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Olga Iwanowna war ganz wie früher immer auf der Suche nach Berühmtheiten; und wenn sie solche fand, gab sie sich nicht zufrieden und suchte nach neuen. Ganz wie früher kam sie jeden Abend sehr spät heim; wenn sie aber nach Hause kam, schlief Dymow nicht, wie im vorigen Jahre, sondern saß in seinem Zimmer und arbeitete. Er ging erst um drei zu Bett und stand schon um acht auf.

Eines Abends, als sie wieder ins Theater wollte, und gerade vor dem Spiegel stand, trat Dymow in Frack und weißer Binde zu ihr ins Schlafzimmer. Er lächelte so mild wie einst und blickte ihr freudig in die Augen. Sein Gesicht strahlte.

„Ich habe soeben meine Dissertation verteidigt,“ sagte er, Platz nehmend und sich die Knie streichelnd.

„Nun, mit Erfolg?“ fragte Olga Iwanowna.

„Und ob!“ sagte er lachend und reckte den Hals, um im Spiegel das Gesicht seiner Fran zu sehen, die mit dem Rücken zu ihm stand und ihre Frisur in Ordnung brachte. „Und ob!“ wiederholte er. „Weißt du, es ist sehr möglich, daß man mir die Privatdozentur für allgemeine Pathologie anbietet. Es sieht sehr danach aus.“

Seinem seligen strahlenden Gesicht war es anzusehen, daß, wenn Olga Iwanowna mit ihm seine Freude und seinen Triumph teilte, er ihr alles, die Gegenwart wie auch die Zukunft vergeben und alles vergessen würde; sie aber begriff gar nicht, was die Privatdozentur und die allgemeine Pathologie bedeuteten; außerdem fürchtete sie, zu spät ins Theater zu kommen, und sagte nichts.

Er blieb noch an die zwei Minuten sitzen, lächelte schuldbewußt und ging.

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 162. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/162&oldid=1144442 (Version vom 16.06.2010)