ADB:Wurm, Christian

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Artikel „Wurm, Christian“ von Erich Petzet in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 55 (1910), S. 396–399, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wurm,_Christian&oldid=- (Version vom 25. Mai 2019, 11:50 Uhr UTC)
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Wurm *): Christian Friedrich Ludwig W., Germanist, geboren am 27. Mai 1801 zu Heuberg in Mittelfranken, † am 12. October 1861 zu München. W. studirte classische Philologie und erweckte früh die Aufmerksamkeit von Friedrich Thiersch, der ihm Zeit seines Lebens sein Wohlwollen bewahrte. [397] Schon im J. 1823 wurde W. zum Oberprogymnasiallehrer in Augsburg und 1824 zum Gymnasialprofessor in Nürnberg ernannt. Von seinen gediegenen philologischen Studien geben sein „Commentarius in Dinarchi orationes tres“ (1838) und mehrere Gymnasialprogramme Zeugniß (Commentatio de Livii loco lib. I, c. 46 [1828]; Loci scriptorum Germanicorum in linguam Latinam conversi [1835]). Lebendiger aber als die Antike zog den deutsch gesinnten und warm fühlenden Mann die deutsche Sprache und Litteratur an. Besonders versenkte er sich in Goethe’s Werke und schrieb zum west-östlichen Divan den ersten umfassenden Commentar (Nürnberg 1834), wie denn auch in seinen eigenen „Gedichten“ (Nürnberg 1836) eine Gruppe „Morgenländisches“ noch von dieser Beschäftigung zeugt. Gegen Albert Knapp, den Herausgeber der Christoterpe, und sein engherziges Gedicht „Auf Goethes Hingang“ richtete W. seine streitbaren „Stanzen auf Stanzen“ (Nürnberg 1835), in denen freilich alle Poesie in der rhetorischen Polemik verloren geht. Ueberhaupt ist rein künstlerisches Schaffen nicht Wurm’s Sache. Seine Gedichte – im J. 1848 erschienen noch „Freiheitsgrüße“ von ihm – sind gesinnungstüchtig und verständig, dabei gerne polemisch oder satirisch. Klare Gestaltung in epischer Erzählung aber gelingt ihm ebenso wenig wie eine zarte lyrische Aussprache, und auch sein dramatischer Versuch am Nibelungenstoff, „Siegfrieds Tod“ (Erlangen 1839), vermag nur das Urtheil zu bestätigen, daß ihm wirkliche dichterische Begabung versagt war. Doch offenbart sich in diesen seinen Bemühungen sein lebendiges Verhältniß zur deutschen Sprache und Litteratur, denen er in den geltenden Lehrplänen und Schulordnungen nicht die gebührende Stellung eingeräumt fand, und denen er einen angemessenen Platz im Schulbetrieb erkämpfen wollte.

Seine „Dissertatio pro patria lingua“ (1837) kündigte diese Ideen an; weitere Programme als „Beiträge zur Begründung einer deutschen Philologie“ (1840/41 und 1844/45) und „über die Wichtigkeit der Analogie in der Etymologie“ (1847/48) folgten. Einer Reform des Gymsasialschulwesens im Sinne einer nationalen Bildung suchte er aber vor allem in zwei Schriften Bahn zu brechen: „Ueber Latein auf Gymnasien“ (Erlangen 1838) und „Die deutsche Sprache an der gelehrten Schule mit besonderer Rücksicht auf die revidirte Schulordnung in Bayern“ (Freiburg i. B. 1856). Hier trat er mit einer kampfesfreudigen Schärfe und Kritik, die ihm bei seinen vorgesetzten Behörden und in Philologenkreisen wenig Beliebtheit erwerben konnte, dafür ein, daß die Aufgabe des Lateinunterrichts nicht wie bisher in der formalen Aneignung einer – doch immer unvollkommenen – lateinischen Stilistik, sondern in der Lektüre und der Auffassung des ideellen und materiellen Inhalts der alten Schriftsteller und Dichter zu suchen sei. Die Grundursache der ungenügenden Leistungen der gelehrten Schulen im Deutschen aber erblickt er „in dem völligen Mangel einer deutschen Vorbildung zu dem gelehrten Lehrfache“, und von hier aus leitet er alle seine weiteren Forderungen für Vorbildung und Lehrbetrieb ab. Seinen Unterricht erfüllte er, diesen Anschauungen folgend, mit einer Wärme und Lebendigkeit, die frei von aller Pedanterie nicht bloß Kenntnisse zu vermitteln, sondern den Charakter zu bilden und einen hohen Idealismus zu gewinnen wußte. So fand er auch in Hof an der Saale, wohin er im J. 1835 versetzt wurde, dankbare und begeisterte Schüler, umsomehr, als er die begabteren gerne auch außerhalb der Schule zu poetischen Versuchen ermuthigte und auch in seine publicistischen Arbeiten Einblick gewinnen ließ.

