ADB:Grünbaum, Maier

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Artikel „Grünbaum, Maier“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 589–594, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gr%C3%BCnbaum,_Maier&oldid=- (Version vom 17. September 2019, 01:15 Uhr UTC)
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Grünbaum: Maier (Rufname Max) G., Orientalist, zumal Hebraist, wurde am 12. August 1817 zu Seligenstadt in Hessen geboren. Er studirte unter mannichfachen Hindernissen und mißlichen Verhältnissen Philologie und Philosophie an den Universitäten zu Gießen, wo er bei dem damals jungen Aesthetiker Moriz Carriere Anregung fand, und Bonn, auch jüdisch-rabbinische Theologie. Ohne zu regulärem Abschluß dieser gründlichen Studien oder gar einem Aemtchen gelangen zu können, mußte er, dem Zwange äußerer Umstände nachgebend, seit Ende der dreißiger Jahre sein Dasein als Hauslehrer bei wohlhabenden Glaubensgenossen fristen: in einer kleinen ungarischen Stadt, [590] in Amsterdam und London, Triest, 1857 in Wien. In letzterem Jahre wurde er Mitglied der „Deutschen Morgenländischen Gesellschaft“, ein Beweis, daß er, mochten auch die besten Jahre seines Lebens in unwürdiger Dienstesfunction und Abhängigkeit verfließen, Ziel und Ideal seines Strebens nicht aus dem Auge verloren hatte. Endlich 1858 Superintendent d. h. Inspector eines israelitischen Waisenhauses zu New-York geworden, ward er der dringendsten äußern Sorge ledig und in den Stand gesetzt, sein aufgespeichertes ausgedehntes und gründliches Wissen litterarisch zu verwerthen, wofür er bald mit verschiedenen kleinen Arbeiten vor der Oeffentlichkeit den Beweis erbrachte. Dies ermöglicht zu haben, sah der bescheidene Mann als gnädigste Fügung des Schicksals an. Mit seiner in Amerika gewonnenen Gattin, der sorgsamen Pflege seines Alltags und nachher treuen Stütze seines Alters, übersiedelte er 1870 nach München – seine Lebensgefährtin stammte, scheint es, aus Unterfranken –, auf eine kleine Pension angewiesen, die die Bedürfnisse des überaus anspruchlosen Paares zu decken gerade genügte. Nunmehr konnte er seine Kraft ungeschmälert in Muße den nie aufgegebenen fachwissenschaftlichen Neigungen weihen, zumal er neben der eigenen wohlgepflegten Büchersammlung die umfänglichen, bedeutenden Schätze der königl. Hof- und Staatsbibliothek auszunutzen bezw. nutzbar zu machen eifrigst bestrebt war. Diese großartige Anstalt besuchte er bis anfangs der Neunziger des Jahrhunderts in der Regel täglich – ein seinen Studien nahestehender Freund, der dortige Rabbiner Dr. Jos. Perles, sagte (Monatsschrift f. Gesch. u. Wiss. d. Judenthums 31, 128), G. lebe nicht in München, sondern auf der Staatsbibliothek in Münchens –, ordnete größtentheils die daselbst vorhandenen einschlägigen Reichthümer und veröffentlichte aus ihren Handschriften viele werthvolle Unterlagen seiner sprach- und sagenvergleichenden Untersuchungen. Ohne sie ganz zu Ende führen zu können, unternahm G., zweifellos nach dem musterhaften Vorbilde Moritz Steinschneider’s für Oxford, Leyden, Hamburg, Berlin und München selbst (1875 bezw. 1895), die Neucatalogisirung der hebräischen Bestände der Münchener Staatsbibliothek, die, außer dieser nicht direct als sein Werk greifbaren Leistung, 17 längere und kürzere Journalabhandlungen Grünbaum’s als Convolut „Schriften über jüdische Litteratur“ sub Jud. 23 I – sein allmähliches Geschenk – besitzt. Seit 1892 infolge wachsender körperlicher, dann auch geistiger Hinfälligkeit ans Zimmer gefesselt, beschäftigte er sich lebendig mit seinen gelehrten Ideen und Plänen, mit Kopf und Feder wie im Gedankenaustausche gegenüber verehrenden Freunden, die ihm in der