ADB:Spitzer, Daniel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Spitzer, Daniel“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 785–786, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Spitzer,_Daniel&oldid=- (Version vom 18. April 2019, 10:46 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Stolle, Ferdinand
Band 36 (1893), S. 785–786 (Quelle).
Wikisource-logo.png Daniel Spitzer bei Wikisource
Wikipedia-logo-v2.svg Daniel Spitzer in der Wikipedia
GND-Nummer 119145162
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|36|785|786|Spitzer, Daniel|Ludwig Julius Fränkel|ADB:Spitzer, Daniel}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=119145162}}    

Spitzer *): Daniel S., feuilletonistischer Humorist und Satiriker, wurde am 3. Juli 1835 zu Wien als Sohn eines einheimischen Kaufmanns geboren, innerhalb der, später von ihm genug zerzausten Linienwälle, also ein echtes Kind der Kaiserstadt. Er besuchte das akademische Gymnasium daselbst, darauf widmete er sich auf der Universität erst rechtswissenschaftlichen Studien, dann, nachdem er den Plan einer juristischen Laufbahn aufgegeben hatte, volkswirthschaftlichen. Infolge privater Verhältnisse war er bald darauf gewillt, als ehrsamer Concipist bei der niederösterreichischen Handelskammer zu Wien eine friedliche und unbeachtete Beamtenlaufbahn zu beginnen. Acht Jahre steckte er in dieser trockenen Thätigkeit, in mechanischen Protocollen und langstieligen Referaten. Viele praktisch-nationalökonomische Aufsätze in der Wochenschrift „Der Wanderer“, Ergebnisse eifriger Studien, schulten sein litterarisches Geschick, und, während unter „D. S.“ eine Broschüre „Schafft uns billige Kohlen!“ mit allgemeinem Beifall den Gewaltigen der Eisenbahntarife zurief, verzuckerte er sich die Prosa der Bureaustunden daheim durch lyrische Gedichte. Letztere traten in Zeitschriften zerstreut hervor, Landschafts- und Seelengemälde in anmuthigen, gewandten Versen, die nachher der Spottvogel selbst belachte und nicht anerkannte. Durch äußeren Zufallsanlaß bewogen, lieferte er bald humoristische Beiträge in ausgewählte der kleinen Legion Wiener Witzblätter, namentlich zum „Figaro“. Durch eine seltene Verquickung schneidigen Witzes mit logischer Stichhaltigkeit einer-, Abgeschliffenheit der Form andererseits, lenkten diese ersten Spenden aus dem reichen Füllhorn seiner satirischen Muse die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich, und seitdem hat er „Die Presse“, die „Deutsche Zeitung“ und bald ausschließlich die „Neue Freie Presse“ mit den Früchten seiner allgemach ausgereiften Sonderanlagen bedient. Dies geschah zuerst wohl kurz vor der Mitte der Sechziger Jahre. Später gab er in dem letztgenannten leitenden Tagesblatte der österreichischen Hauptstadt mit ziemlicher Regelmäßigkeit seine wöchentlichen „Wiener Spaziergänge“ zum Besten (der erste, über den „Maulaufreißer von Wien“, stand im Localanzeiger der [Alten] „Presse“), die sich abwechselnd aufs politisch-sociale, und aufs Culturleben nach seinen mannichfaltigsten Erscheinungen erstrecken. Zu Anfang des siebenten Jahrzehnts, in den Wirren des „großen Krachs“, des Speculationsschwindels und Börsensturzes, bildete ein neuer „Spaziergang“ in Wien einen Hauptgegenstand des Tagesgesprächs, und man harrte erwartungsvoll der nächsten Zeitungsnummer, die in der Mitte die Sp–r-Feuilletons abdruckte. Zu einer Auswahl „geflügelter Worte“ im derzeitigen österreichischen Conversationstone wäre S. eine beträchtliche Anzahl zu entnehmen. Länger als ein Jahrzehnt stellte er etwas wie eine territoriale Macht dar. Hier war und blieb er heimisch, mochten ihn auch Sommerwanderungen gern hinaus in die Alpen entführen. Doch hat er seinen Ruhm innerhalb des Weichbildes der Habsburgerresidenz überlebt und schließlich auch dem Wien, an dem er mit allen Fasern seines Ichs hing, den Rücken gekehrt. Nachdem er eine ganze Leidensscala von Influenza bis Knochencaries sammt schweren Operationen durchgemacht und zwei Jahre in der Ober-Döblinger Heilanstalt verbracht hatte, flüchtete er [786] nach Meran, wo ihn des öfteren schwermüthiger Ueberdruß plagte, und starb daselbst am 11. Januar 1893.

