ADB:Lichtenstein, Karl

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Artikel „Lichtenstein, Karl“ von Paul Beck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 554–556, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lichtenstein,_Karl&oldid=- (Version vom 27. November 2020, 09:24 Uhr UTC)
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Lichtenstein: Karl L., hervorragender kathol. Weltgeistlicher, geb. den 25. August 1816 zu Zeil im württembergischen Allgäu, † am 11. Jan. 1866 in Weingarten in württembergisch Oberschwaben, besuchte nach der üblichen Vorbildung die Landesuniversität Tübingen, berechtigte schon als Student durch [555] Talent und Fleiß zu den schönsten Hoffnungen, trug auch 1837 den Preis der katholisch-theologischen Facultät davon und wurde 1839 zum Priester geweiht. Nach einem kurzen Vicariatsleben, welches ihn u. A. auch nach Stuttgart führte, wurde er Hofkaplan und Hofmeister bei den Söhnen des Fürsten Constantin von Waldburg-Zeil-Trauchburg, des nachmals unter dem Namen des „Schloßbauern von Zeil“ bekannt gewordenen oberschwäbischen Torys. Als solcher machte er mit seinen Zöglingen weite Reisen, so nach Belgien, Frankreich und, dabei auch mit gewichtigen Empfehlungen versehen, einflußreiche Bekanntschaften; er hatte hier alle Gelegenheit, sich jene weltmännische Bildung zu eigen zu machen, die ihm in glücklicher Verbindung mit einem imponirenden Aeußeren im Verkehr mit Hochstehenden so wohl anstand, wie er andererseits mit dem Manne aus dem Volk liebreich und leutselig umzugehen wußte. Zwischenhinein hatte der junge Priester bereits einen ehrenvollen Ruf als Professor an die neugegründete katholisch-theologische Fakultät der Universität Gießen erhalten, welchen er ablehnen zu sollen glaubte. – Nicht lange darauf wurde sein und seines Herrn Name mit einer fulminanten Flugschrift in Verbindung gebracht, welche unter dem Namen des „Alten vom Berge“, wie eine Bombe in das Lager der hauptsächlich auf der katholischen Kirche Württembergs lastenden Schlayer’schen Bureaukratie einschlug. Den Bewegungen des J. 1848 konnte natürlich eine so erregbare Natur wie L. nicht ferne bleiben. Die Sehnsucht nach der Einigung Deutschlands zu einem freien Reiche unter einem Kaiser blieb ihm, auch als Hoffnung auf Hoffnung scheiterte, bis in seine letzten Tage. – Mittlerweile hatte er seine Aufgabe als Erzieher der Fürstensöhne gelöst. Die um jene Zeit immer lauter werdenden und nicht ohne Absicht vornehmlich an seine Adresse gerichteten Wünsche nach einer katholischen Lehr- und Erziehungsanstalt in Südwestdeutschland kamen ihm daher nicht ungelegen; und so gründete er denn 1849 im Vereine mit anderen namhaften Kräften, wie dem sanften Franz Schreiber etc. ein solches Institut in dem gesund und schön in den Allgäuer Vorbergen gelegenen Neutrauchburg bei Isny, welches in verhältnißmäßig kurzer Zeit einen raschen Aufschwung nahm und nachgerade einen Zuzug aus beinahe aller Herren Länder, bis aus dem fernen Spanien, insbesondere aus aristokratischen Kreisen erhielt. L. war aber auch, von seiner hohen Aufgabe ganz eingenommen, mit Eifer und ohne Rast ans Werk gegangen und hatte sich alsbald in den Beruf eines Pädagogen und Philologen vollständig gefunden, wenn er auch dann und wann etwas zu rasch verfahren sein mag. Mitten in der schönsten Blüthe wurde die Anstalt im Herbst 1856 in Folge eines Zerwürfnisses mit dem Fürsten Zeil, dem Eigenthümer der hierzu überlassenen Gebäulichkeiten, aber auch um der im selben Herbste ins Leben gerufenen Jesuitenanstalt zu Feldkirch Platz zu machen, aufgehoben. L. ging jetzt abermals auf Reisen, nach Italien, England etc., kehrte 1858 etwas weltmüde und um viele Erfahrungen reicher heim und trat in den württembergischen Kirchendienst zurück, fest entschlossen, fortan nur seinem Priesterberufe zu leben. Allein es sollte anders kommen. 