abseits gelegenen Klause in der Schleißheimer Straße gern „in seinem Leiden Trost brachten und denen er immer als Gegengabe reiche Früchte aus dem Schatze seines Wissens und Denkens mittheilte“. Seine große litterarische Belesenheit bekundet die häufige Bezugnahme auf seinen Liebling H. Heine, Goethe, die deutschen Dichter jüdischen Bekenntnisses, wie A. Bernstein, L. Kalisch u. A., auch im gelehrten Zusammenhange, z. B. im Buch von 1893. Harmlos und gutmüthig wie ein Kind, allem, was außerhalb seiner vier Wände lag, entrückt, weltscheu, aber kein mürrischer, verbitterter Greis, war er auch „bis in die letzten Jahre voll Geist und Witz, was nicht nur seine Feuilletons bezeugten, sondern fast noch mehr seine Briefe und Gespräche, die er mit Citaten aus allen Sprachen interessant zu machen wußte. Ein milder Humor würzte alle seine Aeußerungen über Welt und Menschen. Eine mit den Jahren gesteigerte religiöse Wärme und ein liebevolles Verständniß für das Judenthum, die auch in seinen meisten Schriften an den Tag traten, verlieh seinen Worten oft etwas Weihevolles“ (F. Perles). So ist diese bei aller ihrer Eigenart und Sonderbarkeit anmuthende und rührende Persönlichkeit aus einem enttäuschungs- und entsagungs-, zuletzt [591] schmerzensvollen Leben – des von ihm gern angeführten Byron Verse aus „Childe Harold“: Whose bark drives on And anchored ne’er will be wendete der niemals auf einen würdigen, seinem Wissen, Können und Streben entsprechenden Posten aussichtsvollen Wirkungskreises Gelangte einmal auf sich an – wie ein Einsiedler und Patriarch des Alterthums am 11. December 1898 zu München geschieden, trotz Altersschwäche bis ans Ende voll frischer Geisteskraft und jugendlich kühner Erwägungen. Seine Jahrzehnte hindurch systematisch ausgestaltete und so in ihrer Zusammenstellung interessante Bibliothek, die sein ganzes Wissensgebiet umspannte und besonders durch alte hebräische Drucke werthvoll war, hat er dem Münchener „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur“ vermacht.

Nachdem G. schon bald nach seinem erwähnten Eintritte in die „Deutsche Morgenländische Gesellschaft“ in deren „Zeitschrift“ – deren Registerband weist es aus – eine Anzahl kleinerer Beiträge publicirt hatte, begann er seit 1870 in der Münchener Muße und Stoffbereitschaft die Ergebnisse seiner Studien und Forschungen in verschiedener Form vors Publicum zu bringen: in selbständigen Werken, größeren oder kleineren Aufsätzen und Artikeln vor den engern Fachgenossen, gelegentlich auch in leichtflüssigeren Feuilletons für populäre Zwecke. Ueberall nämlich bekundet er eine gewandte Darstellung, öfters sogar, wann es das Thema verlangte, einen poetischen Klang, hin und wieder nach Bedarf eine angenehm plaudernde Schreibart, deren heute veraltete behagliche Breite die bisweilen mangelnde Geschlossenheit der Auseinandersetzung vertuscht. Sie steht wol unter dem Einflusse der ihr verwandten präciseren Schreibweise seines Landsmanns Ludwig Bamberger, der mit G. bis zuletzt in treuer Freundschaft verbunden gewesen, durch Munificenz der Hauptförderer der Drucklegung der „Gesammelten Aufsätze“ Grünbaum’s geworden, aber nur ein Vierteljahr nach ihm verstorben ist. Grünbaum’s streng wissenschaftliche Arbeiten hingegen, sofern nicht kleinere Bemerkungen oder Miscellen, sind zwar ebenfalls durchgängig sicher stilisirt, aber zum Theil stoffüberladen und darum etwas schwerfällig und unübersichtlich. „Leicht lesen sich diese schlecht disponirten und nach Art rabbinischer Erzählungen weitschweifigen und vom Hundertsten ins Tausendste überspringenden Essays durchaus nicht. Doch wer die Geduld aufbringt, findet sich reich entschädigt“ (A. L. Jellinek, s. unten).

