ADB:Moll, Karl Bernhard

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Artikel „Moll, Karl Bernhard“ von Karl Alfred von Hase in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 22 (1885), S. 115–117, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Moll,_Karl_Bernhard&oldid=2502343 (Version vom 28. März 2017, 13:54 Uhr UTC)
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Moll: Karl Bernhard M., Dr. theol., Oberhofprediger und Generalsuperintendent der Provinzen Ost- und Westpreußen, geb. am 20. November 1806 zu Wolgast in Vorpommern, einziger Sohn eines Malers, besuchte das Gymnasium in Stettin, studirte 1825–28 zu Greifswald und Berlin, wo Hegel und Schleiermacher in ihm die Vorliebe für speculative Theologie erweckten, während doch sein religiöses Gemüth rang, aus der Hegel’schen Dialektik zur Philosophie der Offenbarung hindurchzudringen. Nach kurzer Hauslehrerzeit trat er 1830 in das geistliche Amt als Prediger an der Strafanstalt zu Naugard; 1834 wurde er Pfarrer im Dorf Löcknitz mit zwei Filialen unweit Stettin; 1845 in Folge eines hervorragenden Referats in der Provinzialsynode über die Vermehrung der seelsorgerischen Kräfte, durch welches er die Aufmerksamkeit des Bischofs Ritschel erregte, erster Pfarrer an St. Petri in Stettin, wo er als Prediger großen Erfolg hatte. Als im Revolutionsjahr 1848 eine aufrührerische Schaar von Schiffszimmerleuten aus seiner vorstädtischen Gemeinde gegen Stettin heranrückte und der Commandant die Thore schließen und Generalmarsch schlagen ließ, ging M. muthig vor das Thor, beschwichtigte mit seinem Wort den Aufruhr und verhütete Blutvergießen, eine That, für welche der König ihm den Hohenzollern’schen Hausorden verlieh. Eine Reihe wissenschaftlicher Abhandlungen veranlaßte seine Berufung 1850 als ordentlicher Professor der Theologie nach Halle, wozu 1853 auch das Oberpfarramt an der St. Ulrichskirche daselbst kam. 1857–58 war M. Rector der Universität. Nachdem er eine Berufung als Generalsuperintendent der Provinz Sachsen abgelehnt hatte, übernahm er, den dringenden Vorstellungen des evangelischen Oberkirchenraths folgend, 1860 die Generalsuperintendentur der Provinz Preußen mit dem Wohnsitz in Königsberg. Aus Anlaß der Krönung König Wilhelms am 18. October 1861 in der Schloßkirche zu Königsberg wurde er zum Oberhofprediger ernannt. Sein Amt als Generalsuperintendent der größten Provinz der Monarchie hat er 18 Jahre lang mit vielem Segen verwaltet. Er starb am 17. August 1878. Was ihn auszeichnete, war die Verbindung theologischer Gelehrsamkeit mit den Gaben des geistlichen Amts in einer ächt christlichen Persönlichkeit. Er würde als Christ derselbe gewesen sein, auch wenn er kein Geistlicher gewesen wäre. Moll’s Erstlingsschrift war eine Streitschrift über „Confession und Union“ gegen Pastor Nagel, ein Haupt der altlutherischen Separation in Pommern. Aus seinen Erfahrungen als Strafanstaltsprediger erwuchs die Schrift: „Die Besserung der Strafgefangenen“, 1841. – Mehr noch wurde Moll’s Name bekannt durch seine Schrift: „Die gegenwärtige Noth der evangelischen Kirche Preußens, deren Ursachen und die Mittel zu ihrer Abhilfe“, 1843. Mehrere Jahre gab er ein Kirchenblatt für Pommern heraus, in welchem er größere, zum Theil dogmatische [116] Abhandlungen veröffentlichte, unter andern: „Ueber die Unterscheidung und Verbindung des Göttlichen und Menschlichen in Schrift- und Kirchenlehre, ein Beitrag zur Inspirationslehre“; „Die Entwickelungsgeschichte des christlichen Glaubens und ihre Hauptwendungen“; „Die gegenwärtige Lage der evangelischen Kirche in Preußen und die daraus entspringende Aufgabe“; „Kirchliche Rundschau“; „Aug. Henry Layard: Niniveh und seine Ueberreste“. In Halle erschien 1853 sein „System der praktischen Theologie im Grundrisse dargestellt“, eine nicht umfangreiche, aber gelehrte geistvolle Schrift, die ins Holländische übersetzt worden ist. Aus dieser Zeit in Halle stammen die Programme: „de justo attributorum Dei discrimine“, 1855 und „Christologiae in ep. ad Hebraeos scripta propositae pars I. II. III.