ADB:Braunfels, Ludwig

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Artikel „Braunfels, Ludwig“ von Veit Valentin in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 47 (1903), S. 209–211, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Braunfels,_Ludwig&oldid=- (Version vom 21. August 2019, 07:25 Uhr UTC)
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Braunfels: Ludwig B., geboren zu Frankfurt a. M. am 22. April 1810, † ebenda am 25. September 1885, besuchte das Philanthropin, dann [210] das Gymnasium, studirte in Heidelberg Philologie und Philosophie, mußte dann sein Studium unterbrechen und trat in die Redaction der Rhein- und Moselzeitung in Coblenz ein. Nach deren Unterdrückung ging er nach Bonn um Jurisprudenz zu studiren und ließ sich 1840 als Advocat in Frankfurt nieder, wo er bald durch seine Denkschärfe und sein erfolgreiches Auftreten vor Gericht eine angesehene Stellung sich erwarb. Seine dichterische Begabung trat schon früh in Uebersetzungen und in selbständigen Dichtungen auf, die meist in Zeitschriften zerstreut sind: ein Trauerspiel, „Agnes“, das in Frankfurt aufgeführt wurde, existirt als Manuscript für die Bühne gedruckt. Seine politische Neigung machte ihn zu einem wichtigen Förderer der „Frankfurter Zeitung“, für die er eine große Zahl politischer Artikel schrieb. Dabei war er rast1os auf litterarischem Gebiete thätig. In feiner und eigenartiger Auffassung schrieb er für die von Otto Müller und Theodor Creizenach in Frankfurt herausgegebene „ästhetische Wochenschrift“, das „Frankfurter Museum“, die Theaterberichte. In selbständigen Schöpfungen trat der vielseitige Mann hervor in seinem Werk „Die Mainufer und ihre nächsten Umgebungen. Mit 54 Stahlstichen, nach Originalaufnahmen von Fritz Bamberger“ (Würzburg, ohne Jahr). Er übersetzte das Nibelungenlied und gab Urtext und Uebersetzung zusammen heraus („Der Nibelunge Not. Urtext mit gegenüberstehender Uebersetzung nebst Einleitung und Wörterbuch“. Frankfurt a. M. 1846). Seine bedeutendste und bleibende Thätigkeit entfaltete er auf dem Gebiete der spanischen Litteratur. Er übersetzte und bearbeitete spanische Dramen („Dramen von und aus dem Spanischen“, 2 Theile, Frankfurt a. M. 1856; „Die Liebe als Arzt“ von Tirso de Molina [Pater Gabriel Tellez]). Bald aber fesselte ihn sein Interesse an Don Quijote und die mit dieser Dichtung zusammenhängende Frage. Er sammelte die Litteratur dafür und scheute für diese Specialbibliothek innerhalb seiner großen Büchersammlung keine Kosten, so daß er die seltensten Werke zusammenbrachte: diese kostbare Bibliothek erwarb nach seinem Tode die kgl. Bibliothek in Berlin als Ganzes mitsammt dem von B. verfaßten „Catalogue raisonné“. Das Ergebniß dieser Studien zeitigte als Vorarbeit das Werk: „Kritischer Versuch über den Roman Amadis von Gallien“ (Leipzig 1876). Sein Hauptwerk sollte eine kritische Ausgabe des Don Quijote werden. Ein vollständiger Commentar, der unter dem Texte sprachliche und grammatische Erklärungen sowie die Lesarten enthalten sollte, dem spanischen Texte gegenüber eine neue Uebersetzung und nach jedem Capitel sachliche „Erläuterungen“ waren dazu bestimmt, ein vollständiges Compendium über die Don Quijote-Litteratur an der Hand eines reinen Textes und einer richtigen und guten Uebersetzung zu werden. Von diesem Lebenswerk liegen 15 Druckbogen in Großquart vor, die bis zum Anfang des 6. Capitels des ersten Theiles reichen: der Verfasser mußte abbrechen, da für die Vollendung der Arbeit in solcher Fortführung bei der ihm eigenen Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit auch das längste Leben nicht gereicht hätte. Glücklicher Weise führte er, als er sich beschränken mußte, wenigstens die Uebersetzung vollständig aus: sie ist, reich mit sachlichen und sprachlichen Erläuterungen ausgestattet, in der „Deutschen Hand- und Hausbibliothek“ von W. Spemann erschienen („Der sinnreiche Junker Don Quijote von la Mancha von Miguel de Cervantes Saavedra. Uebersetzt, eingeleitet und mit Erläuterungen versehen“, 4 Bände). Sie ist ein von der Wissenschaft unbestritten anerkanntes Meisterwerk, wie es nur der gründlichsten Kenntniß der Sprache, der Zeit, des Landes und des Volkes, dem eingehendsten und liebevollsten Studium entspringen kann. Das Lesepublikum hat den Werth dieser auch die deutsche Sprache meisterhaft handhabenden, alle früheren [211] Versuche weit überholenden Uebersetzung noch nicht so erkannt, daß der Don Quijote deutsch in keiner anderen Uebersetzung sollte gelesen werden. Von Seite Spaniens wurden die Verdienste des zum spanischen Consul in seiner Vaterstadt ernannten juristischen Fachmannes und Sprachgelehrten in hohem Maaße anerkannt. In Deutschland hat sich B. sowol in der romanistischen Wissenschaft als auch unter den Förderern der Weltlitteratur eine bleibende Bedeutung errungen.