, die „aus Kurzweil“ fabuliert. Nicht lange und Bernhard Schöferlin sucht mit einer Übersetzung des Livius, der Elsässer Matthias Ringmann mit einer Übersetzung des Cäsar dieser Literatur direkte Konkurrenz zu machen.132) – Es ist klar, daß Schriftsteller, die so an ihre Arbeit gehen, auch ganz anders als Persönlichkeiten hervortreten, wie die große 76 [76] Das Persönlichkeitsgefühl. Menge der mittelalterlichen Chronisten. Kein Werk, das nicht eine Vorrede hätte, in der der Autor Plan und Umstände der Abfassung genau auseinandersetzt. Auch ein Schriftsteller, der in seinen Werken selbst so ängstlich alles Subjektive vermeidet, wie Trithemhis, wird hier lebendig. Andere, wie Meisterlin und Wimpfeling, die mehr Temperament besitzen, verwandeln einen guten Teil der Arbeit selbst in einen Dialog mit dem Leser, mit genannten oder ungenannten Feinden. Bei den Mönchen unter ihnen streitet das Gebot der Bescheidenheit oft ergötzlich oder rührend mit der humanistischen Eigenliebe, wie bei Meisterlin, der unter seiner „Neronberga“ als quidam erscheinen möchte, oder bei Trithemius, der uns diesen Kampf in dem Bruchstücke seiner biographischen Beichte, dem Nepiachus, mitfühlen läßt. Aber gerade Trithemius kann kaum ein Buch herausgehen lassen, ohne ihm ein größeres oder kleineres Verzeichnis seiner eigenen literarischen Arbeiten anzufügen. Und endlich sind alle diese Autoren humanistisch in ihrem Patriotismus.188) – Es ist neuerdings darauf hingewiesen worden, wie gerade die internationale Bewegung der Kreuzzüge die Nationen durch die gegenseitige Reibung zum Nationalbewußtsein gebracht habe. Damals lernen die feineren Franzosen auf die indisciplinati mores der Deutschen schelten, die Deutschen auf die levitas Gallorum herabsehen. Ganz ähnlich, wirkt der Humanismus. Indem er ein gemeinsames Kulturideal schafft, nötigt er die Völker, sich mit diesem und dann bei dem Wettbewerb um dasselbe auch untereinander zu vergleichen. Aber es ist jetzt anders, wie zur Zeit des Jordanus von Osnabrück, der noch eine Art Teilung der Erde vornehmen durfte, derart, daß den Italienern das Sacerdotium, den Deutschen das Imperium, den Franzosen das Studium gegeben sei. Von den Früchten des neuen Baumes will jeder genießen. Den Deutschen ist der Stachel besonders tief ins Herz gedrückt. Denn ob Enea Silvio zu Gregor Heimburg sagt, ihm scheine die Beredsamkeit, wie zu Ciceros Zeiten von Griechenland nach Latium, so jetzt von Latium nach Deutschland geflohen zu sein, und in seiner Germania Martin Mayr erklärt, daß man den Deutschen überhaupt kaum noch ein wenig Barbarei anmerke, oder ob er seinem Freunde Campisio seine ehrlichere Herzensmeinung enthüllt und im Pentalogus und sonst den deutschen Fürsten, die nur für Jagd und Trinkgelage Sinn haben, Alfons von Neapel als Muster vorhält und ihnen zu beweisen sucht, daß schon Reiche aus Mangel an Bildung bei den Herrschern zugrunde gegangen seien: das alles wirkt aufs lebendigste Der Patriotismus. [77] 77 bei dieser ersten Humanistengeneration, für die Enea überdies noch unbezweifeltes Stilmuster ist. Und da nun die Gegenwart die neuen Horaze ebenso wie die neuen Augustusse zunächst vermissen läßt, so wendet man sich um so eifriger der großen Vorzeit zu, in der man, wenn nicht Dichter, so doch Helden findet. Bei dem Patriotismus der humanistischen Geschichtschreiber ist es nun charakteristisch, daß er sich auf Grundlage des Stammesgefühls entwickelt. Der Schwabe Meisterlin denkt schwäbisch, die Staufer sind seine Lieblinge als „schwäbische Herren“, die Salier stehen ihm schon ferner. Wenn Fabri sich auch für diese einsetzt, so geschieht es, weil er die Fabel von der schwäbischen Abstammung Heinrichs HI. glaubt. Tritheniius denkt fränkisch und bekämpft deshalb diese Fabel, auch die Karolinger möchte er am liebsten im alten Ostfranken, seiner zweiten Heimat, lokalisieren.184) Erst die Elsässer kommen, wie wir sahen, darüber hinaus, aber auch bei ihnen, wie bei allen andern, treten die Sachsenkaiser zurück. War das nun schließlich nichts weiter als das Wieder er wachen der historischen Tradition des hohen Mittelalters, die von Widukind und Thietmar bis auf Otto von Freising und Burkard von Ursperg solche Ideen erkennen läßt, so ist neu der Hinweis auf das Wurzeln dieser Kaiser im Volkstum. Es war fast das einzige, was Wimp-feling den Beweisen Königshofens und Lupolds von Bebenburg für das Deutschtum Karls des Großen hinzufügte, daß er seinen Kindern deutsche Namen gegeben hatte, „die bei uns etwas bedeuten, bei den Franzosen nicht“.185) Und schon Meisterlins Patriotismus hatte seinen originellsten Ausdruck in der Episode seiner Nürnberger Chronik gefunden, „wie angefangen ist worden zu Nürenberg, daß man teutsch Brief schreibt“.186) Er verlegt sie auf einen Hoftag Rudolfs von Habsburg und bemerkt dazu, daß daraus „unaussprechlich großer Nutz der deutschen Nation geschehen sei“. „Ein jetlicher Vernünftiger mag versteen, wie durch solich kaiserlich Dekret ein großer Hinderschlag ist besehenen den Walhen und Hilf und ein Enthaltung den Teutschen.“ Auf besserem Grunde, aber in der gleichen Anschauung ruht es, wenn Trithemius die Bemühungen Karls des Großen um die deutsche Grammatik mit Otfrieds Gedicht in Verbindung bringt und im Anschluß daran etwas von einer fränkischen Schriftsprache mit Regeln nach lateinischem Vorbild vermutet, wie sie seine eigene Zeit erstrebte und in Brants Poesie verwirklicht sah.137) Gerade damit haben diese Humanisten ihren Nachfolgern die Wege gewiesen. – Und doch ist das alles scholastischer Humanismus. Zunächst, Scholastischer Humanismus. [78] weil er – genau wie die gleichzeitige Briefstellerei – seine italie¬nischen Vorbilder abschreibt, statt sie nachzuahmen. Das tut, wie wir sahen, Mw-rho und Wimpfeling noch ebenso wie Lader, Matthias von Kemnat und Meisterlin. Sodann, weil er die neuen Gedanken nicht zu Ende zu denken wagt. Der Gedanke des Trithemius vom Königreich Germanien konnte sich mit dem Brunis Ton der Unterbrechung des Kaisertums vergleichen, er hat keine Folgen gehabt, ebensowenig Wimpfelings Idee von der germanischen Urkraft. Auch als die geringschätzige Äußerung des Tacitns über die germanischen Erfolge Cäsars138) zu wirken anfängt, bleibt das römische Reich der Koloß, dem zu dienen sich die Deutschen zur Ehre schätzen müssen. Deshalb vor allem bleibt Biondos Darstellung der Völkerwanderung so lange für die deutsche Geschichte unfruchtbar; für Sebastian Brant ist ein Zusammenhang einleuchtender, der an die Germanenzüge als ganz gleichbedeutend die Sarazeneneinfälle in Europa und später die Ungarnstürme anschließt.139) Doch dies wird auch in der nächsten Generation nicht durchaus anders. Der entscheidende Unterschied liegt in der*1 Anschauung von der Bedeutung der Quellen. Die Fortschritte in der Ausdehnung des Quellenbegriffs, die wir bei Biondo wahrnehmen, sind auch bei den Deutschen früh zu er¬kennen. Schon Meisterlin sammelt römische Inschriften. In Nürnberg, Mainz, Worms entstehen Münzsammlungen aus historischem Interesse. Wimpfeling weiß Urkunden zu verwerten, die „Epigrammata“ in Kirchen und Klöstern erscheinen der Abschrift und Sammlung wert. Aber bei der Einfügung des neuen Materials in die Überlieferung scheitert diese Generation. Wenn Enea Silvio den Otto von Freising findet und benützt, so ist er für ihn, wie Jordanes und Paulus Diakonus für Biondo, eine zeitgenössische Quelle von bestimmter Eigenart, die er dann auch sogleich treffend ausspricht110); es wird ihm nicht einfallen, aus ihm und Gregor Hagen ein Ganzes zu machen. Für Meisterlin ist er ein Autor, wie andere auch, und Wimpfeling, der seine Pläne ihn herauszugeben mit kritisch sein sollenden Bemerkungen über den barbarischen Stil der Quelle begleitet“1), entnimmt ihm schließlich nicht mehr als die Geschichte von der Varusschlacht bei Augsburg. Die Quellen, die Meisterlin auf seiner Bibliotheksreise findet, sind ihm meist „Eusebii“, deren es in jeglichem Kloster Sankt Benedikten Ordens einen gibt.14*) Das Carmen de hello Saxonico gibt bei Wimpfeling eine magere Erwähnung, und doch war es ein „deutsches Heldengedicht“, wie der [79] 79 Ligurinus, der ein paar Jahre später die Humanisten in einen Taumel des Entzückens versetzte. Mit den antiken Autoren steht es nicht besser. Wir sahen schon, wie die kleinen Kaiserbiographien für Matthias von Kemnat eine Chronica Sparciana sind; sie helfen ihm so wenig aus den alten Fabeleien heraus, wie den Villani Sueton und Sallust. Die Germania des Tacitus wird von Deutschen zuerst bei Meisterlin in seiner Descriptio Sueviae erwähnt. Da nennt er das Buch De situ Europae.148) Fabri lernt sie nach der ersten Bearbeitung seiner Beschreibung Deutschlands kennen, er verwertet sie in Zusätzen, die mit Auszügen aus Gotfried von Viterbo und dem Katholikon des Johannes Januensis verbunden sind.144 Damals hatte Campano schon längst seine Regensburger Rede gehalten, er und Beroaldo haben dann wenigstens Wimpfeling besser sehen gelehrt. Aber vor dem Ammianus Marcellinus, wo ihm keiner half, steht Wimpfeling ebenso ratlos. Nicht einmal Julians Alemannen-schlacht bei Straßburg hat er hier gesehen. Ein Abwägen der Quellen gegen einander kann auf dieser Stufe der Anschauung noch nicht stattfinden. Stößt man auf Widersprüche, so sucht man zu ändern oder zu tilgen, um die „concordia chronicarum“ herzustellen, stößt man auf Neues, so reiht man es an das Alte ohne die Widersprüche zu sehen; so haben alle diese Werke mehr oder weniger den Charakter der Kompilation. Aber das Merkwürdigste ist wohl, daß auch das Durchstöbern der Bibliotheken zu soviel geringeren Ergebnissen führt, als die Arbeit der nächsten Generation an denselben Stellen. Doch davon wird noch ausführlicher zu reden sein. In all diesen Punkten nimmt Trithemius eine Sonderstellung ein. Er liebt den neuen Stil nicht so, daß er für eigene Gedanken fremden Ausdruck sucht. Wie gleichgiltig und verständnislos er im Grunde dem Kultus der Form gegenübersteht, das zeigen seine Urteile über den Stil der Autoren, von denen er in den Katalogen spricht. Aber eben deshalb hindert ihn auch kein ästhetischer Schauder vor der Barbarei früherer Zeiten zu den Quellen selbst vorzudringen. Deshalb sieht er – ebenso wie zwei Menschenalter vorher der ihm in diesem Punkte ganz verwandte Cusa – in den Bibliotheken, was die andern nicht sehen, er stellt die Quellen in ihre Zeit und Umgebung. Aber gerade bei ihm zeigt sich, daß die neue Form mehr als etwas Äußerliches war. Bleiben die anderen Scholastiker, weil sie die neuen Ziele mit der alten Methode zu erreichen suchen, so bleibt es Trithemius, weil er ein neues Ziel sieh nicht zu stecken vermag. [80] IV. Humanistische Weltclironiken. Weder die Männer um Wimpfeling noch die Trithemianer hatten also einen entscheidenden Bruch mit der Vergangenheit vollzogen. Man konnte in ihrem Sinne HumanismuB treiben und sich doch an der Stoffülle der alten Chroniken ergötzen. Aber das war allerdings eingetreten, daß man in weiteren Kreisen manches an den den gesamten geschichtlichen Stoff umfassenden Kompilationen als veraltet empfand und sie durch Werke zu ersetzen suchte, die in Stil oder Inhalt modern erschienen. Daß dies aber in Deutschland so schnell geschah, hat wieder das Beispiel Italiens bewirkt. Hier entstanden die Arbeiten, die die Deutschen ermutigten, humanistische Weltchroniken zu schaffen. Schon zu den Zeiten, wo Bruni und Poggio in Florenz Geschichte schrieben, lebte im Dominikanerkloster zu Fiesole Antonio Pierozzi, seit 1446 Erzbischof von Florenz.1) In seinem Leben von aufrichtiger, werktätiger Frömmigkeit, die auch den spottsüchtigen Humanisten Ehrfurcht einflößte, ist er in seiner Geistesrichtung das Kind einer längst entschwundenen Vergangenheit. Sein Lebenswerk ist eine theologische Summa gewaltigsten Umfangs, in Titel und Anlage eine Nachbildung der großen dominikanischen Kompilationen des hohen Mittelalters. Als ein Teil dieser Summa entsteht ein Chronicon universale in drei starken Foliobänden. Der Autor hat daran bis zu seinem Tode 1459 gearbeitet2), schon 1484 ist das Werk gedruckt worden. Antonin hat nicht den geringsten Neuerungsgedanken. Er ist Kompiiator mit Bewußtsein und Absicht. Er folgt dem alten Schema der sechs Weltalter und der vier Weltmonarchien und teilt im übrigen säuberlich nach Tituli, capitula und paragraphi, wie in einem Lehrbuch der Moral. Das ist die Chronik eigentlich auch. Wenigstens der Zweck der Arbeit ist rein erbaulich, die Menschen sollen aus der Geschichte ein doppeltes lernen, die Gnade Gottes erkennen und Muster für gute Werke finden.3) Antonius Quellen sind die üblichen des Mittelalters: Vinzenz von Beauvais ist Vorbild, nächst ihm steht Die Weltchronik dea Antoninus von Florenz. [81] 81 ein anderer Ordensgenosse Johannes de Columna mit seinem Mare Historiarum in besonderer Gunst. Recht merkwürdig nimmt sich in dieser Gesellschaft Bruni mit seiner Florentiner Geschichte aus. Wie wenig ihn Antonin verstand, zeigt der Umstand, daß er ihn aus Villani „ergänzt“ hat. Auch im übrigen ist die Aneinanderreihung der Exzerpte ebenso kunst- wie geschmacklos. Verwunderlich ist nun aber doch, wie ein Mann, der den Pontifi-kat Nikolaus V. und Pius II. erlebte und neben sich im Paradies der Alberti und in dem Zirkel von San Spirito die Tuskulanischen Gespräche Ciceros hatte Wiederaufleben sehen, sich zum Altertum stellte. Nicht nur daß er im wesentlichen seine Aufgabe darin sah, die Zensuren, die Augustin in seinem Gottesstaat den blinden Heiden über ihre Irrtümer erteilt hatte, zu wiederholen4), er läßt auch nicht mit einem Worte erkennen, daß er etwas von dem neubelebten Studium der Lateiner oder von den Übersetzungen des Herodot, Xenophon, Plutarch, Plato wußte, um die sich die Besten seiner Zeit und die Päpste selbst bemühten. Bei Homer bietet er eine abgeschmackte Anekdote aus Valerius Maximus, bei ihm sowenig wie bei den Tragikern auch nur eine Andeutung über ihre Werke. Er kennt den Livius, aber er zieht Orosius und Eutrop vor; er spricht von den Invektiven des Cicero und Sallust gegeneinander, aber er entnimmt sich daraus nur, daß beide eben in ihren Werken den rechten Geist nicht gehabt hätten5), und wenn er nach dem Vorbild des Vinzenz nun doch aus den antiken Philosophen, Rednern und Historikern allerlei „Sentenzen“ ausschreibt, so versichert er ausdrücklich, daß sie alle der höllischen Verdammnis verfallen seien.6) Das ist auch der Grund, warum er sich mit Dante sehr ernsthaft auseinandersetzt, der diesen Heiden eine Stelle in den „elyseischen Gefilden“ angewiesen hatte.7) Auch daß gerade in der Umgebung Antonins die Bestrebungen, die mittelalterliche Geschichte auf ihre Quellen zurückzuführen, so kräftig eingesetzt hatten, würde man nach der Weltchronik nicht ahnen. Seine Vorstellung von diesen Quellen geht nicht über „Vin-centius secundum Sigisbertum oder Guilermum“ hinaus. Erwähnt er einmal eine Quelle wie Widukind8), so bleibt das eine unverstandene Notiz. Bezweifelt er ein Faktum, so ist es, weil es nicht in all seinen Vorlagen steht“ Seine Vorliebe für novellistische Züge ist mindestens die gleiche wie bei Vinzenz. Er sucht aus der Goldenen Legende des Jacobus de Voragine für die drei Ottonen noch eigens solche zusammen, und wenn ihm ja einmal eine solche Novelle wie die an Karl den Großen geknüpfte von Amelius und seinem Freunde historisch Joachimseil, [82] 82 Das Bupplementum Chronicarum Jakobs von Bergamo. verdächtig scheint, so behält er sie doch wegen ihrer moralischen Wirkung bei.9) Ebensowenig wie irgend ein mittelalterlicher Kompilator ist er femer fähig eine aus der Zeitgeschichte gewonnene politische Erkenntnis für die Darstellung der Vergangenheit nutzbar zu machen. So leBen wir zum Jahr 1433 bei der Kaiserkrönung Sigismunds mit nicht geringem Erstaunen einen erheblichen Ausfall gegen die „neue Sitte“, den Kaiser mit einer goldenen, edelsteinbesetzten Krone zu krönen, da doch die alten Imperatoren nur mit dem Lorbeer gekrönt worden seien, und gegen den „Brauch oder besser Mißbrauch“ den Titel Imperator höher zu achten als rex, da doch dieser altrömisch sei.10) Von soviel antiquarischer Weisheit und nationalrömischem Patriotismus ist an den Stellen der Weltchronik, wo Karl der Große und Otto I. erwähnt werden, nichts zu merken. Antonin dürfte damals die Diatribe des Poggio, aus der er dies etwa 1457 abgeschrieben hat11), noch garnicht gekannt haben. – Das ist der pater historiae, wie die Schlußschrift des Nürnberger Drucks von 1484 mit einer sehr Übeln Herodotreminiszenz den Florentiner Erzbischof nannte.12) Sein Werk, gerade in Deutschland zuerst und mehrfach gedruckt, konnte nur verderblich auf die junge Saat neuer Geschichtserkenntnisse wirken. Besser steht es mit dem zweiten Buch, das hier zu nennen ist, mit dem Supplementum Chronicarum des Fraters Jacobus Philippus Foresta von Bergamo.13) Auch dies ist eine Mönchsarbeit, der Verfasser ist AuguBtiner-eremit, aber es ist aus einem ganz anderen Geiste geschaffen. Ja, man möchte eB im Vergleich mit der Weltchronik Antonius für ein recht eigentlich modernes Werk erklären. Schon die Vorrede mit ihrer Berufung auf Cicero, die damals längst ein humanistischer Gemeinplatz geworden war, ihrem etwas marktschreierischen Selbstbewußtsein, aber auch mit ihrem ausgesprochenen Lokalpatriotismus steht in vollem Gegensatz zu der geistlich gehaltenen Antonins. Auch die Anordnung des Stoffes zeigt einen bemerkenswerten Unterschied. Zwar die sechs Weltalter behält Jakobus bei, aber die vier Weltreiche sind verschwunden und haben einem bunten Gewimmel von Reichen und Beichlein Platz gemacht, so wie etwa in unseren historischen Atlanten die paar Farben des staufischen Europas dem bunten Bild der Territorien des 15. Jahrhunderts. Auch die Papst- und Kaiserreihen haben ihre stoffbeherrschende Stellung verloren. Die Chronik ist in Bücher geteilt und ihr Abschluß erfolgt nach gutgewählten Gesichtspunkten Humanistische Einflüsse. [83] 83 allgemein histoischer Art, die der Autor angibt.14) Die Darstellung ist ein merkwürdiges Gemisch von chronikaler Zusammenfassung und annalistischer Aufreihung, überdies noch durch zahlreiche Tabellen der Herrscherhäuser durchbrochen. Will man hier ein Prinzip des Autors erkennen, so kann es nur das der bequemsten Faßlichkeit und der möglichsten Stoffzusammendrängung gewesen sein. Ein Kompilator ist Jakobus auch, aber einer von ganz anderen Fähigkeiten. Kam es ihm auch zugute, daß er ein Menschenalter nach Antonin schrieb und somit neben Orosius, Vinzenz und Martinus auch den übersetzten Plutarch, Biondo und Piatina und zwar im Druck benutzen konnte15), so hat er doch damit auch ganz etwas anderes angefangen. Sein Bild Karls des Großen ist nicht nur deshalb wahrer, weil er durch seine Quellen nicht wie Antonin auf Turpin, sondern auf Einhard geführt wird, sondern auch, weil er es versteht, die entlehnten Stellen zu einem wirklichen Charakterbilde zusammenzuschließen. Wie geschickt hat er dann aus Piatina nicht nur eine Charakteristik Gregors VII., sondern auch eine Heinrichs IV. ausgehoben, und das ohne sich recht viel zu wiederholen, was ihm doch sonst gar häufig begegnet. Aber besonders bemerkenswert ist seine Stellung zum Altertum und zu der humanistischen Gegenwart. Von den Griechen wird er, abgesehen von den übersetzten historischen und geographischen Quellen wie Plutarch und Strabo, nicht viel mehr aus eigener Lektüre gekannt haben als Antonin. Eher mag sich der Florentiner Erzbischof noch einige selbständige Gedanken über die Konkordanz Piatos mit der Bibel gemacht haben. Aber dafür bringt Jakobus auch keine Errores Piatonis und kümmert sich ebensowenig bei Sokrates um das echtkirchliche Dilemma Antonius, ob derselbe aus Überdruß an der Unsicherheit der Naturkenntnisse der Philosophie die Wendung zum Ethischen gegeben haben oder, „sicut de illo quidam benivolen-tius suspieantur“, weil er nicht wünschte, daß Menschen mit unreinen Sinnen sich an das Göttliche wagten. Dagegen spricht Jakobus bei dem Ursprung der Abgötterei16) von den Philosophen, die schon unter verschiedenen Namen den einen Gott gelehrt hätten, wo Antonin nur eine Ablehnung aller falschen Götter mit den Worten der Bibel bringt. Noch deutlicher wird der Unterschied bei der römischen Geschichte. Hier knüpft Antonin einfach nach der Danielischen Weissagung das Römerreich an das mazedonische an, er betont bei Romulus hartnäckig, daß er ex stupro, non ex Marte erzeugt sei, und bestreitet, daß Sallust mit Recht gesagt habe, unter der Republik hätten Recht 6* 84 [84] Humanistische Einflüsse. und gute Sitte auch ohne den Zwang des Gesetzes bei den Römern geherrscht.17) Er folgt hier durchaus dem Gottesstaat Augustins. Dagegen weiß Jakobus, daß Romulus zwar unrühmlicher Abstammung, aber wahrhaft königlichen Geistes gewesen sei; er schließt daran einen Exkurs über Rom, der zeigt, daß er die Roma instaurata und die Roma triumphans Biondos nicht bloß exzerpiert hatte.18) Hält man gegen die Worte, die er Rom widmet, die Mirabilia Roinae, die Martin von Troppau an die Spitze seiner Chronik gestellt hatte, so sieht man den ganzen Unterschied der Zeiten. Über die ersten Jahre der Republik aber zitiert er die berühmten Worte, die Sallust dem jüngeren Cato in den Mund legt: Tunc domi industria fuit, foris iustum bellum, animus in consulendo über.19) Hat er sie, was möglich ist, auch dem Augustin entnommen20), so hat er doch dessen Auffassung völlig verlassen. Bei den Dichtern der Kaiserzeit sodann ist es zwar auch ihm um die Sentenzen zu tun, aber er wählt aus, oder er formt aus ihnen, wie bei Horaz, sehr geschickt ein Lebensbild. Gegen die Meinung Dantes hat er durchaus nichts einzuwenden; er nennt ihn mit den Worten Boccaccios „certe catholicus et divinus theologus“, und da er im übrigen den Danteartikel Antonins benutzt hat21), so können wir nicht zweifeln, daß diese Worte eine direkte Polemik gegen den Vorgänger enthalten.22) Ob Jakobus deshalb ein besonders innerliches Verhältnis zur Antike hatte, darf man dahingestellt sein lassen; aber er hatte eine ausgesprochene Tendenz zum Modernen und eine feine Witterung dafür. Es war Ordenstradition dabei; die Augustinereremiten, denen ja auch San Spirito in Florenz gehörte, spielen in der Geschichte des Humanismus eine besondere Rolle und taten sich etwas darauf zugute.23) Im Konvent zu Bergamo insbesondere muß der Humanismus in hohem Ansehen gestanden haben, denn neben Jakobus arbeitet damals Ambrosius Calepinus, dreier Sprachen kundig, an seinem Lexikon, das Generationen nach ihm als zuverlässiger Berater dienen sollte. Aber Jakobus zeigt doch erstaunlichen Umblick. Er erwähnt bei Strabo die Geschichte der lateinischen Übersetzung, bei Quintilian die der Auffindung24), und hebt die Bedeutung des Gasparino Barzizza, den er als Landsmann noch besonders schätzt, für die Wiederbelebung der lateinischen Studien hervor.85) Wenn er von Valla spricht, so verrät ein kurzes Wort, daß er weiß, wie schwankend das Bild dieser Persönlichkeit war, und wenn er sein Urteil über Petrarkas Latinität abgibt, so kann man trotz der Anlehnung an Biondo sicher sein, die neueste Meinung der Florentinischen Kritik vor sich zu haben.8“) [85] Popularität und Glaubwürdigkeit der Chronik. 85 Auch die Betonung des geographischen Elements bei ihm ist modern-humanistisch. Antonin hatte auch in diesem Punkte nicht gezeigt, daß er in der Stadt Toskanellis lebte. Jakobus aber hat den übersetzten Strabo und vor allem die großen geographischen Werke Biondos mit Nutzen gelesen. Seine Beschreibungen von Mailand und Venedig können neben dem Vorbilde wohl bestehen.27) Sie zeigen uns außerdem – wie das ganze Werk –, ein wie starker italienischer und speziell lombardischer Patriotismus in diesem Mönche lebte. Und endlich hat sich Jakobus auch die Wertmaß st ab e der Renaissance zu eigen gemacht. Das zeigt schon seine Charakteristik des Catilina, wo er gerade die Worte des Sallust, die Antonin ausgelassen hatte, zum Ausgangspunkt nimmt.28) Noch deutlicher aber das Buch von den berühmten Frauen, das er der Chronik folgen ließ.29) Wort und Begriff der virago finden sich hier. Jakobus sagt ausdrücklich, daß er nicht nur die berühmten, sondern auch die berüchtigten Frauen schildern wolle, und so führt er uns von der Jungfrau Maria über Agrippina, Faustina, die Päpstin Johanna und die Jungfrau von Orleans bis zu Isota Nogarola und Cassandra Fedele. – Wenn aber die Chronik bald so außerordentlichen, dem Autor selbst verwunderlichen Erfolg hatte, so ist der Hauptgrund doch der, daß sie, wie Jakobus selbst sah30), ein „Neuigkeitsbuch“ par excel-lence war. Es ist nicht die geringste Merkwürdigkeit in dem Buche, wie es Jakobus fertig gebracht hat, in die Fülle der historischen Notizen noch da und dort charakteristisches Anekdotenbeiwerk einzufügen, und wenn die Leser des Vinzenz sich an der Geschichte von Barlaam und Josaphat ergötzten, so bot Jakobus den seinen als ebenso historischen, aber ganz modernen Stoff die sieneser Liebesnovelle des Enea Silvio von Euryalus und Lukretia in knappster Zusammenfassung.81) Kritische Zweifel haben Jakobus hier sowenig beirrt, wie bei den zahlreichen Origines der Städte, Herrschergeschlechter und Stämme, die sich, meist mit Hilfe eines Trojanerstammbaumes, hier bis in die fabelhafteste Urzeit zurück verfolgt sahen. In Biondos Geiste hat er da nicht geschrieben, aber gewiß hat er damit besonders den Geschmack der großen Lesermasse getroffen. – Mit der Genauigkeit der historischen Angaben-des Jakobus steht es nun freilich nicht zum besten. Er sagt, daß Tarquinius Superbus nach Gabii zu Porsenna geflohen sei, und bemerkt von der Catilinarischen Verschwörung: de qua Salustius et Liviua optime scripserunt. Er meint32), der 1375 gestorbene Boccaccio habe ein Opus bellorum geschrieben, in dem man etwas über Sigismunds 86 [86] Verbreitung und Einfluß beider Werke. Türkensiege und die Einnahme von Konstantinopel durch die Türken finden könne, läßt Ludwig den Bayern von Karl IV. besiegt werden und auf der Flucht sterben, Hieronymus und Huß deshalb verbrannt werden, weil sie außer der Armut des Klerus auch Weibergemeinschaft gepredigt hätten. Beruhen solche Dinge auf Flüchtigkeiten oder Verwechslungen, so ist es bedenklicher, wenn Jakobus bei der Beschreibung von Trier sagt83): Huius urbis cives nunc et moribus et ornatu legibusque ob mercatorum et adventantium frequentiam et familiaritatem admodum culti et humani referuntur, qui ob Germaniae vicinitatem Germanica utuntur lingua et ab eisdem cultu et exercitu et quadam in bellis ferocitate non multum differunt. – Jakobus ist nicht gerade deutschfeindlich, in seiner Familie zeigte man mit Stolz einen Pfalzgrafenbrief Ludwigs des Bayern84), wenigstens nicht mehr als jeder guelfisch und national fühlende Italiener. Überdies hören seine geographischen Begriffe bei den Alpen auf, aber in unserer Stelle ist die mala fides außer Zweifel, denn er hat einen Artikel deB Raimondo Marliano benutzt, der an dieser Stelle hatte: fere omnes autem Tre-veri Germanica lingua utuntur.35) Es sollte sich zeigen, daß es noch mehr Stellen gab, an denen deutsche Leser Anstoß nahmen. Die Drucke des Antoninus und Jakobus, daneben die des Fasci-culus temporum, eines Geschichtsahrisses, den der Kartäuser Werner Rolewinck verfaßte, und der großen Kompilation des Vinzenz von Beauvais spielen in der Geschichte der Wiegenzeit des Buchdrucks eine wichtige Rolle. Sieht man die Druckorte an, so findet man mit einigen leicht zu erklärenden Ausnahmen nur deutsche Städte und – Venedig, das in der humanistischen Bewegung Italiens ja immer eine besondere Stellung eingenommen hat. Auch hier aber sind es deutsche Drucker, welche diese Werke ans Licht bringen, und es scheint, daß sie gerade Produkte solcher Art für besonders geeignet gehalten haben, eine Art von Austauschware zwischen den beiden Ländern zu bilden.36) In Deutschland vor allem sind denn auch die Nachfolger des Antoninus und Jakobus zu suchen. Vielleicht müßten wir, wäre uns sein Werk erhalten, hier zuerst einen der ehrwürdigsten Namen des deutschen Humanismus nennen. Der Friese Rudolf Agricola, der Mann, der, wie Erasmus rühmte, in Italien hätte der erste sein können, es aber vorzog, ein Deutscher zu sein, soll auf Anregung des Pfalzgrafen Philipp eine Weltchronik nach der Ordnung der vier Monarchien verfaßt haben. Aber wir [87] Hartmann Schedel. Nürnberg und der Humanismus. 87 wissen nichts von dem Buche, als was Melanchthon davon erzählt87), und so sind es dii minorum gentium, die auf den Plan treten: der Nürnberger Arzt Hartmann Schedel und der Tübinger Universitätskanzler Johann Nauklerus. Hartmann Schedel88) ist geistig ein Kind des Humanistenkreises, der sich in Augsburg um Sigismund Gossembrot und seinen Vetter Hermann Schedel gebildet hatte. Von ihnen hat er den Sammeleifer, dem wir die größte uns erhaltene Bibliothek frühhumanistischer Handschriften und Drucke verdanken, und die brennende Begier, sich des neuen Stils zu bemächtigen, die doch bei ihm, wie hei jenen, zu nichts weiter als zum wörtlichen Abschreiben seiner Vorbilder führt. Sein Vetter hat ihn auch nach Italien gewiesen, damals immerhin noch eine Tat, die gegen Andersdenkende verteidigt werden mußte. Doch wird man schwer besondere Interessen angeben können, die Hartmann hier gewonnen hätte, wenn man nicht seine Sammlung von Inschriften hervorheben will, mit der er sich in der Geschichte der Altertumswissenschaft einen Platz erworben hat.89) Auch darin aber ist er kaum selbständig, die Söhne des alten Gossembrot und besonders Sigismund MeiBterlin dürften ihm den Weg gezeigt haben. 1484 kehrt Schedel dauernd nach seiner Vaterstadt als Physikus zurück, und hier erscheint 1493 das einzige Werk, das mit Recht seinen Namen trägt40), die Liber chronicarum betitelte Weltchronik. Doch müssen wir wohl dies Buch ebenso sehr aus der geistigen Entwicklung Nürnbergs wie aus der seines Verfassers zu erklären suchen. – Nürnberg ist in mehr als einer Beziehung das deutsche Venedig, wie Augsburg das deutsche Florenz. Länger als anderswo klopft in diesem aristokratisch-konservativen Gemeinwesen der Humanismus an verschlossene Türen.*1) Die ihn pflegen, sind Fremde, wie Heimburg und sein Kreis. Geben sich Einheimische damit ab, so stehen sie einsam oder doch den offiziellen Kreisen fern. Auch die Pirkheimer wird man nur wie die Giustiniani in Venedig betrachten können. Die Geistesrichtung der Stadt geht aufs Praktische, man schätzt die Mathematik, auch die Geographie, die neue Redeform aber bleibt lange verdächtig Im Geschichtlichen hängt man am Alten. Noch 1459 entsteht, wie wir sahen, in der Kanzlei eine durchaus mittelalterliche Weltchronik, daneben, doch wohl auf Heimburgs Anregung, eine ganze Reihe von Übersetzungen alter Annalen und Chroniken, die dem Bürgertum, vielleicht auch dem Meistersingertum zu- 88 [88] Die Komposition der Schedelschen Weltchronik. gute kommen.42) Und als nun endlich der Wunsch erwacht, doch auch wie andere Städte eine Stadtgeschichte im neuen Stil zu haben, da sucht Nürnberg, wie Venedig48), seinen Geschichtschreiber in einem Fremden. Aber Meisterlins Norimberga war anscheinend nicht so wie die Venetianer Geschichte des Sabellicus den Auftraggebern zu Dank geschrieben. Gerade weil sie zuviel von den eigentlichen Tendenzen des Gemeinwesens verriet, blieb sie geheim.44) Den Rat gelüstet fürs erste nach keinem neuen Experiment und auch die Männer, die nun mit Enea Silvio empfinden, daß es noch keine deutsche Geschichte gebe, und mit Regiomontan Nürnberg als das Zentrum Europas betrachten, glauben nichts Besseres bieten zu können, als eben den Liber chronicarum. Wie das Buch entstanden ist, wußte schon Trithemius, der von Schedel sagt: Comportavit et scripsit ... ex Jacobo Pergomensi et aliis historiographis, addens nonnulla maxime de rebus Gernianorum, opus grande et insigne, quod continet Historias temporum.45) Es ist also eine Bearbeitung des Jakobus und zwar, wie wir jetzt wissen, eine, bei der im eigentlich historischen Teil nicht eine Zeile Schedel selbst gehört, wie wir hinzufügen dürfen, eine, in der Schedel trotz seiner Ergänzungen aus den modernsten Autoren das Buch des Jakobus eigentlich auf den Standpunkt des Vinzenz von Beauvais zurückgeschraubt hat. Das sieht man nicht nur daraus, daß er seine Geschichtsdarstellung wieder wie Vinzenz in eine theologisch gehaltene Erörterung über die Weltschöpfung und das jüngste Gericht einrahmt und dem eigentlichen Kuriositätenkram der mittelalterlichen Geschichte, den portenta und monstra, den Berichten von Hungersnöten, Pesten und merkwürdigen Naturereignissen aller Art, wieder überall breiten Raum gewahrt, sondern auch in dem, was er aus Jakobus fortläßt. Das sind vor allem die kurzen Biographien, mit denen Jakobus sein Buch so buntscheckig gemacht hatte, und in den längeren die Charakteristiken. Schedel merkt nicht, daß Jakobus darauf besonderen Wert gelegt, für das Altertum, wie er selbst sagt, sie sorgfältig aus dem übersetzten Plutarch exzerpiert hatte. Was Schedel dafür zusetzt, zeigt, daß ihn nur stoffliche Interessen leiten. Es führt ihn nicht tiefer in die Dinge, daß er bei Alexander dem Großen, dem Hinweis des Jakobus folgend, den Justin aufschlägt oder bei Theoderich dem Großen den Biondo; er sucht hier wie dort nur nach Tatsachen, die seine Quelle übergangen haben könnte, ja es genügt ihm, wenn er eine Ergänzung des Herrschertitels oder ähnliches findet. Davon Die Erörterung De progressu imperii. [89] 89 vollends, daß etwa Cimbern- und Teutonenzüge oder die Völkerwanderung in einer deutschen Weltchronik ausführlicher zu behandeln wären, hat er keine Ahnung. Er läßt sogar aus Jakobus den dort aus Orosius entlehnten Artikel Caesaris gesta in Germaniam ganz fort, so daß Ariovist bei ihm nicht vorkommt, und schreibt bei Pipin ruhig aus Biondo ab: Longum esset referre singula, quae in Ger-manos, Aquitanos, Burgundiosque gessit. Bei der deutschen Geschichte des Mittelalters aber haben ihn die Jakobus und Biondo, Piatina und Palmerius sogar von der Benutzung der deutschen und nürnbergischen Quellen abgehalten, die er in einem Auszug aus der Weltchronik von 1459 besaß. Ebenso sind die Humanistenbiographien, die dem Buch Schedels einen modernen Aufputz geben, fast alle wörtlich aus Jakobus entlehnt; man würde nicht ahnen, daß der Autor des Liber chroni-carum die meisten Werke, von denen er hier spricht, in seiner Bibliothek stehen hatte. Wie wenig Schedel denn auch zu einer eigentlichen Bearbeitung historischen Stoffes fähig gewesen wäre, das können wir aus einer der wenigen Stellen entnehmen, wo er den Faden chronikaler Aufreihung verläßt, aus der bei der Regierung Ottos I. eingeschobenen Erörterung: De progressu imperii ac translatione eius in Ger-manos. Daß Schedel hier überhaupt abschweift, hat wieder seine Vorlage bewirkt, denn Jakobus bietet an dieser Stelle einen Rückblick auf die Geschichte des Imperiums, der ihn bis auf das älteste Rom und dann auf die von dem Venetianer Lionardo Giustiani und im Florentiner Kreise erörterte Frage über die alte Bedeutung von imperator und rex führt. Daran schließt er einen zweiten Rückblick auf das älteste Deutschland und eine allerdings sehr unbedeutende Descriptio Germaniae. Das Ganze ist eine bemerkenswerte humanistische Ummodelung einer mittelalterlichen Auffassung: die Deutschen sind erst durch das Imperium etwas geworden, aber das Imperium ist hier nicht mit Vorstellungen von päpstlicher Verleihung, sondern von altrömischer Herkunft verbunden. Doch Schedel hat hier einen besseren Führer. Er nimmt nur die Einleitungsworte aus Jakobus, dann aber folgt eine Zusammenziehung der ersten neun Kapitel aus dem Tractatus de ortu et auctoritate imperii Romani des Enea Silvio.16) Damit stellt sich Schedel zu den humanistischen Imperialisten, wie Bebel, Wimpfeling und Brant, und leitet so die Geschichte des hl. römischen Reichs deutscher Nation nicht übel ein. Aber es hat ihn gereizt, dieser Quelle noch weiter zu 90 [90] Di© geographischen Abschnitte. folgen, und so bietet er ein paar Seiten später einen Auszug aus den nächsten sechs Kapiteln, wo Enea mit der ganzen Schroffheit der absolutistischen Grundsätze des römischen Rechts die Unumschränkt-heit der kaiserlichen Gewalt und die Widerruflichkeit aller Privilegien, die dieser entgegenstehen, lehrt. Schedel knüpft sie unglücklicherweise gerade an der Stelle an, wo er nicht nur die von Enea absichtlich gar nicht erwähnte Einsetzung der Kurfürsten, sondern auch die schon von Meisterlin als eine Phantasie der „Herolde“ bekämpfte Quaternionentheorie bietet, also eben die Hauptstützen der „teutschen Libertät“. Er hat wohl einen der Drucke der goldenen Bulle benutzt, der die Quaternionen enthielt. Dann aber meint Schedel doch auch etwas in bezug auf die von ihm weggelassene Stelle des Jakobus über den Imperatorentitel sagen zu sollen und vergißt darüber, daß er eigentlich von der goldenen Bulle sprechen wollte. Aber was er gegen Jakobus zu bemerken hat, fällt sehr schwächlich aus.47) Man sieht nur, daß er es hier ebenso mit den alten Anschauungen hält, wie bei seinem Exkurs De nobilitate, den er dem Kartäuser Werner Bolewinck entlehnt, unbekümmert um die gerade in diesem Punkt so lebhafte Diskussion der Humanisten.48) Doch ist Enea Silvio jedenfalls der Autor, dem Schedel alles verdankt, was von wirklichen Fortschritten in seiner Chronik ist.49) Die Türkenrede vom Frankfurter Tag und die Germania haben seinen Patriotismus erregt50), die Böhmische Geschichte und die Europa geben Stoff und Urteil für die deutschen Kaiser von Wenzel bis Friedrich III., die Widmung der Commentarii in Antonium Panor-mitam die Vorlage für den die eigentliche Chronik schließenden Pane-gyrikus an Maximilian51), die geographischen Werke endlich Grundlage und Richtung für die geographischen Interessen Schedels.5S) Freilich die der Chronik angehängte Europa Eneas sieht sonderbar neben den aus Vinzenz stammenden und eigentlich bis auf Orosius zurückgehenden Beschreibungen der drei Erdteile am Anfang aus. Schedel gibt unbekümmert über Sizilien zwei, über Britannien gar drei Beschreibungen, die jede einen andern Wissensstand zeigen53), und sein Versuch, die Lücken, die Enea in seiner Europa bei den schwäbischen und rheinischen Landen gelassen hatte, auszufüllen, ist mißlungen. Auch die beigegebene Karte Deutschlands war durch den Ptolemäus des Nikolaus Donis schon überholt. In der Frage der Antipoden weiß sogar Felix Fabri besser Bescheid. Aber das hatte er sich aus Enea entnommen, daß Deutschland das Land der Städte sei, und mit Recht haben die Städtebeschrei- Johann Nauklerus, [91] 91 bungen die Chronik berühmt gemacht. Er ist auch hier nicht imstande, selbst so handgreifliche Irrtümer, wie den des Jakobus von den „Deutschland benachbarten“ Trierern zu verbessern, aber er steht doch merkwürdig kritisch zu den verschiedenen Gründungsfabeln, auch zu denen seines Freundes Meisterlin, und – was mehr ist – nicht wenige der Städtebeschreibungen verraten Augenschein, der sich in bemerkenswerter Weise auch den Resten des Altertums zugewandt hat.54) Möglich ist allerdings, daß Schedels Freund und Kollege Hieronymus Münzer gerade an dem geographischen Teil mehr Anteil hat, als wir bis jetzt wissen,55) immerhin sehen wir Schedel hier auf dem Wege, der den kritischen Humanismus zu dem Plan der Germania illustrata und Sebastian Münster zu seiner Kosmographie führt. Im ganzen bleibt Schedels Buch eine scholastische Arbeit im humanistischen Gewände. Von der Chronik des Nauklerus darf man das Umgekehrte sagen. Johann Verge, genannt Nauklerus56), ist ein Zeitgenosse der älteren Humanisten. Er muß vor 1450 studiert haben, vielleicht in Italien, jedenfalls ist er aber nicht der freien Künste wegen hingegangen, sondern er widmet sich dem kanonischen Recht und wird doctor decretorum. Dann erscheint er als Erzieher des jungen Grafen Eberhard von Württemberg, 1459 oder 1460 als Propst in Stuttgart, dann auf einer Landpfarrei, seit 1477 als Lehrer des kanonischen Rechts und dann als Kanzler der neuen Universität Tübingen. In dieser Stellung schreibt er mindestens seit 1498 an seiner Weltchronik, die er 1504 beendet.57) 1516 ist er, ohne sie veröffentlicht zu haben, gestorben. Hätten wir die Chronik nicht, wir würden seinen Namen in der Geschichte des Humanismus kaum finden. Er ist nicht unter den Männern, die Eberhard von Württemberg,- dem zwar ungelehrten, aber für alle Wissenschaften empfänglichen Fürsten, ihre Übersetzungen oder Panegyriken darbringen, nicht im Kreise des Uranius und Reuchlin, die in Deutschland die begeistertsten Verehrer der platonischen Akademie und des Marsilio Ficino sind, und dem doch sein eigener Bruder angehörte58), nicht unter den dichtenden Genossen Heinrich Bebeis, die mit diesem den Kampf für den reinen Stil und die wahre Poesie führen.59) Dennoch steht Nauklerus mit diesen Männern in Beziehungen, er hat manche von ihnen beeinflußt, von andern vielleicht Einflüsse empfangen, und wie Schedels historische Kompilation den Humanis- 92 [92] Tübinger Humanismus. mus des Gossembrot-Meisterlinschen Kreises spiegelt, so erklärt sich die des Nauklerus aus dem Tübinger Humanismus. Dieser aber ist wesentlich anderer Natur als der Nürnberger und auch der Straßburger. Wir sahen, wie die Verehrung für den neuen Stil Leute wie Meisterlin und Schedel, aber auch noch Wimpfeling zum einfachen Abschreiben italienischer Vorbilder führt und sie damit bei Enea Silvio und Campano festhält. Hier in Tübingen nun führt Heinrich Bebel in seiner Schrift: qui autores legendi sint einen ersten Hieb gegen die stilistische Autorität des Enea und verweist auf die Alten als die eigentlichen Stilmuster. Und diese Schrift ist Nauklerus zugeschrieben, an der Diskussion über diese Fragen muß er, wie der Text zeigt, Anteil genommen haben.60) Den Piatonikern um Uranius sind die Griechen mehr als leere Namen, ein gut Teil ihrer Theologie geht auf sie als auf die reinen Quellen zurück.61) Auf dem gleichen Wege gelangt Nauklerus zu den Alten selbst, zu den Lateinern und vielleicht auch zu den Griechen.62) Sie geben seinem Geiste die Richtung, von ihnen beeinflußt schafft er das erste kritische Geschichts’werk Deutschlands. Auf den ersten Blick sieht die Chronik allerdings nicht danach aus. Das alte ungefüge System der sechs Weltalter ist dadurch nicht brauchbarer geworden, daß Nauklerus „Generationen“, seit Christi Geburt zu je 30 Jahren, hineingebaut und dies sorgfältig, aber ganz theologisch motiviert hat. Auch die Erörterung über die griechischen Götter läßt erkennen, daß Nauklerus hier, wie Fabri, seinen Standpunkt bei Laktantius nimmt, und die dürftigen Sätzchen über die geistigen Größen Griechenlands werfen uns fast bis auf Ekkehard zurück. Aber schon bei Alexander dem Großen bemerken wir, wie J astin, der, bei Jakobus und bei Schedel nur in die alten Nachrichten eingeschoben, die Verwirrung der Überlieferung nicht hatte beheben können, Grundlage einer völlig neuen Darstellung wird. Der zweite punische Krieg sodann erscheint in einer den mittelalterlichen Chroniken fremden Ausführlichkeit. Orosius liegt wohl zugrunde, aber er ist aus Plutarch, Eutropius, Valerius Maximus, Florus und vor allem aus Livius ergänzt. Man sieht dann bald, daß diese Autoren nicht wahllos benutzt sind. Im allgemeinen erscheinen diejenigen bevorzugt, die Reden der handelnden Personen bringen, im einzelnen ist jede nach ihrer Eigenart verwertet. So gibt Valerius Maximus Anekdoten, die da und dort den Plutarch erweitern können, der rhetorische Florus Zusammenfassungen und Übergänge.68) Denn wenn Jakobus seine Quellen möglichst in kleine biographische oder annalistische Die AHertumestudien in der “Weltcbronik. [93] 93 Stückchen zerpflückt, strebt Nauklerus nach größeren Einheiten, wobei freilich mancherlei unverarbeitetes Material am Ende jeder Generation einfach angehängt werden muß. Je weiter dann die Darstellung vorschreitet, desto deutlicher zeigt sich, daß hier aus den Alten selbst alte Geschichte geschrieben worden ist. Von der Tendenz des Orosius, der dartun will, daß unter den Heiden niemals Friede gewesen sei, und daß ihre Tugenden doch nur glänzende Laster seien, ist Nauklerus völlig frei. Die Charakteristiken, in denen er, angeregt, aber nicht abhängig von Jakobus, Männern wie Alexander, Hannibal, Pyrrhus einen Nachruf schreibt, bei andern, wie Marius, Sulla, Cäsar einleitend die indoles zu schildern sucht, sind Ergebnisse der Lektüre des Plutarch und Sueton. Die Cäsarbiographie vollends ist weitaus das Beste, was über diesen Gegenstand bisher in einem deutschen Geschichtswerk zu lesen war.6*) Und hier bei der Geschichte Cäsars reift nun die erste Frucht der Altertumsstudien Nauklers für die deutsche Geschichte. Es zeigt sich sogleich bei ihm, wie vorher nur bei Enea Silvio, was es bedeutet, daß er die Kommentarien als den eigenen Bericht eines Augenzeugen schätzt, nicht mehr als das Buch eines Julius Celsus betrachtet, wie Antonin der mittelalterlichen Überlieferung, oder des Sueton, wie Jakobus dem Orosius nachschreibt. Aber es zeigt sich auch, daß er nicht wie Gaguin in dem Buche Vorschriften für Kriegsund Staatskunst,65) oder wie Eiugmann-Philesius „wahre“ Abenteuer sucht, mit denen man die Ritterbücher bekämpfen könnte, und es genügt ihm auch nicht, den Kommentarien nur ein paar vereinzelte Tatsachen zu entnehmen, wie es Murrho und Wimpfeling taten: er will eine Schilderung des Cäsarischen Deutschlands geben.68) Hätte er sich hier mit dem Auszug des Orosius begnügt, BO hätte er gar nicht zu einem solchen Versuche kommen können, denn gerade die schildernden Partien Cäsars hatte Orosius vollständig übergangen. Aber Nauklerus zieht hier auch eine Folgerung für die politische Geschichte: „Ceterum, qui Suevos a Caesare superatos scribunt, dis-sentire ab ipso videntur Caesare.