ADB:Ruprecht, Franz Joseph

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Artikel „Ruprecht, Franz Joseph“ von Ernst Wunschmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 29 (1889), S. 748–753, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ruprecht,_Franz_Joseph&oldid=- (Version vom 23. Oktober 2019, 13:19 Uhr UTC)
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Ruprecht: Franz Joseph R., Botaniker, geboren zu Freiburg im Breisgau am 1. November 1814; zu St. Petersburg am 4. August 1870. R. verlebte die ersten Jugendjahre in Prag, wo sein Vater, ein österreichischer Armee-Intendanturbeamter, nach Beendigung der Kämpfe gegen Napoleon I. sich niedergelassen hatte. Hier absolvirte er auch das Gymnasium und studirte 1830–36 Medicin. Neben diesem Brotstudium trieb er aber ebenso eifrig Botanik, machte noch als Student Alpenreisen in Tirol und Excursionen in Böhmen, sammelte auf denselben fleißig viele Seltenheiten für Reichenbach’s Flora germanica exsiccata und legte sich ein gutes Herbarium von hauptsächlich böhmischen Pflanzen an. Am 1. August 1888 wurde er auf Grund einer Dissertation über die Gräser zum Dr. med. promovirt. Schon ein Jahr vorher machte er auf der damals in Prag tagenden Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte mit dem russischen Akademiker Trinius Bekanntschaft, der es veranlaßte, daß R. eine Berufung nach St. Petersburg als Conservator der botanischen Sammlungen erhielt. So verließ er denn, kaum nachdem er sich als praktischer Arzt niedergelassen hatte, seine Heimath und ging 1839 nach der russischen Hauptstadt. Hier that sich ihm ein seiner Arbeitskraft würdiges Feld der Thätigkeit auf. Das durch Trinius 1823 neu begründete botanische Museum der Akademie war durch zahlreiche Erwerbungen in kurzer Zeit außerordentlich bereichert worden. Aber das umfangreiche Material, das allen Theilen der Erde entstammte, war zum großen Theile ungeordnet und harrte der Bearbeitung. R. übernahm seine Aufgabe mit großer Energie und machte es möglich, daß er an demselben Tage, an dem er als Conservator officiell bestätigt wurde, bereits eine ausführliche, mit 18 Tafeln geschmückte Monographie der Bambuseae der Akademie überreichen konnte, wennschon die Studien zu dieser Arbeit noch in die Prager Zeit fallen. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten versah R. die oft undankbaren und zeitraubenden Geschäfte seines Amtes, das Ordnen, Registriren, Bezeichnen, Einschalten u. s. w. mit peinlichster Gewissenhaftigkeit und erwarb sich dadurch den Dank aller derjenigen, deren Studien die Schätze des Museums zum Gegenstande hatten. Vor allem verdankt ihm das Museum eine Bereicherung oder theilweise Neubegründung der Fruchtsammlung, Petrefacten, Wachsmodelle und mikroscopischen Präparate. In seinem Museum war er zu Hause bis ins geringste Detail und blieb ihm in dieser Weise treu, auch nachdem er, zum Director ernannt, die Pflichten des Conservators einem Nachfolger überlassen hatte. Durch die Betheiligung an der Herausgabe des Prachtwerkes: „Die Tange des nördlichen stillen Oceans“, zu dem R. den Text schrieb und das 1840 mit dem Demidoff’schen Preise gekrönt wurde, entfiel ein nicht unbeträchtlicher Antheil des letzteren auf seine Arbeit. R. verwandte diese Geldmittel zur wissenschaftlichen Bereisung des Kleinen Samojedenlandes, nachdem Alexander v. Schrenck soeben eine wissenschaftliche Erforschung des östlicher gelegenen Großen Samojedenlandes beendigt hatte. Von Archangel aus bereiste er zu Schiff vom Mai bis September 1841 während eines äußerst ungünstigen Sommers die Halbinsel Kanin, die Indegabucht und die Insel Kolgujeff, drang an verschiedenen Stellen tief ins Land hinein und sammelte nicht nur reiche Pflanzenschätze, sondern auch, zusammen mit seinem Reisegefährten Saweljeff, geographische, topographische und meteorologische Materialien, deren Bearbeitung [749] mehrere Jahre in Anspruch nahm. Bald nach seiner Vermählung im J. 1847 mit einer Deutschrussin trat R. aus dem österreichischen Staatsverbande in den russischen über. Ein Jahr darauf erfolgte seine Wahl zum Adjuncten der Akademie, 1853 die zum außerordentlichen, 1857 zum ordentlichen Mitgliede derselben. Schon vorher, 1851, wurde er am Petersburger botanischen Garten als erster Directorialgehülfe angestellt, in