ADB:Schmidt-Küntzel, Nikolaus

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Artikel „Schmidt genannt Küntzel, Nicolaus“ von Hermann Arthur Lier in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 32 (1891), S. 16–18, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schmidt-K%C3%BCntzel,_Nikolaus&oldid=- (Version vom 4. Juli 2022, 12:00 Uhr UTC)
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Schmidt: Nicolaus S., genannt Küntzel, ein Bauer, der durch seine Gelehrsamkeit großes Aufsehen bei seinen Zeitgenossen erregte, geboren am 20. Januar 1606, † am 26. Juni 1671. S. wurde am 20. Januar 1606 zu Rothenacker, einem Dorfe auf der sächsisch-reußischen Grenze, das gegenwärtig zu Reuß-Schleiz gehört, geboren. Sein Vater, Namens Johann Martin S., war ein begüterter Bauer. Den Beinamen Küntzel führte er von seinem Großvater. Trotz der günstigen Verhältnisse in seinem väterlichen Hause wuchs S. auf, ohne eine Schule zu besuchen. Er lernte weder Lesen noch Schreiben, sondern mußte schon als Kind als Hüterbube sich in der Wirthschaft nützlich machen. Erst als er 16 Jahre alt geworden war, lernte er einen des Lesens kundigen Jungen, der bei seinem Vater in den Dienst trat, kennen und bemächtigte sich seines ABC-Buches, das er während einer Krankheit mit gutem Erfolg und großer Leichtigkeit durchstudirte, so daß er in kurzer Zeit deutsche gedruckte Schrift lesen konnte. Ebenso eignete er sich ohne fremde Anleitung die Kenntniß der lateinischen Schrift an, indem er „den lateinischen Catechismum neben den teutschen hielt und dachte, es müsse doch eines wie das andere gelesen werden, hat also von sich selbst gelernet“. Weitere Anleitung wurde S. durch Jobst Kandler, einen Bruder seiner Mutter, zu theil. Kandler war ein Schreiber und des Lateinischen mächtig. Er schenkte S. eine lateinische Grammatik und ertheilte ihm den ersten Unterricht im Schreiben. Bei seinem Fleiße brachte es S. bald so weit, daß er einen lateinischen Schriftsteller verstehen konnte. Nebenbei beschäftigte er sich auch eine Zeitlang mit Musik. Er fertigte Auszüge aus musikalischen Werken und versuchte sich auch mit deutschen Versen. Sein Hauptinteresse aber blieb auf die Erlernung der Sprachen gerichtet. Der Schulmeister in dem nahen Kirchdorfe Mißlareuth machte ihm den „Catechismus Claji in vier Sprachen“, Hebräisch, Griechisch, Lateinisch und Deutsch, zugänglich. S. beschäftigte sich nun zunächst mit dem Griechischen und ging dann zur Erlernung des Hebräischen über, wobei ihm Mehlführer’s hebräische Grammatik gute Dienste leistete. Seitdem suchte er sich so viel wie möglich hebräische Bücher zu verschaffen, zu welchem Zwecke er die Messen in Hof und Leipzig besuchte und die Lager der Buchhändler durchstöberte. Bei einer solchen Gelegenheit fiel ihm eine hebräisch-chaldäische Grammatik mit Lexikon in die Hände. Sofort begann er nun das Studium des Chaldäischen, dem sich der Reihe nach das des Syrischen, Arabischen, Aethiopischen, Abessinischen, Indianischen (d. h. Indischen), Armenischen, Aegyptischen, Persischen, Türkischen u. s. w. anschloß, wobei auch das Studium der meisten europäischen Sprachen nicht vernachlässigt wurde. Da er nicht alle Bücher, die ihn interessirten, selbst erwerben konnte, so war es für ihn von großem Werthe, daß ihm ein vogtländischer Adlicher, Christoph v. Waldenroth, die Benutzung seiner Bibliothek gestattete. Weitere Förderung fand S. im [17] Umgang mit gelehrten Pastoren und Schulmännern in den benachbarten Städten, welcher ihm immer wieder neue Anregung zur Fortsetzung seiner Studien bot. Da wir von S. außer seinen in späteren Jahren herausgegebenen Kalendern keine Drucksachen besitzen, müssen wir uns zur Beurtheilung seiner Kenntnisse an zwei Polyglotten-Handschriften in der Kgl. öffentl. Bibliothek