“ Damit hat Nauklerus die erste mittelalterliche Fabel, die wir als besonderes Lieblingsstück schwäbischer Geschichte noch bei seinem Landsmann Fabri wirksam fanden, überwunden. Man ist begierig, den Autor diesen Faden deutscher Geschichte nun auch durch die Reihe der römischen Kaiser verfolgen zu sehen. Bemerkenswertes steht da: die erste Erwähnung des Arminius, [94] 94 Die Erörterung über den Ursprung der Franken. die einzige vor dem Bekanntwerden der ersten sechs Bücher der Annalen des Tacitus. Sie ist noch ohne Huttensche Herzenstöne gegeben, obgleich man sieht, wie die Florusstelle mit ihrer Gegenüberstellung der verderbten Römer und der kraftvollen Germanen Nauklerus paßt. Daneben steht die Widerlegung der „Varusschlacht bei Augsburg“ aus Strabo.67) – Aber der Chattensieg des Domitian ist in einer annalistischen Schlußbemerkung abgetan, die Markomannenkriege sind nach Orosius erzählt, so daß das Regenwunder die Hauptsache ist. Denn in diesen Zeiten interessieren Nauklerus fast am meisten die theologischen Streitfragen, die er mit unverhältnismäßiger Ausführlichkeit, aber selten mit eigenem Urteil behandelt. Die deutschen Dinge werden ihm erst wieder bei den Origines der einzelnen deutschen Stämme wichtig. Und hier gewinnen wir näheren Einblick in Beine kritische Methode, den besten bei den Erörterungen über den Ursprung der Franken.68) Er gibt sie bei Valentinian, unter dem die durch Ekkehard populär gewordene Form der Trojanersage die Franken aus den mäo-tiBchen Sümpfen an den Rhein hatte wandern lassen. Dagegen hat er Zeugnisse, welche die Franken schon unter Aurelian und Probus in Deutschland kennen. Mit diesen wäre die Bahn frei für Fabeleien von vorchristlichen Gründungen der Franken in Gallien und Germanien, wie sie ein schon von Gaguin bekämpfter Franzose brachte. Autoren wie Jakob von Bergamo und vor allem Annius von Viterbo mit seinem Psendoherosus, dem er, wie wir sehen werden, sonst häufig vertraut, treten dem zur Seite. Aber hier lehnt Nauklerus sie ab, für ihn entscheidet, daß Cäsar, „der vor Christi Geburt Gallien aufs sorgfältigste beschrieben hat“, Strabo, „der überaus sorgsame Beobachter aus der Zeit des Oktavian“, Tacitus und Ptolemäus kein Wörtlein von den Franken wissen* Zum ersten Mal siegt hier in einer deutschen Geschichtsdarstellung des Humanismus die zeitgenössische Quelle über die Tradition. Und dabei bleibt es, obgleich Nauklerus sich nachträglich noch mit Jordanus von Osnabrück auseinanderzusetzen hat.69) Er fühlt wohl, daß dessen Erörterungen eine patriotische Tendenz zugrunde liegt, aber es ist nicht sein Patriotismus. Wie dieser beschaffen ist, das zeigt das wichtigste Stück der Chronik, die Erörterung über Deutschland.70) Sie steht bei der Kaiserkrönung Karls des Großen. Veranlassung dazu ist also bei Nauklerus wie bei Schedel das Vorbild des Jakob von Bergamo. Nur ist Schedel unkritisch genug, auch seine Er- Die Erörterung über Deutschland. [95] 95 örterung bei Otto I. stehen zu lassen, trotzdem er doch die Auffassung des Italieners von einer Translatio imperii a Francis in Germanos sicher nicht teilt.’1) Nauklerus weist diese Auffassung ausdrücklich mit juristischen Deduktionen zurück72) und zieht die Folgerungen für die Anordnung des Stoffes: bei ihm beginnt die deutsche Reichsgeschichte mit Karl dem Großen. Im Inhalt seiner Ausführungen aber ist Nauklerus weder von Schedel78) noch von Jakobus abhängig; er ist ganz originell. Er stellt seiner kleinen Abhandlung eine Übersicht vorauf; sie soll acht Abschnitte enthalten: de origine nominis, de situ Germaniae, de quali-tate glebae, de populis Germaniae, de dignitate gentis, de illustribus gestis, exhortatio, de priscis moribus.74) Also etwa das Thema Wimpfe-lings75), aber es ist kaum ein Punkt, in dem Nauklerus nicht über ihn und alle seine Vorgänger hinausgekommen wäre. Bei der Namenserklärung hatten die Früheren zwischen der Ableitung Strabos: Germani = fratres Gallorum und der des Enea Silvio: Germani a germinando nach Neigung gewählt Naukler betont, daß beides Bezeichnungen seien, die das Ausland den Deutschen gegeben habe, und stellt dagegen die einheimische Bezeichnung, die „Tuitschen“, die er nach Tacitus und Berosus von Tuisko ableitet. Hier schon wird deutlich, warum Naukler und mit ihm so viele andere der Fälschung des gelehrten Dominikaners erlegen sind.76) Nicht nur, daß er keinen “Widerspruch zwischen der Fälschung und dem Tacitus zu finden vermag, weil sie eben mit Benutzung des Tacitus gearbeitet ist, sie bietet ihm auch als willkommenen Ersatz für die alten genealogischen Fabeleien, die er verwerfen muß, neue, die der Nation ein mindestens ebenso ehrwürdiges Alter geben. Zugleich aber hindert sie ihn nicht, seine Hauptthese zu verfechten, die er beim fünften Punkte ausspricht, daß die Germanen Ureinwohner auf ihrem Boden und ein unvermischtes Volk seien. Zum ersten Male gewinnt diese Ansicht des Tacitus in einem deutschen Geschichtswerk grundlegende Bedeutung. Was sodann die Geschichte der römischen Kaiserzeit noch vermissen ließ, das findet sich hier, eine Zusammenstellung der Kriegszüge germanischer Stämme unter dem Gesichtspunkt deutscher Geschichte. Sie beginnt, wie billig, mit dem Keltensturm von 390 v. Chr., denn Naukler las in seinem Liviusexemplar, wie alle Zeitgenossen, von einer mitziehenden manus Germanorum.77) Erst Glarean hat das in Genomanorum geändert. Sie faßt die Völkerwanderung als germanische Bewegung, in der auch Franken und Angelsachsen berücksichtigt sind, – nur die Gothen fehlen auch hier, so lange hat es nachgewirkt, daß 96 [96] Nauklers Patriotismus. sie in der Völkertafel Isidors von Sevilla gesondert standen78) – und führt die Darstellung bis auf das Langobardenreich in Italien herab. „Ingressi sunt Italiam,“ sagt er, „eamque domitam in suam potestatem redegerunt, Italiae quoque nomen mutantes a ee victoribus Longo-bardiam nominaverunt, nee solum regionis nomina sed et leges novas condentes mores ritusque Romanorum mutaverunt“.79) Und er schließt mit folgenden Worten: „Omnes hae nationes, sive Galli, Britanni aut Itali sint, in potestatem et nomen victorum pervenere, Germanorum scilicet, permanentque usque in praesentem diem, tametsi postea victores ipsos in linguam suam moresque adeo traxerint, ut nulla peregrinae gentissigna permanserint excepto nomine, quo se, ut arbi-trari licet, a Germanis aliquando victos fuisse meminerint.“ Das ist also Nauklers Patriotismus. Man sieht, wie er den Gedanken von der germanischen Urnation weiterdenkt, und wie er zugleich die Idee des germanischen Imperium mundi humanistischvölkisch begründet, wenn er auch, wie andere Stellen zeigen, auf die mittelalterlich-juristische Begründung noch nicht verzichten mag. An den kritischen Fragen, die dieser Zeitabschnitt bietet, ist er nicht vorbeigegangen. Vor allem möchte er eine Antwort darauf finden, wohin denn die alten germanischen Stammesnamen, die Strabo, Ptolemäus, Solinus und Tacitus bieten, gekommen seien, und wie sich die neuen der Franken, Schwaben usw. dazu verhielten. Wenn er hier trotz manch verständiger Bemerkung80) zu keinem rechten Ende gekommen ist, so ist es, weil er den Begriff allmählicher Entwicklung nicht durchzudenken vermag. Auch bei ihm, wie bei Wimpfeling, kommen da Lieblingsideen ins Spiel, aber anderer Art. Die Germanen sich möglichst bald geistig kultiviert vorzustellen, liegt ihm fern, aber es widert ihn zu denken, daß Deutschland wirklich eine terra inculta gewesen sei. Höchstens zu dem Zugeständnis möchte er sich herbeilassen, daß hier das alte Sprichwort seine Wahrheit zeige: Saepe bona materia cessat sine artifice.81) Vielleicht das interessanteste Stück dieser Erörterung aber ist der Abschnitt über die prisci mores Germanorum. Wäre er nicht in der Disposition schon aufgeführt, wir würden ihn nach seiner Stellung im Ganzen für nachträglich angeflickt halten. Jedenfalls hat Naukler ihn bei seiner Erörterung über das cäsarische Germanien im ersten Band der Chronik noch nicht beabsichtigt gehabt. Hier aber bietet er nun eine erste Vereinigung der Nachrichten des Caesar und Tacitus über germanische Urzustände. Und es ist nicht eine bloße Anreihung, wie sie Raimondo Marliano in seinem Caesarindex für einzelne Stämme Naukler und Heinrich Bebel. [97] 97 gegeben hatte, sondern die Notizen sind nach sachlichen Rubriken geordnet; zu der Bemerkung des Tacitus über foenus et usurae ist die des Cäsar über latrocinia gestellt, zu der über die Trunksucht mit freilich durchsichtiger Tendenz das Cäsarische: vinum ad se importari non sinunt. Ja, bei den Bemerkungen über die Religion der Germanen sieht er die Verschiedenheit der Angaben beider Schriftsteller und sagt erklärend von Tacitus: posterius et copiosius regionem describens. Man sieht, wie weit diese Erörterungen Nauklers über die bisherigen Darstellungen hinausführen. Aber vielleicht muß ihm der Ruhm, als erster so weit gelangt zu sein, bestritten werden. Denn das ganze Stück zeigt die auffallendsten Ähnlichkeiten mit einem andern Erzeugnis des Tübinger Humanistenkreises, mit der Rede, die Heinrich Bebel 1501 vor Kaiser Maximilian in Innsbruck hielt.82) Fast alle Punkte, die Naukler bespricht, finden sich auch hier, und da Bebel seine eigentliche Tendenz in seiner Rede noch nicht genug betont zu haben glaubte, so fügte er für den Druck noch einen besonderen Abschnitt an, der mit seiner Überschrift: Germani sunt indigenae sogleich wieder die Übereinstimmung mit Naukler zeigt. Es ist von vornherein wahrscheinlich, daß Naukler dieses Schriftchen kannte; daß er es benützte, wird durch wörtliche Übereinstimmungen sichergestellt. Aber diese beziehen sich – bezeichnend genug – fast nur auf rednerische Wendungen, im übrigen sind beide Männer selbständig auf die Quellen zurückgegangen. Das ist bemerkenswert. Es zeigt, daß es nicht nur Phrase war, wenn Bebel Naukler als den Patron seiner Studien rühmte, sondern daß auch ein innerer Zusammenhang in der Tätigkeit der beiden besteht. Um so lehrreicher sind die Unterschiede ihrer Auffassungen. Bebel fühlt sich selbst in erster Linie als Dichter. Als solcher stellt er sich dem Gelehrten Naukler gegenüber.83) Aber ein nicht geringer Teil seiner Schriften, sogar seiner Gedichte ist historischen Inhalts. Die meisten sind Flugschriften wie bei Wimpfeling. Wie dieser hat Bebel immer einen Gegner. Er bindet mit Gaguin, mit Lionardo Giustiniani, mit Bioudo, mit Enea Silvio, besonders gern mit Jakob von Bergamo an. Auch die Ursache der Fehden ist eine ähnliche, wie so oft bei Wimpfeling: Verletzung seiner patriotischen, besonders seiner stammespatriotischen Gefühle. Aber in seiner Waffen-kammer sieht es ganz anders aus als in der Wimpfelings. Er ver-fügt über eine sehr beachtenswerte Quellenkenntnis und erreicht darin Naukler, ja er übertrifft ihn sogar in etwas/1) Seine Ermahnung an die Schweizer von 1507 enthalt vielleicht die voll- Jont-’liiMiTii, i;c5c!U(.-SitsitifT..s,»jijr i li- 7 98 [98] Naukler und Coccinius. ständigste Sammlung von Quellenstellen über die germanische Urzeit, die ein Deutscher damals machen konnte. Bebel unterscheidet sich von Naukler vor allem durch den Mangel an historischer Kritik, und dieser Mangel entspringt bei ihm, der so gute philologische und ästhetische Bemerkungen zu machen wußte, nur aus einem überspannten Deutschtum. Für dieses tun ihm die alten Zeugnisse der Römer und Griechen durchaus nicht genug, und wenn Naukler zu würdigen weiß, daß es eben als fremde auch unparteiische Zeugen seien, hat Bebel sie stets im Verdacht, daß sie allerlei Taten seiner geliebten Deutschen verschwiegen haben.85) Es ist sodann nicht seine Sache, eine Frage auf diesem Gebiet bedächtig abzuwägen, wie es Nauklerus tat, er ist immer im Feuer, stets rhetorisch. Seine Zeugnisse wirbeln bunt durcheinander, und wenn er als erster die Goten für eine deutsche Geschichte anspricht, so möchte er doch auch die Pikten und Skoten von den Deutschen abstammen lassen. Oder noch lieber von den Schwaben, die nach ihm doch die eigentliche Hauptnation Europas sind, die einzigen neben den Friesen, die ihren alten Namen bewahrt hätten. Es wird sich doch auch wohl nur aus seinem schwäbischen Patriotismus erklären lassen, daß er trotz seiner umfassenden Quellenkenntnis dem Arminius keine Beachtung schenkte und die Varusschlacht ruhig bei Augsburg beließ. Ein weiterer Unterschied zwischen ihm und Nauklerus ist seine Stellung zum Papsttum. Es muß damals schon ein scharfes Lüftlein gegen Rom in Tübingen geweht haben. Denn neben Bebel finden wir noch einen jungen Humanisten, Michael Köchlin oder Coccinius, der da im Kampfe steht.86) Wenn Bebel erklärt, er könne beweisen, daß die Päpste den deutschen Kaisern nur um den Besitz Italiens feind gewesen seien, und für Petrus de Vineis gegen Trithemius eine Lanze bricht87), so sagt Coccinius mit dürren Worten, daß der Verfall, in dem sich das Reich jetzt befinde, vor allem den Päpsten zuzuschreiben sei.88) Und auch Coccinius rühmt Naukler als seinen Lehrer.89) Daß aber die Schüler hier doch erheblich über den Lehrer hinausgingen, wird uns eine weitere Betrachtung von Nauklers Darstellung deutscher Geschichte in der Chronik zeigen. Sie ist ebenfalls eine in vieler Hinsicht beachtenswerte Leistung. Zunächst dadurch, daß wir hier die Beschäftigung mit der alten Geschichte für die deutsche methodisch wertvoll werden sehen. Was Naukler aus Sueton und Plutarch an Charakteristiken für die Helden und Herrscher des Altertums gelernt hat, das sucht er für die deutsche [99] Das Quellenmaterial in der deutschen Geschichte. 99 Geschichte anzuwenden, sowohl direkt, wenn er etwa für Arnulf den Bösen die Worte braucht, die er aus Cicero für Cäsar zitiert hatte90), als auch indirekt, indem er kaum eine der wichtigeren Personen seiner Erzählung ohne eine zusammenfassende Bemerkung über ihren Charakter an uns vorüberziehen läßt. Und wie ihm für die alte Geschichte die Anekdoten des Valerius MaximuB zur Belebung des Charakterbildes willkommen waren, so sucht er jetzt solche aus dem Mönch von St. Gallen, Wilhelm von Malmsbury usw. zusammen, um uns Karl den Großen oder Heinrich III. deutlich zu machen. Jakob von Bergamo mag da eingewirkt haben, ebenso aber auch die Facetien Bebeis, in denen sich manche historische Anekdote fand. Wenn Naukler sodann in der alten Geschichte vor allem diejenigen Quellen bevorzugt hatte, die Äußerungen der handelnden Personen, womöglich Reden boten, so sehen wir jetzt, daß ihn dabei nicht ein rhetorisches Interesse leitet, wie die Italiener, die selbst solche Reden im Geiste der Alten erfanden. Er glaubt vielmehr mit solchen Quellenstellen dem berichteten Ereignis näher zu kommen, als mit andern, die nur einen Bericht des Schriftstellers bieten. Bei der deutschen Geschichte treten nun an Stelle der Reden die Briefe, und ihnen zur Seite die Urkunden und Inschriften. Er will die Geschichte lieber e maiorum documentis et literarum testi-moniis als nach den Meinungen der übrigen Schriftsteller behandeln01), und wenn er seinen Reichtum auch oft in unzulässiger Weise durch das von Biondo und Piatina Erarbeitete größer erscheinen zu lassen sucht, als er ist, so ist doch auch, was er selbst bietet, beträchtlich. So baut er seine Darstellung der Christianisierung Deutschlands ganz vorzugsweise auf den Briefen des Bonifatius auf, er gibt die wichtigsten Aktenstücke zur Geschichte des Investiturstreits im Wortlaut, bringt aus Hirschau den freilich gefälschten Briefwechsel zwischen Friedrich I. und Hadrian IV. über die Vorrechte beider Gewalten, der bald in der Polemik der Zeit seine Rolle spielen sollte; zur Geschichte Ludwigs des Baiern hat er Wertvolles zum ersten Mal gesehen.92) Mit den Inschriften ist es ihm freilich schlechter ergangen, doch hat er versucht, auch sie sprechen zu machen.93) Man kann sagen, Zeugnisse dieser Art sind um so häufiger, je mehr Interesse Nauklerus seinem Gegenstand entgegenbringt, und man sieht dann, daß dieses Interesse neben den schwäbischen vor allem den kirchlichen Dingen gilt. Wie er hier Anteil nimmt, zeigt zunächst die Darstellung des Investiturstreits. Es ist für Nauklerus wie für alle älteren deutschen Humanisten [100] Nauklers kirchliche Stellung. von nicht geringer Bedeutung gewesen, daß ihnen für diese Zeit in den großen Werken des Biondo und Piatina moderne, quellenmäßig gearbeitete Darstellungen von unbestrittenem Ansehen vorlagen und daß die Tendenz dieser Werke, wenn nicht päpstlich, so doch antikaiserlich war. Aber Nauklerus erliegt dem nicht, wie Murrho und Wimpfeling. Die Italiener treten für ihn auf eine Seite zusammen – daß Antonin auf dem äußersten Flügel steht, spricht er bezeichnend aus94) – und dagegen stellt er die Teutonici scriptores, soweit er ihrer habhaft werden kann. Sein bester Fund ist der Lambert von Hersfeld05), aber er kennt auch den letzten Bearbeiter der Chronik des Ekkehard von Aura und rühmt ihn als Mithandelnden bei den strittigen Vorgängen der letzten Jahre Heinrichs IV.96) Wie anders klingt das schon als Meisterlins Scheidung der Eusebii citramontani und ultramontani! Die Wichtigkeit dessen, was er erzählt, ist ihm völlig klar, er versucht, den Streit um die Investitur von den übrigen Wirren unter Heinrich IV. abzuheben97), das Wormser Konkordat faßt er mit juristischer Schärfe als eine gegenseitige Bindung. Nicht ebenso deutlich ist seine Stellung in dem ganzen Streite; fast scheint es, als sei es nicht nur ein rhetorischer Übergang, wenn er von der Urkunde von 1122 sogleich zu den Kämpfen mit Roger in Apulien eilt. Die Frage, ob der Papst den Kaiser absetzen könne, dagegen behandelt er, von Otto von Freising angeregt, ausführlich, ja er erweitert sie, wie dieser, zu einer Erörterung über das Verhältnis der beiden Schwerter. Doch die Erörterung bleibt scholastisch. Nicht eine eigene Meinung steht am Schluß, sondern ein Ausspruch Johannes Gersons. Immerhin mag Naukler wohl die Meinung Ottos geteilt haben, daß der Zustand der herrschenden Kirche der glücklichere, der der armen aber der bessere gewesen sei. Wahrscheinlich von diesem Standpunkt aus hat er ja auch seinen Traktat über die Simonie geschrieben, den Bebel mit einem lobenden Gedicht begrüßte.98) Jedenfalls steht er weit von dem jugendlichen Coccinius, der gerade in diesen Kämpfen um die Investitur die Wurzel alles Übels im Reiche gesehen hatte.99) Hat er sich ja auch aus VaUa zwar ein spöttisches Wort über den heiligen Franziskus100), aber nicht dessen durchschlagende Gründe gegen die Konstantinische Schenkung angeeignet.101) Anders aber erscheint er, wenn wir ihm einen andern an die Seite stellen, Trithemius. Es gibt mancherlei merkwürdige Berührungspunkte zwischen den Werken beider Männer. Die Verfasser Naukler und Trithemius. [101] 101 sind Bich auffallend ähnlich in der Art, wie sie vergessene Quellen zu finden und würdigen wissen, es ist nicht unmöglich, daß sich ihre Wege dabei gekreuzt haben.102) Derselbe Hirschauer Klosterbruder, dem Trithemius den zweiten Band seiner Annalen zuschrieb, hat das Werk des Nauklerus zum Drucke befördert und aus diesen Annalen ergänzt.103) Und wenn man die beiden Werke nur flüchtig anschaut, so möchte man sie für Kinder desselben Geistes halten. Aber das ist ein Irrtum. Wenn Trithemius Gregor VH. zu schildern hat, so benutzt er einfach die durchaus panegyrischen Worte Piatinas. Nauklerus schwankt selbst in seinem Urteil und gibt dem durch Heranziehung verschiedener Quellen Ausdruck. Gilt es das Schlußurteil über Heinrich IV., so sagt Trithemius: „Er war ein Mann von hohen Eigenschaften des Geistes und Herzens, aber er hat die Kirche verachtet“; Nauklerus mit den Worten der letzten, doch auch nicht Heinrichfreundlichen Rezension des Ekkehard: „Er hat die Zensuren der Kirche verachtet, aber er wäre der würdigste Herrscher gewesen, wenn doch nicht im Streite der Laster der Mensch entartete oder innerlich unterläge“.104) So ist auch der Ton bei der Erzählung von Canossa und den folgenden Ereignissen, trotzdem beide hier Lambert folgen, charakteristisch verschieden. Nur Naukler erzählt etwas von den Beschwerden der winterlichen Alpenreise und von der Geduld, mit der Heinrich im Schloßhof von Canossa wartete, dagegen öflhet Trithemius seine Chronik den sinnlosen Klatschgeschichten, die die Disibodenberger Annalen über die Gründe des Abfalls des jungen Konrads erzählten. Es ist klar, daß Naukler, wenn er im kirchlichen Sinne Trithemius nahe kommt, von der Würde der kaiserlichen Gewalt eine höhere Vorstellung hat. Das sieht man noch deutlicher bei den Staufen, denn hier hat Naukler seiner annalistischen Darstellung noch eine Beschreibung Schwabens angehängt, die am Schluß alle schwäbischen Herrscher bis auf Konradin an uns vorüberziehen läßt. Da ist keiner aus dem staufischen Hause, an dem man „etwas nicht Erhabenes, nicht Großartiges, nicht Bewundernswertes“ fände, von Konrad, dem Türkenschrecken, über Friedrich Barbarossa, den Wiederhersteller des Reichs, bis zu Heinrich VI., der per omnia magnanimus heißt, und Friedrich IL, für dessen Charakteristik er dieselben preisenden Worte des Enea Silvio wählt, die Wimpfeling seiner Epitome eingefügt hatte.105) Für die Einzelheiten verweist er auf die vorhergehende Erzählung. Schlagen wir diese aber nach, so ändert sich das Bild. Da heißt es von Friedrich Barbarossa: „Er war der größte Herrscher seit Karl dem 102 [102] Die Gruppierung der Quellen. Großen, aber er hat eine Zeitlang die Kirche verfolgt, worin er nicht zu loben ist“. Bei Heinrich VI. werden seine Grausamkeiten in Sizilien nicht verschwiegen, und die Schlußworte über Friedrich II. sprechen nur von dem verlorenen Sohn der Kirche. Vollends wie Bebel den Beweis dafür zu versuchen, daß der Kreuzzug von 1228 eigentlich durch die Umtriebe des Papstes mißlungen sei, liegt Naukler gänzlich fern. Er bleibt in der Verteidigungsstellung. „Ceteruin feruntur“, fügt er bei, „a plerisque plurima in Fridericum conficta crimina, quibus pietatem et religionem laesisse dicitur, quae quoniam inania bonis videri solent, consulto praeterimus. Quantum enim illud quod de-scripsimus dissidium duorum principum attulerit orbi christiano detri-mentum, hodie etiam spectare licet.“ Lesen wir dann freilich daneben wieder Trifchemius, so sehen wir, daß auch hier der Mönch noch mehr bei der Kirche steht, als der kirchlich gesinnte Kanonist, sei es auch nur darin, daß er von den Gegnern des Papsttums unbesehen das Schlechte, von den Päpsten das Gute annimmt, während Nauklerus hier wieder ersichtlich nach Unparteilichkeit strebt.106) Aber der Hauptunterschied zwischen Nauklerus und Trithemius liegt in der Art der Behandlung ihrer Quellen. Trithemius folgt fast regelmäßig nur einer Quelle, er legt dem Leser nicht vor, was er etwa bei ihrer Auswahl erwogen hat. Nau-klerus bietet in allen Fällen, die seinen persönlichen Anteil erregen, ein Gesamtbild des ihm bekannten Quellenstandes, und auch hier treten die Italiener auf die eine Seite, die Deutschen auf die andere, und wieder sind es zwei Quellen, die ihm als Berichte von Augenzeugen und Mithandelnden vom höchsten Werte sind, Otto von Freising und der Abt von Ursperg.107) Auch hier fügt er sodann Aktenstücke ein, wie die Ausschreiben von Kaiser und Papst von 1239 und 1240. Einige hat er wohl der Briefsammlung des Petrus de Vineis entnommen, die er kennt108), wenn er sie auch nicht zu rühmen weiß, wie Bebel. Vielleicht dürfen wir darin eine erfreuliche Nebenwirkung der Benutzung des Pseudoberosus erkennen, der ja die publici notarii als die einzig zuverlässige Geschichtsquelle erklärt hatte. Jedenfalls: der Bann der scholastischen Tradition ist durchbrochen; der Zwiespalt der Überlieferung ist aufgezeigt, wenn auch die Frage, wie er zu schlichten sei, der Zukunft überlassen bleibt. – Jene Beschreibung Schwabens, die in die Aufzählung der staufischen Ruhmestaten ausläuft, mag uns auch noch zeigen, wie weit Naukler über Fabri109) hinausgekommen ist. Auch wenn wir Naukler und Fabri. [103] 103 nur ihre Beobachtungen an Land und Leuten vergleichen, – zwischen ihren antiquarischen und historischen Vorstellungen liegt eine Welt – ist der Unterschied groß. In den wirren Vorstellungskreis Fabris ist Ordnung gekommen, es ist wirklich eine Beschreibung Schwabens, nicht ein bestandiges Abschweifen auf Gemeindeutsches und Außerdeutsches. Im Geographischen ist Naukler zu erheblich klareren Anschauungen vorgedrungen, die Burgen im Hegau einerseits, Schwäbisch-Hall und Dinkelsbühl andrerseits erscheinen ihm als die propugnacula totius Sueviae. Bemerkungen, wie die über die sphärische Gestalt der Rießebene und über die drei Besiedelungsstufen des schwäbisch-fränkischen Stufenlandes wird man bei Fabri vergebens suchen. Auch die juristische Bildung Nauklers zeigt sich, ihr verdanken wir nicht nur eine charakteristische Stelle über die Laiengerichtsbarkeit, sondern auch einen ersten Versuch, den Aufbau der Stände für ein ganzes Land zu schildern und einen Durchschnitt städtischer Verfassung zu geben. Wie auch hier die Altertumsstudien vorgearbeitet haben, sieht man, wenn man den Schluß des ersten Teils der Chronik nachliest, den Naukler mit der aus Strabo entlehnten Descriptio rei publicae Romanae äußerlich und innerlich abgeschlossen hatte. Aber dennoch möchten wir neben Naukler Fabri nicht missen. Die vielen kleinen Züge, die bei diesem das Bild farbenreich machen, sind stark zurückgedrängt. Sie fehlen nicht ganz; Naukler weiß von den Schwarzwaldtannen und dem Handel damit, von der Schwierigkeit des Getreidebaus auf der schwäbischen Alp, von der Gewinnung des Fichtenharzes auf der Frankenhöhe und im Steigerwald zu erzählen, aber man sieht wohl, daß der Autor sich hier mit Willen beschränkt, und das nicht nur, weil er nicht von unten wie Fabri, sondern von oben die Dinge beschaut, sondern weil er dem Gesetz humanistischer Beschreibung folgt, das die Ordnung gebende Kunstform über die Einzelheiten stellte. Was dieses Gesetz der humanistischen Geschichtschreibung genützt und geschadet hat, werden wir noch sehen. Am unbedeutendsten erscheint Nauklerus als Darsteller der Zeitgeschichte und der jüngsten Vergangenheit. Es hat ihm nichts genützt, daß er das Memoirenfragment Lionardo Brunis und alle zeitgeschichtlichen Darstellungen Enea Silvios kannte. Wo er selbst zu berichten hat, bleibt er ein trockener Annalist, bei dem höchstens die Sorgfalt der Erkundigungen und die Weite des Blickes zu rühmen ist. Im Herausheben des Charakteristischen ist ihm hier auch Tri-themius überlegen. Sogar der Nachruf auf Kaiser Friedrich III. gründet sich fast durchaus auf Urteile Enea Silvios, obgleich der 104 [104] Die Darstellung der Zeitgeschichte. Kaiser den päpstlichen Schriftsteller um fast 30 Jahre überlebt hatte. Das wird es gewesen sein, was der Augsburger Domherr Bernhard Adelmann an dem Werke bei seinem Erscheinen tadelte, als er an Pirckheimer schrieb, Naukler habe viel gesammelt, lasse aber gerade das vermissen, was man von ihm erwartet habe.110) Daß Nauklerus mehr leisten konnte, zeigt seine Charakteristik seines Schülers und Herrn, Eberhards des Bärtigen. Aber es ist ersichtlich, daß er je länger, je mehr sein Urteil über die Zeitereignisse absichtlich zurückhält. Schon wie er über die Konzilien dachte, ist schwer zu sagen. Er zitiert die Bulle, in der Nikolaus V. im Juni 1449 mit dem erloschenen Basler Konzil Friede machte, und fügt hinzu: Impressae sunt cum actis concilii Basiliensis in fine actorum, quae tarnen sane intelligendae sunt. Von der Neutralität sagt er nur, sie sei der Kirche schädlich gewesen.111) Für die Heiligkeit des Bruders Nikolaus von der Flüe tritt er ein, über Savonarola hat er kein Urteil. Erstaunlich ist vor allem, daß er sein Streben nach Unparteilichkeit auch den Ereignissen gegenüber nicht verlor, die die deutschen Humanisten in patriotische Wallung brachten, so daß er auch bei dem Brautraub Karls VIII. die Argumentation der Franzosen ausführlich wiedergibt. Es war eben ein alter Mann, der diesen Ereignissen gegenüberstand, und ein pessimistisch denkender. So klingt aus seiner Chronik Maximilian kein Jubelruf entgegen, wie aus der Schedels, nur ein sparsam bemessenes Lob wird ihm gewidmet. Der Reichstag zu Worms entlockt ihm nur ein bitteres Wort über die Uneinigkeit der Deutschen, und das Kreuzwunder von 1501, mit dem er schließt, verkündet ihm das Nahen des göttlichen Zornes. Betrachtet man aber die Chronik als Ganzes, so darf man sagen, daß sie auch noch im Jahr ihres Erscheinens, 1516, die bedeutendste Leistung darstellte, welche die deutsche humanistische Geschichtschreibung bis dahin aufzuweisen hatte. Daß sie, so ganz anders geartet als die Schedeische, doch auch ihre Leser und Liebhaber fand, zeigen die vielen Auflagen. Freilich als humanistische Weltchronik ist sie in Deutschland das letzte Produkt von Bedeutung geblieben. Aber als Darstellung deutscher Geschichte weist sie vorwärts. Hier war doch etwas ganz anderes geleistet als auch noch bei Trithemius und Wimpfeling, und wenn von Wimpfeling nicht viel mehr als Gesinnungsanregungen ausgingen, an Trithemius sich nur eine Mönchsgeschichtschreibung anschloß, so führen von Naukler und den Seinen gerade Wege zum kritischen Humanismus. [105] V. Entdecker und Kritiker. Am Eingang der kritischen Periode der deutschen humanistischen Geschichtsehreibung stehen drei Namen: Erasmus, Hütten und Celtis. Keiner von ihnen ist eigentlich Historiker, der eine ist Theolog, der andere Publizist, der dritte Dichter, aber sie beinflussen die historischen Studien, die Auffassung und Darstellung der Geschichte, so gut wie die Philosophen im 18., die Soziologen im 19. Jahrhundert. Stärke und Art ihrer Einwirkung sind jedoch verschieden. Erasmus steht da am entferntesten. Ja, wenn man etwas besonders Charakteristisches über den Mann sagen wollte, so könnte man es darin finden, daß kaum ein anderer Humanist an den geschichtlichen Dingen im gewöhnlichen Sinne ein so geringes Interesse genommen hat. Wir haben von ihm einige Vorreden oder empfehlende Begleitworte zu historischen Werken, zu den Ausgaben des Sueton von 1517 und des Livius von 1531, zum Kompendium Robert Gaguins und zur Chronik des Nauklerus. Bei den beiden letzten weiß er Treue und Gelehrsamkeit zu rühmen, beim Livius die Bedeutung der neugefundenen Hälfte der fünften Dekade ins Licht zu setzen und ihre Echtheit kurz, aber schlagend gegen etwaige Zweifel zu sichern, nur beim Sueton erfahren wir etwas von seiner eigenen historischen Auffassung. Aber Erasmus hat es verschmäht, mit der Feder, die fast so geschickt wie der Stift Holbeins uns die Bildnisse fast all seiner Freunde gezeichnet hat, auch nur ein einziges Porträt der Vergangenheit – wenigstens aus der weltlichen Geschichte – zu entwerfen. Er hat es anscheinend geflissentlich vermieden, seine Ansichten von weltlichem und geistlichem Regiment, von Republik und Monarchie, vom Notrecht des Widerstandes der Unterdrückten, die so vielfach über seine Zeit hinausweisen, historisch zu unterbauen. Die dem Enkel Maximilians, Karl V., gewidmete „Unterweisung eines christlichen Fürsten“ ist ebenso bedeutsam durch ihre Hinweise auf die Aufgaben des Fürstentums als Rechts- und Knlturpfleger, wie durch ihre Abmahnungen von einer ziellosen Abenteuer-, Heirats- und Bündnis- 106 [106] Erasmu.s. politik. Aber es fehlt durchaus der staatsmännische Geist, der in Macchiavellis unchristlichem Prinzipe Vergangenheit und Gegenwart durch historische Betrachtung zusammenschloß. Soll ja auch der Fürst des Erasmus vor allem durch moralische Schriften, Plutarch und Seneka und Plato, gebildet werden, während die Historiker nur mit Auswahl zu dulden sind, schon deshalb, weil dem Apostel des Weltfriedens die Historien mit ihrer Empfehlung des Kriegsruhms „irgendeines grundverruehten Heerführers, wie es Julius Cäsar, Xerxes, Alexander der Große gewesen,“ verderblicher erscheinen als Liebesgeschichten.1) Wenn Erasmus Historisches benutzt, so tut er es ganz im Sinne der Aufklärung, rein vom moralischen Standpunkt. Die Geschichte liefert Exempel, treffende Züge oder Worte zur Erläuterung dieses oder jenes menschlichen Zuges, aber nur so, wie es das Leben auch tut. In den Adagia des Erasmus werden die historischen Gestalten zeitlos, sie haben für ihn eine ewige Bedeutung oder gar keine. Vollends den Lieblingsideen in der Geschichtschreibung des deutschen Humanismus steht Erasmus ganz fremd gegenüber. Auch nachdem er sich von seinen elsässischen Freunden das Wort: Germania nostra hat entwinden lassen, bleiben ihm die Fragen nach Wert und Bedeutung des deutschen Volkstums so fern, wie die Sprache des Landes, in dem er doch so viele Jahre verbrachte. Und daß die ebenso eifrig von allen deutschen Patrioten gehegte Idee von der kaiserlichen Weltherrschaft, der Erneuerung des alten Imperium Romanum bei ihm keinen Boden fand, kann die Vorrede zum Sueton lehren. Was er aber dafür als sein Ideal bot, einen Bund christlicher Fürsten, das blieb in noch nebelhafteren Umrissen, als es selbst bei Occam gewesen war. Auch die Türkenfrage beurteilte er kühler als die meisten andern. Aber Erasmus wurde für die Deutschen ein Anreger wider Willen. Dankbare Schüler wußten später schon zu rühmen, daß er in seinem Hieronymuskommentar zu den Erklärungen des Wortes Germani eine neue, deutschen Herzen wohltuende gefügt hatte, die das Wort mit yvrjeiot, gleichsetzte.2) Wenn dann 1508 Heinrich Bebel seine Proverbia Germanica herausgab, in denen er zeigen wollte, daß auch die alten Deutschen ihre Philosophie gehabt hätten, die sich wohl mit der der griechischen Weisen messen könne, so war das wohl kaum ohne Anregung der Adagia des Erasmus geschehen, die zuerst solche Stoffe beachten gelehrt hatten. Wie dann die ganze Geistesrichtung des Erasmus sich in einem Hütten. [107] 107 der bedeutendsten humanistischen Geschichtswerke spiegelt, werden wir sehen. Weniger im einzelnen zu fassen, aber überall spürbar ist die Wirkung der theologisch-philologischen Großtaten des Erasmus. Er begründet mit ihnen die auf Vergleichung und Klassifizierung der Handschriften beruhende Textkritik, die auf Erfassung einer bestimmten Stilpersönlichkeit fußende Echtheitskritik, lehrt in seiner Hieronymusvita die Zeitgenossen auch Werke rein erbaulichen Charakters als biographische Dokumente ihres Verfassers zu verwerten. Für Deutschland insbesondere bedeuten seine Arbeiten die endgültige Befreiung von der Autorität der Italiener und damit die wissenschaftliche Selbständigkeit. – Will man Erasmus, den „Mann für sich’’, doch au eine Ent-wicklungsreihe des deutschen Humanismus anschließen, so wird man am ehesten noch an Wimpfeling und die Elsässer denken können, deren Bestrebungen er auf einer höheren Stufe, freilich auch viel reiner, tiefer und zielbewußter zeigt. Celtis und Hütten, der wandernde Ritter und der wandernde Poet, setzen in gleicher Weise das humanistische Vagantentum fort, das wir in Deutschland mit Peter Luder beginnen sahen. Auch ihnen steht, wie Luder, nächst der Dichtkunst nichts näher als die Geschichte. Die Quellen der historischen Kenntnisse Huttens sind noch nicht untersucht, aber sie liegen schwerlich tief. Was er 1518 zu Augsburg den Fürsten über die Türken sagen wollte und später drucken ließ, konnte er größtenteils dem von ihm so gut gehaßten Enea Silvio entnehmen; was er über die deutsche Tapferkeit und Volkskraft hinzufügte, stand ebenfalls schon hier oder auch bei Bebel zu lesen; der originelle Gedanke der Rede – daß der Türkenkrieg ein Ventil für die überschüssige Volkskraft und die gärende Unzufriedenheit der Massen sei – liegt nicht auf historischem Gebiet. Auch der Abriß deutscher Geschichte, den Hütten 1514 im Panegyrikus auf Albrecht von Mainz und 1521 in der „Anzeig, wie allwegen sich die römischen bischöff oder bäpst gegen die teutschen kayßeren gehalten haben“ bietet, hat nichts Auffallendes im Inhalt; die von Hütten wiederholt mit besonderem Nachdruck betonte Tatsache, daß von allen deutschen Herrschern sich Karl IV. am unwürdigsten bei der Kaiserkrönung gezeigt habe8), war längst von Petrarka gebrandmarkt worden, und dessen Briefe darüber hatten Wimpfeling, Nauklerus und auch schon Biondo als historische Zeug- 108 [108] Huttens Entdeckungen. nisse in ihre Werke aufgenommen. Auch der Gedanke, den die Türkenrede anklingen läßt und die Anzeig mannigfach variiert, daß die Päpste die eigentlichen Widersacher der Kaiser und die Haupthindernisse früherer Kreuzzugsfahrten derselben gewesen seien, fand sich, wie wir sahen, schon bei Bebel und Coccinius. Aber hier hat Hütten weitergegraben, mit ebensoviel Erfolg wie Leidenschaft. Denn seine Gelehrsamkeit wie sein Geist ist „aus dem Zorne geboren“. Freilich wenn er auf dem Augsburger Reichstag von dem Rußlandfahrer Sigmund von Herberstein hört, daß es im Osten wirklich, wie Matthäus von Miechow zuerst behauptet hatte, keine rhipäischen und keine hyperboreischen Berge gebe4), so wirft es ihn fast nieder, daß sich eine so fest geglaubte Meinung in Fabeln und Trug auflöst. Aber das bleibt eine vereinzelte Erkenntnis, keine weiteren schließen sich daran. Wie anders, wenn er ein Bollwerk der „Romanisten“ als windigen Trug erweisen kann! EB ist merkwürdig, wie gut chronologisch hier die Huttenschen Erkenntnisse und Entdeckungen sich zusammenfügen: 1517, im Begriff Italien zu verlassen, bekommt er in Bologna von Cochläus Vallas Schrift über die konstantinische Schenkung.5) Sie lehrt ihn, daß die weltliche Macht der Päpste auf einer Fälschung beruhe. 1519 findet er in Fulda neben einer Lebensbeschreibung Heinrichs IV., die wir nicht mehr zu identifizieren vermögen, den Waltram von Naumburg zugeschriebenen Liber de unitate ecclesiae conservanda.6) Er enthüllt ihm die so lange verborgene Große Heinrichs IV., er spielt sie gegen die Italiener aus und kann nun beweisen, daß Heinrich nicht nur noch eher als Friedrich Barbarossa das Lob des allerstreitbarsten deutschen Kaisers verdient, sondern daß überhaupt seinesgleichen in deutseben Landen nie geboren ist.7) Etwa gleichzeitig mag er auf die Briefe des Petrus de Vineis gestoßen sein8), die ihm für Friedrich IL den gleichen Dienst gegen die Italiener tun. Ein Jahr darauf erhält er auf einer Rheinreise bei dem humanistischen Zöllner Eschenfelder in Boppard eine Aktensammlung aus der Zeit der Kirchenspaltung.9) Er findet darin theologische Bundesgenossen einer vergangenen Generation. Endlich im Winter 1521 weiß er sogar aus Sickingens Bibliothek auf der Ebernburg einen nützlichen Fund zu heben: eine Schrift für das Basler Konzil und dessen Papst Felix V.10) Er wird ihm seine Meinung von dem „Verräter“ Eugenius IV. bestätigt haben.11) Ein wohlangelegtes Arsenal, dessen Benutzung Hütten überdies durch die Drucklegung der meisten dieser Schriften allen Mitstrebenden ermöglichen wollte. Huttens Arminius. [109] 109 Aber er gab ihnen noch mehr: er schloß die Bestrebungen der Humanisten, die sich auf die Verherrlichung des deutschen Altertums richteten, mit jenen Kampfesschriften zusammen. Wenn ein Humanist der älteren Periode die Siege der Deutschen über daß römische Imperium verherrlichte, so lag es ihm doch fern, Nachfolger der alten Imperatoren im Italien seiner Zeit zu suchen, schon der Begriff der Translatio imperii verhinderte ihn daran, und umgekehrt können Publizisten und Redner für die germanische Freiheit gegen Rom deklamieren, ohne an jene alten Zeiten zu denken. Mit Hütten wird das anders. Für ihn sitzen die Nachkommen des Varus und Germanikus jetzt auf dem päpstlichen Thron, und die Kämpfe, die er mit den Romanisten führt, haben eine lange Ahnenreihe und einen erlauchtesten Vorkämpfer: Arminius. Wir haben den Namen schon bei Nauklerus gefunden. Aber nicht mehr als den Namen; bei Hütten gewinnt er Fleisch und Blut. Es ist interessant zu sehen, wie ihn gleich Naukler und anderen zunächst noch die Überlieferung von der Varusschlacht bei Augsburg an einer freien Auffassung der Tat des Arminius hindert. Er hatte ihn schon 1512 neben Ariovist unter den alten Königen der Germanen genannt, aber noch 1515 sucht er im Panegyrikus auf Albrecht von Mainz, einer Geschichtsklitterung Peutingers folgend, die Florus-stelle mit der Augsburger Lokaltradition zu -verbinden.12) Da aber gibt eben in diesem Jahre der jüngere Beroaldo die aus Deutschland nach Italien gewanderten fünf ersten Bücher der Annalen des Tacitus heraus. Hütten schilt heftig auf das der Ausgabe vorgesetzte harmlose Privileg Leos X. gegen den Nachdruck, das ihn verhindert, auch diesen Schatz seinen Deutschen direkt zugänglich zu machen, und es ist ihm ein magerer Trost, daß er dagegen 1519 aus Mainz einen vollständigeren Livius bevorworten darf.13) Aber er weiß nun aus Tacitus, daß die Varusschlacht nicht am Lech, sondern nahe der Weser stattgefunden hat, also im Lande der „alten Sachsen“, die ihm schon längst, wohl von dem eigenen Studienaufenthalt in Rostock und Greifswald her, mit ihren ehrwürdigen Rechts- und Landesbräuchen, vielleicht auch mit ihrer unbändigen Trunksucht als die echten Erben der alten Germanen erscheinen und die er 1520 gegen Friedrich den Weisen ganz so als die deutsche Hauptnation zu rühmen weiß, wie Bebel seine Schwaben, nur mit besseren Gründen.14) Und nun wird ihm Arminius der eigentliche deutsche Held, der in einem Totengespräch15) vor dem Throne des Minos nicht nur seinen Platz als Feldherr vor Alexander und Hannibal beanspruchen darf, sondern 110 [110] Celtis. eigentlich noch in eine edlere Reihe gehört: er ist der „Brutus“ Ger-inaniens, der auch List und Trug mit demselben Recht gebraucht hat wie alle anderen Tyrannenstürzer. Seit Hütten lebt Arminius als der Begründer germanischer Freiheit in unserer Geschichte. Es hängt damit zusammen, daß der Stammespatriotismus der älteren Humanisten bei Hütten überwunden erscheint. Nur etwa wenn er seine persönliche Sache gegen Ulrich von Württemberg führt, kommt der fränkische Ritter heraus, sonst klingt es in seinen Schriften immer nur: Deutschland. Ebenso klingt es bei Celtis16), aber aus einem anderen Ton. In Hütten und Celtis treten die beiden Seiten deutschen Empfindens, die in Walter von der Vogelweide noch so innig vereint gewesen waren, das politische und das völkische, auseinander. Zwar weiß auch Celtis sein Sprüchlein gegen Rom, aber er ist viel weniger aus dem Zorn des Kämpfers wie aus der Verachtung des freien Geistes herausgesprochen, der zudem überzeugt ist, daß der Feind im Sterben liege.17) Auch Celtis stellt seine Betrachtungen über Einst und Jetzt des Imperiums an, und es ist bemerkenswert, daß er dabei nicht nur, wie die meisten Zeitgenossen, an Römerzüge und kaiserliche Weltherrschaft denkt, sondern seinen Blick auf die avulsa membra imperii richtet, die zumal im Osten wirkliche Einbußen deutschen Wesens darstellten.18) Aber Beine eigentlichen Interessen liegen doch im deutschen Altertum, es wird sich zeigen, daß auch seine wichtigsten Entdeckungen aus dem Mittelalter, die Hrotsuita und der Ligurinus, mit ihnen zusammenhängen. Es ist für die genial-phantastische Art des Celtis charakteristisch, daß er seine Vorstellungen von diesem Altertum von vornherein mit stillschweigender Verwerfung der alten Fabeln allein auf dem Tacitus aufbaut, und dies zu einer Zeit, wo Meisterlin und Fabri noch schrieben. Ebenso charakteristisch aber, daß ihm die kurzen Bemerkungen des Römers nun nicht genügen10), sondern daß er sogleich darüber hinausstrebt, und zwar viel weniger durch geduldige Ver-gleichung anderer Zeugnisse, wie Nauklerus, als durch phantastische Kombination, die wieder ins Fabelhafte führen muß. Das „Germani sunt indigenae“ ist auch für ihn die Grundlage.80) Nach Tacitus und wohl auch Ptolemäus sucht er dann die alten Stämme im heutigen Deutschland und schiebt die Markomannen, Gepiden und Quaden tief in den sarmatischen Osten hinein, um so auch das historische Recht der Deutschen auf diesen Boden zu er- Celtis und die germanische Urzeit. [111] 111 weisen.21) Die Grenzen seines Deutschlands sind durchaus die Sprachgrenzen. Die rheinischen Freunde, die sein Leben beschrieben*2), rühmen von ihm, daß er als erster wandernd nach allen vier Seiten die Grenzen deutscher Zunge erreicht habe. Er selbst hat seine unsteten “Wanderfahrten mit dem gleichen Hinweis gerechtfertigt23) und damit das größte Verdienst seiner Forschertätigkeit richtig erkannt. Bei all seinen Beobachtungen verschmelzen ihm Altertum und Gegenwart zu einem Bilde. Die Freunde, wie Gresemund und Vigilius, müssen es sich gefallen lassen, als Cherusker und Chatte angeredet zu werden. Er kann kaum einem den Ruhmeskranz winden, ohne ein Blättchen von Alter und Vorzügen der Heimatsstadt einzuflechten, wobei es ihm dann freilich nichts ausmacht, die Ungarn auf dem Lechfelde dem Kaiser Karl unterliegen zu lassen oder Gregor VII. unter Friedrich Barbarossa zu setzen.2*) Die alten Germanen sind ihm ein Volk rauher und arbeitsamer Ehrlichkeit. Ihre körperlichen und geistigen Eigenschaften findet er im Guten und Bösen – soweit nicht Italiens Luxus die Übel vermehrt hat – in den Deutschen seiner Zeit wieder, während er die erstaunlichen Wandlungen im Aussehen des Landes, denen er überall seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, auf den Einfluß der Sterne zurückführt.85) Hier aber bei der Frage nach dem Segen oder Unsegen der Kultur werden seine Ansichten unsicher. Wie er von den beiden großen deutschen Erfindungen die der Buchdruckerkunst preist, die der „Bonibarden“ aber haßt, so wäre er geneigt, in jenen kulturlosen Zuständen das goldene Zeitalter der Dichter zu sehen26), wenn nicht damit auch die geistige Unkultur verbunden wäre. Da schafft eine kühne Vermutung ihm einen Ausweg. Seine Germanen sind, wenn sie nicht schon ursprünglich griechisch sprachen27), von den „griechisch lebenden“ Druiden, die Tiberius aus Gallien vertrieben hat, in die Kultur eingeführt worden, und die Nachfolger derselben sind die „Mönche in den schwarzen Kutten“, deren Klöster, an Stelle der alten Orakelstätten in den Tiefen der Wälder erbaut, unter den Karlen, Arnulfen und Ottonen als die Kulturmittelpunkte erscheinen.28) Die Handschriften der Griechen und Römer aber, die man in diesen Klöstern findet, sind nach Celtis die Beutestücke, die die alten Kaiser von ihren Kriegsfahrten mitgebracht haben; eine undankbare Nachwelt hat sie vermodern lassen.29) Wir werden sehen, von welcher Bedeutung diese Anschauung für einen großen Teil der humanistischen Geschichtschreibung geworden ist. Es wäre deshalb wichtig, ihren Ursprung festzustellen. 