ADB:Joachimsthal, Ferdinand

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Artikel „Joachimsthal, Ferdinand“ von Moritz Cantor in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 96–97, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Joachimsthal,_Ferdinand&oldid=- (Version vom 9. Dezember 2019, 03:17 Uhr UTC)
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Joachimsthal: Ferdinand J., geb. am 9. März 1818 in Goldberg in Schlesien, † am 5. April 1861 in Breslau, Mathematiker. Seine wissenschaftliche Thätigkeit begann in Berlin, wo er 1846 als Privatdocent der Mathematik sich niederließ und zugleich eine Lehrstelle an der königlichen Realschule bekleidete. In dieser letzteren Eigenschaft verfaßte er bereits das Osterprogramm 1844 über die Bedingungen unmittelbarer Integrabilität von Differentialausdrücken mit mehr als zwei Veränderlichen, eine Abhandlung, in welcher er eine wichtige von Lagrange[WS 1] in genialer Andeutung nur gestreifte Aufgabe zur Erledigung brachte. Das Programm wurde 1846 im 33. Bande des Crelle’schen Journals wiederholt abgedruckt, nachdem im 31. Bande der gleichen Zeitschrift der Gegenstand auch von Professor Raabe in jedenfalls selbständiger Weise, aber der Zeit nach später als jenes Programm erschien, behandelt worden war. Auch die 1850 im 40. Bande von Crelle’s Journal veröffentlichten Anwendungen der Determinanten zur analytischen Geometrie der Ebene und des Raumes sind noch in Berlin verfaßt. Folgeweise erhielt J. einen Ruf als Professor der Mathematik an der Universität Halle, später (1856) einen solchen nach Breslau, wo sein allzukurzes Leben mit 43 Jahren abschloß. Von Halle aus veröffentlichte J. einen Aufsatz über die aus einem Punkte an einen derselben Ebene angehörenden Kegelschnitt gezogenen Normalen, von Breslau aus einen solchen über die Anzahl reeller Normalen, welche von einem Punkte an ein Ellipsoid gezogen werden können, ersteren im 48., letzteren im 59. Bande von Crelle’s Journal (1854 und 1861). Diese Aufsätze, zu welchen noch einige von kleinerem Umfange in Crelle’s Journal, einige in den von Terquem[WS 2] in Paris herausgegebenen Nouvelles annales de mathématiques kommen, bilden Alles, was J. selbst dem Drucke übergeben hat. Die Abhandlung über die Normalen an das Ellipsoid erschien sogar erst nach seinem Tode und widmet demselben in einer redactionellen Schlußanmerkung wenige, aber warme Worte der Erinnerung. J. war vorzugsweise Geometer, Geometer jener neueren Schule, die einen Hesse und Clebsch als hervorragende Glieder zu sich zählte, von dem Erstgenannten mitbegründet worden ist. Wir haben in Hesse’s Biographie Gelegenheit gehabt, die Bestrebungen dieser Männer, die es liebten die Wechselbeziehungen zwischen Algebra und analytischer Geometrie hervortreten zu lassen und die Formen der Ersteren auf die Letztere[WS 3] anzuwenden, zu kennzeichnen. J. verfolgte die gleiche Richtung, und wenn die neuen Ergebnisse, [97] zu welchen er gelangte, vielleicht nicht ganz so bedeutend waren, als die, welche seinen Genossen sich boten, so war er doch jedenfalls gleich ihnen Meister in der Anwendung der neuen Methoden und vollendeter Lehrer derselben. Auch J. hat, ähnlich wie Hesse, sich mit dem Plane getragen, eine analytische Geometrie der Ebene und des Raumes zu schreiben, aber er konnte diesen Plan nicht selbst ausführen. Die „Elemente der analytischen Geometrie der Ebene“ hat aus einem zum Theile druckfertigen Manuscripte Professor O. Hermes unter Benutzung dürftiger Notizen 1863 zu einem Bändchen ergänzt, welches dem Plane Joachim’s sehr nahe kommen dürfte. Die „Anwendung der Differential- und Integralrechnung auf die allgemeine Theorie der Linien und der Flächen doppelter Krümmung“ hat Professor Liersemann 1872 herausgegeben, sich stützend auf die wortgetreue, von J. selbst durchgesehene Niederschrift Breslauer Vorlesungen vom Wintersemester 1856/57. Beide Werke haben verdientesten Beifalles sich erfreut, der wiederholte Auflagen nöthig machte. In beiden erkennt man ein von Erfolg begleitetes Bestreben die höchste Klarheit mit unentwegter Strenge und blendender Eleganz zu vereinigen. Sie sind Lieblingswerke der Anfänger geworden, ohne daß der Geübtere an ihnen auszusetzen fände. Sie zeigen auf jeder Seite die liebenswürdigen Eigenschaften, welche diejenigen nicht müde werden noch heute J. nachzurühmen, welche zu den Füßen des verehrten Lehrers saßen, oder als Collegen ihm nahe standen.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Joseph-Louis de Lagrange (1736–1813), italienischer Mathematiker und Astronom.
  2. Olry Terquem (1782–1862), französischer Mathematiker
  3. Vorlage: Letzere