ADB:Westphal, Karl

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Westphal, Karl“ von Georg Korn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 204–205, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Westphal,_Karl&oldid=- (Version vom 21. Mai 2019, 11:30 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Westphal, Rudolf
Band 42 (1897), S. 204–205 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Carl Westphal (Psychiater) in der Wikipedia
GND-Nummer 119279789
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|42|204|205|Westphal, Karl|Georg Korn|ADB:Westphal, Karl}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=119279789}}    

Westphal: Karl Friedrich Otto W., Arzt, wurde als Sohn eines angesehenen Arztes in Berlin am 23. März 1833 geboren, sein Onkel war der bekannte ärztliche Leiter der Charité W. v. Horn. Er genoß in seiner Heimathstadt eine sorgfältige Erziehung, die in einem innigen Familienleben ihre harmonische Ergänzung fand. Im Herbst 1851 bezog er die Universität Berlin, um Medicin zu studiren; im nächsten Semester setzte er das Studium in Heidelberg fort, das er bereits im Winter 1852 mit Zürich vertauschte. Hier schloß er sich namentlich an den Physiologen Karl Ludwig an, zu dessen Lieblingsschülern er gehörte und in dessen Laboratorium seine spätere Dissertation „De aquae secretione per renes“ ihre experimentelle Grundlage fand. Zu seinen Züricher Freunden zählten Adolf Fick, Paul Dubois Reymond, die Brüder Lothar und Oskar Meyer. Nach Berlin zurückgekehrt, promovirte er Ostern 1855 und bestand ein Jahr später die ärztliche Staatsprüfung; Lehrer wie Johannes Müller, Schönlein, Romberg, Traube, Langenbeck, Busch, v. Bärensprung hatten hier seine Ausbildung gefördert. Nachdem er noch Wien und Paris besucht hatte, wurde er 1858 Civilassistent an der Pockenabtheilung der Berliner Charité. Aeußere Verhältnisse, der Abgang des Assistenten Ludwig Meyer, der dem befreundeten W. zuredete, veranlaßten ihn bald darauf eine Assistenzarztstelle an der von Ideler geleiteten Abtheilung für Geisteskranke an der Charité zu übernehmen, die fortan die Stätte seiner Forscherthätigkeit sein sollte. Der erste Eindruck, den er beim Eintritt in die psychiatrische Laufbahn empfing, war der des Widerwillens; die damalige Zwangsbehandlung der Irren und der Aberglaube und die verkehrten Auffassungen jener Zeit stießen ihn ab. Erst Ideler’s Nachfolger Griesinger schuf hier von Grund aus Wandel. 1861 habilitirte sich W. und erhielt ein Auditorium für psychiatrische Vorlesungen mit der Erlaubniß, einzelne Kranke vorzustellen. Nachdem er 1867–68, durch Mißhelligkeiten veranlaßt, sich vorübergehend der inneren Medicin zugewandt und Curse der klinischen Untersuchungsmethode abgehalten hatte, wurde er nach dem Tode Griesinger’s dessen Nachfolger und wurde 1869 zum außerordentlichen Professor ernannt; der erste Lehrstuhl für Geistes- und Nervenkrankheiten an einer preußischen Universität ward ihm damit zu eigen. 1871 erhielt er auch eine Poliklinik für Nervenkrankheiten, 1874 die ordentliche Professur und die Berufung in die wissenschaftliche Deputation für das Medicinalwesen. Ein schleichendes schweres Nervenleiden entriß ihn am 27. Januar 1890 seiner Wirksamkeit. – Karl Westphal’s Verdienste um die Nerven- und Irrenheilkunde beruhen auf seiner wissenschaftlich exacten Forschungsmethode, die sich, frei von Speculation und Hypothese, lediglich an die sorgsam erforschten anatomischen, physiologischen und pathologischen Thatsachen hielt. Auf diesem Wege konnte er nachweisen, daß die progressive Paralyse keine bloße Gehirnerkrankung sei und weiter das klinische Bild dieser verheerenden Krankheit neugestalten; für die Diagnostik hochwichtig wurde das sog. Westphal’sche Kniephänomen, der Nachweis, daß bei bestimmten Rückenmarkskrankheiten durch Klopfen auf gewisse Sehnen der Schenkel und des Fußes bestimmte Bewegungserscheinungen ausgelöst werden; er beleuchtete zum ersten Male gründlich Erscheinungen wie die Zwangsvorstellungen, die Platzfurcht (Agoraphobie), die conträre Sexualempfindung und gestaltete auch sonst vielfach die Lehre von den Geistes- und Nervenkrankheiten durch seine [205] Forschungen um. Seine „Gesammelten Abhandlungen“ gab sein Sohn Dr. A. W. 1892 heraus; sie füllen zwei stattliche Bände. Als Lehrer übte W. durch Klarheit und kritische Schärfe und seine Gewissenhaftigkeit und Humanität den Kranken gegenüber, als Verfechter aller Fortschritte der Krankenpflege einen tiefgehenden Einfluß; er wurde neben v. Gudden der Gründer einer psychiatrischen Schule, der eine Reihe von Universitätslehrern und Leitern von Irrenanstalten angehören.

C. Moeli, Zur Erinnerung an Karl Westphal. Berlin 1890. – Siemerling, Nekrolog im Archiv f. Psychiatrie (das K. Westphal längere Zeit herausgab), 1890.