ADB:Adela

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Artikel „Adela“ von Wilhelm von Giesebrecht in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 1 (1875), S. 49–50, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Adela&oldid=- (Version vom 15. Juli 2019, 22:42 Uhr UTC)
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Adela: Gräfin in Unterlothringen, um 950 geboren, war die Tochter des sächsischen Grafen Wichmann, der, in Westphalen, Friesland und den unteren Rheingegenden reich begütert, 966 das Nonnenkloster Elten bei Emmerich in der Grafschaft Hamaland stiftete und mit einem Theil seiner Stammgüter ausstattete. Wichmann hinterließ keine Söhne, aber außer A. noch eine ältere Tochter Liutgarde, welche als erste Aebtissin das Kloster Elten verwaltete. A., schon in früher Jugend dem, dem sächsischen und dem kaiserlichen Hause der Ottonen verwandten Grafen Immed vermählt, erhob nach dem Tode des Vaters Ansprüche auf mehrere dem Kloster gestiftete Güter und gerieth deshalb mit ihrer Schwester in Streit. Als diese bald darauf an Gift starb, hielt Jedermann A. für die Mörderin. A. bemächtigte sich der beanspruchten Güter, mußte sie aber bald auf kaiserlichen Befehl dem Kloster zurückgeben. In ihrer Ehe mit dem Grafen Immed hatte A. außer zwei Töchtern zwei Söhne geboren: Dietrich, der dem Vater in seiner Grafschaft am Unterrhein folgen sollte, und Meinwerk, der früh in den geistlichen Stand trat. Als A. ihren Gemahl verloren, vermählte sie sich nach einem in Zügellosigkeit verbrachten Witwenstande mit dem Ritter Balderich, einem Neffen des Grafen Gottfried, der, am unteren Rhein angesessen, damals die Grafschaft im Attuarierlande am linken Rheinufer inne hatte. Da Gottfried nur einen schwachsinnigen Sohn hatte, hegte Balderich die Hoffnung, dem Oheim in dieser Grafschaft zu folgen, sah sich aber in seiner Erwartung getäuscht, als Gottfried eine Tochter dem sächsischen Grafen Wichmann vermählte, einem Verwandten der Billung’schen Herzogshäuser, der mit der unmittelbar an das Attuarierland grenzenden Grafschaft Hamaland auf dem rechten Rheinufer belehnt war. Dieser Wichmann sollte die Stütze von Gottfrieds schwachem Sohne werden und bewährte sich als solche, als der Vater bald darauf starb. Seitdem entbrannte die wildeste Fehde zwischen Balderich und Wichmann; beide Ufer des Niederrheins wurden mit Feuer und Schwert verwüstet. Endlich gebot König Heinrich II. Friede; in seiner Gegenwart mußten sich die erhitzten Widersacher versöhnen. Als Wichmann darauf eine Pilgerfahrt nach Rom antrat, benutzte A. die Zeit seiner Abwesenheit, um durch ihre Verbindungen am Hofe – ihr Sohn Meinwerk, der besondere Günstling Heinrichs II., war inzwischen Bischof von Paderborn geworden – die Grafschaft im Attuarierlande ihrem Gemahl zu erwerben. Sobald Wichmann von Rom zurückgekehrt war, griff er deshalb gegen Balderich aufs Neue zu den Waffen; Jahre lang wüthete die neue Fehde, bis endlich ein Stillstand geschlossen wurde. Inzwischen war A. auch mit ihrem Sohne dem Grafen Dietrich zerfallen, und ihr Haß steigerte sich so, daß sie endlich auf den Mord desselben sann. Während Bischof Meinwerk Heinrich II. auf seiner Romfahrt begleitete, ließ sie Dietrich auf seiner Burg Uplade (Hauberg bei Elten) überfallen und tödten (7. April 1014). Balderich nahm dann sogleich von dieser Burg Besitz und warf sich