“ In Halle sind auch die beiden einzigen Predigtsammlungen Moll’s erschienen: „Das Heil in Christo“, 1852 und „Zeugnisse vom Leben in Christo“, 1856, von einem Gemeindeglied, da M. stets frei sprach und ohne daß dieser es wußte, nachgeschrieben und von ihm nur zum Druck vorbereitet. Die Macht der Rede, entsprungen aus dem ihm eigenthümlichen Tiefsinn und der Unmittelbarkeit entstehender Gedanken, verbunden mit hoher Begeisterung für seinen Heiland, ist ihm geblieben bis zu seiner letzten Predigt am Pfingstfest 1878 in der Schloßkirche zu Königsberg bei der Bußfeier nach dem Attentat auf den Kaiser. Seine letzten größeren Arbeiten waren exegetische mit praktischer Tendenz, die Erklärungen des Hebräerbriefs 1861 und des Psalters 1869 im Lange’schen Bibelwerk, deren erstere rasch drei Auflagen erlebte; beide wurden ins Englische übersetzt. Nebenher ging eine größere Anzahl von Vorträgen in Pastoralconferenzen und vor Gebildeten, z. B. in Berlin 1859 „über die Versuchung Christi“, im Stadtverein für innere Mission in Königsberg: „über die sociale Frage der Gegenwart“, 1872, sowie eine große Zahl theologischer Abhandlungen und Recensionen in den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik, der kirchlichen Zeitschrift von Längerich und in der Neuen Evangelischen Kirchenzeitung. Als Mitarbeiter an dem sogenannten „Piper’schen Kalender“ hat er über „die Verklärung Christi“, „Apostel Philippus“, „Bischof Basilius“ und „Johann Wessel“ Beiträge geliefert. In den letzten Jahren arbeitete er an einer Dogmatik, in welcher er seine christliche Gesammtanschauung, sein Glaubensbekenntniß wissenschaftlich zusammenfassend, darlegen wollte; die Ausführung oder doch der Abschluß ist durch seinen Tod verhindert worden. Wie Wenige ist M. in die Tiefen der heiligen Schrift eingedrungen; aber nicht nur um gelehrte Forschungen war es ihm zu thun, sondern um die Heilsgedanken Gottes; alle seine Schrifterkenntniß sollte dem christlichen Leben und dem geistlichen Amte zu gut kommen. Für die Schwierigkeiten seiner amtlichen Stellung, welche hauptsächlich in der Ausdehnung der damals durch Eisenbahnen noch wenig durchzogenen Kirchenprovinz und in ihrer an das geistliche Amt große Anforderungen machenden, zum Theil nur littauisch, zum Theil masurisch-polnisch redenden Bevölkerung lagen, reichten Moll’s körperliche Kräfte in den letzten Jahren nicht völlig aus. Dazu kam, daß seine innerlich gerichtete Natur, sowie seine edle Demuth, ein Hinaustreten in die Oeffentlichkeit zumal in den späteren Jahren mehr scheute als suchte. Andrerseits litt er selbst unter dem Gefühl, der großen Zahl der seiner oberhirtlichen Leitung anvertrauten Gemeinden und Geistlichen nicht öfter persönlich nahe zu treten. Die Art und Weise, wie bei der Berathung des Cultusetats im J. 1874 der Minister Falk die Nothwendigkeit, in Königsberg einen juristisch gebildeten Consistorialpräsidenten anzustellen, begründete, war für M., der seit dem Tode des Oberpräsidenten Eichmann fünf Jahre lang in Gemeinschaft mit dem ersten juristischen Rath die Präsidialgeschäfte des Consistoriums verwaltet hatte, eine Kränkung, die der verdiente Mann still getragen hat, ohne um persönlicher Verstimmung willen aus dem [117] Amt zu scheiden. Obwol ein bibelgläubiger Theolog, war er als aufrichtiger Freund der Union der neuerdings erstarkenden confessionellen Richtung in der preußischen Landeskirche abhold. In der Generalsynode gehörte er der Mittelpartei an. In kirchlichen Versammlungen verhältnißmäßig selten das Wort ergreifend, sprach er sich in einer der letzten, der er beiwohnte, mit Mannesmuth gegen alles Schwanken unter dem Einfluß kirchlicher Zeitströmungen aus. Bei allen äußeren Ehren, die ihm in seiner hohen kirchlichen Stellung zu Theil wurden, gedachte er oft fast mit Heimweh an die Jahre seiner akademischen Thätigkeit in Halle. – Von Gestalt war M. klein und schwächlich, im Alter etwas verwachsen; sein tief durchfurchtes Gesicht beherrschten die großen, oft traurig blickenden Augen; ähnlich dem Apostel Paulus, Philipp Melanchthon und Schleiermacher, denen er auch geistig verwandt war, hatte er in zartem Körper eine große Seele. Sobald er sprach, war es, als wüchse seine Gestalt. War sein feinempfindendes sittliches Bewußtsein verletzt, so äußerte er dies mit einer Heftigkeit, die an dem sonst als mild geartet geltenden Mann überraschte. Frau und Kinder, wie Kindeskinder verehrten in ihm das Haupt der Familie. Am Tage vor seinem Tode ließ er sich noch einmal an das Fenster führen, um sich an der ihm besonders lieben Aussicht über die Pregelniederung zu freuen und sprach dabei fest: „Das ist nun das letzte Mal“. Die Leichenfeier wurde ihm in der Schloßkirche gehalten; auch im Tode war nach altkirchlichem Brauch sein Angesicht der Gemeinde zugewendet. Zumal durch die große Schaar der Geistlichen ging ein Gefühl, als ob sie einen Vater verloren hätten. Sie haben ihm auf seinem Grab ein Denkmal errichtet mit dem Psalmspruch, über den er sein letztes amtliches Wort geredet hatte: „Ich will den Herrn loben allezeit“.

C. Alfred Hase.