Mutterpflichten und Muttersünden
| [52]
Mutterpflichten und Muttersünden.
Von einem Lehrer und Erzieher.
Die Gartenlaube vertritt die Interessen der Familie. Unterhaltung, Belehrung und Anregung spendet sie unter dem freundlichen Schatten ihres anspruchlosen Titels. Sie verbreitet sich über die wichtigsten Zweige des menschlichen Wissens, und führt die Familienglieder in verständlicher Unterhaltung wie an Freundeshand an die Quellen der Weisheit und Erfahrung. Zu den Interessen der Familie zählt auch die Erziehung. Die Nachwelt entsproßt ihrem Schooße. Das Wohl kommender Geschlechter wird in ihr begründet oder begraben. Die Erziehung ist der Familie größtes Privilegium, ihre heiligste Pflicht, ihre schönste Aufgabe. Ihr Pfad ist aber oft labyrinthisch, ihr Ziel verschleiert. Leicht ist’s, auf Abwege sich verirren, und nicht selten ermüdet Geduld und Kraft an ihren Verschlingungen, und das Pflichtgefühl erschlafft an ursprünglichen oder selbsterschaffenen Schwierigkeiten. Sollte man darum nicht die Hand eines erfahrenen Rathgebers willkommen heißen, wenn er, durchglüht von heiliger Begeisterung, sie als Führer bietet? Als solcher auf verschiedene Höhenpunkte zu führen und von dort her eine Aus- und Umschau zu halten, das ist des Verfassers Absicht. Beginnen wir zuerst mit der Bedeutung der Mutter für die Erziehung. Suchen wir die Namen der Edlen unserer und aller Nationen aus der Geschichte hervor, sie, die Bürgerkronen schmückten, sie, die Glanz der Großmuth umstrahlte, sie, die als Dichterfürsten glänzten: der Mutter Einfluß weckte entweder das Talent oder leitete es in seine Bahnen. Ohne diese ihre Mutter würden sie nur gewöhnliche Menschen oder doch ganz andere geworden sein, als wie wir sie kennen. Die besten unserer Zeitgenossen, die edelsten von unsern Freunden, fragt man sie, wessen Name noch ihr Herz mit freudiger Rührung füllt, wenn schon der Schnee des Alters auf dem Haupte lagert; wessen Worte, Blick und Wesen sie stets frisch und jugendlich bewahren, hier zur Ermunterung und drüben zur Verwarnung: der Mutter! – Und geht es uns denn selber anders? Ist nicht das Bild der Liebe, das sich um die Tage unserer Kindheit flechtet, auch unauslöschlich tief in’s eigne Herz gegraben? – Der aber, dem es fehlt, ihm füllt Nichts auf der Welt die Lücke aus. „Die Mutter kann nicht ohne Hülfe des Vaters erziehen“ – das ist eine weit verbreitete Ansicht; aber es ist nicht minder wahr: „Der Vater auch nicht ohne Mitwirkung der Mutter.“ Die Kraft und Strenge, die Härte und Schärfe, das Markige und Eckige, das Strebende und Kämpfende, das Schaffende, mit einem Wort, das Männliche des Charakters verlangt den Mann der That zum Vorbild und zur Stütze. Das Pflegen und Erhalten, das Ordnen und das Dulden, das Zarte und das Sinnige, das Glättende und Gleichende, das Schmückende und Empfangende, kurz, das Aesthetisch-Weibliche kann nur dem Mutterherzen entquellen. Und wie jene erst gemeinschaftlich den edlen Charakter bilden, so kann ein solcher auch nur in vereinter Einwirkung von Vater und Mutter gedeihen. Der Verfasser hat als Lehrer mannichfache Gelegenheit gehabt, den Charakter der Kinder in ihrem Verhältnis zu dem der Eltern zu beobachten. Es ist