1860 wurde er auf die Pfarrei Weingarten und nicht lange hernach zur Dekanatswürde berufen; als man ihn bald darauf auch für das politische Leben, in dessen Kämpfe Kirche und Schule hineingezogen wurden, begehrte, konnte er diesem Rufe nicht widerstehen und ließ sich 1862 zum Landtagsabgeordneten für den Oberamtsbezirk Gmünd nach heftigem Wahlkampf wählen. In der Abgeordnetenkammer gehörte er der großdeutschen Richtung mit ausgeprägter katholischer und österreichischer Färbung an; bald trat die schleswig-holsteinische Frage, in welcher, wie er gar wohl erkannte, die deutsche gipfelte, heran und brachte sein patriotisches Blut mächtig zum Wallen. Für [556] seine Kirche, für welche er eine glühende Begeisterung hegte, trat er stets mannhaft ein; er wünschte sie insbesondere frei und unabhängig von Staatsbeeinflussungen, selbst auf die Gefahr hin einer Trennung der Kirche vom Staat; in Fragen aber, welche von seiner Confession unberührt blieben, stimmte er, dem Zuge seines Herzens folgend und unbekümmert um das Gerede der Leute mit der freisinnigen Partei, so z. B. auch für die Freigebung der Ehe zwischen Juden und Christen. Uebrigens fühlte er sich im Abgeordnetenhause nie besonders wohl, die Schranken des Parlamentarismus waren eben für sein feuriges Temperament nicht weit genug; und dann konnte er sich auch mit dem übermächtigen spezifischen Altwürttembergerthum nie recht befreunden. Sein politisches Wirken sollte nicht von langer Dauer sein; bald stellten sich die Anzeigen eines bösen Leidens ein; nachdem er noch das Jahr zuvor eine Operation heroisch überstanden, starb er kurz nach dem Anbruch des Jahres 1866 unter trüben Ahnungen für die Zukunft in den besten Jahren seiner Kraft, weithin von ganz Oberschwaben vielbetrauert. L. war eine männlich schöne Erscheinung mit ausdrucksvollem Gesicht und leuchtenden Augen, ein mächtiger Meister der Rede, dem ein wohlklingendes fast dialectloses Organ und angemessene Gestikulation zur Seite stand – mehr übrigens Kanzel- und Volks-, als Parlamentsredner. Er sprach schlagfertig, schwungvoll zündend, oft ergreifend, ja erschütternd, wir sagen nicht zu viel, wenn wir ihn für den besten katholischen Kanzelredner seiner Zeit in Württemberg erklären. Dazu kam noch gründliche theologische Gelehrsamkeit, lebendige Glaubensstärke, ein heiliger Eifer, heller Blick, praktischer Verstand, streng sittlicher Charakter voll Verachtung gegen alles Gemeine, voll Begeisterung für alles Edle. – Sein bewegtes Leben hat ihm abgesehen von einigen in früherer Zeit in der Tübinger theologischen Quartalschrift erschienenen Abhandlungen, keine Zeit zu litterarischen Arbeiten gelassen. – Selbst aus dem Volke hervorgegangen – schlug sein Herz warm für des Volkes Wohl. Die kirchliche Partei verlor in ihm einen ihrer begabtesten Führer; viele glaubten ihn für die Zukunft zu etwas Höherem berufen; sein Lebenslauf ist ein bedeutendes, aber unvollendetes Bruchstück. Ein gutes Bildniß von L. wurde durch Jos. Resch gezeichnet und lithographirt und bei J. B. Kuhn in München 1856 gedruckt.