welchem Amte er bis 1855 verblieb, wo ihn die Verhältnisse bewogen, diesen Dienst zu verlassen. Auch hier bewährte er sich durch die Gewissenhaftigkeit seiner Beobachtungen. Er stellte in größerem Maßstabe Culturversuche an, namentlich an den seiner besonderen Pflege unterstellten einjährigen Gewächsen, wobei er über die Variabilität der Gewächse zahlreiche Thatsachen ermittelte, deren Verwerthung nach handschriftlich hinterlassenen Aufzeichnungen noch späteren Forschern zu Gute kommen wird. Daneben beschäftigte ihn auch die gründliche Durchforschung der Petersburger Flora, welche ihn zu größeren und kleineren Rundreisen durch das betreffende Gebiet veranlaßte und mehrere Schriften hervorrief. Noch bevor R. seine Stellung am botanischen Garten aufgab, übernahm er die Professur der Botanik am Petersburger Pädagogium, die er, so lange das Institut bestand, bis 1859, behielt. Da ihm die vorhandenen Lehrbücher nicht ausreichten, so schrieb er ein besonderes Handbuch für seine Vorlesungen in russischer Sprache, an dem er mehrere Jahre arbeitete und nach welchem er mit großem Beifall las. Die Herausgabe desselben scheiterte jedoch an den unbilligen Bedingungen des Verlegers. Fast gleichzeitig mit Ruprecht’s Ausscheiden aus dem botanischen Garten starb auch dessen Director C. A. Meyer und er wurde nun an dessen Stelle im J. 1855 zum Director des botanischen Museums der Akademie gewählt. Nachdem 1859 der östliche Theil des Kaukasus, der Daghestan, durch die russischen Truppen unterworfen und dadurch der wissenschaftlichen Erforschung näher gerückt worden war, beschloß die Akademie, eine solche durch R. ausführen zu lassen. So trat dieser denn bereits 1860 seine anderthalb Jahre umfassende Reise in den Kaukasus auf Staatskosten an. Zwei Sommer verwandte er auf die Durchforschung des östlichen Theils, den Rest der Zeit auf Beobachtung der Frühlingsflora Grusiens und des westlichen Kaukasus und auf das Studium der Culturversuche mit exotischen Gewächsen daselbst. Die Resultate dieser Reise waren sehr bedeutend. Außer seinen botanischen Sammlungen und Aufzeichnungen gelang es ihm, in diesen unbekannten Gegenden noch wichtige geographische Entdeckungen zu machen. Die Veröffentlichung seiner Reiseergebnisse begann noch im Kaukasus selbst durch einen Aufsatz über Pflanzenacclimatisation in Transkaukasien, den er der agronomischen Gesellschaft in Tiflis vorlegte und in dem er auf den Nutzen und die Thunlichkeit des Anbaues des Theestrauches, des Camphorbaumes und anderer nützlicher Gewächse hinwies. Einen kurzen Abriß seiner Reise veröffentlichte er gleich nach seiner Rückkehr. Im Frühjahre darauf legte er der Akademie die historische Einleitung zu seiner Reise vor. Unterdessen machte er sich an das Ordnen des Materials und seiner Beobachtungen, das ihm etwas mehr als ein Jahr kostete. Als wichtige Grundlage für seine Kaukasusflora erschienen 1863 seine „Barometrischen Höhenbestimmungen“, worin über 450 eigene Höhenmessungen, unter Vergleichung früher ausgeführter berechnet und in einem Anhange die Höhengrenzen der wichtigeren Culturpflanzen besprochen werden. Ende 1867 endlich konnte R. der Akademie den ersten Band seiner „Flora Caucasi“, die Thalamifloren enthaltend, vorlegen, dem er 1869 noch ein werthvolles Supplement beifügte. Während er noch an seiner Flora arbeitete, nahmen ihn bereits vielfache andere Pflichten und Interessen in Anspruch. So fallen in diese Zeit eine Reihe von akademischen Berichten verschiedener Art und eine Reise nach Kasan und Charkow im J. 1863 zum Zweck der Inspection [750] der botanischen Lehrmittel der dortigen Universitäten. Vor allem aber beschäftigten ihn die Studien zu einer größeren Arbeit über die Schwarzerde Rußlands, das Tschornosjom. Hatte er die Anregung dazu wol schon auf seinen früheren Reisen empfangen, so sammelte er doch das Hauptmaterial auf einer besonders für diesen Zweck unternommenen Bereisung der Nordgrenze des Tschornosjomgebietes im J. 1864, dem ein Jahr darauf ein kürzerer Ausflug in die Gegend von Nowgorod zu Controlluntersuchungen in der bezeichneten Richtung folgte. Ruprecht’s letzte Arbeit war die Beendigung einer schon seit zwei Decennien auf Anregung der Akademie durch das Ministerium der Domänen in Angriff genommenen Herausgabe eines Codex der russischen Pflanzennamen.

