Physikalische Belustigungen
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[456] Physikalische Belustigungen. Siebenzehntes Stück. Berlin, bey Christian Friedrich Voß, 1752.
[458] Die elektrischen Versuche wurden anfangs von vielen nur als gelehrte Spielwerke angesehen. Viele Gelehrte spielten auch wirklich mit der Elektricität, und sie thun es auch noch: dieses kann aber dem wahren Nutzen derselben keinen Eintrag thun. Ihr Nutzen in Heilung vieler Krankheiten ist bereits durch fast unzähliche Versuche augenscheinlich erwiesen: obgleich noch viele Aerzte, welche auf das Receptschreiben geschworen haben, es noch nicht begreifen können, daß es noch andere Arzneymittel, als Pillen, Pulver und Tropfen, geben kann; weil sie die elektrischen Curen mühsamer, und nicht so einträglich befinden. Ein anderer höchstwichtiger Nutzen der Elektricität ist die Entdeckung der Aehnlichkeit derselben mit dem Donner und Blitz; eine Entdeckung, welche das itzige 1752ste Jahr vor hundert andern merkwürdig macht, und für deren Richtigkeit uns so viele in diesem Jahre glücklich angestellte Versuche die Gewähr leisten. Es ist ohnstreitig kein anderer, als der Herr Benjamin Franklin, zu Philadelphia in Amerika, welcher vor 3. Jahren daselbst durch Schlüsse entdecket hat, was man im verwichenen Sommer in ganz Europa durch unmittelbare Versuche wahr befunden. Es ist ein Vorzug großer Geister, die Geheimnisse der Natur durch Muthmaßungen zu errathen und Hypothesen zu machen, welche durch die Erfahrungen anderer zu Wahrheiten werden. Newton wußte, ohne unter die Linie und unter den Polarzirkel zu reisen, daß die Erde sphäroidisch sey; und diejenigen, die dieses durch die Erfahrung so befunden [459] haben zwar mehr Mühe, als jener, gehabt: aber sie haben weit mehr für Newtons, als für ihre eigene Ehre, gearbeitet. Eben so sind viele Naturforscher dieß Jahr in Europa beschäftiget gewesen, Franklins Meynung, daß es mit der Elektricität und dem Donner einerley Beschaffenheit hat, durch Versuche zu beweisen. Ich habe diese Versuche sorgfältig gesammlet, und ich hoffe, die Wichtigkeit derselben wird mir von meinen Lesern einen Dank zuwege bringen, daß ich sie ihnen hier mittheile. Ehe ich aber dieses thue, muß ich sagen, worinne des Herrn Franklins, dieses gelehrten Quäckers, Meynung bestehet. Ich will ihn fast mit seinen eigenen Worten reden lassen. Er hat in den Jahren 1747. 1748. und 1749. verschiedene Briefe an seinen guten Freund und Mitquäcker, Herrn Collinson, in London, geschrieben, in welchen er ihm seine neuen Versuche und Bemerkungen in der Elektricität meldet. Diese Briefe wurden im verwichenen Jahre zu London zusammen gedruckt, und kamen unter folgendem Titel heraus: Experiments and Observations on Electricity, made at Philadelphia im America, by Mr. Benjamin Franklin, and communicated in several Letters to Mr. P. Collinson, of London, F. R. S. London. printed and sold by E. Cave, at St. John’s Gate, 1751. In Quart, 86. Seiten. Ich habe das Englische Original vor mir, und nicht die Französische Uebersetzung. Ich habe diese zwar nicht gesehen: aber ich habe gar kein Vertrauen zu Französischen Uebersetzungen. Wenn wird es ein Franzose der Mühe werth achten, eine Schrift eines [460] Ausländers zu übersetzen, ohne etwas wegzulassen, oder hinzu zu thun, oder sie mit seinen Einfällen zu vermischen? Was die Elektricität des Donners betrift, ist in dem vierten Briefe und in dem ersten Anhange enthalten; woraus ich also einen Auszug machen will. Herr Franklin glaubt, daß nur die Wolken, welche aus der See aufsteigen, elektrisch sind; die aber aus dem Lande aufsteigen, sehr wenig, oder gar nicht. Er schreibt das in der See enthaltene elektrische Feuer dem Meersalze zu. Die Gegenwart dieses elektrischen Feuers in der See beweiset er daraus, daß, wenn die Oberfläche der See gerieben wird, sich dasselbe sichtlich von unten aus sammlet. Man sieht es in der Nacht, wenn das Fördertheil des Schiffs die See durchschneidet; bey jedem Ruderschlage zeigt es sich, und bey Stürmen scheint die ganze See in Feuer zu stehen. Durch die heftige Bewegung des Meeres und durch die Wärme der Sonne steigen wässerige mit elektrischem Feuer vermischte Dünste in die Höhe, welche hernach elektrische Wolken ausmachen. Solche aus dem Meere gestiegene Dünste vereinigen sich mit Lufttheilchen. Die Luft ist ein an sich elektrischer Körper: denn sonst würde kein Körper elektrisiret werden können. Wenn man unmittelbar zwischen die Glaskugel eine elektrischen Maschine, und eine Stange Holz oder Eisen, Pech oder Siegellack stellte, so würden das Holz und das Eisen nicht elektrisch werden. Also, wenn nichts, als trockene Luft, zwischen dieser Glaskugel und der Stange Holz, oder Eisen, oder jedem nicht an sich elektrischem Körper [461] ist, so werden letztere nicht elektrisch. Wenn dieses letztere geschehen soll, so müssen wässerige Dünste in der Luft seyn. Soll aber ein Haufen wässeriger Dünste, oder eine Wolke, die Stelle der Glaskugel an der elektrischen Wolke vertreten, und einen an sich nicht elektrischen Körper, z. B. eine Landwolke, elektrisiren können, so muß elektrisches Feuer darunter seyn. Gemeines und elektrisches Feuer mit wässerigen Dünsten vermischt, macht, daß die dazwischen befindliche Luft sich ausdehnet und in die Höhe steigt. Die Wassertheilchen ziehen einander an, so, wie die Lufttheilchen einander zurückstoßen. Wenn die Anziehungskraft einer Menge wässeriger Dünste größer ist, als die Fortstoßungskraft der Lufttheilchen, so kommen die Wassertheilchen näher zusammen; sie berühren einander und fallen, nach Beschaffenheit, als Thau, oder als Regen, auf die Erde. Die durch die Bewegung der See und durch die Sonnenhitze aus der See aufgestiegenen Dünste können höher steigen und länger in der Luft bleiben, wenn sie sowohl mit elektrischem, als mit gemeinem Feuer, vermischt sind. Denn wenn diese Dünste in die kältesten Gegenden über das Land kommen, so vermindert die Kälte das elektrische Feuer nicht, wohl aber das gemeine Feuer. Daher, weil die Landwolken einen guten Theil ihres Feuers leicht verlieren, so können sich die wässerigen Dünste nicht lange in der Luft erhalten, sondern fallen bald und oft als Regen hernieder. Aber von Seedünsten entstandene Wolken haben sowohl gemeines, als auch vornehmlich viel elektrisches Feuer in sich. Sie erhalten [462] sich also lange in der Luft, steigen hoch, und wenn sie durch Winde fort gewehet werden, so kommen sie mitten von der weitesten See mitten über das entfernteste größte feste Land. Wenn diese Wolken gegen Berge getrieben werden, so ziehen diese wenig elektrischen Berge dieselben an, und wenn sie selbige berühren, so nehmen sie ihnen ihr elektrisch Feuer, (vermöge dessen, was die bekanntesten elektrischen Versuche lehren) und auch, wenn sie kalt sind, das gemeine Feuer. Also hängen sie die Waasertheilchen an die Berge und an jeden ihnen entgegen stehenden dergleichen Körper an. Wenn die hergetriebene Luft nicht gar zu viel wässerige Dünste in sich hat, so fallen sie nur an die Spitzen und Seiten des Berges, machen Quellen und laufen als Wasser in kleinen Bächlein in die Thäler herab, aus deren Vereinigung größere Ströme und Flüsse entstehen. Hat die Luft viel wässerige Dünste und elektrisches Feuer in sich, so geht dieses auf einmal aus der ganzen Wolke, und indem dieses geschieht, giebt es einen starken Blitz und Knall. Da dieses Feuer, welches die Wassertheilchen von einander abgesondert erhielt, nunmehr weg ist, so vereinigen sich dieselben plötzlich, woraus ein Platzregen entstehet. Wenn eine Reihe Berge die Wolken also aufhält, und aus der ersten Wolke, welche sie berühret, das Feuer heraus ziehet, so verliert gleichfalls die ihr zunächst folgende Wolke, wenn sie an sie kommt ihr Feuer mit einem Knall und Blitz und läßt ihr Wasser fallen. Wenn man also die erste Wolke, welche itzt wieder elektrisch Feuer bekommen hat, [463] wiederum bey Berührung der Berge blitzt und donnert, so macht es die dritte, wie die zweyte; und so geschieht es mit allen den folgenden, welche sich auf 30. Landmeilen weit erstrecken. Dieses lehret die Erfahrung auf Gebirgen an der Seeküste, besonders auf den Nordostlichen Gebirgen von Südamerica. Wenn ein Land eben ist, und die elektrischen Wolken keinen Bergen begegnen, so sind doch noch Mittel vorhanden, durch welche sie ihr Wasser können fallen lassen. Denn wenn eine elektrische aus der See kommende Wolke einer Landwolke, welche also nicht elektrisch ist, begegnet, so theilt die erstere der letztern ihr Feuer durch einen Knall mit, und also lassen beyde Wolken geschwind ihr Wasser fallen. Bey der Seewolke geschieht dieses deßwegen, weil das die Wassertheilchen von einander abhaltende Feuer vermindert ist, und also dieselben nunmehr zusammen hängen und zu Tropfen werden. In der Landwolke verursachet das ihr mitgetheilte elektrische Feuer den Regen, weil das hierdurch erfolgte Anziehen und Zurückstoßen der elektrisirten Dünste macht, daß diese sich vereinigen und gleichfalls zu herniederfallenden Tropfen werden. Die durch den Knall in der Luft verursachte Erschütterung macht, daß das Wasser nicht nur aus diesen beyden, sondern auch aus andern umher befindlichen Wolken herunter fällt. Daher entstehen die plötzlichen Regengüsse, welche unmittelbar nach den Blitzen erfolgen. Wenn viel elektrische Seewolken zugleich auf viel unelektrische Landwolken stoßen, so blitzt und donnert es zugleich an verschiedenen Orten. [464] Die aus einem irregulären elektrischen Körper ausfahrende Stralen sind in einiger Entfernung niemals gerade, sondern sie fahren krumm und wellenförmig durch die Luft. Eben so ist es mit den Blitzen; denn die Wolken sind sehr irreguläre Körper. Da die Wolken an allen Erhöhungen anstoßen, und, wenn sie elektrisch sind, an denselben Knall und Blitz geben, so ist es gefährlich, bey einem Donnerwetter unter einen Baum zu treten. Hingegen wenn einer auf dem freyen Felde ist, und der Blitz trifft ihn, so fährt er in das Wasser des beregneten Kleides: wenn aber seine Kleider trocken sind, so geht er in den Körper. Eine nasse Ratte kann man durch den Muschenbrökischen Versuch nicht tödten, wohl aber eine trockene. Wenn das Elektrische Feuer durch einen Körper geht, so wirkt es in das in ihm enthaltene gemeine Feuer, bringt es in Bewegung, und wenn beydes in genugsamer Menge da ist, so entzündet es den Körper. Schweflichte und brennbare Dünste, welche aus der Erde aufsteigen, lassen sich leicht durch den Blitz entzünden. Der Blitz schmelzt oft Metalle. Dieses geschieht aber vielleicht nicht durch die Hitze des Blitzes, sondern durch die heftige durch das elektrische Feuer verursachte Voneinanderstoßung der Theilchen des Metalls. Der Blitz zerreißt auch einige Körper. Der elektrische Funke macht auch ein Loch durch einen starken Bogen Pappier. Nach dem, was hier gesagt worden, sollten auf der See, weit vom Lande, wenig Donnerwetter seyn. Einige alte Seecapitains haben dieses auch also befunden. [465] Auch auf den weit vom festen Lande entfernten Inseln sind sehr wenig Donnerwetter. Ein aufmerksamer Beobachter, welcher 13. Jahre auf Bermudas gewesen ist, sagt, daß in dieser ganzen Zeit weniger Donnerwetter daselbst gewesen, als er zuweilen in einem Monate in Carolina erlebet. Der Blitz macht zuweilen blind, und durch die Elektricität hat Herr Franklin Tauben und Hühner blind gemacht. Hales erzählt ein Exempel, daß der Blitz das Gold von einem Gemälde weggenommen, das übrige aber unverletzt geblieben. Eben gleichen hat Herr Franklin durch elektrische Funken zuwege gebracht. Die elektrischen Versuche lehren, daß scharf, wie Nadeln, zugespitzte metallene Körper die Elektricität in der Ferne allmählich an sich ziehen, und machen, daß sie keinen Funken und kein Geräusch von sich geben. Er glaubt also, wenn man solche spitzige Körper auf Häusern oder Schiffen aufrichtete, daß sie dieselben vor dem Einschlagen des Donners verwahren würden. Es müßte aber von diesen an ein Drat bis in Erde, oder auf dem Schiffe bis in das Tauwerk reichen. Auf diese Art würde das elektrische Feuer sich aus der noch weit entfernten Donnerwolke allmählich in die metallene Spitze ziehen und sich durch den Drat in die Erde oder in das Tauwerk verteilen, ehe diese Wolke so nahe an das Haus oder an das Schiff heran käme, daß sie in selbiges einschlagen