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Hand. Über Annahme und Entlassung der Arbeiter, Feststellung der Löhne, Regelung des Betriebs usw. usw. stand die Entscheidung damals ausschließlich der königlichen Bergbehörde zu. Jetzt, im Zeitalter der famosen freien Konkurrenz kann jeder Jude, der sich eine Grube kauft, aber nie in seinem Leben selbst die Nase hineinsteckt, machen, was er will. Opponieren ihm mal die alten Leute, so holt er sich polnisches Gesindel und ruiniert uns durch das hergelaufene Volk den guten Stamm und seine gute Gesinnung. Ich sprach erst gestern einen Häuer von der Zeche Schleswig, der hier vom Gutshofe stammt, ein Spielkamerad meiner Söhne war und ein Knappe vom guten alten Schlage ist. ‚Wir wollen gar nicht randalieren,‘ meinte der, ‚und hauen unseren grünen Jungens selbst eine runter, wenn sie spektakeln. Auch um den Lohn ists uns nicht so sehr zu tun, nur kürzere Schicht müssen wir haben und anständige Behandlung.‘ Und solche Leute werden wie Aufrührer mit Pulver und Blei bedroht!“

„Ich glaube, die Herren sehen die Dinge zu sehr durch die Brille der Tradition,“ mischte sich Fürst Limburg ins Gespräch. „Alte Bestimmungen und altes Recht entsprechen doch kaum mehr der ganz veränderten Betriebsweise. Und das wissen die einsichtsvolleren unter den Knappen sicher ganz genau. Mir scheint daher, daß die eigentliche Triebkraft der ganzen Bewegung nicht in der Sehnsucht nach der ‚guten alten Zeit‘ zu suchen ist.“

„Und worin sonst, wenn ich fragen darf?“ warf der alte Bodenberg, der so sehr das Orakel der Gegend war, daß er Widerspruch selten erfuhr, gereizt ein.

Empfohlene Zitierweise:

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 395. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/397&oldid=1324902 (Version vom 28.10.2010)