Auf Grund seiner wissenschaftlichen Verdienste nahmen viele gelehrte Gesellschaften R. unter die Zahl ihrer Mitglieder auf. In der Botanik knüpft sich sein Name an die Gattung Ruprechtia aus der Familie der Polygonaceae, von der bereits mehr als 18 Arten, Bäume und Sträucher Südamerikas, bekannt sind. Ruprecht’s Privatleben war ein still zurückgezogenes, echtes Gelehrtenleben, das in sich selbst sein Genüge fand. Bei der Einfachheit und Regelmäßigkeit, mit welcher R. lebte, hätte er sicherlich eine hohe Lebensgrenze erreichen können, wenn nicht die unausgesetzten Anstrengungen seiner zahlreichen Reisen und die nie rastende gelehrte Thätigkeit den Keim zu einem schweren organischen Leiden gelegt hätten, für das Heilung zu suchen er sich erst entschloß, als es zu spät war und dem er noch vor vollendetem 56. Lebensjahre erlag.

Ruprecht’s erste schriftstellerische Thätigkeit bezog sich auf die Familie der Gräser. Durch die Bekanntschaft mit den tüchtigsten Botanikern Prags, wie Kosteletzky, dem Grafen Sternberg u. a., sowie durch das Studium der wichtigsten deutschen Pflanzensammlungen war das Interesse an monographischen Arbeiten in ihm angeregt worden. So entstand 1838 sein „Tentamen agrostographiae universalis“, eine durch selbständige Untersuchungen, die er, skeptisch gegen jede Autorität, nur auf eigene Autopsie gründete, durch scharfe und natürliche Gruppirung und Unterscheidung der Artencomplexe, Gattungen und Tribus, durch prägnante Kürze in der Charakteristik und durch treffliche Uebersichtstabellen ausgezeichnete Arbeit. Alle diese Vorzüge lassen es bedauern, daß die Schrift unbeendigt blieb, da sie nur die Tribus der Paniceae, Rottboellieae und Saccharineae umfaßt. Der Grund für die Sistirung war Ruprecht’s Uebersiedlung nach Petersburg. Indessen ergänzte er seine Arbeit durch die gleich nach der Uebernahme seines neuen Amtes in den Acten der Petersburger Akademie 1839 veröffentlichte, später auch als Sonderabdruck erschienene und oben bereits erwähnte Monographie der Bambuseae, deren 17 analytische Tafeln er selbst mit Meisterhand zeichnete. Die 18. Tafel enthält eine von Postels gezeichnete Vegetationsansicht. Schon in Prag der Hauptsache nach vorbereitet, ist sie durch die Benutzung der reichen Sammlungen Petersburgs, sowie das Trinius’sche Privatherbar um werthvolle Nachträge vermehrt worden. Noch einige kleinere Arbeiten haben die Gräser zum Gegenstande. So lieferte R. 1841 einige Nachträge zu den Bambuseen nach brasilianischen, seitdem hinzugekommenen Sammlungen russischer Reisenden, gab 1842, mit Trinius zusammen, eine Abhandlung über die Stipaceen heraus, bearbeitete in demselben Jahre die von dem mexikanischen Reisenden Galeotti gesammelten Gräser und vollendete schließlich eine Monographie der Rottboellieae. Letztere Arbeit ist jedoch im Drucke nicht erschienen; die über die Galeotti’schen Gräser publicirte er im Bulletin de l’Acad. royale des sc. et belles lettres de Bruxelles (Bd. IX, 1842), die übrigen in den Annalen der Petersburger Akademie. Während der Herausgabe der genannten Arbeiten beschäftigten R. jedoch schon seine Studien der kryptogamen Gewächse. Die erste Frucht derselben war die ebenfalls vorhin schon genannte [751] Arbeit vom Jahre 1840 über die Tange des nördlichen stillen Oceans: „Illustrationes Algarum oceani Pacifici, imprimis septemtrionalis“, ein Prachtwerk, das der Erdumsegelung des Grafen Fr. v. Lütke seine Entstehung verdankt und in einem Foliobande 40 colorirte, von Postels nach dem Leben gezeichnete Tafeln enthält. R. hat den russischen und lateinischen Text dazu geschrieben. In der angefügten summarischen Aufzählung sämmtlicher