könnte. Und so würde diese Entdeckung von ungemeinem Nutzen im gemeinen Leben seyn. [466] Um durch die Erfahrung zu sehen, ob die Materie der Elektricität und die Materie des Donners wirklich einerley ist, schlägt Herr Franklin folgenden Versuch vor. Man soll auf einen erhabenen Ort eine Art eines Schilderhäuschens, in welchem eine Person auf einen elektrischen Stativ stehen kann, stellen. Mitten aus dem elektrischen Stativ soll zur Oeffnung des Schilderhäuschens eine eiserne oben scharf zugespitzte Stange heraus gehen und 20. bis 30. Fuß in die Höhe reichen. Wenn das Stativ rein und trocken wäre, so würde die Person, wenn Donnerwolken niedrig über dem Schilderhäuschen weg zögen, bey Annäherung an die Stange elektrisiret werden, und Funken herauslocken, indem dieselbe Feuer aus der Wolke an sich zöge. Wenn die Person eine Gefahr befürchten sollte (welche zwar nicht zu vermuthen ist,) so darf sie nur unmittelbar auf dem Boden des Schilderhäuschens treten, und der eisernen Stange einen Drat oder andern unelektrischen Körper nähern, welcher an eine Handhabe von Wachs oder von einem andern elektrischen Körper angemacht ist. Also wird der Funke den Drat, und nicht die Person, treffen. So weit Franklin. Bey dem ersten Durchlesen wird man dessen Meynungen für verwegen, hernach aber für sinnreich, und endlich für wahrscheinlich halten. Itzo will ich, durch Anführung der im Sommer 1752. In Europa deßwegen angestellten Versuche darthun, daß diese Meynungen in der Hauptsache, nämlich daß der Donner und die Elektricität einerley sind, durch die Erfahrung völlig bestätiget worden. Ich will diese Versuche nach den verschiedenen [467] Europäischen Ländern, in welchen sie angestellet worden, ordnen, und mit Frankreich anfangen, weil man sie daselbst zuerst gemacht. Ich will, um als ein getreuer Geschichtsschreiber zu verfahren, diese Nachrichten so her setzen, wie sie eingelaufen sind. Obgleich die meisten aus den Zeitungen genommen sind, so bin ich doch durch Briefe und andere Nachrichten von ihrer Richtigkeit überzeugt worden. Paris, den 26. May. Die neuen elektrischen Versuche, welche Herr Benjamin Franklin, zu Philadelphia in Nordamerica, angestellet hat, und welche durch die Uebersetzung seiner Briefe an den Herrn Collinson allhier bekannt worden, sind hier als sehr wichtig angesehen worden, und dieses durch die Muthmaßungen des Herrn Franklin von der Aehnlichkeit der Elektricität mit dem Donner, und durch die Mittel, welche er erfunden hat, sich davon zu überzeugen. Nachdem der König die vornehmsten dieser Versuche sehen wollen, so begab sich der Herr von Lor, welcher die meisten davon für wahr befunden, am 3ten Febr. mit den Herren von Buffon und Dalibard nach St. Germain en Laye, und hatte die Ehre, dieselben Sr. Majestät zu zeigen. Seit dem hat der Herr von Lor öffentlich alle Tage diese Versuche in seinem Cabinet der Experimentalphysik, auf dem Wippenplatze, mit gutem Fortgange, wiederholet. Nachdem dieser Naturforscher, wie auch der Herr Dalibard, sich gehörig vorbereitet, sich zu versichern, daß die Materie des Donners [468] und die Materie der Elektricität wirklich einerley seyn, so ist der Erfolg den Muthmaßungen des Herrn Franklin vollkommen gemäß gewesen. Die wichtigste darunter ist diese, daß man sich vor den Donnerschlägen verwahren könnte, wenn man an den höchsten Theilen eines Gebäudes oder eines Schlosses eiserne Stangen, 10. bis 12. Schuh lang, anmachte, welche sich mit einer sehr scharfen Spitze, die, den Rost zu verhüten, vergoldet seyn mußte, endigte, und wenn man an dem untersten Ende dieser Stangen einen messingenen Drat anmachte, welcher neben den Gebäuden in die Erde, und auf den Schiffen in die Schiffseile reichte. Nachdem also Herr Dalibard in der Stadt Marli eine eiserne Stange, ohngefähr 40. Fuß hoch, auf einen elektrischen Körper gestellet hatte, so nahm er wahr, daß, als den 10. May, nachmittags um 2. Uhr und 20. Minuten über den Ort, wo diese Stange war, eine Gewitterwolke zog, der dortige Geistliche, und etliche andere Personen, Funken und Erschütterungen aus dieser Stange gelocket, welche denen ähnlich gewesen, die man bey der ordentlichen Elektricität bemerket. Am 13. gab er der Königl. Akademie der Wissenschaften hiervon Nachricht. Nachdem der Herr von Lor auf der Poststraße bey der Wippe eine Stange, 99. Fuß hoch, auf einem Pechkuchen, 2. Fuß ins Gevierdte und 3. Zoll dick, hatte aufrichten lassen. so brachte er den 18. nachmittags zwischen 4. und 5. Uhr, während einer halben Stunde, da eine Wolke darüber stund, Funken heraus. Diese Funken waren vollkommen denjenigen gleich, welche sein Flintenlauft von sich giebt, wenn die [469] Kugel nur von dem Küssen gerieben wird, und sie zeigten eben das Geräusch, eben das Knistern und eben das Feuer. Der Herr von Lor brachte die stärksten Funken in einer Entfernung von 9. Linien hervor, als Regen und etwas Hagel aus der Wolke fielen, ohne daß es jedoch dabey blitzte oder donnerte. Es schien aber dieses die Folge von einem anderwärts gewesenen Gewitter zu seyn. Herr Bouguer, Mitglied der Akademie, gab derselben den 19. Nachricht davon. Sie bekräftiget die erstere Erfahrung; und aus beyden erhellet, daß man vermittelst zugespitzter Eisenstangen den Gewitterwolken ihr Feuer benehmen kann. Paris, den 12. Jun. Der Königl. Arzt, und Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Herr le Monnier, hat auch den elektrischen Versuch mit dem Donner angestellet. Er machte ihn bey dem Ungewitter am 7. dieses zu St. Germain en Laye. Er hatte hierzu den Noaillischen Garten erwählet, in welchem er eine eiserne Stange aufrichten ließ. Bey dem ersten Donnerschlage bemerkte er, daß dieselbe vollkommen elektrisch geworden war, indem sich eben solche Phänomena dabey zeigten, als wenn sie wirklich wäre elektrisiret worden. Eben dieses dauerte fast den ganzen Nachmittag. Viele Leute versicherten sich davon nicht nur durch das Sehen, sondern auch durch das Fühlen. Dabey war merkwürdig, daß die Elektricität nur drey Minuten nach einander währete, indem sie sich immer wechselweise zeigte, und wieder vergieng. Hieraus folgt unwidersprechlich, daß der Donner und die Elektricität von einerley Natur sind. [470] Paris, den 16. Jun. Die elektrischen Versuche mit dem Donner, welche die Herren Dalibard und von Lor am 7. dieses allhier machten, sind nicht, wie sonst, von statten gegangen, weil die taffetenen Netze und die Pechkuchen naß geworden waren. Der Herr le Monnier hat ein Mittel erfunden, zu machen, daß die Feuchtigkeit der elektrisirten eisernen Stange nicht schadet. Der damit zu St. Germain en Laye gemachte Versuch ist vollkommen wohl von statten gegangen. Zu Anfang der Julius meldete der Herr le Monnier, der Arzt, dem Herrn von Maupertuis in Berlin, daß er ein ganz leichtes Mittel entdeckt habe, Körper durch Donnerwolken elektrisiren zu lassen. Er wäre nämlich, schrieb er, bey dem letzt vorhergehenden Gewitter nur auf einen Pechkasten auf der platten Erde getreten, da er denn, als die Gewitterwolke über ihn weg gezogen, ganz elektrisch geworden, so, daß er nicht nur Funken von sich gegeben, sondern auch leicht brennbare Sachen angezündet. Er meldete auch nachgehends, daß ihm der Versuch mit stumpfen Körpern eben so wohl von statten gegangen, als mit spitzigen, ja daß er nur die Hände in die Höhe halten dürfen, um elektrisch zu werden. Paris, den 31. Jul. Die elektrischen Versuche werden hier noch immer mit gutem Erfolg fortgesetzt und geben zu allerley neuen Betrachtungen Gelegenheit, welche, wenn sie werden reifer geworden seyn, viele Dinge werden deutlich machen können, die man noch nicht weiß, oder wovon man bisher nur sehr unvollkommene Begriffe gehabt. [471] Die eisernen zugespitzten Stangen, welche in der Luft aufgerichtet werden und auf elektrischen Körpern stehen, z. B. auf Glas, Seide, Harz etc. werden elektrisch, wenn es blitzet und donnert, wie der Herr le Monnier verschiedene male zu St. Germain, und die Herren Cassini, Vater und Sohn, auf der Platteforme des Observatorii den Versuch damit gemacht haben. Aber die Substanz der Körper, ihre Figur und ihre Lage sind bey diesen Versuchen nicht nothwendig in Betrachtung zu ziehen. Der Herr le Monnier hat eiserne einen Quadratzoll dicke Stangen, deren Enden platt, als Vierecke, abgeschnitten gewesen, auf diese Art elektrisiret. Er hat dieselben horizontal, 5. bis 6. Schuh über der Erde, in einem Garten auf Stücken Holz gelegt, welche auf gläsernen Flaschen geruhet. Auf eben diese Art hat er Holz und andere Körper elektrisiret, sogar, daß er mit seinen Fingern Weingeist anzünden können. Die Maschine, welche der Herr Nollet auf der Platteforme des Observatorii aufgerichtet, und welche er den Herrn Cassini zu beobachten gebeten hatte, ist auch so elektrisch geworden, daß nicht nur an dem Eisen, sondern auch sogar an den Stücken Holz, feurige Büschel zu sehen gewesen, wenn man einen Finger, oder einen jeden andern nicht elektrisirten Körper, nahe daran gebracht. Da diese Versuche so gut von statten gegangen, so hat es Herr Nollet auch bey sich zu Hause versucht, ob er gleich an dem niedrigsten Orte von Paris wohnet, und ein sehr großes Gebäude über sein Zimmer hervorraget. Er machte in sein Fenster ein 15. Quadratzoll großes Loch. Durch dieses Loch stellte er eine 18. Schuh [472] lange blecherne Röhre, so, daß sie halb auswendig und halb inwendig war, und horizontal, auf seidener Rundschnur ruhete. Das erste mal donnerte es wenig; dennoch nahm Herr Nollet Funken wahr. Als es aber ziemlich stark donnerte und blitzte, waren die Funken so stark, daß man das gefährliche Musshenbrockische Experiment daran wiederholen konnte. Hierbey hat Herr Nollet wahrgenommen, daß ein jeder Donnerschlag, anstatt die Elektricität mitzutheilen, vielmehr macht, daß ihre Kraft aufhöret, und daß dieselbe bald darauf wieder kömmt, besonders, wenn die Blitze häufiger werden, ohne daß man es donnern hörtet. Paris, vom 4. Aug. Der Herr le Monnier setzt seine bekannten elektrischen Versuche fort. Er hat die Spitze der eisernen Stange, unterwärts gekehret, und der Versuch ist gleichfalls von statten gegangen. Als sich sein Bedienter auf einen Pechkasten stellte, kamen Funken aus seinem Kopfe und aus seinen Händen. Merac, in der Landschaft Bazadois, den 8. Aug. Der Herr Viceassessor Romas, Correspondent der Akademie zu Bourdeaux, hat allhier zu verschiedenen malen die elektrischen Versuche mit dem Donner wiederholet. Er hat nicht nur die anderwärts bemerkten Wirkungen eben so befunden, sondern auch bemerket, daß nach einem schwachen Gewitter mit etlichen starken Regentropfen, da die Sonne von Wolken frey und der Himmel sehr helle geworden, die eisernen Stangen elektrisch worden. Er ward davon, ohne aus seinem Zimmer zu gehen, benachrichtiget, und zwar durch [473] das Klingen zweyer Glöckchen, welche bey diesen Stangen angemacht waren, und welche durch die elektrische Anziehung und Zurückstossung klungen. Brüssel, den 18. Jul. Am 9ten dieses hat man allhier eine sehr merkwürdige Probe von den elektrischen Wirkungen des Donners gehabt. Als abends um 6. Uhr 5. Min. einige dichte Wolken über der auf dem Hause des Herrn Torre aufgerichteten eisernen Stange wegzogen, sah man an ihrem äusersten Ende einen Feuerstrom, wie ein Büschel gestaltet, welcher einen martialisch-schwefligen Geruch gab. Als jemand den Finger der Stange näherte, kamen Funken heraus, welche ihm entsetzliche Schläge gaben. Bey einigen darauf folgenden Donnerschlägen bemerkte man noch folgendes. Man nahm wahr, daß einige Secunden vor dem Donnerschlage das feurige Büschel verschwand, daß man alsdenn keine Funken aus der eisernen Stange herauslocken konnte, und daß nach dem Donnerschlage sich das Feuer, wie vorher, zeigte. Die Zuchauer sahen allemal, wenn es donnerte, das Feuer verschwinden, und wieder erscheinen. Einer glaubte beständig bemerkt zu haben, daß jeder Schlag später auf den andern folgte, wenn man den Finger in einiger Entfernung gegen die Stange hält, und dadurch einen mehr ununterbrochenen Ausfluß dieses Feuers verursachet. Wenn diese Entdeckung genugsam bestätiget würde, so würde sie von der äusersten Wichtigkeit seyn. Einen Augenblick [474] nach dieser Beobachtung brach ein so heftiges Feuer gegen den Finger des Herrn Torre aus, daß er beynahe davon wäre zu Boden geworfen worden. Zwey dabey stehende Officiers empfanden den Stoß auch sehr heftig. Während der Zeit, da man beschäftiget war, die erstaunlichen Wirkungen dieser Luftelektricität zu beobachten, versicherten einige Personen, daß sie Feuer, in der Figur einer Spirollinie, um die Stange hätten herunter fahren gesehen. Alle diese Versuche beweisen, daß die Spitze der Stange gleichsam einen sehr engen Canal vorstellet, durch welchen das Luftfeuer allmählich hindurch fließet. In England dachte man nicht eher daran, die Meynung eines scharfsinnigen Engländers durch die Erfahrung zu bestätigen, als bis dieses schon in Frankreich geschehen war; und da man daran gedacht, hat man doch gar wenig gethan. Doch hat man den Versuch daselbst auf eine besonders leichte Art gemacht. Herr Watson in London schreibt mir in seinem Briefe vom 23. Sept. folgendes:
