ADB:Ruthe, Johann Friedrich

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Artikel „Ruthe, Johann Friedrich“ von Ernst Wunschmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 47–49, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ruthe,_Johann_Friedrich&oldid=- (Version vom 15. Oktober 2019, 16:55 Uhr UTC)
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Ruthe: Johann Friedrich R., Pädagog und Naturforscher, geboren am 16. April 1788 zu Egenstedt bei Hildesheim, † am 24. August 1859 zu Berlin. Seine Schulbildung genoß R. auf dem Collegium Josephinum in Hildesheim. Die Vorliebe für die Natur erwachte schon in dem Knaben, der [48] nicht müde wurde, seine schöne heimathliche Gegend nach allen Richtungen zu durchstreifen. Nach Einverleibung des Bisthums Hildesheim in das Königreich Westfalen, mußte R. im Heere Jerome’s dienen. Er entzog sich aber seiner Dienstpflicht durch die Flucht und begab sich von Magdeburg, wo sein Regiment stand, nach der Heimath zurück. Doch war seines Bleibens nicht lange. Sein Versteck wurde verrathen und er zum Truppentheil zurücktransportirt. Durch einen glücklichen Zufall verfehlte indessen der Transport das inzwischen nach Kassel verlegte Regiment und bei Lutter am Barenberge gelang es R., mit mehreren Gefährten seinen Hütern zu entkommen. Nach mehrwöchentlichem Umherirren erreichte er seine Heimath, um sie bald darauf wieder zu verlassen. Ueber Hamburg ging er nach Berlin, das er am 24. August 1809 zum ersten Male betrat. Aber die Unmöglichkeit, hier irgend eine für ihn passende Stellung zu finden, trieb ihn nach Hildesheim zurück, wo er sich noch gegen zwei Jahre im Verborgenen aufhielt. Im August 1811 wanderte er von neuem nach Berlin und diesmal mit besserem Erfolge. Durch Vermittlung des Professor Link, eines Landsmannes von R., wurde er an der ein Jahr vorher erst gegründeten Berliner Universität als stud. med. immatriculirt und hörte anfangs daneben noch die Vorlesungen an der Thierarzneischule. Die naturwissenschaftlichen Studien, denen er sich sogleich mit Eifer hingab, brachten ihn mit dem Botaniker Rudolphi und dem Zoologen Lichtenstein in Berührung, die sich seiner annahmen und ihm durch Beschäftigung am anatomischen und zoologischen Museum eine pecuniäre Beihülfe, sowie die Gelegenheit zur Erweiterung seiner Kenntnisse verschafften. Er erhielt auch durch Rudolphi’s Vermittlung 1813 die Stelle eines Lehrers der Naturgeschichte an der Plamann’schen Lehr- und Erziehungsanstalt, welche ihn zuletzt so in Anspruch nahm, daß er nach fast fünfjährigem Studium die Medicin gänzlich aufgab und der Lehrercarriere treu blieb. 1823 kam er an die Oberschule in Frankfurt a. O., 1825 als Oberlehrer an das Kölnische Gymnasium in Berlin und 1829 an die städtische Gewerbeschule (jetzige Friedrichs-Werder’sche Oberrealschule) daselbst, in welcher Stellung er bis zu seiner im Herbst 1842 aus Gesundheitsrücksichten erfolgten Pensionirung verblieb. Trotz schmerzhafter Gichtanfälle, die ihn zeitweise, zuletzt immer häufiger, plagten, setzte er seine naturhistorischen Excursionen in der Mark, sobald es nur irgend ging, fort, bis er endlich nach Tagen schmerzvoller Krankheit im 71. Lebensjahre seinem alten Leiden erlag. Obwol R. seinem Berufe als Lehrer mit treuester Pflichterfüllung oblag, in welcher Stellung er sich den Dank einer großen Reihe von tüchtigen Schülern erwarb, fand er doch noch Zeit zu ausgedehnter litterarischer Thätigkeit. In den ersten Jahrzehnten war Botanik seine Lieblingswissenschaft. Die zahlreichen weiten Wanderungen durch die Mark, die er zum Zwecke floristischer Studien theils allein, theils in Begleitung von Schülern unternahm, reiften früh in ihm den Plan, eine Naturgeschichte der Mark Brandenburg herauszugeben. Freilich kam diese Absicht bei seiner beschränkten Zeit nur zu einem Theile zur Ausführung. So gelangte seine „Flora der Mittelmark in getrockneten Exemplaren“ (1820), wobei jedem Pflanzenexemplar Beschreibung, Synonymie, Nutzen und Schaden der betreffenden Species, soviel auf einem Octavblatt Raum hatte, beigegeben wurde, nicht über die erste Centurie, eine populäre Darstellung der Giftpflanzen (in den dreißiger Jahren), nicht über den Prospekt hinaus. Dagegen erschien 1827 die „Flora der Mark Brandenburg und der Niederlausitz“, in dieser, ihrer ersten Abtheilung, die Phanerogamen umfassend, welcher 1834 eine zweite, durch die Cryptogamen vermehrte und verbesserte Auflage folgte. Nachdem der Verfasser in der Einleitung eine Anweisung über den Gebrauch des Buches, über das Sammeln [49] und Aufbewahren von Pflanzen gegeben und die wissenschaftliche Terminologie und Systemkunde behandelt, folgen die Gattungen und Arten nach analytischer Methode in einer zum schnellen Bestimmen recht zweckmäßigen Weise. Standort und Blüthezeit sind angegeben, die Gattungen nach Linné’s System geordnet. Das Werk hat nicht allein die Kenntniß der märkischen Flora unmittelbar bereichert, es darf auch wegen der kritischen Behandlung der aufgenommenen Pflanzen, namentlich aber wegen des Nutzens, den es durch Heranbildung junger, tüchtiger Kräfte geleistet, als eine hohe Leistung in der floristischen Litteratur gelten. In den letzten Jahren zog sich R., da seine Kräfte ihm größere Excursionen nicht mehr gestatteten, von der Botanik zurück, ohne jedoch sein Interesse daran zu verlieren und beschäftigte sich nur noch mit Entomologie. Auch auf diesem Gebiete hatte er in jungen Jahren viel gesammelt. Nunmehr machte er sich an die Bearbeitung des vorhandenen Materials. Er bearbeitete die Insecten für das anfangs von Friedr. Aug. Wiegmann, später von Franz Herrmann Troschel herausgegebene „Handbuch der Zoologie“ und lieferte Aufsätze für die Isis, die Stettiner entomologische Zeitung und die Berliner entomologische Zeitschrift. Sein specielles Feld waren die Dipteren und Hymenopteren. Kurz nach seiner Pensionirung hatte R. seine anfangs populär-naturwissenschaftliche Zeitschrift „Herold“, in eine belletristische verwandelt; doch bewog ihn der geringe Erfolg, wieder zur Naturgeschichte zurückzukehren, der er noch bis kurz vor seinem Tode seine ganze Zeit widmete.

P. Ascherson, Nachruf in Verhandlungen des bot. Vereins der Provinz Brandenburg 1859/60.