ADB:Vossius, Isaak

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Artikel „Vossius, Isaak“ von Friedrich Koldewey in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 40 (1896), S. 370–372, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Vossius,_Isaak&oldid=- (Version vom 7. Juli 2020, 00:46 Uhr UTC)
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Vossius: Isaak V. wurde 1618 als der vorletzte von den sechs Söhnen des großen Polyhistors Gerhard Johannes V. (s. oben) zu Leiden geboren und erhielt dort, sowie später in Amsterdam, unter der Aufsicht und Mitwirkung seines Vaters durch Hauslehrer und seinen älteren Bruder Dionysius († 1633) vorzüglichen Unterricht. Vor allem machte er bei seiner ausgezeichneten Begabung in den philologischen Wissenschaften, in der Mathematik und Physik so glänzende Fortschritte, daß er schon als Neunzehnjähriger bei den Gelehrten, die ihn kannten, große Hoffnungen erweckte. Im J. 1637 bezog er in seinem Geburtsorte die Universität, hauptsächlich um sich unter Elichmann und Golius dem Studium des Arabischen zu widmen. Zwei Jahre später, also im Alter von 21 Jahren, gab er den griechischen Geographen Skylax nebst dem Periplus Ponti Euxini eines unbekannten Verfassers mit Anmerkungen heraus, die später von Jakob Gronovius in seiner Ausgabe der alten Geographen (Geographia antiqua. Lug. Bat. 1697. 4°) nochmals zum Abdruck gebracht sind. Im J. 1640 folgte, gleichfalls von einem Commentar begleitet, eine Ausgabe des Justin. So ging ihm denn bereits ein guter Ruf voran, als er im Frühjahr 1641 mit Zustimmung seines Vaters eine längere Reise antrat, um mit namhaften Männern Bekanntschaft zu schließen, berühmte Bibliotheken zu besuchen und beachtenswerthe, namentlich griechische Handschriften entweder abzuschreiben oder sie mit schon vorhandenen Ausgaben zu vergleichen. Sein Weg führte ihn zunächst nach England und Frankreich, sodann nach Italien, wo er Florenz, Rom, Neapel und Venedig besuchte, um sich schließlich über Mailand und Genf nochmals nach Frankreich zu begeben und in Paris bei dem Freunde seines Vaters, Hugo Grotius, längere Zeit als Gastfreund zu verweilen. Erst im [371] Herbst 1644 kehrte er mit einem reichen Schatze von Büchern und Manuscripten in sein Vaterhaus zurück. Sein Gesichtskreis war erweitert, sein Wissen vertieft, sein Ansehen gesteigert; zugleich aber hatten seine sittlichen und religiösen Grundsätze in der Fremde eine beklagenswerte Abschwächung erlitten. Es war bei ihm eingetreten, was einst sein Vater geschrieben hatte: „Pietas raro auctior fit per tot maria et terras currendo; potius gentes vitia sua affricant quam virtutes.“