London, den 4. Aug. Am 31. des verwichenen Monats, war allhier ein Donnerwetter, [476] bey welchem verschiedene Personen, die in Paris und anderwärts gemachten elektrischen Versuche anstelleten. Die elektrische Wirkung war so stark, daß diese Personen kaum den Schlag von der eisernen Stange aushalten konnten. Petersburg, den 1. Aug. Da in verschiedenen Zeitungen eine der wichtigsten Entdeckungen, nämlich, daß die elektrische Materie und die Materie des Gewitters einerley sey, bekannt gemacht worden, so hat der Professor der Experimentalphysik, Herr Richmann, allhier, sich und einige Zuschauer auf folgende Art hiervon überzeugt. Er schlug mitten aus dem Boden einer gläsernen Flasche ein Stück aus, steckte durch die Flasche eine 5. bis 6. Fuß lange und einen Finger dicke eiserne Stange mit stumpfen Enden, und befestigte dieselbe mit Pantoffelholz im Halse der Flasche. Darauf ließ er aus dem obersten Giebel des Daches einen Dachziegel ausbrechen, und steckte die Stange heraus, so, daß sie 4. bis 5. Fuß hervorragte, und der Boden der Flasche auf den Ziegeln zu ruhen kam, doch so, daß die eiserne Stange nirgends die Ziegel berühren konnte. An dem Ende der Stange, welches unter dem Dache, unter dem Boden der Flasche, hervorragte, befestigte er einen eisernen Drat und leitete denselben bis ins mittlere Stockwerk, allezeit mit der Vorsicht, daß der Drat keinen Körper von der fortpflanzenden Electricität berührete. Endlich machte er an das äußerste Ende des Drats ein eisern Lineal an, so, daß dasselbe senkrecht herunter hing,
Petersburg, den 10. Aug. Am 1. dieses hatte der Herr Prof. Richmann wieder Gelegenheit, die Elektricität des Gewitters, in Gegenwart einiger Herren Professoren und Mitglieder der Akademie, auch anderer Gelehrten und Akademisten, zu betrachten. Um 4. Uhr Nachmittags kam die Wetterwolke so nahe, daß sich an dem Lineal die elektrischen Erscheinungen, aber nicht nur in der Stärke, wie den 29. Jul. zeigten. Er versuchte an der Kette, die Kleistsche und Musschenbrokische Art, die Elektricität zu verstärken. Er verknüpfte nämlich einen eisernen Drat mit der Kette und ließ das Ende desselben in eine bis an den Hals mit Wasser gefüllte gläserne Flasche herunter. Der Hals der Flasche war trocken. Die Flasche setzte er in ein [479] Gefäß mit Wasser, und in das Gefäß mit Wasser ein Stück Eisen. Wenn man nun dieses Eisen mit der einen Hand hielt, und mit der andern Hand das von dem Donner elektrificirte Lineal anrührte, so fühlte man öfters eine Erschütterung in beyden Armen, wie unter diesen Umständen bey der künstlichen Elektricität zu geschehen pflegt. Es bekräftiget also auch dieses, daß die Materie des Gewitters von der elektrischen Materie auch hierinnen nicht unterschieden sey. Da nun alle Körper von der fortgepflanzten Elektricität elektrificiret werden können, so müssen alle solche Körper, z. E. alle Metalle, Menschen, Thiere, Wasser, Eis, Geld ec. wenn sie mit dem Drat verknüpft und gehörig unterstützt sind, durch die Materie des Gewitters elektrificiret werden, und da aus dem Drat wahre elektrische Funken entstehen, so muß durch diese Funken sich der hochrectificirte Weingeist, Naphtha, Frobens Spiritus etc. entzünden lassen, und da der Herr Prof. Richmann durch die künstliche Elektricität Namen und Figuren blitzen läßt, auch Naphtha und hochrectificirten Weingeist, ohne sie vorher über einer Flamme warm zu machen, anzündet, so können auch durch die natürliche Elektricität des Gewitters Buchstaben und Figuren blitzend gemacht und benannte flüßige Materien angezündet werden. Also kann das Gewitter, so erschrecklich es uns ist, auch zum Vergnügen und zum Lustfeuer dienen. Bologna, den 1. Aug. Man hat auch allhier am 27. vorigen Monats bey einem entstandenen [480] denen Ungewitter das neue Phänomenon der Elektricität auf dem astronomischen Observatorio versucht. Es ist dieses von dem Herrn Verati und dem Abt Matetrucci, welche beyde Mitglieder der hiesigen Akademie des Instituts sind, nebst dem Herren Marini, Bonnelli und Paganuzzi geschehen. Das merkwürdigste dabey ist, daß, als einer von ihnen die eiserne Stange mit der rechten Hand, und ein anderer mit beyden Händen die Kette gehalten, ein dritter aber sie mit der Hand über die seidene Schnur stellen wollen, unversehens ein heller Lichtkegel[1] erschienen, welchem kurz darauf ein großer Knall gefolget. Der unten in der Stadt für einen Donnerschlag gehalten worden, und in eben dem Augenblicke, da der Lichtkegel erschienen, haben 3. Personen einen gewaltigen Stoß an sich empfunden, der bey dem ersten durch die rechte Seite des Leibes bis an das äusserste Ende des Fusses, bey dem andern in beyde Arme durch die Brust, und bey dem dritten von dem rechten Arme nach dem linken, sodann aber von dem Schenkel bis unten in den Fuß gegangen. Leipzig, den 30. Aug.[2] Am 18. dieses hat der Herr Prof. Winkler allhier nachmittags zwischen 2. und 3. Uhr, da ein Donnerwetter von Mitternacht her entstund, und ihm in kurzer Zeit darauf ein anderes folgte, welches auf der Abendseite über Leipzig ging, von der in den Donnerwolken befindlichen elektrischen Kraft, wovon bisher höchstmerkwürdige Phänomena in den öffentlichen Blättern [481] sind bekannt gemacht worden, folgendes wahrgenommen. In Ermangelung einer großen Höhe hat er in seiner gegen Abend 2. Treppen hoch gelegenen Stube eine blecherne Röhre an seidenen Schnüren in horizontaler Lage zum Fenster hinaus hängen lassen. Die Wetterwolke kam dem Hause zwar nahe, zog aber eigentlich nicht darüber. Unter die Röhre hielt er anfänglich Goldblättchen. Zum ersten male zeigte sich die Elektricität, da es aus der Wolke auf die Röhre regnete. Die Goldblättchen kamen in hüpfende Bewegungen, welche am stärksten waren, indem es blitzte. Nach dem Blitze hörten sie fast gänzlich auf, wurden aber nach und nach immer stärker, bis es wieder blitzte, da sie durch eine Höhe von etlichen Zollen an der Röhre hinauf sprungen. Sodann nahete es sich der Röhre mit einem Finger. Da zeigten sich vor dem Blitze kleine stechende und knackende Fünkchen, die gleichfalls immer stärker wurden, je näher die Zeit des Blitzes heran kam. Auch wurden beyderley elektrische Wirkungen immer stärker, jemehr sich die Gewitterwolke dem Hause näherte, und hingegen immer schwächer, je weiter sich die Wolke entfernete. Der Herr Prof. Bose in Wittenberg, hat auch vermittelst einer zum Fenster hinaus gesteckten Stange, die Elektricität des Donners wahrgenommen. In Berlin war ich wohl der erste, der diese Versuche anzustellen bedacht war. Kaum hatte ich die erste Nachricht davon aus Paris in den französischen Zeitungen gelesen, so beschloß ich, diese [482] wichtigen Versuche hier zu wiederholen, und ich hatte auch einen bequemen Ort dazu erwählet. Allein da es nicht überall und allemal erlaubt ist, etwas gutes zu thun, zumal da, wo es solche Leute verwehren können, welche den Ruhm, etwas gutes gethan zu haben, gern allein haben möchten, so ward ich aus einer dergleichen Ursache davon abgehalten, bis ich endlich, da es andere thaten, meiner Mühe überhoben seyn konnte. Doch versuchte ich es bey etlichen Gewittern, welche wir im verwichenen Sommer allhier in großer Menge und Stärke gehabt haben, indem ich einen aufwärts gebogenen starken Drat an eine etwas lange gläserne Röhre befestigte, und beydes zusammen zum Dachfenster hinaus steckte. Aber der Versuch gelang mir niemals. Es ist von andern angemerket worden, daß man, wenn gleich nicht einen hohen, doch einen freyen und der Luft und den Wolken offenen Ort zu diesen Versuchen haben muß. Dieser aber hat mir in dem Hause, wo ich wohne, gänzlich gefehlet. Denn auf beyden Seiten und auch hinten sind hohe Häuser, und ganz nahe gegen über ist das Rathhaus mit dem Thurme. Es regnete auch allemal sehr stark, wodurch meine Glasröhre wohl zu naß kann geworden seyn. Derjenige, welcher allhier diesen Versuch mit aller gehörigen Vorbereitung und Sorgfalt glücklich angestellet hat, ist der Königl. Feldarzt, und Mitglied der Akademie den Wissenschaften, Herr D. Ludolf, welchem fleissigen und geschickten Naturforscher man verschiedene schöne Entdeckungen in der Naturlehre und insbesondere auch in der Elektricität, [483] zu danken hat; wie er denn der allererste gewesen, welcher Spiritus durch die elektrischen Funken angezündet hat. Dieser Herr D. Ludolf richtete in dem Ludolfischen Weinberge, an dem äussersten Ende der Stadt und an einem ganz freyen und etwas erhabenen Orte, eine 60. Fuß hohe hölzerne Stange auf, an welche er oben eine scharf zugespitzte eiserne 6. Fuß lange Stange, vermittelst zweyer horizontalen gläsernen Röhren, welche mit blechernen Cylindern, um sie vor dem Regen zu bedecken, umgeben waren, befestigte. Von dem untersten Ende der eisernen Stange reichte eine Kette, von starkem eisernen Drat in ein 30. Schritte von der hölzernen Stange befindliches Lusthaus, in welchem sie an der Wand mit seidener Rundschnure angemacht war. Bey dem am 19. Jul. nachmittags zwischen 4. und 5. Uhr allhier mit starkem Regen eingefallenen Donnerwetter, gelang der Versuch zum ersten mal. Sowohl der Herr D. Ludolf, als auch verschiedene andere Gelehrte und Neugierige, lockten durch Annäherung der Finger, oder eines an eine gläserne Röhre befestigten Stückes Blech, viele und oft sehr starke Funken aus dem Drate. Einer von ihnen bekam einen so starken Schlag, daß er ihm den Kopf und Leib auf der einen Seite so heftig erschütterte, daß er es über eine halbe Stunde lang fühlte. Den 26. Jul. gegen Abend zogen sich zwar dichte Gewitterwolken von Südwest in die Höhe: es war aber weiter nichts von einem Gewitter zu spüren, als daß es um 8. Uhr einige mal von ferne [484] blitzte. Dennoch beobachtete der Herr D. Ludolf, auf die itzt beschriebene Art, daß der Drat einige, obgleich nicht starke Funken, gab. Bey dem am 28. Jul. eingefallenen Gewitter, war die Wirkung wieder ziemlich stark, und ich hatte das Vergnügen, bey diesem Versuche mit zugegen zu seyn. Die Wirkungen zeigten sich nachmittags zwischen 4. und 5. Uhr, und ich habe selbst sehr viele Funken aus dem Drat gelockt, wovon aber die stärksten mir nur einen Stich gaben, welchen ich durch den ganzen Finger durch, und weiter nicht, fühlte. Gegen das Ende des Drats hatte der Herr D. Ludolf einem seidenen Faden darüber weggehangen. Durch die Auseinanderweichung der Schenkel desselben, wurden wir allemal benachrichtiget, wenn der Drat elektrisch war, und wenn der Faden dieses Zeichen nicht gab, so waren auch niemals elektrische Funken an dem Drate zu spüren. Wir wurden von der schon von andern beobachteten wechselweisen Verstärkung und Abnahme der elektrischen Kraft vollkommen überzeuget. Denn allemal, so bald es geblitzt hatte, war gar keine elektrische Wirkung zu spüren. Sie fing hernach allezeit, nach etlichen Secunden, auch wohl Minuten, ganz schwach wieder an, verstärkte sich alle Augenblicke allmählich, und wenn die Funken am stärksten geworden waren, so folgte allemal unmittelbar ein Blitz darauf, mit welchem die elektrische Kraft wieder verschwand. Dieses sind die elektrischen Versuche mit dem Donner, welche in dem Sommer 1752. in Europa angestellet worden, so viel ich derselben habe sammlen [485] können. Es werden mir vielleicht wenige unbekannt geblieben seyn, und ich bin zufrieden, daß ich ohne Zweifel die merkwürdigsten angemerket habe. Aus diesen Versuchen nun siehet man zur Genüge, wie glücklich Herr Franklin gemuthmaßet hat, und es ist also gewiß, daß die Donnerwolken eben diejenige Materie in sich haben, welche bey den