112 [112] Die literarischen Sodaütäten. Dazu aber reicht das bis jetzt zutage geförderte Material nicht aus. Aber eines wird sich, so scheint mir, sagen lassen: ihren Nährboden haben diese Ideen in dem Verkehr zwischen Geltis und Trithemius in Sponheim gefunden. In den Bücherschätzen des Trithemius trat Celtis zum ersten Male der Reichtum der historischen Überlieferung deutscher Vergangenheit vor Augen, hier sah er die erhaltende Tätigkeit des MÖnchtums großartig bewährt. Tm Griechischen aber war Trithemius der empfangende, und mit der nicht ganz einwandfreien, damals aber doch seltenen sprachlichen Belehrung des Celtis nahm er auch seine Druidenideen in sich auf. Schon 1495 datiert er einen Brief in domo nostra Druidum Spanhamensi, Wimpfeling weiß 1496 von den druides et flamines in Speier zu reden30) und bald sehen wir wetteifernd Dalberg, Trithemius und Celtis sich darum bemühen, deutsche Worte im Griechischen wiederzufinden31); Trithemius in seinem Spon-heimer Wirken erscheint in den Oden des Celtis als der eigentliche Vertreter seines Druidentums. Aber von diesem Gedankenaustausch sind die beiden Männer zu sehr verschiedenen Werken gelangt, Trithemius zu seinen Klostergeschichten, Celtis zu dem großen Plan der Germania illustrata. Sie ist ein Plan geblieben, denn Celtis war ein Säemann, kein Ackersmann – was wir uns von dem Werke noch vorstellen können, soll in anderem Zusammenhang erörtert werden –, aber daß von der ausgestreuten Saat so vieles, wenn auch unter anderen Händen, aufging, dafür hat doch Celtis wieder selbst gesorgt durch seine Organisation der wissenschaftlichen Arbeit in den literarischen Sodaütäten.32) Das Vorbild bot auch hier Italien, vor allem die römische Akademie unter Pomponio Leto, jenem merkwürdigen Altertümler, der auf seine deutschen Schüler fast noch mehr gewirkt zu haben scheint, wie auf die Italiener.33) Aber was in Deutschland entstand, war wesentlich anderer Art. War es ein Mangel31), daß den deutschen Sodaütäten die örtliche Begrenzung, das anerkannte Schulhaupt, die Richtung auf ein bestimmtes Wissensgebiet fehlte, so entsprangen eben daraus auch eigentümliche Vorzüge. Ursprünglich als eine einzige, ganz Deutschland umfassende Gesellschaft gedacht, bleiben die Sodaütäten auch nach ihrer örtlichen Teilung eine Zusammenfassung des humanistisch-literarischen Deutschlands und verkörpern so den neuen Nationalitätsbegriff. Aber auch ihre praktischen Aufgaben sind andere: während in Italien der Gedankenaustausch als der eigentliche Die neuen Funde. [113] 113 und letzte Zweck der Vereinigung erscheint, steht in Deutschland neben diesem die gemeinsame wissenschaftliche Arbeit, und diese richtet sich nun fast ausschließlich auf die Erforschung der Vorzeit. Es entsteht ein stürmisches Bestreben, die alten Handschriftenschätze, vor allem die Quellen der Deutschen Geschichte mit vereinten Kräften ans Licht zu ziehen und zu verwerten.83) Merkwürdig nun, wie so ganz anders diese Generation zu sehen versteht als ihre Vorgänger. In Lorsch hatte Luder und Mathias von Kemnat geplündert, aber sie hatten weder die ersten 5 Bücher der Varia des Cassiodor gesehen, die Dalberg dort fand, noch den kostbaren Rest der 5. Dekade des Livius, den Grynaeus dort hervorzog.36) In Murbach hatte Meisterlin die Bibliothek geordnet und vermehrt, aber erst Beatus Rhenanus sah dort den Vellejus Pater-culus, der den Humanisten bald wegen seiner Stelle über die Varusschlacht so wichtig wurde. Auch in St. Emmeram in Regensburg war Meisterlin und nach ihm Hartmann Schedel gewesen87), sie brachten ein paar Annalenfragmente und Inschriften heim und ließen Hrotsuita und die Vita Henrici IV für Celtis und Aventin übrig. Ja, auch aus Fulda sahen wir Hütten mehr davontragen als Trithemius. Es gibt vielleicht keinen stärkeren Beweis für die außerordentliche Erweiterung des Gesichtskreises, die sich in so wenigen Jahren vollzogen hat. Ebenso aber ist nun das Gefühl von der Bedeutung des Gefundenen gewachsen und damit das Interesse an der Veröffentlichung. Auch hier spielt die Rivalität mit den Italienern hinein, die deutschen Schriftsteller wenigstens sollen in Deutschland erscheinen.38) In der Schar der Entdecker und Herausgeber steht Celtis selbst mit der Hrotsuita und dem Ligurinus voran. Ob er den Ruhm des Entdeckers ganz uneingeschränkt behauptet, ist fraglich, bei der Hrotsuita wußten die Mönche, was sie weggaben, beim Ligurinus bleibt ein Fingerzeig des Trithemius wahrscheinlich.89) Auch an der Drucklegung mag der ewig in Schulden steckende Poet nicht allzuviel Anteil gehabt haben. Aber er war es sicher, der die Freunde gelehrt hat, Hrotsuita als die deutsche Sappho und die zehnte Muse zu feiern und über den Ligurinus an den Universitäten zu lesen wie über Statius und Vergil.40) Ein Jahr nach dem Ligurinus trat auch das Carmen de bello Saxonico ans Licht, von dem Freiburger Gervasius Soupher im Zorn über neue französische Angriffe, besonders über eine deutsch- Joachimsen, Geschichtsauffassung Ptc 8 114 [114] Die ersten Ausgaben. feindliche Rede Kardinal Briconnets, desselben, der auch Wolffs patriotische Psalmenerklärung veranlaßt hatte, ediert41), und man hatte nun die deutschen Heldengedichte, die man so lange ersehnt hatte. Nicht lügenhafte Spielmannsdichtung, wie man sie immer noch von Dietrich von Bern sang und mit der man sich höchstens in der gekünstelten Art des Trithemius abfinden konnte42), sondern wahre Geschichte, die Bich aus zeitgenössischen Quellen erhärten ließ.43) 1515 erscheinen dann Jordanes, Paulus Diaconus, die Ursperger Chronik und der langersehnte Otto von Freising, jene durch Konrad Peutinger mit Stabius in Augsburg, dieser durch Cuspinian in Wien besorgt, 1521 Einhards Leben Karls des Großen mit den fränkischen Reichsannalen, und Regino von Prüm, von den fränkischen Adligen Hermann von Neuenar und Sebastian von Rotenhan, dem Schwager Huttens, ans Licht gezogen. Die Einleitungen der Herausgeber betonen übereinstimmend, daß hier Geschichte aus den Erzählungen von Zeitgenossen oder gar von Teilnehmern geschöpft werden könne, sie verzeichnen mit Genugtuung die Ehrenrettung, die durch Paulus Diaconus den Langobarden zuteil wird, die Widerlegung der Fabeln über die Translatio imperii, die man aus Einhard schöpfen könne. Die Bedenken Wimpfelings über den barbarischen Stil der Quellen haben sie längst überwunden, sie ziehen die nackte Wahrheit der Annalen den geschmückten Historien der Modernen vor. Auch in diesen ersten Drucken zeigt sich die Vorliebe der Editoren für die Zeiten der Völkerwanderung, der Frankenkönige und der Staufer. Das Material für die Sachsen- und Salierkaiser bleibt zunächst gering, Widukind, Hermann von Reichehau und Lambert kommen erst später zum Druck, aber als entdeckt können auch sie seit Trithemius und Nauklerus gelten. Auch Ansätze zur Testkritik dieser Autoren finden sich. Man sucht, wenn möglich, mehrere Handschriften zu vergleichen, wenn auch hier noch jedes Prinzip fehlt. Wichtiger wird es, daß man allmählich imstande ist, in den großen Kompilationen des Mittelalters Bestandteile zu unterscheiden. Schon Hartmann Schedel bemerkt, als ihm 1498 ein Heft: Gesta Karoli Magui in die Hand kommt, daß es nicht von einem Autor sein könne. In der Tat hatte er Einhards Vita Karoli, die Reichsannalen und den Monachus Sangaliensis vor sich und er hat die Stilunterschiede der drei Stücke nicht übel charakterisiert.44) Peutinger bemüht sich, wenn auch ohne Glück, die Zusätze des Paulus Diaconus vom Breviarium des Eutropius richtig zu Quellenkritik. [115] 115 scheiden.45) Beatus Rhenanus erkennt, daß die Ursperger Chronik, wie sie 1515 gedruckt wurde, eine Kompilation sein muß, und Cuspinian scheidet, als er den Mathias von Neuenburg zum Druck vorbereitet, die älteren Partieen aus, weil man das alles schon bei Eusebius, Oro-sius, Martinus Polonus, Gottfried von Viterbo und anderswo lesen könne.46) – Es ist der Weg, auf dem man zu einer Vorstellung von einem Quellenstammbaum gelangen konnte. Cuspinian und Rhenanus sind ihr nahe gekommen. Einen Autor sucht man auch für die großen anonymen Annalen-werke des Mittelalters, soweit sie damals in den Quellenkreis gelangen. Die Altai eher Annalen, die Aventin 1517 aus St. Emmeran hervorzieht, müssen entweder ein Werk des Mönchs Walker oder des Abts Wenzel sein.47) Den Monachus Sangallensis hat Wolfgang Lazius mit dem Werinbert gleichsetzen wollen, dem Gewährsmann des Mönchs für sein erstes Buch. Man sieht, woher die mancherlei trügerischen Büchertitel stammen, mit denen der Humanismus die Nachwelt geäfft hat. Andere Trugbilder haben die Humanisten sich selbst geschaffen. Wie schon Biondo aus dem Jordanes sich einen Ablavius konstruiert und als selbständige Quelle zitiert batte, so hat es Aventin mit dem Schotten David gemacht, den er als Augenzeugen für Heinrichs V. Romzug aus Ekkehard kannte. – Es entspricht dieser Geistesrichtung, wenn anderseits Werke ganz unpersönlichen Charakters, wie vor allem die Annalen der sächsischen und salischen Zeit, auffallend lange unbenutzt blieben. Aber das Bild dieser Tätigkeit wäre unvollständig, wollte man nicht auch die Bemühungen um die römischen Quellen für deutsche Geschichte heranziehen. Den Übergang mag die Formelsammlung des Cassiodor bilden. Wieviele Deutsche mochten wohl schon in Bologna das Corpus iuris Justinians studiert haben, ohne daß einer sich über die Persönlichkeit dieses Kaisers Gedanken gemacht hatte. Aber Johann Cochläus, der Studiengenosse Huttens, wird durch solche Gedanken zu historischer Betrachtung Justinians und damit auf Prokops Gotenkrieg geführt. Dort findet er vieles, was ihm Sympathien für die Ostgoten einflößt, und diese wachsen, als er in Rom die vollständige Sammlung der Varia des Cassiodor findet. Wir sahen, daß Dalberg schon auf ein Stück davon gestoßen war. Er hatte den Fund mit verständigen kritischen Bemerkungen begleitet, dann aber wohl liegen 8* 116 [116] Römische Quellen zur deutschen Geschichte. lassen. Cochläus aber gestaltet sich nun daraus, wie einst Biondo, ein Lebensbild Theoderichs, aus dem man sehen soll, daß auch die Gotenherrschaft in Italien keine Tyrannei gewesen sei, und bringl den Fund, freilich erst später, 1529, und in einem Auszuge, zum Drucke. Auch eine Handschrift der Chronik Cassiodors fand er in St. Stephan in Mainz und bereitete 1528 ihren Druck vor.48) 1519 veröffentlicht ein Mitglied des Augsburger Humanistenkreises die lateinische Übersetzung des Agathias vom Gotenkriege, die schon Naukler für deutsche Geschichte benutzt hatte49), 1513 ■waren auf Cuspinians Anregung die Panegyrici latini erschienen, freilich zunächst als rhetorische Muster, aber auch ganz vorwiegend als historische Musterlektüre gedacht.50) Wir sahen, daß schon 1507 Heinrich Bebel ihnen Historisches für deutsche Stämme entnommen hatte, bald sollte durch Beatus Ithenanus ihre eigentliche Bedeutung für die deutsche Geschichte offenbar werden. Cuspinian selbst plante ein ganzes Corpus von Editionen, die seinem darstellenden Hauptwerke, den Consules et Caesarea, als Vorläufer und Bewährung dienen sollten. Auch er wurde dabei auf Cassiodor geführt und bemühte sich um einen vollständigen Ammianus Marcellinus.51) Merkwürdig, daß er den Plorus 1511 ohne patriotische Absicht herausgegeben zu haben scheint62), während Beatus Rhenanus 1520 bei dem Vellejus sogleich den Finger auf die Erwähnung des Arminius legte.58) Aber die eifrigsten Bemühungen der Humanisten gelten doch dem „goldenen Büchlein“ des Tacitus, nur etwa die Geographie des Ptolemäus kann sich mit diesem an Wichtigkeit für sie messen. Diese erzählenden Quellen bildeten den wichtigsten, aber doch nur einen Teil des durch den Humanismus an den Tag geförderten Quellenmaterials: was die erste Humanistengeneration schüchtern versucht hatte, auch die Überreste des Lebens der Vergangenheit, also die Inschriften, Münzen und Urkunden, der Geschichte dienstbar zu machen, das nehmen die Nachfolger in großartiger Weise wieder auf. In jeder Hinsicht hat Konrad Peutinger hier die Führung/4) Peutinger stellt uns auch fast repräsentativ den Fortschritt vor Augen, den der kritische Humanismus auf diesem Gebiet über seine Vorgänger hinaus macht, den Fortschritt von der bloß lokalen und gelegentlichen Beachtung dieser Überreste zu ihrer systematischen Sammlung und zu Versuchen darbteilender Verwertung.65) Die Inschriften, also die Denkmale der Römerzeit, sind es, die da zunächst ins Auge fallen, und so sind die Lehrer und Vorbilder der Deutschen Die Inschriftenforschung. [117] 117 die großen italienischen Antiquare wie Biondo in Rom und Fra Gio-condo in Verona, aber auch Poggio und Ciriaco von Ancona und kleinere Geister, wie der Bolognese Thomas Sclaricinus Gammarus. Deren Sammlungen werden bewundert und, wenn es zu eigener Arbeit nicht reicht, wenigstens abgeschrieben. So hat Schedel seinen Liber Antiquitatum gefüllt, so Thomas Wolff, vielleicht auch Lorenz Beheim in Deutschland den unverdienten Ruhm eines Bahnbrechers auf dem Gebiete erhalten.86) Der nächste Schritt ist nun, daß man auf dem Boden nördlich der Alpen selbst sucht und sammelt. Daß auch hier erst der Humanismus die Menschen sehen lehrt, zeigt das Alter der frühesten Sammlungen, die wir aus Dacien, Pannonien, Noricum bis herüber zum Rhein besitzen, geradeso wie das der englischen, französischen und spanischen. Aber es schwebt ein eigentümliches Geschick über dem Ruhm dieser ersten Sammler. Ihre Namen sind entweder gänzlich verschollen57), oder wir können auch da, wo die Kritik unserer Zeit sie wiedergewonnen hat58), kaum je das Bild einer literarischen Persönlichkeit mit ihnen verbinden. Das ist kein Zufall. Sie alle bleiben eben in reiner Sammeltätigkeit stecken. Weiter kommen erst die Männer, die Pomponio Letos belebenden Einfluß erfahren haben. Was dieser bedeutet haben muß, zeigen uns mehr die begeisterten Aussprüche der Schüler – den pater historiarum nostri saeculi nennt ihn Cuspinian, einen homo superstitiose Romanus mit Anflug von Ironie Beatus Rhenanus – als Letos Werke. Denn sein von allen zitiertes und oft auch in Deutschland gedrucktes Compendium Histo-riae Romanae ist nur ein Geschichtsabriß des unerquicklichsten Teiles der römischen Kaiserzeit vor Gordian d. J. bis Justin. Aber wir sehen hier doch, wie das antiquarische Element, das bei Biondo noch in rein beschreibenden Werken seine Stelle suchte, in die geschichtliche Darstellung einströmt und sie belebt.59) Peutinger ist in der Richtung seiner Forschung von Leto so abhängig, wie nur immer in seiner spekulativen Überzeugung von Mar-silio Ficino und Pico della Mirandola. Es wird doch unter Letos Führung gewesen sein, daß er, wie Zasius von ihm rühmte, in Rom mit Lebensgefahr den Überresten des Altertums nachspürte. Er nennt Leto wiederholt seinen Lehrer, folgt ihm, wo er kann; wenn er ihn verbessern zu können glaubt, geschieht es mit aller Ehrfurcht.60) Andere Einflüsse kommen dazu, um die antiquarische Sammlertätigkeit für Peutinger zur Lebensarbeit zu machen. Er lebt in Augsburg, wo die Reste römischer Vergangenheit den Lebenden so nahe 118 [118] Peutinger als Sammler. treten, wie höchstens noch in den Rheinstädten oder in Regensburg und Trier. Das hatte, wie wir sahen, schon auf Meisterlin gewirkt. Schon er hatte eine Sammlung römischer Inschriften geplant. Seitdem war das Interesse an diesen Dingen nicht mehr erloschen und zu dem historischen war das ästhetische getreten. Alte Münzen waren ein gebräuchliches Geschenk, Humanisten schenkten sie ihren Freunden, Fürsten, die einigermaßen für gelehrt gelten wollten, den Humanisten, die sie ehren wollten.61) Neue Inschriftenfunde übertrug man, wo möglich, in das eigene Haus, wo sie mit den Götterbildern, Münzen und Handschriften einen Schmuck neuer Art bildeten. Peutingers Haus stand allen voran. Wenn einmal ein großer Fund der Art in der Umgebung zutage kam, wie in Lauingen beim Bau der neuen Kirche, so suchten die Altertumsbeflissenen, was der Unverstand der Finder übrig gelassen hatte, in seines oder etwa in seines Ingolstädter Freundes Apian Sammlungen und dort fand es sich dann auch vor.62) Aber auch Matthäus Lang, der Augsburger Bäckerssohn, damals Propst von Augsburg, bald Kardinal der römischen Kirche und die rechte Hand Maximilians, schmückte sein Schloß zu Weiden mit antiquarischen Beutestücken dieser Art, die er aus Italien mitgebracht hatte.83) Kaiser Maximilian selbst, der in Augsburg seine zweite Residenz, in Peutinger seinen vornehmsten literarischen Gehilfen sah, hat gerade den Inschriftenfunden das lebhafteste Interesse entgegengebracht. Vor allem aber war es Celtis, der, wenn er von seinen Wanderfahrten durch Deutschland bei Peutinger einkehrte, selten ohne ein literarisches oder antiquarisches Beutestück kam und jeden neuen Zuwachs, den er vorfand, mit verständnisvollem Interesse besichtigte. Er hat schließlich die Sammlungen seines Freundes als Aufbewahrungsort seiner eigenen betrachtet – auch jene berühmte römische Straßenkarte ist bekanntlich auf diese Weise zur Bezeichnung der Peutingerschen Tafel gekommen.64) Celtis und Maximilian sind es dann auch gewesen, die Peutinger bewogen haben, 1505 die römischen Inschriften Augsburgs zu veröffentlichen. Es ist ein schmales Heft, aber der erste Druck dieser Art in Deutschland, der zweite überhaupt.65) Er hat dann auch alsbald weiter gewirkt. ÜberaE erscheint jetzt Peutinger als Patron dieser Studien. Beatus Rhenanus suchte in Mainz Theodor Gresemund d. J. mit Hinweis auf Peutinger zu einer ähnlichen Veröffentlichung zu bewegen. Gresemund starb über dem Plane, aber Johann Huttich gab seine Sammlungen 1520 heraus, im gleichen Jahr und bei dem Margaretha Welser. [119] 119 gleichen Verleger, der die zweite etwas vermehrte Auflage der Peutingerschen lnscriptiones druckte.66) Von Peutingers Inschriftensammlungen ist jener Druck nun aber nur der kleinste Teil. Gar viel von seinen Schätzen ist erst der folgenden Generation zugute gekommen. Amantius und Apian, vor allem aber Marx Welser haben davon Nutzen gezogen Den ganzen Umfang seiner Tätigkeit aber überblicken wir erst, seit wir die Handschriftenbände kennen. Da sehen wir, daß er sich neben seinem „Thesaurus rerum Germanicarum“, der alle ihm bekannt gewordenen chronikalen Quellen der deutschen Geschichte in Abschrift enthält67), ein ganzes Corpus von Inschriften angelegt hat. Auch er hat, wie die kritische Untersuchung der Bände ergeben hat, es oft vorgezogen andere Sammlungen zu kopieren als selbst zu sammeln. Aber niemand von den Zeitgenossen erreicht ihn an Eifer und Weite des Blicks, wenige an Genauigkeit der Wiedergabe.68) Denn die Tätigkeit, die Johann Choler, Propst von Chur, später in Augsburg und im Dienste der Fugger, neben ihm auf diesem Gebiet entfaltete, ist doch wohl ganz auf Peutingers Anregung zurückzuführen.69) Seine Sammlungen umspannen Europa von Lissabon bis Dalmatien und von Neapel bis zum Rhein. Er zuerst hat die spanischen und portugiesischen Handelsbeziehungen der Welser, aus deren Haus seine Gattin Margarethe stammte, der Inschriftenkunde nutzbar gemacht.70) War es Dankbarkeit dafür oder Gelehrteneitelkeit, die ihn bewog, in einer der merkwürdigsten Fälschungen, die die deutsche Renaissance kennt, einen Teil seiner Funde und seine Bemerkungen dazu unter dem Namen dieser seiner Gattin den Freunden vorzulegen?71) In diesem Brief, den angeblich Margarethe Welser an ihren Bruder Christoph in Rom schrieb um die Zweifel zu widerlegen, die Hieronymus Emser an dem Glück der Gelehrtenfrauen geäußert hatte, hat Peutinger dann auch den Zweck seiner Inschriften- und Münzsammlungen dargelegt: sie sollen dazu dienen die chronikale Überlieferung zu kontrollieren, sie zu ergänzen, wo sie lückenhaft, zu verbessern, wo sie falsch ist. Das versucht Peutinger zunächst an der römischen Kaisergeschichte des Leto73) und ist offenbar nicht wenig stolz darauf, wenn es ihm gelingt, nach seinen Münzen und Steinen einen Aimilianus in Aemilianus, einen Quinctilius in Quintillus zu korrigieren. Wertvoll ist hier nur der Grundsatz, die Geschichte auf das urkundliche Material begründen zu wollen, bedeutsam vor allem, daß dieser Grundsatz Peutinger über die römische Kaisergeschichte hinausgetrieben hat: einmal zu einer Erweiterung des Gebietes nach 120 [120] Urkundenforschung. rückwärts, indem er geradeso wie Huttich und Cuspinian seinen Caesares Consules voranzustellen dachte73), sodann aber nach vorwärts in die Geschichte der deutschen Kaiser hinein. Und hier treten für ihn ebenso naturgemäß wie für Nauklerus an Stelle der Inschriften die Urkunden. Nur daß auch hier, was bei dem Tübinger Kanzler gelegentlich versucht wird, bei Peutinger C4egenstand systematischer Forschung ist. Er zuerst hat die Klöster von der Donau bis zum Rhein auf Kaiserurkunden durchsucht oder durchsuchen lassen. Johann Choler muß ihm Ergänzungen aus Chur, Bruder Nikolaus Ellenbog aus Ottobeuren, Kurfürst Friedrich von Sachsen aus Magdeburg und den sächsischen Landen liefern.74) Dabei richtet er sein Augenmerk wenig auf den Inhalt, nur „die anfanng vnnd Tittel, auch die Datum derselben brieue, des Jars Christi, keyserthumbs, oder kunigreichs“75), außerdem noch etwa die Zeugenreihen sind ihm wichtig. So hat er sich ein kleines Diplomatar von Niederaltaich zusammengestellt, so sogar eine Sammlung von Kaisermonogrammen und Siegelabbildungen angelegt.76) Wie bei den Inschriften ist auch hier mancherlei Wertvolles nur durch ihn gerettet worden. Auf diesen Sammlungen nun baute sich Peutingers Lebensarbeit auf, sein Kaiserbuch. Es ist ungedruckt und auch in seinen handschriftlichen Entwürfen Fragment geblieben, einer der großen Torsi unserer humanistischen Geschichtschreibung, und das nicht nur deshalb, weil Peutinger, wie wir sehen werden, dieser Aufgabe nicht gewachsen war, sondern auch weil seine nächsten Zwecke in verhängnisvoller Weise von den genealogischen Bestrebungen seines kaiserlichen Grönners gekreuzt wurden. Deshalb soll es im Zusammenhang mit diesen besprochen werden. Zu den Inschriften, Urkunden und erzählenden Quellen treten dann endlich auch noch die Rechtsbücher. Hier vollzieht sich besonders deutlich die Rückbildung einer mittelalterlichen Entwicklung auf dem Gebiet der Historiographie. Während wir dort eine Menge historischen Materials in den juristischen Kodifikationen erstarren sahen, werden jetzt diese selbst als historische Zeugnisse in Anspruch genommen. Auch hier aber führt der Weg von Rom nach Deutschland. Zunächst mußte die Auffassung des römischen Rechts aus einer dogmatischen eine historische werden, ehe man zum deutschen Recht gelangt. Und auch hier ist der Unterschied zwischen dem scholastischen und kritischen Humanismus bemerkenswert. Während jener das römische Recht mit traditioneller Verehrung betrachtet, beginnen Rechtsbücher als Geschichtsquellen. [121] 121 nun die Versuche, zunächst das echte Corpus iuris unter dem Wust der Glossatoren zu entdecken. Angelo Politiano bricht hier Bahn, auch seine Anregungen scheinen fast mehr in Deutschland und Frankreich als in Italien gewirkt zu haben. Wir sehen in dem Briefwechsel des Beatus Rhenanus, welche Erregung die Aussicht hervorruft, die Florentiner Pandektenhandschrift gedruckt zu sehen, in dem Pirckheimers, welche Hoffnung man an Haloanders Bemühungen in dieser Hinsicht knüpfte. Andere aber sehen die Dinge schon anders an. Wir haben ein Epigramm von Celtis, das die Deutschen vor dem Italienlaufen warnt, dort könne man nur das päpstliche Recht studiereu, die Kenntnis des wahren kaiserlichen Rechts sei in Deutschland zu holen. Bebel, in so manchen Punkten der Rivale des Celtis, greift Justinian als schlechten Lateiner an, Cochläus schreibt in Bologna, wo er sieh für Theoderich und die Goten begeistert, Septem querelae in Justinianum, „omnia pro veritate et legum reformatione“.™) Diese Angriffe finden Widerhall in den Charakteristiken, wie sie Huttich und Cuspinian in ihren Kaisei’büchern diesem Herrscher widmen. Sie verdichten sich zu dem Wunsche, daß Maximilian, von dem man ja alles erwartet, das alte Werk revidieren, die Kommentare unterdrücken, am Ende gar das deutsche Zivilrecht neu kodifizieren soll.78) Wenn der Gedanke, wie es scheint, dem Wiener Kreise des Celtis entsprungen ist, so wird der Hinweis auf Karl den Großen und andere deutsche Herrscher nicht gefehlt haben, von deren gesetzgeberischer Tätigkeit man wußte und deren Spuren man nun zu suchen begann. Auch hier war alter Schutt hinwegzuräumen. Noch ein so hellblickender Mann wie der Nürnberger Arzt Hieronymus Münzer hatte sich auf seiner Europareise in Köln zwar an Karls des Großen Sachsenbezwingung und seine Kapitularien erinnert gefühlt, aber er meinte, sie seien dasselbe, was man jetzt „Speculum Caroli Magni’’, also den Sachsenspiegel, nenne.70) Auch von hier aus konnte man zu anderen Ergebnissen kommen als die Vorzeit. Albert Krantz hat das gezeigt, indem er den Sachsenspiegel als historische Quelle zu benutzen begann; Cochläus nennt in seiner Beschreibung Deutschlands das Magdeburger Stadtrecht ein ius civile abbreviatum. Andere gingen weiter. 1516 findet Richard Bartholinus aus Perugia, ein am Hofe Maximilians und als Sekretär Matthäus Längs in Deutschland eingebürgerter Italiener, in einem Kloster, wohl im Bairischen, ein Gesetzbuch, das er Kaiser Lothar II. zuschreibt, und die Augsburger 122 [122] Die kritische Diskussion. Buchdrucker bemühen sich eifrig um den Fund.80) Die Kapitularien-sammlung des Ansegisus steht in den Bibliotheken bei Peutinger, Aventin und Beatus Rhenanus, Hermann von Neuenar kennt die lex Salica und Bieht sie auf deutsche Worte an um das Deutschtum der Franken zu beweisen. Aventin plant 1518 den Druck der Lex Salica integra cum additamentis Caroli magni, Litavici I, Lutharii I Augustorum.81) Damit sind auch diese QueEen der deutschen Geschichtsforschung gewonnen. – Es war ein gewaltiges Material, das so für einen Neubau deutscher Geschichte vorlag. Was zunächst not tat, war eine kritische Diskussion desselben. Die Ansätze dazu können wir in den Erörterungen erblicken, die nicht wenige der Herausgeber ihren Quellen beifügten. So stellt Peutinger in seiner Ausgabe des Jordanis und Paulus Diaconus mit einem kurzen Abriß der Völkerwanderung eine Art Hintergrund für beide her. Hermann von Neuenar handelt vor seiner Einhard-ausgabe De origine et sedibus priscorum Francorum, und setzt sich kritisch mit dem Hunibald und den Trojanerfabeln auseinander. Dem Ligurinus hat wieder Peutinger den bekannten Brief Friedrich Barbarossas an Otto von Freising mit dem Abriß seiner Taten, ,,[ut] Ligurino ipsi ad annos plerosque testimonio essent“, und außerdem eine genaue Genealogie des Stauferhauses beigefügt. Bei Cuspinians Otto von Freising findet man eine Vita Ottonis, sie stammt aus Enea Silvios Österreichischer Geschichte. Wichtiger noch ist es, wenn sich Cochläus durch seine Ausgabe des Pomponius Mela 1512 zu dem Versuch einer Beschreibung Deutschlands veranlaßt sieht, hier wie bei dem Formelbuch des Cassiodor hat ihn die Herausgebertätigkeit zu selbständiger Behandlung des Themas geführt. Einen besonderen, sonst von den Humanisten gemiedenen Weg schlug Jakob Spiegel, der Neffe Wimpfelings, ein, er schrieb Scholien zu den Autoren, die er herausgab.82) Er wollte damit zunächst den neulateinischen Dichtern denselben Dienst leisten, der den alten längst wurde, und so ist seine Arbeit nicht eigentlich historischen Werken, aber doch dem Ligurinus, sodann aber einem umfangreichen Heldengedicht zugute gekommen, das Richard Bartolinus unter dem Titel Austrias über den Landshuter Krieg verfaßt hatte.83) Kritik ist Spiegels Sache nicht, auch hat ihn Beatus Rhenanus vergeblich zur Kürze gemahnt, aber das weitschichtige Material, das er in seinen Die Tischgespräche. [123] 123 Anmerkungen zusammenbrachte, gibt nicht selten eine erwünschte Zusammenfassung des damaligen Wissensstandes. Es wäre aber gegen das Wesen des Humanismus gewesen, diese Diskussion der Quellen nur in einsamer Gelehrtenarbeit zu führen. Alles drängt zu persönlichem und, wenn dieser nicht möglich ist, zu brieflichem Meinungsaustausch. Wieder ist es Celtis, der hier Bahn bricht. In seinen Gedichten hat er dem rohen Kneipenton der Deutschen das „Philosophische Gastmahl“ gegenübergestellt, wie er es in Italien kennen gelernt hatte.84) Seine Sodali täten haben es gepflegt und so finden “wir es schließlich allerorten. Auffallend stark, viel stärker als bei den Italienern, ist bald der historische Einschlag bei diesen Diskussionen. WasCoccinius über die Translatio imperii 1506 veröffentlichte, war die Frucht einer solchen „philosophischen“ Sitzung, in der man auch andere Fragen, vor allem aus dem Kreise der Wimpfeling-Murrhoschen Diskussion über die Rheingrenze besprach.85) Nicht lange vorher hatte ein Italiener Benvenuto de S. Georgio, der als Gesandter seines Herrn, des Markgrafen von Montferrat, bei Maximilian in Köln weilte, mit dessen Rate Marquard Breisacher ein merkwürdiges Gespräch über die italienischen Feldzüge Barbarossas, aus dem dann ein Schriftchen „Vom Ursprung der Weifen und Gibellinen“ hervorging, in dem der Italiener den ihm von seinem deutschen Partner gewiesenen Otto von Freising gegen den Juristen Bartolus und den Historiker der Visconti, Georg Merula, zu Ehren brachte.86) Seine Ausführungen sehen wie ein Beleg zu der These aus, die Celtis selbst um 1500 vor Maximilian in Linz gegen einen Gesandten Papst Alexanders “VI, Franziskus Cardulus von Narni, verfochten hatte, daß man einheimischen Schriftstellern mehr glauben müsse als Fremden.87) Der dreiundzwttnzigjährige Aventin, der das hörte, hat von dieser Diskussion eine entscheidende Anregung seiner Studien erhalten. 1509 sitzen Beatus Rhenanus und Dietrich Gresemund in Mainz zusammen und sprechen de re latina deque viris eruditis, und von dort gleitet das Gespräch zu Gresemunds Altertümer Sammlungen über, die denn auch dem Rhenanus zugute gekommen sind.. Sogar in die sonst auf einen ganz anderen Ton gestimmten Quodlibets der Universitäten dringt die geschichtliche Diskussion: ein zu Erfurt 1515 vorgetragenes De ebrietate weiß mit merkwürdigen Anklängen an Hütten und Zitaten aus Celtis und Campano die Völlerei der Gennani septentrionales zu schildern.88) Aber am berühmtesten sind hier wieder die Tischgespräche des Peutingerschen Kreises geworden, vor allem die, welche der 124 [124] Peutingers Senuones convhales. vielgeschäftige Thomas Wolff 1506 in Straßburg zum Druck beförderte.89) Sie mögen inhaltlich und als Zeugnis der Kritik kaum höher stehen als anderes, das der Aufzeichnung und des Druckes nicht gewürdigt wurde; aber nichts ist so geeignet als dies kleine Buch, um uns eine Vorstellung von der Buntheit des humanistischen Interessenkreises jener Tage zu geben, in dem historische, theologische und geographische Themata friedlich nebeneinander stehen. Da spricht man davon, ob die Gebeine des Dionysius Areopagita in Regensburg oder bei Paris zn suchen seien, eine alte Streitfrage, und Peutinger entscheidet sie für RegenBburg, indem er die Urkunde LeoB IX. vom 7. Oktober 1052 anzieht, bekanntlich eine spätere Fälschung.90) Vorsichtiger drückt er sich über den zweiten Gesprächspunkt aus, ob der Apostel Paulus verheiratet gewesen sei, er wußte, daß er da ein bedenkliches Thema berühre. Die Fahrten der Portugiesen nach Indien führen dann auf alte Zeugnisse für die Umschiffung Afrikas. Aber das Hauptthema ist dasselbe wie bei Wimpfeling und Coccinius, die Frage nach dem Deutschtum der linksrheinischen Landschaften. Sie wird nicht ohne mancherlei krause Abschweifungen behandelt, aber es ist doch viel klarer wie bei Wimpfeling geschieden zwischen Besiedelung und Beherrschung des umstrittenen Gebiets, die Schriftstellerzeugnisse sind weitsichtig herangezogen und, wo nicht lokalpatriotische Schwäche, wie bei der Varusschlacht, oder ein nicht selten wahrnehmbares Streben nach einer vermittelnden Meinung oder endlich urgeschichtliche Spekulation nach Pseudoberosus Peutinger hindert, nicht ohne Scharfsinn verwertet. Insbesondere aber tritt auch liier Peutingers Inschriften- und Urkundenkenntnis hinzu, so daß der Freiburger Zasius ohne viel Übertreibung sagen konnte: „Was Wimpfeling nicht übel angefaßt hat, das hat Peutinger an seinen Platz gerückt.“ Über dem Ganzen schwebt der Enthusiasmus, den Maximilians jüngste kriegerische Erfolge in der Landshuter Fehde, vor allem der von allen humanistischen Poeten gefeierte Böhmensieg bei Regensburg und die Einnahme Kufßteins, im Augsburger Kreise geweckt hatten, nur gelegentlich gedämpft durch die Erwägung, daß es doch andere Zeiten gewesen seien, da die Sueven noch die Lusitanier mit den Waffen überwanden als jetzt, wo die durch inneren Zwist zerrissenen Nachkommen sie als Händler aufsuchten.91) Von den brieflichen Diskussionen, die wir kennen, ist eine der lebhaftesten die über die Wohnsitzen der Nantuaten. Hier hatten zwei Cäsarstellen, von denen die eine sie ins Wallis, die andere ins Rheintal versetzte, schwere Verwirrung angerichtet. Der Augsburger, [125] Das Hauptproblem der deutschen Geschichte. 125 Tübinger und Schlettstädter Humanistenkreis nehmen sich der Frage an, zusammengeführt durch die eifrige Tätigkeit des Ravensburgers Michael Hummelberg.92) Es ist hier, wie anderswo, nicht viel Endgültiges bei der Diskussion erreicht worden, aber aus diesem ganzen Hin und Her von Fragen und Meinungen trat immer deutlicher ein Mittelpunktsproblem hervor, auf das sich alle kritischen Bemühungen um eine wirkliche deutsche Geschichte zunächst richten mußten. Es lautet: Wie hat sich das Deutschland am Ende der Wanderungszeit aus dem Germanien der römisch-griechischen Überlieferung gebildet? Die Frage, die schon Nauklerus bewegt hatte, woher denn die Franken, Alemannen, Thüringer kamen, von denen doch bei Tacitus, Strabo, Ptolemäus nichts zu finden sei, mußte in Angriff genommen werden. In diesem Knoten, das fühlte man allgemein, steckte der wirkliche Anfang deutscher Geschichte. Das Mittelalter hatte danach nicht zu fragen gebraucht, auch hier half der Begriff der Translatio imperii. Wer tiefer ging wie Ekkehard, setzte einfach die Stammesgeschichten nach Jor-danes, Paulus Diaconus und Widukind in sein Werk hinein. Erst mit dem Augenblick, wo die Frage nicht mehr nach dem Ursprung des Reichs, sondern nach dem des Volkstums gestellt wird, springt das neue Problem auf. Aber es dauert lange, bis es wirklich erkannt wird, und es kommt viel darauf an, von welchen Quellen aus man zu ihm gelangt. Wer von Ptolemäus ausgeht, bleibt im Topographischen stecken, wenn auch bald der Unterschied der alten und der neuen olxovfisvrj ins Bewußtsein tritt. Erst Strabo, einer der Autoren, die Aurispa dem Abendlande gewonnen hatte, führt zum Ethnographischen, Enea Silvio wandelt in seinen Bahnen. Aber beide sind universal, zudem traut man den Griechen nicht viel bei der Wiedergabe deutscher Dinge.93) Ganz anders wirkt Tacitus. Hier war eine Urkunde, deren sich keine andere Nation rühmen konnte, ein Augenzeuge, wie man glaubte94), ein Lobredner zudem, wenn auch nicht in jedem Punkte so preisend, wie es die Humanisten gern gesehen hätten. Aber auch er gab eine Schilderung, keine Geschichte, und dabei oft nur Andeutungen, Namen, die man nicht zu identifizieren vermochte. Wo war der Weg, der von hier weiter führte? EB gibt kaum einen Humanisten, der ihn nicht gesucht hätte, aber nur einer hat ihn gefunden, das stärkste kritische Talent des deutschen Humanismus überhaupt, Beatus Rhenanus.95) 126 [126] Beatus Rhenanus. Er gehört dem elsässischen Humanismus an. Seinen Namen hat er sich aus „Rheinauer“ latinisiert. So nannten die Schlettstädter die Familie, die aus dem kleinen Rheinau zu ihnen eingewandert war. In Schlettstadt erhielt der 1485 geborene Beatus seine Jugendbildung auf derselben Schule, die einst unter Dringenberg für Wimpfeling wichtig geworden war, jetzt unter Crato von Udenheim und Hierony-mus Gebwiler in neuem Flor stand. Mit Recht hat man betont, daß die Schlettstädter Schule seine Lebensanschauung bestimmt hat. Aber ein Kritiker ist Rhenanus hier nicht geworden. Vielleicht auch noch nicht in seiner Studienzeit in Paris, wo er bei Jakob Faber Stapulensis den wahren Aristoteles als „christlichen Philosophen“ xarf i%o%i]v kennen lernte. Aber er wurde hier befähigt, den christlichen Humanismus, wie ihn Wimpfeling verstand, wirklich auf den Zeugen des Urchristentums aufzubauen und diese, ganz anders als Wimpfeling, von der Scholastik zu scheiden. Der „philosophisch-humanistischen Periode“ in Paris folgte die „philologische“ in Basel, die bald einen deutlichen theologischen Einschlag erhielt. Durch Faber war Rhenanus vorbereitet, der Lebensgenosse des Er asm us zu werden, dessen Geist er vielleicht von allen Deutschen am tiefsten in sich aufgenommen hat. In dessen Sinne hat er denn auch sein Leben verbracht, zuerst in Basel, dann von 1527 bis zu seinem Tode 1547 in Schlettstadt, inmitten eines stets wachsenden Kreises der mannigfachsten Beziehungen, aber doch nur wahrhaft glücklich, wenn er es für sich sein konnte96), ohne Amt und ohne Würde, fast nur literarischer Beschäftigung hingegeben, aber doch kaum ein Schriftsteller zu nennen, nur ein besorgter und gelehrter Exeget der Werke der Vorzeit. – Es war zunächst nicht anzunehmen, daß die wichtigsten Interessen des Rhenanus historische, besonders nicht im Sinne des humanistischen Patriotismus sein würden. In der Bibliothek, die schon der Fünfzehnjährige zu sammeln begonnen hatte, treten die historischen Werke auffallend zurück, und wenn wir unter seinen Editionen als erste selbständige die der Exemplorum libri decem des Sabellicus mit Widmung vom 31. Dezember 1507 finden, so ist dies eben nur ein Geschichtsbuch im Sinne der Illustrationen zur Moral, wie sie Erasmus liebte, und die Widmung hebt auch nur diesen Gesichtspunkt hervor. Vielleicht hatte Crato von Udenheim schon dem Knaben das Buch in solchem Sinne erläutert.97) Wenn dann Rhenanus 1508 Souphers Ausgabe des Carmen de hello Saxonico mit ein paar Versen aus Baptista Mantuanus und einem Schreiben an Wimpfeling begleitet08), Der Tacituskommentar Ton 1619. [127] 127 in dem er meinte, dieser könne aus denselben neue Waffen für seinen Streit mit Murner sehmieden, so zeigt das doch, daß er zu diesen Dingen noch keine selbständige Stellung genommen hatte. Aber schon 1509 ist er, wie wir sahen, bei Gresemund in Mainz, um dessen Altertümersammlung zu besichtigen, die Ausgaben von 1510 zeigen ihn sodann in den Reihen der Panegyristen Maximilians“), und selbst an Stellen, wo man es kaum vermutet, wie auf dem Titelblatt zur Ausgabe des Gregor von Nyssa und im Vorwort zum Dekret Gratians, finden wir ihn patriotisch interessiert.100) Er entwirft 1512 Jakob Faber ein Gemälde der neuen deutschen Humanistenkultur, ganz wie es Wimpfeling gegeben hatte und wenig später Irenikus gab. Um dieselbe Zeit knüpfen sich durch Hummelberg Beziehungen zwischen ihm und Peutinger, zunächst aus Interesse für die neue Theologie entstanden, bald aber auch für die Geschichts- und Altertumsstudien fruchtbar.101) Diese Studien führen ihn 1515 zur Entdeckung des Vellejus Paterculus, und 1519 reift die erste Frucht auf dem neu bebauten Felde, der Kommentar zur Germania des Tacitus.102) Es sind nur 10 Blätter, die dem in Quart bei Froben gleichzeitig mit der großen Folioausgabe der Opera omnia erschienenen Sonderdruck beigefügt sind, und Beatus Rhenanus hat sie nicht einmal unter seinem Namen erscheinen lassen, aber sie verdienen leicht einen ersten Platz in der Geschichte der kritischen Erforschung der deutschen Vorzeit. Denn hier verkündet schon im Vorwort Rhenanus durch den Mund Frobens und noch deutlicher in den Einleitungsworten des Kommentars den Hauptgrundsatz seines kritischen Verfahrens: Die Schriftsteller der prisca antiquitas sind durch die der media antiquitas103) zu erläutern, wenn man ihre Angaben über Völker und Völkersitze recht verstehen will. „Also, Freund,“ sagt er zum Leser, „darfst du, was Tacitus von den Sueven sagt, nicht auf die heutigen Schwaben beziehen, denn es gibt kaum mehr ein Volk, das seine alten Sitze inne hätte/’ Zur Erläuterung dieser Veränderungen aber dienen von den Alten Spartian, Vopiscus, Ammian, Orosius, Eutrop, Prokop und AgathiaB, von den Neueren Regino, Liutprand, Aimoin, Sigebert und die Stammesgeschichten. Bei jedem aber ist zu merken, wann er geschrieben hat und von wem er eigentlich handelt. Zweierlei ist mit diesem Grundsatz gewonnen: dem System der Zitatenhäufung, wie es der alte Humanismus, aber auch noch Bebel, Nauklerus und selbst Peutinger in scholastischer Weise üben, ist das Urteil gesprochen und der Begriff der Veränderung durch all- 128 [128] Der Tacituskommentar von 1619. mähliche Entwicklung ist wenigstens für ein großes Gebiet festgelegt. Was nun freilich Rhenanus Tatsächliches in seinem Kommentar bringt, ist wenig. Man merkt, daß es, wie er sagt, ein gelegentliches Diktat ist, das wohl bei der Textrevision in der Druckerei selbst entstand, der Schluß ist gar nur Füllsel auf Wunsch des Faktors.104) Auch sonst zeigt sich die Jugendarbeit, Zitate ans dem noch ungedruckten Vellejus drängen sich vor die versprochenen aus den Schriftstellern der media antiquitas. Alciats Anmerkungen über Alpen, Donau und Helvetier werden mit scheuer Ehrfurcht wiedergegeben und nur schüchterner Widerspruch angehängt, auch da, wo der Deutsche den Augenschein für sich hat; auch Berosus erscheint noch als unbe-zweifelter Zeuge Aber daneben ßtehen schon Gedanken, deren Fruchtbarkeit sich erweisen sollte: vor allem die scharfe Unterscheidung zwischen der Germania antiqua, die Tacitus kennt, und späterem oder auch früherem Wandererwerb germanischer Stämme; die ebenso starke Betonung, daß die Sprache der alten Gallier von der der Germanen verschieden gewesen ist, während doch die Römer beide Stämme Gallier, die Griechen sie Kelten genannt hätten105) – ,Haec res non animadversa multis errandi causa fuit’ –; in Andeutung, einem Zitat aus Agathias, auch schon der Gedanke, daß Kultur und Christentum gleichzeitig zu den Germanen gekommen seien. Besonders wichtig aber ist sein Versuch, die germanischen Personen- und Völkernamen aus dem Deutschen herzuleiten und zu erklären. So ist Marbod der Pferdegleiche, die silva Hercynia ist der Harzwald, der mons Ar-bona – so liest Rhenanus noch statt Abnoba – steckt in Auf der Bar, die Alemannen sind „allerley man“ und die Germanen mag er weder aus dem Gallischen noch aus dem Lateinischen erklären, es ist eine mere Teutonica dictio und heißt „gar man, totus seu robustus vir“.106) – Man sieht, wie hier der alte Gedanke Wimpfelings, „daß diese Namen uns etwas bedeuten, den andern nicht“, fruchtbar geworden ist. Auch Einzelbemerkungen sind von Bedeutung für den werdenden Kritiker: so die Ablehnung der Fabeln über das Altertum Triers und der Herleitung des Namens Straßburg von Attilas Zerstörung; für die Geschichtsauffassung des Rhenanus ist nicht unwichtig, daß er von der constitutio Imperii Romani, imo tyrannidis spricht. – Es hat lange gedauert, bis Rhenanus die Gedanken, die der Tacituskommentar enthielt, für reif genug hielt, um sie in einem selbständigen Werk zu vertreten, zwölf Jahre. Wer in diesen Jahren nur Vorgeschichte der Res Germanicae. [129] 129 durch die Erzeugnisse der Druckerpresse von seiner Tätigkeit Kunde erhielt, mochte das Bedauern des Irenikus teilen, der schon 1518 gefunden hatte, daß Rhenanus seinen Reichtum mehr zu Rate halte, als im Interesse der Nachwelt zu wünschen sei. Die Vellejus-Ausgabe von 1520 war schließlich doch nicht mehr als die durch philologische Gewissenhaftigkeit verzögerte Einlösung eines alten Versprechens, und daß neben den Studien über die deutsche Vergangenheit ihn sicher andere, vielleicht mächtigere Interessen bewegten, das zeigten die Ausgaben des Tertullian und der Autores Historiae ecclesiasticae. Auch die Freunde, die mit Rhenanus im Briefwechsel standen, erfuhren kaum etwas von weiteren literarischen Plänen auf historischem Gebiete, wenigstens enthalten die auf uns gekommenen bedeutenden Reste des Briefwechsels keine Andeutung darüber – eine bemerkenswerte Tatsache in einer Zeit, wo man geistige Erzeugnisse längst vor ihrer Geburt anzukündigen pflegte. Dennoch spricht der Briefwechsel zu uns, wenn wir ihn nach den Hemmnissen und Antrieben befragen, die zur Vorgeschichte der Rerum Germanicarum libri III gehören. Oder sollte es Zufall sein, daß derselbe Brief, der die Absage des Beatus Rhenanus an das Luthertum enthält, – es ist das berühmte Schreiben an Michael Hummelberg vom 1. September 1525 – zugleich die für ihn so bedeutsame Verbindung mit Johann Aventin anknüpft?107) Man darf wohl sagen, mit diesem Zeitpunkt ist die Periode vorwaltend religiöser Interessen für Rhenanus abgeschlossen; er zieht sich, wie so mancher seiner Zeitgenossen, aus dem Lärm der Glaubenskämpfe der Gegenwart in die stillen Gefilde der Vergangenheitsbetrachtung zurück und knüpft an die alten Tacitusstudien wieder an. Wenn in jener theologischen Periode des Rhenanus ein Besuch in Hirschau bei dem gefälligen Baselius und die Durchstöberung der dortigen Bücherei ihm nichts als eine Tertullianhandschrift einträgt, wenn um dieselbe Zeit ein Versuch von Otto Brunfels, ihn kirchenpolitisch für Barbarossa zu interessieren, glatt zu Boden fällt, so sehen wir ihn seit 1525 selbst die Freunde für historische Nachforschungen in Bewegung setzen und jede Anregung auf diesem Gebiete lebendig aufnehmen. Was er zunächst beabsichtigte, läßt sich wenigstens vermuten; es ist nichts anderes als die Verwirklichung des alten Traumbildes der Humanisten, der Germania illustrata.’ Es scheint fast, als habe er sich hier vorerst bei Aventin versichern wollen, ob er nicht einen Konkurrenten in ihm zu sehen habe.108). Zum mindesten Joachimien, GeschlrhtsanffaMiing ete. 9 130 [130] Beatus Rhenanus und Aventin. hofft er einen Mitarbeiter in ihm zu gewinnen. Und das schien zu gelingen. Die beiden so verschiedenen Männer erscheinen einig darin, daß eine rechte Erforschung der media antiquitas sich losmachen müsse von der „Mönchstradition“109) und zu gründen sei einerseits auf die monumentalen Überreste der Vergangenheit und anderseits auf eine genaue Kenntnis des Deutschlands der Gegenwart. Aventins „Kurzer Auszug der bairischen Chronik“, der ja eigentlich auch schon ein Programm der Germania illus’trata war, noch mehr seine Karte des römischen Baierns versetzten ihn in Begeisterung.110) Aventin bleibt für Beatus Rhenanus bis zu seinem Tode der Mann, der auf dem Gebiet der Altertumskunde „allein mehr gesehen hat, als bis jetzt fast alle.“111) Er nimmt den Gedanken Aventins, daß die Germania illustrata durch lokale Arbeitsteilung zustande kommen müsse, lebhaft auf und sucht Gabriel Hummelberg für eine Rhaetia illustrata zu gewinnen.112) Ihm selbst wäre dann die Alsatia illustrata übrig geblieben. Es paßt dazu, daß wir ihn in seinen Briefen gleichzeitig um die Peutingersche Tafel und das Buch des Plinius von den deutschen Kriegen und um eine Beschreibung des Rheintals bemüht sehen, die Sebastian Münster liefern soll.113) Aber der Plan muß bald anderen Erwägungen Platz gemacht haben. Rhenanus erkennt, wie der Humanismus überhaupt, die Unmöglichkeit, Landesgeschichte zu schreiben, ohne sie zur deutschen Geschichte zu erweitern, und anderseits zeigt ihm ein genaueres Studium der ältesten Zeiten des Elsaß, daß hier noch alles zu tun ist.114) So sehen wir, wie sich Rhenanus immer mehr einer bestimmt umgrenzten Periode der deutschen Frühzeit zuwendet. Mindestens seit 1525 kennt er die Notitia dignitatum, die es ihm ermöglicht, den VerwaltungsOrganismus des römischen Germanien kennen zu lernen.115) Sie wird der Gegenstand seines eifrigsten Studiums. – Auch an dieser Quelle sehen wir den Wandel der Zeiten. Einst, wohl in den Zeiten der karolingischen Renaissance, mit soviel anderen Zeugnissen des Altertums aus ihrem Heimatland nach Deutschland gewandert, wird sie in der Zeit der großen Konzilien, die ja auch für die Bildungsgeschichte von entscheidender Wichtigkeit geworden sind, neuentdeckt. Der Speirer Kodex, der sie enthält, muß auf das Basler Konzil gebracht worden sein, zwei Abschriften sind damals von ihm genommen worden. Aber noch bleiben die neuen Erkenntnisse tot. Erst Rhenanus verleiht ihnen Leben. Für ihn wird die Notitia dignitatum der Ausgangspunkt klarer Anschauungen über das Verhältnis von Röruerkerrschaft und Germanentum. Er hat später ausdrücklich bekannt, daß die Notitia und [131] Herum Germamearum libri HI. 131 der Ammian ihn in den Stand gesetzt hätten, die deutsche Frühzeit anders zu sehen als Celtis und die Seinen. – Anderes kommt hinzu. 1527 schüttet Johannes Sichard seinen „unvergleichlichen Bücherschatz“, die Ergebnisse einer Forschungsreise durch Südwestdeutschland, yor ihm aus.116) Das sind die deutschen Volksrechte, auf die Rhenanus längst als auf Sprach- und Kulturdenkmäler zugleich aufmerksam geworden war.-17) Daneben ist für ihn nichts wichtiger als eine klare Einsicht in die römische Vergangenheit des Landes. In diesen Jahren muß er die kleineren und größeren Reisen gemacht haben, durch die er der beste Kenner römischer Inschriften auf dem alten Alemannenboden wurde.118) Bei den Versuchen, diese Einzelfunde zu einem Gesamtbild zusammenzuschließen, stützt er sich zunächst auf das Itinerarium Antonini, das schon 1512 in Paris im Druck erschienen und durch die Anmerkungen des Hermolaus zum Plinius weiter bekannt geworden war, aber er weiß, daß die von Celtis entdeckte Karte, die Peutinger sorgfältig bewahrte, neue Aufschlüsse birgt. Um diese zu gewinnen, ist der zwar bewegliche119), aber doch in seinem Elsässer Winkel haftende Mann 1530, nachdem andere Versuche, von dem kostbaren Stück Kenntnis zu erlangen120), vergeblich geblieben waren, nach Augsburg gereist, und hier im Meinungsaustausch mit längst durch Briefe gewonnenen Freunden, im Anblick der Kunst- und Altertumssammlungen Peu-tingers und Raymund Fuggers, endlich angespornt durch einen neuen bedeutenden Fund, Otfrieds Krist in Freising121), hat er den Plan gefaßt, die langjährigen Forschungen, soweit sie damals gefördert waren, ans Licht zu geben. 1531 erschienen mit einer Widmung an den römischen König Ferdinand die Drei Bücher deutscher Geschichte.122) Dies ist der Gang der Darstellung: Rhenanus hat sich vorgesetzt zu zeigen, woher die Benennungen von Stämmen und Provinzen, wie Germanen, Alemannen, Franken, Sachsen, Germania su-perior und inferior, Germania magna, Helvetia usw. ihren Ursprung haben. Deshalb will er zunächst Umfang und Grenze des römischen Germanien, dann die Einbrüche der Germanen in das römische Reich, schließlich auch die „Abwanderungen“123) im freien Germanien schildern. Seinen Standpunkt nimmt er in den Zeiten, wo das Reich der Römer zwar noch unerschüttert dastand, aber die Anstürme der Eroberer bereits begonnen hatten, also in der Zeit der Nachfolger des großen Konstantin, die ihm durch die Notitia dignitatum ja so besonders vertraut geworden war. 9* 132 [132] Die Darstellung der Urzeit. Das erste Buch beginnt mit einer kurzen Erörterung über die Germania vetus. Ihre Grenzen sind Rhein, Donau und der Limes; die Stämme werden nach Tacitus aufgezählt, dem gegenüber Ptole-mäus, obgleich er auf älteren Quellen beruht124), wenig in Betracht kommt. Auch die Verfassung der freien Germanen wird nach Tacitus geschildert. Rhenanus betont, daß die Freiheit der Germanen nicht Anarchie gewesen sei; es gefällt ihm, daß den Fürsten auch bei der Volksberatung ein Oberentscheid zusteht125), „nam vulgus raro sapit“. Die Kriegskunst haben die Germanen erst von den Römern gelernt, sie aber häufig, wieder auf Antrieb der Römer, gegen sich selbst angewandt. Zweimal drohte diesem alten Germanien das Los, römische Provinz zu werden: unter Augustus, wo Drusus seine Posten an Weser und Elbe aufstellte, unter Probus, wo der Grenzwall über den Neckar vorgeschoben wurde – unter Augustus brachte die Varusschlacht Rettung, die Neckargrenze hat Probus länger gehalten. Hält man diese Schilderung gegen das, was sonst die Humanisten von dem Taciteischen Deutschland zu sagen wissen, so fällt auf, daß sie vollständig leidenschaftslos ist. Das Moralische wird kaum berührt, des Arminius gar nicht gedacht. Dagegen bietet die Erwähnung der bis in die Nacht dauernden Zechgelage der Germanen Rhenanus Gelegenheit, die Weihnacht (= vini nox) davon abzuleiten; daß dies ursprünglich ein heidnisches Fest ist, steht ihm fest, eine Briefstelle des Bonifatius dient zur Bekräftigung. Es folgt eine ausführliche Beschreibung des römischen Germanien. Die Grenzen der einzelnen Verwaltungsdistrikte werden mit größter Genauigkeit angegeben, bei der Maxima Sequanorum ist sogar der „Eccenbach“ als Nordgrenze genannt, der eine Meile von Schlettstadt fließt. Wo die alten Nachrichten ihn im Stiche lassen, schließt Rhenanus aus der späteren Diözesaneinteilung, denn er weiß, daß sich diese an die römischen Verwaltungsbezirke angeschlossen hat. So geht die Beschreibung der Grenzprovinzen vom Rhein bis zur unteren Donau, ein Anhang bringt auch noch die übrigen Provinzen des Römerreichs „studiosorum gratia“ in kurzer Aufzählung. „Daraus ergibt sich also“, sagt Rhenanus, „daß alle Provinzen an der Nordsee bei Terouanne, Doornik und Lüttich beginnend den Rhein hinauf und dann Donau-ab römisch gewesen und erst durch die seit Valentinian III. stoßweise einbrechenden Germanen in deren Botmäßigkeit übergegangen sind. Die alten Bewohner dieser Landschaften aber haben nie etwas mit den Germanen gemein gehabt, sie haben als Provinzialen die römische Sprache gelernt, wie sie die Rhäter in Die Wanderungen. [133] 133 den Alpen noch gebrauchen. Auch die Stämme Germaniens, die vor Julius Cäsars Zeiten in Belgien eingewandert sind, dürften gallisch gesprochen haben, bis sie romanisiert wurden, die Triboker und andere oberrheinische Stämme vielleicht zweisprachig gewesen sein.“ „Nun kann man leicht sehen“, fährt er fort, „wie groß der Zuwachs ist, den das alte Germanien erfahren hat. Mit einem Wort, was heute jenseits der Donau und linksrheinisch deutsch spricht, das ist von deutschen Stämmen erobertes, den Römern entrissenes Land“. Dann beginnt die Aufzählung der „Auswanderungen“ der alten Germanen in römisches Gebiet. Rhenanus bemerkt, daß das nicht eigentlich zu seinem Thema gehöre, aber er gibt es, „damit das Büchlein vollständiger werde“. Wir erhalten also eine Liste der germanischen Wanderungen, ähnlich wie sie Nauklerus zum ersten Mal geboten hatte, auch Rhenanus beginnt mit Bellovesus und der „manus Germanorum“, die Bergamo gründet126), aber der Galliersturm von 390 fehlt, denn Rhenanus lehnt die Gleichsetzung der Senonen mit den Sueven ab, die Deutschen hätten nicht nötig, den Galliern ihren Ruhm zu nehmen.127) Dagegen sind die Kaledonier auf Grund der Angaben des Tacitus im Agrikola als Deutsche angesprochen. Die folgende Aufzählung bringt nun in scheinbar buntem Gemisch die Wanderungen der Tungrer, Nemeter, Vangionen, Nervier, Atrebaten, Ubier, Bataver usw., über den Rhein, der Markomannen, Quaden, Carpen188), Sueven und Guthonen nach Osten und Süden bis nach Ungarn und Italien, endlich die Besetzung Spaniens durch Sueven, Chatten und Alanen, Afrikas durch die Vandalen. Doch ist diese Zusammenfassung nicht willkürlich: es sind die Stämme, deren ursprünng-liche Sitze Rhenanus im alten Deutschland sucht. Eine andere Gruppe bilden die Stämme, die von Norden oder Osten, von der Küste oder auch von Inseln herkommend sich in das innere Deutschland ergossen haben. Von ihnen sind die drei wichtigsten Franken, Alemannen, Sachsen. Die Franken müssen früher unbedeutend gewesen sein, da die Schriftsteller der prisca antiquitas sie nicht erwähnen, vielleicht haben sie unter den Chauken gesteckt, jedenfalls waren sie Küstenbewohner und berühmt als Seeräuber. Der Name Alemannen ist neu, sie kommen von den überelbischen Sueven her und brechen in die Gegenden zwischen Rhein, Main und Donau ein, um von hier bequem die blühenden römischen Provinzen plündernd heimsuchen zu können. Der Sieg Julians bei Straßburg wirft sie nur zeitweise zurück, unter Majorian dringen sie sogar nach Italien. – Auch die Sachsen sind ein Seeräubervolk aus dem Norden, 134 [134] Daa Ergebnis der Wanderungen. wahrscheinlich ein Inselvolk, sie dringen in das Gebiet der alten Sicambrer, dann im Wetteifer mit Franken und Alemannen129) gegen den Rhein vor und, dort zurückgeworfen, in die alten Suevensitze. Diesen drei Hauptvölkern, „die fast alle Germanenstämme in sich begreifen“, schließt Rhenanus kleinere an, die Burgunder, Thüringer, Hessen, aber auch Schlesier, Preußen und Dänen, die alle aus dieser wunderbar völkerreichen Nordmeergegend herkommen130), er hält sie also auch für Germanen. Nun erst hat sich Rhenanus den Weg zu der Schilderung der Einbrüche der Germanen in das zerfallende Römerreich gebahnt. Wir begleiten nun die Goten nach Italien und Gallien, die Burgunden in das alte Häduer- und Sequanergebiet, die Franken bei ihrer Ausbreitung über den Rhein, die Alemannen in dem gleichen Beginnen, dann die Quaden nach Ungarn, die Markomannen nach Norikum und Vindelicien – hier ist es, wo Rhenanus als erster der Hypothese von der Boierabstammung der Baiern entgegentritt. Es folgen die Wanderungen der Heruler, Rugier, Langobarden nach Italien, der Pikten, Skoten und Angelsachsen nach Britannien, auch glaubt er wahrscheinlich machen zu können, daß ein Teil der Sachsen in das Helvetierland gewandert sei. Aber er weiß auch, daß nun Deutschland leer geworden ist, und will von der Slaveneinwanderung in den deutschen Osten erzählen, greift aber zunächst zurück auf die Zeiten, wo die Gallier den Germanen überlegen waren und ihre Stämme den Boden Süddeutschlands besetzten. Das ist ihm auch deshalb wichtig, weil er die Namen dieser Stamme in noch lebenden Ortsbezeichnungen wiederfindet: den Namen der Boier in Böhmen, aber auch den der Tektosagen in Teck am Neckar. – Mit der Slaveneinwanderung schließt das erste Buch. Das zweite Buch enthält die weitere Geschichte der Franken und Alemannen. Bis zur Schlacht bei Tolbiacum erscheinen beide Völker als Rivalen um die Herrschaft im oberrheinischen Römerland. Da aber verließ die Alemannen das Glück, an einem Tage verloren sie Ruhm und Freiheit. Seit der Zeit datiert die Knechtschaft im Alemannenland, auch die Hörigkeit an Klöster und Stifter hat von fränkischer Vergabung ihren Ursprung. Die Franken regieren nun diese wie andere ihrer Eroberungen zum Teil in römischen Verwaltungsformen181), zugleich aber bringen sie das Christentum, das Chlodwig in der Not der Schlacht132) angenommen hatte. Freilich weiß Rhenanus von älteren Glaubensboten in Deutschland, von Maternus, Afra, Florian – de tempore dubito, de re ipsa satis certus, sagt er Alemannen und Franken. [135] 135 von dem ersten, – aber er weiß auch, daß das Christentum damals nicht tief ins Innere Deutschlands dringen konnte, schon wegen der Wildheit der Bewohner, und so erscheinen Bonifatius, Amandus, Arbogast zwar nicht als erste Begründer christlicher Religion, aber doch als die Schöpfer der ersten Ordnungen. – Es ist höchst merkwürdig, welche Rolle in diesem Abschnitt der Geschichte des Rhenanus die Schlacht bei Tolbiacum spielt. Dies Ereignis, das sonst in historischen Darstellungen höchstens aus Anlaß der Taufe Chlodwigs erwähnt wurde, ist ihm geradezu ein Wendepunkt der deutschen Geschichte. Kurz vor der Schlacht sind die Alemannen auf dem Gipfel ihrer Macht. Niemals war ihr Staat blühender, nie herrschten sie weiter. Den Ort der Schlacht sucht er im alten Ubierland, also auf fränkischem Gebiet1SS), und sieht schon darin einen Beweis von dem vordringenden Mute der Alemannen. „Vide mirabilem gentis audaciam“ ruft er aus. Die Schlacht selbst aber findet er nicht weniger bedeutsam wie den Kampf zwischen Puniern und Römern um die Herrschaft. Es ist kein Zweifel, daß er dies Ereignis vom Standpunkt des alemannischen Lokalpatriotismus aus betrachtet. Im zweiten Kommentar zur Germania wird dies noch deutlicher. Hier kommt er, ohne daß ihm der Tacitustext eine Veranlassung böte, noch dreimal auf die „Unglücksschlacht“, die „ungeheure Niederlage“, „das denkwürdige Treffen“ zurück und knüpft daran Betrachtungen, die wir bald für seine eigene Geschichtsauffassung, später auch für die Vadians werden wichtig werden sehen. – Das Alemannenreich, ist also vergangen, es bleibt die Ausbreitung des Frankenreichs zu schildern. Auch hier geht Rhenanus geographisch, vor, so daß ein Kreis von den Burgunden bis zu den Slaven beschrieben wird. Bei jedem Stamm sind alle Ereignisse bis zu seiner endgültigen Unterwerfung in kurzen Sätzen zusammengefaßt. Das Ergebnis dieser Frankenherrschaft ist Knechtschaft überall, „omnia redundäbant servis“. Der größte Teil der Unterworfenen wird. Knechte des Fiskus oder der Kirche. Denn die Frankenkönige stiften üherall Kirchen und Klöster, auf daß bei einem neuen Einfall wilder Völker Menschen übrig blieben, die die alte Frömmigkeit wiederbeleben könnten. Wie aber Herren und Knechte lebten, das zeigen die Leges Francorum, wie die kirchliche Ordnung sich erweiterte, ein altes Buch de conciliis antiquis Galliarum134), wie reich die Kirche durch die Begabungen der Frankenherrscher wurde, beweist ihm der Kirchenschatz von Mainz. 136 [136] Die Exkurse. Das Frankenreich zerfällt nach langem Bestehen, da die germanischen Franken in Gallien aufgesogen werden und es den deutschredenden Stämmen unwürdig dünkt, einem Imperium Gallicanum unterworfen zu sein. So kommt die Krone an die Sachsenherrscher, es entsteht ein Germanicum regnum, und da Otto I. dies machtvoll zu behaupten und seine Grenzen über Burgund und Italien zu erweitern weiß, das Imperium Romanum. Mit den Sachsenherrschern aber tritt noch eine andere wichtige Veränderung ein: die von den Franken unterdrückte Freiheit lebt wieder auf, und zwar werden nicht nur die Stämme frei, sondern auch die Städte. Sie blühen auf und erscheinen als feste Bollwerke im Lande. Zur Freiheit aber kommt der Schmuck der Gesittung und der Bildung. Und endlich – so muß man den Zusammenhang, den Rhenanus hier verschweigt, wohl ergänzen – ist die alte germanische Wildheit gebrochen, ein Friede für das Elsaß, wie ihn Große und Städte unter dem Schutze Papst Leos IX. schließen135), verkündet die neue Zeit. – Damit läßt Beatus Rhenanus den Faden historischer Erzählung fallen. Was noch folgt – fast die Hälfte des zweiten Buchs und das ganze dritte – läßt sich unter drei Gruppen bringen: es sind entweder kulturhistorische Exkurse oder kritische Besprechungen einzelner Quellenstellen oder endlich Versuche, eine Topographie des römischen Süd Westdeutschlands festzulegen. Die Versuche führen zweimal – bezeichnenderweise bei Basel und Schlettstadt – zu einem Abriß der Stadtgeschichte und einer Stadtbeschreibung. Es sind diejenigen Stücke, in denen sich das Erzählertalent des Rhenanus im besten Lichte zeigt, zugleich neben ein paar Notizen, wie die über den „Apelles von Colmar“, die einzigen, die an den alten Plan der Germania illustrata oder besser einer Alsatia illustrata erinnern. Unter den Exkursen sind die bedeutsamsten die, welche sich mit der Sprache der alten Germanenstämme beschäftigen. Denn hier zitiert Rhenanus als gewichtigstes Beispiel für das Deutschtum der Franken die Anfangsworte aus Otfrieds Krist: Nu uuil ich scriban unser heil Euangeliono deil, So uuir nu hiar bigunnon In Frenkisga zungon. Es sind die ersten altdeutschen Worte, die in einem deutschen Geschichtswerk stehen. „Wer deutsch kann“, fügt Rhenanus bei, „versteht diese Worte gut, abgesehen davon, daß wir heute ein wenig Weitere Pläne. [137] 137 anders schreiben und aussprechen, da wir bald nicht soviel Vokale, bald mehr haben, und auch das Wort „bigunnen“ für anfangen ist nicht allen Deutschen vertraut.“ Ob Rhenanus von der früheren Entdeckung des Krist durch Trithemius wußte, ist nicht auszumachen136), aber man sieht, wie anders er vor dem alten Pergament steht als der Abt von Sponheim. Auch daß die Burgunder und Langobarden deutsch gesprochen haben, kann Rhenanus beweisen, bei jenen aus einem Zeugnis des Apollinaris Sidonius, bei diesen aus den Ausdrücken der langobardischen Gesetze, mit denen die italienischen Juristen umsonst sich mühen. Von der gotischen Bibelübersetzung des Ulfilas, die schon Nauklerus erwähnt hatte187), scheint er nichts gewußt zu haben. Wohl aber hat er versucht, sieh ein Bild von den Eigentümlichkeiten der deutschen Sprache zu machen, auch über die Anfänge ihres Gebrauchs als Schriftsprache hat er nachgedacht.138) Das ist der Anfang einer deutschen Geschichte, den Beatus Rhenanus geboten hat. Ein Anfang, nicht mehr. Als einen Anfang hat es auch Rhenanus selbst betrachtet, der seine Ergänzung und Bewährung zunächst in einer Reihe von Quelleneditionen finden sollte. Es erschien noch im Sommer 1531 der ganze Prokop in lateinischer Übersetzung, dazu Agathias, die Gotengeschichte und die Weltchronik des Jordanes, auch der Brief des Apollinaris Sidonius mit der Schilderung des Westgotenkönigs Theoderichs IL, von Rhenanus schon im 2. Buch der Res Germanicae verwertet. Das Ganze also in der Tat ein volumen historiae Gothicae. Rhenanus hätte auch gerne „den Ablavius, die Variae des Cassiodor und die leges Gothorum“ hinzugefügt, aber es fehlten ihm – bei Ablavius begreiflicherweise – die Handschriften. Dafür fügt er ein Vorwort an Bonifaz Amerbach bei, das mit Bebeischer Energie die Goten für die deutsche Geschichte in Anspruch nimmt und sie zugleich mit kritischer Klarheit von den Geten sondert.189) 1533 kam die neue Tacitusausgabe, diesmal ganz von Rhenanus besorgt, deren Germaniakommentar die kulturhistorischen und sprachlichen Bemerkungen des Hauptwerks weiter ausführte.140) Anderes sollte folgen: dem Corpus Gothicum dachte er ein Corpus Laugobardicum an die Seite zu stellen“1), vielleicht hätte dann eine Ausgabe des Chronicon Urspergense, d. h. der Weltchronik des Ekkehard mit der Ursperger Fortsetzung, den Leser weiter leiten sollen.142) Auch an eine Ergänzung seiner eigenen Arbeit durch eine Germania illustrata von Aventin scheint er gedacht zu haben.143) Das alleB blieb Projekt, ebenso wie die lange beabsichtigte Fort- 138 [138] Bedeutung der Rerum Genoanicarum Htm III. Setzung. Wie sie geworden wäre, zeigt vor allem der Briefwechsel mit dem getreuen Huttich. Er läßt ihn Urkunden und Bildnisse der deutschen Kaiser suchen, befragt ihn über unverständliche Ausdrücke in den alten deutschen Rechtsbüchern, deren Studium ihn bis zum Sachsenspiegel hinabführt.144) Er benutzt diesen als Zeugnis für den „deutschen Adel“, vielleicht hat er sich etwas über den Heerschild daraus notiert.145) Sicherlich steht er den Bestrebungen ganz nahe, die damals auf ein Corpus iuris germanici gingen, die Grundlage für eine deutsche Rechtsgeschichte. Daß daneben die alten Interessen in ihm nicht erloschen waren, zeigen andere Briefe: mit Tschudi korrespondiert er über die Lentienses, mit Hubert Leodius über den Taunus, ein langer Brief über die Altertumsfunde von Argentaria zeigt ihn 1543 noch ganz in den alten Theorien von dem Verhältnis römischer und germanischer Herrschaft.146) Auch die etwas naiven Erkundigungen des greisen Paul Volz, des Exabts von Hugshofen, führen da und dort auf historisch Wichtiges.147) Dies alles sollte einer neuen Ausgabe zugute kommen, die sicher eine verbesserte, wahrscheinlich auch eine vermehrte geworden wäre. Sie ist schon 1536, dann wieder 1542 geplant148), aber bei Lebzeiten des Rhenanus nicht mehr zustande gekommen149), so wenig wie die deutsche Übersetzung, zu der sich schon 1539 Johann Herold erbot.150) Die Rerum germanicarum libri IH sind das einzige historische Werk des Rhenanus und zugleich ein Torso geblieben. Es gibt kein Geschichtswerk des deutschen Humanismus, bei dem dies mehr zu bedauern wäre. Denn hier waren wirklich die Grundlagen für eine deutsche Geschichte gelegt. Die zwei Grundsätze, die Rhenanus im Tacituskommentar von 1519 aufgestellt hatte, daß ein Verständnis des deutschen Altertums auszugehen habe von einer scharfen räumlichen Unterscheidung der Germania prisca und der Germania recentior und daß jedes Schriftstellerzeugnis mit Rücksicht auf die Zeit seines Autors zu würdigen sei, haben sich fruchtbar erwiesen, vielleicht über die Erwartung des Rhenanus hinaus. Der erst« hilft ihm die Fabel von der Varusschlacht l ei Augsburg widerlegen, er löst ihm die Streitfrage über die römische Rheingrenze so gut wie über die Stammeszugehörigkeit der Goten und führt ihn zur Erkenntnis der Bedeutung geographischer und statistischer Hilfsmittel, wie sie das Itinerarium Antonini, die Peutingersche Tafel, die Notitia dignitatum waren. Der zweite ermöglicht ihm in dem großen Ereignis der Völkerwanderung Abschnitte zu schaffen und Die Quellen und ihre Benutzung. [139] 139 zwingt ihn zu der Erkenntnis, die seinen Zeitgenossen so schwer wurde, daß Völker verschwinden können, wie sie gekommen sind, nicht durch ein bestimmtes Ereignis, sondern allmählich aufgehend in anderen.151) Er ist auf diese Weise der Erkenntnis der Entstehung der neuen Völkerbünde der Pranken, Alemannen und Sachsen näher gekommen als irgendein anderer, und hat in Einzelfällen, wie in der Frage nach der Herkunft der Baiern, Ergebnisse erzielt, die erst spät wiedergewonnen worden sind. Das wäre aber nicht möglich gewesen, wenn Rhenanus nicht auch den Text seiner Quellen kritisch betrachtet hätte. Er ist davon überzeugt, daß dieser selbst bei scheinbar gut überlieferten Autoren der Heilung bedarf152), und hat als der erste in Deutschland methodische Grundsätze für diese Heilung aufgestellt.158) Ersichtlich macht es ihm Freude, diese Methode anzuwenden, die Besserungsvorschläge drängen sich beständig in die Darstellung der Ereignisse hinein, nicht zum Vorteil derselben – Erasmus wußte wohl, warum er den Freund im „Ciceronianus“ überging –, aber sie sind nicht selten vortrefflich, geistreich oft auch da, wo Rhenanus irrt. Vergleichen wir seine Darstellung der Völkerwanderung mit der besten, die bis dahin in Deutschland vorhanden war, mit der des Nauklerus, so fällt auf, daß wir bei Rhenanus keine Origines der einzelnen Stämme finden. Er lehnt das ausdrücklich als nicht zu seinem Plane gehörig ab, nur bei den Franken macht er eine Ausnahme, um der hier so besonders üppigen gelehrten Fabelei entgegenzutreten.154) Halten wir ihn dann, soweit es der verschiedene Ausgangspunkt der Darstellungen erlaubt, gegen Biondo, der zuerst eine Übersicht über die ganze Bewegung gegeben hatte, so fällt ein zweites auf: Während für Biondo die kriegerischen Ereignisse Hauptsachen sind – vor allem deshalb sieht er sich nach Ergänzungen zu OrosiuB um, da dieser andere Zwecke gehabt habe als Kriege zu beschreiben155) –, treten sie bei Rhenanus stark zurück. Er hat eigentlich nur für zwei Schlachten Interesse: für den Sieg Julians bei Straßburg 357 und den Chlodwigs bei Tolbiacum 496 – dies beides aber sind Alemannenschlachten! Ebensowenig ist es ihm offenbar um die Schilderung von Persönlichkeiten zu tun. Wir erfahren nichts von den reichlichen Anekdoten Gregors von Tours über Chlodwig, kaum etwas von Alarich, und wenn Rhenanus den Brief des Sidonius aufnimmt, der eine Schilderung der Körperlichkeit Theoderichs II. enthält, so dient das nur als Beweismittel für den cultus Gothorum. Deshalb vor allem bevorzugt er in so auffallender Weise diesen Dichter und 140 [140] Die Beurteilung der Germanen Redner als historische Quelle. Die Zuverlässigkeit seiner Angaben verbürgt ihm der Umstand, daß er ein „Ohren- und Augenzeuge“ ist, für eine Vorstellung von dem Leben und den Sitten der Germanen des 5. Jahrhunderts konnte er in der Tat kaum eine bessere Quelle finden.156) Den Früheren hat Claudian zu ähnlichen Zwecken gedient, so schon Meisterlin, aber wieviel großartiger ist die Anschauung des Rhenanus! Er verwendet den Sidonius in demselben Sinne wie die germanischen Volksrechte: Er will den „status“ der einzelnen Völker in bestimmten Zeitpunkten verstehenH6»); hier wird er breit, während er die Ereignisse zusammenfaßt. Es gibt keinen zweiten Historiker des deutschen Humanismus, der so bestimmt von der Erzählung fort und zur Zustandsschilderung hinstrebt. Gewiß hat darauf Tacitus gewirkt, von dem schon die ersten Herausgeber zu rühmen wußten, daß er im Gegensatz zu Livius nicht bloß Kriegshändel enthalte:56b), aber auch noch anderes. Für Rhenanus sind die Zerstörung des römischen Reichs im allgemeinen und die Siege der Germanen im besonderen nur bedingt ein Ruhmestitel seines Volkes. Er bewundert dies römische Reich als eine Organisation ohnegleichen, er bedauert, daß auch ihm das Los der Vergänglichkeit fallen mußte. Aus den Trümmern der römischen Mauern und den Überresten der Statuen und Inschriften baut er sich die alte Kultur wieder auf und beklagt ihre Zerstörung. Die Regierungsweisheit der Römer erscheint ihm außerordentlich, von ihr könnte, so meint er, auch die Gegenwart noch lernen.187) Dagegen sind die Germanen reine Barbaren. Sie haben ein einziges Gut, die Freiheit, im übrigen aber sind sie Räuber. Für ihre Wanderungen kennt er nur einen Grund, den Landhunger, wo sie hinkommen, sind sie zunächst nur Zerstörer, er meint, die Franken möchten auch einen guten Anteil an den Städteverwüstungen gehabt haben, die die Chronisten von Attila erzählen.158) Es ist dies ein durchgehender Gedanke bei Rhenanus, von ihm aus erklärt sich auch seine so eigentümliche Auffassung des regnum Francorum. Wenn er sich die Franken als Nachfolger der Römer denkt, so leitet ihn nicht die Vorstellung von der Translatio imperii, wie seine Zeitgenossen, sie sind ihm die Nachfolger der römischen Verwaltungs-praxis, damit werden sie die Herren unter den deutschen Stämmen des alten Germaniens, wie es die Römer in Gallien und am Rhein geworden sind. Unzweifelhaft denkt sich das Rhenanus als eine notwendige Wendung, schon weil im Gefolge ihrer Herrschaft das Christentuuj kommt. Aber die Franken bringen auch die Knecht- Der Patriotismus des Khenanus. [141] 141 schaft, erst mit dem Ende ihrer Herrschaft läßt er, wie wir sahen, die germanische Freiheit wieder beginnen, und auch hier wie bei den Römern sehen wir ihn zwiespältig, ob er die Unterdrücker verdammen oder die Ordnung- und Kulturbringer preisen soll. Er weiß aus Tacitus, daß die Toren Kultur nennen, was nur ein Stück Sklaverei ist, und vergleicht die Wildheit der alten Gallier, die aber doch auch Tapferkeit war, mit dem Zustand des Landes unter der römischen und dann der fränkischen Herrschaft. „Aber,“ fügt er im zweiten Germaniakommentar hinzu, „die Gallier haben keinen Grund, diese Veränderung zu beklagen, denn sie haben die besten Gesetze, Ordnung und Gesittung von den Römern empfangen. Wir aber haben immer noch etwas zu viel von der Wildheit der Ahnen.“158a) Man sieht, wie weit das alles von den Vorstellungen des Celtis und Hütten, aber auch von denen der Wimpfeling, Brant und Nau-klerus entfernt ist. Auch Rhenanus hat teil an dem völkischen Patriotismus der Humanisten, er weiß, was es zu bedeuten hat, daß die fränkischen Barbaren ein edelstes Reich in Gallien errichtet haben, derart, daß heute noch dort, was fränkisches Blut in seinen Adern hat, dem Thron am nächsten steht159), er hat vielleicht klarer wie ein anderer die slavische Einwanderung in den deutschen Osten als einen Verlust für Deutschland erkannt160), er hat, wenn auch still, doch deutlich seine Stellung zu der Frage der Zugehörigkeit Burgunds und der Rivalität zwischen Deutschland und Frankreich genommen160*), aber deshalb sind seine Deutschen nicht die Ur- und Hauptnation Europas, wie bei Bebel, auch nicht die Träger einer uralten Kultur, wie bei Celtis. Ja auch das Imperium spielt bei ihm eine andere Rolle als bei jenen, sein Buch ist wohl die einzige deutsche Geschichte, die die Kaiserkrönung Karls des Großen gar nicht berichtet. Dagegen lesen wir bei ihm zum ersten Male seit Trithemius wieder von einem regnum Germanicum als dem Zusammenschluß der deutschen Stämme; das Kaisertum Ottos I. ist nicht Weltherrschaft, es ist nichts mehr als die Ausdehnung dieses deutschen Königreichs über das alte germanische Burgunden- und Langobardenland.161) Und endlich glaubt Rhenanus auch nicht, daß die Römer und Griechen das Lob der Deutschen absichtlich verschwiegen haben, wie Bebel und Wimpfeling meinen, wir sehen ihn nicht auf der Suche nach den alten Liedern als den wahren Geschichtsquellen, wie Aventin, für ihn ist das germanische Altertum eine kulturlose Zeit, die ihr Licht nur durch die Reste der Römerkultur und die Zeugnisse der außenstehenden Beobachter erhält. 142 [142] Das Erasmische bei Beatus Rhenanus. Wann aber kommt nun nach seiner Meinung die Kultur zu den Deutschen? Erst im Gefolge der Religion, wenn auch anderseits diese nicht ohne einen gewissen Kulturstand erfaßt werden kann.162) Deshalb sind die “Versuche der ersten Glaubensboten in Deutschland erfolglos geblieben, erst mit den Franken beginnt die Christianisierung, erst mit den Ottonen die ornamenta litterarum et civilitatis. Man wird, glaube ich, eine gemeinsame Wurzel all dieser Anschauungen suchen dürfen: die kühle Beurteilung der Kriegstaten wie der Weltherrsehaftsidee, die Hervorhebung des Friedens als Ergebnis der Zivilisation, vor allem aber der Zusammenhang zwischen Religion und Bildung, das alles ist erasmisch. So hätte Erasmus eine deutsche Geschichte angesehen. Erasmisch ist dann auch der Standpunkt, den Rhenanus bei der Auswahl seiner Quellen einnimmt. Die wichtigsten, wie Ammian, Prokop, Agathias, Claudian und Sidonius Apollinaris stammen aus jenen Zeiten, wo die untergehende antike Kultur sich mit dem aufgehenden Christentum verbindet. Was folgt, gehört den infelicia tempora an.163) So schon Cassiodor mit seiner Historia tripartita164), dann aber die ganze Mönchsgeschichtschreibung. Denn, meint Rhenanus165), es sind viel weniger die Goteueinfälle gewesen, die die literarische Überlieferung vernichtet haben, als die törichte Nachlässigkeit der Späteren, die das Gerettete nicht weiterzugeben wußten. Das bezieht sich bei ihm zunächst auf die Überlieferung der klassischen Schriftstellertexte, aber es stimmt dazu, wenn er sich die Urkundenschreiber der Frankenkönige als ein unwissendes Geschlecht166) und die „Schottenmönche“ als die eigentlichen Geschichtsverderber vorstellt.167) Es sind dieselben Mönche, die für Celtis und auch für Bebel die besonderen Bewahrer der Wissenschaften waren. Vielleicht darf man noch eine weitere Besonderheit des Rhenanus als erasmisch bezeichnen. Wenn er sich den Gründungs- und Ursprungsfabeln alter und neuer Mache gegenüber kritischer verhält als irgendein anderer, wenn er den Riesen Sletto als Gründer Schlett-stadts ebenso ablehnt, wie die Heroensammlung des Pseudoberosus, der ihn noch 1519 getäuscht hatte, und den Hunibald des Trithemius168), so leitet ihn dabei nicht nur die bessere Kenntnis des Altertums, sondern auch eine Abneigung gegen den Eponymenkultus überhaupt. Er sieht sich nicht nach Stammvätern der Ingävonen und Herminonen um, und wenn Trithemius für die Gründung von Seligenstadt den Salagast des Gregor von Tours bemüht hatte, so ge- Die etymologischen Versnebe. [143] 143 nügt ihm die Ableitung von den Salischen Franken. Er hat nur Spott für die Versuche, aus jedem Stadtnamen einen Gründernamen, womöglich einen römischen zu finden, auch ob Basel etwa von König Heinrich gegründet sei, scheint ihm nicht wichtig.169) Ebenso kritisch ist er gegen die Fürstengenealogien. Auch die Habsburger, meint er, könnten sich damit begnügen, daß ihre Ahnen früher die Herren des alten Vindonissa gewesen seien und daß sie jetzt mehr Länder germanischen Wanderbesitzes beherrschten als irgendein deutscher Fürst.170) Maximilian hätte sich damit nicht begnügt, und den Berosus hat Rhenanus aach dem Aventin nicht entreißen können. Aber es ist doch so, daß Rhenanus das germanische Pantheon der Humanisten in demselben Sinne und derselben Absicht zu entvölkern versucht hat wie Eras-mus den Heiligenhimmel der katholischen Kirche. Für das, was er also nahm, glaubte Rhenanus einen Trunk aus reinerer Quelle bieten zu können. Die Namen der Stämme und Städte, aber auch der Berge, Wälder und Flüsse, die hauptsächlich zu jenen etymologischen Sagen Anlaß gegeben hatten, will er, wie schon im Tacituskommentar von 1519, anders erklären. Sie sind entweder urdeutsch und stammen dann meist von Eigenschaften, wie die der Istävonen, Ingävonen und Herminonen, die er als Usserstenwoner, Wigwoner [= incolae sinus maris] und Hertwoner erklärt, oder sie sind aus römischen Benennungen vom Volke, das sie nicht verstand, verdorben. Hier hat Rhenanus so hübsche Dinge wie Cambeta = Kembs und Sanctio = Säckingen gefunden, aber auch der Namensgleichheit zuliebe Lupodunum in Lupfen und das Monumentum Traiani in Cronberg im Taunus gesucht, auch die Pfalzgrafen möchte er nicht bei dem ihm wohlbekannten Begriff des fränkischen palatinus lassen, sondern an das römische Capellatum, das er bei Ammian findet, anknüpfen.171) Hier wie anderswo versucht er auch zu Regeln vorzudringen, nach denen diese Veränderungen sich vollzogen haben könnten172), aber es ist natürlich, daß weder diese noch die Einzelresultate Dauer haben konnten. Auch ist er in seinen Anschauungen nicht konsequent geblieben. Trotzdem er so scharf zwischen Germania antiqua und recentior und zwischen gallischer und germanischer Sprache unterschieden hat, kann er doch mit der Notiz des Herodot, daß die Donau im Keltenland entspringe, nichts anfangen, und obgleich er weiß, daß die Gallier Berge und Flüsse im späteren Deutschland benannt haben, beharrt er darauf, das Wort aus dem Deutschen abzuleiten.173) Ja, wir sehen ihn in den späteren Jahren seines Lebens doch wieder auf dem Wege 144 [144] Rhenanus und die Sprachforschung. zu den Eponymen. Da wünscht er, daß die Bilder der uralten deutschen Fürsten Tuisko, Mannus, Wigewon, Heriwon, Eusterwon, Marsus, Gambrivius, Suevus und der anderen in Wandmalereien ihre Stelle finden, und wenn er dabei auch seine alten Forschungen nicht zu verleugnen brauchte, nach denen nicht der Mann dem Volk, sondern das Volk dem Manne den Namen gegeben habe, so war dies doch derselbe Weg, der andere in ein neues Phantasiereich führte, das um nichts besser war als das frühere.174) Was aber die sprachlichen Bestrebungen des Rhenanus so merkwürdig macht, das ist die großartige Auffassung von der Kontinuität der Sprachentwicklung. „Bei Tacitus,“ sagt er175), „raten die Tenkterer den Ubiern, die gerade in den Verband der Germanen zurückgetreten waren, sie sollten die vaterländischen Einrichtungen und Sitten wieder annehmen. Von der Sprache sagen sie das nicht, denn sie verlernt sich schwer und spät, und sie ist unveränderlich, wenn nicht ein Volk gerade vernichtet wird, wie die Longobarden in Italien, oder im Laufe der Zeiten aufgesogen wird, wie es offenbar den Burgundern und anderen Stämmen ergangen ist.“ Fast als das Wunderbarste und zugleich das Weiseste bei den Römern erscheint ihm, daß sie den unterjochten Völkern ihre Sprache aufgezwungen hätten. Hier weist er vorwärts zu den Bestrebungen echter Sprachforschung. Auch hier also ist bei mancher Ähnlichkeit der Ergebnisse doch eine breite Kluft zwischen dem, was Rhenanus wollte, und den Phantasien von Celtis und Bebel, die der Verwandtschaft der deutschen und der griechischen Sprache nachgingen. Rhenanus meint wohl auch, es könnten sich im Deutschen römische, griechische und selbst hebräische Worte finden176), aber es reizt ihn nicht, sie zu suchen, wie es Aventin und Münster taten. „Stultum est,“ sagt er einmal, „nimium in autiquitatem inquirere.“ Sein Bestreben ist auch hier das gleiche wie bei seinen philologischen Emendationen: er will den Wust fälschender Überlieferung, der sich zwischen das deutsche Altertum und die Gegenwart gestellt hat, fortschaffen und ist überzeugt, daß sich dann das Alte von selbst aus dem Späteren erklären werde. „Großen Dank schuldet mir,“ sagt er einmal, als er gerade recht kunstvoll den Melibokus durch das Mittel von Katzenellenbogen von den Chatten abgeleitet hat177), „das Chatten-Melibokervolk, daß es seinen Namen nachträglich durch meine Bemühungen wiedererhalten hat. 0 gute Götter, wenn die Gelehrten sich auf solche Forschung verlegen wollten, wieviel Licht könnte in die alte Zeit gebracht werden! Das hieße wahrlich Deutschland erläutern.“ Rhenanus und die Zeitgenossen. [145] 145 Wie aus diesen Worten, so sehen wir auch sonst, daß Rhenanus sich mit seinen hesten Bestrebungen unter seinen Zeitgenossen einsam fühlte. Er weiß wohl, welche Kluft ihn von der älteren Geschichtsschreibung trennt. Wenn er mit Gebwiler oder Paul Voltz von den Tribokern redet, dann schauen sie ihn an, als ob er von Träumen spreche. Das kommt, meint er, weil sie nicht über Karl den Großen oder Dagobert oder Chlodwig hinaus ins deutsche Altertum vorgedrungen sind.178) Und Gebwiler hatte sich doch erst 1519 bemüht, dahin vorzudringen! Aber auch Nauklerus und Krantz finden bei Rhenanus keine Gnade, sie haben die guten Autoren nicht aufgeschlagen oder nicht verstanden. Das steht freilich nur in Briefen, nicht in dem Geschichtswerk, denn hier hat sich Rhenanus offenbar zum Grundsatz gemacht, nicht namentlich gegen Gegner zu polemisieren. Aber es geht auf Krantz, wenn er von Leuten spricht, die Arbeitskraft und Wagemut haben, aber kein Urteil, und eine andere Stelle spricht von dem vulgus historicorum.179) Als ihm Paul Phrygio 1533 von dem Plane einer Weltchronik sprach, hat er das sehr ironisch aufgenommen. Und wenn er in den Res Germanicae niemand angreift, so lobt er auch niemand, auch dies ganz gegen den Brauch der Zeit. Wiederum wissen wir nur aus dem Briefwechsel, daß er Aventin als ebenbürtigen Kenner deutscher Vorzeit betrachtete und daß er Michael Hummelberg manche gute Bemerkung, wie etwa die über die Lage von Arbor Felix, verdankte.180) Aber der Hauptgrund der Sonderstellung des Rhenanus ist doch, daß seine Methode grundsätzlich von der seiner meisten Zeitgenossen verschieden war. Mit dieser Methode steht er eigentlich schon in der Zeit, wo der Humanismus Philologie geworden ist, Philologie im Sinne von Scheidekunst. Er trennt die fränkischen Centenare von denen, die Tacitus nennt, die fränkischen duces von den Herzogen seiner Zeit. Blicken wir zurück bis auf Meisterlin, der den Nürnbergern seiner Zeit gern noch die Rechte einer colonia Romanorum zugesprochen hätte, so sehen wir ganz den Unterschied. Aber in diesem Punkte war Meisterlin fast mehr Humanist als er. Was Rhenanus anstrebte, die leidenschaftslose Betrachtung der deutschen Vergangenheit als eines toten Objekts gelehrter Forschung – es ist bedeutsam, daß auch diese Zeit ihm eine „antiquitas“ ist – das konnte und wollte der deutsche Humanismus nicht. Das vor allem hat ihn von dem Plan der Germania illustrata im Sinne der Celtisscbule abgetrieben, das trennte ihn, mehr als er wohl selbst gesehen hat, vrm Aventin. – Joachiniscn. i»osiliichtsanffa?