ADB:Kuno

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Artikel „Kuno von Präneste“ von Ernst Bernheim in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 386–388, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kuno&oldid=2536288 (Version vom 18. Dezember 2017, 09:02 Uhr UTC)
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Kuno von Präneste oder Palästrina ist wol unter allen Deutschen derjenige, der das persönliche und hierarchische Ideal Gregors VII. am treuesten erfaßt und nachgebildet hat, und muß schon deshalb als eine merkwürdige Persönlichkeit gelten; doch hat er zudem in seiner Zeit eine wesentliche Rolle in der Geschichte Deutschlands gespielt. Von seiner Abstammung wissen wir nur, daß er etwa 1050/70 geboren und jedenfalls adlicher deutscher, wahrscheinlich schwäbischer Herkunft ist; über seine ganze Jugend- und Lehrzeit ist uns keine andere Nachricht erhalten, als daß er längere Zeit am Hofe König Wilhelm des Eroberers Kapellansdienste gethan hat. Erst mit der Gründung des Augustinerstiftes Arrouaise bei Bapaume tritt er in das Licht historischer Ueberlieferung. Er wurde ohne Zweifel zu dieser Gründung getrieben von jenem Zuge zu ständischem Mönchsthum, der um die Wende des 11. Jahrhunderts so viele Orden und Stiftungen ins Leben rief, und er bewerkstelligte dieselbe mit Unterstützung des Sprengelbischofs von Arras, der das Kloster 1097 bestätigte, und des Papstes Paschalis, der eine Gebietsstreitigkeit zu Gunsten desselben entschied, da K. sich 1107 appellirend an ihn gewandt hatte. Durch diesen Anlaß dem Papste bekannt geworden, ward er der ferneren Wirksamkeit im engeren Kreise enthoben, um auf die große Bühne der Politik geführt zu werden. Paschalis zog ihn an die Kurie und beförderte ihn bald wegen seiner hervorragenden Begabung zum Cardinalbischof von Präneste (dem heutigen Palästrina bei Rom). Als Legat nach Jerusalem entsandt, erfuhr er dort die erschütternden Vorgänge des Februar 1111, wie Heinrich V. den Statthalter Christi inmitten der Peterskirche gefangen genommen hatte, um das Investiturprivileg von demselben zu erpressen. Und sofort, ohne dazu ermächtigt zu sein, lediglich kraft seiner Eigenschaft als Legat, berief er in Jerusalem eine Synode und verhängte den Bann über Kaiser Heinrich als kirchenschänderischen Tyrannen. Mit diesem Schritte beginnt die weltgeschichtliche Bedeutung Kuno’s: er trat damit in die Reihe jener hohen Prälaten, welche dem nachgiebigen Paschalis gegenüber die Tradition der Politik Gregors VII. aufrecht erhielten, und, gewissermaßen päpstlicher als der Papst selbst, sich dessen Vollmachten zu unerbittlichem Kampfe gegen die weltliche Suprematie anmaßten. Nach Rom zurückgekehrt, drängte K. auf der Lateransynode vom 18. März 1112 mit seinen Gesinnungsgenossen den widerstrebenden Papst zunächst zum Widerruf des Investiturprivilegs, wenngleich sich derselbe seines Eides wegen nicht herbeilassen wollte, den Kaiser zu excommuniciren. Und es blieb das unverrückte Ziel dieser Partei, die Kurie zum vollen Bruch mit dem Kaiserthum zu treiben, ein Ziel, das besonders von Frankreich aus durch Erzbischof Guido von Vienne und dessen Anhänger eifrig betrieben wurde. Im J. 1114 begab sich K. als Legat dorthin. Der Aufstand der niedersächsischen Fürsten gegen Heinrich V. war ausgebrochen und ermuthigte auch die kirchlichen Gegner des Kaisers. Am 6. Decbr. 1114 verkündigte [387] K. zu Beauvais, am 28. März 1115 zu Rheims und noch öfter an anderen Orten Bann und Absetzung gegen Heinrich und seine Anhänger, und machte sich dadurch zur Seele der Bestrebungen, die im Geiste Gregors VII. den alten Bund der Hierarchie mit den Fürsten gegen das Königthum erneuerten. Wenn wir sehen, wie K. um diese Zeit und weiterhin in Frankreich und Deutschland schaltete, Synoden berief, Bischöfe mit Censuren belegte, sie suspendirte, bannte, absetzte, Rechts- und Glaubensstreitigkeiten vor sein Forum zog und entschied, so begreifen wir, daß damals Stimmen laut wurden, welche die Anmaßung solcher Legaten als Verfall der Kirchenzucht beklagten und denselben zuriefen, sie würfen sich zu zweiten Päpsten auf! Gegen Ende des Jahres wieder nach Italien zurückgekehrt, vertrat K. auf der wichtigen Lateransynode zu Rom im März 1116 seine und seiner Gesinnungsgenossen Sache mit leidenschaftlichem Nachdruck; er verlangte, daß Konzil und Papst endlich offiziell den Kaiser excommuniciren sollten. Wenigstens erreichte er, daß das Konzil seine Zustimmung zu den von K. und dessen Freunden gethanen Schritten gab, also indirect die Excommunication des Kaisers bestätigte. Indeß ruhte K. nicht. Anfangs 1117 ging er wieder als Legat nach