künstlichen elektrischen Versuchen wirket. Ob alle elektrischen Wolken von der See herkommen, dieses wäre noch zu untersuchen. Herr Franklin macht ohne Zweifel einen gegründeten Unterschied zwischen dem in den Wolken enthaltenen gemeinen und elektrischen Feuer. Dieses ist viel subtiler, als jenes, und es scheint in dem Aether, so wie jenes in der Luft, seinen Sitz zu haben. Vielleicht ist das gemeine Feuer nichts anders, als die innigst heftig bewegte Luft mit denjenigen Theilchen zusammen genommen, welche durch ihre innere Vermischung mit derselben den Grad ihrer Zartheit bekommen, und also derselben ihre eigene innige heftige Bewegung mitheilen können. Und vielleicht ist auch der Aether selbst das elektrische Feuer, mit denjenigen Theilchen, welche so subtil werden können, als der Aether ist, oder welche in dessen Zwischenräumchen eindringen, und durch ihre Bewegung ihn selbst in eine heftige Bewegung setzen, und mit ihm zusammen das elektrische Feuer ausmachen können. Es wäre also, wo möglich, zu untersuchen, ob das Seesalz, oder sonst etwas darinnen enthaltenes, so beschaffen ist, daß es, nach gehöriger Auflösung, mit dem Aether ein solches elektrisches Feuer ausmachen kann? Und ob aus der [486] Erde aufsteigende Dünste etwas dergleichen nicht in sich enthalten? Wie es eigentlich zugeht, daß, wenn eine elektrische Seewolke auf eine unelektrische Landwolke stößt, dadurch ein elektrischer Funken und Knall entsteht, welche sich, wegen ihrer Heftigkeit, uns als Blitz und Donnerschlag sehen und hören lassen, dieses scheint doch noch etwas dunkel zu seyn. Denn man kann sich die Wolken nicht so vorstellen, wie diejenigen dichten und wohlterminirten Körper, durch deren Annäherung an einander man bey der künstlichen Elektricität Funken und Geräusch hervorbringt. Eine Wolke ist ein Haufen von einander abstehender Dünste. Diese sind an den Enden der Wolke nicht etwan gleichsam wie mit dem Messer avgeschnitten, sondern es ist nichts natürlicher, als daß ihre Dichtigkeit nach den Enden zu allmählich abnimmt, und also die Wolke an den Enden so dünne ist und die darinne befindlichen Dünste so weit von einander abstehen, daß sie fast nicht mit zu der Wolke gerechnet werden können. Welches ist also nun derjenige Grad der Dichtigkeit der Dünste, der zu einer elektrischen oder Gewitterwolke erfordert wird? und in welchem Theile der Wolke ist derjenige Punct, welcher sich einem gewissen Puncte in der andern Wolke nähern muß, um Funken und Knall, das ist, Blitz und Donner, hervorzubringen? Vielleicht nähern sich beyde Wolken einander mit so einer Geschwindigkeit, daß die allmählige Annäherung der äusern Enden der Wolken, der Zeit nach für nichts zu achten ist. Vielleicht verursacht aber das elektrische Feuer in der einen [487] Wolke wirklich nur nach und nach, in der andern Wolke eine Erhitzung, welche endlich, wenn sich die dichten elektrischen Dünste immer mehr und mehr nähern, diejenige knallende plötzliche Entzündung verursachen, welche wir Blitz und Donner nennen. Es sey nun dieses auf die eine oder die andere, oder auf eine noch ganz verschiedene Art zu erklären, so läßt sich doch aus der Franklinischen Theorie, die durch alle gemachten Versuche bestätigte Erscheinung erklären, daß die elektrische Wirkung mit dem Blitze aufhöret, hernach allmählich stärker wird, und unmittelbar vor dem Blitze am stärksten ist. Denn der elektrischen Wolken sowohl, als der unelektrischen, sind bey einem Gewitter viel. Wenn nun eine elektrische Wolke erst von ferne gegen die eiserne Stange gezogen kömmt, so können allerdings die äusersten weitläuftigen elektrischen Dünste erst nur schwach in die Stange wirken. Wie aber die Dichtigkeit der Wolke immer zunimmt, so muß auch die elektrische Wirkung in der Stange immer zunehmen, indem ihr die dichtern Dünste immer näher kommen. Trifft nun die elektrische Wolke an eine unelektrische, so geschieht der Blitz, welcher, nach Franklins Theorie, das elektrische Feuer durch beyde Wolken gleich vertheilet, und also sehr schwächet; Daher denn die nunmehr derjenigen Menge des elektrischen Feuers, welches sie zu einer elektrischen Wolke machte, beraubte Wolke, nicht mehr in die Stange wirken kann, in welcher sich die elektrischen Erscheinungen erst alsdenn nach und nach wieder zeigen können, wenn eine neue elektrische Wolke gegen sie anrücket. [488] Bey verschiedenen der oben angeführten Versuche hat man so ein Licht gesehen, dergleichen man bey dem künstlichen Elektrisiren an spitzen metallenen Körpern wahrnimmt. Ein solches Licht muß allemal an dem spitzen Ende der eisernen Stange seyn: Doch kann man es nur in der Nacht, oder wenn es sehr stark ist, sehen. Wenn die Elektricität einer Donnerwolke sehr stark ist, so sollte man dieses Feuer vielleicht auch an andern in der freyen Luft stehenden spitzen metallenen Körpern sehen konnen, wenn sie gleich nicht auf einem elektrischen Körpern ruhen, oder daran befestiget sind. Die Erfahrung ist sehr stark für diese Muthmaßung. Es ward im verwichenen Junius aus Paris gemeldet, daß der Herr von Lor, der dortigen Akademie der Wissenschaften folgendes merkwürdige Phänomenon gemeldet: „Auf dem Glockenthurme der Kirche zu Plauzat in Auvergne ist ein eisern Kreuz ohne Malerey und Firniß. Die äusersten Enden dieses ohngefähr 2. Fuß hohen Kreuzes, sind nicht mit Knöpffen geschlossen, sondern an statt derselben sind Figuren von Lilien, welche spitz zulaufen. Allemal, wenn ein stark Gewitter mit dichten Wolken und häufigen Blitzen ist, sieht man ein Licht an jedem äusersten Ende dieses Kreuzes. Von unendlichen Zeiten her wird erzählet, daß das Gewitter zu Plauzat und in dortiger Gegend sehr selten einschlägt, wenn sich dieses Phänomen zeigt, oder zeigen will. So bald es sich anfängt zu zeigen, ist man versichert, daß man von dem Gewitter nichts mehr zu befürchten hat. Die drey erwähnten Lichter haben verschiedene Farben, wie der Regenbogen. Unten sind sie [489] rund, und oben laufen sie kegelförmig zu. Zuweilen lassen sie sich 2 ½ Stunden sehen, und sie widerstehen dem Regen, er mag so stark seyn, als er will. Alles dieses wird von allen Einwohnern zu Plauzat und durch einen Brief des Herrn Binon, Predigers bey derselben Gemeinde, welcher seit 27. Jahren daselbst wohnet, und ein genauer Beobachter ist, bekräftiget.“ Vor 3. Jahren hat der Herr Pastor Lesser, nebst andern, zu Nordhausen, bey einem stürmischen Ungewitter, an den Spitzen eines eisernen Geländers auf einem Thurme daselbst, itzt erwähntes Phänomenon gleichfalls bemerket. Ein gelehrter Schweizer hat mich versichert, daß in der Schweiz ein Thurm ist, auf welchem sich bey diesen Umständen dasselbe ebenfalls zeigt. Diese Lichter, welche bey Ungewittern zu sehen sind, rühren ohne Zweifel von einer starken Elektricität der Donnerwolken her. Ehe man die oben erzählten elektrischen Versuche mit den Gewitterwolken gewußt, würde man schwerlich die Ursache dieser Lichter haben errathen können, so wenig als die Ursache verschiedener anderer leuchtender Lufterscheinungen, als z. E. der Irrlichter, der fliegenden Drachen, des Feuers St. Elmo etc. Ja, Herr Franklin erkläret auch sogar die Nordscheine aus die Luftelektricität. Weil ich aber an dieser Erklärung noch keinen rechten Geschmack finden kann, so will ich sie übergehen, und vielmehr etwas von dem Feuer St. Elmo gedenken. Nach des Plinius (im 2. Buche im 37. Cap.) und anderer alten und vieler neuern bekannten [490] Berichte, zeigt sich bey Stürmen auf der See zuweilen ein Licht um die Mastbäume der Schiffe, welches die Portugiesen Corpo Santo, die Spanier Sant Elmo und die Holländer Vrede-vyer nennen. Wenn es nur einfach war, so nennten es die Alten Helena, und Plinius meldet, daß dieses Feuer zuweilen bis in die Schiffe herunter käme, und einen unglücklichen Sturm anzeigte. Wenn sich 5. solche Lichter neben einander zeigen, so nennen es die Portugiesen Corona de nostra Senhora, und dieses wird für ein Zeichen des bald aufhörenden Sturms gehalten. Das einzelne Feuer, oder die Helena, bewegt sich auf und nieder, wie Irrlichter oder fliegende Drachen. Wenn zwey Lichter oben über dem Schiffe erscheinen, so glauben die Schiffer gleichfalls, daß die Gefahr des Ungewitters vorüber sey. Die Alten nenneten dieses doppelte Licht Castor und Pollux, und sagten, daß diese die Helena verjagten. Sie hielten auch diese beyden für ihre Schutzgötter zur See, und setzten ihre Götzenbilder auf manche Schiffe als ein Zeichen derselben, so wie die Flaggen, Pavillons und besondern Namen noch itzo jedes Schiff bezeichnen. Paulus fuhr aus seiner Reise nach Rom, auf einem solchen von Alexandria gekommenen Schiffe, von Malta nach Italien (Apost. Gesch. 28.) Es ist nicht zu läugnen, daß bey diesen Erzählungen noch unterschiedenes dunkel ist. Doch ist die Aehnlichkeit des Castor und Pollux, mit dem sowohl durch die künstliche, als auch durch die natürliche Elektricität hervorgebrachtem schwachen Lichte allzugroß, als daß man nicht beyde für einerley [491] halten sollte. Kann dieses elektrische Licht bey Ungewittern sich auf Thürmen zeigen, welche gewiß nicht auf elektrischen Körpern stehen, so kann es auch bey großen Ungewittern zur See auf den eisernen Spitzen der Mastbäume in der Nacht zu sehen seyn. Plinius meldet am angeführten Orte, daß diese Lichter zuweilen ein Geräusch von sich gäben; und eben dieses geschieht auch bey dem elektrischen Lichte. Auch berichtet er, daß sie den Leuten auf dem Schiffe um die Köpfe herum leuchteten; welches nichts anders ist, als die elektrische Beatification des Herrn Prof. Bose. Wenn es wahr ist, daß das Feuer, welches die Alten Helena nenneten, ganz in das Schiff herunter kommt, und hin und her tanzt, so könnte man es für eine Art von fliegenden Drachen oder Irrwischen halten. Das elektrische Licht sowohl auf einigen Thurmspitzen, als auch das auf den Mastbäumen und andern Theilen eines Schiffs, scheinen die Muthmassung des Herrn Franklin, daß man sich durch Aufrichtung zugespitzter metallener Körper vor dem Donner verwahren könne, zu bestätigen. Denn sowohl, wenn sich der Castor und Pollux , auf den Schiffen, als auch, wenn sich das Licht auf der Thurmspitze zu Plauzat zeigt, geht das Ungewitter ohne Schaden vorüber. Wie es aber zugeht, daß spitze metallene Körper die Elektricität, oder bey Gewittern die Materie des Blitzes und Donners, von ferne allmählich an sich ziehen, und in den großen Zusammenhang unelektrischer Körper vertheilen, dieses ist noch etwas schwer zu begreifen. Aber doch [492] hat sich Herr Franklin durch Versuche der künstlichen Elektricität davon versichert. Vielleicht macht die spitz zulaufende conische Fläche dieser metallenen Körper, daß die elektrische Materie, ob sie gleich nicht dichte ist, dennoch sich an dieser engen Fläche sammlet, und sowohl an den Seiten, als auch besonders oben, dicht genug zusammen kömmt, um ein elektrisches Licht zu verursachen, welchem alsdenn der fernere Zufluß der elektrischen Materie desto eher allmählich folgt. An den Flächen breiter, dicker und stumpfer metallener Stangen oder anderer Körper hingegen würde sie immer weit aus einander und schwach bleiben, bis die recht elektrische Wolke selbst ganz heran käme. Daß der Castor und Pollux die Helena vertreibt, ist wohl mehr ein Einfall der Alten, als eine natürliche Begebenheit. Man könnte es sich vorstellen, daß die Helena, oder die Irrwische, die Gegenwart der das Ungewitter verursachenden Dünste anzeigen, welche alsdenn mit dem Ungewitter vergehen, wenn die Spitzen der Mastbäume die Donnermaterie, so zu sagen einsaugen, daß ist, wenn sich das elektrische Feuer, oder das Feuer St. Elmo auf denselben zeiget. Uebrigens vermuthe ich nicht, daß die elektrischen Versuche mit dem Donner jemanden gefährlich seyn sollten. Es sind ja eben solche Versuche, wie die künstlichen elektrischen Versuche, und die größte Stärke des Musshenbroekischen Versuchs, hat man doch noch nicht dabey empfunden. Das große Knallen und Erschüttern, welches die Herren auf dem Obeservatorio zu Bologna empfunden, halte ich [493] mit Grunde für einen wirklich um sich herum geschehenen Donnerschlag, wozu ihr Versuch nichts beygetragen. Ich hoffe, daß diese neuen Entdeckungen nur noch das Vorspiel viel mehrerer wichtiger Entdeckungen in dieser Materie seyn werden. Die nächstfolgende Zeit wird meine Propheceyung bald wahr machen. 2.