zu Dresden und in der Fürstlichen Bibliothek zu Schleiz halten, welche er eigenhändig niedergeschrieben hat. Die Dresdner Handschrift enthält gegen 150, die Schleizer 239 Alphabete, ferner das Vaterunser und einzelne Bibelsprüche in vielen Sprachen, vermischt mit Bemerkungen über Aussprache und Grammatik. S. hat diese Polyglotten offenbar in erster Linie aus Interesse an den verschiedenartigen Schriften angelegt. „Aber wenn wir auch zugeben, daß er gewiß von vielen Sprachen nicht mehr als die Buchstaben kannte, daß er manchmal allzu gläubig seinen Quellen folgte, so bleibt es doch immerhin fast unbegreiflich, wie er sich eine so ausgebreitete Sprachen- und Schriftenkenntniß verschaffen konnte, und geradezu bewundernswürdig ist die Sicherheit, Correctheit und Schönheit seiner Schriftzüge; beide Handschriften sind Meisterstücke kalligraphischer Kunst.“ Uebrigens besitzen wir auch eine Anzahl Zeugnisse von gelehrten Zeitgenossen Schmidt’s, die seine staunenswerthen Sprachenkenntnisse bestätigen. So rühmt unter anderen der Nürnberger Prediger und Bibliothekar Joh. Saubert von S., daß er Hebräisch, Syrisch, Arabisch und Chaldäisch lese, schreibe und verstehe. Reichen Genuß gewährte S. ferner die Beschäftigung mit der Astronomie und Astrologie, die ihn dann auch dazu führte, regelmäßige meteorologische Studien anzustellen und für seine späteren Kalenderbearbeitungen gute Dienste leistete. Trotz seiner wissenschaftlichen Bestrebungen blieb er jedoch dem Aberglauben und den Afterwissenschaften seiner Zeit, z. B. der Chiromantie, ergeben. Seine Gelehrsamkeit brachte ihn bei dem Volke in den Ruf eines Zauberers, der mit dem Teufel im Bunde stehe und das 6. Buch Mosis besitze. Auch währte es nicht lang, bis man auch außerhalb seiner Heimath auf ihn aufmerksam wurde. Er war erst 27 Jahre alt, als ihn der Herzog Ernst von Sachsen-Weimar zu sich nach Weimar rufen ließ, in der Absicht, ihn an seinem Hof zu behalten, damit er ungestört seinen Studien sich widmen könne. Im J. 1645 wurde er vom Kurfürsten Johann Georg nach Dresden berufen und erhielt von ihm beim Abschied ein „stattlich recompens“, nämlich 33 Reichsthaler, resp. 60 Gulden, und eine kostbare Bibelausgabe in 10 Bänden, lateinisch und deutsch. Sein Stammbuch füllte sich in Dresden mit 33 Einzeichnungen von Männern und Jünglingen aus den verschiedensten Ständen, welche meist in fremden Sprachen abgefaßt sind und als Beweis für die hohe Achtung gelten können, deren sich S. allenthalben erfreute. Seine gelehrten Neigungen bewogen S. indessen keineswegs, sein bäuerliches Leben aufzugeben. Als sein Vater im J. 1637 starb, übernahm er selbst die Leitung des Hofes und verheirathete sich, um für sein Hauswesen eine Stütze zu haben. Die Leiden des dreißigjährigen Krieges thaten auch seinem Wohlbefinden wiederholt Abbruch. Sein Hof wurde ausgeplündert, seine Bibliothek weggeraubt, sein Vermögen zerrüttet. Um sich eine neue Einnahmequelle zu verschaffen, entschloß er sich daher, einen Kalender herauszugeben, dessen erster Jahrgang im J. 1653 in Hof erschien und so gut einschlug, daß der Schmidt-Küntzel’sche Schreibkalender, seit 1654 in Nürnberg gedruckt, nicht nur bis zu seinem Tode, sondern noch lange Zeit nachher bis in das 18. Jahrhundert hinein sich beim Publicum großer Beliebtheit erfreute und der Wohlstand des Herausgebers sich von Jahr zu Jahr wieder mehrte. S. konnte daher an den Umbau seiner Wirthschaftsgebäude denken, den er im Mai 1661 vollendete. Bald darauf erkrankte er an einer Geschwulst am Schenkel, die ihn fast zehn Jahre lang an das Bett fesselte. Er starb am 26. Juni 1671.

[18] Vgl. Hermann Dunger, Der Vogtländische gelehrte Bauer. Abdruck aus der Festschrift des vogtländischen alterthumsforschenden Vereins in Hohenleuben. Plauen i. V. 1876.