ADB:Tolle, Heinrich

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Artikel „Tolle, Heinrich“ von Gustav Roethe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 421–422, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tolle,_Heinrich&oldid=- (Version vom 21. Oktober 2019, 15:29 Uhr UTC)
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Tolle: Heinrich T., Schulmann und Dramatiker des 17. Jahrh.. wurde am 23. Aug. 1629 in Göttingen, der Sohn eines Bäckers, geboren. Vom neunten Jahre an besuchte er das vortreffliche Pädagogium seiner Vaterstadt, das damals von Fabricius geleitet wurde; seit 1649 studirte er zu Helmstedt Philosophie und Theologie. Dort erwarb er sich, nachdem er kurze Zeit in Hannover Hauslehrer gewesen war, am 29. December 1653 den Magistertitel und hat sogar für kurze Zeit Vorlesungen über Mathematik an der Universität gehalten. Aber schon im November des nächsten Jahres folgte er einem Rufe zur Leitung des Göttinger Gymnasiums; bald darauf, am 6. Mai 1656, schloß er mit Katharina Elisabeth Bartholdes eine Ehe, die mit Kindern reich gesegnet war. Der 25jährige Pädagogiarch faßte die Zügel alsbald so fest, daß er der seit Fabricius’ Tode etwas verwahrlosten Anstalt schnell zu ihrem alten Ruhme verhalf. Im Interesse der Gymnasialschriften begründete er die erste Göttinger Druckerei. Durch 21 Jahre blieb der treue Mann an dem früh errungenen Platze, keine Lockungen von außen, an denen es nicht fehlte, konnten ihn fortziehen. Erst 1675 entschloß er sich, die Superintendentur und das Primariat zu St. Johannis in Göttingen anzunehmen, eine Stellung, die ihm gestattete, als Professor der Theologie mit seinem geliebten Gymnasium in Verbindung zu bleiben. Einer seiner talentvollsten Schüler, Justus von Dransfeld, wurde sein Amtsnachfolger. Im neuen Amte war ihm lange Wirksamkeit nicht beschieden: schon während des Winters 1677–78 kränkelte er schwer und erlag nach langen wachsenden Leiden am 2. Mai 1679 der Wassersucht. Bestattet ist er vor dem Hochaltar der Johanniskirche, die in ihrer Sacristei noch heute sein Bild aufbewahrt; es trägt zur Unterschrift das Wort: Veritatem amat intellectus liber.

Diesem Worte hat der Schriftsteller T. Ehre gemacht. Seine wissenschaftlichen Arbeiten freilich, die erst Justus von Dransfeld nach seinem Tode herausgegeben hat, und die, lediglich für Göttinger Schulzwecke bestimmt, auf selbstständige Forschung verzichten, stehen vollständig auf dem Boden der aristotelischen Philosophie, wie er sie in Helmstedt gelernt hatte: war er doch statutenmäßig verpflichtet, diese Philosophie am Gymnasium unverfälscht weiter zu lehren. So ist in seinen meist mehrfach ausgelegten Lehrbüchern, seiner Logica Gottingensis (Gött. 1680), seiner Rhetorica Gottingensis (Gött. 1680), seiner Ethica et politica (1681), seiner Propaedia mathematica (1681), seinen Principia theologica (Gött. 1686) schwerlich ein eigner Gedanke zu entdecken; selbst die erläuternden Beispiele tragen keine individuellen Züge; T. überliefert treulich das ihm Ueberkommene und sucht sein Verdienst lediglich in geschickter Form und praktischer Anordnung. Im mündlichen Vortrag, vielleicht auch in verlornen Abhandlungen, scheint er zwar auch zur neuen Philosophie Stellung genommen zu haben, aber so daß er Aristoteles Sache gegen Cartesius führt. Er war wissenschaftlich unzweifelhaft sehr conservativ gesonnen.