C. Leyells
Historie des Salmiacs,
aus dem letzten Quartal 1751. der Kongl. Svenska
Wetenskaps - Academiens Handlingar
übersetzt
von
Herrn Stils,
aus Christiania in Norwegen.
Der Salmiac ist an sich selbst bey den Chymisten ein bekanntes Salz und wird von denselben bey verschiedenen Arbeiten gebraucht. Es würde also unnöthig seyn, den Unterschied zwischen diesem Salze und andern Salzen und dessen Eigenschaften nach der Chymie zu beschreiben. [494] Auch halte ich für überflüßig, die verschiedenen Namen anzuzeigen, welche unsere Vorfahren diesem Salze gegeben haben; Da sie es Lapis adir Audix genennet, und ihm mehr dergleichen seltsame Namen gegeben, um das, was sie darunter verstanden, zu verdunkeln. Bey einigen wird es auch der weisse Adler genennet, und dieses wegen dessen raubender Kraft, und weil es das Metall ausspüret, besonders das schlechteste.
Agricola nennet in seinem Buche, worinnen er von der Natur der Fossilien handelt, dieses Salz Ammoniacum, welches bey Pelusien gefunden worden, und gedenkt auch des übrigen, was itzt aus dem Plinius angeführet worden. Plinius berichtet weiter, daß, so lange dieses Salz in seinen Gruben liege, dasselbe sehr leicht sey, daß es aber eine unglaubliche Schwere annähme, so bald es in die freye Luft käme. Wenn dieses nun in der That sich so verhalten, so ist zu merken, daß es, in Ansehung dieser Eigenschaften, noch eher ein alkalisches Salz gewesen, da es denn, wenn es an die Luft gekommen, Nässe an sich gezogen, und also schwerer geworden. Denn so viel uns bekannt ist, so hat man keine Erfahrung gehabt, daß weder der gemachte itzt bekannte, noch der von der Natur an gewissen Oertern erzeugte Salmiac, an der Luft seine Schwere verändert hätte. Plinius sagt auch in dem oben angeführten Capitel, daß das Salz, wovon er redet, verfälscht würde; welche Worte Agricola in seinem Buche von den Fossilien wiederholet, und hinzusetzt, daß diese Betrügerey leicht zu merken sey; denn wenn das Haf-oder Seesalz ins Feuer geworfen werde, sagte er, so knistere es, und springe weg, welches aber das Indianische Salz nicht thäte. Der falsche Salmiac wird in Kisten gemacht, und [497] knistert nicht im Feuer: aber er verfliegt und verzehret sich ganz und gar. Der ächte Salmiac hingegen hat eine langgestreifte äuserliche Rinde, knistert im Feuer und springt weg. Agricola scheinet, da er von dem Salmiac handelt, der Meynung zu seyn, als ob dieses Salz ein Brunnensalz oder ein Bergsalz sey, und macht also dieses Salz zu einem gegrabenen Salze. Man merket dennoch aus dem, was er unter dem Worte Salmiac verstanden, daß dieses ein ganz anderes Salz gewesen, als das, was wir itzo mit gleichem Namen benennen, und scheinet es sehr wohl mit dem falschen oder nachgemachten Salmiac, in Ansehnung derer Eigenschaften, welche er ihm belegt, übereinzukommen, indem unser Salmiac nicht, wie jenes, im Feuer knistert, sondern gänzlich verflieget. Auch hat dieser keine längliche Scheiben, wie der, welchen Agricola zu seiner Zeit für den rechten ausgiebt, und welcher, nach seiner Beschreibung, dem Berg oder Küchensalze, Sal commune, welches, wie bekannt, im Feuer springet und knistert, an sich selbst aber nicht flüchtig ist, gleich seyn soll. Dioscorides, da er von dem Salmiac schreibt, welcher bey Ammons Tempel soll seyn gefunden worden, sagt, es ware eine Art elementarisch Salz, hart, durchsichtig, weiß, scheibigt und von mineralischem Wesen, und er scheinet also auch nicht den itzo bekannten Salmiac darunter verstanden zu haben. Mit einem Worte, die Nachrichten, welche die Alten uns von diesem Salze hinterlassen haben, sind so dunkel, daß man nicht mit Gewißheit daraus sehen kann, ob alle unter einerley Namen, einerley [498] Art Salz verstanden, oder ob sie verschiedene Meynungen, von dem Salmiac gehabt haben, und was für eine Art von Salz es eigentlich gewesen sey. Denn die meisten dieser Schriftsteller werden hier, gleichwie in andern Fällen nur das abgeschrieben haben, was von ihren Vorfahren angemerket worden, ohne daß sie selbst die Sache, wovon sie geschrieben, untersucht hätten. Was nun aber den in spätern Zeiten durch Kunst zubereiteten und so genannten officinalen Salmiac anlangt, als welcher ein Mittelsalz ist, und aus der Küchensalzsäure, und einem flüchtigen Alkal bestehet, so wissen wir, daß derselbe in Epgypten verfertiget, und vermittelst des Levantischen Handels in Gestalt runder Kuchen nach Europa gebracht wird, welche Kuchen ohngefähr eine Querhand dick sind, und 8. bis 10. Zoll im Durchmesser haben. Auf der einen Seite sind sie hohl, und auf der andern erhaben, wo sie oben wie ein Knopf formiret sind, welche Figur sie ohnfehlbar von dem Gefäß haben, worinnen sie sublimiret worden. Es giebt noch eine andere Art gemachten Salmiac, welcher nur äuserlich von jenem unterschieden ist, und aus Indien gebracht wird: er ist aber bey uns nicht so bekannt und gebräuchlich, als der Egyptische. Er hat die Figur eines Zuckerhuts, von welchem die Spitze abgeschlagen ist. Herr Geoffrey der jüngere berichtet in den Memoiren der Königl. Franz. Akad. der Wiss. im Jahre 1723. 211. C. daß die Salmiacshüte, welche er gesehen, im Boden [499] 9. Zoll, in der Spitze 3 ¼ Zoll dick, und 11. Zoll hoch gewesen. Was nun den Salmiac anlangt, von welchem wir itzo gehandelt, und von welchem Herr Hasselquist, ein werthes Mitglied unserer Akademie, aus Cairo eine Beschreibung eingesandt hat, so ist dessen Ursprung, und die Art, wie er verfertiget wird, nunmehr keine unbekannte Sache mehr, wie vordem, da man noch keine sichere Nachricht davon gehabt. Die Chymisten sind damals wegen der rohen Meterialien zu diesem Salze noch nicht einig gewesen, ob sie gleich befunden, daß es ein Werk der Kunst sey. Es finden sich verschiedene Muthmaßungen zu Auflösung dieses Knotens. Man findet auch noch in Büchern verschiedene Beschreibungen der Verfertigung des Salmiacs. Diese gehen aber alle dahin, daß er aus Urin, Küchensalz und Ruß verfertiget werde. Woraus sie auch zugleich schließen wollen, daß er auch in Egypten von diesen Vermischungen verfertiget werde. Ja man findet auch unter den neuern chymischen Schriftstellern einige, welche wegen Verfertigung des Egyptischen Salmiacs gefehlet, wenn sie sagen, derselbe werde von Kameelurin, Küchensalz und dem besten Holzruß mit einander inspissiret, dann in Wasser gekocht, hernach getrocknet und sublimiret, alsdann wieder aufgelöset, depuriret und coaguliret. Ob sie gleich nähere Nachricht gehabt, so sind sie doch bey dieser ungereimten Beschreibung der Verfertigung des Salmiacs der Spur der Alten gefolget; und zwar ein Theil aus Unwissenheit und nach den [500] zu ihrer Zeit davon abgefaßten Schriften; ein Theil aus Blindheit, da sie von der alten Meynung einmal eingenommen gewesen. Es bestehet demnach Herr Neumann in seinen chymischen Vorleseungen darauf, daß die, welche zwar sowohl zu Delta die Bearbeitung des Salmiacs gesehen, als auch davon geschrieben, dennoch keine genaue Nachricht von dessen Mischung bekommen, sondern, daß die Egypter ihnen das Wesentliche verborgen gehalten, wie in dessen Buche mit mehrerem zu ersehen ist. Ein gewisser Schriftsteller in Deutschland, welcher 1750. eine metallurgische Chymie herausgegeben, scheinet ebenfalls dieser Sache nicht recht kundig zu seyn, indem er mit einigen Worten, den Ursprung des Salmiacs anzeigt, und sagt, daß derselbe in Egypten und Venedig von Küchensalz, Urin und Spiegelruß gemacht werde. Wo er und andere dergleichen Nachrichten her bekommen, davon schweigen sie. Man hat auch niemals gehöret, daß in Venedig Salmiac gemacht worden, obgleich die dasigen Einwohner Handlung damit getrieben und denselben aus Egypten geholet. Was noch zuverläßiges von der Zubereitung des Salmiacs in Egypten geschrieben worden, daß haben folgende glaubwürdige Männer gethan. Der Pater Sicard, ein Jesuit, welcher nach Egypten geschickt worden, hat unterm 1. Jun. 1716. aus Cairo einen Brief an den Grafen von Toulouse geschrieben, in welchem er ihm die Zubereitung dieses Salzes auf der Insel Delta bey Damagera berichtet. Dieser Brief ward 1717. in [501] dem zweyten Band der Nouveaux Mémoires des Missions de la Compagnie de Jesus eingerücket. Dieses ist, so viel man weis, die erste Nachricht von der Verfertigung des Salmiacs, welche in Europa durch den Druck bekannt gemacht worden. Herr Sicard beschreibt darinne kürzlich die dazu gebräuchlichen Ofen, die Gläser und die eigentliche Materie, womit selbige angefüllet werden. Diese, sagt er, bestehe aus gebranntem Viehmist, ein wenig Meersalz und Urin, woraus der Salmiac sublimiret und in Form einer runden weissen Masse gemacht werde. Durch die Bemühung der Königl. Franz. Akademie der Wissenschaften ist diese Sache hernach weiter untersuchet und die Art der Zubereitung dieses Salzes in Egypten deutlich beschrieben worden. In das Jahr 1720. der Memoiren erwähnter Akademie hat Herr Geoffroy der jüngere Anmerkungen über die Eigenschaften und Zusammensetzung des Salmiacs eingerücket, und denselben einen Bericht davon beygefüget, welchen der Französische Consul zu Cairo, Herr Lemere, unterm 29. Jul. 1719. an die Akademie eingesandt hat. Dieser Bericht stimmet darinne mit jenem wohl überein, daß der Ruß von Viehmist sey: aber von der Zuthuung des Meersalzes und des Urins gedenket Herr Lemere kein Wort, sondern daß daselbst der Salmiac einzig und allein von Ruß aufgetrieben (sublimiret) werde. Dieses scheinet auch der weit gereiste Engländer, Thomas Shaw, in seiner Reisebeschribung in einen großen Theil der Barbarey und der [502] Levante, welche er, nachdem er diese Länder durchreiset, im Jahr 1738. zu Oxford herausgegeben, zu bestärken. Er berichtet in dem Anhange, a. d 55. S. der Salmiac werde von Kameelmist, als welcher der stärkste und beste dazu wäre, gemacht; dieser Mist werde besonders hierzu gesammlet, und in den Caminen anstatt Holz gebrannt, und nur der Ruß davon werde in die zu Cairo befindlichen Salzfabriken gebracht, wo man ihn in große Flaschen thue, und in selbigen den Salmiac daraus auftreibe. Er schließt auch seinen Bericht mit diesen Worten: Wenn der Salmiac fertig ist, so wird der Hals von den Flaschen abgeschlagen, der Kuchen herausgenommen, und in dieser Gestalt wird es nach England gesandt. Weiter belehret uns nach der itzt gedachten Beschreibung der Bericht des Herrn Hasselquist, welchen die hiesige Königl. Akademie der Wissenschaften von ihm erhalten, und in welchem er meldet, wie der Salmiac in Egypten zubereitet wird, daß nämlich dessen Wesen eigentlich in Ruß von allerley Mist von Thieren, welche er nennet, bestehet, und daß der Mist vc. Kameelen von anderem Miste nicht hierinnen unterschieden, oder besser sey, viel weniger der Urin derselben. Dieser Bericht scheinet der zuverläßigste von allem denjenigen zu seyn, welche hiervon nach Europa gekommen. Unter andern nützlichen und diese Art der Oekonomie betreffenden Anmerkungen, zeigt Herr Hasselquist auch die rechte Jahreszeit an, [503] wenn dieser Mist gesammlet, und die Art, wie er zum Salzbrennen geschickt gemacht wird. Wir haben insonderheit Ursache, demselben für die wichtige Erläuterung zu danken, welche er uns von dem Grunde dieses Salzes gegeben, nämlich, daß das Küchensalzsaure seinen Ursprung in den dazu genommenen Materialien hat, und nicht besonders dazu gethan wird. Dieses Küchensalzsaure befindet sich in