Ein berufener Fachmann, der ihn zu München auch persönlich genau kennen lernte, dortiger akademischer Vertreter der Orientalistik, Fritz Hommel, urtheilt über G.’s ausgebreitetes Wissen: „Außer dem weiten talmudischen Gebiete war er besonders auch im Samaritanischen, Syrischen und Arabischen zu Hause, obwohl ihm auch andere Zweige der Alterthumskunde nicht ferne lagen“. Nach zwei Richtungen hin forschte G.: in neuhebräischer und arabischer Sagenkunde, anderntheils in der jüdisch-europäischen Mischlitteratur. Zu letzterer Bethätigung ist principiell seine verständlichere Abhandlung „Mischsprachen und Sprachmischungen“, 1885 (48 S.) in der Virchow-Holtzendorff’schen Vorträge-Sammlung als Heft 473 gedruckt, zu beachten; H. Schuchardt (Ztschr. f. östr. Gymn. 1886 S. 321) sagt, sie „besitzt durchaus keinen Wert“. Die allermeisten seiner vielen Resultate ersteren Feldes legte er seit 1862 in der „Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft“ vor, als erste umfänglichere Arbeit 1877 in deren Band 31 die „Beiträge zur vergleichenden Mythologie aus der Hagada“, die später den posthumen Sammelband eröffnet haben; aus ihrem Inhalte zählen wir die Hauptstichworte auf, welche die berührten Stoffe zeigen: Salomon, Schamirsage, Die gefallenen Engel, Goldenes Zeitalter, Entstehung der Götterverehrung, Dämonologie, Der böse Blick, Beschwörungsformeln, Leviathan, Solstitialfeste, Erfindung der Feuerbereitung, Tekutatropfen, Narthex. Besonders [592] in den Bänden 39–44 und anderen Fachorganen schloß sich eine Reihe ähnlicher Niederschläge seiner cult- und glaubensgeschichtlichen Forschungen an, sodann die selbständig zusammenfassenden „Neuen Beiträge zur semitischen Sagenkunde“ (291 S., 1893): tiefe Quellenkenntniß verrathende reichhaltige Fundgruben für die nachbiblisch-talmudische, auch die biblisch-mohamedanische Legende, der vergleichenden Religionswissenschaft trefflich dienstbar. Ein competentester Kritiker, Wilh. Bacher, schrieb in der „Z. d. D. M. G.“, 48. Bd., 134 f., darüber: „Wir bewundern, wie in den früheren Arbeiten Grünbaum’s, eine gediegene Kenntniß der semitischen, sowie anderer Sprachen und Litteraturen, die es ihm gestattet, stets nur aus den Quellen zu schöpfen und die Früchte einer ungewöhnlichsten Belesenheit in der zuverlässigsten Form zu bieten. Diese neuen Beiträge werden im Vereine mit den früheren Arbeiten Grünbaum’s stets ein reiches Repertorium der Sagenkunde bilden, besonders was die auf die Agada zurückzuführenden Stoffe betrifft, und auch sonst kann die Kenntniß der unendlichen Mannichfaltigkeit der in der Agada behandelten Gegenstände sowie ihrer sprachlichen und sachlichen Eigenthümlichkeiten durch des Verfassers interessante und vielseitig belehrende Darstellung in hervorragendem Maaße gefördert werden“. Sämmtliche Hauptfiguren des alttestamentlichen israelitischen Mythus läßt er scharf Revue passiren und erörtert dann noch gründlich die Legende in der (inzwischen studirten) jüdisch-deutschen, der jüdisch-spanischen und der spanisch-arabischen Litteratur: alles voll feiner Ausblicke. In dieselbe Disciplin fallen die nach dem Tode durch Rabbiner Dr. Felix Perles, Sohn des obengenannten, pietätvoll herausgegebenen und eingeleiteten „Gesammelten Aufsätze zur [orientalisch-jüdischen] Sprach- und Sagenkunde“ (Berlin 1901). Dieser Sammelband erneuert außer den besprochenen „Beiträgen“ eine längere Abhandlung „Ueber Schem hammephorasch als Nachbildung eines