ADB:Leichhardt, Ludwig

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Artikel „Leichhardt, Ludwig“ von Friedrich Ratzel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 210–214, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Leichhardt,_Ludwig&oldid=- (Version vom 17. September 2019, 10:22 Uhr UTC)
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Leichhardt: Ludwig L., hervorragender Naturforscher und Australienreisender, wurde am 23. Octbr. 1813 zu Trebatsch in der Mark Brandenburg als Sohn eines Torfinspectors geboren, wuchs als Glied einer zahlreichen Familie in den beschränkten Verhältnissen eines kleinstädtischen Mittelstandes, aber zugleich unter dem Einflusse einer arbeitsamen, nach Bildung ringenden Umgebung auf. Die Einfachheit und Anspruchslosigkeit, die Fähigkeit zu ertragen, der Wissensdrang und nicht zuletzt die Religiosität, welche in so hohem Grade ihn in seinem späteren Leben auszeichneten und den Grund zu so großen Leistungen legten, sie gehören zu den Erbtheilen seines elterlichen Hauses. Seine Mutter war ein hervorragender Charakter und ihr stand der Sohn durch seine Geistes- und Gemüthsanlage besonders nahe. Nach Absolvirung des Gymnasiums zu Cottbus bezog L. im Herbst 1833 die Universität Göttingen, die er im Herbste 1834 mit Berlin vertauschte. In Göttingen hatte er erst Philologie studirt, wandte sich aber schon am Ende des ersten Semesters den Naturwissenschaften zu und siedelte nach einem Jahre nach Berlin über, wo er bis 1837 naturwissenschaftlichen, besonders geologischen und medizinischen Studien oblag. Durch die Freundschaft eines jungen Engländers, William Nicholson, wurde ihm darauf die Möglichkeit geboten, sich Jahre hindurch in London, Paris und Italien weiter in jener Richtung auszubilden, welche schon in den ersten Studienjahren ihm als die wünschenswertheste erschienen war, nämlich in der des Forschungsreisenden. [211] Auch wurde in diesen Reisejahren es ihm allmälig immer klarer, daß Australien das Land sei, wo ein großes Feld für geographische Entdeckungen, und gleichzeitig aber auch für wissenschaftliche Forschung jeder Gattung sich eröffne. So verließ denn L. am 1. Octbr. 1841 London, um sich nach Sydney einzuschiffen, wo er im nächsten Frühling eintraf. Sein Freund Nicholson hatte ihm auch hier die Mittel zur Reise und zur Bestreitung seiner ersten Lebensbedürfnisse geboten. L., dem dadurch die Möglichkeit gegeben war, sich in der ersten Zeit ausschließlich seinen Forschungszwecken hinzugeben, arbeitete sich von den ersten Tagen an mit Eifer und Energie in seine hohe Aufgabe ein, indem er nicht blos das vorhandene spärliche Material zur Kenntniß Australiens bewältigte, sondern vor allem auch durch eigene kleine Reisen innerhalb der Kolonie sich die Praxis des Reisens, des Umganges mit diesen besonderen Menschen und dieser eigenthümlichen Natur, des Lebens in diesem Klima aneignete. Nicht minder machte er sich mit denjenigen Männern bekannt, die sich für die Erforschung des Innern Australiens, sei es in wissenschaftlicher, sei es in praktischer Richtung interessirten und unter welchen Mc. Clear und Lynd ihn besonders anregten oder ihm besonders nahe standen. So verbrachte er das erste Jahr fast ganz in Sydney, siedelte dann nach Newcastle am Hunter über und begann von hier aus seine einsamen Reisen auf zähem Klepper, ausgerüstet mit Decke, einigen Hemden, Theetopf, Thee und Zucker und einigen leicht tragbaren wissenschaftlichen Instrumenten. Vorzüglich die Geologie des Landes bildete hier den Gegenstand seiner Forschungen. Allmälig dehnte er seine Ausflüge weiter aus, endlich bis nach Moreton