Als charaktervoller Mann nahm er am öffentlichen Leben regen Antheil. Er wurde der Hauptmitarbeiter des „Hofer Anzeiger für Stadt und Land“ [398] und gab sich der Bewegung der vierziger Jahre mit nationaler Begeisterung hin, verhehlte übrigens dabei seine Abneigung gegen demokratische Auswüchse nicht. Trotzdem schritt gegen W. – während sein ähnlich denkender, doch ruhigerer College Gebhardt ins Frankfurter Parlament gewählt wurde – die Regierung ein. Im Juni 1849 an die Studienanstalt zu St. Anna in Augsburg versetzt, wurde er im Juli vom Antritt dieser Stelle entbunden und in Untersuchung gezogen, die ihn längere Zeit im Gefängnisse festhielt. Zwar kam es nicht zur Verurtheilung, doch wurde er in den zeitlichen Ruhestand versetzt, aus dem er nicht wieder zum Dienste zurückberufen wurde. Er siedelte nach München über und wandte sich nun ganz den deutschen Studien zu, denen sein Herz schon lange gehörte.

Allein auch hier setzte er sich mit kampfesfroher Ueberzeugungstreue in so schroffen Gegensatz zu den wichtigsten Vertretern seiner Wissenschaft, daß die Wirkung seiner eigenen positiven Leistungen dadurch schweren Schaden erlitt. In den „Münchener Gelehrten Anzeigen“ der Akademie der Wissenschaften und dann als Sonderdruck veröffentlichte er im Jahre 1852 eine Recension „Zur Beurtheilung des deutschen Wörterbuches von Jacob und Wilhelm Grimm“, die unter Beibringung zahlreicher Berichtigungen und Beanstandungen im einzelnen darauf hinaus lief, „daß das deutsche Wörterbuch der Herren Grimm nach der bisher inne gehaltenen Richtung nicht als ein Nationalwörterbuch, sondern als ein reicher, wiewohl mit Vorsicht zu benutzender Sprachschatz für Sprachgelehrte zu betrachten sei.“ Es ist gewiß, daß er mit Scharfblick unleugbare Schwächen schon in den Anfängen erkannt hat, an denen das gewaltige Werk auch in seiner Fortführung dauernd zu leiden hat, und auch die Beiträge Wurm’s zu Einzelheiten sind nicht zu unterschätzen. Ebenso gewiß aber spricht sich hier eine so schwere Verkennung des Wesens und der Verdienste der Altmeister der Germanistik aus, daß es begreiflich erscheint, wenn diese sich nicht mehr sachlich angegriffen, sondern persönlich gekränkt und verunglimpft fühlten. Freilich ein „Pamphlet“, wie Jacob Grimm es bezeichnete, ist die gehaltreiche Arbeit Wurm’s auch in ihren übelsten Theilen nicht; doch die Angegriffenen empfunden sie so und verlangten von der Münchener Akademie eine öffentliche Erklärung, daß sie jede Gemeinschaft mit dieser Recension ablehne, widrigenfalls sie ihre Mitgliedschaft niederlegen würden. Thiersch, der in den kritischen Monaten in Griechenland gewesen war, vermochte sich dieser Forderung nicht zu entziehen und erließ, wenn auch in möglichst schonender Form die gewünschte Erklärung („Gelehrte Anzeigen“ 1853 Nr. 21), und so sah sich W. in seinem weiteren Kampfe ganz auf sich