dem Mist, und in demselben entstehet es theils aus den salzigen Gewächsen, welche das Vieh in Egypten genießet, theils aus dem salzigen Wasser, welches es trinket. Diesen Umstand hat zuvor keiner von allen denen, welche von dem Egyptischen Salmiac geschrieben, angemerket. Daher ist es auch gekommen, daß die, welche des Herrn Lemere und Shaw Bericht gelesen, nicht so leicht inne werden können, wo diese Salzsäure in dem Salmiac herrühre, welche man auch in anderem Viehmist nicht bemerket, und der auch nicht zum Salmiac tüchtig ist. Viele haben deswegen der Vermischung des Herrn Sicard Beyfall gegeben, indem derselbe ausdrücklich sagt, daß Seesalz mit dazu genommen werde. Woher er seine Nachricht gehabt, ist nicht bekannt, und es kann seyn, daß er sich nach anderer ihren Nachrichten gerichtet, und selbst nicht gegenwärtig gewesen, wenn die Materie eingelegt worden. Da Herr Hasselquist die Verfestigung dieses Salzes beschreibet, so stimmet er in demjenigen, was Herr Lemere davon an die französische Akademie der Wissenschaften berichtet, nicht vollkommen übereyn: indessen sind sie in der Hauptsache nicht [504] unterschieden, sondern scheinen darinne sehr überein zu kommen. Sie sind eigentlich nur darinne unterschieden, wie die Aufstellung der Gläser geschieht, wieviel ihrer auf jeden Ofen gesetzt werden, und wieviel Salmiac verfertiget wird. Der Unterschied in Ansehung der Oefen kann leicht daher rühren, daß, seit dem Herrn Lemere in Egypten gewesen, darinnen eine Aenderung gemacht worden, und daß man sich itzo größerer Oefen bedienet, oder daß sie auf verschiedene Einrichtungen ihr Augenmerk gehabt. Was die Menge des verfertigten Salzes anlangt, so berichtet Herr Lemere, daß damals bey 25. große und etliche kleine Fabriken zu Damagera gewesen, und daß daselbst jährlich 1500. bis 2000. Centner Salmiac verfertiget worden. Herr Hasselquist aber sagt, daß nur 600. Canthar Gerovini, welche 848. Center und 57. Pfund ausmachen, jährlich aus Cairo verführet würden; welcher Absatz sich nicht auf die Hälfte des von dem Herrn Lemere angezeigten beläuft. Man könnte sich also vorstellen, daß das übrige aus andern Egyptischen Häven nach andern Oertern verführet würde, welches Herr Hasselquist so eigentlich nicht wissen können. Vielleicht kann auch ein Theil davon im Lande gebraucht werden, wenn itzo noch soviel, als vor 32. Jahren, wie Lemere schreibt, gemacht wird. Ob nun gleich vor diesem wegen der Zubereitung des Salmiacs viel Streit gewesen, so können doch aus des Herrn Hasselquist Berichte, zur Erläuterung der Historie des Salmiacs folgende zwey Schlußsätze mit Gewißheit gemacht werden: [505] 1) Daß der Salmiac in Egypten aus Ruß von gebranntem Viehmist gemacht wird, und zwar ohne einigen andern Zusatz; wie man denn auch keine Ursache hat, hieran zu zweifeln, indem man ja vorher schon weiß, daß darinnen ein flüchtiges Alkali ist, welches allenthalben in dem Thierreich gefunden wird; daß man ferner, wie oben gedacht worden, überzeuget ist, daß auch Küchensalz in selbigem Mist enthalten ist, und daß, wenn derselbe zu Ruß gebrannt wird, die Küchensalzsäure aufsteiget, und sich mit dem flüchtigen Alkali vereiniget, welches denn, wenn es durch eine Sublimirhitze getrieben wird, aufsteiget, wovon das Mittelsalz, welches man Salmiac nennet, entstehet, da sich die unreinen und irdischen Theile davon scheiden, und auf dem Boden liegen bleiben. 2) Daß der Egyptische Salmiac, so, wie derselbe nach dessen Verfertigung aus den Gläsern genommen wird, nach Europa versandt wird, und also ein wirkliches Sublimat ist. Dieses bestärken alle Berichte, welche von dem Ort herkommen, wo er gemacht wird. Es kann sich auch ein jeder mit geringer Mühe in seinem Laboratorio durch die Erfahrung davon versichern. Denn wenn man diesen officinalen Salmiac allein und für sich selbst mit gehöriger und mittelmäßiger Hitze aufs neue auftreibet, so steigt er auf, und setzt sich als eine feste Masse an, welche, wenn man sie eröffnet, inwendig crystallisch, und sonst eben so beschaffen ist, wie zuvor: Doch auswendig zeigt sich der Kuchen so, wie das Geschirr gewesen ist. Man bedienet sich deshalb hierzu solcher runder Gläser, welche von den Egyptern [506] dazu gebraucht werden, und man bekommt also aufs neue aufgetriebenen Salmiac in eben solchen Kuchen, wie er zuvor gewesen: obgleich Herr Neumann in dem 24. Cap. seiner chymischen Vorlesungen, welche Herr Zimmermann 1740. heraus gegeben, gänzlich behauptet, daß dieses nicht angienge. Man hat auch keinen Abgang zu befürchten, wenn nur die Arbeit einigermaßen mit Aufmerksamkeit verrichtet wird. Es folget also hieraus, daß die Meynung einiger, als ob dieser gemachte Salmiac ein inspissirtes Salz sey, ganz falsch ist, welches besonders Herr Lemery in seiner Abhandlung, von dem Wesen des Salmiacs, welche er 1716. bey der französischen Akademie der Wissenschaften eingegeben, behauptet, und also, ehe noch die Akademie, durch den vorhingedachten Bericht belehret worden, daß man dieses Salz vermittelst der Sublimation bekommt. Herr Neumann hält in oben gedachtem Capitel seiner Vorlesungen dafür, daß der sublimirte Salmiac nicht weiter verführet werde, sondern daß er, nachdem er sublimiret worden, in kleinen Gefäßen aufgeloset, und durch eine geringe Aufdunstung zu solchen Kuchen oder Scheiben inspissiret werde, wie man sie in den Apotheken findet. Dieses sucht er mit unterschiedenen Beweisen zu bestärken, welche aber von keiner sonderlichen Erheblichkeit sind, und welche, wenn man sie recht betrachtet, gar nichts von seinem Satz bekräftigen. Ebenfalls ist es unnöthig, zu wiederholen, was er von einer besondern Crystallisation sagt, welche sich [507] mitten in diesen Kuchen erzeugen soll; weil seine Meynung der Sublimation ganz zuwider ist, da er sagt, daß die Crystaile in den Kuchen durch die Masse anschießen, und weil man durch richtigere und zuverläßigere Erfahrung von dem Gegentheil genugsam überzeugt und versichert worden, daß der Salmiac ein wirkliches Sublimat ist. Ein jeder, der sich die Mühe geben will, vermittelst der Auflösung und Abdunstung den Salmiac zu inspissiren, wird leicht finden, wie wenig wahrscheinlich es sey, daß diejenigen, welche ihn verfertigen, sich dieses Mittels bedienen können, um von selbigem feste Kuchen zu bekommen. Denn wenn er also bearbeitet wird, so zeigt er sich ganz anders, nämlich: 1) Bey einer gelinden Abdunstung in einem offenen Glase steiget er über das Geschirr und setzet sich in- und auswendig, ganz schneeweiß und in Form kleiner Corallen an. Das übrige auf dem Boden wird größtentheils zu ganz feinen und lockern Crystallen. Diese Arbeit ist auch langweilig und nicht ohne Verlust. 2) Wird der aufgelöste Salmiac bey einer grössern Hitze eingekocht, so wird zuletzt gar ein pulverichte, lockere und nicht zusammenhängende Masse draus. Und da der ohnedieß wegen seiner natürlichen Flüchtigkeit verrauchet, so verliert man nach vieler aufgewandten Mühe so viel davon, daß kein sonderlicher Vortheil dabey herauskommen würde. Daß ein solcher Salmiac, wie der officinale ist, in Ansehung seiner Grundmischung, auch aus mehreren Dingen, als wie der nunmehr bekannte Egyptische [508] aufgetrieben werden kann, dieses zeiget Herr Scheffer in seinem bey dieser Gelegenheit der Akademie vorgelegten kurzen und schönen Anhange. Er zeiget insonderheit an, daß man ihn größtentheils aus Thon mit Küchensalz vermischt bekommen kann. Dieses gehet ebenfalls mit allen flüchtigen Salzen aus dem Thierreiche an; als z. E. mit Hirschhornsalz, mit Urin, wie auch mit dem flüchtigen Alkali aus dem Senf, Pfeffer und Ingber, da eins oder das andere hiervon mit Küchensalz saturiret wird, und dieses aus eben der Ursache, wie bey dem Egyptischen. Aus dem Menschenurin allein, kann ein solcher Salmiac getrieben werden, indem derselbe vor dem Urin aller andern Creaturen hinlänglich Küchensalz in sich hat. Dieses hat auch Herr Geoffrey der jüngere in seiner Abhandlung von der Natur und Zusammensetzung des Salmiacs, im Jahr 1720. der französischen Memoiren, a. d. 2?0.[3] S. angemerket. Was nun den Nutzen und Gebrauch des allgemeinen Salmiacs anlangt, so ist derselbe vornehmlich in der Chirurgie und Chymie bekannt. Man kann damit die Metalle, besonders die schlechtesten, auftreiben und sublimiren, die Farbe des Goldes durch Schmelzung erhöhen, Aqua Regis machen u. s. w. Er wird auch bey Verzinnung des Eisens, des Messings und des Kupfers gebraucht; besonders aber hat er, nach der Türkischen Art, bey reinem Zinn ohne Zusatz von Bley seinem Nutzen. Auch ist er bey unterschiedenen Künstlern und Handwerkern, bey Versilberungen u. d. gl. nützlich. [509] Ausser dem allgemeinen Salmiac werden auch andere Arten desselben, aus andern Sauren durch Kunst zusammengesetzt. Dergleichen sind das Sal Ammoniacum | secretum Glauberi, in welchem an statt des Küchensalzsauren, ein Vitriolsaures mit demselben flüchtigen Alkali, wie bey jenem, vermischt ist; ferner der brennende Salpeter, welcher von Salpetersaurem und einem eben solchen flüchtigen Alkali gemacht wird. Dieser brennet allein, ohne daß man ein Phlogiston zusetzt. Aus einigen sauren Gewächsen, woraus man ein flüchtiges Alkali bekömmt, erhält man ebenfalls eine Art Salmiac. Alle diese haben mit dem officinalen Salmiac die gemeinschaftliche Eigenschaft, daß sie einen Geruch eines Stinkspiritus[4] von sich geben, wenn sie mit einem feuerbeständigen Alkali oder mit Kalk gerieben werden; im Feuer sind sie auch flüchtig und steigen auf. Als ich 1748. in Freyberg war, sah ich bey dem werthesten Mitgliede der königl. Akademie, Herrn von Kirchbach, aus einem Erdgalmey eine Art Salmiac auftreiben. Er hat dieses selbst zuerst entdecket, und versprochen, der Akademie eine Beschreibung davon mizutheilen. Was für eine Art des Sauren dieser Salmiac eigentlich in sich habe, das habe ich damals nicht Gelegenheit gehabt zu untersuchen: aber der flüchtige und starke Geruch, da er mit feuerbeständigem Alkali gerieben ward, äuserte sogleich, was er war. Von dem Salmiac, welchen die Natur selbst an gewissen Oertern erzeuget, haben wir keinen sichern [510] Beweis, außer daß Herr Scheffer anführet, daß man ihn bey Pozzuolo in Italien gefunden. Einigen Berichten nach, soll er wohl auch aus den feuerspeyenden Bergen ausgeworfen werden: aber diese Nachrichten sind in den Beschreibungen sehr wenig übereinstimmend; daher viele läugnen, daß es ein wirklicher Salmiac ist. Herr Boccone aber nennet in seinen physikalischen Untersuchungen und Anmerkungen den, welcher aus dem Vesuv kömmt, wirklich Salmiac: Doch siehet man aus seiner Beschreibung, daß er wenigstens nicht rein und von andern Mischungen frey gewesen. Dieses Mittelsalz, welches auf diese Art aus allen 3. Reichen der Natur seinen Ursprung haben kann, auch zu seiner Zusammensetzung gewöhnlicher Weise, das Saure aus dem Mineralreich, und das flüchtige Alkali aus einem von den andern beyden Reichen, besonders aus dem Thierreiche, erfordert, kann dennoch auch, ohne daß etwas von den letztern beyden zu Hülfe kömmt, in Bergen hervorgebracht worden. Man sieht also hieraus, daß das flüchtige Alkali eben sowohl in dem Mineral- als in dem Thier- und Pflanzenreiche anzutreffen ist; welches beweiset, daß das Mineralreich einen überflüßigen Vorrath von allerhand Materien hat, woraus vielerley Dinge hervorgebracht werden können. [511] 3.