aramäischen Ausdrucks und über sprachliche Nachbildungen überhaupt“, wie jene überaus reichlich mit Anmerkungen am Schlusse ausgestattet, ferner kürzere Artikel über „Die verschiedenen Stufen der Trunkenheit in der Sage dargestellt“, „Miscellen“ (Der Stern Venus; Die Minim im Talmud), „Assimilationen und Volksetymologieen im Talmud“, „Die beiden Welten bei den arabisch-persischen und bei den jüdischen Autoren“, endlich zwei zum Epos von „Jussuf und Suleicha“. F. Perles hat ein Vorwort mit Lebensabriß und liebevoller Charakteristik, Bibliographie, Real-Index und hebräisches Wortregister hinzugefügt, sowie die Benützung durch Entlastung des Textes von erdrückender Notenbelastung wesentlich erleichtert. Was auch für litterarische, namentlich folkloristische Bezüge abendländischen Schriftthums diese vergleichenden Deutungen Grünbaum’s liefern, stellt eine specielle Anzeige A. L. Jellinek’s im „Litteraturblatt f. german. u. roman. Philol.“ XXIV (1903), S. 148–150 ans Licht, die freilich sowohl dem Verfasser als dem Herausgeber Ergänzungen nachträgt.

Während G. in den bisher behandelten Publicationen aus überkommenen Materialien unentdeckte Thatsachen abstrahirte oder geschickte förderliche Schlüsse zog, führte er in der anderen Gruppe seiner Arbeiten in ein fast gänzlich neues Revier der Wissenschaft ein. Allerdings er, dessen leider verzettelte Detailuntersuchungen in der sogen. comparativen Durchforschung des semitischen Sprach-, Stoff- und Mythengebiets trotzdem als Leistungen einer unbestrittenen Instanz zu gelten haben, excellirte in den drei Büchern seines zweiten, später betretenen Arbeitsgebiets in der Hauptsache als Sammler verschollener bezw. mißachteter Sprach- und Litteraturdenkmäler. Dies sein Interesse führte zunächst zu einer „Jüdisch-deutschen Chrestomathie. Zugleich ein Beitrag zur Kunde der hebräischen Litteratur“ (XII u. 587 S., 1882); dieses umfangreichste [593] Erzeugniß Grünbaum’s entlockte ihm den witzigen Ausspruch Salomonischen Tons: „Das Buch ist zwar mein rechtmäßiges Kind; nichtsdestoweniger sage ich: ‚Schneidet es in zwei Theile!‘“, und als er für den zweiten Band keinen Verleger willig fand, verblieb der zweite Band handschriftlich bis dato im Besitze von Grünbaum’s Gönner Geh. Commercienrath und Generalconsul Maximilian v. Wilmersdoerffer († Dec. 1903) zu München, desselben, der auch die „Gesammelten Aufsätze“ pecuniär mit fundirt hatte. „Es ist ein gelehrtes und interessantes Buch, das wissenschaftliche Leser durch den mit wahrem Bienenfleiß aufgehäuften Reichthum sprachlichen und culturhistorischen Materials erfreut, und dessen einzelne Partien auch weitere Leserkreise anzuregen und zu interessiren wohl geeignet sind“; so begrüßte Jos. Perles (Monatsschrift f. Gesch. u. Wissensch. d. Judents. 31, 1882, S. 128–138), ähnlich A. Landau, „Die Presse“ (Wien) 1. Febr. 1882 1. Abdbl., dies erste Werk, das das Eis nach Lotze’s Aufforderung von 1870 (Archiv f. Litteraturgesch. I, 90–101 u. 576; vgl. Steinschneider, ebd. II, 1–21) endlich gebrochen. Abgesehen von ihren werthvollen Textabdrucken verdient dieses dickleibige Handbuch aber nicht voll das ihm meistens gespendete Lob. G. hat erstlich dessen Titel nicht eng genug gefaßt und somit unerfüllbare Erwartungen rege gemacht: er bietet nämlich jüdisch-deutsche Uebersetzungen nur hebräischer Schriften oder directe Bearbeitungen solcher, wie schon M. Steinschneider in der „Monatsschrift f. G. u. W. d. J.