Seite:PoincareKrise.djvu/20

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Die Rechnungen von Abraham und die Experimente von Kaufmann haben nun gezeigt, daß die eigentliche mechanische Masse Null ist, und daß die Masse der Elektronen, oder wenigstens der negativen Elektronen, ausschließlich elektrodynamischen Ursprungs ist. Das zwingt uns, die Definition der Masse zu ändern; wir können nicht mehr die mechanische und die elektrodynamische Masse unterscheiden, weil dann die erstere ganz verschwinden würde. Es gibt keine andere Masse als die elektrodynamische Trägheit; dann aber kann die Masse nicht mehr konstant sein, sie nimmt zu mit der Geschwindigkeit, und sie hängt sogar von der Richtung ab. Ein mit beträchtlicher Geschwindigkeit bewegter Körper setzt Kräften, die ihn von seiner Bahn abzuleiten streben, nicht dieselbe Trägheit entgegen, wie denen, die ihn in seiner Bahn zu beschleunigen oder zu verzögern streben.

Es gibt wohl noch einen Ausweg: die letzten Elemente eines Körpers sind Elektronen, von denen die einen negativ, die anderen positiv geladen sind. Die negativen Elektronen haben keine Masse, das sei zugestanden; aber die positiven Elektronen scheinen, nach dem wenigen, was man von ihnen weiß, viel größer zu sein. Vielleicht haben sie außer ihrer elektrodynamischen Masse eine wirkliche, mechanische Masse. Die wirkliche Masse eines Körpers wäre dann die Summe der mechanischen Massen dieser positiven Elektronen; die negativen Elektronen würden nicht mit zählen; die so definierte Masse könnte noch konstant sein.

Leider ist uns auch dieser Ausweg versperrt. Erinnern wir uns an das, was wir über das Prinzip der Relativität gesagt haben und über die Anstrengungen, die gemacht werden, es zu retten. Und hier ist es nicht nur ein Prinzip, das es zu retten gilt, es sind unzweifelhafte Ergebnisse der Michelsonschen Experimente.

Empfohlene Zitierweise:

Henri Poincaré: Der gegenwärtige Zustand und die Zukunft der mathematischen Physik. Der Wert der Wissenschaft, B. G. Teubner, Leipzig 1904/6, Seite 148. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PoincareKrise.djvu/20&oldid=1130381 (Version vom 2.06.2010)