Topographia Braunschweig Lüneburg: Gemeine Beschreibung der Graffschaften Hoya und Diepholz

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
 
Wechseln zu: Navigation, Suche
Topographia Germaniae
Gemeine Beschreibung der Graffschaften Hoya und Diepholz
aus: Matthäus Merian (Herausgeber und Illustrator) und Martin Zeiller (Textautor):
Merian, Frankfurt am Main 1654, S. 35–37.
Wikisource-logo.png [[| in Wikisource]]
Nach Wikipedia-Artikel suchen
Bearbeitungsstand
unvollständig
Dieser Text ist noch nicht vollständig. Hilf mit, ihn aus der angegebenen Quelle zu vervollständigen! Allgemeine Hinweise dazu findest du in der Einführung.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du unter Hilfe
Link zur Indexseite


[35]
Gemeine Beschreibung der Graffschafft Hoya / vnd Diepholtz


Diese Graffschafft Hoya führet ohnzweifentlich ihren Nahmen von dem darin belegenen Schloß Hoya / darauff die Grafen von der Hoya vor Alters ihren Sitz gehabt. Woher solch Schloß aber erstlich benahmset / davon will sich keine gründliche Nachricht finden. Dann was Herman Hamelman in seiner Oldenburgischen Chronike im 14. Cap. deß 1. Theils / auß Laurentio Michaële berichtet / daß im Jahr Christi 1071. ein Edler Herr von Potenburg vnd Memmenburg / Heyo genant / diese Burg erbawet / vnd sie nach seinem Nahmen genennet / will mit der Historischen Warheit nicht überein stimmen / zumahln schon etliche hundert Jahr vorher der Grafen von der Hoya bey den Geschichtschreibern Meldung geschihet / vnd also dieser Nahme älter seyn muß / davon hieunten mit mehrem gemeldet werden soll.

Die Graffschafft ist in Westphalen gelegen / guten theils an dem Weserstrom / zwischen dem Fürstenthumb Minden / vnd der Statt Bremen. Gehöret demnach zum Westphälischen Kraiß / vnd haben die Herren Hertzogen zu Braunschweig Lüneburg / Zellischer Linie / deßwegen Sitz vnd Stimm auff den Westphälischen Kraißtägen.

Die Grentzen der Graffschafft seyn gegen Morgen / das Hertzogthumb Braunschweig / Calenbergischen Theils / vnd das Hertzogthumb Lüneburg / gegen Mitternacht / die Fürstenthümber Verden vnd Bremen / gegen Abend die Graffschafft Diepholtz / vnd endlich gegen Mittag das Fürstenthumb Minden. Sie wird in die Ober- vnd NiederGraffschafft vnterschieden.

Was vor Alters dieses Land vor Völcker bewohnet / ob es die Angrivarii, oder Chamavi, oder andere gewesen / kan man so eigentlich nicht wissen / die jetzigen aber seyn sonder Zweifel von den Saxen / welche in dem fünfften Seculo nach Christi Geburt (Vide Chytraeum Saxon. lib. 1.) von den Vfern der West- vnd Ost-See ab / sich vnter andern in Westphalen gezogen / vnd daselbst ihre Wohnung genommen / entsprossen. Vnter denselben seyn verschiedene vornehme Adeliche Geschlechter / deren theils gar außgangen / theils annoch verhanden.

Der Grund vnd Bodem dieses Landes ist an güte vnd Fruchtbarkeit vnterschiedlich. An theils Orten / sonderlich welche an dem Weserstrom gelegen / vnd von demselben befeuchtet werden / gibt es gute fruchtbare Aecker / welche Weitzen / Gersten / Rokken / Habern / Erbsen / Bohnen / Wikken / in grosser menge tragen / vnd dem mühsamen Ackersman die angewandte Arbeit wol belohnen. Auch mangelt es nicht an stattlichen Wiesen vnd Weiden / davon das Viehe seine Nahrung haben kan. Gestalt dann dieser Orten so wol das Horn- als ander Vieh / sonderlich gut / vnd also häuffig erzogen / gemestet vnd feist gemachet / vnd verkauffet wird.

Ausser dem Weserstrom / welcher / wie gesagt / diese Graffschafft auff etliche Meil weges durchfliesset / hat sie keine sonderliche Ströme oder Flüsse. Dieser eintziger aber / als ein schiffreicher Haupt-Strom / ist seiner herrlichen Nutzbarkeiten halber vielen andern billich vorzuziehen / Sintemal er nicht allein zur Schifffahrt gar bequem / vnd dahero die Schiffe in grosser Anzahl darauff hin und wieder fahren: sondern auch den Menschen zur Speise / allerhand Fische häuffig vnd reichlich dargibt. Wie dann der Weser Lachs / welcher in diesem Fluß sonderlich in grosser menge gefangen / geräuchert / vnd weit vnd breit verfahren wird / gnugsam bekant.