Einige merkwürdige Wirkungen
der Elektricität
in
Heilung verschiedener Krankheiten,
entdecket und beschrieben
von dem
Herrn D. Paul Paulsohn,
Ein armer Mensch, Jacob Pawlowitz Mabokow, aus Ladoga von etwa 30. Jahren seines Alters, hat vor 7. Jahren durch eine schwere Krankheit in St. Petersburg seine Sprache gänzlich; das Gefühl aber und alle Bewegungen [512] nur auf der rechten Seite zu verliehren, das Unglück gehabt. Ich habe ihn im Anfange des Nov. a. pr. zu mir kommen lassen, um zu versuchen, ob ihm nicht einiger maßen könnte geholfen werden. Sein damaliges Befinden war so elend, daß er nicht ein einziges Wort sprechen; sondern nur ein Gelaut Te, Te, Te von sich geben konnte, daher er auch nur der Tete genennet wurde. Der rechte Arm war ganz contract, ohne Gefühl und vertrocknet, auch konnten die Finger durch keine Gewalt gerade gezogen werden. Die Knochen schienen ohne Fleisch nur mit einer Haut überzogen zu seyn, so daß die Hand einer 10jährigen Kinderhand an Größe glich, auch ohne alle Empfindung war. Eben so war sein rechter Fuß auch beschaffen, daher er hinkend und krumm sich kaum fortschleppen konnte. Diesen Menschen habe ich gleich Anfangs generaliora quascunque se- et excretiones promouentia[6] gegeben, und nach 3. wöchentlichem Gebrauch ihn täglich eine halbe oder ganze Stunde, nachdem es die Zeit mir erlaubte, elektrificiren lassen, ohne daß er anfangs einige Empfindung vom Anrühren gehabt. Wenige Tage nachdem fieng er an einige Stiche vom Anrühren unter dem Elektrificiren an seiner fühllosen und vertrockneten Hand zu empfinden, und am 9ten Tage kam des Stummen Mutter, [513] und sagte mit vieler Freude, daß ihr Sohn anfienge zu sprechen. Wie ich nun seine Sprache zu hören begierig war, so hat er stammelnd und stotternd endlich in einer Zeit von 5. Minuten die Worte, Maria Bochorodiza, Maria Deipara, hersagen können. Ich ließ ihn darauf gleich elektrificiren, und er sprach dieselben Worte, so bald er elektrisiret war, ohne Zeitverlust deutlich aus, und fieng zu aller gegenwärtigen Verwunderung gleich an, ein Kirchenlied zu singen. So bald ich aufhörte zu elektrificiren, so war seine Zunge auch steif und gleichsam gebunden, daß er nichts hervorbringen konnte. Wie ich ihn aber wieder elektrificiren ließ, damit ich gewiß würde, ob er auch durch das elektrificiren das Vermögen erhielte; so habe ich mit Erstaunen gesehen, daß er gleich wieder vermögend war, die Worte deutlich genung auszusprechen. Nachdem ich ihn nun öfters elektrificiren lassen, so hat er auch täglich merklichere Kräfte bekommen, seine gelähmte Zunge und Glieder besser zu gebrauchen. Er ist jetzo durch die Hülfe Gottes so weit gekommen, daß er alles, was ihm vorgesaget wird, nachsprechen, vieles, was er haben will, fragen, und so deutlich Kirchenlieder, die er wieder gelernet; singen kann, daß wer es nicht weiß, daß er stumm gewesen, glauben muß, er habe niemals an der Zunge einen Fehler gehabt, weil ihm das Singen viel leichter als die Rede von statten gehet. Aber in der Ordnung wegzureden, ist er noch nicht im Stande, weil ihm seines schwachen Gedächtnisses wegen Worte fehlen, seine Meynung fertig auszudrücken. Denn sein Gedächtniß war so geschwächet, daß er nicht allein seinen Nahmen, [514] sondern auch das Schreiben und Lesen vergessen, da er doch vorhero ein geschickter Schreiber gewesen. Nun aber kann er sich wieder selbst nennen, und fängt an, sein Aas bucki oder ABC zu lernen und herzusagen. Sein lahm gewesener Arm hat vollkommene Empfindung, und er kann ihn ganz gerade ausstrecken, und bis auf den Kopf aufheben. Auch ist die Hand nicht mehr vertrocknet, sondern hat am Fleisch vollkommen, so wie die andere Hand, zugenommen. Die Finger kann er zwar mit der andern Hand gerade und krumm machen, aber nach seinem Willkühr noch nicht gebrauchen. Sein lahmer Fuß ist wieder vollkommen bewegsam, natürlich und gesund, daß er ganz gerade gehen kann, und befindet sich im übrigen recht wohl und gesund. Das merkwürdigste hiebey ist, daß die Elektricität sich bey ihm so kräftig erwiesen, und ihm so viel Nutzen schaffen können, da der Mensch in der ganzen Zeit der Cur, Armuths wegen, gezwungen gewesen, den ganzen Winter durch, täglich von Morgen bis zum Abend in der grösten Kälte zu stehen, und Kleinigkeiten, als Nüße und Zwiebeln, um seines Lebens Unterhalt zu haben, zu verkaufen, und nur alle Abend ganz steif verfrohren, zum elektrificiren gekommen ist.
So bald sie aber auf den Backen oder an der Hand angerühret wurde, hatte sie solche starke Empfindung, daß sie schreyen mußte. Nachdem ich aber mit dem Anrühren auf den unempfindlichen Flecken continuieren ließ, und sie 15mal angerühret war, so fühlte sie einiges Stechen. Den folgenden Tag ließ ich sie wieder auf der unempfindlichen Stelle anrühren, da sie dann Anfangs sehr wenig empfand, nach etlichen malen bekam sie alle Empfindung wieder, und ist also in zweyen Tagen von ihrer Beschwerde durch das Electrificieren curiert worden, und befindet sich jetzo wohl; außer daß die Geschwulst der Mandeln noch nicht gänzlich verschwunden. 3) Ein armer Bauer von 30. Jahren, der allezeit gesund gewesen, ist im Frühjahr a. c. in einer hitzigen Kranckheit am rechten Arm gelähmet worden, daß er die Finger gar nicht rühren, und wenn solche angerühret wurden, gar nichts empfinden konnte. Ob er sich gleich durch Bäder, Aderlassen, und äußerliche wie auch innerliche Medicin hatte helfen wollen, so war doch alles vergebens gewesen. Den 19. Aug. verlangte er bey mir Hülfe: Ich ließ ihn gleich 24. Stunden, 3. mal, jedesmal eine Stunde lang electrificiren, und gab ihm gar keine Medicin, damit ich von der Elektricität desto gewisser würde. Die 3. kleinsten Finger bekamen die Bewegung und Empfindung vollkommen wieder; aber der Daum und der Zeigefinger nur einiger maßen, so [516] daß er doch empfand, wenn er angerühret wurde. Weil der Mensch etliche Meilen von hier wohnet, so gieng er nach Hause, und kam den 29. Aug. wieder. Ich ließ ihn abermals 2. Stunden elektificiren, und es fruchtete so viel, daß er die Finger alle bewegen, aber mit Mühe in eine Faust zusammen ziehen konnte. Nachdem aber hat er sich noch nicht wieder eingestellt. 4) Ein hagerer und feuriger Mann, seines Alters 49. Jahr, hat vor 6. Jahren über 13. Monathe haemorroides ad excessum fluentes gehabt. Wie solche darauf durch inn- und äußerliche Mittel gestillet wurden, so sind sie nachdem niemals legitime succedentes gewesen, sondern haben sich unordentlich, wenig und selten eingestellt. Ob nun V. S. gleich jährlich 2.mahl beybehalten; so haben sich doch adfectus arthrici und das malum Ischiadicum bald darauf eingefunden. Seit 3. Jahren aber hat er einen so empfindlichen und beständigen Schmerz ab osse sacro vsque ad pedis sinistri plantam empfunden, daß er weder sitzen, noch liegen, noch fahren können, sondern fast beständig durch reiben und langsames Bewegen und Gehen, sich eine Erleichterung machen müssen. Wenn er auch eine Viertelstunde hat sitzen müssen, so hat er das linke Bein, wenn er sich gesetzt, nicht mit auf den Stuhl haben können, sondern ist gezwungen gewesen, nur mit dem rechten Bein allein auf dem Stuhle zu sitzen, und das linke neben sich gerade ausgestreckt zu halten und zu bewegen. Er hat viele auch heroische Curen, aber alle vergeblich gebraucht, als warme und kalte Bäder, Salivation etc. Wie er [517] mir nun seine Noth klagte, und alle Curen erzählte, auch dabey versicherte, daß er sich vorgenommen, nichts mehr in der Welt zu gebrauchen, sondern alles zu leiden, und zu sterben; so habe ich ihm vorgeschlagen, das Elektrificiren noch zu versuchen. Wenn es ihm keine Erleichterung schaffen würde, so sollte es ihm doch nicht schaden. Er fand sich dazu alsbald bereit und willig, weil er an den Russen (N. 1.) die angenehme Wirkung schon gesehen hatte. Ich habe ihn darauf angefangen, alle Wochen 1. oder 2. Tage zu elektrificiren. Nachdem der Patiente 4. Tage also bey mir elektrificiret wurde, so dankte er Gott, und versicherte, daß er nicht nur ruhig, sondern auch mit dem schmerzhaften Beine zugleich mit auf dem Stuhle sitzen, und den Fuß nach Wohlgefallen krumm biegen könnte. Heute ist der 13. Tag, daß ich ihn elektrificiret, und er befindet sich sowohl, daß der heftige Schmerz mit den spasticis fibrarum tensionibus, gänzlich nachgelassen hat. Dann und wann merkt er noch einiges prickeln, als wann Ameisen darinnen wären, wo sonst der grausamste Schmerz gewütet. 5) Im medio Iulii a. c. wurde ich zu einem 51jährigen Manne, Nahmens Norman geruffen, (dessen Sterbeglocken ich selbst 14. Tage vorher hatte lauten hören,) der mich um die Wunden Christi um Hülfe anflehete, weil er gänzlich verlassen wäre. Ich fand ihn auf der linken Seite vom Schlage gerühret, daß er seinen linken Arm und Fuß weder rühren, noch wenn solche angerühret wurden, empfinden konnte. Die ganze Seite war auch kalt anzufühlen, und aufgedrungen. Wie ich ihm einige [518] Fragen, wegen seiner Lebensart und vorigen Gesundheit vorlegte, so habe erfahren, daß er ein allzeit gesunder und frischer Mann gewesen, auch vorhero niemals von Krankheiten gewust, als vor 5. Jahren, da er durch Unglücksfälle in Armuth gerathen, und vitam mobilem in sedentariam verwandelt; so hätte er einige Schmerzen in den außern Theilen des Leibes empfunden. V. S. alias consueta, wäre darnach 3. ganzer Jahre negligiret, und er hätte einige Anfälle von Arthritide bekommen. Aber 1751. am Michaeltage wär er mit sehr heftigen Schmerzen aller Gelenke befallen, und wie diese etwas nachgelassen, so hätte das Malum Ischiadicum, zu wüten angefangen. Dieses alles hätte er Armuths wegen beym Gebrauch einiger Hausmittel den ganzen Winter durch bis in das Frühjahr mit Gedult ausgehalten, (unter andern unnützen Hausmitteln, hatte er eine lebendige schwarze Schlange in Bier verdeckt gekocht, aufgegessen, und das Bier dazu getrunken, aber ohne alle Linderung.) Im Junio findet sich ein Feldscherer Alex bey ihm ein, der ihn in 6. Wochen zu curiren verspricht. Der arme Mann giebt ihm auch das letzte, was er hat, vor die noch zuleistende Hülfe. Darauf soll er ihn 9. Pulvers mit Weinessig einzunehmen, gegeben, und neunmal im Schwitzkasten, und einmal im Bette haben schwitzen lassen. Selbst ist er aber weggereiset, und hat in 14. Tagen wieder zukommen versprochen, ist aber bishero noch ausgeblieben. Einige Tage nach seiner Abreise wird der arme Mann, auf der linken Seite vom Schlage gerühret, und 3. Tage darauf so schwach, daß die Angehörigen [519] ihn vor todt halten, und die Glocken läuten lassen. Ein paar Stunden nach dem, wie ihm das Maaß zum Sarge genommen wird, fängt er an, die rechte Hand und den rechten Fuß dann und wann zu ziehen, wird aber doch den Tag und die folgende Nacht als ein Todter bewacht, bis er nach 24. Stunden die Augen aufschlägt, und mit gebrochener Zunge zu trinken fordert. Es soll ihm darnach die Ader am rechten Arm gelassen seyn, auch hat er nach einen Medicum gesandt, der ihm aber alle Besserung und Hülfe abgesprochen. Wie der arme Mann nun 14. Tage so gelegen, und auf seinen Tod vergeblich gewartet; so schickte er endlich zu mir, und ich fand ihn, wie oben gemeldet. Ich gab ihm generaliora resoluentia und euacuantia zum Gebrauch; continuirte auch damit unter öftern Baden und äußerlichen Mitteln, bis Anfangs Octobr. erhielte aber dadurch nichts mehr, als daß die Säfte verbessert, der Leib hinlänglich gereiniget, und ein guter Appetit zu Wege gebracht wurde. Doch blieben der linke Arm und Fuß so lahm und unempfindlich, als sie gewesen, nur daß einige Schmerzen sich wieder in den Gelenken einstellten. Den 5. Oct. ließ ich den Patienten zu mir tragen, und durch einen elektrisch gemachten Menschen, über eine Stunde beständig an den lahmen Fuß anrühren. Er empfand kaum, daß er angerühret wurde, ob er das Feuer gleich deutlich sahe, und die Schläge hörte. Doch fieng er nach dem gleich an, den Fuß etwas zu bewegen, und zu schockeln. Den 6. wurde er wiedergebracht, und eben so lange angerühret, worauf unser Patiente den Fuß besser rühren konnte. [520] Weswegen ich den lahmen Arm eben so anrühren ließ, wovon er auch eben so wenig Empfindung, als am Fuße, hatte. Den 7. mußte er in die Badstube, und den 8. wurde er wiedergebracht, da er Gott dankte und versicherte, daß er mit seinem lahmen Fuß sich schon etwas stützen könnte. Er wurde darauf sowohl am Arm als am Fuß sehr oft und lange, wie gemeldet, angerühret. Den 9. wie er wieder elektificiret wurde, sagte er mit Freuden, und bewieß, daß er nicht allein alle Finger, aber kaum merklich, bewegen, sondern sich auf seinen lahmen Fuß auch schon ziemlich stützen könnte. Dabey würde ihm das Anrühren von dem elektrischen Menschen so empfindlich, daß er schreyen möchte, da er vorhero doch nichts empfunden hatte. Die Zeit wird lehren, was die Electricität bey ihm ferner ausrichten könne. 6) Primipara vivax XXV. annorum, hat ein halbes Jahr auf dem linken Ohre nichts hören können, sondern Sausen und beständiges Klingen in den Ohren verspühret; Sie hat auch fast beständige Schmerzen in den Armen und den Händen eben so lange erlitten, doch aber sind solche erträglich gewesen. Diese habe ich den 13. Octob. 1752. zum ersten male elektrificiret, und gleich spürte sie Linderung. Die Gliederschmerzen und das Klingen und Sausen der Ohren hörte auch auf. Den 15. Octobr. elektrificirte ich sie abermals mit Erleichterung, und den 16. ebenfalls, da sie dann versicherte, daß sie recht gut mit ihrem linken Ohre hören könnte, und keine Schmerzen in den Händen mehr fühlete.