Thatsache, daß Leidenschaften und Laster, welche sich auf übermäßiges Begehren zurückführen, wie Trunksucht, Dieberei, geschlechtliche Sünden u. a. m. selten vom Vater auf die Kinder übergehen. Wie mancher Sohn eines Trunkenbolds z. B. ist der nüchternste Mensch, der Sohn des Geizigen oder Habsüchtigen ist in der Regel Verschwender. Kinder sind dem Verfasser bekannt, deren Vater ein fleißiger Insasse des Zuchthauses war, sie selbst waren ehrlich. – Wenn aber die Mutter sich dieser oder ähnlicher Laster schuldig macht, so folgen die Kinder ihren Fußstapfen. Der erziehliche Einfluß der Mutter ist größer, als der des Vaters. Der Letztere kann oft nur durch die Erstere wirken. – Der Mutter allein ist des Kindes früheste Kindheit anvertraut, die ersten Eindrücke auf das zarte Wesen kommen von ihr, ihrer Hut ist nicht allein die früheste Entwickelung des hülflosen Körpers, nein, auch die unscheinbare, aber unendlich wichtige Anregung der Empfindung und des Bewußtseins anvertraut. Darin liegt aber der Urquell von „Glück und Unglück“ im ganzen spätern Leben; denn nur Gesundes kann Gesundes erzeugen, nur dem Reinen kann das Reine entsprießen. In seinen ersten Lebensjahren ist das Kind nur ein treues Abbild seiner Umgebung. Achtet man auf seine Lebensäußerungen, es bewegt sich, blickt, drückt in Mienen und Gebehrden aus, spricht in Ton und Urtheil wie die Mutter oder wie die Wärterin, die es stets umspielt. Das ist mehr als blos äußerliche Nachahmung. Man stelle es auf die Probe! Bald wird man sich überzeugen, daß die Denk- und Empfindungs-Weise des Kindes ganz mit derjenigen übereinstimmt, von welcher es täglich Zeuge gewesen. – Der Charakter wird also begründet und angelegt durch die Mutter, wenn sie sich dem Kinde weiht. Aber auch fernerhin ist das Kind immer mehr auf die Mutter angewiesen, als auf den Vater, den sein Geschäft, seine Sorge für das Wohl der Familie häufig und anhaltend daran hindert. Da hat die Mutter Gelegenheit, das zu pflegen, was unter ihren Augen gekeimt hat, was durch ihr eigenes Wesen und Walten entstanden ist. Ein großer Theil des „Glücks“ der Kinder ist mithin der Mutter in die Hand gegeben. – Welch ein erhabener Gedanke, beseligendes Bewußtsein für jede Mutter, welche erfüllt sie nicht mit wahrem Stolz! Allein es ist eine Aufgabe, ein Problem für die Mutter. Ihr Ziel zu erreichen, kostet Mühe, Anstrengung und Opfer. Ja, und die Opfer eben sind es, woran ihre Kraft, ihr Pflichtgefühl so leicht scheitert. Es ist so erhebend, so begeisternd, eine Mutter, die ihre Aufgabe begriffen hat, in mütterlicher Liebe und Würde unter den Kleinen walten zu sehen; aber dieses Bild hat man nicht allzu häufig. – Gäbe es mehr Cornelien an Muttertreue, es würde mehr Gracchen geben an Mannesmuth und Edelsinn! Aber in vielen Fällen scheint die Mutter keine Vorstellung zu haben von ihrem erhabenen Berufe, von ihren heiligen Pflichten, von der Wichtigkeit ihres Wirkens, von der großen Verantwortung gegen sich selbst, ihre Kinder und gegen Gott. Leider aber werden unsre jungen Mädchen auch zu allem Möglichen, zu verkrüppelten Zierpflanzen mißverstandener Civilisation eher erzogen, als zu Müttern. Die Würdigung des Kleinen in der Erziehung.