“iti!? etc. [146] Andreas Althamer. So war Beatus Rhenanus nicht geeignet, Schule zu machen, und er hat keine gemacht.181) Aber es gibt doch zwei Männer, die sich als seine Schüler bekennen und versucht haben in seinem Sinne zu arbeiten, Andreas Althamer und Wolfgang Lazius. Andreas Althamer182) hat seinen Namen in der Geschichte als lutherfester Reformator der hohenzollerschen Frankenlande. Aber es gab Zeiten, wo er nach anderen Kränzen stiebte. Wie so viele andere, hat er nach einem Encomiastes Germaniae ausgeschaut, „qui maiorum nostrorum cunabula, ritus, heroica facta, sedum transmu-tationes totamque Germaniani iusto volumine celebraret“18S), und als dieser nicht kam, sich selbst seine Provinz im Reiche deutscher Vergangenheitserforschung gewählt. Schon dem Knaben fielen die Altertümer an der Kirchhofsmauer des Heimatdörfchens Brenz und im benachbarten Gundelfingen auf.184) Verständnis dafür eröffnete ihm die Augsburger Schulzeit, wo er bei seinem Oheim, dem Priester Johann Kürschner, wohnte, und von Johann Foeniseca, dem Korrektor der Ausgabe der TJrsperger Chronik von 1515, dem Vertrauten Aventins und Peutingers, unterrichtet wurde. Die Kunst- und Altertumsschätze Peutingers hat er noch spät in bewundernder Erinnerung behalten.185) Dann studiert er in Leipzig, Tübingen und wieder in Leipzig, wo er Mosellan und Richard Crocus als seine Lehrer nennt. Ihnen verdankt er wohl die elegante Gräzisierung seines Namens in Paläosphyra. Er war dort, als die berühmte Disputation Luthers mit Eck stattfand, vielleicht hat diese schon seine religiöse Stellung bestimmt. Im übrigen aber sind seine Interessen noch durchaus humanistisch, und zwar war es die freiere Richtung der „Poeten“, die den jungen Menschen ganz gefangen nahm. Daneben stehen historische Studien. Der Kreis, in dem er lebt, begeistert Bich für Oden des Celtis und verfaßt Epigramme auf die Lipsica Hermanns von dem Busche. Es sind Leute, die später meist den Weg vom Humanisten zum Theologen gefunden haben, aber auch Sebastian Münster gehört dazu, der den umgekehrten gegangen ist.186) Am liebsten wäre Althamer also ein poeta und historiographus geworden, wie sich die Humanisten seines Schlages gerne nannten. Trotz den Abmahnungen des nüchternen Oheims, der ihn lieber beim Philosophiestudium und im geistlichen Stand gesehen hätte, blieb er den alten Neigungen treu, er plante irgendeine Verherrlichung seiner Heimat, die Caesarstelle über die 100 Gaue Schwabens reizte ihn zu einer Erläuterung, wie sie 1506 Heinrich Bebel versucht hatte. Daneben sammelte er schon seit der ersten Leipziger Zeit für einen Germaniakommentar. Zwei Bekannt- Vorgeschichte des Tacituskommentars. [147] 147 schaften der Leipziger Zeit kamen, jede in ihrer Art, dieser Absicht zugute. Ein Ausflug nach Zwickau führte ihn zu dem wunderlichen Fälscherantiquar Erasmus Stella, der ihn mit feierlichen Worten in seinen auf das deutsche Altertum gerichteten Bestrebungen bestärkte187), eine wohl von Althamer brieflich angeknüpfte Bekanntschaft mit Johann Böhm (Boemus) aus dem unterfränkischen Aub wies ihn auf die Beobachtung der Gegenwart.188) Böhm, der gerade damals sein eigenes Werk „Omnium gentium mores“ zum Druck vorbereitete, hat ihn dann wohl auch auf Pomponius Mela, dessen Reihenfolge er selbst einhielt, und damit auf Vadians soviel Aufsehen erregenden Kommentar zu diesem Autor aufmerksam gemacht, wenigstens berichtet Althamer im Februar 1521 an Vadian188*), sein Tacituskommentar sei fertig und sei nach dem Muster des Mela-kommentars gearbeitet. Aber als er nun das Werk den Freunden zeigte, fand er mehr Widerspruch, als in Humanistenkreisen gewöhnlich war. Christoph Hegendorf in Wittenberg riet ihm mit deutlichem Hinweis auf den Kommentar des Rhenanus ab, seine „Stromata“, wie er es nennen wollte, drucken zu lassen189), und als der Druck doch begann – zufällig bei demselben Verleger, der den Kommentar des Rhenanus gedruckt hatte, – erhob sogar der Korrektor seine Einwände.190) Entscheidend wurde der Ausspruch Melanchthons, der freundlich aber bestimmt die Arbeit als ein unreifes Jugendwerk bezeichnete und auch seinerseits auf Beatus Rhenanus als Muster hinwies.191). Man sollte meinen, es hätte des Hinweises nicht gebraucht, denn Althamer hatte schon vorher in einer Epistel an seinen Oheim über sein geliebtes Schwaben die Vorrede des Tacituskommentars ausgeschrieben.192) Aber das war wohl nur eine der vielen fremden Federn, die der schnellfertige auflas. Jedenfalls wird es nun still von den „Stromata“193), und als sie 7 Jahre später – Althamer war längst über die „Tretmühle“ der Schulmeisterei ins geistliche Amt gelangt und als theologischer Schriftsteller aufgetreten – in Nürnberg erschienen194), da rühmte der Epilog in der Tat als den, dem der Autor am meisten verdanke, Rhenanus. Aber die Methode verdankte Althamer ihm doch nicht. Vielmehr zeigt das Werkeheu noch alle die Schichten seiner Entstehung: die geographischen Teile mit ihrer Mischung von alten und neuen Zeugnissen, brieflicher Erkundigung und – spärlicher – eigener Beobachtung195) deuten auf Vadian, in dessen Bann er auch in der ein lü* 148 [148] Althamer als Forscher. Jahr später erschienenen Sylva biblicorum Dominum mit ihrer Unterscheidung von Topographie und Anthropologie noch steht, die Erläuterungen der Sittenschilderungen durch Verse der „deutschen Poeten“ Eoban, Bebel, Hütten und Celtis auf Mosellans Einfluß; zu der reichlichen antiquarischen Gelehrsamkeit mag schon der Oheim und die Augsburger Schule beigetragen haben. Von Rhenanus sind außer tatsächlichen Entlehnungen, die aber meist nur ak eine Meinung neben anderen stehen, nur die etymologischen Versuche wirksam geworden. Altbamer sucht Zusammensetzungen mit -man, er möchte den barritus von „Bracht“ (concursus certantium) ableiten, die Mark hat er besser als Rhenanus erklärt, aber er steht doch auch hier den Anschauungen des Celtis und seiner Schule viel näher. Die verhängnisvolle Stelle des Tacitus von den griechischen Inschriften, die es an der Grenze von Germanien und Rhätien gebe, hat auch ihn veranlaßt, eine ganze Seite von Gleichsetzungen griechischer und deutscher Worte zusammenzustellen.196) Wie unselbständig Althamer im Grunde doch ist, das zeigen seine Bemerkungen über die Varusschlacht; hier hat er nicht einmal die abwägende Vorsicht des Nauklerus erreicht, Vellejus mit dem eindrucksvollen Hinweis des Rhenanus in der Vorrede bleibt wirkungslos, obgleich er sonst zitiert wird. Es bedurfte stärkerer Mitte], wie wir sehen werden, um Althamer zur Verwerfung der alten Fabel, die bei ihm ja auch eine Stütze an lokalen Erinnerungen fand, zu führen. Immerhin war hier zum erstenmal eine ausführliche Erläuterung der Germania gegeben, und sie fand Beifall. Als Rhenanus 1533 die zweite Ausgabe des Tacitus veröffentlichte, erklärte er, er hätte die Erläuterungen der Germania ausführlicher gegeben, „ni iuvenis eruditus Andreas Altbamerus hunc libellum propriis commentariolis, ut audio, nuper illustrasset.“ Das „ut audio“ kam bei einem vier Jahre zuvor erschienenen Buche wohl einer Ablehnung gleich, sicherlich für den, der Rhenanus kannte, aber Althamer fand in der neuen Ausgabe nun den mächtigsten Anstoß auch sein Werk neu zu gestalten. 1536 erschien es, und zwar statt eines schmalen Heftchens als umfänglicher Band. In dieser Form ist das Buch mehrfach aufgelegt und viel gelesen worden.197) Man kann auch hier nicht sagen, daß Althamer als selbständiger Forscher erscheint, er ist nur ein fleißiger Sammler. Wo er kritisch vorwärtsgekommen ist, hat ihm fast überall Rhenanus die Hand geführt.198) Aber seine Methode hat er doch nicht begriffen, Berosus erscheint nur zurückgedrängt, die Wanderungstheorie ist an- Althamer und die Gegenwart. [149] 149 genommen, hilft aber nicht zu klaren Anschauungen199), eigentlich philologische Beobachtung im Sinne des Rhenanus liegt Althamer ganz fern.*0“) Aber auch seine Geschichtsauffassung teilt er nicht; er weiß wohl, daß nur die Alten deutsches Altertum überliefert haben, aber er setzt im Sinne Bebeis sein „licet inviti“ hinzu, das römische Reich ist ihm doch nur die Vorstufe zu dem herrlicheren deutschen.*01) „Wir haben das römische Reich beherrscht, niemals dies Reich uns.“ Und wenn wir dann bei Althamer in der neuen Bearbeitung des Kommentars einen Panegyrikus auf den „Sachsen Arminius“, den Brutus Deutschlands finden, wenn uns Ariovistus als König Ehmvest, Ulixes als Ylsing, Arminius als Herman begegnet, wenn er „deutsche Könige“ vor Karl dem Großen zusammensucht und sich fragt, seit wann wohl die Deutschen eigene Münzen geschlagen hätten, so sehen wir ihn in den Spuren Aventins und Huttens.202) Es ist bedeutsam, daß er gerade an die Varusschlacht, die er jetzt richtig in den Teutoburger Wald verlegt, die Aufforderung zur systematischen Durchforschung des deutschen Bodens knüpft803) und daß er noch einmal, zwei Jahre nach Aventins Tode, den Plan der Germania illustrata fast mit Aventins Worten entwickelt.SOi) Was aber die Lektüre des TacituBkommentars heute noch interessant macht, das sind doch nur die Beziehungen Althamers auf die Gegenwart. Man sieht vielleicht an keinem anderen Werke klarer, wie der Rückblick, zu dem Tacitus anregte, diese Generation zum XJmblick trieb. Schon die Ausgabe von 1529 hatte solche Gegenwartsbeziehungen gegeben, aber sie waren meist moralischer Art, Ausrufe, die der alten Sittenreinheit und Einfachheit die Zustände der Gegenwart entgegenstellten, Entschuldigungen, wenn Tacitus einmal, wie bei der Schilderung der Trunksucht, doch zu weit zu gehen schien. In solchen Dingen trafen sich der Humanist und der Pfarrer von selbst. Die zweite Ausgabe des Kommentars aber will mehr bieten, sie stellte, ähnlich wie es Johannes Boemus in seiner Sittengeschichte bei Deutschland, Frankreich und Italien versucht hatte, nur in mehr statistischer Art, aber doch auch mit volkskundlichen und volkswirtschaftlichen Angaben neben das alte Bild der Landschaften das neue, suchte zum Lob der germanischen Tapferkeit als Parallele die Helden der Gegenwart, nannte zu den Worten: literarum secreta .. ignorant als Kontrast die literarischen Größen des humanistischen Deutschlands und nahm aus der Erwähnung der Siedelung, ut fons, ut campus, ut nemus placet, Gelegenheit – allerdings wieder einer Andeutung des Rhenanus nachgehend und schwerlich ohne Beeinflussung durch 150 [150] Wolfgang Lazius. die Exegesis Germaniae des Irenikus – eine ganze Nomenklatur Ton Orten auf -fürt, -werd, -dam, -mund, -ort, -rode, -bühel usw. zu geben.805) Bei solchen Blicken auf die Gegenwart hat Althamer auch einmal Luthers gedacht und zwar in besonders feierlicher Weise. Er ist der „Cherusker“, der zuerst den Aberglauben vertreibt und Germanien von den Mönchs- und Sophistenfabeln und -lügen säubert, die sich schon mit den ersten Verkündern des Christentums eingeschlichen haben. „Qui igitur quondam Mercurium Martemque adoravimus, mox infinita divorum numina, idolorum portenta, horrendas abominationes, nunc in Jesum Christum dei patris omnipotentem ftliuiu, ex Maria vir-gine genitum crucifixum, a mortuis excitatum et ad patris dextram sedentem regnantemque unicum servatorem nostrum credimus: ab hoc uno corporis animaeque salutem expectamus, hanc religionem profitemur, utinam perpetuo“.206) Was Althamer da sagt, stimmt nicht recht mit anderen Stellen seines Buchs, zumal nicht mit seinen Worten: ego cum religione Musas iramigrasse puto, die er Rhenanus nachsprach. Aber es ist interessant als ein früher Versuch des Luthertums, sich mit der humanistischen Altertumsforschung auseinanderzusetzen. – Wolf gang Lazius207) ist ein Spätling des Humanismus. Seine Hauptwerke fallen in die Zeit, wo bereits die neue Theologie auf den Trümmern der humanistischen Kultur ihre Herrschaft erhob. Auch der Humanismus des Lazius ist bereits theologisch gefärbt208), aber es ist doch noch durchaus Humanismus. Wollte man ihn nach dem Gesamtbild seiner wissenschaftlichen Tätigkeit der humanistischen Historiographie einordnen, so wäre er an Cuspinian anzuschließen, mit dem er auch in Lebensführung und politischer Gesinnung manche Ähnlichkeit hat. Aber er selbst hat als seinen eigentlichen Lehrmeister in der Geschichte wiederholt mit besonderem Nachdruck Beatus Rhenanus bezeichnet. Und in der Tat ist es auf den Einfluß des Rhenanus zurückzuführen, wenn er sein Lebenswerk, die Rerum Austriacaruni decades VI mit so gewaltigen antiquarischen Forschungen unterbaut hat, daß sie das Hauptwerk an Umfang überragen. Es ist eine unerwünschte Nebenwirkung dieses Einflusses, daß die Österreichische Geschichte eine ungedruckte Fragmentensammlung geblieben ist. Lazius scheint die Bekanntschaft des Rhenanus schon bald, nachdem er die unruhige Wandertätigkeit eines Militärarztes mit der stilleren eines Wiener Universitätsprofessors und Hofgeschichtschreibers vertauscht hatte, gesucht zu haben, und die Reste des Lazius als Schüler des Beatus Rhenanus. [151] 151 Briefwechsels zeigen ihn ganz in den Bahnen der Forschertätigkeit des Rhenanus.209) Er hat Inschriften von Ungarn bis zum Inn gesammelt, Altertumsfunde jeder Art mit Interesse verfolgt, und will nun dies alles zu einer „Archäologie“ der alten und neuen Besitzungen des Donaustaates verarbeiten. In seinen Bemerkungen über die Ausdehnung vom Illyrikum unter den Kaisern und der Ansetzung von Karnuntum erscheint er scharfsinnig und gelehrt zugleich, so daß Rhenanus von der in Aussicht gestellten Österreichischen Geschichte sich wohl einen Ersatz für die im Archiv der Münchener Herzoge verschwundenen Annalen Aventins versprechen konnte. Aus dem Vorwort zu der ersten historischen Veröffentlichung des Lazius, seiner Vienna Austriae von 1546, sehen wir, daß Lazius sogar in der Form einen Anschluß an Rhenanus anstrebt. Er will, wie dieser, keine fortlaufende Erzählung geben, sondern einzelne Kapitel, die stets die Belegstelleu in Originalform enthalten sollen.210) Das ist, soweit wir sehen können, überhaupt seine Darstellungsform geblieben, er scheidet sich also ebenso bewußt wie Rhenanus von dem Stilisierungsprinzip der italienischen Geschichtschreibung und von der Weise Aventins. Sehen wir dann die beiden Geschichtswerke an, in denen Lazius den antiquarischen Unterbau seiner Österreichischen Geschichte gegeben hat, die Res publica Romaua in exteris provineiis con-stituta und die Gentium migrationes211), so erscheinen sie beide als Ausfuhrungen von Abschnitten der deutschen Geschichte des Rhenanus. Das erste betrachtete die Provinzen vom Standpunkt des römischen Weltreichs „tarn ineipientis et florentis quam declinantis“, wie es Rhenanus in den einleitenden Abschnitten seines Buchs getan hatte, das zweite suchte die Völkerwanderung als ein Ganzes zu erfassen, wieder durchaus im Sinne des Rhenanus.212) Ja, man kann sagen, daß zwei Hauptgedanken des Rhenanus bei Lazius noch eine verstärkte Bedeutung erhalten haben. Denn wenn er mit Rhenanus die Franken als Nachfolger römischer Verwaltungs- und Regierungskunst betrachtet213), so ist das für seine imperialistische Geschichtsbetrachtung keine vorübergehende Knechtung, aus der sich die altgermanische Freiheit wieder erhebt, sondern die Begründung der rechten Herrschergewalt, gegen welche die „teutsche Libertät“ seiner Tage ihm als Unfug erscheint21*), und die Lehre von dem Aufgehen der Stämme in anderen, die Rhenanus zunächst nur zur Beantwortung der Frage, woher Franken, Alemannen, Sachsen und Baiern seien, herangezogen hatte, wird noch viel wichtiger für den Geschichtschreiber 152 [152] Die Gentium migrationes. Österreichs, der sich sein Volk noch in ganz anderem Sinne als eine colluvies populorum denkt, an der nicht nur Franken, Baiem und Alemannen, sondern auch Kelten, Kamen und Taurisker Anteil haben.*15) Im ganzen wie im einzelnen scheint dann speziell das Werk Über die Völkerwanderung Laziua als Schüler des Rhenanus zu erweisen. Schon die Disposition nach Stämmen oder Stammgruppen und innerhalb derselben das Aufsuchen von Wanderungsnbschnitten ruft uns die Disposition des Rhenanus ins Gedächtnis. Noch mehr einzelnes: Rhenanus hatte aus Sidonius und Ammian einen Stammestypus des Franken, Sachsen, Goten zur Völkerwanderungszeit zu gewinnen gesucht, Lazius sucht diese Vorstellungen so zu verdichten, daß er jedem seiner elf Bücher eine Abbildung voraufstellen kann, die uns den Franken mit der Streitaxt, den Sueven mit dem zurückgebundenen Haarschopf, den Goten mit der Speerstange usw. zeigt. Rhenanus hatte auf deutsche Lehnwörter im Französischen hingewiesen und Versuche gemacht, altgermanische, aber auch gallische Personen- und Ortsnamen im Deutsch seiner Zeit wieder zu finden. Lazius hat die Lehnwörter zusammengestellt216) und ist kaum vor einer Namenserklärung zurückgeschreckt. Vor allem aber scheint er sich den Quellenbegriff seines Lehrmeisters angeeignet zu haben: die Volksrechte sind auch bei ihm Sprach- und Kulturdenkmäler, auch er hat Konzilsakten als Quellen für das Vorhandensein oder die Ausdehnung alter Bischofssitze benutzt217) und Urkunden reichlich herangezogen, er hat endlich neben die Otfriedzitate seines Vorbildes eine stattliche Reihe altdeutscher Sprachproben ’gestellt, die seinem Buch eine besondere Stellung in der Geschichte der germanischen Philologie verschafft haben.218) Aber im ganzen hat er etwas völlig anderes geschaffen als Rhenanus. Statt der klaren und einfachen Linien der drei Bücher deutscher Geschichte erblicken wir ein verwirrendes Durcheinander, statt der sparsamen, absichtlich Lücken lassenden Aufstellungen einen babylonischen Turmbau, von dem denn auch heute kein Stein mehr auf dem andern geblieben ist. Es war recht ein Ding für die maßlose Phantasie Johann Fischarts, der aus dem dicken Folianten „Eikones veteris Germaniae heroum“ gezogen und übersetzt hat.218“) Dieser Unterschied gegen Rhenanus kommt zunächst daher, weil Lazius gewöhnlich mehr wissen will wie Rhenanus, fast stets zuviel. Es ist selten, daß er eine so glückliche Ergänzung findet, wie das Bild des fränkischen Königs auf dem Ochsenwagen, das er aus Ein-hards berühmter Schilderung gewinnt, zu dein fränkischen Krieger mit Die Arbeitsweise des Lazius. [153] 153 der Streitaxt. Meist geht er fehl. Statt der sechs Wanderungen der Sueven bei Rhenanus hat er acht, und das, trotzdem er die Markomannen, die Rhenanus zunächst als Teil der Sueven behandelt, außerdem noch auf acht Wanderungen verfolgen kann. Die Franken aber, deren Ursprungssage Rhenanus so Bebneidend kritisiert hatte, erhalten hier wieder ihren ehrwürdigen Stammbaum, der über Sikambrer, Kimbern und Kimmerier bis an das Urvolk der Aboriginer heranführt. Denn Lazius kann nicht scheiden, wie Rhenanus, er will um jeden Preis verquicken. Er zitiert mit hohem Lobe die Unterscheidung, die Rhenanus mit einleuchtenden Gründen zwischen Goten und Geten vorgenommen hatte, und – setzt sie zwei Blätter später wiederum gleich. Wiederum sind Germanen, Gallier und Kelten ein und dasselbe, die Germanen also das Urvolk Europas. Überhaupt genügt ihm der mindeste Anklang eines der Taciteischen oder Stra-bonischen Völkernamen an eine Bezeichnung auf der Karte seiner Zeit, um eine neue „sedes“ seiner soviel umfassenden Stämme zu konstruieren.219) Das wäre nicht möglich gewesen, wenn er seine Quellen wirklich philologisch betrachtet hätte wie Rhenanus. Davon ist er weit entfernt. Nicht nur seine Wiedergaben von Inschriften und Urkunden haben sich als unzuverlässig erwiesen280), auch seine Interpretation der Quellentexte ist sehr weitherzig. Um ein Bild von den Markomannen zu gewinnen, denen er als dem mutmaßlich wichtigsten Bestandteil in der colluvies Austriacorum besondere Aufmerksamkeit widmet881), hat er unbeschämt das meiste, was Tacitus von den Germanen oder Cäsar von den Sueven im allgemeinen zu sagen weiß, auf sie übertragen. In den Nachrichten aus späterer Zeit aber spielen bei Lazius die Annales vetustissimi, die sich jeder Zeitansetzung fügen, eine bedenkliche Rolle. Auch das Nibelungenlied gehört dazu882) und Lazius hat den Ruhm, daß sich bei ihm die ersten Zitate aus unserem Nationalepos finden, damit erkauft, daß er die chronologischen Bedenken, welche schon die ersten Humanisten, ja sogar schon mittelalterliche Geschichtschreiber aus der Gleichsetzung des Gotenkönigs an Attilas Hof mit dem historischen Theoderich ableiteten883), in den Wind geschlagen hat. Daß auch Berosus und Hunibald bei ihm in Ehren stehen, ist danach selbstverständlich. Niemand würde vermuten, daß er die Äußerungen des Rhenanus über diese „albernen Erfindungen“ gelesen hat. In all diesen Dingen erinnert Lazius an Av entin, und es ist nicht bedeutungslos, daß er die Aunab’ii desselben, die ihm doch wahr- [154] 154 Lazius und die genealogische Geschichtschrettmng. scheinlich erst während der Arbeit an den Gentium migrationes bekannt wurden224), in großem Umfange in sein Werk aufgenommen, Aventin selbst fast noch häufiger als Rhenanus zitiert hat. Aber es fehlt ihm die plastische Kraft, mit der Aventin selbst seine phantastischen Urzeitkonstruktionen lebendig zu machen weiß; schon die diskutierende Darstellungsweise, die er dem Rhenanus entlehnt, hindert ihn, Wirkungen der Art zu erzielen, mit einem „Non possum prae-terire“ oder einem „Huc alludit quoque“ reiht sich ein Zeugnis an das andere. Es fehlt Lazius aber auch die großartige Anschauung Aventins vom deutschen Wesen, dabei spielt wieder der Barbarenbegriff des Rhenanus seine Rolle, den Aventin ganz von sich wies. Im Grunde wurzelt Lazius auch nicht in dem Gedankenkreise Aventins, er kommt vielmehr von der genealogischen Geschichtschreibung her, deren Aufblühen am Hofe Maximilians uns beschäftigen wird, und wie er seine Österreichische Geschichte mit der Ehrenpforte des Stabius verglichen hat225), so hat er die Gentium migrationes mit sonderbarer Motivierung jeweils in die Stammbäume der Herrscher- und Herrengeschlechter auslaufen lassen, die er bei seinen Kimmeriern, Boiern, Sueven, Markomannen und Goten unterbringen zu können glaubt. Lazius hat hier eine erhebliche Arbeit geleistet, aber die eigentliche Stärke des erstaunlich vielseitigen Mannes lag auch hier nicht. Sie lag vielmehr, ähnlich wie bei Althamer, in der Erfassung der Gegenwart. Er ist der erste Kartograph Österreichs geworden, dem Zeitgeschichtschreiber werden wir noch begeguen, und wenn wir in dem Gelehrsamkeitswust der Gentium migrationes so ausgezeichnete Bemerkungen wie über die Sitten der Schwaben, denen er durch Geburt angehörte, die Dialektunterschiede zwischen Alemannisch und Österreichisch, oder gar die über die deutsche Sprachinsel Gottschee finden, so bedauern wir, fast wie bei Felix Fabri, daß Lazius sein Buch nicht nur „de experientiis propriis“ geschrieben hat. Ein echter Schüler des Rhenanus war aber Lazius so wenig wie Althamer, das war nur einer, ein Größerer, Joachim Vadian. Von ihm aber muß in anderem Zusammenhange die Rede seiu. [155] VI. Germania illustrata. „Zwei Dinge“ sagt Karl Hagen einmal1), „sind es, welche die deutsch historischen Studien der Zeit des Humanismus ins Dasein riefen. Erstens das Bestreben, die Geschichte in bezug zu der Gegenwart, zu der Mitwelt zu setzen, zweitens die Kritik der Quellen/’ Wir sind bei der Verfolgung der kritischen Versuche des Humanismus fast bis an das Ende der von ihm beherrschten Periode gelangt, wir müssen zu den Anfängen des kritischen Humanismus zurückkehren, um das zweite Bestreben seiner Jünger, die Geschichte in bezug zu der Gegenwart zu setzen, zu schildern. Denn das will die Germania illustrata. Es sind nur Gedanken, Versprechungen, Ansätze und ein paar verfehlte Versuche, von denen hier zu reden sein wird, aber sie sind ebenso wertvoll für die Erkenntnis der eigentlichen Tendenzen humanistischer GeschicKtschreibung wie die vollendeten Werke. Wir sahen, daß der Plan zur Germania illustrata von Celtis ausgegangen ist, und wir können auch versuchen zu bestimmen, wann er bei ihm Gestalt gewonnen hat. Es ist die Zeit seines zweiten Nürnberger Aufenthalts, die Jahre 1491–952), eine wichtige Zeit für Celtis wie für Nürnberg. Nach langen Wanderjahren scheint für Celtis die Zeit gesammelten Schaffens an einer ruhigen Stätte gekommen, noch ist es unentschieden, ob in Ingolstadt als Dozent an der Universität oder in Nürnberg, vielleicht als Leiter der neuzuerrichtenden Poetenschule3), jedenfalls im Dienste der Verbreitung humanistischer Bildung im neueren Sinne. Von beiden Seiten kommen ihm Anstöße, das Erwanderte und Erforschte in eine Form zu bringen. Die Ingolstädter Antrittsrede vom 81. August 1492 weist darauf hin, wie schändlich es für die Deutschen sei, den Land- und Sittenschilderungen, die Griechen und Römer von ihnen entworfen haben, nichts aus eigener Kenntnis an die Seite stellen zu können: Niemand beschreibt die Kriege der Deutschen, auch der „Autor der neuen De- [156] 156 Die Germania illusfcrata und die Schedeische Chronik. kaden“, das ist Sabellicus, nennt uns noch Barbaren. Es ist Zeit, daß, wie das Imperium nach Deutschland gewandert ist, nun auch die Studien hier ihre Heimat finden. Aber der Boden für solche Ideen war in Ingolstadt noch zu wenig beackert, schon nach einem halben Jahre setzt Celtis seinen Stab weiter, es scheint, als ob Nürnberg seine Heimat werden soll. Hier hat in diesen Jahren der Humanismus in Sebald Schreyer zum erstenmal einen einheimischen Protektor großen Stils erhalten, und Schreyer ist es, der Celtis am 30. November 1493 zur Verbesserung der soeben erschienenen Schedeischen Weltchronik verpflichtet.*) Die Chronik soll zunächst „in einen anderen form“ gebracht werden. Das bezieht sich sicher auf stilistische Änderungen, der neue Stil, das an italienischen Vorbildern geschulte Latein des Celtis, das Leuten aus der alten Schule, wie dem Stadtschreiber Georg Alt, soviel Kopfzerbrechen machte5), sollte nun auch in Nürnberg einziehen. Aber der Auftrag geht weiter: Celtis soll auch „eine newe Europa“ machen „und annders darczu gehörig“ ■– wir dürfen sagen, diese Europa, die an Stelle der des Enea Silvio den Anhang der neuen Weltchronik gebildet hätte, sollte das Gefäß werden, in das Celtis sein neues Deutschland bringen wollte. Neben diesem Plane steht ein anderes literarisches Unternehmen, der „Archetypus liberalium artium“ Peter Danhausers.6). Wieder ist Schreyer der Protektor und finanzielle Garant und Celtis der Berater, vielleicht sogar der Anreger.7) So weit wir sehen können, sollte das Buch eine illustrierte Chrestomathie aus den Dichtern, Rednern und Geschichtschreibern werden, also eine humanistische Realenzyklopädie, sicher mit propagandistischer Absicht. Sie ist ebenso wenig geschaffen worden, wie die Bearbeitung der Schedeischen Chronik. An diese wird Celtis kaum eine Hand gelegt haben, aber von dem Archetypus hören wir noch einmal im August 14968): da ist der Plan erweitert, statt 9 soll das Buch 20 Abschnitte umfassen, dazu ein Apologeticon poetarum und es heißt jetzt Archetypus triumphan-tis Romae. Woher der neue Titel? Wir können an nichts anderes denken, als an die Roma triumphans, mit der der alternde Flavio Biondo sein Lebenswerk krönte. War auch der Inhalt zum Vorbild genommen, so hätte das Buch jetzt auch eine Darstellung der Verfassung des alten Roms bringen müssen, wie sie Biondo mit sicherer Gelehrsamkeit bot. Sie hätte gezeigt, was Biondo zeigen wollte, durch welche Mittel die Römer die Herren des Erdkreises geworden waren, [157] Die Norimberga des Geltis als Probe der Germania. 157 aber sie wäre schwerlich in den Gedanken Biondos ausgelaufen, daß die Majestät des alten Rom in dem päpstlichen Pius’ II. wieder erstanden sei, der Archetypus hätte vielmehr seine Ergänzung gefunden in einer Nachbildung des zweiten großen Werkes des Biondo: der Italia illustrata sollte eine Germania illustrata entsprechen. Denn nicht lange vor der Zeit, wo der Archetypus seine neue Bezeichnung erhielt, finden wir auch den neuen Ausdruck für die historisch-geographischen Pläne des Celtis zum erstenmal. Er steht in der Widmung, mit der er im Frühjahr 1495 seine Norimberga dem Nürnberger Rat verehrte. Das Büchlein selbst sollte ein „prae-ludium quoddam Germaniae illustratae, quae in manibus est“ sein, ein größerer Einschub Über den hercynischen Wald konnte als Probe der Germania selbst gelten; nach der Schlußbemerkung des Kapitels wäre denn auch der „topographische Teil“ der Germania, der von den Sitzen der deutschen Stämme ausführlicher bandeln sollte, damals schon vollendet gewesen.9) Suchen wir uns nun aus diesem „Vorspiel“ einen Begriff von dem großen Werke zu machen, das Celtis plante, so dürfen wir die höchsten Erwartungen hegen. Denn die Norimberga ist ein Meisterstück, dem auch die spätere humanistische Produktion in Deutschland nichts an die Seite gesetzt hat. Sie ist ebenso ausgezeichnet durch die Leichtigkeit der Form, wie durch die Vielseitigkeit des Inhalts und Schärfe der Beobachtung. Man hat mit Recht hervorgehoben, daß es Celtis gelungen ist, die ihm wie eine Heimat vertraute Stadt mit den Augen eines Fremden zu sehen, der tausend Dinge bemerkt, die der Einheimische übersieht. Das gilt für Tracht und Gebaren der Bürger, für Stadtanlage und Hausbau ebenso gut, wie für die Bemerkungen über Volkscharakter und Stadtverfassung, und man dürfte nicht anstehen, dies Werkchen als den Gipfel der gesamten humanistischen Geschichtschreibung in Deutschland zu bezeichnen – wenn es ein geschichtliches wäre. Aber gerade das ist die Norimberga viel weniger als andere Erzeugnisse derselben Gattung, viel weniger auch als es Biondos Städtebeschreibungen in der Italia illustrata waren. Man merkt dem Büchlein nicht an, daß eben erst in Nürnberg ein erbitterter Streit über die Gründungsfubel gespielt hatte, es hat nicht die geringste Berührung mit Meisterlins Chronica Neronpergensium, die sieben Jahre vorher vollendet worden war. Wo Celtis historische Bemerkungen macht, beziehen sie sich fast alle auf die im Dämmer liegende Urzeit. Wir sehen, daß er sich die ältesten Bewohner – es sind vor dem Hunneneinfall flüchtende No- 158 [158] Die Germania illustrata am Hofe-Maximilians. riker – als Räuber ohne Führer und Gesetze vorstellt. Deshalb brechen die Kaiser, und zwar die „Konrade und Heinriche“, die Burg und legen in die neuerrichtete eine Kolonie von Veteranen und Ausgedienten, die dann die Ahnherren der städtischen Geschlechter werden. Aus der Beschreibung der silva Hercynia können wir entnehmen, daß er die Christianisierung des Landes in ebenso allgemeiner Vorstellung unter „die Karle, Arnulfe und Ottonen“ setzt10) – wenn nicht hier eine Stelle über die fossa Carolina stände, die aus Ekke-hard sein muß, so würde sich kein Beweis dafür erbringen lassen, daß er auf seinen Fahrten den Handschriften, die ihm von deutschen Kaisern und Königen erzählten, so eifrig nachgegangen ist, wie er bald darauf in der Vorrede zur Roswithaausgabe von sich rühmte.11) Dagegen blickt der Tacitus überall durch, auch Pliniuslektüre erkennen wir12), vielleicht besaß Celtis auch damals schon die kostbare Handschrift des Itinerarium Antonini, die sich jetzt in Paris befindet19), oder die Straßenkarte, die er Peutinger vermacht hat, Quellen, nach denen er dann 1502 Nürnberg die Augusta praetoria des Reiches nannte. Eine Germania illustrata, die dieser Norimberga entsprach, hätte also sicherlich, so wie die Italia Biondos, das neue Deutschland im alten gesucht, aber wir sehen nicht, welche Fäden Celtis von diesem zu jenem hinübergesponnen hätte. Auch die Nürnberger Zeit blieb für Celtis eine Episode und er nahm den Plan der Germania illustrata mit an die Stätte, wo er nun seit 1497 wirklich eine Heimat fand, nach Wien an den Hof Maximilians. Hier fand er die Freunde und Schüler, die seinen Ideen mit-schaffendes Verständnis entgegenbrachten: Cuspinian und Stabius, Va-dian und Aventin, und in Maximilian einen ebensolchen Mäzen. Von allen Humanisten, die Maximilian an seinem Königshofe versammelte, ist ihm keiner wesensverwandter gewesen als der ihm fast gleichaltrige fränkische Bauernsohn. Dieselbe Sprunghaftigkeit im Wesen, dieselbe Empfänglichkeit für die verschiedensten Eindrücke, bei beiden dann auch bei aller Buntheit ihrer Pläne doch ein durchgehendes, mit Zähigkeit festgehaltenes Interesse, es war natürlich, daß dieser König und dieser Dichter sich fanden. Maximilian war damals schon beschäftigt mit Forschungen und Aufträgen, die sich auf die Geschichte seines Hauses bezogen; wenn Celtis, wie wir sehen werden, in diese eingetreten ist, so war anderseits sein Streben, Maximilian für die Germania illustrata zu ge- [159] Das Programm der Germania in den Amores des Celtis, 159 winnen. Und das muß ihm schnell gelungen sein, denn schon 1501 weiß Heinrich Bebel von Max zu rühmen, daß er unter so viel Sorgen und Geschäften nicht nur täglich etwas Geschichtliches zu hören begehre, sondern auch selbst, wie man sagt, Geschichte schreibe und eine Illustratio Germaniae plane.14) Damals schon mag er seinen literarischen Vertrauten den Auftrag gegeben haben, bei ihren Forscherfahrten für ihn auch nach alten Urkunden zu spüren, die „vor fünfhundert Jahren geschrieben“ seien, wie das später ßhenanus erzählte. An alten Chroniken hatte er ja immer schon seine Freude gehabt, den Bestrebungen deutsche Geschichtsquellen zu drucken, wie das die Sodalitäten des Celtis planten, muß er bald Teilnahme geschenkt haben.14*) 1502 läßt dann Celtis die 4Bücher Amores erscheinen, diese merkwürdige Mischung von Geographie und Liebesdichtung, sie sind zugleich gedacht als ein zweites, erweitertes „Vorspiel“ der Germania illustrata, über deren Plan nun ein Vorwort an Maximilian, wiederum aus Nürnberg und diesmal aus seiner Literatenherberge bei Willibald Pirckheimer datiert, nähere Auskunft gibt.15) Danach hat der Plan festere Umrisse gewonnen. Wie die Amores vier Bücher nach den vier Geliebten des Celtis, der Hasilina Sar-matica, der Elsula Norica, der Ursula Gallica und der Barbara Codo-nea zeigen, so soll die Germania vier Bücher enthalten, die Deutschland nach den vier Himmelsrichtungen beschreiben; die Sitten und Bräuche, Sprache und Religion, Gemütsart und Schlag der deutschen Stämme, deren Kenntnis er sich erwandert hat, sollen der Gegenstand des Buches sein. Auch die Kriege des Kaisers und seiner Vorfahren sollen sich, so scheint es, in das geographische Schema fügen ; man darf zweifeln, ob er dies so geschickt hätte ordnen können, wie die Zusammenstellung für die jüngste Vei-gangenheit, wo doch auch schon für den Norden „der Preußen-, Dänen- und Schwedenkrieg“, an dem die kaiserliche Macht ganz unbeteiligt gewesen war, und für den Süden der Feldzug des Tiroler SigiBmund gegen die Venetianer von 1487 die leeren Stellen in Maximilians Ruhmeskranze ausfüllen müssen. – Auch ein Städtebuch wird die Germania werden, die sieben Erzbistümer Bollen hervortreten – sie hätten, wie es scheint, der Beschreibung einen Rahmen bieten sollen, wie dem Werke des Biondo die Regionen des Augustus – und bei jeder Stadt werden wir von ihren lebenden und toten Berühmtheiten hören, wieder wie bei Biondo. Auch eine Probe der Ausführung hat Celtis mit den Amores 160 [160] Weitere Studien für die Germania. drucken lassen, eine Germania generalis in Versen, die dem Kaiser genügen möge, bis er die ganze Germania illustrata in Händen hält. Sie spricht von der Erschaffung der Welt, von Deutschlands Lage in der Zone, wo Hitze und Kälte wechselt und nur Arbeit dem Boden Früchte entlockt, von dem eingeborenen Yolke, dessen Name schon seinen brüderlichen Verein verkündet – es ist kriegerisch, fromm, treu und wahr und gleich geübt in allem ritterlichen Tun und den Beschäftigungen des Ackerbaues, der Kauf in annschaft und der Künste – von den Gestirnen, die über Deutschland aufgehen, von den vier Hauptströmen Germaniens, Weichsel, Elbe, Rhein und Donau, von denen nur die Donau deutsches Land verläßt, von den drei Hauptbergzügen, den Alpen, Karpathen und dem hercynischen Wald, dem wieder eine eigene Beschreibung gewidmet wird, endlich von der Beschaffenheit des Landes, es ist reich an allem, die frühere Unkultur ist geschwunden. Sagen wir gleich, daß dies poetische Fragment das einzige Stück der Germania illustrata des Celtis geblieben ist. Er hat auf seinem Sterbebilde16) unter seinen Werken, die ihn umgeben, auch die Quatuor libri Germaniae illustratae verzeichnen lassen; daraus und aus einer unklaren Angabe in der Vita, die die Sodalitas Rhenana der postumen Ausgabe der Oden beifügte17), mag die Notiz von einem vollendeten Werke, die bei Trithemius und anderen spukt, entstanden sein, aber Vadian, der es wissen mußte, sagt ausdrücklich, daß die Germania nicht über die Anfänge hinausgekommen ist.18) Auch was wir sonst von den Arbeiten des Celtis an dem Werke erfahren, bestätigt uns dies. Er bemüht sich um eine Beschreibung des Etschtals und des Nonstals, ebenso um eine Schilderung der Markomannenstadt Olmütz19) und besucht mit Aventin das ihm vertraute Regen sburg, wohl um wieder, wie 1494, wo er die Hrotsuita dort gefunden hatte, nach Altertümern und alten Urkunden zu stöbern20), aber das alles zeigt nur den Geographen und Altertümler. Noch bleibt, wie bei der Norimberga, die Frage offen, welche Fäden von dem alten Deutschland zum neuen hinüberführen sollten. Versuchen wir sie wenigstens vermutungsweise zu beantworten. In einer der Elegien des zweiten Buchs der Amores entwirft Celtis ein Bild des goldenen Zeitalters Altgermaniens, wo alles so anders war als jetzt, und da heißt es:21) Horrida tunc rarus fuerat per rura sacerdos Terra peregrinis nee fuit acta deis, Sed druides castis cecinerunt carmina silvis Der Pseudolerosus. [161] 161 Carmina, Teutonico quae placuere deo. Nemo Italos novit voluit nee nosse penates, Qui totiens nostris aera tulere plagis. Sed deus unus erat, a quo sunt nomina genti, Hie eultus patria religione fuit. Hie non poscebat sibi pendere caseum et ovum Nee butyrum nobis vendidit ille deus. Hinc Caroli Heinrici, Conradi Ottonaque proles Ludvici et nomen qui Fridericus habent Et qui nunc gentis custos et gloria summa est Maximus Emilius, nomen in astra ferens. Hier ist ein Faden gezogen, der von Maximilian durch die Reihe der deutschen Kaiser hinaufführt bis in die Urzeit, die deutschen Kaiser sind gedacht als Glieder einer großen Familie und ihr Ahnherr ist der Gott, „von dem das Volk seinen Namen hat“, Tuisco und Mannus mit seinen Söhnen. Wir können zeigen, daß Celtis diesem Gedanken weiter nachgegangen ist, und zwar unter einer doppelten Einwirkung, der des falschen Berosus und der Genealogien, die Maximilian plante. Seit der gelehrte Dominikaner Annius von Viterbo 1498 seine Berosusfragmente nebst allerlei anderen wunderbaren Quellen, alles durch einen umfänglichen Kommentar erläutert, als Betrogener oder als Betrüger, hatte erscheinen lassen,22) hatte diese Fälschung weithin gewirkt, aber nirgendwo verhängnisvoller als in Deutschland. Hier bot er, was man im Tacitus sogleich vermißt hatte, einen Völkerstammbaum mit fester Einordnung in den gesamtgeschichtlichen Zusammenhang, ferner die Versicherung eines viel ehrwürdigeren Alters der Nation, als es die Trojaner- und Alexandersagen gaben, und zugleich eine Bestätigung seiner Glaubwürdigkeit durch die Übereinstimmung mit den neuesten Funden, dem Strabo, Dionys von Hali-karnaß, Tacitus und Jordanes. Es gab schon vor der scharfen Kritik, mit der Beatus Rhenanus das Machwerk vernichtete, Leute, die den Betrug durchschauten oder doch zweifelten. In Schriften, die in Deutschland jedem Humanisten bekannt waren, wie in den Enneaden des Sabellicus und in dem Buch des Petrus Crinitus De honesta diseiplina war der Berosus alsbald nach seinem Erscheinen verworfen worden. Selbst Bebel war bedenklich,23) aber was bei Nauklerus die Berufung auf die publici notarii tat, zu denen Berosus gehören wollte, das wirkte bei ihm der patriotische Überschwang. Nicht anders war es bei dem so viel bedächtigeren Joachimsen, UcschicUUauffaasung etc. 11 162 [162] Celtia und der Pseudoberoaua. Peutinger, der wenigstens in den Tischgesprächen Pseudoberosus wie Pseudocato gleich brauchbar gefunden hatte.24) In der Tat war diese Haltung gerade der deutschen Humanisten einigermaßen begreiflich. Denn wie viele vermochten diese Lügenstammhäume von den Gebilden der Volks- oder Gelehrtensage zu unterscheiden, die ihnen bei Jor-danes, Widukind, Gregor von Tours, Paulus Diaconus entgegentraten? Verwarf man den Berosus, so war es fast folgerichtiger, wie der große Zweifler Agrippa von Nettesheim tat, auch diese anderen alle und mit ihnen Tacitus, Orosius usw. als Fälschungen zu erklären.25) Beatus Rhenanus war denn auch für Gregor von Tours nicht weit davon entfernt.26) Für Celtis aber bestanden solche Bedenken nicht, konnten auch kaum bestehen, denn wie wunderbar stimmte die wesentlichste Tendenz der Fälschung zu seinen Anschauungen.’ Die Absicht vielleicht schon des Fälschers, sicher aber des Kommentators, die Bildung Griechenlands und Asiens von Gallien abzuleiten, konnte niemand willkommener sein als dem Urheber der Druidenfabel. Berosus half ihm also nur Gedanken ausspinnen, die er längst gehegt hatte. Was er davon nicht niederschrieb, das hat er seinen Schülern vorgetragen und Bein getreuester Erbe, Aventin, hat uns davon mit der ihm eigenen Lebendigkeit berichtet.27) Da hören wir, wie Celtis dem tauschenden Schüler seine „Feld-und Waldreligion“, die er in einer berühmten Ode ergreifend bekannt hat, in historischem Gewände vorträgt. Die alten deutschen Götter brauchten weder Altäre noch Opfer, auch keine Priester, wie die Gegenwart sie kennt, denn all das sind fremde Namen, teils griechischen, teils lateinischen Ursprungs. Die tcvQixeg oder x^QVxeg der Griechen aber, von denen das Wort Kirche kommt, sind die Büttel und Herolde der alten Volksgemeinde gewesen, aber „tapfer, erbar leut“, viel edler als heute. Auch die alten Kultstätten kann man noch erkennen, die des „deutschen. Herkules“ im „Herglesholz“ an der Donau nahe bei Regensburg und nicht weit davon die „alten Eichen“, „da unsre vorfordern iren gotsdienst gehalten“. „So si aber Christen worden sein, ist der Hergle S. Heimeran und Obern und Nidern Altaich den heiligen S. Georgen und Maurizen geweicht worden und beide den orden S. Benedict! angenomen.“ Man sieht, wie die Druidenfabel sich bei Celtis umgebildet hat und wie er einen Zusammenhang gewinnt, in dem, gerade wie in Huttens Arniinins, Wünsche der Gegenwart als Wirklichkeiten grauer Vorzeit erscheinen. [163] Die Germania und die genealogischen Pläne Maximilians. 103 Es stimmt zu solchen Anschauungen, wenn Celtis auch den König „Arionistus“ einerseits im Gott Ares und anderseits im „Erchtag“ wiederfindet, schlechter schon, wenn er nun auch seine Schüler, wie er selbst einst getan hatte, griechische Worte zusammensuchen läßt, die deutschen gleichen, er hätte denn zwischen Urverwandtschaft und Lehngut unterscheiden müssen. Aber auch hier bietet ihm Berosus eine genealogische Stütze, und überdies ist er so wenig wie Bebel geneigt, sich durch das „Germani indigenae“ des Tacitus von pangermanischen Völkerverwandtschaftskombinationen abschrecken zu lassen.88) So gestaltete sich bei Celtis ein ebenso phantastisches wie großartiges Bild der Anfänge deutscher Geschichte – wir werden es in allen wesentlichen Zügen bei Aventin wiederfinden – und es handelte sich jetzt noch darum, die alten Götter- und Königsgenealogien herabzuführen durch die deutsche Kaiserreihe bis auf Maximilian, und dafür schien sich von andrer Seite her ein Hilfsmittel zu bieten. In diesen Jahren muß Celtis in die genealogischen Pläne Maximilians hereingezogen worden sein. Die „Böhmenschlacht“ vom 11. September 1504, die in der ganzen Humanistenwelt einen poetischen Wetteifer ohnegleichen entfesselte, wurde auch von Celtis in einer Rhapsodia, d. h. einem allegorischen Schauspiel gefeiert, das 1505 im Druck erschien.29) Ein angeschlossenes Carmen elegiacum sprach von seinen weiteren Plänen: Posthac pulchra tuae scribam primordia gentis Atque atavos, proavos, magnanimumque patrem Et generis titulos et avitae stemmata terrae: Quamque vetus tibi sit nobilitatis honos, Quis puer et primis quo pacto adoleveris annis, Quid vir vel quidquid gesseris ipse senex. Tu tantum placidam nobis concede quietem Atque sodalitium coge coire meuiu. Nemo etenim. hunc solus poterit complesse laborem, Ex quo tot sancti commemorantur avi, Cuinque tibi nullus similis nunc vivit in orbe. Historiam hanc solus scribere nemo potest. Nehmen wir noch einen Brief des Celtis von 1504 dazu,’0) aus dem wir von einem Panegyricus in laudem Divorum tutolarium Anstriae erfahren, den Celtis verfaßt hatte, so sehen wir ihn an «iinitl;’li(Mi genealogischen Plänen Maximilians beteiligt: die Heiligen de^ llaus-i»« Osterreich, die Stammchronik, dann die Geschichte Kiiedii’-I’- lif. und 1! ’ 164 [164] Celtis und Ladislaus Suntheim. die autobiographischen Projekte, auB denen Weißkunig und Teuerdank hervorgingen, sind deutlich bezeichnet. Wenn es damals schon einen poetischen Teuerdankentwurf in deutscher Sprache gab, so wird die Vermutung nicht zu kühn sein, daß Celtis hier wie bei der Böhmenschlacht selbst diese Stoffe für solche „arithmarii“ zu hoch fand und der humanistischen Poesie seiner Sodalen vorbehalten wissen wollte. Bei Maximilian haben diese Gedanken noch spät Widerhall gefunden, aber Celtis hat hier so wenig wie anderswo sein Versprechen erfüllen können. Er wäre auch kaum der richtige Mann dazu gewesen, wenn er den ganzen Stoff so zu behandeln gedachte, wie die Heiligen des Hauses Osterreich, deren Reihe er mit dem Pfaffen vom Kahlenberg und Neithardt von Reuental verzierte.31) Aber vielleicht hat er doch eine wichtige Anregung gegeben. Es gibt einen Stammbaum der deutschen Kaiser, den auf sein Betreiben um diese Zeit der Franziskaner Nikolaus Glaßberger zusammenstellte, und hier scheint sich eine Art Ausführung der Idee einer großen deutschen Kaiserfamilie, vielleicht auch eine direkte Anknüpfung der Habsburger an die Frankenkönige zu finden.32) Wie das dem phantastischen Geiste Maximilians entgegenkam, wird sich zeigen. Man sieht aber auch wohl, wie nun eine Brücke von diesen genealogischen Hypothesen zur Germania illustrata herüberführte, und Celtis hat, trotz der Trojanerfabeln, nicht gezögert sie zu benutzen. Der eigentliche Historiograph Maximilians war damals Ladislaus Suntheim, ein Priester aus Ravensburg.33) Er gehört der älteren Generation an; als Celtis eben geboren war, war er schon Student in Wien und ist unter den Einflüssen der alten Bildung aufgewachsen. Im Kreise der Celtisschule muß er sich wie eine unscheinbare Raupe unter bunten Faltern ausgenommen haben, aber „pfaff Lasla“ galt etwas bei den Poeten, sie wußten, daß er „Historien und neue Dinge“ aufzuspüren verstehe,34) und im September 1502 finden wir ihn mit Celtis bei Trithemius, sicherlich auch um solch neuer Dinge willen.85) Damals mag Celtis genauere Kunde von den Sammlungen Suntheims erhalten haben und er fand, daß hier ein Helfer für Beine eigenen Pläne sein könne. Doch Suntheim wies ihn ab, „er habe sich nichts verpflicht mit dem Celtis zu machen“, schrieb er nach Wien, „wann er der newen historien nicht underricht ist, insunder was kunig, fur-sten und herrn antrifft“.36) Wir wissen, daß Suntheim damit Recht hatte. Celtis war kein Freund historischen Detailwissens und auch das Handschriftenstöbern hatte ihm keine Sicherheit in der Unterscheidung der Zeiten gegeben. Was weiter zurücklag, das erschien Die historischen Arbeiten Suntheims. [165] 165 ihm leicht, ebenso wie Bebel, als „gothicum“, wenn er auch nicht wie jener, „sive barbarum“ hinzusetzte.37) Gerade deshalb wird er Suntheims solidere Kenntnisse haben nützen wollen und empfand die Absage bitter. Der jähzornige Poet mag bei der Heimkehr übel von dem sperrigen Schwaben gesprochen haben, aber der Zwist dauerte nicht lange. Wir finden Suntheim wieder unter den Sodalen der Danubiana, sogar als Zeugen in Celtis’ Testament, und seinen Grabstein ließ er 1512 neben dem des Celtis errichten. Von einer Benutzung seiner Arbeiten durch Celtis aber hören wir nichts mehr, obgleich Suntheim unterdessen seine Kunst, wie er es Matthäus Lang 1503 anbot, in zwei Bücher gebracht hatte, „das ein von adl, von künigen, fursten, heim und ritterschaft, daz ander von lande, stetten, clostern und wassern“, also auch eine Germania illustrata, wenn auch mit Beschränkung auf Oberdeutschland, geschaffen hatte. Wir haben die Bücher noch88) und es lohnt sich, sie in diesem Zusammenhange zu betrachten, denn auch hier sieht man deutlich den Unterschied, der die ältere Humanistengeneration von der jüngeren trennt. Suntheim ist nicht nur ein sorgfältiger Forscher, der für seine Genealogien so manchen wertvollen Baustein beigeschafft hat, sondern auch ein guter Beobachter, der weit herumgekommen ist und überall etwas gesehen hat. Aber er sieht nur Einzelheiten, bei Gegenden wie bei Menschen. Er notiert alte Bräuche und Sprichwörter, weiß bei den Herrschern, von denen er spricht, fast stets einen charakteristischen Zug zu geben, wobei er durchaus nicht nach Gunst schielt,39) aber es fehlt an jeder Gesamtanschauuug. Wenn er eine neue Gegend betritt, so späht er vor allem, ob sie „gut Wein und gut Holz“ habe, die Fische, die ein Wasser führt, zählt er mit sachkundiger Genauigkeit auf, aber die Frage nach dem warum? der Erscheinungen, die Celtis so sehr bewegte, nach dem Zusammenhang, den dieser zwischen geistiger Komplexion und Erde und Himmel herstellte, wie etwa zwischen der Nürnberger Beweglichkeit und ihrem leicht aufgewühlten Sandboden, hat er sich gar nicht vorgelegt. Seine Schreibart, die zwischen Latein und Deutsch ohne ersichtlichen Grund wechselt, ist ganz die der alten Chroniken. Wenn er einmal einen Anlauf zu einer stilisierten Einleitung nimmt, wie bei der Genealogie der Brandenburger Markgrafen, so arbeitet er mit dem gewöhnlichsten Phrasenmaterial, wenn er Stücke aus Enea Silvios Österreichischer Geschichte übersetzt, so verändert die Vorlage ganz ihren Charakter. 