Bai, von wo er Anfangs 1843 schreiben konnte: „Ich habe nun sehr große Reisen in dieser Colonie vollendet, ich habe Vieles gesehen und Manches gelitten“. So verflossen die ersten 3 Jahre seines australischen Aufenthaltes als wahre Lehrjahre. L. vereinigte am Ende derselben alle Eigenschaften, welche man von einem Forschungsreisenden fordern wird, vor allem Vertrautheit mit der Natur des Landes, daher gesteigerte Beobachtungsgabe, Vertrautheit mit seinem Klima, seinen Entbehrungen, theilweise auch mit seinen Bewohnern. Und was ebensoviel ist, er hatte sich das Vertrauen der gebildeten Kreise der Colonie in solchem Maße gewonnen, daß man ihm, dem fremd und freundlos gekommenen, nach Ablauf dieser vor Aller Augen abgelegten Probezeit die Führung einer Expedition übertrug, wo Vorgänger wie Sturt und Eyre und Mitstrebende wie Sir Thomas Mitchell auf dem Plane waren. Nichts spricht deutlicher für ihn als die reiche und allseitige Unterstützung, welche er fand, als er im Sommer 1844 mit dem Plane hervortrat, eine Forschungsexpedition von der Moreton-Bai an der Ostküste nach Port Essington an der Nordküste zu führen. Noch Ende August war er im Stande, Brisbane mit 8 Begleitern, 15 Pferden und einer Anzahl Ochsen zu verlassen und die Reise anzutreten. Er hat später seine Vorbereitung und Stellung zu derselben in sehr offenen Worten in der Einleitung zu seiner 1847 erschienenen Reisebeschreibung gekennzeichnet: „Ich hoffe, meine Leser glauben an meine Aufrichtigkeit, wenn ich sage, daß ich die Schwierigkeiten für groß und zahlreich hielt, größer sogar, als sie sich dann herausstellten. Aber während meiner Reisen durch die Sqattingdistricte hatte ich mich derart an ein vergleichsweise wildes Leben gewöhnt und hatte die Sitten der Eingeborenen so genau beobachtet, daß ich fühlte, es würden die einzigen wirklichen Schwierigkeiten, denen ich begegnen könnte, nur von localer Art sein. Und ich war überzeugt, daß bei vorsichtigem Vorgehen unter beständigen Aufklärungen nach vorwärts und seitwärts unseres Weges, ich fähig sein würde, meine Gesellschaft durch eine grasreiche und wohlbewässerte Gegend zu führen; und war ferner überzeugt, daß, wenn die Reise einmal begonnen sei, sie nur mit unserer Ankunft in Pt. Essington endigen werde“. Die [212] Reise hat Leichhardt’s Voraussicht nur bestätigt. Wenn auch die 2000 englischen Meilen, welche zu durchmessen waren, in erst 16 Monaten, statt wie L. geglaubt, in 5–6 zurückgelegt wurden, wenn auch der größte Theil der Sammlungen zurückgelassen werden mußte, so erreichte die Expedition mit Ausnahme eines Einzigen, der bei einem feindlichen Angriff getödtet worden war, des Ornithologen Gilbert, ihr Ziel und hatte sogar noch soviel Vorräthe, daß sie selbst weiter hätte gehen können. Nicht körperlich, sondern moralisch leidend, kam L. in Pt. Essington an, nicht durch die Strapazen der Reise, sondern durch das Benehmen seiner Gefährten herabgestimmt, in deren Auswahl der Idealist bei dieser so wenig wie bei den beiden folgenden Expeditionen glücklich gewesen war. Man darf diesen Punkt hervorheben, da vor allem Leichhardt’s letzte Unternehmung wol hauptsächlich auch an dem ungenügenden Menschenmaterial seiner Gesellschaft zu Grunde ging. Aber der Empfang, den L. Anfangs 1846 in Sydney fand, wohin er sich zu Schiffe begab, ließ all’ dies Ungemach vergessen. Er wurde als zurückkehrender Held, als längst aufgegebener Verlorengeglaubter mit Enthusiasmus aufgenommen und sein Name war einer der populärsten in der Colonie. Für seine künftigen Pläne war es aber am wichtigsten, daß man in Anerkennung seiner großen Leistung ihm aus Colonialmitteln 