Schon im täglichen Verkehr hat es das Volksbewußtsein durch den Volksmund (Sprüchwort) zur Weisheit gestempelt „das Ehren des Kleinen.“ Die tägliche Erfahrung hat es gelehrt. – [53] Am glänzendsten bewährt sich der Werth des Kleinen in der Natur, und wer auch nicht die Wunder der mikroskopischen Welt aus eigener Anschauung kennt, sie sind durch die populären Werke unserer Tage, auch durch verschiedene Artikel der Gartenlaube, einem Jedem zugänglich. Ueberdies gibt jeder Gegenstand in unserer Umgebung, jedes Geschehen in unserm Bereiche, die Blumen in unserer Fensterbank, die Vögel im Käfig, der Verkehr mit Speisen und Getränken etc. etc. jedem aufmerksamen Beobachter Gelegenheit, sich mit eigenen Sinnen von dem Werthe des Kleinen zu überzeugen. – Es ist zu beklagen, daß die Mehrzahl dies auf’s Wort hin blos – glaubt, um bei nächster Gelegenheit wieder zu zweifeln, anstatt sich zu überzeugen und in dieser Ueberzeugung zu eigenem Nutz und Frommen zu handeln. Nirgends wird aber „das Kleine“ häufiger und leider mit größeren Nachtheilen unterschätzt, als auf dem Gebiete der Erziehung. Immer kehrt der Refrain wieder: „Ach, das ist ja so unbedeutend, das wird nicht schaden!“ – So erklärlich dies ist, da die Einwirkung auf die Seele sich dem Auge verbirgt, dem Kundigen sich oft nach langer Zeit erst, dem Unkundigen niemals offenbart: so verderblich und unheilvoll ist es aber auch. Wer freilich unter Erziehung sich nichts Anderes denkt, als Befehle und Strafen ertheilen, der wird es nie begreifen. Die Erziehung ist aber die Arbeit für die Gesundheit und Reinheit der Seele im gesunden und kräftigen Körper. Der Grund, worauf sie fußt, ist die Natur des Menschen. Da die körperliche Erziehung aber durch die Artikel des hochverehrten Herrn Prof. Bock in der Gartenlaube so klar und gründlich uns an’s Herz gelegt ist, so darf hier nur von der seelischen Erziehung noch geredet werden. Ihr Grund ist die Natur der menschlichen Seele. Wie die Medicin, so ist die Erziehung empirische Wissenschaft und Kunst zugleich und der Erzieher sollte im vollsten Sinne des Wortes der Arzt der Seele sein. Da ist denn wohl nöthig, die Erscheinungen des menschlichen Seelenlebens auf ihren Ursprung zurückzuführen und die Einwirkungen auf die Seele in ihren Entwickelungen zu verfolgen. – Von diesem Standpunkte aus sind die „Fehler und Sünden“ der Jugend seelische Krankheitserscheinungen, deren Ursache man zu erforschen und durch deren Hinwegräumung man die Seele auf ihren Naturzustand zurückzuführen hat. Einige Beispiele aus des Verfassers eigener Praxis mögen den Werth des sogenannten „Kleinen“ nachweisen und das vermeintlich Kleine als bedeutsam darthun! Ein Knabe nicht unbemittelter Eltern, talentvoll und mit vorherrschend gutmüthigem Charakter, zeigte schon vom neunten Jahre an eine heftige Neigung für geistige Getränke. Durch allerlei Mittel, selbst durch Betrügerei und Diebstahl, suchte er solche zu erlangen und wurde häufig betrunken gefunden. Und woher dieser Abgrund sittlichen Verderbens in so früher Jugend? – Die Eltern, übrigens achtungswerthe Leute, sind durch ihr Geschäft abgehalten, speciell die Kinder zu beaufsichtigen – sie haben ein Gasthaus – haben wohl bemerkt, daß der Knabe sich die Tropfen aus den kaum geleerten Gläsern der Gäste sammelte, und hielten das für unbedeutend, und als er später sich an die Neigen wagte, da war auch das noch unbedeutend. Erst als er an die Flaschen im Schenkschranke sich machte, da schien es ihnen bedeutend genug, um einzuschreiten. Es ist aber nur zu gewiß, daß auch die strengsten Strafen ihn nicht bessern werden. In dem Hause seiner Eltern, unter den Augen von Vater und Mutter wird er vom Strudel der Leidenschaft fortgerissen und sehr elend werden. – Strenges Abhalten vom Kosten der Tropfen hätte dies verhütet. Wie oft tritt Eltern