Dorpat den 4. Nov. 1752.
4.
Anmerkung
über die
Erzeugung der Kornwürmer
Mein Herr.
Ich muß mich einmal auch an die Ungeziefer machen, und ihnen, mein Herr, etwas davon berichten. Doch ersuchen sie in meinem Nahmen alle Wirthschaftsverständige, wenn ich bey dieser die Haushaltung betreffenden Sache nicht allezeit der unter ihnen gewöhnlichen Kunstwörter mich bediene, mir solches zu vergeben. Da ich mich, wie sie wissen, jetzo an einem Orte aufhalte, wo ich wenig Umgang haben kann, auch außer denen wenigen zu meiner Verrichtung nöthigen Büchern, keine ander bey der Hand habe; so muß ich auch auf allerley Mittel bedacht seyn, die Abende auf eine gute Art, und doch nicht ganz unnützlich hinzubringen. Ich nehme also bald einige Steine, bald andre Sachen zur Hand und besehe solche, um meine Gedanken dabey zu haben. Neulich klagte jemand das sein Roggen voller Kornwürmer wäre, und zwar von derjenigen Art welche klein, schwarz, und geflügelt sind. Es ist bekannt, wie schadlich diese Ungeziefer dem Korne sind. Sie fressen es aus, und saugen gemeiniglich an derjenigen Spitze an, wo der Kern sitzet, und machen es also besonders zur Aussaat ganz untüchtig. Der arme Mann vermeinte, sie müßten doch in denen wenig Wochen gewachsen seyn, da er das Korn auf seinem Boden liegen hätte, denn als er es gekauft, wäre es ganz rein gewesen und glaubte er, weil es zu der Zeit scharf geregnet, als es ihm der Fuhrmann gebracht, so müste es seyn feucht gewesen, und würde sich also auf seinem Kornboden erhitzet haben, und daraus müßten diese [523] Kornwürmer erwachsen seyn. Die Sache schien mir eines mehrern Nachdenkens werth zu seyn, ich entschloß mich also, einen kleinen Versuch damit anzustellen, und sehen sie, wie ich es gemacht habe. Ich ließ mir ohngefehr[7] 2 Loth ganz reines, trocknes Korn geben, worinne noch kein Kornwurm zu spüren war; dieses Korn feuchtete ich, doch gar sehr wenig an, schüttete solches in ein breites reines Bierglaß, welches ich oben mit weissem Pappier zudeckte, in das Pappier aber einige kleine Löcher mit einer Nadel stach. Dieses geschahe den 20sten des verwichnen Wintermonats. Dieses Glas setzte ich auf einen warmen Ofen. Sie werden, mein Herr, wohl selbst einsehen, daß ich es nicht auf einen nach hiesiger gewöhnlicher Art halb glühend gemachten eisernen Ofen werde gesetzt haben; denn es war ein Glas; sondern ich setzte es in die Höhe, da ich nur immer die Hand ganz gemächlich leiden konnte, und wo es also nur laulich war. Den 21sten besagten Monats sahe ich wieder nach, und fand keine Veränderung an meinem Korne, außer das sich in sich selbst etwas erhitzet hatte; Diese Erhitzung hatte sich den 22sten noch vermehret, und die Körner waren etwas aufgelauffen; Ich machte einige derselben auf, und betrachtete solche durch ziemlich starke Vergrößerungsgläser, ohne daß ich etwas anders wahrgenommen hätte, als daß das innerliche Mehlige weich, feucht, und als ein Brey geworden war, welcher aus sehr zarten Fäsern bestund. Den 23sten hatte auch dieser Umstand mehr zugenommen, den 24sten aber war dieser innerliche Kern, wie ich ihn nennen will, als eine dicke Milch anzusehen, die vorigen Fäsern konnte ich auch nicht mehr so wahrnehmen, daraus ich schloß, daß solche durch die vorgegangne Gährung ganz aufgelöset worden. Uebrigens waren die Körner noch ganz, aber sehr ausgedehnet, so daß sie halbdurchsichtig, und der Farbe nach nicht mehr grau, wie sonst, sondern gelblich aussahen. Den 25sten hatte diese Durchsichtigkeit noch mehr zugenommen, und das innerliche mehlige Wesen, war noch wie des vorigen Tages ganz milchig und von Farbe etwas blaulig. Ich öffnete einige derselben behutsam, und fand in verschiedenen durch Hülfe der Vergrößerungsgläser, recht in der Mitten einen kleinen rothen [524] Punkt, an welchen ein zarter Fasen[8] hieng, der durch eines meiner stärksten Vergrößerungsgläser, kaum als ein Haar stark zu seyn schiene. Mehreres konnte ich vor dieses mal nicht endecken. Den 26. war dieser Punkt schon etwas größer geworden, aber nicht mehr so schön roth, sondern mehr dunkel oder braunroth, auch war der daran befindliche Fasen etwas stärker geworden. Den 27. fand ich schon, daß in meinem Korne ein paar Kornwürmer ausgekrochen waren, und sich darinne nährten. Bey Eröffnung einiger Körner aber sahe ich, daß der rothe Punkt schwarz, der Fasen dicker, das Ganze aber lebendig war. Der Fasen war bräunlich und an dem gewesnen schwarzen Punkte konnte ich die Augen durch die Vergrößerungsgläser wahrnehmen. Den 27sten konnte ich wegen Abwesenheit nicht nachsehen. Den 28. fand ich daher meine Würmer im Glase sehr vermehrt, in einigen aufgemachten Körnern aber diese Ungeziefer in ihrer gehörigen Größe, doch nicht so dicke und noch ohne Flügel; Ich nahm wahr, daß, wenn, sie zu dieser Größe gelanget waren, so fraßen sie sich bey dem Keime durch, und da ich den 29. einige zu belauren so glücklich war, daß sie fast durch waren, so bemerkte ich, daß sich alsdenn ihre kleinen Flügel erst entwickelten. Hätten mich meine andre nöthige Verrichtungen nicht verhindert, so würde ihnen vielleicht noch ein weitläuftigeres Tageregister von dieser Kornwürmerhecke übersenden können; allein so habe ich nach der Zeit nicht alle Tage so genau mehr Achtung geben können, weil ich bald abwesend, bald aber bis in die Nacht außer dem Hause gewesen, bey Lichte aber solche Bemerkungen vorzunehmen, gehet, wie sie wissen, nicht wohl an. Ueberhaupt aber muß ich freylich gestehen, daß dieser meiner Bemerkung ein großes Theil der gehörigen Vorsichtigkeit fehlet: allein ich bin außer Schuld. Ich hätte sollen das Gewicht des Wassers anmerken, allein wo habe ich hier eine genaue Wage? Ich hätte sollen die Grade der Wärme nach dem Thermometer anzeigen, aber wo habe ich eines? Sollte diese Bemerkung vielleicht schon bekannt seyn, so lassen sie solche ja aus ihren Belustigungen, und nehmen solche bloß als ein Zeichen an, daß ich an sie und an die physikalischen Belustigungen gedenke. Glauben sie aber, daß solche nicht ganz unnütz sey, so stehet solche zu ihrem Befehl. Wenigstens glaube ich, daß solche Wirthschaftsverständigen [525] nicht ganz unangenehm seyn wird. Bey diesem Versuche muß ich nun noch meine Meinung mit wenig Worten entdecken. Ich glaube, daß die Erzeugung dieser Würmer, aus den hineingelegten Eyergen der Kornwürmer entstehe, und daß derselben Ausbrüthung bloß auf den gehörigen Grad der Wärme ankomme, diesen erhalten sie durch die innerliche Erhitzung eines solchen feuchten, und dichte über einander liegenden Kornes. Es erhellet aber auch zu gleicher Zeit hieraus das Mittel, wie solches zu verhüten ist; wenn man nämlich dergl. Korn, 1) dünne aufschüttet, 2) auf einen solchen Boden, welcher nicht über einer Stube gelegen, von welcher eine beständige Wärme in die Höhe steiget. 3) Wenn man solches fleißig umwendet, und wie es die Hauswirthe nennen, durchwurfelt. Was mich in dieser Meynung noch mehr bestärket; ist 1) daß das Korn des gleich Anfangs erwehnten Mannes von den Eseltreibern gebracht worden. Diese Leute haben den Gebrauch, daß wenn das Korn nicht durch den Regen feucht wird, so feuchten sie es ein wenig an, damit es aufquillt, und im Messen desto besser scheffelt. 2) Hatte dieser Mann es über seiner Wohnstube liegen, welche auf eine unerträgliche Art tägl. geheitzet ward. 3) Giebt es der Augenschein und die Erfahrung, daß, wenn zur Erntenzeit große Näße einfällt, und das Korn auf dem Halme sehr naß wird, so entstehet das sogenannte Brand- und Mutterkorn daraus, welches durch die Nässe sich innerlich erhitzet, schwarz, groß und ausgedehnet wird, in sich aber einen milchweissen Saft hat, welcher nicht selten ganz blaulig wird, auch ein blaues Mehl giebt, und wenn es gar zu häufig unter den andern Korne ist, nicht selten Krankheiten denenjenigen zuziehet, die es genießen. Diese Krankheiten entstehen aus der Gährung, welche dieses davon gebackne Brodt verursachet. Doch halte ich mich zu weitläufig bey dieser Sache auf, besonders da[9] der unermüdte Herr D. Lange, schon vor einiger Zeit seine Gedanken von dem Brandkorne und dem daraus entstehenden blauen Mehle und Brodte mitgetheilet hat. Leben sie wohl. Benneckenstein, den 14. des Christm. 1752 D. Johann Gottlob Lehmann.
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Inhalt.
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| 1. | Nachrichten und Gedanken von der Elektricität des Donners | 457 |
| 2. | C. Leyells Historie des Salmiacs, aus dem letzten Quartal 1751. der Kongl. Svenska Wetenskaps-Academiens Handlingar übersetzt von Herrn Stils, aus Christiania in Norwegen. | 493 |
| 3. | Einige merkwürdige Wirkungen der Elektricität in Heilung verschiedener Krankheiten, entdecket und beschrieben von dem Herrn D. Paul Paulsohn, zu Dorpat in Liefland. | 511 |
| 4. | Anmerkung über die Erzeugung der Kornwürmer. | 522 |
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Anmerkungen
- ↑ WS: korrigiert, im Original „Lichkegel“
- ↑ WS: oder „20. Aug.,“ (Scan unleserlich)
- ↑ WS: mittlere Ziffer im Scan unleserlich
- ↑ WS: Stinkspiritus ist ein Synonym für eine Ammoniaklösung
- ↑ Ich habe die Beschreibung dieser wirklich merkwürdigen elektrischen Curen unverändert gelassen, wie sie der geschickte Herr D. Paulsohn aufgesetzt hat, und wie sie mir eingeliefert worden. Der Herr Verfasser hat 1747. in Halle unter dem Herrn geheimen Rath von Büchner promoviret, und bey dieser Gelegenheit eine Abhandlung, de legitima tradatione morborum chronicorum geschrieben. [512] Nachdem er in sein Vaterland, nach Liefland, zurückgekommen, hat er durch seine glücklichen und vorsichtigen Curen einen allgemeinen Beyfall erhalten, welches ebenfalls auch seine mit viel Fleiß und Kosten angestellte elektrische Versuche verursachet. M.
- ↑ WS: ausgeschrieben „generaliora quascunque secretiones et excretiones promoventia“: allgemeine (Mittel), die allerlei Absonderungen und Ausscheidungen befördern
- ↑ WS: korrigiert, im Original „ohngegefehr“
- ↑ WS: „Der Fasen, des -s, plur. ut nom. sing. Dimin. das Fäschen, Oberd. Fäslein, der dünne Abgang von einem Faden, und alles was dem ähnlich ist, Haare, zarte Wurzeln der Bäume und Pflanzen, u.s.f. Nicht einen trocknen Fasen an sich haben, im gemeinen Leben. Sein Kleid ist so zerrissen, daß die Fasen herab hangen. Die Fasen, die auf die Kleider gefallen sind, ablesen. Die Fasen an den Wurzeln“. (Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch: Der Fasen. Adelung: Wörterbuch, S. 16479, Elektronische Volltext- und Faksimile-Edition nach der Ausgabe letzter Hand Leipzig 1793–1801)
- ↑ WS: Wort im Scan nicht zu erkennen (evtl. auch im Original), dem Sinn nach ergänzt
