ADB:Uhlhorn, Dietrich

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Uhlhorn, Dietrich“ von Egbert Ritter von Hoyer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 166–168, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Uhlhorn,_Dietrich&oldid=- (Version vom 23. Oktober 2019, 23:42 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 39 (1895), S. 166–168 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Diedrich Uhlhorn in der Wikipedia
GND-Nummer 117279463
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|39|166|168|Uhlhorn, Dietrich|Egbert Ritter von Hoyer|ADB:Uhlhorn, Dietrich}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117279463}}    

Uhlhorn: Diedrich U., Industrieller, geboren am 3. Juni 1764 zu Bockhorn (Großherzogthum Oldenburg), wo sein Vater Landmann und Schreiner war, † am 5. October 1837 zu Grevenbroich (Rheinprovinz). In seiner Kindheit genoß er den ersten und sehr kärglichen Unterricht in der Schule seines Geburtsortes. Daneben beschäftigte er sich während seiner ganzen freien Zeit mit der Anfertigung künstlicher Spielsachen aus Holz, wozu ihm die Tischlergeräthschaften [167] seines Vaters zu Statten kamen. Besonders aber wurde ihm das Lesen wissenschaftlicher Bücher zur wahren Leidenschaft, namentlich solcher, die Physik und Mathematik behandelten. Um seine Kenntnisse in der Mathematik zu vermehren, nahm er Unterricht bei dem nachherigen Deichinspector Behrens, damals Lehrer in Jeringhave, während er zugleich mit großem Eifer die Werke von Karstens, Kästner, Euler u. s. w., also Werke über Naturlehre und Mathematik studirte, infolge dessen er sich auf die Anfertigung optischer Instrumente legte. Um hierbei möglichst Vollkommenes zu leisten, unterwarf er, nach den Vorschriften aus Klügel’s Dioptrik, jedes Glasstück, welches er anwandte, einer Probe, um die Eigenschaften, namentlich die Brechungsverhältnisse kennen zu lernen. Aus der 1794 angelegten größeren Werkstätte gingen Fernrohre, Nivellirwagen, Elektrisirmaschinen, Sonnenuhren von Aufsehen erregender feiner und genauer Arbeit hervor, so daß der Herzog Peter von Oldenburg ihm 1797 eine Ehrenpension von 200 Rthlr. aussetzte, um U. Gelegenheit zu geben sich wieder mehr den Wissenschaften zuwenden zu können. Er übersiedelte zu dem Zwecke 1802 nach der Residenz Oldenburg, wo er dann 1804 eine von der Hamburger Gesellschaft zur Beförderung von Kunst und Gewerbe gestellte Preisfrage über die Verzahnung von Rädern löste und 1809 seine „Entdeckungen in der höheren Geometrie“ herausgab. Diese Schrift behandelt die Kegelschnittlinien und zahlreiche andere Kurven, denen U. selbst Namen beilegte, nach dem Verfahren der analytischen Geometrie und bildet einen ebenso interessanten als höchst lehrreichen Beitrag zur Förderung der Mathematik bei Beginn dieses Jahrhunderts zum Zwecke ihrer Verwendung in den Gewerben besonders bei der Construction von Bau- und Maschinentheilen. Dieselbe Schrift enthält eine geometrische Lösung des sog. Deli’schen Problems von der Verdoppelung eines Würfels, welche erkennen läßt, daß U. sich nicht scheute an complicirte geometrische Aufgaben heranzutreten und im Stande war, sie mit Erfolg zu lösen.

Die Hauptthätigkeit Uhlhorn’s jedoch lag auf dem Gebiete der Erfindungen, die außerordentlich zahlreich und werthvoll sind. Aus vollständig theoretischen Betrachtungen ging ein Geschwindigkeitsmesser hervor, den er in einer Broschüre („Der neu erfundene Tachometer“, Frankfurt a. M. 1817) ausführlich begründet und beschreibt. Die ersten Tuchschermaschinen in Deutschland rühren von ihm (1800) her. Bei der Einführung derselben machte er die Bekanntschaft zahlreicher Fabrikbesitzer im Bergischen, die bei ihm den Gedanken anregten, seine schon früher erfundene Maschine zum Spinnen zu vervollkommnen. Infolge dessen übersiedelte er 1810 nach Grevenbroich bei Aachen, wo er zunächst die Leitung einer Baumwollspinnerei (bis 1820) übernahm, daneben aber sich die Fabrikation der Kratzen für die Kratzmaschinen angelegen sein ließ, so daß eine besondere Kratzenfabrik unter seinem Namen entstand, in welcher höchst sinnreiche von ihm erfundene Maschinen die Kratzen von einer solchen Sauberkeit und Genauigkeit anfertigten, daß die noch jetzt bestehende Fabrik einen europäischen Ruf sich erwarb. Eines fast noch größeren Erfolges erfreute sich seine 1817 erfundene Maschine zum Prägen von Münzen und Medaillen, welche als die erste Maschine dieser Art zu gelten hat, welche alle daran vorkommenden Bewegungen und Kraftäußerungen von einer Stelle aus automatisch hervorbringt und Prägungen von damals unbekannter Vollkommenheit erzeugt. Sie fand allgemein Verbreitung (1818 Düsseldorf und bis 1827 in Berlin, Utrecht, Wien, München, Stockholm, Karlsruhe, Neapel u. s. w.), so daß bis 1851 bereits 75 und 1870 sogar 171 in 38 Münzstätten des In- und Auslandes in Betrieb gesetzt waren. Unausgesetzt von U. und später von seinem Sohne vervollkommnet, nimmt sie auch heute noch den ersten Rang unter den Prägmaschinen als „Uhlhorn’sche Prägmaschine“ ein. – Wenn man erfährt, daß U. ferner noch eine Gravirmaschine, [168] Pferderammaschine, Farbholzraspelmaschine, Riffelmaschine, Spindelerzeugungsmaschine nebst zahlreicheren kleineren Arbeitsmaschinen erfand und bedenkt, daß diese Erfindungen den denkbar schwierigsten Zeitverhältnissen zu Beginn unserer Industrieepoche entstammten, so muß man zugeben, daß Diedrich U. zu den Bahnbrechern derselben gehört.