Die Sammlungen einer längeren Reihe seiner Wochenplaudereien, seit 1869 in sechs öfters aufgelegten (dabei stets genau durchgesehenen) Bänden veranstaltet, brachten auch einzelne Stücke, die sich vorher noch gar nicht oder nur in der Berliner „Gegenwart“ hervorgetraut hatten. Sie trugen Spitzer’s Namen in die Ferne und boten einen geistigen Caviar auch denen dar, die gewiß nie von jenen schnell verwehten Morgenblättern, dem Dessert des Wiener Donnerstags-Frühstückstisches, directen Genuß bezogen hatten. Dagegen war, wo er selbst körperlich heruntergekommen und damit kampfesmüde geworden, die Regsamkeit in Spott und Laune, wenigstens seit Mitte des achten Jahrzehnts, ersichtlich abgeschwächt, und sein eigenes Geschick hat sein Bonmot bewahrheitet: „Wenn man von einem Schriftsteller sagt, er sei nicht mehr der Alte, so meint man damit, er sei nicht mehr der Junge.“ Persönlich einfach – in Lebensgewohnheiten fast philisterhaft gleichmäßig – und nichts weniger als aufdringlich, mit behendem Urtheil, von Freunden sogar als gutherzig und sanftmüthig geschildert, führte er auch bei momentanem Uebertritt auf ein Nachbarfeld den Pflug nach derselben Methode: die (bis 1880 schon zehn- beziehentlich sechsmal abgedruckten) Novellen „Das Herrenrecht“, eine völlig abgerundete, auch ins Französische übersetzte Arbeit, und „Verliebte Wagnerianer“ gehören dem satirischen Gebiete zu. S. schwang sich zum Classiker einer Kunstgattung und Meister eines dafür selbstgeschaffenen Stils auf. Sieht man von dem nüchtern kühlen, oft stark materialistisch durchhauchten Dunste, der nicht nur bisweilen über dem Ganzen seiner Darstellung schwebt, ab, so erhebt sich doch noch ein zwiefacher Tadel: einmal seine Angriffsluft gegenüber wehrlosen oder auf exponirten Posten stehenden Gegnern, sodann die Unerbittlichkeit des allen Widersachern der deutschliberalen Partei geschworenen Hasses. In der unbedingten Vorherrschaft der letzteren erblickte er die einzige Sicherheit für Bestand und Fortschritt der modernen Cultur in Oesterreich, und als deutscher Oesterreicher fühlte er sich ebenso vom Wirbel bis zur Zehe, wie als Sohn der neuen Zeit, deren Aufdämmern seine Knabentage erhellt hatte. Aus dem vielartigen Chor des Wiener Schriftstellercirkels der Gegenwart ragt er als typischer Kopf hervor, zudem als ein Charakter von Festigkeit und Temperament.

Zur inneren Geschichte seines Wesens und Beurtheilung seiner litterarischen Eigenart sind, außer einer, in die Form eines Briefes an eine junge Dame gefaßten, humoristischen Selbstschau aus den Siebziger Jahren, die Vorreden zu den Sammlungen zu vergleichen. Von den zahlreichen Nekrologen enthalten verwendbares Material die von L(udwig) Sp(eidel) in der Neuen Freien Presse Nr. 10200, L(udwig) H(evesi) im Pester Lloyd 40 (1893) Nr. 12, L. Fränkel im Fränkischen Kurier 1893, Nr. 31, besonders aber die anonyme Artikelreihe in der Bohemia 1893, Beilage Nr. 13 und 19–21; einzelne gute Bemerkungen: Frankfurter Zeitung 1893, 12. Januar, zweites Morgenblatt; Kölnische Zeitung 1893, Nr. 45, zweite Morgenausgabe; Berliner Börsencourier 1893, Nr. 23, 1. Beilage.

[785] *) Zu Bd. XXXV, S. 222.