166 [166] Celtis und Peutinger. Sein geistiger Horizont ist im wesentlichen der Felix Fabris. Wie bei diesem darf man zweifeln, ob er überhaupt zum Humanismus gehört. Er hat alte Inschriften und auch den „Herkules in der Reichenau“ gesehen, aber eine hohe Schule an einem Ort ist ihm nicht wichtiger als ein Findelhaus, von der Gelegenheit, hier eine humanistische Ruhmesschau zu halten, hat er nirgendwo Gebrauch gemacht. Um die humanistischen Forschungen hat er sich auch nicht viel gekümmert. Bei ihm hat noch Cäsar die Schwaben besiegt, wenn auch „mer mit gab und freintschaft, denn mit dem swert“, wie in der Kaiserchronik. Er hat wohl gehört, daß man Wien Flaviana nannte und Ofen mit einem alten Sicambria gleichsetzte, aber das sind nicht mehr als vereinzelte Notizen. Dagegen weiß er von König Etzels Grab und der „schönen Kreimhilt“, seiner Gemahlin, und dem großen Morden zu erzählen, aus dem nur „praut und prautgam, Diethreich von Pern und der alt Hiltprant“ übrig bleiben. Sein Geschmack an humanistischer Poesie mag höchstens bis zu Sebastian Braut gereicht haben, von dem er ein Gedicht über die Bäder von Baden aufgenommen hat. Aber wohler ist ihm offenbar bei dem „edlen Moringer“, bei Neithart, der mit den „pös fraidig paurn vil wunders getrieben hat“, dem „abenteurist“ Pfaffen vom Kahlenberg und dem „guten Dichter, dem Teichner“, dessen Grab er erwähnt. Seine eigenen dichterischen Erzeugnisse sind deutsche Keime, in denen er im schlimmsten Bänkelsängerton die Fürsten seiner Stammbäume besungen hat. Es ist immerhin merkwürdig, daß ein so altfränkischer Mann doch seine Stellung in dem Celtiskreise behauptet hat. Vadian weiß ihn als „geographus diligentissimus et dignissimus fide“ zu rühmen.40) Auch für Celtis wäre hier ein Material zu holen gewesen, das ihm sonst nicht leicht zu Gebote stand, aber ihm hatte sich indes bald eine glänzendere Aussicht eröffnet, seine Germania zu füllen. Das war 1505, als er bei Konrad Peutinger neben den Inschriftensammlungen den über Augustalis, das Kaiserbuch, im Werden sah, der nun in anderer Form als Suntheims Genealogie das historische Material enthielt, das ihm fehlte. Er war sogleich entschlossen, ihn der Germania beizugeben; auch eine Beschreibung von Rhein und Donau mit ihren Nebenflüssen, die Peutinger wohl als geographische Orientierung über die Fundstätten seiner Altertümer verfaßt hatte.41) Aber auch dies blieb Projekt. Nicht einmal die Schreiben, welche über den neuen Plan Auskunft geben sollten und die schon vor das Die Germania im Piickheimerkreise. [167] 167 Manuskript der Inschriftensammlung gestellt waren, hat Peutinger mit den Inschriften veröffentlicht. Drei Jahre darauf starb Celtis, und mit ihm verschwindet auch der Plan der Germania illustrata aus dem Wiener Kreise: Er hatte hier eben doch nur Gast-, nicht Heimatrecht besessen, auch nicht bei Maximilian. Der pflegte nur seine genealogischen Unternehmungen. Wie weit etwa Stabius, den Aventin oft als Genossen des Celtis bei der Germania nennt, auf diesem Gebiet weiter arbeitete, wissen wir nicht. Aber die Germania illustrata ist damit nicht tot. Sie kehrt zurück nach Nürnberg, von wo sie ausgegangen ist, und findet neue Pflege im Kreise Willibald Pirckheimers. In Pirckheimer48) gipfelt der Nürnberger Humanismus wie der Augsburger in Peutinger, und trotz der Eigenart beider Persönlichkeiten sehen wir beide die besondere Richtung der humanistischen Studien, die sie in ihren Gemeinwesen vorfinden, fortführen. Für Nürnberg ist dies, wie wir sahen, die Richtung auf das Praktische, vor allem die Pflege der geographischen Interessen. Sie geben den Untergrund für Pirckheimers ganze gelehrte Tätigkeit im engeren Sinne. Von all seinen anderen Beschäftigungen kehrt er immer wieder zu ihr zurück, und wenn die Zeitgenossen von Peutinger ein Corpus antiquitatum erwarten, so erhoffen sie von Pirckheimer den echten Ptolemäus.48) Das ist aber für den Humanismus nicht eine rein philologische Arbeit. Seit der Ptolemäusausgabe des Nikolaus Donis von 1482 wird im Ptolemäus in Karten, Legenden oder eigenen Erläuterungen der Fortschritt des geographischen Wissens niedergelegt, die berühmte Ausgabe von 1513, die Waldseemüller mit Hilfe des Elsässers Matthias Ringmann fertigt, bringt das erste Kartenbild der durch Kolumbus erweiterten Welt, die Entdeckungen des europäischen Nordens und Ostens will Jakob Ziegler 1530 zu einem neuen Ptolemäus verarbeiten. Nicht minder wichtig aber werden nun die Versuche, in den Angaben des Ptolemäus die Geographie der Heimat wiederzufinden. Schon Meisterlin weiß von einem Korrektor des Ptolemäus – es ist Nikolaus Donis –, der Nürnberg „in der sibenden clima“ gesetzt habe.44) Man hatte eine Gleichsetzung mit dem alten Segodunum vorgenommen, die auch Celtis einleuchtend schien. Man sieht, wie von hier aus der Grundgedanke der Germania illustrata, das alte Deutschland im neuen zu finden, eine Förderung besonderer Art erhielt – auch Celtis hat sich in seiner Wiener Zeit 168 [168] Die Germaniae descriptio des Cochläus. lebhaft mit dem Ptolemäus beschäftigt, über ihn ebenso wie über den Tacitus Vorlesungen gehalten45) – und es ist ein eigener Zufall, daß das erste Werkchen, in dem wir nach Celtis Tode den Gedanken der Germania illustrata wiederfinden, von solchen geographischen Anknüpfungen ausgeht, allerdings nicht an den umfänglichen Ptolemäus, sondern an das Kompendium des Pomponius Mela. Es ist die Bre-vis Germaniae descriptio tum a rebus geatis moribusque populorum tum a locorum situ, die Johann Cochläus 1512 mit einer Neuausgabe des Mela erscheinen ließ.46) Das Büchlein steht ganz unter der Einwirkung Pirckheimers. Es ist für den neuen humanistischen Schulbetrieb in Nürnberg bestimmt, der 1511 vor allem durch Pirckheimers Einwirkung zustande gekommen war.47) Pirckheimer erscheint in einer versteckten, aber durch ein Nachwort des Chelidonius auch dem Uneingeweihten deutlich gemachten Lobrede als der eigentliche Patron dieser Studien.48) Auch die Beziehung zur Germania illustrata ist hervorgehoben: Cochläus beklagt sich, daß er dies Werk des Celtis nicht habe erreichen können, es hätte ihm, sagt er, viel Mühe gespart. Seine eigene Absicht geht, auch abgesehen davon, daß er ein Schulbuch schreiben will, allerdings nicht so hoch. Wer nach dem Titel eine gleichmäßige Berücksichtigung des geschichtlichen und des geographischen Elements erwartet, wird enttäuscht. Die zwei einzigen Kapitel, die sich mit den Taten der Deutschen beschäftigen, brechen bei Karl dem Großen ab und sind zudem teilweise Entlehnung aus Murrho-Wimpfelings Epitome rerum Germanicarum. Was Cochläus bietet, ist nur etwa ein „erneuertes Deutschland“, wie es schon bei der Schedeischen Chi-onik beabsichtigt war. Aber dieses ist gut geraten. Der Gedanke des Enea Silvio, daß Nürnberg ein Mittelpunkt Deutschlands, oder, wie es Regiomontan und Celtis gesteigert hatten, ein Mittelpunkt Europas sei, wird hier für die einheitliche Beziehung des geographischen Bildes mit einer bisher nirgendwo erreichten Klarheit durchgeführt, auch die ganze Art, wie Cochläus Laud und Leute betrachtet, steht ersichtlich unter Eneas Einfluß. In der Schilderung Nürnbergs hat er Celtis benutzt, aber doch ein paar wertvolle Bemerkungen über Dürer, Peter Hehle, Peter Vischer, Erhard Etzlaub angefügt. Daß er selbständig zu sehen versteht, zeigen nicht nur die Bemerkungen über süd- und westdeutsche Städte, die er von seinen Studienfahrten kannte, sondern noch mehr die kurzen Landschafts-und Stammescharakteristiken der Schweiz, der Oberpfälz, Westfalens, der Niederlande ». a.49) Für das Engadin mögen ihm Pirckheimers Franz Irenikus. [169] 169 Mitteilungen aus dem Schweizerkrieg von 1499 zugute gekommen sein. Das antiquarische Element drängt nirgendwo vor, Notizen wie die über das Alter von Trier und die mazedonische Abstammung der Sachsen sind kaum mehr als Verbrämung, aber die Taciteischen. Germanenstämme sind mit bemerkenswerter Umsicht in den Landschaften des Deutschlands von 1512 untergebracht. Chelidonius hat den Wert des Büchleins gut gekennzeichnet: „Nostrae Germaniae atque adeo nostrae urbis situm, mores et ingenia artificiosa quadam brevitate ita es complexus“, sagt er im Schlußwort zu Cochläus, „ut in eo nemo lector aut oneretur admodum notis aut fraudetur incognitis“. Cochläus ist dann diesen Studien entfremdet worden. Als Hofmeister von Neffen Pirckheimers nach Italien gehend, hat er dort die entscheidende Richtung seines Geistes erhalten. Als er wiederkehrte, lag ihm anderes am Herzen als die Germania illustrata. Indes aber war schon in den Pirckheimerkreis der Mann getreten, der eich vermaß, mit 22 Jahren die Aufgabe zu lösen, die Celtis unvollendet aus der Hand gelegt hatte. Franz Fritz, oder wie er sich dann gräzisierte, Irenikus d. i. Friedlieb genannt, war um das Jahr 1495 in Ettlingen geboren.50) Schon der Knabe nahm Interesse an historischen Urkunden, auch das Neptunbild, das später Maximilian wegführen ließ, wird seine Phantasie erregt haben. In Pforzheim, wo er seine Schulbildung erhielt, war sein Lehrer Georg Simler, der selbst wieder ein Schuler Bebeis war, aber daneben der gleichaltrige Melanchthon, „paene puer, cae-terum adultissimus“, wie er selbst sagt. Halb Mitschüler, halb Lehrer war Nicolaus Gerbel, der spätere Herausgeber Cuspinians, der Konkurrent des Lazius in der Topographie des alten Griechenlands. Über allen schwebt der Geist Reuchlins, der oft seine Vaterstadt besuchte; sie alle denken wie Gerbel, der einmal an Reuchlin schreibt51): „Vis graecis studeam, studebo graccis; si Platonicum nie esse velis, Platonem volvam, revolvam, volutabo; sin Livianum, Livium perlegam.“ Sie treiben Griechisch, wie es sonst in Deutschland kaum irgendwo geschab. 1509 ist Irenikus mit Melanchthon bei der Aufführung einer griechischen Komödie Reuchlins tätig. Sehr früh, schon Oktober 1510, also wahrscheinlich mit 15 Jahren, ist er in Heidelberg immatrikuliert und wird dort nach l1/^ Jahren Bakkalaureus in der via moderna, ein halbes Jahr nach Melanchthon. Er muß dann wohl eine Zeitlang ein literarisches Wanderleben ge- 170 [170] Erster Entwurf der Germaniae exegesis. führt haben, denn er lobt schwerlich ohne Grund die Männer, die auch durch Wanderschaft ihren Geist erweitert haben.52) Ob er Italien gesehen hat, ist fraglich58), in Deutschland ist er über die südwestliche Ecke kaum herausgekommen. Hier aber hat er nach allen Seiten literarische Beziehungen angeknüpft, insbesondere kennt er auch den Straßburger und Schlettstädter Kreis54), es ist höchst wahrscheinlich, daß er von den Ansichten des Rhenanus allerlei im Gespräch gehört hat.55) Damals aber muß er auch den Nürnberger Geographen näher getreten sein, die später in seinem Werke eine sehr wichtige Rolle spielen und damals wird er wohl auch zu Pirckheimer Zutritt erlangt, ihm vielleicht schon den Plan der Germaniae exegesis entwickelt haben.56) 1516 ist er in Tübingen, er findet von den alten Freunden – zumeist in der Gesellschaft der Neckargenossen – Melanchthon als Korrektor der Anshelmschen Druckerei; Anshelm selbst ist ihm aus Pforzheim bekannt, er ist gerade über dem Druck der Chronik des Nauklerus, zu der Reuchlin das Vorwort schreibt. Damals wird es gewesen sein, daß Melanchthon den Einundzwanzigjährigen, der schon zwei Werke, eine Geschichte der heiligen Ottilia und eine der Markgrafen von Baden57), hinter sich gebracht hatte, vor dem neuen gigantischen Plane warnte.58) Aber Irenikus schlug das in den Wind; er ist wahrscheinlich mit Anshelm nach Hagenau gezogen, wo der unternehmende Buchdrucker seine Korrektoren und Freunde zu einer Academia Anshelmiana nach dem Muster der Aldina in Venedig vereinigte. Ein Besuch ßeuchlins50) spornt Irenikus zur Vollendung seines Werkes an und im Herbst 1517 – Irenikus hatte inzwischen in Heidelberg den Magistergrad und die Vorstandschaft der Katha-rinenburse erlangt – liegt ein Inhaltsverzeichnis der Germaniae exegesis Pirckheimer vor. Es sind acht Bücher „von tüchtigem Umfang“, wie der literariache Neuigkeitskrämer Christoph Scheurl sogleich nach verschiedenen Seiten berichtet.60) Das erste umfaßt eine allgemeine Geographie Deutschlands in 47 Kapiteln, das zweite eine germanische Altertumskunde in 38, das dritte die deutschen Kriege von Anfang an bis auf Maximilian in 67 Kapiteln; 20 Kapitel des vierten Buches beschäftigen sich mit der Fruchtbarkeit des deutschen Bodens, 28 des fünften mit der Bewässerung61), die drei letzten Bücher enthalten “ine Art von geographisch-historischem Lexikon, in dem Städte, Kiuster, Landschaften und Herrschaftsgebiete mit historischen Notizen zusammen- Die Kritik Pirckheimers. [171] 171 gestellt waren, insbesondere aber Genealogien der Fürsfcengeschlechter und Bischofsreihen sich fanden. Begreiflich, daß ein solches Buch selbst unter den sich drängenden Ankündigungen auf anderen Gebieten, den Dunkelmännerbriefen, dem Triumphus Reuchlins, den ersten theologischen Arbeiten Luthers Aufsehen erregte. Spalatin begehrte sehr es alsbald zu sehen.62) Doch gab es noch einen Anstand. Die Zusendung an Pirckheimer sollte dem Werk einen Patron verschaffen, der auch durch seine Fürsprache des reichen Hans Kobergers Mittel für den Verlag gewönne, da Ans-helm offenbar das Risiko doch nicht laufen wollte, zugleich aber hat sich Irenikus nach Humanistenart von Pirckheimer eine Art Kritik seines Planes erbeten.63) Pirckheimer hat die Verbindung des Irenikus mit Koberger in der Tat vermittelt, es aber auch mit seinem Zensoramt ernBt genommen. Er fand, daß dem Buch trotz seines Umfangs noch mancherlei fehle, vor allem eine ausführliche Geschichte der Goten, deren Umrisse er nun, vielleicht unter dem frischen Eindruck der gotenbegeisterten Erörterungen, die ihm Cochläus aus Italien schickte, dem neuen Freunde entwickelt.64) Aber im Eifer wird ihm daraus ein Programm •der germanischen Wanderungsgeschichte überhaupt, von Brennus bis zu den Normannenzügen. Auch ein paar Fehler gab es zu korrigieren, die Pirckheimer schon in dem Inhaltsverzeichnis zu bemerken glaubte. Im übrigen aber wollte er mit seinen Bemerkungen nicht hemmen, sondern eher anspornen, wenn er auch wünschte, daß Irenikus sein Werk vor der Drucklegung Stabius und anderen Gelehrten zur Prüfung vorlege. Diesen letzten Rat hat Irenikus nicht befolgt und sich dafür lieber mit größter Eilfertigkeit daran gemacht, sein Werk nach den Fingerzeigen Pirckheimers umzuarbeiten. Zum Teil ging diese Arbeit in Anshelms Hagenauer Druckerei selbst von Btatten und der Drucker hat sie ergötzlich geschildert65): „Der Germania halben,“ schreibt er am 7. Januar 1518 an Koberger, „wißt, daß ich, soviel Ihr seht, was ich in das Fäßlein geschlagen habe, die habe ich jetzt lassen liegen, aus der Ursache, Magister Franz macht noch stätig daran, jetzund thut er davon, jetzt dazu, so es demnach gesetzt ist66), und kann selten kein Tagewerk geschehen, man muß zu dickern Mal 3 Stunden an einem Rahmen korrigieren, dazu ist ungeschickt67) mein guter Korrektor, den ich zu Tübingen gehabt habe, Magister Philipp, des Reuchlins Vetter, zu mir spazieren gekommen, Doktor Pirckheimer kennt ihn in seinem Schreiben wohl, der hat in etlichen Dingen [172] 172 Die Kritik Thomas Anshelins. Magister Franzen geholfen: von dem und andern habe ich soviel verstanden, daß die Germania ganz ungeschickt ist zu drucken, aus der Ursache, sie hat noch keine Ordnung, dazu so hat sie böse Konstruktionen, so macht er viel Grecien darin, das auch als gerecht ist als es mag, und so er’s interpretiert, will sich auch nicht schicken. Das hab ich ihm gesagt und habe ihm dabei gesagt, wenn er mir das Exemplar schenkte und Geld dazu gäbe, so wollte ich es für mich nicht angenommen haben, habe ihn auch gebeten, er solle sich darüber setzen und zu Hilfe nehmen, der ihm helfen könnte, auf daß er Euch nicht zu Schaden, ihn selbst zu Spott und mich auch bringe, denn ich wollte ungern, daß aus meiner Druckerei Ungeschicktes gehen sollte, wo man davor sein möchte. So hat es ihn übel ver-schmacht und ist die Hofiart in ihm so groß, daß er meint, er könne es selbst wohl und es werde mehr Dings gemacht das nicht als köstlich Latein sei und derengleichen viel. Nun dieweil ich soviel verstand, daß es mir in den Weg nicht ganz gefallen will, bedünkt mich, ich sei es Euch auch schuldig und pflichtig zu wissen zu thun. Darum so laßt, das gedruckt ist, Euere guten gelehrten Gönner sehen; wie es denn ihnen und Euch gefällt, also will ich ihm nachkommen mit allem möglichen Fleiß. Er Magister Franz hat sich doch am letzten, da ich viel und hart mit ihm geredet habe, lassen erweichen, er wolle es in drei Wochen also zurüsten, daß es gar gut soll werden; darauf daß erst Ihr könnt, laßt mich wissen, wie ich mich halten soll, und so Euch andere Meinung geschrieben wird, der gebt ganz keinen Glauben,, denn es wahrlich nicht anders ist.“ So schien das Werk noch bei der Geburt zu verunglücken, aber Irenikus ließ Bich nicht abwendig machen. Im August 151£ ist der Druck vollendet und die Exegesis erscheint, jetzt ein Folioband von 247 Blättern, mit einem Druckerprivileg Leos X., dem ersten päpstlichen für Deutschland, einer schwülstigen Zuschrift an die rheinischen Pfalzgrafen Ludwig V. und Friedrich II. und einem Schlußwort an den badischen Markgrafen Philipp und seinen Kanzler Hieronymus Vehus; dazu kommt noch eine Oratio protreptica cum excusatione prae-sentiB operis, die dem pfälzischen Kanzler Florentius von Venningen zugeschrieben ist. Aus den acht Büchern der ersten Niederschrift sind jetzt zwölf geworden, da. die Genealogien ihren Platz in einem eigenen dritten Buch erhalten haben, die Goten und Langobarden mit ihren Verwandten nach dem Pirckheimersehen Plane in zwei eigenen Büchern behandelt sind und überdies der lexikalisch - geographische Charakter der Germaniae exegesis. [173] 173 Teil auf yier Bücher ausgedehnt erscheint. Trotzdem ist die Kapitelzahl der einzelnen Bücher nicht vermindert, meist vermehrt. Wenn Pirckheimer in der Tat die Druckbogen des neuen Werkes erhielt, so muß er es wohl gebilligt haben; denn Irenikus konnte dem Buch einen Brief des berühmten Mannes vorsetzen, der ihn als den ersten pries, der geleistet habe, was viele wollten, wenige konnten.67*) Thomas Ans-helm aber hat mit einem praesente castigatoreque auctore ipso im Druckvermerk doch wohl die Verantwortung für das Buch dem Autor zuschieben wollen.68) Irenikus hat sein Buch nicht Germania illustrata, sondern Germaniae exegesis genannt, das heißt, wie er uns selbst erklärt69), com-nientarii, Erläuterungen zu dem Quellenmaterial, das er zusammengetragen hat. Es bezieht sich also auf den Stil™), Irenikus will ähnlich wie später Beatus Rhenanus und Wolfgang Lazins keine fortlaufende Erzählung, sondern nur eine Quellendiskussion liefern. Dagegen erscheint im Grundriß und Aufriß des Werks durchaus die Germania illnstrata des Celtis, nicht einmal der Abschnitt über die Gestirne fehlt, ja man wird nach dem ganzen Plane sagen müssen, daß wir, wenn irgendwo, so hier Gelegenheit erhalten werden zu sehen, wie sich die beiden Hauptideen des Celtisschen Germaniaentwurfs, die kulturgeographische Grundlage und die genealogische Geschichtsverknüpfung, auswirken. Daß Irenikus selbst den Vergleich kaum scheute, wird man aus dem Abdruck der Norimberga des Celtis hinter seinem Buche schließen dürfen.71) Der erste Eindruck des Buches ist verwirrend. Man möchte sagen, es ist, wie ein Schlachtengeraälde Altdorfers oder Feselens, vollgestopft mit Figuren. Eine unendliche Schar von Zeugnissen stürmt auf uns ein. Da sind zunächst die Lateiner von Sallust und Livius bis zu Ammian und den Panegyrikern, dann aber fast ebenso zahlreich die Griechen. Man merkt, daß es neuerworbene Weisheit ist, die hier aus Prokop, Agathias, Dio Cassius, Plutarch, Lukian, Herodian, Athe-naios, Suidas, Stephan von Byzanz, den Fortsetzern des Eusebius und vielen anderen breit und selbstgefällig vorgebracht wird. Dann die Autoren des Mittelalters; natürlich alles Gedruckte mit ausgiebigster Benutzung von Jordanes, Paulus Diaconus, dem Abt von Ursperg und Otto von Freising, aber auch Seltenheiten, wie die Vita Severini des Eugippius, der nach Trithemius fast wieder verschollene Frechulf, Wahlafrieds Leben Othmars, der noch ungedruckte Widukind, Annalen und Chroniken aller Art, darunter die Königshofeus, non multum hactenus visa.78) Noch erstaunlicher fast ist der Umfang der benutzten huma- 174 [174] Das Quellenmaterial. nistischen Literatur. Neben den eigentlich historischen Werken erscheinen Petrus Crinitus mit seinem Buch De honesta disciplina, Polydorus ^ergilius mit seinem Buch von den Erfindern, Leo Battista Alberti mit seiner Architekturlehre; nicht minder ist ausgenutzt, was Beroaldo und Barbaro in ihren Schriftstellerkommentaren an Gelehrsamkeit niedergelegt hatten. Vollends in der deutschen Humanistenproduktiou scheint es für Irenikus nichts Unbekanntes zu geben. Was Eck in einer Ingolstädter Rede über die Markgrafen von Brandenburg gesagt hat oder was Reuchlin an Wolf von Hermansgrün über den Namen Magdeburg, an Friedrich von Sachsen über die Axones schreibt, was sich aus den Briefen Enea Silvios, Agrikolas, Thomas Wolffs entnehmen läßt, das findet ebenso seine Stelle, wie ein Gedicht des Erasmus auf Schlettstadt, Glareans auf Säckingen oder eines von Otto Beckmann auf Heinrich den Löwen.73) Aber es scheint auch, als ob alle Richtungen des deutschen Humanismus sich hier ihr Stelldichein gegeben haben. Da tritt Lupoid von Bebenburg im Sinne Wimpfelings als ein. Hauptzeuge des vorhumanistischen Patriotismus auf, da werden Biondo, Bruni, Sabellicus mit Bebeischen Worten bekämpft, Peutinger ist über germanische Altertümer befragt, aus seinem Besitz zum ersten Male die Celtiskarte herangezogen.74) Gresemunds Arbeiten, hat Irenikus aus dem Nachlaß benutzt75), er hat Gruppierungen deutscher Städtenamen nach etymologischen Gründen versucht, zehn Jahre vor Rhenanus und Althamer76), und man muß die Exegesis aufschlagen, um in die neuen geographischen Erkenntnisse Einblick zu bekommen, die damals Claudius Clavus und Johann Virdung von Hasfurt aus Dänemark, Norwegen und den „germanischen Inseln“ mitbrachten, und die anscheinend zuerst in Nürnberg zusammenflössen.77) Es ist unmöglich, daß dies alles wirklich selbsterarbeitetes Wissen ist. Vieles erscheint kaum anders als eine im Gespräch erhaschte Bemerkung, so etwa wenn er von Zonaras, dem copiosissimus Graecorum scriptor, zu reden weiß, dessen Entdeckung durch Cuspinian eben erst Maximilian an Pirckheimer gemeldet hatte78), oder etwas von den griechischen Säuleninschriften in Trier wissen will, über die schon in der Schedeischen Chronik eine Notiz stand79), und es eröffnet bedenkliche Perspektiven, wenn er neben Agathias als Hauptquelle für die Gotengeschichte noch den Scholasticus Smyraäus zitiert, der in seinem Buche: rbv xuieugia. alle Gotenkriege aufs genaueste beschrieben habe.80) Er scheint die Identität des lateinischen, von Die Urgeschichte. [175] 175 Christophorus Persona ühersetzten Agathias mit seiner griechischen Handschrift gar nicht gemerkt zu haben. Versuchen wir nun zu würdigen, was Irenikus mit diesem ungeheuren Material geschaffen hat, so müssen wir zunächst die ganze Urgeschichte preisgeben. Denn diese ist das Abenteuerlichste, was die deutsche humanistische Geschichtschreibung bis dahin hervorgebracht hatte. Die Phantasien von Celtis und Bebel sind in ihr vereinigt und überboten. Es scheint zudem, daß hier der Pirckheimer-brief eine verhängnisvolle Rolle gespielt hat. Denn indem Pirckheimer Irenikus aufforderte, die Goten dem Neide der Italiener zu entreißen die sie nur als Geten kennen wollten, bat er selbst, wie sein Hinweis auf Herodot zeigt, Geten und Skythen für das Gemälde der germanischen Urzeit in Anspruch genommen. Das aber kam Irenikus nur gelegen, denn jetzt boten ihm der JExvthjs des Lukian, die ZIBMVOCSO-tpiexaC des Athenaios und so manche andre auch Farben für die Ausmalung der ältesten Zustände der Germanen, und es hat den Anschein, als habe er keine „Gräcien“ lieber als diese in sein Werk gesetzt. „Die Goten sind also Germanen,“ sagt er am Schluß einer längeren Erörterung, „und wenn die Italiener sie Skythen nennen, so wird man sagen müBsen, daß wir alle eben Skythen und Galater gewesen sind, ehe der Name Germanen Wurzel faßte.“ Auch einer andern Lieblingsmeinung des Irenikus kommt diese Gotentheorie entgegen, sie hilft ihm Skandinavien, auf das die Reiseberichte seine besondere Aufmerksamkeit gelenkt haben, als die Völkerwiege überhaupt zu erweisen, und der erste Stammbaum, der sein Werk schmückt, ist ein Arbor gentium a Scandia profectarum; hält man ihn mit dem zusammen, was später Rhenanus über diesen Punkt zu sagen wußte, so sieht man, daß auch der Humanismus schon zu dauerhafteren Ergebnissen kommen konnte. Es bedeutet unter solchen Umständen wenig, daß IrenikuB gelegentlich eine ganz klare Beweisführung, etwa aus den germanischen Königsnamen bei Prokop und Jordanes, bietet,81) daß er im Gegensatz zu seinen sonstigen Gleichsekungsbestrebungen zwischen gallischen und germanischen Sitten scbarf unterscheidet. Solche Dinge finden sich nur, wo sie ihm passen. Gute Erkenntnisse wie die, daß die Germanen erst spät in den Gesichtskreis der alten Welt getreten seien, werden unwirksam gemacht durch das Bestreben, die Germanen nun eben unter anderen Namen zw finden. Die Kritik der Quellen, die er seinen Ausführungen voranstellt, zeigt ihn im Besitz einer vollständigen Einsicht davon, was Mela, Strabo, Solinus und Ptolemäus 176 [176] Die Mores Germanorum. dem Betrachter deutscher Vorzeit bieten88), er hat keinen Zweifel, daß Tacitug als alter conditor Germaniae zu betrachten sei, aber das hindert ihn nicht neben Tacitus den Ligurinus zu stellen, Berosus •und Hunibald, wo nur möglich, zu verwerten und durch andere ebenso fabelhafte Quellen zu ergänzen.89) So ist auch seine Textkritik, die er nicht selten ganz im Sinne des Rhenanus an Tacitus und Ainmian -übt84), nicht aus einem methodologischen Prinzip hervorgegangen, es ist eine Gelehrsamkeitsspielerei wie so vieles bei Irenikus. In dem zweiten Buche, das von den Mores Germanorum handelt, hat diese Maßlosigkeit in bezug auf die Quellen naturgemäß weniger Unheil angerichtet. Geschadet aber hat sie Irenikus doch. Denn er hätte sich, wenn er von der „Philosophie der alten Deutschen“ zu sprechen hatte, wohl kaum den hübschen Gedanken Bebeis entgehen lassen, daß diese Philosophie in den Sprichwörtern zu finden sei, wenn er nicht die gelehrten Skythen Anacharsis und Toxaris in sein germanisches Pantheon setzen könnte und nicht überdies bei Jordanes den ältesten germanischen Philosophen Zamolxes fände. Es verschlägt ihm nichts, die anderen „gelehrten Leute“, mit denen Jordanes die gotische Prühzeit ausgestattet hat, gleich zu Schriftstellern zu machen83), man sieht hier wieder, wie verhängnisvoll auch eine echte und gute Quelle in einer phantastischen Zeit wirken konnte. Die Worte des Jordanes über Lucan: „plus storieus quam poeta“ hallen bei Irenikus wieder, er hatte ja am Ligurinus und an Celtis poetische Quellen, die er gleichfalls jeder historischen gleichsetzte. Im übrigen aber ist dies zweite Buch nun doch der erste Versuch, systematisch das Kulturbild des alten Deutschlands mit dem des modernen zu vergleichen und die sorgfältige Disposition, die auch scheinbare Sprünge zu begründen weiß86), hat die Schilderung in der Tat fast lückenlos gemacht. Grundgedanken des Celtis, wie der, daß die Germanen stets das frömmste Volk gewesen sein, kehren auch hier wieder, auch die sprachlichen Betrachtungen, zumal die These, daß alle echtdeutschen Worte einsilbig seien, sind damals schon humanistisches Gemeingut87), aber in der Schilderung der geistigen Kultur der Gegenwart ist Irenikus selbständig und bedeutend. Es wollte doch etwas sagen, wenn im Jahre 1517 ein Humanist, zumal einer, der aus Reuchlins Schule kam, Luther als den antesiguanus der Theologen, Hütten als den der Poeten bezeichnete, Pirckheimer und Rhenanus zusammenstellte und den Stil des Erasmus so gut zu charakterisieren verstand.88) Hervorgegangen ist nun freilich diese humanistische Ruhmesschau kaum aus dem bloßen Gefühl patriotischen Stolzes, wie es Wimpfeling Das Genealogienbuch. [177] 177 und Beatus Rhenanus zu ähnlichen Aufzählungen trieb, die Absicht zu schmeicheln und dafür wieder Lob zu finden, tritt hier deutlich hervor. Noch deutlicher vielleicht in dem dritten Buche der Exegesis, das von dem Adel der alten und neuen Deutschen handelt. Es ist das Genealogienbuch, der umfangreichste Teil und vielleicht auch derjenige, in dem am meisten wirkliche Arbeit des Lenikus steckt. Allerdings hatte er Vorarbeiten: vor allem Nauklerus, den er auch nennt, der ihm aber gerade im Genealogischen nicht genug tut89); Suntheim, der ihm viel hätte nützen können, scheint ihm nicht zugänglich gewesen zu sein.90) Aber es war nun hier doch auch mehr geleistet, wie bei den Vorgängern. Der Gedanke des Celtis von einer Genealogie der deutschen Herrscher, die mit Tuisco und Maimus beginnend bis auf Maximilian herabführen sollte, war hier wenigstens in großen Hauptstücken gegeben91) und dazu noch Stammbäume der Großen und Kleinen von den Cherusker- und Gotenkönigen bis zu Grafen von Hohenlohe, Henneberg und Löwenstein und den Herrn von Pfeffingen. Bei nicht wenigen Geschlechtern ist dann noch ein Kapitel über „strategemata“ und das Wachstum ihres Gebietes angefügt. – Als ordnendes Prinzip wählt Irenikus für die Zeit seit der Translatio imperii die Rangordnung der Fürsten. Deshalb haben auch die geistlichen Kurfürsten in diesem Genealogienbuch ihre Stelle, und ihnen werden die Bistümer angeschlossen. Auch eine Stadt genießt die Ehre in den Kranz der nobilitas Germaniae aufgenommen zu werden und ihn zu schließen, es ist Nürnberg, die Stadt Pirck-heimers. Das Quellenmaterial, das Irenikus in diesem Buche heranzieht, ist das bunteste und von sehr verschiedenem Werte. Doch hat er für die Gegenden, die er genauer kannte, auch Urkunden und die lokale “Überlieferung benutzt. Die hohenzoüersehen Grabsteine in Kadolzburg, von denen er spricht, wird er doch wohl selbst gesehen haben, im hohenlohischen Schillingsfürst scheint er sich längere Zeit aufgehalten zu haben.92). Die hohenzollerschen Markgrafen haben überhaupt Eindruck auf ihn gemacht, er lobt ihre politia und freut sich, daß sie jetzt Friede mit Nürnberg haben. Von anderen Herrschergeschlechtern scheint er, abgesehen von den badischen Markgrafen und den Pfälzern, an die ihn Geburt und Dienst band, den alten Sachsenherrschern und von ihren Nachkommen den Herzögen von Braunschweig besonders hold zu sein. Heinrich der Löwe tritt mehrfach bedeutsam hervor.93) JoAchimsea, Geschichtsauffassung etc. 12 178 [178] Die Bücher von den deutschen Kriegen. Den Zwiespalt in den genealogischen Überlieferungen auszugleichen, hat er nicht für seine Aufgabe gehalten, es genügt ihm ihn aufzuzeigen.94) Wichtiger ist es ihm, einem anderen Zwiespalt vorzubeugen, der bei einem Schriftsteller leicht entstehen konnte, der sich vorgesetzt hatte, so viele deutsche Herren gleichmäßig zu loben. Er hat sich damit geholfen, daß er nicht wenigen von ihnen den Beinamen eines unentbehrlichen Helfers Maximilians gab. Das Buch vom deutschen Adel dient dann als Prodromos für drei weitere Bücher von den deutschen Kriegen. Wieder geht Irenikus sehr umständlich zu Werke. Erst nachdem er in einem vierten Buch die kriegerischen Eigenschaften und das Kriegswesen der Germanen gewürdigt hat95), beginnt er die Aufzählung der Kriegstaten selbst. Ein ganzes Buch von 48 Kapiteln ist fast durchaus den Kriegen mit dem Imperium Romanum gewidmet, und wenn wir mit den Zeiten des Theodosius schon im 25. Kapitel so ziemlich das Ende erreicht zu haben glauben, da ja die Völkerwanderungsgeschichte, die Pirck-heimer gefordert hatte, einem eigenen sechsten Buche aufgespart ist, so belehrt uns Irenikus eines besseren. Er hat bisher, um Licht und Schatten gerecht zu verteilen, nur die Angriffe römischer Kaiser auf Deutschland mit gebührlicher Hervorhebung des Schadens, den sie dabei erlitten haben, erzählt, jetzt wird er zeigen, daß die Inclinatio romani imperii bereits mit der Varusschlacht beginnt, und auch der römische Grenzwall muß sich gefallen lassen, als Zeichen der Schwäche des Römerreichs zu gelten.96) Irenikus hat sich mit diesen Dingen sehr gründlich beschäftigt, so gründlich, daß ihm für die Kriegstaten der eigentlich deutschen Geschichte nur noch ein paar Kapitel bleiben, und diese füllt er mit wenigen abgerissenen Notizen. Im übrigen aber verweist er auf die neueren Chroniken und Annalen, auf die Zeitgenossen, die sich ja so lebhaft mit Zeitgeschichte beschäftigten, auf Wimpfelings Epitome, die eine treffliche Ergänzung seines Buches abgebe.97) Es ist nicht der kleinste Widerspruch bei einem Autor, der sich eben noch über das Fehlen aller Schriften über deutsche Kriege beklagt hat und der seinem Buche das Schreiben Pirckheimers mit den Klagen über die Altertumskrämer vorgesetzt hatte, die nicht bis zur Gegenwart gelangten. Man könnte sagen, daß von dem hier Fehlenden doch manches schon in dem großen Genealogienbuche gegeben sei. Aber man wird der Wahrheit näher kommen, wenn man im Zusammenhalt mit diesem Abbrechen der Kriegsgeschichte auch das Genealogienbuch als einen Die politischen Gedanken des Irenikus. [179] 179 großen Lückenbüßer betrachtet, der verdecken soll, daß Irenikus zur eigentlichen politischen Geschichtschreibung unfähig war, so unfähig, wie es sicherlich auch Celtis geweaen wäre. Nicht als ob es ihm an politischen Gedanken fehlte. Auch wenn wir zu solchen die breit ausgesponnene Bebeische Idee von Deutschland als dem rechten Herrn aller Völker nicht rechnen98), bleibt mancherlei übrig. Irenikus hat, trotzdem er maximilianisch denkt, wie nur einer, doch den föderalistischen Aufbau des Reichs scharf hervorgehoben, er betont, daß auch kleine Fürsten durch Wahl zur deutschen Krone gelangt seien, und gibt eine ziemlich vollständige Aufzählung der Streitigkeiten um die deutsche Krone, denen erst die feste Ordnung des Kurfürstenkollegs ein Ende gemacht habe. Und da er die Entstehung des Kollegs unter Otto III. nicht bestreitet, so nimmt er für Karl IV. wenigstens die weitere Ordnung in vier Gaue, vier Städte usw., also die Grundlage der sogenannten Quaternionentheorie, in Anspruch.99) Auch die Frage über das Verhältnis von Papsttum und Kaisertum berührt Irenikus und er meint, die Kaiser hätten das Recht der Papstwahl, das ihnen ursprünglich zustand, freiwillig aufgegeben, um sich nicht in göttliche Dinge zu mischen.100) Aber Irenikus hat die Gelegenheit geflissentlich vermieden, eine geschichtliche Darstellung dieser Verhältnisse zu geben. Es wäre dann eben nicht mit einigen Bemerkungen getan gewesen, wie etwa, daß die Gründe für den Abfall Heinrichs des Löwen von Barbarossa in seinem „Horchen auf die Volksmeinung“ zu suchen seien, oder daß einige deutsche Herrscher, von den Päpsten verdammt, sich sogleich mit ihnen wieder versöhnt hätten.101) Jedes weitere Ausführen dieser Stellen hätte ihn vielmehr mit seinen Lieblingsideen: Germani inter se fratres, Germani vere christianissimi in Widerspruch gebracht. Denn Irenikus, der sonst vor Widersprüchen in Einzelangaben durchaus nicht zurückschreckt, wird konsequent, wo es sich um diese Lieblingsideen handelt, und nur da gewinnt er auch historischen Zusammenhang. So hat er vielleicht sein Wirkungsvollstes in dem sechsten Buche mit den Völkerwanderungskämpfen geboten. Denn hier ist die Pirckheimersche Anregung, die Eroberung Europas durch die germanischen Stämme zu zeigen, zu einem Triumphgesang auf das besiegte Rom gesteigert.102) Hier ist mehr von blindem Patriotismus als selbst bei Bebel. Irenikus glaubt mit diesem, daß alle römischen und griechischen Quellen nur einen Teil des deutschen Ruhmes künden, er verwirft Claudian und die Panegyriker, obgleich er sie beständig zitieren muß, als kaiserliche Schmeichler, und Ammian kommt nicht 12* 180 [180] Die geographischen Erörterungen. besser fort. Aber Bebel hatte noch an der „gotischen Barbarei“ festgehalten und war von der Herrlichkeit des reinen Lateins überzeugt, er gestand auch seinen Deutschen das Recht nicht zu, etwas an der römischen Sprache zu ändern103), Irenikus weiß davon nichts. Ihm sind die Goten, wie Pirckheimer geschrieben hatte, die wahren Germanen und somit die echten Erben des Römerreichs. Er ist der orste, der die Stelle des Orosius bedeutsam findet, daß Athaulf an Stelle der alten Romania eine Gothia habe setzen wollen, und es ist sehr bemerkenswert, wie er Stilicho verwirft und Theoderich herabdrückt, weil sie in römischem Dienst gestanden sind, dagegen Odoaker erhebt.10’) Irenikus hat in der Schlußrede seines Werkes auch allerlei Bemerkungen über das Verhältnis von Geschichte und Geographie angestellt. Eine solche Diskussion war damals nicht selten, Raphael von Volaterra und Vadian wußten Interessantes darüber zu sagen. Die Ausführungen des Irenikus stehen nicht so hoch; soweit man seine nicht ganz klaren Worte verstehen kann, hält er die Geographie nur dann für eine rechte Wissenschaft, wenn sie nicht nur nackte Beobachtungen bietet, sondern auch moralische Betrachtungen zuläßt. Das soll nach dem Zusammenhange zunächst rechtfertigen, daß er, der nicht wie Celtis Deutschland durchwandert hatte, doch an seine Aufgabe gegangen ist, sodann aber auch, daß er in diesem Werke den geographischen Erörterungen einen bedeutenden Raum, die ganze zweite Hälfte eingeräumt hat. Aber trotz seiner Definition der wahren Geographie geht Irenikus nicht, wie man erwarten müßte, in den Spuren Strabos, auch nicht in denen des Enea Silvio. Er hat seine Hauptanregungen von der Nürnberger Geographenschule empfangen – Johann Schöner ist ihm der antesignanus mathematicorum, Johann Virdung von Haßfurt hat ihn am meisten belehrt – und er fußt wie diese auf dem Ptolemäus.105) Die Ausgabe des Nicolaus Donis, die er mit hohem Lobe erwähnt, hat ihm die Grundlage seiner eigenen Arbeiten geboten106), und diese Arbeiten beziehen sich, wie es bei den Ptolemäusbearbeitungen üblich war, vor allem auf zwei Punkte, auf die Festlegung der antiken Nomenklatur und auf die Berichtigung des Kartenbildes durch die neuen Entdeckungen. Liest man freilich sein Vorwort zum neunten Buche, so sollte man glauben, daß er die Gebrechlichkeit dieser Grundlage erkannt habe und lieber eine Germania nova ohne die Auflösung der Rätsel des Ptolemäus bieten möchte.107) Aber dazu ist niemand weniger [181] Die Beurteilung der Exegesis durch Mutian. 181 geeignet als er. „Montes Germaniae altissimi sunt, sicuti produnt scriptores, et nivibns maxime onusti“, sagt er einmal, und das ist charakteristisch für seine ganze Auffassung.108) Keine Spur, daß er die Angaben der Schriftsteller durch eigene Anschauung kontrolliert oder ergänzt hätte, wie es Vadian mit seiner Pilatusbesteigung versuchte, Celtis in BO großartiger Weise für sein ganzes Wanderungsgebiet getan hat. Man darf zweifeln, ob Irenikus selbst ihm so nahe liegende Dinge wie den Ursprung der Donau oder den Fischreichtum des Bodensees bei Konstanz aus eigener Kenntnis notiert, jedenfalls hat er einen Schriftsteller beleg dazu für nötig gehalten, und auch wo er eine gute eigene Nachricht bringen kann, wie die über die Gewinnung des Bernsteins, gelangen wir zu ihr nur über einen Haufen wahlloser Zitate.109) Das Wertvolle in diesem geographischen Teile liegt also nicht in irgendwelchen eigenen Beobachtungen – es ist der Schätzung des Werkes noch spät verhängnisvoll geworden, daß es hier wirklichen Kennern von Land und Leuten so gar nicht genügte110) – sondern, wenn wir von seinen doch nur geborgten Mitteilungen über den skandinavischen Norden absehen, wieder ausschließlich auf dem antiquarischen Gebiete. Was er hier über das Alter der deutschen Städte und ihr allmähliches Wachstum sagt, ist trotz mancher Fehlgriffe interessant, auch dadurch, daß er den Versuchen, auch die Städte in das graue germanische Altertum heraufzurücken, sich widersetzt. „Sic demum urbes Germaniae penes omnes esse recentes constat nee vetustate quadam ut Jndiae, Graeciae prae-ditas. Licet etiam germanica natio eunetis antiquitate prior, totum mundum paene, si cum priscorum aevo decertamus, praecesserit, in struendis tarnen urbibus paene posterior esse cognoscitur.“111) So weit ich sehe, ist Irenikus der erste humanistische Geschichtschreiber, der Heinrich I. in diesem Zusammenhange als Städtegründer erwähnt, vielleicht hat diese Auffassung erst durch ihn wieder weitere Kreise gezogen. – Irenikus hat mit seinem Buche bei den Zeitgenossen wenig Glück gehabt. Zustimmung fand er nur von einer Seite, und es ist fraglich, ob sie ihm, wenn er sie gekannt hätte, viel Freude bereitet hätte. Mutian, der trinkfrohe Gothaer Kanonikus, hatte Bich das Buch von seinem Freunde, dem Erfurter Augustinermönch Johannes Lange, in seine „Beata Tranquillitas“ hinter dem Dom schicken lassen und schrieb am 1. Juli 1520 dem Freunde sein Urteil.112) Der Schüler des Celtis wußte Bescheid in dessen Plänen einer Germania illustrata, [182] 182 Die Urteile des Beatus Rhenanus uad Aventin. auch von Gresemunds Arbeiten auf diesem Gebiet hatte er Kunde, und da war es kein kleines Lob für Irenikus, wenn ihm zugesprochen “wurde, als einziger mit einigem Ruhm in den Spuren des Celtis gewandelt zu sein. Aber dahinter kamen sonderbare Dinge. Da waren mit seltsamer Feierlichkeit die Bestrebungen des Irenikus gepriesen, Deutschland älter zu machen als Griechenland, Italien „und ganz Europa“ und seine Wiedererweckung des allerheiligsten Vaters Tuiscon und seiner Sippe, die diese Helden sicher auf den Inseln der Seligen erfreuen würde, wenn dorthin das Gerücht von dem Buche des Irenikus käme; und wenn Irenikus in seiner pathetischen Einleitung zum 6. Buch geklagt hatte, daß den Griechen ein Homer, den Deutschen aber bisher nicht einmal ein Chörilus zuteil geworden sei, so konnte er jetzt bei Mutian lesen, daß er der Homer sei, der den Chörilus-Celtis verdränge. Daneben aber war ganz unschuldig gefragt, wer denn der Martin Luder sei, den Irenikus in seiner Theologenschar zwischen Staupitz und Lang aufmarschieren lasse, da doch Luther schon vorher als Führer der Schar an die Spitze gestellt sei. Auch wie Spalatin unter die Theologen komme, konnte Mutian nicht recht begreifen. – Wir sehen die Meinung. Der alte Spötter hatte ein Brieflein schreiben wollen, wie das des Crotus Rubeanus über die Constantinsvita Reuchlins gewesen war, das er selbst einmal mit behaglicher Freude seinem Heinrich Urban mitgeteilt hatte113), und dabei noch recht kunstvoll den „unerschrockenen, tapferen und wahrhaft deutschen, das heißt großartigen Stil“ des Irenikus parodiert. Ernsthafter nahmen Beatus Rhenanus und Aventin das Werk und – sie sind einig darin, es zu verwerfen; Rhenanus in seiner Art mit ruhiger Ablehnung, Aventin mit stärkerem Temperament, später noch mit der Beschuldigung, daß Irenikus sich die Arbeiten des Tri-themius und Stabius angeeignet habe.m) Das wird nur in dem Sinne richtig sein, daß Irenikus hier wie anderswo zusammenraffte, was er fand, Trithemius wenigstens hat er oft genug zitiert. Das Wesentliche traf Rhenanus, wenn er in dem Werke Stil und Urteil vermißte. Von Stil konnte bei einer Arbeit ja nicht viel die Rede sein, die fast durchaus aus Zitaten bestand, aber die wenigen Stellen, wo Irenikus selbst spricht, lassen dies kaum bedauern. Er ist ein schwülstiger Rhetor, der sich durch gesuchte Häufungen und gezierte Wendungen um alle Wirkung bringt. Auch die Einwände, die Thomas Anshelm in diesem Punkte erhoben hatte, waren nur zu begründet. Die „Gräcien“ hatten schon auf Mutian den Eindruck entlehnter Federn gemacht, die Liederlichkeit der Komposition aber Bedeutung der Germaniae exegesis. [183] 183 zeigte sich in zahllosen Wiederholungen und nicht geringen Widersprüchen. Auch sonst hören wir nichts Günstiges über das Buch. Wie der Nürnberger Kreis über die Exegesis dachte, wissen wir nicht, Pirck-heimer hat sie auch da nicht genannt, wo er es leicht hätte tun können. Althamer, der Irenikus doch mancherlei verdankte, sprach nur von der „Zusammenstoppelung“115), und Melanchthon berichtet, es habe Irenikus später oft gereut, seiner Warnung nicht gefolgt zu sein. Das wird seine Richtigkeit haben, denn die Germania illustrata ist das erste und letzte gedruckte historische Werk des Irenikus geblieben. Noch in demselben Jahre, wo sein Buch erschien, trat das für sein Leben entscheidende Ereignis ein, die Heidelberger Disputation Luthers gewann ihn völlig für diesen und für die Theologie. In den Abendmahlskämpfen der Reformation ist er dann noch als streitbarer Theologe hervorgetreten; ob sein Kommentar zu den Episteln des Horaz, den sein Sohn herausgab, aus dieser späteren Zeit stammt, kann ich nicht sagen. – Für uns hat die Exegesis aber doch eine eigentümliche Bedeutung. Es gibt kein zweites Geschichtswerk, in dem sich das jugendliche Stürmen und Drängen des deutschen Humanismus, sein leidenschaftliches Streben, universal zu sein, nicht im Sinne der formgewaltigen Italiener, sondern im Sinne eines faustischen Allwissensdranges, in dem sich endlich der politische und kulturelle Optimismus des um die Jahrhundertwende heranwachsenden Geschlechts so deutlich ausspricht wie hier. Es ist doch bedeutsam, daß die Exegesis in demselben Jahre erschien, wo Hütten seine berühmten Worte an Pirck-heimer schrieb: „0 saeculum! o literae! Juvat vivere, etsi quiescere nondum iuvat, Bilibalde. Vigent studia, florent ingenia. Heus tu, accipe laqueum, barbaries, exsilium prospice.