600 und aus dem Ertrage einer öffentlichen Sammlung 854 Pfund anbot, welche er in dem Gefühle annahm, sich in kürzester Frist durch eine neue gefährlichere Reise, nämlich von der Ostküste nach der Mündung des Schwanenflusses dankbar erweisen zu können. Was aber diese erste Expedition immer denkwürdig erscheinen lassen wird, das ist, daß sie die erste gelungene Reise von der Ost- zur Nordküste darstellt und daß L. auf derselben ein wissenschaftliches, vielseitiges und besonnenes Forschen entfaltete, dessen die großen Pioniere vom Schlage Sturt’s und Eyre’s nicht fähig gewesen waren. Das fühlte man nicht blos in der Colonie durch, daß hier eine viel besser fundirte, eindringendere, und damit fruchtbarere Arbeit vorliege, sondern in weiteren Kreisen erkannte man das Ungewöhnliche dieser Leistung an, wofür die Verleihung der goldenen Denkmünzen seitens der Londoner und der Pariser Geographischen Gesellschaft im J. 1846 bezw. 1847 Zeugniß ablegte. Man mag sagen, daß in dem Enthusiasmus der Colonisten materielle Interessen mit wirksam waren, die ja in diesen jungen Gesellschaften in alles gemischt werden, insofern der Bericht Leichhardt’s einen wesentlich günstigeren, der Colonisation förderlicheren Zustand des Landes, wenigstens nördlich vom Wendekreis, kennen gelehrt hatte, als man ihn für das ganze Innere Australiens nach den sehr trüben Ergebnissen der Forschungen seiner Vorgänger angenommen hatte. Leichhardt’s Reise warf ein großes Gewicht in die Wagschale der günstigeren Beurtheilung der Kulturfähigkeit Australiens. Aber man vergesse nicht, wie verhältnißmäßig glücklich er sein Unternehmen durchgeführt hatte, und welches helle Licht dies auf seine Umsicht werfen mußte. Endlich darf betont werden, daß, wenn auch der Bericht dieser Reise „Journal of an Overland Expedition in Australia from Moreton Bay to Port Essington“ (London) in der hastigen Pause zwischen dieser und der folgenden Expedition abgefaßt werden mußte, und wenn auch daher derselbe keinen Anspruch darauf erheben kann, ein litterarisches Kunstwerk zu sein, es doch eines der inhaltreichsten und belehrendsten Werke in der nachgerade reichen australischen Reiselitteratur darstellt. L. verwandte die Summen, die ihm als Belohnung zuerkannt worden waren, zur Ausrüstung einer zweiten Expedition, welche im December 1846 vom Condaminefluß aus westwärts ins Innere des Continentes vordringen und erst am Schwanenflusse endigen sollte, jedoch nach einer Fülle von Widerwärtigkeiten und Unfällen aller Art, schon nach einigen Monaten ergebnißlos abschloß. L. schrieb die Schuld am Mißlingen theils der mangelnden Uebung [213] und Ausdauer seiner Gefährten, vor allem aber den Krankheiten zu, welche fast vom Aufbruche an die Gesellschaft heimsuchten. Auch die etwas schwerfällige Ausrüstung mit einer großen Herde Schlachtvieh, welche eine allzureichliche Fleischnahrung gestattete, mag ungünstig gewirkt haben. Genug, L. selbst schrieb nach dieser Expedition in die Heimath: Erschöpft von Krankheit, mit unzufriedenen Gefährten, sah ich mich gezwungen, selbst ehe ich noch in unbekannte Gegenden eindrang, umzukehren. Man begreift und bedauert zugleich, daß L. nichts über diese Reise veröffentlicht hat. Der einzige Bericht darüber, den Zuchold merkwürdigerweise in seiner biographischen Skizze über L. wörtlich abgedruckt hat, ist von einem seiner unzufriedenen Gefährten verfaßt und entstellt Leichhardt’s Charakter in böswilliger Weise. L. ging unentmuthigt, wenn auch mit tief erschütterter Gesundheit daran, eine dritte Expedition auszurüsten, die, 7 Männer (darunter den Deutschen Classen), 7 Pferde, 20 Maulthiere und 50 