Die HauptStatt dieser Graffschafft ist die Statt Nienburg / ein fester Ort / vnd wegen der in dem Kriegswesen gehabten Zufälle nicht vnbekant / davon vnten mit mehrem. Vnweit von dem Hause vnd Flekken Hoya / ist ein Flekken / Bükken genant / gelegen / woselbst S. Rembertus, Ertzbischoff zu Bremen / eine Kirche erbawet / vnd eine [36] Probsteye / vnd Conventualen dabey gestifftet. Wie solches in M. Adami Bermensis historia Eccelesiastica, Item / in Historia Archiepiscoporum Bremensium incerti autoris à Lindenbrogio edita zu lesen. Ein geschrieben Nieder-Sächsisch Chronicon meldet davon dieses: Anno 877. bawete Rembertus auch die Klösterliche Kirche zu Bükkem in eine Wildnusse / vnd weihete dieselbe in die Ehre vnser Lieben Frawen / vnd S. Materniani, dessen Leichnam Er dahin brachte.

Belangend die Obrigkeit vnd Regierung dieses Landes / ist bekant / vnd gibt es der Nahme selbst / daß es hiebevor von den Grafen zu Hoya / wie auch zum theil von den Grafen zu Bruchhausen / biß zu Abgang solches Geschlechts / beherrschet worden. Hieoben ist gemeldet / was Hamelmannus in seiner Oldenburgischen Chronick auß Laurentio Michaële, vom Vrsprung der Grafen zu Hoya erzehle / damit verhält es sich folgender gestalt: Als Hayo / Herr zu Potenburg vnd Memmenburg / von den Rüstringer Friesen überfallen / vnd seine Vestung Memmenburg / welche er nach genommener Flucht hinter sich besetzt gelassen / erobert vnd geschleifft worden / habe er sich zu seinem Schwager / Graff Wilhelmen zu Bruchhausen / verfüget / vnd Ihn gebetten / daß Er der Verwandnuß nach / Ihm ein kleines Ländlein übergeben wolte / da Er eine Burg setzen / vnd auch sonsten seinen Ackerbaw / vnd andere Notturfft haben könte. Welches also geschehen / vnd habe Er darauff nicht allein nach seinem Nahmen / an der Weser Hayonis-Burg gebawet / im Jahr Christi 1071. vnd am 15. Maii den ersten Stein geleget / mit solchen Sächsischen Reimen:

Dussen Steen will ick hierin leggen vnd geten /
Dat Huß schal Hayenborg heten.

Sondern auch folgends seinem Sohn / Otten dem Jüngern / diese Burg mitgeben / vnd sollen von diesem Graff Otten die Hoyschen Herren entspriessen. Aber es wird solche Erzehlung billich von gedachtem Hamelman in Zweifel gezogen / vnd muß der Vrsprung der Grafen von der Hoya viel älter seyn / Sintemaln bey den Geschichtschreibern schon vmb das Jahr Christi 820. der Grafen zur Hoya Erwehnung geschihet. Daß Sie also vermuhtlich / nebenst andern Westphälischen Grafen / von Keyser Karl dem Grossen eingesetzt worden / Inmassen bekant / daß derselbe seinen gestiffteten Bischoffen Grafen / als Weltliche Richter zugeordnet. Vnter denselben ist sonderlich berühmt Graff Walther / welcher Keyser Heinrichen deß Vogelfängers Magister equitum gewesen / vnd in der Schlacht mit den Vngern / im Jahr 933. vmbkommen. Henninges in Genealogia. Aventinus Annal. Bojor. lib. 4. Im Jahr Christi 1294. ist gestorben Graff Johann / oder wie Ihn etliche nennen / Graff Gerhard von der Hoya / dessen Nachkommen biß zu dem letzten Grafen Otten / diese Graffschafft innen gehabt. Ein Theil davon ist vor Alters den Grafen von Alten vnd Newen Bruckhausen zuständig gewesen / deren zwar in Historien Meldung geschihet / aber von ihrem Herkommen vnd Wandel wenig Nachricht zu finden / gestalt Sie dann auch bald abgangen / vnd ihre Graffschafften an die Grafen zur Hoya kommen. Im Jahr Christi 1582. ist obbemeldeter Graff Otto / der Letzte dieses Stammes / mit Todte abgangen / vnd haben darauff die Lehenherren sich der Graffschafft angenommen / vnd dieselbe vnter sich vertheilet. Da dann Hertzog Wilhelmen zu Lüneburg die Aempter Hoya / Nienburg / Liebenau / Alten vnd newen Bruchhausen / Hertzog Julio zu Braunschweig die Aempter Stoltzenau / Ehrenburg / Bahrenburg / Sick / Steigeberg / Siedenburg / vnd Diepenau / dem Landgrafen zu Hessen / Vcht vnd Freudenberg zugefallen.