selbst gestellt. Er erwiderte noch mit einer „Beleuchtung der Anzeige der 5. Lieferung des deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm“ (München 1853), die an Schärfe der öffentlichen Abwehr Jacob Grimm’s nichts nachgab. Dann aber sammelte er seine Kräfte auf die Herstellung eines eigenen „Wörterbuchs der deutschen Sprache von der Druckerfindung bis zum heutigen Tage“, das er dem Grimm’schen entgegensetzen wollte. Allein obwohl er darin gerade dem praktischen Bedürfniß des Geschäftsmannes und des täglichen Lebens Rechnung zu tragen bemüht war, gelang es ihm nicht, genügend Abnehmer zu gewinnen, um das große Werk auch zu Ende zu führen. Nur die ersten 6 Lieferungen (960 Seiten, bis zu dem Artikel „Aushauer“ reichend) sind in den Jahren 1858/59 in Freiburg i. B. bei Herder erschienen; das übrige Manuscript, das schon bei Beginn des Drucks nur noch der letzten Ordnung bedurfte, und das ein Denkmal staunenswerther Thatkraft und Leistungsfähigkeit darstellt, ist nicht mehr zum Drucke gelangt und hat nur gelegentlich Benützung durch spätere Lexikographen [399] gefunden. Es wird unter den Handschriften der Hof- und Staatsbibliothek in München aufbewahrt. Hier befindet sich auch das unvollendete Manuscript seines Registers zu der großen Colmarer Meisterliederhandschrift. Dies war die letzte germanistische Arbeit Wurm’s, während deren ihn am 12. October 1861 der Tod ereilte. Auch hier, wo er im Begriffe stand, eine der wichtigsten Quellen des Meistergesangs zu erschließen, war es ihm also nicht vergönnt, bis ans Ziel zu gelangen.

So war dem Lebenden fast stets der Erfolg versagt, nicht ohne eigene Schuld, da seine Freude, andere und besonders die maßgebenden Persönlichkeiten seine kritische Ueberlegenheit fühlen zu lassen, seinem Auftreten oft einen allzu herausfordernden Anstrich gab, und die Kritik bei ihm doch stärker war als da schöpferische Vermögen. Versöhnen muß aber damit sein stets aufrechter und lauterer Charakter und die Ueberzeugungstreue, mit der er für das von ihm als recht Erkannte eintrat, wodurch er auf die ihm anvertraute Jugend lebendig, anregend und vorbildlich wirkte. Und auch sachlich sind seine Anschauungen im bairischen Gymnasialschulwesen, im lateinischen wie im deutschen Unterricht, immer mehr zur Geltung gelangt, und auch die Entwicklung des Grimm’schen Wörterbuchs hat einen gewichtigen Theil seiner Bedenken als berechtigt erwiesen. Die Geschichte der deutschen Litteratur kann seine Dichtungen als belanglos unbeachtet lassen, in der Geschichte der deutschen Philologie und in der Geschichte des bairischen Schulwesens verdient er nicht vergessen zu werden.

Vgl. Jos. Gutenäcker, Verzeichniß aller Programme und Gelegenheitsschriften, welche an den k. b. Lyceen, Gymnasien und lateinischen Schulen 1823/24 bis 1859/60 erschienen sind. Bamberg 1862, S. 138 f.

[396] *) Zu S. 131.