Seite:PoincareMechanik.djvu/15

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der allgemeinen Verschiebung zusammenfällt. Wenn nämlich ein Körper einer Verschiebung unterliegt, so muß er nach Lorentz eine Art Abplattung erleiden; seine Ausdehnung senkrecht zur Richtung der Verschiebung bleibt unverändert, diejenige in Richtung der Verschiebung wird dagegen verkürzt; eine Kugel wird beispielsweise zum Ellipsoid. Allerdings ist diese Abplattung äußerst geringfügig, selbst wenn es sich um eine verhältnismäßig so beträchtliche Verschiebung wie die der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne handelt; sie wäre dann kaum 1/200000. Was mir aber unbequem ist, ist der Umstand, daß die Verkürzung für alle Körper dieselbe wäre. Man achte wohl darauf, daß eine derartige Deformation sich nicht durch Meßinstrumente nachweisen ließe, mögen diese Instrumente auch einen noch so hohen Grad von Vollkommenheit besitzen. Da nämlich alle Körper in gleicher Weise deformiert werden, so werden auch die Meßinstrumente ebensogut davon betroffen wie die zu messenden Gegenstände selbst, und daher muß diese Deformation unbemerkt bleiben. Wir wollen damit sagen, daß alle Körper deformiert sind, wenn wir übereinkommen, ihre Länge und Breite durch die Zeit zu messen, die das Licht gebraucht, um diese Strecken zu durchlaufen. Die Erde wird also abgeplattet infolge ihrer Verschiebung; aber wir können diese Abplattung nicht durch geodätische Messungen bestimmen, selbst wenn der Genauigkeitsgrad der Messung den heutigen um das Millionenfache übertreffen würde, denn die zur Basismessung benutzten Instrumente verändern sich genau so wie die Erde. Wohl aber würde diese Abplattung für die Astronomen der anderen Planeten wahrnehmbar sein, wenn ihnen Teleskope zur Verfügung ständen, die unendlich viel genauer als die unsrigen wären; denn ihnen würde ja das Licht zu ihren Messungen dienen. Es ist dies eine höchst befremdliche Sache, die mich selbst kopfscheu machen würde, wenn ich nicht wüßte, daß das nur eine direkte Verdolmetschung des von Michelson gemachten Experiments ist. Die Hypothese beginnt freilich, wenn man das, was von Michelson nur für einen einzigen Fall erwiesen ist, auf alle Körper ausdehnt.

Bis so weit sind, wie Sie sehen, die Beweise für die neue Mechanik durchaus indirekt, und das Bedürfnis einer direkten experimentellen Bestätigung macht sich im hohen Grade fühlbar. Eine solche experimentelle Bestätigung ist leider recht schwierig, denn der Unterschied zwischen der alten und der neuen Mechanik tritt erst bei großen Geschwindigkeiten hervor. Was soll man aber unter einer großen Geschwindigkeit verstehen? Etwa diejenige einer Lokomotive, diejenige eines Automobils, oder, um ganz modern zu sein, diejenige eines Aeroplans? 100 km per Stunde etwa, nun das wäre für die hier in Frage kommenden Umstände die Geschwindigkeit einer Schnecke. Wir verfügen aber über weit größere Geschwindigkeiten; wir brauchen ja nur an die Planeten zu denken. Da ist beispielsweise der Merkur, der schnellste unter allen Planeten, der auch 100 km macht, aber nicht in der Stunde, sondern in der Sekunde! Aber selbst eine solche Geschwindigkeit genügt noch lange nicht. Solange wir nur über derartig kleine Geschwindigkeiten verfügen würden, läßt sich überhaupt nichts machen.

Empfohlene Zitierweise:

Henri Poincaré: Die neue Mechanik. B.G. Teubner, Leipzig 1911, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PoincareMechanik.djvu/15&oldid=1033559 (Version vom 28.02.2010)