bis dahin bekannter russischer Algen steigt die Zahl der aus jenem Theile des stillen Oceans bekannten Arten von 21, die Agardh kannte, auf 102 und findet sich außerdem eine Reihe werthvoller Bemerkungen über die Fundorte, Lebensbedingungen und die Vertheilung dieser Gewächse, sowie die Untersuchung des inneren Baues und der Fruchtorgane, der chemischen Zusammensetzung und ihres Nutzens. Das Studium der Tange führte R. bald auf dasjenige der übrigen Gruppen kryptogamer Pflanzen. Ein äußerer Umstand kam ihm hierbei zur Hülfe. Der die niederen Pflanzen behandelnde Band von Gmelin’s „Flora Sibirica“, welche für die Phanerogamenflora Rußlands die wichtigste Grundlage bildet, war im Manuscripte verloren gegangen – nur die Tange waren vorhanden. R. hatte das Glück, das Manuscript in dem Archive der Akademie zu entdecken und wenn es auch nicht mehr dem neueren Standpunkte der Wissenschaft entsprach, so bot es doch des Interessanten genug, um den glücklichen Finder zu reizen, auch auf dem Gebiete der übrigen Kryptogamen seine Kräfte zu erproben. Zuerst versuchte er sich an den Flechten in Bongard & Meyer’s Verzeichniß der im J. 1838 am Saisang Nor und am Irtysch gesammelten Pflanzen, 2. Supplement zur Flora Altaica (1841). Sodann gab er 1845 in einer ungemein sorgfältig gearbeiteten, ausführlichen Schrift eine Aufzählung und Bearbeitung der Gefäßkryptogamen des russischen Reiches und in einer Abhandlung in den Acten der Akademie von demselben Jahre „Neue Beobachtungen über Oscillaria“. Wichtige Interessen zogen R. aber bald zur Familie der Tange zurück. Alexander v. Middendorf hatte von seiner Reise nach Sibirien ein reiches Material an Tangen mitgebracht. Dieses, noch vermehrt durch ansehnliche Beiträge anderer russischer Forscher (Wosnessenski, Stubendorff u. s. w.), lieferte ihm den Stoff zu einer ganzen Reihe wichtiger Arbeiten. Als Vorarbeiten in dieser Richtung sind anzusehen: „Bemerkungen über den Bau und das Wachsthum einiger großen Algenstämme und über das Mittel, das Alter derselben zu bestimmen“ – „Die Vegetation des rothen Meeres und ihre Beziehung zu den allgemeinen Sätzen der Pflanzengeographie“ – „Vorläufige Anzeige über die Entdeckung von Gefäßen mit regelmäßigen Verdickungsfasern bei Tangen“ –, sämmtlich in den Annalen der Akademie und auch als Separatabdrücke erschienen in den Jahren 1848 u. 1849. Ruprecht’s Hauptwerk aber bleiben die „Algae Ochotenses“ vom Jahre 1850, eine vollständige Algenflora des bisher nach dieser Richtung hin noch ganz unbekannten Ochotskischen Meeres, ein Werk, das noch heute alleiniges Quellenwerk der bezüglichen Pflanzenfamilie jener Gegenden ist. Den Schlußstein in der Reihe der durch das Middendorf’sche Material hervorgerufenen Arbeiten bildet sein „System der Rhodophyceae“ (1851), das die Gattungen nach ihren Fructificationsorganen anzuordnen unternimmt, und von den Algen überhaupt verabschiedete sich der Verfasser durch eine interessante, mit prachtvollen Tafeln ausgestattete Schrift: „Neue oder unvollständig bekannte Pflanzen aus dem nördlichen Theile des stillen Oceans“ (1852). Damit hatte R. das in Petersburg angehäufte Algenmaterial erschöpft. Außer der Bereicherung, welche er durch seine Arbeiten hierüber der botanischen Wissenschaft als solcher gewährte, hat er speciell für die russische Flora sich das Verdienst erworben, das Studium dieser Pflanzenclasse in seinem Adoptivvaterlande den Erfordernissen der modernen Wissenschaft gemäß, angebahnt und bedeutend gefördert zu haben. Vor Beendigung aller letztgenannten [752] Arbeiten hatte R. seine schon angedeutete Reise in das Kleine Samojedenland ausgeführt. Ein Resultat derselben