Als im Jahr Christi 1634. der letzte Hertzog von Braunschweig / Wolffenbüttelischer Linie / Friederich Vlrich tödtlich abgangen / seyn obbemeldete hierdurch erloschene Hoysche Aempter / welche ins gemein die Ober-Graffschafft Hoya genant werden / Herrn Hertzog Wilhelmen / zu Braunschweig Lüneburg / Harburgischer Linie / zugefallen / vnd nach dessen tödtlichen Hinscheid in anno 1642. von dem regierenden Fürsten [37] zu Zell / Herrn Hertzog Friederichen zu Braunschweig Lüneburg / hochsel. Andenckens / in Besitz genommen worden. Wie aber derselbe auch Anno 1648. diese Welt gesegnet / haben Sr. Fürstl. Gn. Herren Vettern / vnd respectivè Successor / Hertzog Christian Ludwig / vnd Georg Wilhelm / Gebrüdere / regierende Herren der Fürstenthümber Braunschweig Lüneburg / Zellischen vnd Calenbergischen Theils / solche Ober-Graffschafft / vermöge Vätterlicher Verordnung / vnd Brüderlichen Vergleichs / in gesampt an sich genommen / vnd biß anhero in solcher Gemeinschafft regieret. Die Aempter Vcht vnd Freudenberg / seyn von den Landgrafen zu Hessen / den Grafen zu Teklenburg vnd Bentheimb zu Lehen gegeben worden / welche Sie annoch besitzen.

In dieser Graffschafft ist überall die reine Evangelische Lehre / nach der Augspurgischen Confession / vnd andern libris Symbolicis, in Vbung / vnd hat dieselbe zu erst Graff Jobst / welcher im Jahr 1542. gestorben / angenommen vnd eingeführet / vnd die Kirchen von den Päpstischen Irrthümben vnd Aberglauben gesäubert.

Die Graffschafft Diepholtz / von dem Orte / da die Grafen ihren Auffenthalt gehabt / ebenmässig benennet / ist auch in Westphalen gelegen / vnd ein Stand selbigen Craises. Grentzet gegen Morgen mit der Graffschafft Hoya / gegen Mittag mit dem Fürstenthumb Minden / vnd Stifft Oßnabrükke / gegen Abend ist das Stifft Münster / vnd gegen Mitternacht die Graffschafft Oldenburg vnd Delmenhorst / theils auch das Hertzogthumb Bremen gelegen. Ist zwar / wie vor Alters der meiste theil der Graffschafften gewesen / nicht sonderlich groß / jedoch der Bodem darin gut vnd fruchtbar / hat gute Weiden vnd Wiesewachs / schöne fruchtbare Gärten / Aecker / vnd Felder / auch verschiedene kleine / jedoch fruchtbare vnd lustige Höltzungen / wiewol dieselbe bey gewärten Kriegsläufften sehr verhauen. An guter Viehezucht ermangelt es auch nicht.

Es hat diese Graffschafft vier Stättlein / als Diepholtz / Leuenförde / Barnstorff / vnd Cornou / imgleichen ein Jungfrawen-Kloster / Burlage genant / welches den Nahmen daher bekommen haben soll / daß zu Zeiten Keyser Karlen deß Grossen / die Sachsen / oder Sächsische Bauren / daselbst ihr Lager gehabt haben / als besagter Keyser ein Treffen mit ihnen gehalten. Wie dann ferner gemeldet wird / daß der Keyser / GOtt zu Ehren / wegen deß gegen ermeldete Sachsen erhaltenen Sieges / diesen Ort zu einem Kloster gewidmet. Es ist dieses Closter an dem Dummer See gelegen / davon hieunten bey Beschreibung deß Hauses Leuenförde / mit mehrem Meldung geschihet. Sonst ist auch ein Collegium Canonicorum vor diesem gewesen / in dem Dorffe Grossen / oder Marien Drebber genant / woselbst die Grafen von Diepholtz ihr Begräbnuß gehabt.

Die nunmehr außgestorbene Grafen von Diepholtz / vnd deren Vrsprung betreffend / ist zu vermuhten / daß Sie auch zu Zeiten Keyser Karlen deß Grossen ihren Anfang genommen. Der Erste / dessen in den Historien Meldung geschiehet / vnd davon die Genelogici das Geschlecht-Register anfangen / ist gewesen / wie bey Hamelmanno, Henningio, vnd andern zu sehen / Graff Wilhelm zu Diepholtz / der im Jahr 939. dem zu Magdeburg damals gehaltenem Turnier beygewohnet. Der Letzte dieses Gräfflichen Stammes / Graff Friederich / Edler Herr zu Bronckhorst / ist ohn hinterlassung Männlicher LeibesErben Todes verfahren / im Jahr 1585. Darauff Hertzog Wilhelm der Jünger / zu Braunschweig Lüneburg / als Lehenherr / die erledigte Graffschafft in Besitz genommen / vnd auff die Nachkommen / regierende Herren deß Hertzogthumbs Lüneburg / verfället.


Persönliche Werkzeuge
Namensräume

Varianten
Aktionen
Navigation
Mitmachen
Drucken/exportieren
Werkzeuge