Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/007
|
In Wahrheit aber ist heute diese Religion und das Bemühen um sie lebendiger als früher. Wir dürfen es unserer Zeit zu Lobe nachsagen, daß sie sich ernstlich mit der Frage nach dem Wesen und Wert des Christentums beschäftigt, und daß heute mehr Suchens und Fragens ist als vor dreißig Jahren. Auch in dem Tasten und Experimentieren, in den seltsamen und abstrusen Antworten, in den Karikaturen und dem chaotischen Durcheinander, ja selbst in dem Hasse ist doch wirkliches Leben und ein ernsthaftes Ringen zu spüren. Nur sollen wir nicht glauben, daß dieses Ringen exemplarisch ist und wir die Ersten sind, die sich nach Abschüttelung der autoritativen Religion um eine wahrhaft befreiende und eigenwüchsige bemühen, wobei denn viel Verworrenes und Halbwahres auftauchen muß. Vor 62 Jahren schrieb Carlyle: „In diesen zerfahrenen Zeiten, wo das religiöse Prinzip nach seiner Vertreibung aus den meisten Kirchen entweder ungesehen in den Herzen guter |
Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 003. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/007&oldid=1148517 (Version vom 21.06.2010)