Nach seiner Rückkehr setzte Isaak V. zunächst in Amsterdam seine Studien fort und wurde nach dem Tode seines Bruders Matthäus († 1646) an dessen Stelle zum Vorsteher der dortigen öffentlichen Bibliothek und zum Historiographen von Holland und Seeland ernannt. Da er indessen die von ihm erwarteten geschichtlichen Arbeiten nicht lieferte, ging er dieses Postens 1671 wieder verlustig. Ende 1648 begab er sich auf Einladung der Königin Christine von Schweden nach Stockholm, ertheilte derselben Unterricht im Griechischen und hatte auch in ihrem Auftrage in den Niederlanden und Frankreich Bücher und Handschriften zusammenzukaufen. Man wirft ihm vor, daß er dabei mehr auf seinen eigenen Nutzen als auf den seiner Gebieterin bedacht gewesen sei und auch später noch aus der Bibliothek derselben kostbare Werke entwendet habe. Die weitgehende Gunst, die ihm die Königin zu Theil werden ließ, wechselte zeitweilig mit tiefster Ungnade. Außerdem trug seine Verfeindung mit Claudius Salmasius, der 1650 gleichfalls einem Rufe nach Stockholm gefolgt war, viel dazu bei, um ihm den Aufenthalt am schwedischen Hofe zu verleiden. Aber erst 1654, als Christine auf den Thron verzichtete, kehrte er nach Holland zurück, zog 1655 mit seiner Mutter von Amsterdam nach dem Haag und verwendete den dortigen, oft allerdings von Reisen unterbrochenen Aufenthalt dazu, um verschiedene Schriften seines Vaters, wie auch seine eigenen Werke herauszugeben. Von Ludwig XIV., dem er durch den Minister Colbert empfohlen war, bezog er längere Zeit einen ansehnlichen Gnadengehalt. Im Jahre 1670 verlegte er seinen Wohnsitz nach England, erhielt von König Karl II. 1673 ein Kanonikat zu Windsor und gelangte im folgenden Jahre durch eine bedeutende Erbschaft zu sehr günstigen Vermögensverhältnissen. Er starb unvermählt am 11./21. Februar 1689 zu London. Seine große und werthvolle, namentlich auch an Handschriften ungemein reiche Bibliothek wurde von den Erben für 33 000, nach Anderen für 36 000 Gulden an die Universität Leiden verkauft. Isaak V. war, wie bereits angedeutet wurde, kein lauterer Charakter. Ueber den Verkehr der Geschlechter hatte er sehr laxe Ansichten und erregte durch seine Liebeshändel vielfach Anstoß und Unwillen. Auch in einigen seiner Schriften, vor allem in seiner commentirten Ausgabe von Catull’s Gedichten, die 1684 zu London in 4° erschien, macht sich sein Gefallen an Obscönitäten in unliebsamer Weise bemerkbar, und nicht unglaublich erscheint es, daß er, wenn er als Kanonikus zu Windsor die Horen besuchte, statt des Common-Prayer-Book nicht selten erotische Schriften bei sich gehabt hat. Ob er sich durch seine Vorliebe für werthvolle Bücher wirklich zur Unehrlichkeit hat verleiten lassen, oder ob die ihm dieserhalb gemachten Vorwürfe unbegründet sind, wird sich mit Sicherheit kaum entscheiden lassen. Was aber nicht bezweifelt werden kann, ist ein hoher Grad von Frivolität, womit er den Wahrheiten und Gebräuchen der christlichen Religion bis zum letzten Augenblicke gegenüber stand. Seine Bekannten und Freunde unterstützte er bereitwillig durch guten Rath und durch die Herleihung von Büchern und Handschriften; sobald aber seine eigenen Interessen dabei in Frage kamen, ließ er sie im Stich. Auch seine litterarische Thätigkeit unterliegt einigen Bedenken. Seine Schriften zeugen zwar von einer tiefen und umfassenden Sachkenntniß und sind nicht ohne Geist. Aber neben dem, was darin auf Grund [372] besonnener Forschung dargelegt wird, finden sich gewagte und sonderbare, oft nur blendende Einfälle und Bemerkungen. Es hat den Anschein, als ob der Verfasser, wenn er die Feder zur Hand nahm, weniger die Sache, als sich selbst, weniger die Ergründung der Wahrheit, als die Erregung von Aufsehen und die Mehrung des eigenen Ruhmes im Auge gehabt hat. Nach allem wird man sagen dürfen, daß in Isaak Vossius ein hervorragendes Talent durch Charakterschwäche, Eigenliebe und Mangel an Selbstbeherrschung an seiner vollen und wahrhaft befriedigenden Ausgestaltung gehemmt und behindert worden ist.

Vgl. besonders Jöcher, Gelehrtenlexikon, IV, 1710 f. – Chauffepié, Nouveau Dictionnaire historique et critique, IV, 614–631. – Io. Guil. de Crane, Oratio de Vossiorum Iuniorumque familia. Gronigae 1821. 4°. – van der Aa, Biogr. Woordenboek, s. v., wo auch ein Schriftenverzeichniß sich findet. – Bouman, Geschiedenis van de vormalige Geldersche Hoogeschool, I, 177-180. – Lucian Müller, Gesch. der klass. Philologie in den Niederlanden, S. 47.