alsbald in den Kampf gegen Herzog Gottfried, der sich damals um die Herstellung des Landfriedens in Lothringen ernstlich bemühte. Man mochte hoffen, daß in dem Waffengetümmel die Schandthat Adela’s in Vergessenheit käme; aber im J. 1016 wurde sie nach Dortmund vor den Richterstuhl des Kaisers beschieden, und Bischof Meinwerk trat selbst mit den schwersten Anklagen gegen die Mutter auf. Sie wurde des Kindesmordes und des Hochverraths für schuldig befunden und zum Tode verurtheilt. Der Kaiser schenkte ihr zwar das Leben, aber zur Sühne [50] ihrer Schuld mußte sie den größten Theil ihrer Besitzungen der Kirche zu Paderborn übergeben. Balderich wurde der Theilnahme an Adela’s Verbrechen überführt und mußte in ähnlicher Weise büßen; unfraglich verlor er auch die Grafschaft, welche er zu Lehen getragen. Seitdem sannen A. und Balderich nur auf Rache an ihren zahlreichen und mächtigen Feinden; um einen Rückhalt zu gewinnen; schlossen sie sich eng an Erzbischof Heribert von Köln, den Widersacher Herzog Gottfrieds, an. Der erste Schlag sollte Graf Wichmann treffen. Mit heuchlerischen Freundschaftsbeweisen lockten sie ihn nach Uplade; kaum hatte er der Burg wieder den Rücken gewendet, so ließ ihn A. – denn Balderich war inzwischen wankend geworden – durch gedungene Mörder erschlagen (6. Oct. 1016). Die Verwandten Wichmanns und viele Großen der Umgegend zogen darauf mit Heeresmacht gegen Uplade. Balderich verließ flüchtig die Burg; A. übernahm die Vertheidigung und leitete sie eine Zeit lang mit kühnem Muthe. Als aber auch König Heinrich II. mit einem Heere anrückte, schloß sie einen Vertrag mit den Belagerern, welcher ihr freien Abzug gewährte. Uplade wurde bis auf den Grund zerstört. Balderich führte seitdem ein abenteuerndes Leben, sich in alle Parteikämpfe Lothringens stürzend. Als Heinrich II. 1018 nach Nymwegen kam, um die Ruhe Lothringens herzustellen, mußte auch Balderich vor ihm erscheinen. Aber die Wuth seiner Feinde war so groß, daß der Kaiser ihn nur mit Mühe gegen die äußersten Gewaltthaten schützte und ihm die Möglichkeit der Flucht gewann. Bettelnd soll er dann mit A. im Lande umhergezogen sein, bis ihnen Heribert zu Köln das Gnadenbrod gewährte. Balderich starb 1121 zu Heimbach an der Roer unweit Zülpich; er wurde im Kloster Zypflich (zwischen Cleve und Nymwegen), welches er in den Tagen des Glücks gestiftet hatte, bestattet. A. beschloß – wie es scheint, schon vor ihrem Gemahl – ihr Leben zu Köln und wurde in der Peterskirche beigesetzt. Da die Gebeine der Schwester- und Kindesmörderin der Stadt aber verderblich schienen, wurden sie aus dem Grabe gerissen und in den Rhein geworfen. Der Strom, erzählt man, habe mehrere Tage lang wild getost, gleich als wären seine Fluthen entweiht. Adela’s fluchbedecktes Leben zeigt, welche Verwirrungen ein in Habgier, Ehrgeiz und Rachsucht verwildertes Weib damals in Deutschland noch anrichten konnte; es zeigt zugleich, mit welchen Gräueln sich damals noch selbst die ersten Geschlechter der Nation befleckten. Zum Glück war dieses furchtbare Mannweib eine vereinzelte Erscheinung auch in jener Zeit; ihr zur Seite stehen zahlreiche edle Frauen, jedes Ruhmes werth.

Ausführlicher ist in neuerer Zeit Adela’s Leben behandelt in der „Geschichte der deutschen Kaiserzeit“ II. S. 150–158 und bei Dederich, Geschichte der Römer und Deutschen am Niederrhein, Emmerich 1854.