Frankreich, speziell beauftragt, statt des abgesetzten kaiserlich gesinnten Bischofs von Metz einen Anhänger der Kurie wählen zu lassen – ein gefahrvoller Auftrag schon deshalb, weil die Kaiserlichen alle Wege von Italien sorgfältig bewachten, so daß er sich verkleidet, in abenteuerlicher Wanderung bis nach Rheims durchschleichen mußte, Noch mißlicher war es, den Auftrag auszuführen, da sich Metz ganz in der Hand der Kaiserlichen befand; und auch nachdem die Wahl mit vieler List heimlich vollzogen war, ergab sich die Schwierigkeit, daß der Erwählte, ein bejahrter Abt aus dem Schwarzwald, den gefährlichen Posten durchaus nicht übernehmen wollte. Da zeigte sich die rücksichtslose Energie Kuno’s in charakteristischer Weise. Wir besitzen mehrere seiner Briefe in dieser Angelegenheit, und es ist ganz als ob wir die eiserne Sprache Gregors VII. hören, wenn er den Abt an das Beispiel der Märtyrer mahnt, die für das Heil der Kirche keine Todesgefahr gescheut haben, und wenn er ihm nur die Wahl zwischen Annahme und Suspension läßt. Vor solcher Energie beugte sich freilich der Widerstand. Als K. in dieser Zeit die Erhebung des Gelasius nach Paschalis Tode erfuhr, befürchtete er nebst anderen Gesinnungsgenossen zuerst, dieser möchte sich nachgiebig gegen Heinrich erweisen, und ein Bedauern, nicht an des Papstes Stelle zu sein, scheint den kampfesmuthigen Mann ergriffen zu haben; allein er war völlig zufrieden, da Gelasius sich unerwartet fest zeigte, ja sogar den Kaiser excommunicirte und K. den Auftrag gab, dies allerorten zu verkünden, den Kampf gegen den Kaiser mit allen Mitteln zu erneuern. Kaum bedurfte es solcher Aufforderung. Zu Köln am 19. Mai, zu Fritzlar am 28. Juli 1118 hielt K. Synoden, auf denen er den Klerus Deutschlands um die Fahne der Kurie sammelte, die Opposition gegen das Kaiserthum vereinigte und bestärkte. Interessant ist es, daß auf dem letztgenannten Concil Norbert, der bald als Stifter von Prémontré und als Erzbischof von Magdeburg so berühmt werden sollte, vor K. vorgeladen erschien, um sich wegen einiger verdächtiger Aeußerungen in seinen Predigten zu verantworten. Derselbe wurde straflos entlassen – vielleicht spürte K. die Geistesverwandtschaft, die in der That zwischen ihnen beiden bestand, und die sich auch darin zeigte, daß K. gegen den Subjektivismus eines Philosophen, wie Abälard, gerade wie Norbert, eingenommen war und denselben bekämpfte, indem er dessen incriminirtes Buch über die Dreieinigkeit im J. 1120 durch eine Synode verdammen, den Autor zur Internirung in ein Kloster verurtheilen ließ. Mit dem Tode des Papstes Gelasius, der in Frankreich erfolgte wo der Papst als Flüchtling verweilte, Anfangs des J. 1119, trat ein Wendepunkt in Kuno’s [388] Leben ein. Ihm selbst wollte der Papst, an dessen Sterbebett in Clugny er stand, die Tiara übertragen; doch er lehnte das ab – gewiß nicht aus Zaghaftigkeit oder falscher Bescheidenheit, sondern in der Einsicht, der sich auch der Sterbende und die übrigen Kardinäle nicht verschließen konnten, daß in jenem Moment ein Mann mit bedeutenden Machtmitteln und weltlichen Verbindungen nöthig sei, um den Kampf gegen das mächtige Kaiserthum fortführen zu können. Ausdrücklich dieses Grundes wegen lenkte K. die Wahl auf seinen langjährigen Mitkämpfer Guido von Vienne. Mit diesem, der als Papst Calixt II. genannt wurde, war die Partei, welche bis dahin an zweiter Stelle die Kurie zu beherrschen und zur Aktion zu treiben bestrebt war, selbst zur Herrschaft gelangt. Es ist daher erklärlich, daß K. nun nicht mehr so selbständig aufzutreten Gelegenheit und Anlaß fand, wie unter den schwächeren Vorgängern Calixt’s. Wir wissen nur, daß er den neuen Papst auf dessen Reisen und Synoden in Frankreich begleitete, dann mit ihm nach Italien zog. Es wiederholte sich bald auch hier die so häufige Erscheinung, daß treibende Parteien, wenn sie ans Ruder gelangen, sich zur Mäßigung genöthigt sehen: gerade dieser Calixt II., eben weil er politische Gaben und weitverzweigte weltliche Verbindungen besaß, war berufen, den langen Kampf mit dem Kaiserthum beizulegen und Frieden zu schließen. K. erlebte diesen Friedensschluß, das Wormser Concordat, freilich nicht mehr: kurz vorher, am 9. August 1122, ist er, wahrscheinlich zu Präneste, gestorben. Der Kampf, den er zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, ist nicht als ein vergeblicher zu bezeichnen, denn man weiß, daß das Wormser Concordat keine dauernde Verleugnung der Gregorianischen Ideen bewirken konnte.

Vgl. Gustav Schoene, Kardinallegat Kuno, Bischof von Präneste, Weimar 1857; W. v. Giesebrecht’s Geschichte der deutschen Kaiserzeit, Bd. 3 Th. 2.