ADB:Wohl, Jeanette

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Artikel „Wohl, Jeanette“ von Gottlieb Schnapper-Arndt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 707–709, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wohl,_Jeanette&oldid=- (Version vom 19. Juni 2019, 09:31 Uhr UTC)
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Wohl: Jeannette Straus-W., die langjährige vertraute Freundin und Correspondentin Ludwig Börne’s, wurde am 16. October 1783 zu Frankfurt a. M. geboren. 22 Jahre alt ging sie mit einem Herrn L. Otten eine bald wieder gelöste Ehe ein; was über die näheren Umstände der Scheidung verlautet hat, ist für Jeannette W. nicht anders als ehrenvoll. Ludwig Börne hat Jeannette W. im J. 1816 kennen gelernt; nahezu während seiner ganzen litterarischen Laufbahn befand sich der berühmte Publicist unter dem Einfluß des damals angeknüpften Seelenbundes. Sind zwar die Gedanken, wie sie uns in Börne’s Schriften vorliegen, immer des Schriftstellers Eigenthum, so ist es doch oft genug Jeannette gewesen, die ihm sich voll austönen zu lassen, den Impuls gegeben. Lebte Börne mit ihr am gleichen Orte, so las er ihr alles vor, was er schrieb; [708] lebten die Freunde getrennt, so sind Jeannettens Briefe voll von Anspornungen; ist doch das Object derselben wesentlich ein einziges – Börne: seine Stellung, seine Gesundheit, seine Beschäftigung. Sie ist Börne’s Gedächtniß und sein litterarisches Gewissen. Besonderen Dank sind ihr die Litteratur- wie die Freiheitsfreunde dafür schuldig, daß sie zu den Pariser Briefen die Anregung gegeben hat. Erst auf ihr Drängen nämlich benutzte Börne jene durchaus nicht im Hinblick auf eine Veröffentlichung begonnene Correspondenz, um unter der Eingebung des Moments die Gedanken und Empfindungen in ihr niederzulegen, welche ihn in jener bedeutungsvollen Zeit bewegten. Ganz im Geheimen excerpirte Jeannette W. mit einigen Vertrauten aus den Briefen das Geeignete, damit es Börne zur Herausgabe vorgelegt werde.

Jeannettens Erscheinung wird übereinstimmend als eine angenehme geschildert, ihre Redeweise soll eine distinguirte gewesen sein. Viele der in der Cultur- und Litteraturgeschichte berühmten Frauen sind durch schärferes wie originelleres Denken hervorgetreten: an Herzensgüte, Selbstlosigkeit und warmer Theilnahme für alles Edle in Kunst und Leben dürfte sie von keiner übertroffen worden sein. So hat sie es auch stets verstanden, einen auserlesenen Kreis von Freunden an sich zu fesseln. Dabei war ihr jede Sucht zu glänzen gänzlich fremd; auch mit ihren ungezwungenen, zuweilen auch wol neckisch hingeschriebenen Briefen hat sie litterarische Produkte niemals schaffen wollen; ja es kann sie förmlich beunruhigen, wenn Börne ihre Schreibweise lobt.

Wie kam es, daß jenes seltene Seelenbündniß nicht zur Ehe führte? Eine vollständige und sichere Lösung wird diese Frage nicht leicht erfahren. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Börne zunächst Jeannetten von heftigeren Gefühlen als von denen der Freundschaft beseelt, genaht war, daß er jedoch einer ablehnenden Haltung begegnete und daß sich alsdann eine Art Anbetung in ihm herausbildete, welche auch die leibliche Erscheinung des angebeteten Gegenstandes soweit umfaßt, als er Spiegel der Seele ist. Es scheint fast, als ob namentlich Jeannette eine schwer besiegbare Zaghaftigkeit besessen habe an der Natur des Bündnisses, sowie es einmal war, etwas zu ändern. Aeußere Hindernisse machten sich überdies geltend: Börne’s häufige Krankheiten, ferner die Verschiedenheit der Confession (Jeannettens Mutter war orthodox jüdisch). Am nächsten dürfte die Eventualität einer Heirath zwischen Börne und J. Wohl im J. 1828 gelegen haben; nachmals jedoch sinnt Börne nur noch darauf, die Freundin glücklich zu wissen, sei es auch mit einem andern Gatten. Am 7. October 1832 vermählte sich Jeannette W. mit Salomon Straus aus Frankfurt a. M., einem begeisterten Freiheitsfreunde, von festem Charakter und zugleich liebenswürdigem, heiterm Naturell. In dem Entschlusse, Börne trotz ihrer Verheirathung niemals zu verlassen, war Jeannette W. darum doch keinen Augenblick wankend geworden, wie sie das mit erschütternder Gewalt in ihrem Briefwechsel mit Straus ausspricht. Könne man die Art der Anhänglichkeit, die sie für Börne hege, jemals verlieren, äußerte sie, gewinne er durch ihre Verheirathung mit Straus nicht einen treuen, guten Menschen dazu? Die wenigen Jahre, die Börne bis zu seinem Tode im Heim der Freunde verlebte (in Paris und Auteuil), mögen wol die behaglichsten im Leben des Kämpfers gewesen sein. Auch Börne’s Feinde wagten es nicht, die Reinheit dieses Verhältnisses anzugreifen. Nur Heinrich Heine ließ sich aus gekränkter Eitelkeit nach Börne’s Tode in seinem Buche „Heine über Börne“ zu nachmals von ihm bereuten und zurückgenommenen Aeußerungen hinreißen; ein Pistolenduell zwischen ihm und Straus war die Folge derselben. Jeannette W. wurde von Börne zur Erbin seiner sämmtlichen litterarischen Eigenthumsrechte eingesetzt. Unterstützt durch ihren Gatten, übernahm sie die Herausgabe des Nachlasses (6 Bde. bei Bassermann, Mannheim). Sie stiftete [709] mit ihrem Manne einen Fonds zu Ehren Börne’s, das Andenken des Heimgegangenen bis zu ihrem Tode mit der rührendsten Pietät pflegend. Jeannette Straus-W. starb zu Paris am 27. November 1861. Ihr Grab befindet sich auf dem Père la Chaise.

Vgl. G. Schnapper-Arndt, Jeannette Straus-Wohl und ihre Beziehungen zu Börne in Westermann’s illustr. Monatsheften (1887, S. 46 ff.).