Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/97
|
Kilchberg war großmüthig genug, seinen Vetter in den eisernen Theil der Combination mit einbeziehen zu wollen. Es spielte dabei allerdings auch die Erwägung mit, daß der Vetter durch seine Tüchtigkeit dem Geschäfte den inneren Halt geben würde und er, der größere Kilchberg, frei bliebe für die Repräsentation nach Außen und den Aufflug zu Unternehmungen. Der bornirte Vetter erhob aber Schwierigkeiten. Martin empfand es ohnehin als eine Demüthigung des Schicksals, daß ihm noch keine wohlhabende Jungfrau gelächelt hatte. Nun sollte er in die Firma „Kilchberg und Vetter“ als zweiter Mann, als Vetter für Lebenszeit eintreten. Dagegen bäumte sich sein Stolz auf. Zugeständnisse wollte Kilchberg in dieser Frage nicht machen. Wem gehörte das eiserne Mädchen, auf das die Niederlage sozusagen gegründet wurde? Ihm! Nun also. Von einer vollkommenen Gleichberechtigung konnte doch unter diesen Umständen nicht mehr die Rede sein. Es geht im Leben nicht anders. Der Eine ist mehr und hat mehr, als der Andere. Darin muß man sich finden und in eine so vetterlich, ja brüderlich hingehaltene Hand einschlagen. Anmerkungen (Wikisource)
|
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 92. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/97&oldid=1071381 (Version vom 9.04.2010)