und Erziehern die Unwahrheit, die Lüge so plötzlich entgegen, daß sie im höchsten Grade erstaunen. Es ist ihnen ein Räthsel, wie der sonst „so aufrichtige und wahrheitliebende“ Zögling so geschickt und so frech zu leugnen, zu lügen vermag. – Das Gefühl leitet uns richtig. Die Lüge und ihre Begleitung ist eine solche Abweichung von dem Rechten, das Natur uns in die Brust gegraben, daß die erste Lüge und eine Reihe Nachfolgerinnen sich auf der Stelle verrathen. – Die geschickte, freche Lüge setzt eine Gewohnheit, eine Uebung voraus, welche leider übersehen ist, weil man das Alles ja nur Kleinigkeiten nannte. – Hier die Beispiele einzeln anzuführen, würde zu viel Raum in Anspruch nehmen, aber wir müssen wieder darauf zurückkommen, wenn wir die Jugendsünden einzeln betrachten. – Auch Lügner werden nicht geboren, sondern erzogen und die Schuld liegt in den meisten Fällen in den Erziehern. Welch’ einen Eindruck des Mitleidens und des Ekels erregt es, wenn Kinder sich vor jedem Dinge fürchten, schreiend fliehen oder zitternd nahen. Diese Furcht ist nicht unbedeutend; denn durch Schläge und Einsperren und andere Gewaltmaßregeln will man sie vertreiben. – Als aber für das kleine Kind jeder Platz, den es meiden sollte, einen „schwarzen Mann“ beherbergte, jedes Ding, das es nicht anfassen sollte, „beißend“ war, des Kindes Unvorsichtigkeit nicht, sondern der unschuldige Tisch etc., an den es sich gestoßen hattet bestraft wurde und die ängstliche Mutter bei jedem Aufschrei des Kindes einen ganzen Erguß von Mitleid und Trost aufwandte, da ward dem warnenden Freunde entgegnet: „das sind ja Kleinigkeiten, was können die schaden!“ „Es ist ja nur eine Kleinigkeit,“ wenn das kleine Kind ein paar Mal seinen Willen erhält, gegen den ausdrücklich ausgesprochenen Willen des Erziehers, man mag es ja solcher „Kleinigkeit“ halber nicht schreien lassen, sich nicht deshalb bemühen. Nach kurzer Zeit „ist es mit dem eigensinnigen Kinde nicht mehr auszuhalten,“ und da gibt’s dann Strafe über Strafe, welche nur zu oft nicht hilft, manchmal das Uebel verschlimmert. Erstaunen und Schreck sind nicht zu unterdrücken, wenn wir die Arglist und Pfiffigkeit endlich erkennen, welche Kinder, und besonders Mädchen, in ihren „Tricks“ gegen Eltern, Geschwister, Dienstboten und Andere entwickeln. Das beifällige Lächeln bei den „kleinen allerliebsten Schelmenstreichen der Kleinen“ war ja auch eben nur „eine Kleinigkeit.“ Massenhaft sind in der That die betrübenden Beispiele, wo durch Nichtachtung des vermeintlich „Kleinen“ eben die Kleinen selbst verdorben oder doch leicht zu vermeidenden schmerzlichen Strafmitteln entgegengeführt werden. Das Angeführte mag genügen, um die denkenden Eltern auf das Kleine aufmerksam zu machen. Sie werden sich sehr bald überzeugen, daß ohne Aufmerksamkeit auf das „Kleine“ und also ohne große Mühe keine Erziehung möglich ist. In der Erziehung gibt es nichts Unbedeutendes. – Die Kinder sind klein, ihre Handlungen geschehen in dieser ihrer kleinen Welt und haben für sie dieselbe Bedeutung, als unsere Handlungen in unserer großen Welt. Was in dieser ihrer kleinen Welt sich ereignet, macht auf sie nicht den Eindruck des Kleinen, es erregt sie so stark und nachhaltig, wie uns die Ereignisse in der Welt der Erwachsenen. Der Erzieher muß den Charakter der Zöglinge erkennen. Dieser offenbart sich im Kleinen. – Der Erzieher muß die Anlagen, Talente und Neigungen seiner Kinder erkennen, um sie zu leiten, zu benutzen und endlich seinen Beruf zu bestimmen. Sie zeigen sich nur klein und im Kleinen. Je früher aufmerksam geworden, je früher erkannt, desto leichter und erfolgreicher die Einwirkung. Man klage nicht über Stümper in diesem oder jenem Berufe, diese könnten eher klagen über die Stümperei in ihrer Erziehung. (Ein zweiter Artikel: „Muttersünden“ folgt nächstens.)
|