waren zunächst die „Flores Samojedorum Cisuralensium“. Sie bildeten eines der ersten Hefte der von der russischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen „Beiträge zur Pflanzenkunde des Russischen Reichs“, in deren zweiter Lieferung vom Jahre 1845 sie 67 Seiten und 6 Tafeln in Kleinfolio einnehmen. Wie gewöhnlich beschränkt sich R. in dieser Schrift nicht auf eine bloße Bearbeitung seines eigenen Materials, sondern zieht alles hier Einschlagende mit hinein. In einer ausführlichen Einleitung stellt er eine Vergleichung der Nachbarfloren von Archangel, russisch Lappland und dem Großen Samojedenlande an, verfolgt ausführlich die Verbreitung einzelner interessanter Arten und hebt schließlich die charakteristischen Merkmale dieser hochnordischen und pflanzenarmen Gebiete hervor. Auch für weitere Kreise interessant ist seine Wahrnehmung, daß der Wald der bereisten Gegenden im Norden früher weiter hinaufreichte, als jetzt. Die Zahl der in dieser Arbeit als neu beschriebenen Arten ist keine so geringe, als die hohe Breite und die sonstige Pflanzenarmuth des europäischen Rußlands vermuthen lassen. Freilich zog R. den species ziemlich enge Grenzen und trennte überall da, wo er keine Uebergänge nachweisen konnte. Konnte er dies später, so stand er aber auch nicht an, seine eignen Arten wieder einzuziehen und so sind denn in der That nur wenige der von ihm in dieser Schrift aufgestellten Arten später als selbständig anerkannt worden. Einen Abschluß des Studiums der nordischen Pflanzenwelt bildet eine spätere Schrift: „Flora boreali-uralensis“, nach den Ergebnissen der von der russischen geographischen Gesellschaft in den Jahren 1847 und 1848 veranstalteten Uralexpedition. Sie erschien zuerst im Bulletin cl. phys. math. der Petersb. Akad. 1850 und, bedeutend vermehrt, als das 7. Heft der Beiträge zur Pflanzenkunde des russischen Reichs. Diese beiden hier besprochenen Werke geben das erste zusammenhängende, fast vollständige, kritisch beleuchtete Bild der hochnordischen Flora des europäischen Rußlands, durch deren Veröffentlichung allein schon R. sich ein bleibendes Verdienst um die botanische Erforschung des großen Reiches erworben hat. Aber auch die ihn unmittelbar umgebende Pflanzenwelt fesselte naturgemäß sein Interesse und förderte mehrere werthvolle Schriften zu Tage. Da er es von jeher liebte, seine floristischen Studien anzuknüpfen an die Arbeiten etwaiger Vorgänger, um ein möglichst treues Bild der historischen Entwicklung unserer Pflanzenkenntniß zu gewinnen, so unternahm er es zunächst, alle vorhandenen Pflanzenverzeichnisse aus dem Petersburger Bezirk, vom Jahre 1726 an kritisch zu sichten und veröffentlichte, als Resultat dieser Bemühungen, bereits 1845 eine Schrift: „In historiam stirpium Florae petropolitanae diatribae“. Für diese Arbeit, die er mit den Flores Samojedorum und der Distributio Cryptogamarum unter dem Titel: „Symbolae ad historiam et geographiam plantarum Rossicarum“ zusammenfaßte und 1846 besonders herausgab, erlangte er abermals einen Demidoff’schen Preis. Für die Lösung der Hauptaufgabe, der Flora von Petersburg, unternahm er mehrere Reisen durch das Gebiet des Gouvernements und vertiefte sich aufs eingehendste in das Studium der botanischen Litteratur von den ältesten Zeiten an. So entstand denn seine „Flora ingrica sive historia plantarum gubernii Petropolitani“, deren ersten Theil er 1852 der Akademie vorlegte und die er so förderte, daß er 1853 die Thalamifloren im Druck beendigte, 1854 die übrigen Polypetalen, 1856 die Gamopetalen mit unterständigem Fruchtknoten und alles, zu einem Bande vereinigt, 1860 erscheinen ließ. Für die Monopetalen