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nicht gegeizt und ihr ganzes Leben hingegeben, um der Tochter Französisch, Tanzen und Musik beibringen zu lassen; sie hatte für sie an die zehn Lehrer gehalten, immer die besten Aerzte konsultiert und eine Gouvernante aufgenommen; und nun konnte sie nicht begreifen, woher diese Tränen kamen, welche Ursache dieses ganze Elend hatte; sie begriff nichts und war ratlos, und ihr Gesicht drückte Schuldbewußtsein, Unruhe und Verzweiflung aus, als hätte sie etwas sehr Wichtiges versäumt, als hätte sie etwas unterlassen, jemand zu berufen vergessen, – doch wen, das wußte sie nicht.

„Lisa, nun bist du wieder so… schon wieder,“ sagte sie, die Tochter an sich drückend. „Meine Liebe, mein Kind, mein Täubchen, sag’, was ist mit dir! Hab’ Mitleid mit mir, sag’ es.“

Die beiden weinten bitterlich. Koroljow setzte sich auf den Bettrand und nahm Lisas Hand.

„Beruhigen Sie sich doch, wozu weinen?“ sagte er freundlich. „Es gibt doch in der Welt nichts, was diese Tränen verdiente. Wir wollen nicht mehr weinen. Sie sollen nicht…“

Und dabei dachte er sich:

– Die sollte man längst verheiraten. –

„Unser Fabriksarzt gab ihr Kali bromati,“ sagte die Gouvernante, „ich sehe aber, daß es ihr schadet. Ich glaube, daß man gegen Herzbeschwerden nur Tropfen geben soll. Ich habe vergessen, wie die heißen… Vielleicht Maiglöckchentropfen.“

Und dann kamen wieder allerlei Einzelheiten. Sie unterbrach den Arzt, ließ ihn nicht zu Worte kommen, und ihr Gesicht hatte einen leidenden Ausdruck, als hielte sie sich, als der gebildetste Mensch im Hause, für verpflichtet, mit dem Arzte ununterbrochen über Medizin zu sprechen.

Koroljow wurde es langweilig.

Empfohlene Zitierweise:

Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 201. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/201&oldid=997402 (Version vom 14.01.2010)