Seite:Commentariolus 1899 German Translation Adolf Müller.djvu/4

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Allein selbst diese Ansicht und all das, was uns von Ptolemäus und vielen anderen darüber berichtet wird, schien trotz des Stimmens der Rechnungen[1] nicht geringen Schwierigkeiten unterworfen. Die bisherigen Kreise genügten nicht, es sei denn man ersinne noch gewisse ausgleichende Kreislinien, um es erklärlich zu machen, daß ein Gestirn weder in seinem Tragkreise, noch auch vom Mittelpunkte aus eine stets gleichförmige Bewegung zeige. So schien also auch diese Betrachtungsweise weder hinreichend abgeschlossen, noch konnte sie den Verstand vollkommen befriedigen.

Während ich nun hierüber nachdachte, kam mir oft der Gedanke, es müsse sich doch eine bessere Zusammenstellung von Kreisen finden lassen, welche bei aller gleichförmigen Bewegung, wie sie die Natur einer vollkommenen Bewegung verlangt,[2], doch zugleich die scheinbaren Verschiedenheiten erkläre. Dabei stellte ich mir die gewiß nicht leichte, ja fast unmögliche Aufgabe, dies schließlich durch wenigere und passendere Annahmen als die bisherigen zu bewerkstelligen, falls man mir nur einige Annahmen einräume, welche ich als sogenannte Grundsätze hiermit folgen lasse:[3]

Erster Satz.

Es gibt keinen gemeinschaftlichen Mittelpunkt sämtlicher Himmelsbahnen.[4]


  1. Es kann hier natürlich nur von einem Stimmen im Sinne einer großen Annäherung die Rede sein.
  2. Ratio absoluti motus poscit.“ – Eine vollkommene Bewegung im Sinne der Alten war nur die gleichförmige Bewegung in einer Kreisbahn. – A. a. O. S. 64. – Vgl. Rev. l. 4. c. 3.
  3. Die weitere Ausführung dieser Sätze war natürlich dem Hauptwerk vorbehalten. Wir werden die betreffenden Stellen kurz angeben.
  4. Das Wort Mittelpunkt wird hier im streng geometrischen Sinne aufgefaßt. In der That lagern ja auch im Coppernicanischen Systeme die verschiedenen Bahnen exzentrisch um die Sonne. – Wenn daher Prowe (I. 2. 290) übersetzt: „Für alle Himmelskörper und deren Bahnen giebt es nur einen Mittelpunkt,“ so muß er dabei (falls es sich nicht um ein Versehen handelt) eine Verstümmelung des Originaltextes voraussetzen, wozu kein Grund vorliegt. Der Satz scheint gegen die oben erwähnten conzentrischen Sphären des Eudoxus und Kalippus gerichtet. Vgl. M. C. 81 u. 114, ebenso Rev. l. 1. c. 9.
Empfohlene Zitierweise:

Nicolaus Copernicus, Adolf Müller (Übersetzer): Nicolai Coppernici de hypothesibus motuum coelestium a se constitutis commentariolus. J. A. Wichert, Braunsberg 1899, Seite 362. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Commentariolus_1899_German_Translation_Adolf_M%C3%BCller.djvu/4&oldid=1384462 (Version vom 22.12.2010)