“ Schon ein paar Jahre ■darauf war ein Werk aus dieser Stimmung nicht mehr möglieh. Für die Zeitgenossen war also das Werk des Irenikus nicht die ■Germania illustrata, die sie erhofft hatten. Aber es hat vielleicht den Bestrebungen, sie zu schaffen, einen neuen Anstoß gegeben. Beatus Rhenanus geht von der Kritik des Irenikus aus, als er seine eigenen Pläne einer deutschen Geschichte fester ins Auge faßt. Und auch darauf wird die Exegesis von Einfluß gewesen sein, daß man nun die Größe der Aufgabe erkannte und zu der Überzeugung kam, daß sie nur mit vereinten Kräften zu lösen sei. Man hat in dem Plane, [184] 184 Die Oranium gentium mores des Johannes Boemus. den Aventin in diesem Zusammenhange entwickelte, nicht ohne Grund eine Ähnlichkeit mit der Organisation gefunden, die sich dreihundert Jahre später die Monuruenta Germaniae historica gaben.116) Das Sanctus amor patriae dat animum durften auch diese Männer in ihren Kranz schreiben. – Merkwürdig ist es, daß ein Büchlein, welches kurz nach der Exegesis erschien, in der Humanisten weit jahrelang völlig unbeachtet blieb, trotzdem es einen Teil der Forderungen, die man an eine Germania illustrata stellte, erfüllte und trotzdem es an Bedeutung erheb-lieh über den meisten Erzeugnissen auf diesem Gebiete stand. Das sind die Omnium gentium mores, leges et ritus des Ulmer Deutschordenspriesters Job. ann Böhm aus Aub.117) Wir haben den Verfasser als Freund Althamers kennen gelernt, er hat auf den Tacituskommentar desselben erheblichen, vielleicht entscheidenden Einfluß gewonnen. Seine eigene Entwicklung ist unklar, er steht in Beziehungen zu Bebel, vielleicht auch noch zu Nau-klerus, zu Pirckheimer, dessen Gelehrtenheim sich auch ihm geöffnet hat, in engeren zu einem Kreise Ulmer Humanisten, deren Haupt der Arzt Wolfgang Richard ist, die aber nur geringen Anschluß an die große humanistische Dichter- und Gelehrtenrepublik, wie sie Celtis organisierte, gefunden zu haben scheinen. Auch Boemus scheint, obgleich er Celtis kennt118), den Bestrebungen seiner Schule ferngestanden zu haben. Sein Buch ist hervorgegangen aus dem Bestreben, etwas Ahnliches zu bieten, wie es Enea Silvio in seinen großen geographischen Werken geboten hatte’, eine Schilderung des Charakters der einzelnen Völker, wie er sie kennt oder aus den neuen ReiBebescbreibnngen sich vorstellen kann, entgegengesetzt und verglichen mit dem Bilde der Alten. Auf Deutschland ist in dem Buche nur ein geringer Raum entfallen, nur 5 Kapitel des dritten Teils, aber sie enthalten in knapper Form eine außerordentliche Menge Interessantes und Wissenswertes. Was wir aus ihm für die Völkerkunde im engeren Sinn, für Sitten und Bräuche der Zeit entnehmen können, ist jüngst kundig erläutert worden. Aber auch in der Geschichte der humanistischen Historiographie verlangt Boemus seinen Platz. Viel verdankt er Nauklerus. Seine Schilderung des Taciteiscben Deutschlands lehnt sich an ihn an, aber sie ist geschlossener und zusammenhängender, vielleicht das Beste, was damals im Druck vorlag. Die Charakterisierung der Stände Schwabens bei Nauklerus hat Boemus übernommen und auf Deutsehland übertragen, aber zugleich durch Hereinziehung des vierten Standes, [185] Sein Standpunkt und die Wirkungen deB Buches. 185 der Bauern, erweitert und durch Schilderung von Tracht und Lebensweise lebendiger gemacht. Die Schilderung des Gerichtsverfahrens hat ihn zu weiteren Beobachtungen auf diesem Gebiete geführt, und wir finden hier zum erstenmal in einem gedruckten Geschichtswerke Sätze aus den deutschen Volksrechten.119) Was aber den Jünger erheblich von seinem Lehrer unterscheidet, das ist der politische Standpunkt. Es mag mit seiner Beschränkung auf Pranken, Schwaben, Sachsen und Baiern zusammenhängen, daß er des Kaisertums gar nicht Erwähnung tut, aber er schildert auch Italien, ohne ein Wort von seinen Beziehungen zum Reiche zu sagen, und dies ganze Buch, das 1517 begonnen und 1520 vollendet ward, enthält nirgends den Namen Maximilians! Am bezeichnendsten für ihn aber ist der Zusatz, den er zu Nauklerus’ Schilderung des Adels gemacht hat: „Gens superba, inquieta, avara, ecclesiae praelatis et eorum bonis insidians semper, subditos rusticos irremissa Servitute exercet, incredibile dictu, quantum miseros et infelices homines vexet, quantum exsugat. Esset Germania nostra ter quaterque foelix, si Centauri isti, Dionisii et Phalarides aut eicerentur aut saltem ipsorum tyrannide refrenata et potestate diminuta privatim, quemadmodum in Helvetia nobiles, vivere cogerentur.“ Das Buch Böhms hat denn auch erst bei den Männern, die „schweizerisch“ dachten, bei Sebastian Franck und bei Münster, seine Auferstehung gefeiert. Bei den Männern der „Germania illu-strata“ blieb es zunächst wirkungslos, es lag so gar nicht auf ihrem Wege, und Böhm selbst scheint, wie Irenikus, in den theologischen Fragen untergetaucht zu sein. Am Abend seines Lebens ist er zum Luthertum übergetreten. Die Omnium gentium mores sind auch bei ihm der einzige Versuch auf historischem Gebiete geblieben. Indessen schienen von verschiedenen Seiten die Kräfte einem neuen Versuche, „Deutschland zu erläutern“, zuzuwachsen. Matthäus Lang, der Kardinal von Salzburg, in dem die mäzenatische Überlieferung der Maximilianszeit am lebhaftesten fortlebte, und auf den man als Patron auch dieses Werks hoffte, meinte noch 1532, auf vier Männer als die Säulen eines solchen Unternehmens rechnen zu können, es sind Rhenanus, Aventin, Sebastian von Rotenhan, Sebastian Münster, denen er alB fünften den 1531 verstorbenen Pirckheimer beigesellte.180) Wie Rhenanus von dem Plane einer Germania illustrata ausgegangen war, dann aber doch etwas anderes schuf, haben wir gesehen. Aber [186] 186 Sebastian von Kotenhans und Pirckheimers Versuche einer Germania. auch von den vier anderen können wir zeigen, daß sie an dem großen Werke gearbeitet oder doch zu arbeiten versucht haben. Am wenigsten deutlich wird uns die Tätigkeit Sebastians von Rotenhan.121) Der kühne und vielgepriesene Schwager Huttens, dem dieser seinen Vadiscus widmete, hat, soweit wir sehen, wenig Proben seines literarischen Wirkens auf die Nachwelt gebracht. Cus-pinian weiß122), daß er mit derselben Hand, mit der er das Schwert gegen die aufständischen Bauern geführt hat, annales et res gestas zu schreiben verstanden habe. Er selbst erwähnt, daß er seine große Meer- und Landreise beschrieben habe, die ihn nach Griechenland und dem heiligen Lande, nach Italien, Frankreich, England, Dänemark, Schweden, Portugal und Böhmen führte; es war also wohl ebenso sehr eine Bildungsreise als eine Pilgerfahrt. Aber wir haben nichts davon als seine Sinnsprüche, die er in den Sprachen all dieser Länder hat drucken lassen. Ebensowenig etwas von den Quellen, die er nach dem Regino hat edieren wollen; Helmolds Slawenchronik und Widukind sind darunter.123) Im Zusammenhang mit den Bestrebungen für eine Germania illustrata zeigen ihn zwei Briefe an Aventin. Da «rwähnt er, daß er mit der Ausdeutung einiger alter Namen der deutschen Lande beschäftigt sei, aber das kleine Schriftchen, das er darüber drucken ließ124), ist nichts als eine leere Nomenklatur, zu der uns der Schlüssel fehlt. DaB einzig greifbare Ergebnis seiner Bemühung um die deutsche Landeskunde ist eine Karte Frankens, die ob ihrer Trefflichkeit in den großen geographischen Sammelwerken der Zeit immer wieder erscheint. Mehr können wir von Pirckheimer sagen. Seine Germaniae perbrevis explicatio, die er 1530 erscheinen ließ, sollte sein Beitrag zur Illustratio Germaniae sein.125) Die Vorrede sprach bescheiden nur von einer Handhabe, die der Verfasser den nach ihm Kommenden bieten wolle, und in der Tat war es nicht mehr. Das Büchlein ist «ine Frucht der Ptolemäusstudien Pirckheimers, sein Wert liegt in der systematisch durchgeführten Gleichsetzung antiker Orts-, Fluß-und Gebirgsnamen mit den deutschen der Gegenwart. Über Irenikus, der ja dies, wie so vieles, auch schon versucht hatte, ist Pirckheimer wohl ein gutes Stück hinausgekommen, Rhenanus und Aventin aber hat auch er nicht genug getan.126) Historisches ist recht wenig in dem Werke und manches davon klingt merkwürdig antiquiert; so etwa, wenn Pirckheimer noch 1530 von dem neulich gefundenen Vellejus spricht und die alten Klagen Bebeis über das absichtliche Verschweigen der germanischen Ruhmestaten durch die Römer wiederholt; daß er an Aventins Germania illustrata. [187] 187 die Germania maxima auch jetzt noch glaubt, wie 1517, ist deutlich sichtbar, auch seine Vorliebe für die Goten ist geblieben, ihnen zuliebe führt er uns tief in den sarmatischen Osten hinein, wo er zugleich neues geographisches Wissen zu bieten vermag. Von den Gotenresten in der Krim gab er wohl die erste gedruckte Kunde.127) Aber weder Rotenhan noch Pirckheimer boten Vorarbeiten zu ■einer Germania illustrata, wie sie sich Aventin gedacht hatte. So machte sich dieser, das Erscheinen der deutschen Geschichte des Rhe-nanus nicht abwartend, am 18. Februar 1531 daran, die Germania illustrata, deren Plan er schon vor zwei Jahren den Freunden ver-lautbart hatte, selbst zu schreiben.128) Es waren in der Tat carmina prius non audita, wie die Ankündigung verheißen hatte, die Aventin hier vortrug. Mit tiefsinnigen Spekulationen über Weltschöpfung, Menschwerdung und Sündenfall beginnend, führte das erste Buch zu Noah, dann zu Tuiscon, der Deutschen erstem König und seinen Verwandten, zu Mannus und seinen Söhnen, zu Ingevon, Istävon und Heriniann, dem fünften in der Königsreihe. Also die ganze Genealogie des Berosus, und man durfte sich wundern, sie bei dem Autor wiederzufinden, der über Ire-nikus so hart geurteilt hatte. Aber freilich: Aventin hatte mehr zu geben als Irenikus. Es war nicht ein kahler Stammbaum, den er zusammenzimmerte, sondern er brachte die Ordnungen, die Noah gegeben hatte, die Gesetze des Tuiscon, erzählte Ausführliches von den „druten, der alten Teutschen münch“ und von der „außteilung des jars und der zeit“, die bei den alten Deutschen Brauch gewesen war. Das alles, wie er ausdrücklich betonte, nicht nach sagenhafter Kunde, sondern nach den bewährtesten Quellen, zu denen neben und vor den Griechen und Römern auch die alten deutschen Heldenlieder gehören, soweit er sie durch das Dunkel der Zeiten erkennen kann. Nur dieses erste Buch oder eigentlich nur ein Stück des beabsichtigten ersten Buchs hat Aventin in lateinischer und deutscher Sprache fertig gestellt, neun weitere, deren Plan uns vorliegt, sollten folgen. Ihre Ausführung ist zunächst durch die Verdeutschung der zweiten Hälfte seiner bairischen Annalen, dann durch seinen Tod verhindert worden. Stofflich ist uns kaum etwas verloren gegangen. Denn der Plan der Germania illustrata, oder wie er es dann wohl nennen wollte, des „Zeitbuchs über ganz Deutschland“, stand neben Aventin schon 1526, als er die bairische Chronik begann, ja eigentlich schon, als er 1510–21 die Annales Boiorum schrieb. Im Zu- 188 [188] Die Germaniae descriptio Sebastian Münsters. sammenhang mit diesen Werken und mit der ganzen Geschicht-echreibung Aventins wird von ihm noch einmal die Rede sein. Hier genügt es zu bemerken, daß auch dieser letzte Versuch, eine Germania illustrata auf den Wegen des Celtis zu schaffen, Projekt und Fragment geblieben ist. – Aber indessen war schon ein anderer Weg beschritten worden. Fast gleichzeitig mit Pirckheimers Büchlein erschien eine zweite Germaniae descriptio, ihr Verfasser war Sebastian Münster.129) Wir begegneten ihm schon im Kreise des Rhenanus, der ihn für eine Beschreibung des Rheintals zu gewinnen Buchte. Damals schon hatte Münster den Plan gefaßt, die Kosmographie zu popularisieren, und seine Arbeiten an diesem Werke hatten ihn, ganz wie Aventin, zu der Ansicht geführt, daß nur durch lokale Arbeitsteilung hier vorwärts zu kommen sei. 1528 hatte er seiner „Erklärung des neuen Instruments der Sonnen“ eine „Vermahnung und Bitte an alle Liebhaber der lustigen Kunst Geographie, ihm Hilfe zu thun zu wahrer und echter Beschreibung deutscher Nation“, beigegeben, in der er in sehr interessanter Weise seinen Plan entwickelte. Hier schon sieht man, daß seine Absichten eich so wenig wie die eines anderen Geographen der Zeit auf reine Erdbeschreibung richteten. Er will ebenso sehr wie von Landschaften, Städten, Schlössern und Klöstern auch von „Eigenschaften, Art, Hantirung, merklichen Geschichten und Antiquitäten, so noch an etlichen Orten gefunden werden“, Kunde geben. Unter den Gehilfen, die er sich erhofft, sind Peutinger, Aventin, Rotenhan, Huttich und Glarean, also auch Männer, die ihr Bestes bisher z. T. auf historischem Gebiet geleistet hatten, freilich nach Sitte der Zeit wohl alle auch auf den Titel eines Kosmographen Anspruch machten. Die Germaniae descriptio nun sollte zunächst nichts mehr sein als eine Erläuterung zu einem Neudruck der berühmten Karte Deutschlands von Nikolaus von Cusa, die aus dem Besitze Peutingers ans Licht gezogen worden war. Aber diese Erläuterung bot mehr Geschichte als Pirckheimer. Denn Münster meinte, wie einerseits die Geographie die unentbehrliche Grundlage geschichtlichen Verständnisses sei, so sei die Geschichte eine Art Anlockung zur geographischen Kenntnis, und er setzt sich vor, die Lernbeflissenen gleichsam an der Hand zu nehmen und ihnen beiläufig anzuzeigen, wann dies oder jenes Land zuerst erwähnt wird, wann es Grafschaft oder Herzogtum oder gar Königreich geworden ist, wie ein Volk das andere vertrieben habe und Reich auf Reich gefolgt sei. Davon spricht denn auch Ihre Quellen und ihr Wert. [189] 189 seine Beschreibung Deutschlands. Sie nennt die alten und neuen Grenzen, die alten und neuen Völker Deutschlands, zählt die Kriege der Römer mit den Germanen auf, gibt die Gründungsjahre der meisten größeren Herrschaften an und erzählt ausführlich von der Übertragung des Reichs auf die Deutschen, nicht ohne die alte Frage nach dem Deutschtum Karls des Großen zu berühren, die dem in Nieder-Ingelheim geborenen Verfasser besonders nahe lag. Tiefe Studien lagen all dem nicht zugrunde. Die Aufzählung der Römerkriege war nur eine Zusammenziehung aus dem fünften Buch der Exegesis des Irenikus, die meisten Daten genealogischer Art stammten ebendaher, die Vorgeschichte der Franken ruhte ganz auf Trithemius. Aber aus dem ganzen blickt ein gesunder Sinn, und wie Münster bei seiner Beschreibung von Rhein und Donau charakteristischer zu sehen verstand als Pirckheimer und Althamer, so verstand er auch aus dem antiquarischen Wust seiner Gewährsmänner Wichtiges gebührend herauszuheben. Die alte Frage der Rheingrenze tut er mit den Worten des Boemus ab, daß eben in alten Zeiten-Flüsse und Berge Grenzen gebildet hätten, jetzt aber die Sprache die Menschen Bcheide. Wie und wann die einzelnen deutschen Territorien sich aus den Stämmen der germanischen Urzeit gebildet hatten, vermißt er sich nicht zu entscheiden, aber der jetzige Zustand erscheint ihm als Zersplitterung, der alte trotz der Menge der Stämmenamen als Einheit, so daß der Adler des Reichs jetzt seiner Federn immer mehr beraubt wird. Wie das gekommen ist und manches andere, was die Descriptio nur angedeutet hat, verspricht Münster in einem vernaculus liber ausführlich zu behandeln, den er unter der Feder hat.130) Es ist nichts anderes als seine berühmte, 1544 zuerst deutsch und lateinisch erschienene Kosmographie.181) Das ganze dritte Buch dieses Werkes, an Umfang mehr als die Hälfte des Ganzen, ist Deutschland gewidmet, und der Inhalt dieser „Beschreibung Teutscher Nation“ ist fast durchaus Geschichte. Münsters Programm ist fast wörtlich das gleiche, was Nauklerus seinem Abschnitte über Deutschland vorgesetzt hatte: „Demnach werd ich,“ sagt er, „von unserm teutBchen land viel zuschreiben han, nem-lich von seinem namen, von seyner gelegenheit, von seinen lendern, stetten und wonungen, von seiner fruchtbarkeit, von seinen völckern, von der alten teutschen sitten, von iren thaten, von ihrer wirdigkeit und von dem regiment, das vor dem keyserthum darin ist gewesen.“ Er hat das nicht ganz eingehalten, vielmehr zerfällt seine Be- [190] 190 Münsters Beschreibung Teutscher Nation. Schreibung in einen allgemeinen und einen besonderen Teil. Der erste bringt im wesentlichen eine Ausführung des Textes der De-scriptio Germaniae, der zweite eine Landschafts- und Städtekunde von Deutschland. In dieser haben die Genealogien, die Schlachten und auch allerlei wunderliche Geschichten, wie von dem Donnerkeil von Ensis-heim, den Sebastian Brant besungen hatte, oder von den zusammengewachsenen Kindern, die Münster 1501 zu Mainz gesehen hatter ihre Stelle gefunden. Daneben ist in den Erörterungen über den Ursprung der einzelnen Orte, zumal über ihre Gleichsetzung mit Namen der Ptolemäuskarten, allerlei humanistisches Wissen eingestreut – Münster hatte selbst 1540 den Ptolemäus neu herausgegeben –, aber im wesentlichen haben wir hier das Geschichtsmaterial und die Notizenform der alten Chroniken. Wirkliche Geschichte ist nicht gegeben, schon die sprunghafte Behandlung großer Zeiträume verhindert das, auch die Beschreibung der Schweiz, die mit viel größerer Ausführlichkeit geboten wird, ist größtenteils annalistisch.132) Ganz anders wirkt der erste Teil. Hier sind die leitenden Gedanken der Descriptio weiter ausgeführt, und was zugesetzt ist, stimmt meist trefflich zum Ganzen. Am Anfang steht eine Vorgeschichte der „Gothen, Wandelen und Hunnen“, „darumb daß vor zeiten die hoch Teutschen gar vil mit inen zuschaffen hand gehabt und auch groß-lich von ihnen beschedigt worden“ – wir dürfen wohl hinzusetzen, weil die Kosmographie Gustav Wasa, dem König der Schweden, Gothen und Wenden gewidmet ist. Es folgt ein Abschnitt: „Wie das Teutsch land von alten zeiten her genempt ist worden.“ Also eine Erörterung über das Verhältnis’ der Namen Teutonia, Germania, Alemannia usw., das schon Felix Fabri bewegte. Was Münster dann über „Orter und Gelegenheit, alte und neue Völker, fließende WaBser“ Deutschlands und über die Römerkämpfe sagt, ist Ausführung von Abschnitten der Descriptio Germaniae, aber vieles ist klarer vorgestellt und neu erörtert. Münster fragt, warum so viele wichtige Städte der ältesten Zeit linksrheinisch und südlich der Donau lägen, und er erkennt sie als Sturmpunkte der Römer gegen das freie Deutschland, das er mit der Klarheit des Rhenanus von dem römischen scheidet, und er fügt gleich hier eine knappe, aber gute Übersicht der germanischen Wanderungen an. Auch die Schilderung der Römerkämpfe hat durch eine Aufzählung der römischen Verwaltungsorganisation in den Grenzprovinzen gewonnen. Im folgenden ist neu ein Abschnitt „Wie die Teutschen ein leben gefürt hand vor vnd Münsters historische Anschauungen. [191] 191 ettlich jar nach Christ geburt“, und einer „Von fruchtbarkeit deß alten teutschen ertrichs“, jener auf Tacitus ruhend, dieser die Meinung des Tacitus von der terra horrida et foeda mit der Ansicht des Nauklerus: cessat saepius bona materia sine artifice widerlegend. Seine Erörterungen „Von alter und neuerer theilung teutscher Nation“ zeigen dann deutlicher als die Descriptio, daß er den Ursprung der ersten Königreiche – als solche denkt er sich Baiern, Sachsen, Thüringen und Schwaben – in Verbindung mit dem Zusammenbruch der römischen Macht bringt, die vielen kleinen Fürstentümer aber von der Translatio imperii unter Karl dem Großen ableitet, denn er meint, die Deutschen hätten ihr neugewonnenes Kaisertum nicht höher ehren zu können geglaubt, als indem sie es in einen Kranz kleinerer Würden stellten.188) Münster weiß nun aber auch zu zeigen, „wie der Römisch adler berupffet ist,“134) und er gibt dabei nicht nur die üblichen Klagen über Karl IV. und Wenzel, sondern auch eine sehr klare Darstellung davon, wie die Herzoge, Grafen und andere Herren „nur namen der empter gewesen und nit erblich herrlichkeiten“. Er weiß auch, daß die „stett und flecken seind der keyseren vnd des reichs gewesen“, und daß „die zoll, ongelt, gefeil in den selbigen seind ingezogen worden durch des keysers amptleut vnd dem keyser oder künig zugestellt“. Auch von dem allmählichen Aufblühen der Reichsstädte und dem zunehmenden Wettbewerb der Fürstenstädte spricht Münster, und der in der Luft des schweizerischen Basel heimisch Gewordene sagt von den Städten der Eidgenossenschaft: sie „herschen für sich selbs, thun aber doch, was sie dem reych schuldig seynd“.135) Diese Erörterung finden wir nun aber nicht, wie wir erwarten sollten, in einer deutschen Kaisergeschichte, sondern erst, nachdem uns die Kaiserreihe von Karl dem Großen bis zn Karl V. in einem kurzen Abriß vorgeführt worden ist. Dieser Abriß ist der unbedeutendste Teil der ganzen Kosmographie, bis zu Friedrich IL fast nichts als eine Nomenklatur mit nicht immer richtigen Daten, von da aber eine Sammlung annalistischer Notizen mit schweizerischer Lokalfarbe, bei der höchstens die sorgfältig gewahrte Unparteilichkeit in religiösen Dingen auffällt. Das letztere würde mit Münsters auch sonst geäußerten Ansichten stimmen136), aber der Ton ist von dem übrigen Werke völlig verschieden, und es trifft sich, daß wir durch ein briefliches Zeugnis diesen Abschnitt als Erzeugnis einer anderen Feder nachweisen können. Der Basler Rechtsgelehrte Nikolaus Brieffer, ein Freund des Beatus Rheuanus, 192 [192] Münsters Quellen und Mitarbeiter. liatte ihn verfaßt und Münster bewogen, seine eigenen Ausführungen, die ihm verwirrt, unsicher und beleidigend für die „Auswärtigen“ schienen, wieder zu streichen.157) Wir müssen das bedauern, denn wir sind dadurch ohne Zweifel um eine eigenartige Reichsgeschichte gekommen. Daß Münster die Kaiserreihe zu füllen gewußt hätte, lehren verstreute Bemerkungen über die Geschichte Heinrichs IV., die er im zweiten Teil bei Rufach, Mainz, Köln und Sachsen bietet.138) Auch die Staufer wären dann wohl nicht so ganz in den Hintergrund getreten. Selbständig ist Münster nun freilich auch in den Abschnitten nicht, die er selbst niedergeschrieben hat. Was er über das römische Germanien weiß, beruht ebenso wie seine Angaben über die Christianisierung Deutschlands139) in allem Wesentlichen auf Beatus Rhe-nanus, die Schilderung der Sitten der Germanen ist wörtlich auB Johannes Boemus übersetzt, demselben ist die Ausfuhrung über die „gemeinen breuche vnd sitten ietziger Teutschen volcker“ entnommen.140) Was er über die Aufeinanderfolge der Namen Teutonia, Germania, Alemannia sagt, erinnert an Aventin, für die Erörterung über Namen und Ursprung der deutschen Städte hatten Irenikus und Althamer vorgearbeitet. Aber Münster ist trotzdem kein gewöhnlicher Kompilator. Auch wo er einfach zu übersetzen scheint, weiß er seine Meinung auszudrücken, man sieht das, wenn man die Stelle über den deutschen Adel liest, die, eigentlich aus Nauklerus stammend, schon bei Boeraus ihr Aussehen charakteristisch verändert hatte.141) Seine Abhängigkeit von Rhenanus hindert ihn nicht, gegen diesen bei der Ableitung des Wortes „Pfalz“ mit gesunder Logik zu polemisieren.142) Überdies ist er über seine Gewährsmänner hinaus zu den Quellen vorgedrungen. Nauklerus hat ihn zu den Briefen des Bonifatius, Rhenanus zu Ammian und doch wohl auch zu den Rechtsbüchern geführt, aus dem Schwabenspiegel, der ihm erst im Verlauf seiner Arbeit bekannt geworden war, gibt er in einem eigenen Abschnitte Auszüge, denn er meint, daß dies Buch selten gefunden werde, und fügt daran seine Bemerkungen über römische und deutsche Rechtsentwicklung. w3) In den gelehrten Diskussionen ist er ganz heimisch, das zeigen seine Bemerkungen über den Zwiespalt der Täcitus- und Pto-lemäusinterpreten.144) Kritisch, wie Beatus Rhenanus, ist er nicht, aber skeptisch. Trotzdem es ihm bei seiner Arbeit nicht wenig um die Origines von Herrschaften und Städten zu tun war, lehnt er ab, Münster und die Ideen des Celtis. [193] 193 TJnwißbares zu erforschen. „Da mag nun niemand kein fest Urteil feilen, denn die zeyt ist zu lang“, „es mag nit wol erfunden werden“ und Ähnliches hat er oft. Dafür, daß er sich den Berosus nicht entreißen läßt, hat er seine Gründe,145) die Chronik von Ebersheimsmünster, gegen die Rhenanus so wuchtige Streiche geführt hatte, war ihm aus dessen eigenem Besitz durch Brieffer zugekommen, aber im allgemeinen darf man sagen, daß der Maßstab seiner Kritik nicht eine Einsicht in den Wert der Quellen ist, sondern der gesunde Menschenverstand, so daß er da zu den besten Ergebnissen kommt, wo er aus eigener Anschauung der gegenwärtigen Verhältnisse redet. – Mit der Kosmographie Münsters ist der Gedanke der Germania illustrata zu seinem Ausgangspunkt zurückgekehrt: wir fanden ihn zuerst an eine Erneuerung der Europa des Enea Silvio geknüpft, eine Erneuerung der Europa ist das Kernstück und das Beste in der Kosmographie geworden. Münster ist nach langen Zeiten wieder ein Geograph in den Bahnen Strabos, wie es Enea gewesen war. Eine Germania im Sinne des Celtis aber war Münsters Deutschland nicht. Er hat kaum mehr irgendwelche direkte Einwirkung von ihm erfahren, er ist auch kein Geistesverwandter von ihm, seine Art, die Dinge zu sehen, verhielt sich zu der des Celtis wie ein Meistergesang von Hans Sachs zu einer Celtisschen Ode. Bei seinen Städtebeschreibungen hat die Norimberga nicht Modell gestanden, und von den zwei großen Gedanken, welche die Auffassung des Celtis von Deutschland beherrschen, dem pangermanischen Patriotismus und dem Glauben an ein anbrechendes neues Zeitalter deutscher Kultur, ist bei ihm nur noch der zweite wirksam und auch dieser hat eine Wendung ins Materielle genommen. Nichts erscheint ihm merkwürdiger, als daß Länder, die einst so arm waren, daß sie ihre Einwohner nicht ernähren konnten, wie Schweden, jetzt an Wachstum den anderen voranstehen. Nichts beachtet er sorgfältiger, als die Urbarmachung großer Waldstrecken wie im Schwarzwaldgebiet oder die Wegsammochung des Gebirges, wie bei der Brennerstraße des Augustus, und so ist der Gruudgedanke seiner ganzen Schilderung Deutschlands, „daß aus der vordrigen wüsten jetz ein paradys“ geworden ist.146) Aber von Deutschland als dein rechten Herrn über alle Völker, <ler Quelle alles Adels weiß er nichts mehr, so wenig wie Aubanus betont er die alten Rechte der Kaiser auf Italien. Wenn er von den Händeln um Mailand spricht, so ist ihm das hauptsächlich ein Duell Zwischen Karl V. und Franz I., bei Venedig wird man vergebens Joachims en, Geschichtsauffassung etc. 13 [194] 194 Die Gründe für das Scheitern der Germania illustrata. etwas von den Zoraesrufen suchen, die aus jeder Geschichtsquelle der Maximilianischen Zeit ertönen. Es ist doch auch nur dadurch zu erklären, daß Münster sich für die deutsche Kaisergeschichte mit dem trocknen Annalenexzerpt Brieffers begnügte. Diese Mängel und Vorzüge des Münsterschen Werkes sind nun aber wichtig geworden. Denn ein Jahrhundert lang ist die Kosmo-graphie, in 27 deutschen und 8 lateinischen Ausgaben verbreitet, eine bevorzugte Quelle nicht nur geographischer, sondern auch historischer Belehrung des deutschen Bürgers gewesen. – Man ist versucht, sich auszumalen, wie es wohl geworden wenn neben Münsters Kosmographie AventinB Zeitbuch über ganz Deutschland gestanden hätte. Gewiß hätten dann die großen Gedanken des deutschen Humanismus in originalerer Gestalt weitergelebt. Deutschland hätte damals seine Kaisergeschichte in dem Sinne erhalten, in dem erst die Romantik sie wirklich geschaffen hat. Aber ganz aus den Ideen des Celtis heraus wäre auch Aventins Buch nicht geschrieben worden. Auch er ist, als er die Feder zur Germania illustrata ansetzt, weit weg von dem sieghaften Optimismus, der noch das Buch des Irenikus durchdringt. Er dünkt sich wie einer der Geschichtschreiber der versinkenden Welt des Altertums1*7), das Gefühl der ersten Humanisten, die in Petrarkas Spuren gehend sich am Ende der Zeiten glaubten, ist bei den Männern, die aus der Maximilianischen Zeit hinüberlebten in die Jahre des Bauernkriegs und der Religionshändel, wieder herrschend geworden. Das ist der innere Grund, der den Plan des Celtis am Reifen verhindert hat. Der äußere lag in der unmöglichen Verbindung des schildernden und des erzählenden Elements. Was hier notwendig gewesen wäre, Kulturdurchschnitte der einzelnen Perioden deutscher Geschichte zu geben, das lag weit über dem Vermögen jener Zeit. Rhenanus hat die Aufgabe erkannt, Aventin hat sie in eigentümlicher Beschränkung, aber mit genialer Intuition angegriffen, von denen, die dann den Humanismus zu überwinden suchten, hat sie einer in seiner Weise gelöst, Sebastian Pranck. Auch der Plan einer lokalen Arbeitsteilung, wie ihn Aventin entwickelte, ging über die Kräfte des deutschen Humanismus. Er hätte höchstens in der Art durchgeführt werden können, wie es Celtis vorhatte, als er sich Beschreibungen aus Tirol und Mähren erbat, die dann doch wohl ähnlich in seinem Werke gestanden hätten, wie die Beiträge, mit denen Münster die späteren Auflagen seiner Kos-mographie immer mehr ausgestaltete, und das Kaiserbuch Peutingers [195] Die Grunde für das Scheitern der Germania illostrata. 195 hätte sich nicht weniger von seinem Werke unterschieden wie der Geschichtsabriß Brieffers von dem Münsters. Aventin aber war viel zu sehr ein Sohn seines Stammes, als daß er es nicht vorgezogen hätte, auf eigene FauBt sich seinen Weg durch das Dickicht deutscher Vorzeit zu bahnen. – Die Gemeinschaft der Humanisten war eben viel mehr eine der Gesinnung als eine der Methode, und auch da ist es auffallend, wie wenig die Arbeiten der einen den andern wirklich zugute kommen. Die Frage nach dem Deutschtum Karls des Großen wird von Wimpfeling biB Münster fast immer mit den gleichen Argumenten behandelt, Quellen, die längst gedruckt sind, werden als neu ans Licht gezogen, noch Lazius hält es für nötig, den Eiuhard zu entdecken. – Die Keime, die in dem Plan der Germania illustrata lagen, sind eigentlich erst durch ihre Loslösung aus diesem Zusammenhang fruchtbar geworden. Da erwachsen die Beschreibungen der Schweiz von Glarean und Vadian, die Austria Cuspiniaus, die berühmte Schilderung Baierns von Aventin. Die genealogischen Bestrebungen aber, die Celtis seinem Plane hatte dienstbar machen wollen, führen ihr eigenes Leben am Kaiserhof Maximilians, und hier ist aus ihnen auch die einzige deutsche Kaisergeschichte erwachsen, die der Humanismus hervorgebracht hat. [196] VII. Die humanistische HofgescMchtschreibung unter Kaiser Maximilian. Überblickt man die Masse der literarischen Hervorbringungen des deutschen Humanismus, so scheint es, als schlössen sie sich alle um einen einzigen Mittelpunkt zusammen: Maximilian. Auf Tausenden von Widmungsblättern prangt sein Name. Von den philosophischen Spekulationen Picos von Mirandula bis zu dem deutschen Livius und Vegetius ist nichts, wofür man ihm nicht Interesse zutraut. Und es ist nicht bloß ein empfangendes Mäzenatentum, das man ihm zuschreibt. Was CuBpinian aussprach, das war die allgemeine Meinung des humanistischen Chorus: Eius ductu literae Hebraicae, Graecae ac Latinae, elegantiores quoque disciplinae quasi in Germania primum ortae sunt ac paulatim succreverunt et tandem vi ac impetu quodam eruperunt.1) Max ist wenigstens für die deutschen Humanisten selbst der Schöpfer dieser ganzen humanistischen Kultur. Man wird auf das Lob von Leuten, die selbst an dem schläfrigen Friedrich HI. allerlei mäzenatische Interessen zu entdecken wußten, nicht viel geben. Aber das ist sicher: Maximilian hat die humani stische Kultur in Deutschland zwar nicht geschaffen, aber er hat sie mit der lebendigsten Anteilnahme erfaßt und gefördert. *“ (\/ Aber kommt er auch von ihr her? Oder gehört er ihr auch nur /innerlich an? Allerdings, er liest den Cäsar und spricht Latein trotz schlechter Jugendbildung, wie Beatus Rhenanus von ihm rühmt, er sammelt Münzen und Inschriften, wie die Päpste und die italienischen Tyrannen. In seinen Schlössern in Graz und Cilli stehen Grabsteine römischer Legionare, einen in Ettlingen gefundenen Neptun hat er 1511 nach Weißenburg, einen Herkules aus der Reichenau nach Innsbruck führen lassen.2) Wenn er 1499, mit Pirckheimer auf der Fahrt über den Bodensee, einem Schreiber Stücke einer Selbstbiographie im „Reuterlatein“ diktiert, so mochte dieser wohl an Cäsar denken, wenn er mit Aldus Manutius über die Errichtung einer Akademie in Maximilian und der Humanismus. [197] 197 Wien verhandelt oder das Poetenkolleghim im Sinne der „alten Kaiser, seiner Vorgänger“ stiftet, so konnte man an einen deutschen Augustus glauben.8) \ Aber doch ist dies alles für Maximilian nur ein Gewand, in dem er nie ganz heimisch wird. Der Herrscher, der sein Privatleben in einem allegorischen Gedicht und sein öffentliches in einem Ritterroman beschreibt, der das Heldenbuch zusammenstellen läßt und uns damit die Gudrun erhalten hat, der in Schloß Runkelstein die alten ge malten Geschichten vom Tristan erneuert und ein Werk über Feirefis plant*), steht_anders zu den geistigen Strömungen der Zeit, als etwa die Tübinger um Bebel, die über die inepta carmina von Dietrich von Bern und von dem Riesen Pasolt spotten, und auch anders als Celtis und sein Kreis. ~ Von der Überzeugung, die auch die deutschesten der Humanisten beseelte, daß man eben doch die angeborene Barbarei abtun müsse, um in das Reich der wahren Bildung einzugehen, ist keine Spur bei ihm. In einer überaus merkwürdigen Stelle seiner autobiographischen Aufzeichnungen5) erzählt er, wie er sich als Knabe dagegen gesträubt habe, von seinem Lehrer ,>in poetica ac aliis artibus liberalibus“ unterwiesen zu werden; er wollte lieber Geschichten von hochgemuten Königen hören und die weltlichen Künste lernen, die man außerhalb der Schule Bich erwirbt. – So ist er geblieben. Wenn er Bich zu Worms von den Fürsten in seinen Königsrechten bedrängt sieht, dann fällt ihm kein Vergleich aus der Antike ein, sondern er sagt, er wolle kein Herrscher sein, den man, wie weiland König Günther, gebunden an die Wand henken könne, er läßt auf demselben Reichstag nach den Gebeinen des hürnenen Siegfried graben6), und wenn er um sein Grabmal die Erzbilder seiner Ahnen und Lieblingsgestalten versammelt, so sind darunter König Artus und Theoderich. Maximüian^eigentliches Wesen wurzelt doch, wie es der Beiname „der letzte Ritter“, oder wie man auch hat sagen wollen, „der letzte Epiker“, richtig ausspricht, in^der mittelalterlichen Kultur des Rittertums, und diese ist bei ihm eine ähnliche Verbindung mit dem Humanismus eingegangen, wie bei den burgundischen Ahnen seiner Gemahlin oder bei den Estes, die Ariost beschützten. Vielleicht hat er damit gerade die zukunftsreichsten Triebe des deutschen Humanismus gefördert – poetisch war auch an den Allegorien des Teuerdank doch mehr als etwa an der albernen Göttermaschinerie, die Richard Bartholinus in seiner Austrias in Bewegung setzte –, aber wir werden doch, auch auf dem Gebiet der Geschichtschreibung, wenn wir recht 198 [198] Maximilian und die Geachichtschreibung. scheiden wollen, aus der Menge humanistiBcher_J3kfcejaehmungent_ die sich an seinen Namen hängen, diejenigen, denen er ihn nur geliehen hat, von denen sondern müssen, die wirklich aus seinem Geiste hervorgegangen sind. Und da verengt sich der Kreis. Wir sahen, wie er auch der Protektor der Germania illustrata geworden ist. Beatus Rhenanus berichtet, daß er Belohnungen auf die Auffindung alter deutscher Urkunden gesetzt habe, Melanchthon auf Grund von Äußerungen des Stabius, daß Maximilian eine deutsche Chronik aus den widersprechenden Nachrichten der Provinzialgeschichten habe zusammenlesen lassen wollen.7) Aber es gibt keine Beweise dafür, daß diese Pläne auch nur angerührt worden sind, und den Gedanken der Germania illustrata hat Celtis, wie wir sahen, nach Wien gebracht, und er ist mit ihm von dort verschwunden. Aber es gibt von Celtis noch einen anderen historischen Plan: Er wollte eine Theodericeis schreiben, ein Epos auf den Gotenkönig, das zugleich eine Geschichte Deutschlands enthalten hätte8), – wenn er den Gedanken dazu nicht von Maximilian erhalten hat, so hat er ihn ganz aus seinem Geiste erfunden. Denn das historische Interesse des Kaisjers richtete sich zunächst auf seine und seiner Vorfahren Taten, die ihm Jakob Mennel noch auf dem Sterbebette vorlesen mußte, und es blieb im letzten Grunde – das hat schon Cuspinian gut gesehen9) – ein genealogisches. Freilich genealogisch im weitesten Sinne, das ihn einerseits, wie bei dem Innsbrucker Grabmal, über die Ahnherrn des eigenen Hauses hinaufführt zu Gottfried von Bouillon, Theudebert von Burgund, Chlodwig, Theoderich und Artus – oder auch zu den „Heiligen des Hauses Österreich“, wie er sie in einer Holzschnittfolge darstellen ließ – und anderseits, wie in dem zweiten großen Denkmal, das er für den Speirer Dom plante10), auch ohne es vollenden zu können, zu seinen dort ruhenden Vorgängern auf dem Kaiserthrone, deren Reihe sich ihm so natürlich wie nur je einem Kaiserreihenschreiber des Mittelalters bis auf Cäsar fortsetzte. Die Geschichtschreibung Maximilians, die er selbst pflegt oder pflegen läßt, ist also, wie Heinrich TJlmann und Simon Laschitzer treffend gesagt haben10*), in erster Linie persönlich und dynastisch, in zweiter imperialistisch. In beiden Richtungen gab es Anfänge aus früherer Zeit. Besonders reich waren die Vorarbeiten auf dem eigentlich genealogischen Gebiete. Schweizer, Sehwaben und Österreicher hatten sich wetteifernd bemüht, dem kleinen ’aargauischen Grafen geschlecht einen möglichst erhabenen/Ursprungzu sichern. Aber weder die Hypothese Die Genealogien, [199] 199 von den zwei feindlichen römischen Brüdern aus dem Geschlecht der Pier Leoni, die vielleicht schon König Rudolfs Kanzler Heinrich von Klingenberg aufgebracht hatte11), noch Gregor Hagens Versuch, eine jüdisch-biblische Abstammungsreihe zu rekonstruieren, hatte sich halten können. Zwar war jene noch Heinrich von Gundel-fingen und mit einiger Veränderung auch Albrecht von Bonstetten brauchbar erschienen, die sich bereits als eine Art von Hofgeschichtschreibern an den Hof des Tiroler Herzogs Sigismund anschlössen, und die Ansicht Hagens hatte in Ebendorfer einen Erneurer gefunden, aber die Herleitung der Habsburger von einem „guten und alten Geschlecht“ in Rom war für Maximilians genealogischen Ehrgeiz sicher ungenügend und gegen Gregor Hagen hatte Enea Silvio seine vernichtenden Angriffe gerichtet Eine Zeitlang scheint man von der Gelehrsamkeit des Nauklerus eine Lösung auch dieser Frage gehofft zu haben, aber der setzte in seine Chronik nur eine kurze Bemerkung Über die Unsicherheit all dieser Phantasien.12) So blieb die Arbeit der Hofgeschichtschreibung Maximilians vorbehalten, und es entsprach der Natur des Kaisers, daß er die Aufgabe auf breitester Grundlage zu lösen suchte. Wichtig war es für diese Bestrebungen schon, daß Maximilian das Amt eines Hofhistoriographen schuf. In Frankreich und Bur-gund’vm^das schoiPälter, liber für Deutschland ist, soweit ich sehe, Maximilian mit der Schaffung eines solchen Amtes vorangegangen, er hat dann bald bei den Wettinern in Wittenberg und den Witteisbachern in Heidelberg und München Nachahmung gefunden. Von vornherein hat sich Maximilian die genealogische Verherrlichung seines Hauses in doppelter Form gedacht; es sollte ein Stammbaum und eine Stammchronik entstehen.13) Wie jedes im einzelnen geplant > war, bleibt dunkel, aber wir dürfen wohl annehmen, daß der Stammbaum nur eine in der Weise der Zeit bildlich darzustellende Genealogie, höchstens mit kurzen Belegen aus den Chroniken, die Stammchronik aber, wie Max es einmal ausdrückte, aller Habspurger und Österreicher lob, nobilitatem, prudentias, dexteritates bis auf den Kaiser selbst erhalten sollte14), also etwas, wie es Ebendorfer schon mit seiner Heraushebung der qualitas seiner Herzoge und seiner folgenreichen Beinamenerfindung versucht hatte, und wie es dem Kaiser an den burgundischen Chroniken so gut gefiel. Zunächst scheint der Ravensburger Ladislaus Suntheim der Vertrauensmann Maximilians gewesen zu selrL EFhatte schon 1491 den Text zu einer Genealogie der Babenberger geliefert, er kam zu- 200 [200] Die Genealogien SimtheiniB und Mennels. dem vom Hofe des Tiroler Erzherzogs Sigismund her, wo man den Humanismus nicht viel anders anschaute als Max selbst. Er wurde dann auch, wohl 1498, ausdrücklich zum „Chronikmacher“ oder „Chronik-meißter“ Maximilians ernannt. Wie sich Max sein Geschäft vorstellte, verrät ein charakteristischer Eintrag in seinem Gedenkbuch, der sich doch wohl auf die Anfänge von Suntheims Tätigkeit bezieht. „Herr Lasla priester soll die österreichisch, sachsisch und bairisch Chroniken zusammenstimmen.