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ist, um so entschiedener ist er Mann oder Weib. Beim nervösen Menschen aber treten mannweibliche Züge auf, weibische Männer und männische Weiber erscheinen. Das Denken, dem der feste Rückhalt fehlt, wird unsicher, der Mensch weiss nicht mehr recht, was er will, er strebt nach allen Seiten, aber die ausgestreckten Hände fassen nichts; viele Wünsche und wenig Kraft. Ich kann hier das Nähere nicht auseinandersetzen, will nur betonen, dass die Nervosität nach meiner Ueberzeugung die Hauptbedingung für den weiblichen Individualismus ist, dass das gesunde Weib die täuschenden Freiheit-Suggestionen vom sicheren Instinkte geleitet abweist[1]. Nun ist aber nicht zu verkennen, dass die sogen. Frauenbewegung noch andere Bedingungen hat. Deren wichtigste ist die sociale Noth. Durch die Verwickelung des Lebens und die Zunahme der Bevölkerung, durch die Entwickelung der Erkenntniss, die Steigerung des Verkehrs u. s. w. wird theils Einsicht in die alte, früher gedankenlos ertragene Noth, theils neue Noth bewirkt. Auch hat der Liberalismus selbst die Noth gesteigert dadurch, dass er die alten Verbände zerstörte; durch die Isolirung wurde
  1. Mit Vergnügen habe ich das Buch der Laura Marholm gelesen: Zur Psychologie der Frau (Berlin 1897). Freilich auch mit einem gewissen Missvergnügen, weil sie manches sagt, von dem ich glaubte, es sei mir zuerst eingefallen. Der Titel lautete vielleicht noch besser: Zur Psychopathologie des Weibes, denn die von der Verfasserin geschilderten Typen und Figuren sind nur Formen der Nervosität oder Entartung. Wenn auch sehr Vieles, das Frau Marholm sagt, vortrefflich ist, so scheint sie mir doch zu viel Gewicht auf ihre Unterscheidungen zu legen und im Wechsel der Jahrzehnte und der geistigen Moden Bedeutsameres zu sehen, als darin steckt. Es ist doch mit den historischen Wandlungen so eine Sache, was in der Nähe als gross erscheint, wird in einiger Ferne klein. Die einzelnen Formen der Krankheit sind kaum als Eigenthümlichkeiten der Gegenwart anzusehen, characteristisch ist nur die Kraftlosigkeit, die auf der Schwäche der Instinkte beruht. Je nach den zu allen Zeiten wiederkehrenden Typen variirt dann die Nervenschwäche.
    Auch übertreibt Frau Marholm zuweilen, als ob das ganze weibliche Geschlecht ihrer Schilderung entspräche. Glücklicherweise existirt doch noch viel mehr Gesundheit. Aber freilich in der Gesellschaft und in der Literatur trifft man vorwiegend die Aufgeregten, die Kranken; die Guten sitzen zu Hause bei ihrer Arbeit. Es ist wie in Paris: Geht man auf den Strassen, so könnte man denken, die ganze weibliche Bevölkerung bestehe aus Dirnen, aber auch hier sitzen die Guten zu Hause.
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Paul Julius Möbius: Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. 5. veränderte Auflage. Marhold, Halle a. S. 1903, Seite 58. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_%C3%9Cber_den_physiologischen_Schwachsinn_des_Weibes_(M%C3%B6bius).djvu/58&oldid=2008506 (Version vom 27.05.2013)