Seite:Griechische und Lateinische Literatur und Sprache.djvu/574

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Karl Krumbacher, Jacob Wackernagel, Friedrich Leo, Eduard Norden, Franz Skutsch: Die Griechische und Lateinische Literatur und Sprache

lateinischen Sprache bedient sich die umfangreiche und für die Fortbildung des römischen Rechtes wichtige Erklärertätigkeit, die sich im Mittelalter (etwa seit 1100) an das corpus juris Justinians angeschlossen hat. Geschichte.Auch die Geschichtsquellen, sowohl Urkunden wie Schriftsteller, voran Leute wie Gregor von Tours, der Geschichtschreiber der Franken, Beda, der Geschichtschreiber der Angeln, und Paulus Diaconus, der Geschichtschreiber der Langobarden, bedienen sich, je weiter sie zeitlich zurückliegen, um so ausschließlicher der lateinischen Sprache. Philosophie.Auf philosophischem Gebiet aber ist das Lateinische nicht nur die ausgesprochene Form der Scholastik geworden, sondern auch Größen der modernen Philosophie wie Spinoza († 1677) und Leibniz († 1714) haben ganz oder vorzugsweise Lateinisch geschrieben. Exakte Wissenschaften.Auf dem Gebiete der Mathematik und Naturwissenschaften genügt es, zwei Namen zu nennen: Newton († 1727) und Gauß († 1855). Die Möglichkeit soll hier nicht etwa bestritten werden, daß all die großen Gedanken der letzten vier sich ebensogut Holländisch, Englisch und Deutsch hätten ausdrücken lassen. Aber wir haben nicht mit dem zu rechnen, was da hätte sein können, sondern mit dem, was ist. Je größer und origineller ein Denker, um so mehr ist bei ihm die Sprache die Rinde des Gedankens, die sich nicht abstreifen läßt, ohne daß der Gedanke selber Schaden leidet, und so wird auch der Naturwissenschaftler und Mathematiker das Latein nicht entbehren können, solange Newton und Gauß ihren Platz in der Wissenschaft behaupten.

Wer sich so umsieht auf dem gewaltigen Gebiet geistiger Leistungen in lateinischer Sprache seit dem Ausgang des Altertums, dem mag es wohl den Kopf herumkehren, „wie er wollt’ Worte zu allem finden“. Nun gar auf wenig Seiten von dem Ungeheuren eine genügende Vorstellung geben – wer möchte sich des vermessen? So trifft es sich schön, daß auch wenige Beispiele, auf gut Glück herausgegriffen, ausreichend scheinen, um die Ehrfurcht vor dem Latein als einem altgeheiligten Gefäß menschlichen Denkens wieder zu wecken, wo sie im Schwinden ist. Und ich glaube, das wenige schon, was hier gesagt ist, wird genügen, um Schopenhauers Wort zu rechtfertigen, das zum Schlusse stehen mag (Parerga II § 299): „Der Mensch, welcher kein Latein versteht, gleicht einem, der sich in einer schönen Gegend bei nebligem Wetter befindet: sein Horizont ist äußerst beschränkt: nur das Nächste sieht er deutlich, wenige Schritte darüber hinaus verliert es sich ins Unbestimmte. Der Horizont des Lateiners hingegen geht sehr weit, durch die neueren Jahrhunderte, das Mittelalter, das Altertum.“

Empfohlene Zitierweise:

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Karl Krumbacher, Jacob Wackernagel, Friedrich Leo, Eduard Norden, Franz Skutsch: Die Griechische und Lateinische Literatur und Sprache. B. G. Teubner, Leipzig 1913, Seite 562. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Griechische_und_Lateinische_Literatur_und_Sprache.djvu/574&oldid=1463034 (Version vom 12.02.2011)