Aber er war nichts weniger als ein Scholastiker, als ein Reactionär. Im [422] Gegentheil, in seinem Schäferspiele ’Wahrgilt‘ hat er mit Wärme den Grundsatz verfochten, daß die Wahrheit über jedes engherzige Vorurtheil, über jede anspruchsvolle Autorität, auch der Kirche, siegen müsse, und er hat den Gedanken grade durch moderne naturwissenschaftliche Entdeckungen belegt. Seine Schäferspiele, deren wir dreie haben, standen gleichfalls im Dienste der Schule; sie wurden bei öffentlichen Actus neben lateinischen Darstellungen aus Cicero’s Leben aufgeführt, um auch den des Lateinischen unkundigen Zuhörern eine Unterhaltung zu bereiten. Diesem Schulzwecke entspricht der Inhalt. Es sind rein allegorische Stücke, die im Schäfercostüm gewisse Lehrsätze entwickeln. ’Kundegis‘ (1670) stellt dar, wie der menschliche Geist nur durch die Philosophie vor Irrwegen gehütet werde, während die Sinne leicht irre zu führen sind, ’Wahrgilt‘ (1672) schildert die Gefahren, denen die Wahrheit ausgesetzt ist, und ihren Triumph, ’Willbald‘ (1673) endlich das Elend, dem der Mensch rettungslos verfällt, wenn er sich durch die Lust von der Tugend ablocken läßt und die Stimme der Vernunft nicht hört. Man kann die zwischen lauter Allegorieen sich abspielende Handlung bis ins Detail hinein in eine abstracte Deduction übersetzen. Das ist nun an sich kein poetischer Vorzug, und ähnliche Versuche, die Tolle’s Vorbild Harsdörffer gemacht hat, sind wenig gelungen. Aber T. darf nachgerühmt werden, daß es ihm, im Unterschied von Harsdörffer trotz jener allegorischen Hauptabsicht glückt, Stücke von leidlich zusammenhängender und interessirender Handlung aufzubauen, der es sogar an derb volksthümlichen Zügen nicht ganz fehlt; in der ’Wahrgilt‘ tritt z. B. ein egoistischer Bauer auf, der in unverfälschtem, gut wiedergegebenem Göttinger Platt sich ausläßt. Wenn T. im ’Willbald‘ bewährte Motive, wie sie namentlich das 16. Jahrhundert in der Comödiensippe vom verlornen Sohn ausgeprägt hatte, mit Geschick verwerthet, so beweist er dadurch entschiedenen Sinn für dramatische Wirkung. Harsdörffer’s ’Seelewig‘ wird Tolle’s Vorbild gewesen sein auch für die echt deutschen neu gebildeten Eigennamen, mit denen er seine Allegorien schmückt, wie Mätekund, Deumdrut, Wahnwitt, Wienleff u. A.: schon diese Beispiele zeigen, daß er auch dabei der niederdeutschen Muttersprache Einfluß gestattet. Diese deutschthümelnde Spielerei hängt zusammen mit dem Aufschwung des deutschen Nationalgefühls, wie er sich damals in den Sprachgesellschaften und in der Wissenschaft vollzog: T. bringt gern an, was er von deutschem Alterthum weiß, läßt z. B. einen Wodanspriester auftreten, den er Truthin (truhtin) nennt, und eine ganze lange Gerichtsverhandlung stattet er mit den alten Formeln des Vehmgerichts aus. Auf das deutsche Gewissen weiß er sich etwas zu Gute, und der Wahrgilt ertheilt er stolz das Prädicat ’teutsch‘. Freilich, von den Bahnen des Purismus hält er sich fern.

Die Form der Tolle’schen Schäferspiele ist, wie gerne in dieser Dichtgattung, eine stillose, bunt wechselnde Mischung von Vers und Prosa; wenige haben den Wechsel so weit getrieben wie T., der in den Versen selbst nun wiederum zwischen Alexandrinern und den mannichfaltigsten Strophenformen hin und her schwankt. In den poetischen Partien ist Opitz durchaus sein stilistisches Muster; sie theilen seine Steife und seinen Prunk: doch hallen auch hier volksthümliche Klänge, die Opitz ja gleichfalls nicht ganz verschmäht, leise durch. Tolle’s Prosa ist trotz reichlichen Pedanterien recht tüchtig, oft voll Leben und Geist: sehr schade, daß er sich nicht entschließen konnte, die Spiele ganz in deutscher Prosa zu dichten. Litterarische Einwirkung haben die Stücke nicht geübt: Gervinus’ Vermuthung, daß Stieler sie gekannt und benutzt habe, ist weder erweislich noch auch nur wahrscheinlich.

Die obige Biographie beruht auf einer von mir veranlaßten Untersuchung des Herrn Cand. Köllner in Hannover, die mir im Manuscript vorgelegen hat.