“ 42, S. 78 vermerkte, und zwar wesentlich aus Manuscripten der Münchener Staatsbibliothek, die Gruppirung ist nicht übersichtlich, eine längere Anzahl Wörter falsch erklärt, der nöthige Index fehlt. Fällt sonach der Vorwurf der Unvollständigkeit, den Grünbaum’s Hauptnachfolger Leo Wiener scharf 1899 erhoben hat, bis zu einem gewissen Grade, sobald man den Umkreis des Themas entsprechend einschränkt, so fällt betreffs des ebenfalls besonders seitens Wiener’s betonten Kritikmangels ins Gewicht, daß G., im Gegensatze zu dem aus dem russisch-jüdischen „Halbasien“ hervorgegangenen Wiener, sich niemals innerhalb der Sphäre des lebenden Jüdisch-Deutschen aufgehalten noch letzteren Jargon je regelmäßig gehört hat (vgl. dazu auch die stark anfechtbaren Aussagen über das heutige Jüdisch-Deutsche in der Einleitung seiner „Jüd.-span. Chrestomathie“, besonders S. 5 und 8). Deshalb weiß G. auch in des letzteren, übrigens erst sehr junger Lexikologie wie in seiner Geschichte höchst ungleich Bescheid. L. Wiener, „The history of Yiddish literature in the nineteenth century“ (New-York 1889), hat nicht nur eine umfassende geschichtliche Darstellung aufgebaut, sondern auch die Anthologie systematischer angelegt, insbesondere zum ersten Male die Belletristik nach ihren verschiedenen Gattungen ausgebeutet. Die Belletristik freilich hat nun G. nicht bloß innerhalb seiner großen Chrestomathie, sondern auch bei den Auszügen mit Hinweisen für weitere Kreise in der kürzeren Anthologie „Die jüdisch-deutsche Litteratur in Deutschland, Polen und Amerika“ (1894), welches – schon 1882 im Vorwort (S. IV) verheißene – Ergänzungsbändchen nur ein Sonderabdruck aus „Winter und Wünsche, die jüdische Litteratur seit Abschluß des Canons“ III, 531–623 ist, völlig vernachlässigt. Ueber die Erzählstoffe der Grünbaum’schen jüdisch-deutschen Chrestomathie verbreitete sich mit schier einziger Sachkenntniß Reinh. Köhler’s Referat i. Anzgr. f. Dtschs. Altert. u. Dtsch. Litt. IX, 402 bis 407 (= R. K., Kleinere Schriften, I, 576–583). War hier G. ein zwar nicht allseitig umschauender Vorläufer eines berufeneren Pflügers des bis auf Grünbaum’s 1882er Handbuch fast brachen Ackers jüdisch-deutschen Schriftthums, doch ein verdienstlicher Vermittler noch ungehobener Unterlagen, so eröffnete sein litterarischer Schwanengesang, an der Schwelle der Achtzig herausgebracht, ein erst ganz wenig betretenes Feld: „Jüdisch-spanische Chrestomathie. [594] Mit Unterstützung der Zunz-Stiftung in Berlin“ (1896), gleichfalls nach hebräisch geschriebenen Texten. Neben dem völkerpsychologisch und culturhistorisch fesselnden Stoffe bot dieses weit dünnere Handbuch der Romanistik Substrate dar, deren sie sich erst ganz neuerdings ernstlich bemächtigt hat (vgl. Fel. Perles’ Besprechung Zeitschr. f. roman. Philol. XXI, 137–139 u. seine Auslassungen i. d. Oriental. Litteratur-Ztg. III, 222 f.). Eine Reihe anziehender und wichtiger jüdisch-spanischer Texte hat er darin aus der Hülle hebräischer Transscription hervorgezogen und in lateinischen Lettern mit litterarhistorischen und sprachlichen Erläuterungen zugänglich gemacht. Die durch viele Nummern der zweisprachigen amerikanischen Zeitschrift The Jewish Times, 1869, sich hinziehende geistvolle Besprechung der Werke von Rodriguez, Neubauer und Derenbourg über „Französisch-jüdische Litteratur“ bezeichnet sich im Nebentitel richtig als „Eine Causerie“, gewährt aber trotzdem interessante Einblicke in dies fast unbekannte Revier.