hatte er ebenfalls das Historische schon fertig gearbeitet, bis ihn seine Reise in den Kaukasus zu einer anderen Thätigkeit abrief und die „Flora ingrica“ darüber unvollendet blieb. Auch als Bruchstück ist das Werk, vielleicht [753] das originellste, das R. geschrieben, eine bedeutende Bereicherung der Litteratur, wenngleich es, infolge der Stellung, die der Verfasser zur Nomenclatur einnimmt, manche Aufechtungen erfuhr. Durch das Vertiefen in die litterarischen Werke der vorlinnéischen Autoren nämlich, hatte R. immer mehr erkannt, wie vortrefflich diese alten Forscher ihre Pflanzen schon kannten, sie beschrieben und abbildeten und wie treffend ihre Namengebung war, während er auf der andern Seite bemerken mußte, wie flüchtig oft Linné bei der Abfassung seiner großen, in auffallend kurzer Zeit geschriebenen systematischen Werke sein Quellenstudium betrieben, mit welcher Willkür er nicht selten in der Nomenclatur der Gattungen und Arten verfahren war. Infolge dieses Gefühls für historische Gerechtigkeit dehnte R. mit strengster Consequenz und in ziemlich radicaler Weise das Prioritätsrecht in der Nomenclatur, das man gewöhnlich erst von Linné an gelten läßt auch auf die ältesten Botaniker aus, wodurch viele Linné’sche Namen durch ältere ersetzt, womit freilich auch viele der gangbarsten, jedem Botaniker geläufigen Bezeichnungen gestrichen wurden, so daß das Studium des Werkes hierdurch nicht unerheblich erschwert wurde. Auch bei den „Algae Ochotenses“ hat er dieses Princip schon durchzuführen begonnen. Die „Flora Caucasi“, deren erster Theil, von 6 Tafeln begleitet, 1869 herauskam, erschien fast gleichzeitig mit der weit größeren und umfassenderen „Flora orientalis“ von Edm. Boissier. R. hielt es daher für angemessen, in seinem Werke nur das zu geben, was letzterem fehlte und es auf diese Weise mehr zu einem localen Supplemente zu machen. So findet man denn in der That in der „Flora Caucasi“ im allgemeinen weder Gattungs- noch Artencharaktere, bei den gewöhnlichen, gut gekannten Pflanzen nur eine sehr sorgfältige Aufzählung der Fundorte, dagegen sehr ausführliche Excurse über alle neuen oder abweichenden Formen. Aufs genaueste behandelt sind ebenfalls die geographische Vertheilung, die localen Modificationen gewisser Formenkreise, endlich die Geschichte und Synonymie der Arten und auch bei diesem Werke vermißt man schmerzlich die Fortsetzung, an welcher der Tod den Verfasser hinderte. Neben kleineren Arbeiten floristischen Inhalts, biographischen Skizzen (so über Trinius und C. A. Meyer), Kritiken und Referaten für die Abhandlungen der Akademie, beschäftigte sich R. in seinen letzten Lebensjahren mit den von ihm zuerst angeregten Studien über die Schwarzerde Rußlands. Die einzelnen Arbeiten auf diesem Gebiete erschienen 1863, 1864 und 1866 und wurden von ihm gesammelt unter dem Titel: „Untersuchungen über das Tschornosjom, den vegetabilischen Humusboden Rußlands“, in 2 Theilen (1864–66) herausgegeben. Mit erstaunlichem Fleiße und mit scharfer kritischer Beobachtung ist hier alles zusammengetragen und gedeutet, was zur Lösung der betreffenden Frage dienen kann, deren Hauptresultat darin gipfelt, daß die Region der Schwarzerde mit derjenigen der Steppenvegetation zusammenfällt, daß die Grenze beider zugleich die südliche Grenze der nordrussischen Waldvegetation, wie die der Wanderblöcke ist, daß endlich die ungeheure Strecke im Norden des Tschornosjomgebietes, bedeutend jünger als dieses, vor verhältnißmäßig geologisch kurzer Zeit vom Wasser bedeckt gewesen sein müsse.

C. J. Maximowicz, Nekrolog Ruprecht’s in Bull. de l’Acad. imp. des sc. de St. Pétersb. Tom. XVI. 1871.