ADB:Peter, Margaretha

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Artikel „Peter, Margaretha“ von Georg von Wyß in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 25 (1887), S. 480–481, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Peter,_Margaretha&oldid=- (Version vom 20. Juni 2019, 11:38 Uhr UTC)
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Peter: Margaretha P., geb. am 25. December 1794 in Wildenspuch, Kantons Zürich; † ebendaselbst am 15. März 1823, war die jüngste Tochter eines wohlhabenden Bauers in dem oben genannten kleinen Weiler an der zürcherisch-schaffhausischen Grenze. Geistig begabt, der Liebling des Vaters, ihm und ihren Geschwistern überlegen, gewann sie schon frühe großen Einfluß auf dieselben und wurde sich dessen wohl bewußt. Unter dem Schein der Bescheidenheit übte sie auf ihre nächste Umgebung eine Herrschaft, die ihr schmeichelte und ihr Selbstgefühl stärkte. Nach dem Confirmationsunterrichte (1811) ihrer eigenen Weiterbildung überlassen, durch nahe Verwandte in Berührung mit Herrenhutern und mit sectirerischen Kreisen gebracht, begann sie sich vorzugsweiser Beschäftigung mit religiösen Betrachtungen und der Lectüre mystischer Schriften hinzugeben, wahrte sich aber auch auf diesem Gebiete volle Selbständigkeit und erlangte hierdurch, und da sie sich geläufig und kräftig auszudrücken wußte, bei ihren Nächsten unbedingtes Zutrauen und Ansehen, für sich und ihre Anschauungen. Bald traten andere Bekannte zu dem Kreise, in dem sie galt. Sie wurde von Heilsbegierigen aufgesucht, mit Gleichgesinnten im Schaffhausischen brieflich und mündlich bekannt, von Frau von Krüdener (A. D. B. XVII, 196) bei deren Erscheinen im nahen Badischen (1817) ausgezeichnet; von einem frömmelnden Schwärmer, Vicar Ganz in Basel, mit Briefen beehrt. In Margaretha selbst, in ihrer Familie, unter ihren Freunden entstand und befestigte sich die Erwartung, daß sie zu außerordentlichen Dingen bestimmt sei. Die ungemessene Eitelkeit, die dies in ihr entfachte, und der Wahn, daß an ihrem Lehren und Thun das Heil vieler Seelen hänge, verleitete sie nun auch, ihre [481] nächste Pflicht treuen Ausharrens in der ihr von Gott angewiesenen Berufsarbeit außer Augen zu setzen. Statt dem Vater und den Geschwistern beim Betrieb der Landwirthschaft beizustehen, gab sie sich – freilich mit Zustimmung und Vorschub dieser von ihr Beherrschten – von 1821 an gänzlich nur frommscheinendem Müssiggang hin. Brieflich und mündlich und in Besuchen bei auswärtigen Freunden, zuletzt mit einer Schwester sich bei einer Handwerkerfamilie in Illnau, Kantons Zürich, für mehr als Jahresfrist einlagernd, beschäftigte sie sich nur mit Verkündung ihrer Meinungen über die wahre Lehre Christi und ihrer hochmüthigen Erwartungen von der ihr bestimmten Auszeichnung und wichtigen Aufgabe in der einstigen Vollendung seines Werkes. Die natürlichen Folgen eines solchen Verhaltens, sittlicher Fall und geistige und moralische Zerrüttung konnten nicht ausbleiben. Anfangs 1823 in’s väterliche Haus zurückgekehrt, brachte Margaretha die Ihrigen, die noch immer unbedingter Glaube an sie beherrschte, erst zu den auffallendsten Handlungen abergläubischer Thorheit, wobei, angeblich zu Vertreibung des Teufels, eine förmliche Zertrümmerung eines Theiles des Hauses begann. Und als die Polizei diesem Gebahren ein Ziel zu setzen suchte, erfolgte, ein paar Tage später, am 15. März, die blutige Katastrophe, in welcher unter Margaretha’s mitleidslosem Antriebe zuerst ihre Schwester Elisabeth freiwilligen Tod zu Rettung der Seelen ihres Vaters und Bruders unter den Streichen der Anwesenden erlitt, die sie aufs Haupt schlugen, und dann Margaretha selbst Hand an sich legte und nach ihrem beharrlichen Befehl förmlich gekreuzigt wurde, die Thäterin, ihre vertrauteste Freundin, dabei immer von Neuem antreibend und ohne je zu zucken. Für das Heil der Welt wollte sie sterben. Es ist schwer zu sagen, in welchem Maße theils wirkliche schwärmerische Erwartungen, theils das Bewußtsein eines nahen Endes ihrer bisherigen Stellung und Rolle und das Verlangen, in derselben entsprechender auffallender Weise aus der Welt zu gehen, bei Margarethens Entschlusse mitwirkten. Gewiß ist, daß ihre Schwester und die Vollstrecker ihrer Befehle bei der grausen That nur ihrer als göttliches Gebot angesehenen Aufforderung folgten, in gutem Glauben handelten und das Wiederaufleben der beiden Getödteten nach drei Tagen erwarteten. Der schreckliche Vorfall und der sich daran knüpfende Criminalproceß erregten nicht nur weit und breit das größte Aufsehen, sondern hatten auch ihre Nachwirkungen in dem Kampfe, in welchem damals eine unter der Herrschaft des absolutesten Rationalismus stehende Staatskirche mit berechtigten und mit ganz ungesunden Bestrebungen stand, die sich gegen seine ausschließliche Geltung richteten.

Quellen: Margaretha Peter, Aufsatz von Carl Pestalozzi in Herzogs Realencyclopädie für protest. Theologie, Bd XXI. 507 und die dort (in der besten Darstellung und Beurtheilung des Geschehenen) aufgezählten zahlreichen zeitgenössischen Flugschriften.