Aus alledem ahnen wir schon, wie Grünbaum’s erstaunliche, weit ausgebreitete Gelehrsamkeit sich zwar hauptsächlich auf alt- und neuorientalische Sprach- und Sagenkunde erstreckte, er jedoch auch die modernen Culturidiome, in Wort und Schrift übrigens, beherrschte. Er konnte, wir deuteten bereits darauf hin, auch für breiteren Leserkreis und unterhaltend schreiben; von solchen mancherlei mehr feuilletonistischen Artikeln sei der über „Geographische und ethnographische Spitznamen und Spottgeschichten“ im „Ausland“ 1883, Nr. 31, S. 601–611 genannt, sodann in der „Beilage zur Allgemeinen Zeitung“ 1872, Nr. 338, 361, 362, „Einige Bemerkungen zu den ,Erinnerungen an die Steinzeit’ [Joh. Sepp’s, ebd. Nr. 292 u. 296]“, ein Vortrag über Heinrich Heine, gehalten im Tempel Emanuel zu New-York, erschienen im „Sinai“ VII (1862), 3–15, 44–52, 71–75, zu dem Grünbaum’s philologische Notizen zu Heine in den „Neuen Beiträgen“ S. 1–6 und 11 verglichen seien. Hochverdienten Ruf und Nachruhm allerdings behält der still, unscheinbar auf sich selbst zurückgezogene Mann auf Grund seiner semitistischen sagen- und auch sprachvergleichenden Studien und der mannichfach erläuterten Textpublicationen europäisch-jüdischen Schriftthums. Durch letztere haben übrigens Sprache und Litteratur der beiden Völker des Abendlands, wo die israelitischen Wanderer am festesten Wurzel geschlagen und eine wechselseitige Befruchtung veranlaßt haben, vielfältige Aufklärung erfahren: diejenigen der Deutschen und der Spanier.

Stark und dankbarst benutzt wurden des eigentlich zu panegyrischen Fel. Perles warmer Nachruf „Beil. z. Allg. Ztg.“ 1898, Nr. 285, S. 5 f. und dessen vielfach wörtlich übereinstimmendes „Vorwort“ zu Grünbaum’s „Gesammelt. Aufs.“, S. V–XV (ebenda S. XVI–XVIII – vgl. S. XV a. E. – Bibliographie der Schriften G.’s); desgleichen mein eigener Artikel über Grünbaum im „Biograph. Jahrbuch u. dtsch. Nekrolog“ III, 235 f., wozu mein Referat über L. Wiener’s Buch „The h. of Y. l. in the n. c.“ (s. das. S. IX, 9, 13) i. „Litteraturbl. f. german. u. roman. Philol.“ XXII, 386–391 (Sp. 391 jetzt chronologisch zu berichtigen) zu vergleichen (s. auch ebda. XI, 367 u. XXIV, 87). – Kundiger Nachruf Fritz Hommel’s „München. Neueste Nachr.“ 1898, Nr. 591, S. 4. – Kurzer Nachruf im Jahrbuch des Achiasaf III, 381 (irrig „Grünfeld“ statt „Grünbaum“). – Im „Biogr. Jahrb. u. dtsch. Nekrolog“ V. Bd., Todtenliste S. 24, weist G. Wolff auf L. Scherman’s mit Litteraturangaben versehene Notiz „Oriental. Bibliogr.“ XII, 155 hin. – Der Vorname Maier gemäß meiner Nachfrage auf dem Münchener Standesamt (Todesmeldung). – Neben G. stelle man vergleichshalber den gründlichen Sprachforscher Alfr. Landau (s. jetzt Ztschr. f. dtsch. Philol. 36, 262–9).