Rinder stark, im Februar 1848 von den Darling Downs aufbrach, um westwärts mit nördlicher Umgehung der von Sturt entdeckten bezw. angenommenen „Großen Wüste des Innern“ ins Herz des Continentes und hinüber an die Westküste vorzudringen, wo er auch dieses Mal sich die Mündung des Schwanenflusses zum Ziel setzte. Er nahm 2½-3 Jahre als die Dauer der Reise an. Die letzte Nachricht ließ L. von Macphersons Station (Cogoon) am 3. April 1848 nach Sydney gelangen. Seit dieser Zeit vernahm man nichts mehr von ihm. Als Ende 1851 die äußerste Frist von 3 Jahren verstrichen war, ohne daß die geringste Nachricht von der Expedition verlautet hätte, wurde im Anfang des nächsten Jahres unter H. Hely, Leichhardt’s Gefährten auf der zweiten Reise, eine Aufsuchungs-Expedition ausgesandt, welche ohne bestimmtes Ergebniß nach 5 Monaten zurückkehrte. Sie hatte am Alicefluß die letzten Spuren der Verschollenen gefunden. Ohne alle Ergebnisse blieben die 1855, 1856 und 1858 von A. C. Gregory, 1865 von Mc. Intyre geführten Aufsuchungs-Expeditionen, und ebensowenig haben die Stuart’schen Durchkreuzungen des Continentes und die Telegraphen-Expeditionen auch nur ungefähr die Stelle errathen lassen, wo Leichhardt’s Expedition, wie schon damals nicht mehr zweifelhaft sein konnte, zu Grunde gegangen war. Zwar traten mehrmals Leute auf, die behaupteten, Nachrichten über L. vernommen und selbst Ausrüstungsgegenstände seiner Expedition gefunden zu haben. Wahrscheinlich war nicht alles Lüge, was sie berichteten, aber weder Hume, noch Skuthorpe, noch die Anderen scheinen ganz bei der Wahrheit geblieben zu sein und es ist nun wenig Hoffnung mehr auf endgültige Aufklärung dieser Tragödie vorhanden. Das Einzige, was man heute sicher sagen kann, ist: die Expedition ist umgekommen, noch ehe sie den heutigen Weg des Ueberland-Telegraphen westwärts gehend, überschritten. Ueber den vermuthlichen bestimmten Ort hat sich Dr. Neumayer im Anhang zu Dr. L. Leichhardt’s Briefen (1881), wie uns scheint, am zutreffendsten ausgesprochen. Diese Tragödie hat den Namen Leichhardt’s mit der Strahlenkrone des Märtyrers umgeben und ihn zu einem der öftest genannten in der Entdeckungsgeschichte unserer Zeit gemacht; aber bei der Art, wie L. in seine Laufbahn eingetreten war, bei der Fülle der Befähigung zum Entdeckungsreisenden, welche seine erste große Expedition offenbarte, können wir sagen, auch ohne diese traurige Umstrahlung würde dieser theure Name für alle Zeit unvergänglich in die Annalen der Erdkunde eingegraben sein. Auch wenn gar nicht mehr von den Ergebnissen seiner letzten Reise verlauten sollte, wird L. als kühner, vielleicht nur zu kühner Reisender, als hochgebildeter Forscher, als trefflicher Beobachter, als idealer Förderer menschlichen Wissens eine der hervorragenden Charaktergestalten in der Geschichte der Entdeckungen bilden. Und dazu lassen die „Briefe an seine Angehörigen“ (1881) ihn als einen Mann von ebenso edelm als unbeugsamen [214] Charakter erkennen. Es sind die Kehrseiten dieser schönen Eigenschaften: allzu stürmisches, begeistertes Vorgehen, das vielleicht nicht immer die Unzulänglichkeit der Mittel gehörig in Betracht zog, geringe Fähigkeit, Menschen niedrigerer Ordnung sich anzubequemen, endlich Rücksichtslosigkeit gegen den eigenen, nicht übermäßig starken Körper, welche dem Fortschritt dieses seltenen Mannes zu seinem hohen Ziele so frühzeitig ein Ziel setzten.

E. A. Zuchold, Dr. Ludwig Leichhardt, 1856. G. Neumayer und O. Leichhardt, Dr. Ludwig L.’s Briefe an seine Angehörigen. Mit Anhang: Dr. Ludwig Leichhardt als Naturforscher und Entdeckungsreisender, 1881. Beide mit Bildnissen.