ADB:Reiter, Michael

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Reiter, Michael“ von Julius Pagel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 160–162, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reiter,_Michael&oldid=- (Version vom 16. September 2019, 23:07 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Reiter, Matthäus
Band 28 (1889), S. 160–162 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Kein Wikipedia-Artikel
(Stand Juni 2011, suchen)
GND-Nummer 138456828
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Kopiervorlage  
* {{ADB|28|160|162|Reiter, Michael|Julius Pagel|ADB:Reiter, Michael}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=138456828}}    

Reiter: Michael R., Arzt, ist als Sohn eines Krämers in Günthering, einem kleinen Dorf bei Mühldorf in Baiern, am 25. November 1802 geboren. Seine Jugendzeit gestaltete sich infolge des damals jene Gegenden verheerenden Krieges und des frühen Todes seines Vaters (an Typhus, welcher ebenso wie die Pocken, epidemisch nach dem Kriege auftrat) zu keiner erfreulichen. R. [161] besuchte von 1813–21 das Gymnasium in Salzburg, studirte anfangs dem Wunsche seiner Mutter gemäß Theologie an der Universität zu Landshut, ging aber bald zur Heilkunde über, promovirte am 29. August 1825 mit der Inaugural-Abhandlung: „Chemische Untersuchung des Trinkwassers im Landshuter Krankenhause“ und absolvirte im Jahre 1827 mit der Note „eminens“ den Staatsconcurs. Dann trat er auf kurze Zeit als Unterarzt in die Armee ein und erhielt 1828 ein Reisestipendium, das ihm einen Aufenthalt in Wien, Berlin, Paris und London bis 1830 ermöglichte. Nach seiner Rückkehr in die Heimath erhielt er eine Anstellung als functionirender Gerichtsarzt in Fürstenfeldbruck, wurde beim Ausbruch der Choleraepidemie von 1831 zum Studium derselben von der bairichen Regierung nach Oesterreich gesandt, publicrte als Resultat seiner fleißigen und verdienstvollen, in Wien, Mähren und Ungarn angestellten Beobachtungen zu Passau in März 1832 die besonders wegen der darin enthaltenen reichen Berücksichtung der objectiven und namentlich pathologisch-anatomischen Befunde sehr interessante Schrift: „Beobachtungen über die orientalische Cholera“, wurde nach seiner Rückkehr gleichfalls wieder im Auftrage der Regierung nach der nordöstlichen Grenze Baierns zum Studium beziehungsweise zur Bekämpfung einer in jenen Gegenden gerade heftig grassirenden Typhusepidemie gesandt, in welcher Eigenschaft es ihm gelang, ebenso wie später bei einer Frieselepidemie in Iffeldorf in Oberbayern, sich von allen Seiten, sowohl des kranken Publicums wie der Behörden, mit denen er in Beziehungen trat, das größte Vertrauen zu erwerben. Von Mitte 1833 fungirte darauf R. bis October 1834 als Gerichtsarzt am Landgericht München und begann hier schon seine später in größerem Maßstabe fortgesetzten so wichtig und verdienstvoll gewordenen Versuche betreffend die Impfung, deren Resultate bei den Staatsbehörden und den Impfärzten solche Anerkennung fanden, daß R., der mittlerweile als Gerichtsarzt nach Miesbach versetzt worden war, 1835 zum königl. Central-Impfarzt in München ernannt wurde. In dieser Stellung erwarb er sich das Verdienst, das früher sehr vernachlässigte Impfwesen in Baiern mit sehr großer Mühe den gesetzlichen Anordnungen gemäß zu regeln und zu verbessern. Es gelang R. auch, eine im Jahre 1851 unter dem Publicum begonnene Agitation gegen die Kuhpockenimpfung durch Belehrung in öffentlichen Blättern, durch sein sachgemäßes Verhalten, besonders durch seine ängstliche Scrupulosität und Gewissenhaftigkeit bei der Vornahme der Impfungen, die in seiner 40jährigen Impfpraxis niemals ein Unglück zur Folge hatte, zu unterdrücken. 1845 erhielt er für seine infolge eines von der Pariser Akademie der Wissenschaften 1842 ergangenen Preisausschreibens eingelieferte Arbeit über fünf wichtige Fragen aus dem Gebiete der Vaccination zwar nicht den Preis selbst, aber doch eine ehrenvolle Anerkennung. Die betreffende Arbeit ließ R. 1846 als „Beiträge zur richtigen Beurtheilung und erfolgreichen Impfung der Kuhpocken“ im eigenen Verlag erscheinen. 1872 erhielt er für eine Abhandlung über das Impfwesen den Preis von der Petersburger Akademie. Nachdem R. volle 40 Jahre als Central-Impfarzt fungirt hatte, legte er, da er sich mit verschiedenen Bestimmungen des 1874 emanirten neuen Deutschen Reichs-Impfgesetzes nicht befreunden konnte, sein Amt nieder, trat mit dem Titel eines königl. Hofraths in den wohlverdienten Ruhestand und starb am 23. December 1876. – Reiter’s Verdienste auf dem Gebiete des Impfwesen sind mannigfach. Von ihm rührt die Erfindung des sogen. „Regenerirens des Impfstoffes“ her, d. i. die Möglichkeit der Beschaffung von gutem wirksamen, origniären Impfstoff durch Ueberimpfung auf das Euter milchender Kühe. Der Nutzen dieser Erfindung bewährte sich besonders während der Pockenepidemien in den siebenziger [162] Jahren dieses Jahrhunderts. R. wußte in kaum glaublicher Menge den nöthigen Impfstoff herbeizuschaffen. Eigenhändig impfte er, obwohl 70 Jahre alt, keine Strapazen scheuende und unentgeltlich die sämmmtlichen großen Depôts der kriegsgefangenen Franzosen mit solchem Erfolge, daß bald nach den Impfungen die Blattern aufhörten, sich weiter zu verbreiten. R. sind auch mehrere Verbesserungen zu verdanken gewesen, welche die königl. bairische Staatsregierung in verschiedenen Verordnungen einführte. – R. war zweimal verheirathtet, das erste Mal 1837; doch starb ihm Frau und Kind ein Jahr später und er vermochte sich nur durch eingehendes Studium der Naturwissenschaften, besonders der Ichthyologie, vor tiefer Melancholie zu retten. 1848 heirathete er zum zweiten Male. In seinen letzten Lebensjahren hatte R. viel von der Gicht zu leiden.

Vergl. Biographisches Lexikon hervorragender Aerzte, herausgegeben von A. Hirsch. Bd. IV, S. 701.