“ Also die „cöneordia chronicarum“ ist das Ziel, hier für die genealogische Forschung15), wie sie es für den älteren Humanismus überhaupt ge* wesen ist. – Suntheims Eigenart kennen wir. Aber auf dem beschränkten Gebiet, das ihm Maximilian zuwies, war er ein wirklicher Forscher, der Fragen, wie die Ausdehnung des alten Herrschaftsgebietes der Zähringer mit Umsicht behandelte. Aber er scheint Maximilian zu langsam und zu bedächtig gewesen zu Bein, auch war er ein alter Mann, als sich der Kaiser diesen Arbeiten energisch zuwendete, und so ist er als des „römischen Königs Chronist“ bald gegen den Bwg^z^J^obMennel jsurückgetretenii)- ~~Mennel hat als seinen Lehrer Nauklerus bezeichnet17), aber dieser hat keine Ursache gehabt, auf den Schüler stolz zu sein – Mennel ist, soweit wir sehen können18), einer der_geringsten-Geisterr die damals_ den „Trieb in sich fühlten, jetwas Historisches z_u schaffen. Er ist, wie er selbst sagt, mit Legendenlesen groß geworden, und die erste „historische“ Arbeit, die er 1503 Maximilian widmete, war eine Zusammenstellung der Vor- und Wunderzeichen der älteren und neueren Zeit.19) Dann bot er sich als Mitarbeiter bei den genealogischen Plänen des Kaisers an und ist dann auch in seinem Auftrag jahrelang weit „umgeritten“, um das Material für Stammbaum und Stammcbronik herbeizuschaffen. Er hat dabei wohl eine Vorstellung davon, daß hier „brieff, register, rödel, seelbuecher und schrifften“ bisweilen noch wichtiger sein könnten, als die oft „einander widerwertigen Cronichisten“, er achtet auf Särge, Grabsteine, Inschriften von alten „Porten und Thürnen“20), er hat also den Wunsch, die habsburgische Genealogie ebenso auf das urkundliche Material zu gründen, wie wir es bei Peu-tinger für die Kaiserreihe sehen werden, aber er ist dazu nicht entfernt imstande. Er betrachtet die Geschichte als einen großen Gerichtshandel, bei dem er im Stile der Zeit Zeugen abhört und sich möglichst viel Briefe und Siegel produzieren läßt, im übrigen aber das ganze Material scholastisch zusammenstellt. Und so sehen wir ihn denn bald ebenso willig die Chroniken „zusammenzustimmen“, um Mennel und Stabius. [201] 201 den Habsburgischen Stammbaum zunächst an den der Frankenkönige anzuknüpfen und diesen dann mit den alten Mitteln der Trojanersage bis zu Priamus und Hektor hinaufzuführen. Er hat denn auch den Hunibald des Trithemius als willkommene Bestätigung seiner Phantasien freudig aufgenommen, und es ist wohl kein Zweifel, daß Maximilian ihm darin gefolgt wäre, wenn nicht durch Johann Stabius“) die Kritik eingesetzt hätte. Stabius hat damals nicht nur die eingehende Untersuchung des Tritheimschen Nachlasses veranlaßt, der das Truggebilde des Hunibald wenigstens für den Wiener Kreis vernichtete, er hat auch gegen die Suntheim-Mennel-Tritheimschen Genealogien den einzigen Einwand erhoben, dessen die Kritik damals fähig war: er fand, daß sie chronologisch für die beanspruchten Zeiträume nicht ausreichten und in den für die Abzweigung entscheidenden Gliedern aus der gleichzeitigen Überlieferung nicht erwiesen werden könnten.32) Aber dann ist doch auch er selbst der genealogischen Phantasterei erlegen. Ja, er scheint es sogar für nötig gehalten zu haben, seinen ßivalen zu übertrumpfen. Sein Werk ist ein Stammbaum, der bis auf Noah zurückgeht. Hier ist dann Maximilian selbst oder vielleicht erst sein Narr, Knnz von der Rosen, verständiger gewesen als der gelehrte Humanist.28) Aber auch Mennel auszustechen, ist Stabius nicht gelungen. Mennel erscheint dem Kaiser doch als_ dergeeignetste Mann, die Heiligen des Hause8_Osterreich zu beschreiben. Er hat auch nach der Kritik des Stabius 1518 das Ganze seiner genealogischen Forschungen in einem umfangreichen „Geburtsspiegel“ zusammenfassen dürfen und dann nach Maxens Tod seine Weisheit kleinweise unter das Volk gebracht. In dieser popularisierenden Tätigkeit erinnert er an Sebastian Brant, mit dem er ja auch bei den Arbeiten für die Heiligen und die Genealogie in persönliche Beziehungen getreten ist24), doch wird man ihn geistig tiefer stellen müssen. Seinen Standpunkt mag es bezeichnen, wenn er in seinem „Keyserall und Papstall“ 1522 zum Nachlesen gleichmäßig die Chronik des Hermannus Contractus, die Papstleben des Piatina und die berüchtigten Betrügereien des Zwickauer Arztes Eras-mus Stella empfiehlt.25) Die Geschichte hat an all diesen Arbeiten nicht viel gewonnen, auch an denen des Stabius nicht, es muß uns genügen, daß aus ihnen in gewissem Sinne die Holzschnitte der Ehrenpforte Albrecht Dürers, der Genealogie und der Heiligenieihe Hans Burgmairs und Leonhard Becks und schließlich auch die Erzfiguren Peter Vischers in Innsbruck hervorgegangen sind. – 202 [202] Der Gedanke eines Kaiserbuchs. Neben den genealogischen Projekten des Kaisers finden wir schon in seinem vierten „Gedenkbüchl“, das in die Jahre 1508–1515 gesetzt wird, unter den beabsichtigten Werken an erster Stelle ein Kaiserbuch. Das war das literarische Denkmal, das den Speirer Bildwerken an die Seite treten sollte. Wir können auch diesen Plan weit zurückverfolgen, über Maximilian hinaus. Schon Thomas Eben-dorfer schrieb im Auftrag Friedrichs HI. eine Chronica regom Ro-manorum, erst von hier aus ist er zu seiner österreichischen Geschichte gekommen. Mit Maximilian und dem Humanismus tritt aber auch diese historische Aufgabe unter einen neuen Gesichtspunkt. Bestrebungen scheinbar entgegengesetzter Art wirken dabei zusammen. Es scheint ein Widerspruch, daß der Humanismus einerseits den deutschen Charakter des Kaisertums seit Karl dem Großen mit allen Mitteln verteidigt und die deutsche Auffassung der Kaisergeschichte gegen die italienisch-päpstliche hervorkehrt und anderseits den größten Wert darauf legt, diese deutsche Kaiserreihe an die römische anzuknüpfen und sogar in der Behandlung der beiden möglichste Gleichförmigkeit anstrebt. Aber das wird nicht empfunden, von den Humanisten so wenig wie etwa von Lupoid von Bebenburg, der ja auch ein gut Teil seiner Beweisführungen für ein selbständiges deutsches Kaisertum auf die Nachfolge im römischen Imperium gründet, und trotz aller Bemühungen um einen Anfang deutscher Geschichte dachte auch von den Humanisten niemand, der von deutschen Kaisern handeln wollte, daran, die Verknüpfung mit der römischen Kaiserreihe aufzugeben. Der Drucker, der 1505 Wimpfelings Epitome ans Licht gab, stellte ihm das Breviarium des sog. Sextus Aurelius Victor, das eine Kaiserreihe von Augustus bis Theodosius enthielt, voran und ließ den Liber Augustalis des Benvenuto von Imola86) folgen, den Laurentius Abstemius damit verbunden hatte. Er enthielt wieder eine Kaiserreihe, diesmal von Cäsar bis zu Maximilian. Benvenuto selbst war bis zu Wenzel gelangt, die vier Skizzen für Ruprecht, Sigismund, Abrecht IL und Friedrich III. hatte kein Geringerer als Pius IL hinzugefügt87); die Bemerkungen über Maximilian kommen wohl auf Rechnung des Abstemius selbst. So war eine doppelte Vorhalle für das Wimpfe-ling-Murrhosche Werk entstanden und historischer Lesestoff von Christi Geburt bis zur Gegenwart geboten. Der Gedanke einer solchen Zusammenstellung von Altem und Neuem blieb den Humanisten geläufig. Noch 1520 hat Beatus Rhenanus seiner Ausgabe der lateinischen Panegyriker auch die modernen des Hermolaus Barbaras, Erasmus, Pan-dulfus Collenutius usw. auf Friedrich, Maximilian und die Ihren hinzu- Egnatius’ De Caesaribus. [203] 203 gefügt, um, wie er sagte, mit dem Neuen das Alte zu retten.28) Aber das waren Behelfe. Das Feld für ein wirkliches Kaiserbuch blieb frei, und wie es natürlich war, daß ein Kaiser, der sich nicht ungern Maximus Aemiliauus nennen ließ, gerade ein solches Werk immer wieder entstehen zu sehen wünschte, so drängten die Münz-und Inschriftenforschungen der Humanisten zu neuen Darstellungsversuchen. Schon Johann von Dalberg muß auf Grund seiner Münzsammlung „Caesares“ geplant haben.29) Sie sind schwerlich fertig geworden, aber Peutinger, der sich danach erkundigte, nahm den Plan auf breiteren Grundlagen wieder auf, und neben ihm treffen wir Johann Huttich, Johann Fuchsmag und Cuspinian am gleichen Thema. Schon 1507 weiß Wimpfeling, daß Maximilian einen „Bildersaal deutscher Ahnen“ plane. Es kann doch kaum etwa anderes als das Kaiserbuch gewesen sein, das mit Münzbildern, etwa von Dürers Hand ins Große übersetzt, zu illustrieren gewesen wäre, wie es dann Peutinger -und Cuspinian wirklich anlegten.30) Fast aber schien es, als sollte auch hier italienische Formgewandtheit der deutschen Gründlichkeit zuvorkommen. 1517 ließ der Vene-tianer Johannes Baptista Egnatius, ein Schüler Angelo Politia-nos und als Philolog längst von Ruf, seine drei Bücher De Caesaribus a dictatore Caesare ad Constantinum Palaeologum, hinc a Carolo Magno ad Maximilianum Caesarem erscheinen.81) Da war nun eine moderne Reihe von Kaiserbiographien, nach einem Gesamtplane gleichmäßig durchgeführt, in eleganter, oft rhetorisch wirksamer Sprache, das meiste kurz zusammengefaßt, aber doch auch nicht ohne interessante Einschöbe, wie über den Ursprung von Byzanz, über das Arsacidenreich, die Türken, über Mahomed und die „Captivitas Romae“ von 410, Dinge, auf deren Neuheit die Vorrede gebührend hinwies. Überdies war das Buch unzweifelhaft mit Rücksicht auch auf deutsche Leser geschrieben, wenn es auch einem Franzosen gewidmet war, die Kaiser von Karl dem Großen bis Arnulf32) als Gallier erscheinen und der Verlust des Imperiums mit Otto dem Großen als Schmach für Frankreich betrachtet wird. Denn dies hat den Egnatius ebensowenig wie sein italienischer Patriotismus gehindert, die meisten deutschen Kaiser in sehr günstigem Lichte zu sehen. Er findet, daß an ihnen doch viel mehr Lobenswertes sei als an den schismatischen Byzantinern, sogar in ihrem Verhältnis zu den Päpsten.83) Er sagt von Heinrich V., sein Wesen sei mehr List als Mannhaftigkeit gewesen, was doch sonst bei den Germanen nicht gewöhnlich sei. Bei den 204 [204] Wert des Werks des Egnatius. Staufern hat ihn weder ihr Kampf gegen die Kirche noch der gegen Italien in seinem Streben nach Unparteilichkeit wankend gemacht^ selbst Sigismund möchte er den Karlen und Ottonen gleichsetzen, wenn er zu den Künsten des Friedens, in denen er hervorragte, auch Glück im Kriege gehabt hätte. Aber Gesinnung und Stil sind denn auch das Beste an dem Werkchen, für die historische Erkenntnis war der Fortschritt gering. Egnatius betonte zwar eifrig, daß er über die Einnahme Roms durch Alarich dem Prokop mehr als Biondo entnommen habe, daß er für die Byzantiner als erster Zonaras, Niketas Choniates und Christodulos-heranziehe, aber im übrigen geht er auf gebahnten Wegen. In dem Abschnitt, wo wir ihn mit Leto vergleichen können, ist dieser ihm weit überlegen, und es stimmt nicht günstig für Egnatius, daß er trotz, offenbarer Abhängigkeit von seinem größeren Vorgänger ihn niemals nannte.84) Speziell für die deutsche Geschichte beruht er überwiegend auf Biondo, Piatina und Enea Silvio, also denselben Quellen, die der Geschichtsabriß von Murrho-Wimpfeling bot; es scheint sogar, als habe er diesen selbst herangezogen,85) Kritik ist seine Sache nicht. Nur wo ihm andere vorgearbeitet haben, wie bei der Taufe Konstantins und seiner Schenkung, äußert er bedächtige Zweifel, anderes, wie das dreijährige Interregnum zwischen Heinrich II. und Konrad IL oder die Ermordung Friedrichs IL durch Manfred, hat ihm kein Bedenken erregt,, den Seesieg der Venetianer Über Otto, den Sohn Barbarossas, vermag er nicht preiszugeben, „etsi scriptorum variet fides“. Das Buch des Egnatius ist als ganz frische literarische Neuigkeit durch Ulrich von Hütten noch im Jahre des Erscheinens nach. Deutschland gekommen, Egnatius hielt es für geeignet, sich dadurch dem ErasmuB zu empfehlen. Er blieb mit deutschen Humanisten in enger Verbindung, so mit denen des Basler Kreises, Beatus Bhenanus, Glarean, auch mit Zasius, besonders aber mit Pirckheimer, der ihm die Gründe der Blüte und des Verfalls deutscher Reichsstädte auseinandersetzte und bei dem Italiener in hohem Ansehen stand.86) Aber wir bemerken-nicht, daß die-Caesarea in Deutschland gewirkt haben,, höchstens daß man gelegentlich das Urteil des EgnatiusÜber deutsche Kaiser als das eines lobenden Ausländers zitiert oder auch trotz seiner Bemühungen als ungerecht empfindet.87) Nicht einmal Johann Huttich hat sich dadurch abhalten lassen, 1526 sein in Inhalt und Form ziem* lieh ähnliches Kompendium herauszugeben.38) Die Absichten Peutinger* und Cuspinians gingen von vornherein weiter und tiefer. [205] Peutinger und die historischen Pläne Maximilians. 205 In der Anlage ist PeuJingers Kaiserbuoh89) unstreitig das_ interessantere Werk. Wir sahen bereits, wie es aus seinen Inschriften-, Münz- und Urkundensammlungen herauswuchs, wie Peutinger sich zunächst das einfache und klare ^iel steckt, die chronikale Überlieferung durch urkundliche ^Zeugnisse zu bestätigen oder zu korrigieren. Vielleicht hätten wir ein solches Werk von Peutinger, wenn er Gelegenheit erhalten hätte, es 1505 als Bestandteil der Germania illu-strata des Oeltis erscheinen zu lassen. Wir sahen, daraus ist nichts geworden, und bald drängen sich andere Bestrebungen hinzu. Peutinger muß, obgleich er nicht am Kaiserhofe lebt, doch durchaus in den Kreis der Hofgeschichtschreibung Maximilians gestellt werden. Kein anderer der bedeutenden Humanisten außerhalb Wiens steht so im Bannkreis der eigentlich Maximilianischen Unternehmungen. Das ist um so merkwürdiger, als Peutinger dem Kaiser viel weniger wesensverwandt war als Celfcis und Pirckheimer und auch in seiner Geistesrichtung sich stärker von ihm unterschied. Wie der ganze Augsburger Humanismus, erscheint er klassischer oder mindestens antikischer gewendet als^ Max. Innerlich zusammengefunden hat er sich mit dem Kaiser wohl nur in der Vorliebe für die Werke der italienischen Astrologie, deren Vermittler er geworden zu sein scheint, und besonders charakteristisch wäre es, wenn wir seine Ablehnung des Teuerdank aus einem tieferen Grunde herleiten könnten.40) Aber Peutinger hatte viel zu wenig Eigenart, um solche Neigungen und Abneigungen zu wirklicher Persönlichkeit auszubilden, und so erscheint er ganz als das^ ausführende Organ des Kaisers. Er ist wohl noch mehr als Stabius das historische Orakel Maximilians. Er ist es, den man fragt, wie der Kaiserin Leonore Vater geheißen hat, oder ob der König Zwentibold – Kaiser Arnulfs uneheliches Kind – in die kaiserliche Genealogie zu setzen soi41), und wenn Maximilian die epigraphischen und numismatischen Forschungen Peutingers tatkräftig förderte, ja vielleicht erst durch ihn ernsthaft für dies Gebiet interessiert wurde, so durfte anderseits Peutinger es auch nicht unter seiner Würde finden, hundert Frauennamen für Seiner Majestät „scharpffe Motzen“, d. h. die neuen Geschütze zu suchen und insbesondere nicht müde werden, all den tausend historischen Kleinigkeiten nachzuspüren, die Maximilians unermüdliche Fragelust ihm hinwarf. So ist auch sein Kaiserbuch ein buntscheckiges Ding geworden, schwankend zwischen Genealogie, Biographiensammlung und Regestenwerk, und man merkt es den vielen Entwürfen und den zahllosen Korrekturen, die auch in den Reinschriften noch angebracht sind, an, 206 [206] Peutingers Kaiserbuch. wie sich dem Verfasser Rahmen und Inhalt der Darstellung beständig verändern. Immerhin lassen sich auch so einige Grundzüge Peutinger-scher Arbeitsweise erkennen. Was geschaffen werden soll, ist eine Reihe von Kaiserporträts von Cäsar bis Maximilian, die nicht in breiter historischer Erzählung zu geben sind, sondern die zusammenfassende Kürze einer Gedenkschrift anstreben und deshalb, auch wo dies nicht möglich ist, den Stoff der einzelnen Biographie nicht chronologisch, sondern nach Materien zu ordnen streben. Das sieht man sogleich bei Cäsar, aber dann auch bei Karl dem Großen und Friedrich Barbarossa. Der eigentlichen Biographie folgt ein Abschnitt De uxoribus et filiis, diesem dann bei den Kaisern des Altertums In-scriptiones et Numismata, bei den deutschen sind Urkunden oder Urkundenzeilen vorangesetzt oder nachgestellt. Es ist diese systematische Verwendung der Urkunden, die Peutingers Werk einen eigenartigen Charakter gibt. Er ist da in seinen Absichten weit über seine Zeit hinausgeschritten, die Ergebnisse sind freilich noch dürftiger, als es hätte sein müssen. Peutinger hat die Urkunden zunächst benutzt, um die Zeit des Regierungsantritts, der Kaiserkrönung, des Todes der einzelnen Herrscher festzustellen.42) So korrigiert er nach einer Preisinger Urkunde das Jahr des Regierangsantritts Heinrichs I. aus 920, was auch noch Nauklerus bot, in 918,48) bei Otto IH., wo eine lokale Augsburger Überlieferung4*) als Todesjahr 1011 angab, hat er nach den Urkunden 1001 hergestellt. Daß er beide Male die Zählung der Regierungsjahre unrichtig reduziert hatte, konnte er nicht wissen. Bedenklicher mußte es ihn machen, wenn er in Altaich auf eine Urkunde stieß, in der Heinrich II. schon 1009 imperator heißt.45) Daß sich die Urkunde ebendadurch als Fälschung erweise, konnte ihm nicht in den Sinn kommen. Er schließt vielmehr, daß Heinrich schon vor seiner Krönung in Rom den Kaisertitel geführt habe, einem Zeitgenossen Maximilians mußte dies ja auch begreiflicher sein, als es etwa der vorigen Generation gewesen wäre, und daß es zu anderen Theorien Peutingers paßt, wird sich zeigen. Doch in erster Linie bätte es sich für Peutinger darum gehandelt, die Urkunden für die eigentliche Darstellung nutzbar zu machen. Hier nun ist der Umfang des Materials, über das er für die einzelnen Herrscher verfügt, ebenso verschieden, wie die Benutzung. Während er für die Karolinger nicht nur zahlreiche Urkunden, sondern auch die Kapitulariensammlung des Ansegisus und so wichtige Aktenstücke Das urkundliche Material im Kaiserlrach. [207] 207 wie die Divisio imperii von 806 und die Exauctoratio Ludwigs des Frommen von 833 kennt und richtig verwertet,46) muß er sich bei Heinrich IV. bereits mit den Dokumenten begnügen, die Ekkehard47) und Fiatina ihm boten, und auch hier hat er so Bedeutsames, wie die promissio Canusina, die er bei Piatina fand, fortgelassen. Seine Art zu arbeiten Bieht man gut an der Benutzung der Kapitulariensammlung des Ansegisus. Hier hat er von vornherein nur notiert, was das Verhältnis der geistlichen und weltlichen Gewalt betrifft – man sieht, daß er diesem sein Hauptinteresse zuwendet, – dann aber muß er bemerkt haben, daß mehrere dieser Stücke auch im Corpus iuris canonici stehen, und nun hat er in seinen ursprünglichen Exzerpten alles wieder gestrichen, was ihm hier nicht begegnete, dafür aber aus dieser neuen Quelle eine Stelle aus einem Brief zugesetzt, den Papst Nikolaus I. nach seiner Meinung an Ludwig den Frommen geschrieben haben sollte. Wie hier, so bleiben auch sonst seine chronologischen Anschauungen trotz aller Bemühungen unsicher. Er kennt, wie manche seiner Zeitgenossen,48) das Gebetbuch Karls des Kahlen in Regensburg und. teilt die Inschrift daraus mit, aber er schwankt zunächst, ob er sie nicht zu Ludwig dem Frommen schreiben lassen soll. Ebenso hat er bei Friedrich I. und Friedrich H. dasselbe „Epitaphium in Tyro“49). Er meint, Heinrich V. sei von seinem Vater auf Rat Gregors VII. abgefallen und hißt auf den Kreuzzug Friedrichs H. mit einem postea den Handel mit Friedrich dem Streitbaren von Österreich folgen, trotzdem er für beide Ereignisse die richtigen Jahreszahlen 1229 und 1237 hat. Das zweijährige Interregnum zwischen Heinrich H. und Konrad IL, das Beit Piatina alle Darstellungen boten, hat er trotz aller urkundlichen Beifügungen nicht beseitigt50) und in der Geschichte Heinrichs IV., die ihm doch wiederum bei Piatina leidlich geordnet vorlag, eine fast unglaubliche Verwirrung angerichtet. Man wird kaum daran zweifeln können, daß diese Mängel ihren Grund nicht in dem Zustand des Manuskripts, sondern in der Unfähigkeit Peutingers zu wirklicher Geschichtschreibung haben. Er verfügt, wie das bei der Ausdehnung seiner literarischen Beziehungen natürlich war, auch über ein bedeutendes chronikales Quellenmaterial: er kennt für Karl den Großen Einhard und die Reichsannalen, für Ludwig den Frommen Thegan, für die späteren Karolinger Regino, dann Hermannus Contractus, Ekkehard, Otto, Burkard von Ursperg. Aber an der schweren Aufgabe, aus diesen Quellen nun das Wichtige herauszuheben, ist er gescheitert. Bei Karl dem Großen tritt kaum 208 [208] Die Mängel des Kaiserbuchs. etwas mehr hervor, als die Bistumsemteilung des eroberten Sachsens und die Aufzählung der von ihm überall errichteten Klöster und Kirchen, bei Friedrich Barbarossa nehmen die territorialen Veränderungen von 1180 den Hauptplatz ein. Dabei aber steht seine Darstellung, obgleich sie Knappheit erstrebt, dennoch allen Fabeleien offen, die er am Wege findet. Er bringt nach Turpin den Zug Karls des Großen ins heilige Land, bei Otto I. fabelhafte Züge über seine Frömmigkeit, bei Otto III. nach Gottfried von Viterbo die Geschichte von seiner unkeuschen Gemahlin Marie von Aragon, bei Heinrich IL eine merkwürdige Anekdote von seiner Lahmheit51), läßt Heinrich HI. trotz Nauklerus von einem Grafen von Calw stammen und hat wenigstens in sein erstes Konzept aus Vinzenz von Beauvais das Histörchen aufgenommen, daß sich Heinrich V. nach Cluny zurückgezogen habe. Auch in einem anderen Punkte bereitet das Kaiserbuch eine Enttäuschung. Wir haben von Peutinger juristische Gutachten, in denen er sich aus Anlaß der bevorstehenden Kaiserwahl von 1519 eingehend über die deutschen Kronrechte geäußert hat, insbesondere über die Frage, inwieweit die kaiserlichen Rechte von der Krönung durch den Papst abhängig seien.BS) Auch im Kaiserbuch sieht man das Interesse für diesen Gegenstand durchblicken. Aber was Peutinger wirklich bietet, ist erstaunlich wenig. Man muß schon jene Gutachten heranziehen, um zu merken, daß er die angebliche Constitutio de expeditione Romana von 790 wohl hauptsächlich deshalb in das Kaiserbuch aufgenommen hat, um zu zeigen, daß Karl schon vor 800 kaiserliche Rechte in Italien geübt habe, und daß die Notiz des Kaiserbuchs bei Otto III., die Kurfürsten seien von ihm adsentiente Gregorio V. eingesetzt worden, eine Spitze gegen die päpstliche Theorie haben soll. Die Bemerkung, die er in einem dieser Gutachten gelegentlich hinwirft, daß Hermannus Contractus von der ganzen Sache nichts wisse, hat jedenfalls im Kaiserbuch keine Früchte getragen. Noch weniger bietet er dann in dem eigentlich kirchenpolitischen Streite. Auch hier ist sein Interesse zweifellos, er bringt das Wormser Konkordat und fügt sogar einen ganz klaren Exkurs über die Investitur an.BS) Aber bei den Papstein Setzungen Heinrichs HI. steht er im wesentlichen auf dem Standpunkt Piatinas5*) und bei Heinrich IV. sucht man vergeblich eine deutliche Vorstellung des Konflikts.55) Nimmt man dazu, daß er auch unter Barbarossa über den Frieden von Venedig mit einer fast nichtssagenden Bemerkung hinweggeht, so wird man diese Haltung nicht aus einem Zufall, auch nicht aus Johannes CuBpinian und sein Kaieerbuch. [209] 209 dem angestrebten monumentalen Charakter der Biographien erklären dürfen. Peutinger zeigt vielmehr auch hier die Unentschlossenheit der’Meinung, die in seinen theologischen Ausarbeitungen so unangenehm auffällt, die Vorsicht, die bei anderer Gelegenheit Ellenbog erfahren mußte, als er ihn bat, die Chronik seines Vaters, die allerlei Scharfes über die jüngste Vergangenheit enthalten zu haben scheint, herauszugeben.56) Daß er staufisch denkt, ist natürlich, wir wissen das überdies aus den Bandbemerkungen, mit denen er seine Exemplare des JakobuB von Bergamo und des Gaguin versah, aber im Kaieerbuch hat er bei der Erzählung vom Kreuzzug Friedrichs II., die er im übrigen nach Burkard von Ursperg gibt, dessen markige Schlußworte fortgelassen57), und beim Konzil von Lyon bringt er es nur zu einer schüchternen Parenthese zu Gunsten des Kaisers58), obgleich er die Briefe des Petrus de VineiB besaß und studiert hatte.69) Was hätte wohl Hütten zu Peutingers Werk gesagt, der schon mit dem vorsichtig abwägenden Urteil des Egnatius über den Streit zwischen Heinrich IV. und Gregor VII. so unzufrieden war? So hätte Peutingers Kaiserbuch, auch wenn es vollendet und gedruckt worden wäre, seinen Ruhm kaum vermehrt. Und mir scheint, daß es auch den Vergleich mit den Caesajres des Cnspinian nicht aushalten kann. Hier war vielleicht weniger gewollt, aber eben deshalb mehr geleistet. JohanneS-Jluapiiiianjis^)_ ist sicherlich die hervorragendste Erscheinung in dem Kreise der Maximilianischen Hofgeschichtschreibung, zugleich ein Vertreter der humanistischen, Vielseitigkeit, wie sie Deutschland doch seltener als Italien sah. Arzt im Hauptberufe ist er auch Staatsmann, Redner, Philolog und Historiker und nirgendwo nur Dilettant. Seine entscheidenden Anregungen erhielt er in dem Wiener Freundeskreise des Celtis, dem er 1508 auch die Trauerrede hielt.~EF war sein Landsmann und hat – wie Celtis selbst – sich oft der ostfränkischen Heimat gerühmt61), alle Interessen des Celtis sind auch die seinigen geworden. Insbesondere hat er von ihm gelernt, Länder und Völker mit historischem Blick zu sehen und Zeugnisse aller Art als historische zu schätzen, auch die Gedichte der Hrotsuita und den Ligurinus und das Epos vom Sachsenkrieg, Erzeugnisse, die ihm zwar immer noch etwas nach jenen barbarischen Zeiten schmecken, wo man es besser verstand, der Aufzeichnung Wertes zu tun als Getanes aufzuzeichnen, die ihm aber doch unverächtliche Quellen sind.68) Joachimson, GeschichUauffisenng etc. 14 210 [210] Die historischen Studien Cuspinians. Früh trat er auch zu den Vertrauten Maximilians und wurde von ihm in wichtigen staatsmännischen S^ndungenjerwendet. Von diesen aus ist er zu seinen historischen Werken gelangt. Seine Missionen in Ungarn, die 1515 ihren Abschluß in der Doppelehe im Hause der Habsburger und der Jagelionen fanden, haben Beine Aufmerksamkeit auf den Osten gelenkt und ihm die Byzantiner und die Türkenkaiser ebenso erforschenswert gemacht, wie die des römisch-deutschen Imperiums. Seit Biondo hatte niemand mehr den Blick so gleichmäßig auf die beiden Hälften des alten Römerreichs gerichtet. Damit aber bekommen auch seine philologisch-antiquarischen Interessen einen bis dahin unerhörten Umfang. Wir sahen, in einer wie bedeutenden Editionstätigkeit er steht. Bei dieser aber nimmt er nicht bloß, was sich ihm offen bietet, er spürt Verborgenem nach, und zwar planvoll. Er hat vielleicht von allen Deutschen die klarste Empfindung davon, daß die antike historische Überlieferung ein großes Trümmerfeld sei, in dem immer aufs neue gesucht werden müsse. Immer wieder bemüht er sich über das Erhaltene hinaus zu Verlorenem vorzudringen.63) Den vollständigen Ammian hat er zwar nicht gefunden, wohl aber die Chronik Cassiodors, und noch heute kennen wir die Ravennatischen Konsularfasten, die ihm dabei in die Hände fielen, als den Anonymus Cuspiniani.6i) Was er in der Bearbeitung dieser Quellen in seinen Consules geleistet hat, sichert ihm als philologischem Kritiker der römischen Geschichte denselben Rang, den Rhenanus für die deutsche beanspruchen darf. Vor allem aber hat er dem spätgriechischen und byzantinischen Schrifttum seine Aufmerksamkeit zugewendet. Er ist der ’erste, bei dem diese Überlieferung wieder breiter in die abendländische Geschichtschreibung hineinflutet. Er hat den Zonaras doch in ganz anderem Sinne als Egnatius entdeckt und seinen Wert gewürdigt65), und wenn es ihn auch noch nicht als Ausschreiber besserer Vorläufer erkennen konnte, so war er doch der Wahrheit nahe, wenn er den Verlust des vollständigen Cassius Dio beklagte, den er der kecken Unverschämtheit seines Exzerptors Xiphilinos Schuld gab.66) Für die deutsche Geschichte im besonderen ist auch ihm, wie Peutinger, die von Max eröflhete großartige Sammeltätigkeit zugute gekommen; wir hören, wie ihm der kaiserliche Befehl Bibliotheken und Archive öffnet67), und sehen die Früchte in seinen Arbeiten. Er hat Karolingerdiplome gesehen und die Urkunden für Bamberg, er weiß Emmeram in Regensburg als historische Fundstätte ersten Ranges zu würdigen.68) Viel hat ihm Stabius zugetragen69), Die QuellendiskuBsion. [211] 211 anderes andere Freunde, aber er durfte doch auch von sich selbst sagen, daß er ein fleißiger und unermüdlicher Anwalt der Vergangenheit sei, dem nichts zu gering dünkt, was der studierenden Jugend nützen könnte.70) Denn das ist nun das Auszeichnende seiner Tätickeil daß er sie in großartiger Weise als aufklarende auffaßt. Auch hier war Celtis vorangegangen mit seinen Vorträgen über Tacitus und den Ligurinus. Cuspinians historische Werke sind in der Form eigentlich auch nur niedergeschriebene Vorträge, sei es, daß er, wie in seinen Consules wirklich einen alten Text zugrunde legt und ihn mit Heranziehung aller ihm sonst bekannten Zeugnisse interpretiert, sei es, daß er, wie im Kaiserbuch eine mehr oder weniger ausführliche Biographie vorlegt und den Leser zur weiteren Belehrung auf die Quellen verweist. Damit kommt nicht nur ein erfrischender persönlicher Ton in die Darstellung, Quspinian^wird auch als erster zu einer kritischen Diskussion über Wert und Parteistellung der Quellen geführt. Bei den antiken Autoren war es längst Gebrauch, der Ausgabe eine Vita vorauszuschicken, die diese Fragen erledigte – das hat Cuspinian zunächst für Cassiodor nachgeahmt und ihn in der Einleitung seiner Consules mit eindringender Gelehrsamkeit gewürdigt, er hat, wie wir sahen, auch seiner Ausgabe Ottos von Freising eine solche Vita aus Enea Silvio beigegeben, dann aber hat er überhaupt seine Quellen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet. Wie er sich dabei auf umstrittenem Gebiete bewegte, das zeigen vielleicht am besten seine Bemerkungen zu Julian Apostata und zu Heinrich IV. Julian ist natürlich auch für ihn der Christenverfolger, und wenn er sich auch über das Lob, das Eutrop ihm gespendet hat, nicht mehr verwundert, wie Kauklerus getan hatte, so ist er doch, wenigstens in den Consules, geneigt, sich, wie Nauklerus, die orthodoxe Charakteristik des Gregor von Nazianz zu eigen zu machen. Aber daneben steht nun das Bild des sittenreinen, tatkräftigen, geistig hochstehenden Herrschers, das er aus Ammian gewinnt, und er empfiehlt diesen und den Panegyrikus des Mamertinus in erster Linie als Quellenlektüre, dann aber auch die Briefe und Reden des Kaisers, „quas nuper Aldus noster, graecae literaturae ingeniosissimus opifex, ne perirent, in mille exemplaria ex-cusa per orbem latinum emisit“. Bei Heinrich IV. aber, den er im übrigen ziemlich im kirchlichen Sinne charakterisiert, stellt er noch bemerkenswertere Erwägungen über die Quellen an. Berthold und Ekkehard stehen als wichtigste voran, „licet uterque ardentius quam conveniat pium imperatorem insectetur“; aber ehrlicher und unpar- 14* 212 [212] Die Polemik gegen die Italiener. teiischer findet er Sigebert und Otto, und er fügt zu diesen noch die Vita des Kaisers, „quam Ioannes meus Aventinus Reginoburgii in aede divi Hemerani reperit ac publicavit in studiosorum commodum cum epistolis quibusdam ad regem Franciae, principes et episcopos. Quae profecto studiosis sunt legendae, ut res gestas agnoscant“. Man sieht, wie viel freier er zu den Quellen steht als auch noch Nauklerus. So ist es auch mit seiner Polemik gegen die Italiener, die ihm bei den Staufern in den Weg traten. Sie sind ihm keine gewichtigen Autoritäten mehr, die man gelehrt widerlegen muß, und zumal den neuesten Vertreter des italienischen Patriotismus, Georg Morula, der es mit ihm schon durch seinen Tadel Ober Rudolf von Habsburg verdorben hat, behandelt er mit spöttischer Verachtung.71) Auch sonst ist er nicht leicht gewillt, sich einer Autorität gefangen zu geben. Es nimmt ihn gegen Biondo schon ein, daß dieser den Jordanes ausschreibt, auch Leto scheint ihm stark den Ammian nachzuahmen. Bei der Erörterung des Deutschtums Karls des Großen meint er, Lupoid von Bebenburg wie so manche Neueren hätten sich viel vergebene Mühe gegeben, eine Einigung der verschiedenen Angaben zu erzielen. Für ihn liegt die Sache einfach. Mögen die Franken immerhin aus den mäotischen Sümpfen gekommen sein, so haben sie sich am Rhein mit Germanen wie mit Galliern vermischt, von beiden Sitten und Sprache angenommen, und Karl ist eben ein germanischer Franke. Man sieht, warum ihn bei dieser Ansicht, die sich merkwürdig mit der des Jordanus von Osnabrück berührt, Tritheims Hunibald wenig stört, trotzdem er sonst gegen erlogene Stammbäume scharf sein konnte. Zumal den Aufstellungen der Juristen bringt er gründliches Mißtrauen entgegen, sie sind überhaupt nicht seine Freunde, und selbst der gelehrte Alciat muß darunter leiden.71’) Man darf nun freilich aus diesen kritischen Prinzipien Cuspinians noch nicht auf seine eigene Praxis schließen. Trotzdem er offenbar eine selbständige Darstellung erstrebt, ist er doch seinen Quellen auf weite Strecken treulich gefolgt, und Biondo, Piatina und selbst Egnatius haben ihm mehr dienen müssen, als er uns glauben macht. Auch darf man von ihm nicht fordern, daß er, wo ihm zwei Autoren wie Widukind und Liutprand vorliegen, den treueren Bericht erkenne; sein Bild König Konrads I. ist vor allem deshalb so verzeichnet, weil er den italienischen Deklamator bevorzugt hat. Die meisten Fabeln, die Peutinger der Aufnahme wert fand, bringt auch er. Turpin erscheint, wenn auch mit einem licet pleraque fabulose, unter den Das Kaiserbuch ab Ftatenapiegel. [213] 213 Quellen für Karl den Großen – auch die Neoterici, die er doch bei Tiberius mit Absicht fortgelassen hat, werden hier empfohlen – und die Fabel von der Entstehung der Turniere unter Heinrich I. hat er aus der 1518 gedruckten Quelle des berühmten Rixnerschen Fabelbuchs noch nachträglich seiner Biographie des Königs angeflickt.78) Aber trotzdem ist sein Kaiserbuch nicht nur durch den Umfang des behandelten Stoffes etwas ganz anderes geworden als das Peutingers. Was er über die Lex Salica sagt, zeigt, daß er diesen Quellen nicht viel mehr Verständnis entgegenbringt als Otto von Freising.78) Auch die Begründung der Darstellung auf Inschriften, Münzen und Urkunden hat er fast ganz unterlassen, obgleich er auch hier ein guter Kenner ist und die Beachtung dieser Dinge lebhaft empfiehlt.7*) Aber Cus-pinian weiß, was er will, und bleibt nicht im Stoffe stecken. Das Genealogische ist ihm kaum weniger wichtig als Peutinger – er bekennt sich als Schuldner der Sammlungen Suntheims75) und hat selbst im Wetteifer mit Stabius an einem österreichischen Stammbaum gearbeitet76), in die Reihe der italienischen Kaisertyrannen des 10. Jahrhunderts rühmt er sich zuerst Ordnung gebracht zu haben77) – aber es drängt sich ihm nicht in die Darstellung ein, wie in Peutingers Zusätzen gar oft, und vor allem, es wiegt nicht vor. Sein Werk sollte in erster Linie das werden, was sich die Zeitgenossen von der ganzen Gattung erwarteten, ein Fürstenspiegel78), der an Augustus zeigte, wie sich Glück im Reiche und Unglück im Hause verketten, an Konstantin lehrte, wie Gott dem gerechten Herrscher gegen seine Feinde hilft, an Julian die Einflüsse der Erziehung aufwies, an Karl dem Dicken den plötzlichen Glücksumschwung vor Augen stellte, bei Ludwig dem Frommen und Heinrich IV. kindliche Undankbarkeit geißelte. Für ihn zerfallen alle Fürsten in gute und schlechte, und damit der Leser die Meinung ja merke, hat er jeder Biographie noch ein Tetrastichon angehängt, das sie in Denkversen zusammenfaßt. Die Anregung dazu gab ihm Ausonius, der die Kaiser bis Heliogabal also besungen hatte. Er hat das dann crassiore Minerva fortgesetzt; zunächst für alle, später aber, wiederum aus pädagogischen Gründen79), nur für die römischen Kaiser; der einzige Ludwig der Stammler bleibt unbedichtet, „quod ob brevitatem temporis quo imperavic, nee virtutibus nee vitÜB nobilis neque bonis neque malis Caesaribus est annumerandus“. Wen er freilich – mit Ausnahme des nicht zu rettenden Wenzel – unter den deutschen Kaisern zu den schlechten rechnet, dürfte nicht leicht zu sagen sein. Selbst bei Karl IV. hat er die bitteren 214 [214] Die Charakteristik der Staufer. Worte Petrarkas über seinen Römerzug fortgelassen, die Biondo, Wimpfeling und Nauklerus boten, “wenn er auch sonst den geldsüchtigen und um sein Land besorgten Herrscher kühl genug behandelt. Desto deutlicher wird es, wem seine Sympathien gehören: das sind nächst den Habsburgern auch bei ihm die Staufer. Während sein Bild Karls des Großen noch auffallend schwach gezeichnet ist, auch die Schilderung Ottos I. noch stark im Annalistischen stecken bleibt, ist bereits die Biographie Barbarossas von bemerkenswerter Einheitlichkeit. Der große Stoff ist sorgfältig zusammengezogen, Dinge wie der Streit um das Magdeburger Erzbistum, die Peutinger ganz übergeht, in ihrer Bedeutung erkannt, der Kaiser, der das Schwert führt, um Frieden zu bringen, „wie sein Name verheißt“, tritt gut hervor. Aber viel bemerkenswerter noch ist seine Biographie Kaiser Friedrichs II. Für diese scheint er sich alles aufgespart zu haben, was ihn bei der Betrachtung der großen Kämpfe zwischen Kaisertum und Papsttum bewegt haben mochte. Und da sehen wir ihn durchaus in den Bahnen der Bebel und Coccinius. Nicht leicht in irgendeinem anderen historischen Werk der Zeit, auch nicht bei Aventin, wird man den Konflikt der Päpste mit Friedrich so ganz als das Ergebnis eigensüchtiger Machenschaften geschildert finden. Mit schneidender Ironie spricht Cuspinian von dem „vicarius Christi, ut sese vocat“, von dem heiligen Herzensschrein der Päpste, in dem doch eine Konspiration mit dem Sultan ihren Platz findet; „Die italienischen Schriftsteller berichten“, sagt er bei Erwähnung des Friedens von Ceperano, „der Kaiser habe seine Absolution durch Vermittlung des Deutschordensmeisters um 120000 Unzen, die er in die päpstliche Kasse zahlte, erkauft. Wenn das wahr ist, dann ist ’ der Papst ein teurer Kaufmann, da er die Schlüssel des Lösens umsonst von Christus empfangen hat, ohne ihm Geld zu geben.“ Die Grundlage auch für den Ton seiner Darstellung ist Burkard von Urs-perg, aber er hat ihn überall verschärft, und dazu treten die Briefe des Petrus de Vineis, auB denen er alles den Kaiser Rechtfertigende zitiert. Bei diesem „scharfsinnigen Rechtsgelehrten“ ist die wahre Darstellung der Taten Friedrichs zu finden. Die italienischen Schriftsteller aber übertreiben seine Angriffe wie seine Niederlagen, um dem Papste zu schmeicheln. Biondo, Piatina, Sabellicus und ihresgleichen können auch schon deshalb die Wahrheit nicht bringen, weil sie mit ihrem feinen Magen die deutschen Annalen, aus denen die rechte Kunde zu holen ist, als unelegant verschmähen. Auch das ist ein interessanter Anklang an die Theorien, die Celtis einst am Wiener [215] Cnspinians kirchliche Stellung und sein Patriotismus. 215 Hofe verfochten hatte.80) „Die Taten deutscher Kaiser“, sagt Cuspi-nian, „konnte niemand treuer schildern, als ein deutscher Mann, der sie gesehen und gehört hat“. Es ist immerhin bezeichnend, daß er Petrus de Vineis für diesen deutschen Mann gehalten hat. Von Friedrich aber sagt er: „Er war ein Mann von herrlichen Tugenden, die freilich einige Fehler verdunkelten. Aber das ist eben das Zeichen großer Männer. Keiner ist so rein, der nicht seinen Makel trüge.“ Man glaubt Hütten zu hören. – Aber Cuspinian hat nichts von Hütten. Er hat auch sonst da und dort ein kräftiges Sprüchlein über päpstliche Krämerpolitik, Pfründenhäufung und Ablaßmißbrauch, er ist – um das hier vorweg zu nehmen – der Bewegung Luthers eine Zeitlang sympathisch gefolgt, bis ihn, wie so viele, der Tumult des Bauernkrieges zurückscheuchte.81) Aber um mit Hütten den Gegensatz zwischen Papsttum und Kaisertum zum eigentlichen Thema deutscher Geschichte zu machen, dazu denkt er zu dynastisch, zu maximilianisch. Man sieht das schon bei Ludwig dem Baiern, wo er zwar die Beschlüsse von Kense als neue Bestätigung alter Gesetze sehr ausführlich mitteilt82), aber seine Einmischung in den „bedeutungslosen und frivolen“ Minoritenstreit unvorsichtig findet. Unter Sigismund weiß er, wie andere, das Konstanzer Konzil als seine größte Tat zu rühmen und teilt das Dekret Frequens, das die periodische Wiederkehr von Konzilien zur Reformation der verderbten Sitten des Klerus vorsah, offenbar billigend mit. Aber von Friedrich HI. schreibt er ohne Wimperzucken: Hortante Aenea Sylvio, qui tum magister epistolarum fuit, concilium Basiliense dissolvit, und derselbe Enea Silvio ist mit seiner Historia Australis sein bester Gewährsmann für den Streit Friedrichs III. mit seinen Ständen. Eben-dorfer aber, der es gewagt hatte, in seiner Österreichischen Geschichte für diese Stände Partei zu nehmen, und dabei gegen das päpstliche Mandat, mit dem Nikolaus V. dem Kaiser zuhilfe kam, die Doktrinen der Wiener Hochschule von einer erlaubten Appellation an ein Konzil zu vertreten, wird als ein respektloser Theologe und ein Schreiber von Narrenpossen abgetan.83) Auch Cuspinians Deutschtum ist von besonderer Art. Zwar er ist ganz überzeugt von der Überlegenheit der ehrlichen und wortkargen Deutschen über die windigen und schwätzenden Italiener84), er macht seine Anmerkungen über die deutsche Sprache mit ihren kurzen Worten85), aber der Zusammenhang der Volksgeschichte, den Celtis, Bebel und Nauklerus so mühsam erschlossen hatten, tritt bei [216] 216 Das Kaiserbuch als Ausdruck österreichische! Staatspolitik. ihm noch mehr zurück, als es auch in einem Kaiserbuch hätte sein müssen. Mit keinem Wort verrät er einen nationalen Anteil an den Kämpfen der Völkerwanderung, und die Varusschlacht veranlaßt ihn – bezeichnend genug – nur zu einer heraldischen Bemerkung.86) Denn Cuspinians Kaiserbuch läuft nicht in eine Geschichte des Reichs oder des Kaisertums aus, sondern in eine der österreichischen Staatspolitik, wie sie Friedrich III. und Maximilian trieben. Von diesem Gesichtspunkt aus aber ist besonders die Biographie Friedrichs III, mit der er sein Werk ursprünglich schloß, ein kleines Meisterstück. Wie er diesen passiven Herrscher in den Mittelpunkt der Ereignisse zu stellen weiß, wie er ihm im Kampf mit Bruder und Vetter als Vertreter des Unteübarkeitsprinzips87), im Kampf mit seinen Ständen als Inhaber der Staatsautorität, im Kampf mit Böhmen und Ungarn als Sachwalter längst begründeter Erbansprüche Sympathien zu gewinnen sucht, das ist erstaunlich geschickt gemacht. Auch das verdient Beachtung, daß diese Kämpfe allein das Thema der Biographie bilden, der Romzug von 1452, der in die Darstellung verflochten ist, soll mit Beiner geflissentlichen Betonung des glanzvollen Verlaufs nur ein Gegengewicht gegen die weniger erfreulichen Dinge bilden, die Cuspinian aus den Erblanden zu erzählen hat. Die Reichsangelegenheiten aber sind in einen Anhang verwiesen und auch hier ist nicht ungeschickt ein Grundsatz kaiserlicher Politik gesucht: Deutschland den Frieden zu bringen. Ähnlich ist die Biographie Maximilians gehalten. Was sie für die Kenntnis des Menschen bringt, wird noch zu würdigen sein, ihr eigentlicher Inhalt aber ist die Bewährung des Wahlspruchs: Tu felix Austria nube. Der Hochzeitstag von 1515 ist nicht nur der große Tag in Cuspinians Leben gewesen, er erscheint ihm auch ab die Krönung eines lang und mühsam errichteten Werkes österreichischer Staatskunst, zugleich als der Beginn einer zukunftsvollen Entwicklung. Hat er vielleicht unter diesem Eindruck auch schon bei Karl dem Großen den Ausdruck des Bedauerns eingemischt, daß sein Zwiespalt mit Byzanz nicht durch eine Ehe mit Irene geschlichtet wurde?88) Wenn sodann in dem ganzen Schluß des Werks die Türkenfrage alles beherrschend hervortritt – viel stärker als etwa die italienischen und französischen Angelegenheiten –, so wird man nicht nur an Cuspinians eigene Diplomatentätigkeit, sondern auch an das Kapitel im Weißkunig denken müssen, in dem Max bei der Schilderung seiner Taufe die Vertreibung der Türken als seine Lebensaufgabe bezeichnet. [217] Rückblick auf die Entwicklung der Gattung. 217 i So darf man wohl sagen,’daß Cuspinians Kaiserbuch der historische Ausdruck der politischen Ideen Maximilians geworden, ist. Man sieht nun auch, was ihn trieb, sich von den Consules des / Cassiodor bis zur Gegenwart durchzuringen. Maximilian ist ihm der Inbegriff all der Tugenden, die er einzeln bei früheren Herrschern gefunden hatte, er ist insbesondere als Kriegsmeister die Vollkommenheit selbst, von den Nachkommen wie eine polykletische Statue zu verehren: Eegnandi norma hie posteritatis erit schließt sein letztes Tetrastichon. Blicken wir von dem Buche Cuspinians zurück zu den Fürstenspiegeln der Braunschweigischen Reimchronik, Levolds von Northof i und Ludwigs von Eyb, so sehen wir, welche Entwicklung die Gattung genommen hat. Die Weite des historischen Blicks und die Gestaltungskraft haben gleichmäßig zugenommen, die Lösung des biographischen Elements aus dem chronikalen Zusammenhang und aus der Notizensammlung ist bewußt angestrebt, wenn auch nicht immer gelungen, die Aufgaben eines historischen Charakterbildes sind, wenn auch in der rohen Form rein moralischer Urteile erkannt. Ist dafür nichts verloren gegangen? Ich meine, es wird wenige Leser geben, die nicht gerne von dem Foliunten Cuspinians wieder zu dem dürftigen Latein Levolds oder zu der ungelenken deutschen Prosa Eybs zurückkehren. Denn so viel höher der Humanist über seinem Stoff steht als jene, so viel tiefer steht er unter seinem Fürsten. Wenn Cuspinian. die Jagdleidenschaft Maximilians, seine Ausgaben für Meuten und Falknerei gegen allerlei Tadel rechtfertigen will, dann sagt er, das sei eben die Leibesübung der Fürsten, die nicht auf Platzen und Straßen spazieren gehen könnten, wie das gemeine Volk, um sich Hunger zu machen. Und man merkt überall, daß er sich auch zu dem gemeinen Volke rechnet, das seinen Fürsten weit über sich sieht. Auch als Staatsmann ist Cuspinian doch nur der Diener seines Kaisers gewesen, und Maximilian hat so wenig wie irgend ein anderer deutscher Fürst seiner Zeit unter den Humanisten den Geschichtschreiber gefunden, der, wie es Commines für Karl VIII. und Ludwig XII. tat, seine Politik hätte erfassen und zugleich beurteilen können. Cuspinians liebenswürdigstes Werk ist seine Austria geworden, die er, wie seine großen Arbeiten, unveröffentlicht hinterlassen hat. Man kann sie zu den Landesbeschreibungen stellen, die als Teilaus- 218 [218] Cnspinians Auatria. führungen des großen Planes der Germania illustrata erscheinen. Aber das Buch bietet doch etwas anderes, als etwa Bartholomäus Steins Beschreibung Schlesiens und Glareans Beschreibung der Schweiz. Schon daß es seinen Ausgangspunkt von einer Vita sancti Leopoldi nimmt und daran eine urkundlich belegte Genealogie der Babenberger89) und Habsburger schließt, gibt dem Werke seinen besonderen Charakter. Auch daß Cuspinian das Büchlein mit seiner Ausgabe des Matthias von Neuenburg, dieser Hauptquelle habsburgischer Geschichte, zusammenschloß, verdient Beachtung. Cuspinian steht ganz in den geographischen Interessen der Wiener Schule, „meus aestuat animus in Cosmographia“, schreibt er 1512 an Aldus Manutius90), aber in der Austria ist er jedenfalls nicht vom Geographischen zum Genealogischen gelangt, wie Celtis, sondern umgekehrt. Und auch das Geographische bei ihm hat besonderen Charakter. Enea Silvio bat ihn hier nur insofern beeinflußt, als er dessen unsystematischer Arbeit eine systematische gegenüberzustellen sucht91), und wenn wir sehen, daß in dieser Systematik neben den eigentlich geographischen Partien der breiteste Raum solchen zugewiesen ist, die wir wohl am besten als staatsrechtliche bezeichnen können – quo pacto publica comitia fiant, quoties princeps omnes suos subditos convocet ex quatuor ordinibus provincialium, quis ordo servetur in tractandis negotiis – so werden wir an Maximilians Plan erinnert, ein Buch machen zu lassen, „wie ein fürst die stet in den österreichischen landen regieren soll“.92) Die Austria Cuspinians ist bereits eine Landesbeschreibung im Sinne des neuen Fürstentums, das die Kraft seiner Lande rechnerisch und politisch überschlägt. Sie gehört aber, obgleich erst 1528 geschrieben, doch noch in den Kreis der von Maximilian veranlaßten Unternehmungen, wie auch die Karte Österreichs, die ihm beigegeben werden sollte, direkt auf die Anregungen des Kaisers zurückgeht.93) Überblicken wir nochmals den Kreis der Werke, die wir direkt auf die Gedanken Maximilians zurückführen konnten, so wird er uns auch in seiner Verengung nicht unfrucßtbar erscheinen. Aber Maximilians Bedeutung für die humanistische Geschichtschreibung liegt doch nicht darin beschlossen, daß er dieses oder jenes Werk veranlaßt, dieser oder jener Bestrebung sich freundlich gezeigt hat. Wenn wir den älteren deutschen Humanismus zumeist in einer von Petrarka stammenden Weltschmerzstimmung fanden, die dem Ende der Zeiten zuzueilen glaubte, und dann mit der Wende des Jahrhunderts einen fast [219] Maximilian und der humanistische Optimismus. 219 plötzlichen Umschlag zu eiüem grenzenlosen Optimismus wahrnahmen, so knüpft sich diese Veränderung vor allem an die Person Maximilians. Er hat dem Humanismus, der so starke Neigungen zeigt, sich in antiquarischer Gelehrsamkeit zu vergraben oder in eine angeblich bessere Vergangenheit zu flüchten, erst recht eigentlich die Richtung auf die Gegenwart gegeben. Freilich das dauert nicht lange, kaum ein paar Jahre über Maxens Tod hinaus, höchstens bis zum Beginn der Bauernrevolution. Aber unterdessen hat sich die ganze entscheidende Entwicklung der humanistischen Geschichtschreibung in Deutschland vollzogen.
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